Kapitel 04 - Das Bewerbungsgespräch

  • Das Bewerbungsgespräch



    Das Vorstellungsgespräch verlief ohne besondere Vorkommnisse. Kuno war pünktlich im obersten Gericht, und eine Stunde lang fragten ihn die vier obersten Richter aus. Neda stellte seine Fragen und man verabschiedete sich voneinander. Kaum dass er das Gerichtsgebäude verlassen hatte, erhielt er eine Nachricht auf sein Com.


    Der oberste Richter, Gabin Korpuuk, bat ihm um privates Vieraugen-Gespräch bei einem Mittagsessen und benannte ihm ein Restaurant. Kuno stutzte etwas, nahm die Einladung aber sofort an.


    Keine Stunde später saßen sich die beiden im Restaurant gegenüber. Gabin studierte noch die Karte, während Kuno darauf wartete darüber informiert zu werden, was ihm die Ehre dieser Privataudienz verschafft hatte.


    Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, musterte Gabin Kuno eine Weile schweigend, ehe er ihn anschmunzelte.


    „Verraten Sie mir, weshalb Sie sich wirklich um den Posten bemühen Herr Neda. Sie sind nicht dafür bekannt, sich für die rechtliche Seite, und damit meine ich die staatliche Seite, unserer Justiz zu interessieren“, eröffnete Korpuuk das Gespräch und nahm einen kleinen Bissen seines Essens.

    Kuno schmunzelte zurück.


    „Da verkennen Sie meine Einstellung ehrenwerter Richter Korpuuk. Natürlich interessiere ich mich für die staatliche Seite unserer Justiz“, antwortete Kuno freundlich.


    „Um sie für ihre Mandanten zu umgehen. Oder um das Recht so weit zu beugen, bis an seine Belastungsfähigkeit. Natürlich, kenne „Deinen Feind“. Aber sind Sie wirklich in der Lage, die Fronten zu wechseln?


    Keiner von uns zweifelt an Ihrer fachlichen Kompetenz, die steