Kapitel 02 - Richter Nummer neun

  • Richter Nummer neun


    Ubbo Neda rief am Morgen seinen Vater Kuno auf magischem Wege.


    `Morgen Großer, was gibt’s?´, grüßte Kuno Ubbo.

    `Gute Nachrichten. Sitzt Du?´, kicherte Ubbo.
    `Ich liege noch im Bett. Leg los´, grinste Kuno.


    `Was sagt Dir der Rat der Zehn Paps?´, flötete Ubbo und spielte mit seinem Füller, während er an seinem neuen Schreibtisch im Chefbüro ganz oben im gewaltigen Neda-Komplex saß. Sein Vater hatte ihm vor kurzem den Vorsitz der Kanzlei überlassen und nun hatte er den Chefposten inne. Eine gewaltige Aufgabe, aber eine auf die er sich geflissentlich vorbereitet hatte. Trotzdem suchte er ab und an noch den Rat seines Vaters. Sein Vater war auf ganz Asamura als einer der härtesten Anwälte bekannt. Er hatte die Kanzlei aus dem Nichts erschaffen und nun war es an Ubbo, diese Tradition fortzuführen. Er hatte vor seinen Vater nicht zu enttäuschen und der Kanzlei zu noch mehr Ansehen und Geld zu verhelfen. Folglich auch seiner Familie.


    `Ist das jetzt ein Scherz?´, hakte Kuno gähnend nach.
    `Kein Scherz, antworte mir doch. Na los, komm schon´, bat Ubbo kichernd.


    `Na von mir aus. Der Rat der Zehn setzt sich aus den zehn mächtigsten Männern der Justiz zusammen. Sie repräsentieren die Rechtsprechung unseres Landes. Neun Richter, ein oberster Richter. Sie sprechen im Konsens gemeinsam Recht.


    Sollte es unter ihnen nicht zu einer einstimmigen Entscheidung kommen, hat Nummer eins – ergo der oberste Richter, die endgültige Entscheidung zu fällen. Er ist also die entscheidende Stimme.


    Mehr noch, er kann im Alleingang sogar eine Mehrheitsentscheidung der neun anderen Richter aufheben, wenn seiner Meinung nach dazu ein zwingender Grund vorliegt. Im Gegensatz zu den anderen Richtern ist er an keine höhere Instanz mehr gebunden. Er unterliegt nur dem Gesetz und seinem Gewissen. Folglich ist er der mächtigste Mann Naridiens.


    Sein Urteil ist unanfechtbar.


    Kapitalverbrechen werden vom Rat entschieden. Der Oberste Richter trifft mit seinem Urteil die endgültige Entscheidung bei Todesverurteilungen. Wie gesagt, an seinem Urteil ist nicht mehr zu rütteln, wenn er eine Person zum Tode verurteilt, wird sie nicht zurück in die Zelle geführt, sondern zur Hinrichtung.


    Der Rat setzt sich immer wieder unterschiedlich zusammen, eben wer zurzeit das Amt des jeweiligen Richters bekleidet. Bis jetzt hat noch kein Mitglied seinen Ruhestand durch Pension angetreten. Die meisten von ihnen „verunfallen“ oder treten vom Amt aus „persönlichen Gründen“ zurück.


    Der oberste Richter, Gabin Korpuuk, bildet da eine Ausnahme. Er ist der Dienstälteste Richter Naridiens. Der Kerl ist weit über 70 Jahre alt und bis jetzt hat es noch niemand geschafft, ihm seinen Posten streitig zu machen – auf welchem Weg auch immer.


    Ich hatte schon einige Mandanten vor dem Rat zu verteidigen. Das ist eine andere Hausnummer als die üblichen Verhandlungen. Um wen geht’s denn?´, fragte Kuno neugierig.


    `Um Dich Paps´, lachte Ubbo.


    `Ich wüsste nicht was ich verbrochen haben sollte, dass ich vor dem Rat lande, Kurzer´, prustete Kuno.
    `Du bist einer der besten und härtesten Juristen, und der Rat hat zurzeit nur noch neun Mann. Es wird eine neue Nummer neun gesucht, seit dem Richter Nummer fünf Souu Midaei seinen Wochenendausflug bis zur Unendlichkeit verlängert hat´, neckte Ubbo seinen Vater.


    `Der Rat sucht einen neuen Richter?´, hakte Kuno mit diabolischem Grinsen nach.
    `Genau. Wirf Dich in Deine beste Robe, Du hast Deinen Bewerbungstermin um 11.00 Uhr – Standardzeit´, antwortete Ubbo.

    `Moment langsam, ich habe was?´, fragte Kuno baff.


    `Einen Vorstellungstermin heute um 11.00 Uhr Papa! Denk doch mal nach, was das für unsere Kanzlei und auch für unsere Familie bedeutet! Kanzlei Neda, im Briefkopf Kuno Neda a.D. – jetzt neunter Richter des Rates der Zehn. Die Mandanten werden uns die Bude einrennen. Ich kann die Taler schon riechen. Das wäre gewaltiges Prestige für unsere Kanzlei und natürlich für mich. Es kann ja nur nützlich sein, wenn der eigene Vater im Rat sitzt. Du würdest doch nicht gegen Deine Familie entscheiden oder?´, säuselte Ubbo.

    `Prestige hin oder her, aber das hätte ich mir vorher schon gerne mal in Ruhe überlegt´, antwortete Kuno ernst.


    `Paps, in Ruhe überlegt heißt Du willst mit Juno quatschen. Sprich jetzt mit Juno. Du hast noch einige Stunden Zeit. Und wenn es Dir nicht gefällt, dann kannst Du immer noch absagen. Das gleiche werden die tun, wenn sie Dich nicht in ihrem Team haben wollen´, gab Ubbo zu bedenken.


    `Danke Kurzer. Juno ist auf Arbeit, hast Du mal auf die Uhr geguckt? Mein Hintergedanke ist der, dass ich schon gerne meinen Ruhestand genießen würde, anstatt mir Probleme zu machen mit denen ich vorher nichts zu tun hatte. Ein Anwalt hat höchstens den Staat als Gegner Ubbo, manchmal auch unglückliche Mandanten – alles geschenkt. Aber als Richter ist jede Person die vor Dich tritt Dein Gegner. Nach jeder Verurteilung musst Du über die Schulter schauen, ob da nicht rachsüchtige Familienangehörige lauern oder deren Schergen die beauftragt wurden. Oder ob dort nicht ein Eibenberg sitzt und der Duftspur unseres Geldes folgt. Vergiss Valerian Vasco von Hohenfelde, den dritten Richter Naridiens, nicht´, grübelte Kuno laut.


    `Wie Du nur auf sowas kommst, meinst Du jemand würde so einen Richter beeinflussen wollen? Oder ihn bedrohen? Dennoch überwiegen die Vorteile dieses Amtes´, warf Ubbo ein.
    `Weil Du den Job nicht machen musst, sondern nur die Vorteile erntest, ich verstehe dass schon…´, murrte Kuno.


    `Ich würde lügen, würde ich die Vorteile nicht nutzen wollen. Aber ich will sie zu unserem Vorteil nutzen Paps. Natürlich muss ich den Job nicht machen. Aber Du hast einen Leibwächter, Du wohnst in einer Festung. Und Dein Ruf als Rechtsanwalt ist der, dass Dir niemand mit klarem Verstand ans Bein pinkeln würde. Um es hart auszudrücken, Dich engagiert man um gegen den Wind zu pissen, damit durchzukommen und als strahlender Sieger oder armes Opfer gefeiert zu werden. Also wer würde Dich angreifen, wenn Du dann noch die gesamte Staatsmacht hinter Dir hast?´, hakte Ubbo nach.


    `Du weißt wer. Zudem Richter Nummer eins, zwei, drei... und so weiter wenn ich ihnen zu gefährlich werde. Oder meinst Du wenn ich den Job annehme, möchte ich als Nummer Neun versauern? Meine Ambitionen könnten dem einen oder anderen Mitglied des Rates dann sauer aufstoßen. Und Valerian ist genauso ein Hai wie ich. Aber eins nach dem anderen´, gab Kuno zurück.


    `Nun wenn Du schon eine Karriere im Rat planst, heißt das doch, dass Du Interesse an der Stelle hast´, grinste Ubbo.

    `Natürlich habe ich die, aber einen Schritt nach dem anderen´, lachte Kuno.


    `Du gehst also zum Termin´, fragte Ubbo.
    `Ja´, bestätigte Kuno freundlich.


    `Super. Dann kann ich Onkel Juno sagen, er kann die Argumente streichen. Ich hab Deinen Bruder bequatscht Paps, dass er Dich im Notfall bequatscht…´, gibbelte Ubbo.
    `Ach nä. Warum hast Du nicht noch Mama mit ins Boot geholt?´, grinste Kuno.


    `Wer sagt Dir dass ich das nicht getan habe? Naja wenn Du nicht gewollt hättest, wäre Juno einfach zu dem Termin erschienen. Ich hätte ihm dann heimlich vorgesagt per Knopf im Ohr, was er den dreisten Vieren da vor Ort antworten muss. Hat wirklich nur Vorteile, wenn der eigene Vater einen Zwillingsbruder hat´, kicherte Ubbo.


    `Böse Ubbo. Aber um ehrlich zu sein, habe ich den Trick auch schon gebracht. Ich war… unpässlich und habe Juno zu einer Verhandlung geschickt. Ich hab ihm einfach gesagt, was er auf die Fragen des Richters antworten soll. Und falls die Fragen zu fachlich werden, hatte Juno gesagt dann tritt er einfach vorne an den Richtertisch und bittet um eine Pause. Dann hätte er mich von Toilette aus gerufen. Wenn danach noch eine Fachfrage gestellt worden wäre, auf die er keine Antwort weiß, hätte er den Richter um Vertagung gebeten – Unpässlichkeit. Aber hat alles geklappt, von daher kannst Du Juno ruhig hinschicken, solange er den Schabernack mitmacht ist mir das Recht. Du solltest dann nur mich rechtzeitig informieren, zweimal sollte „ich“ dort nicht auftauchen, antwortete Kuno gelassen, was seinen Sohn am anderen Ende der Leitung losprusten ließ.


    `Ich stelle mir gerade die Gesichter vor, wenn Juno da um eine Pause gebeten hätte und keine zwei Minuten später kommst Du rein, und behauptest von allem was er sagte das Gegenteil und hast eine völlig andere Meinung´, lachte Ubbo.

    `Das könnte leicht für Verwirrung sorgen, aber lustig wäre es´, fiel Kuno in das Lachen von seinem Sohn ein.

    `Ganz meine Rede, wobei Ihr beiden eigentlich immer gleicher Meinung seid. Komm sag es, Du gehst dahin ja?´, bettelte Ubbo freundlich.


    `Mach ich´, stimmte Kuno gut gelaunt zu.
    `Na dann bin ich mal gespannt, was Du heute Abend zu berichten hast Paps´, sagte Ubbo.




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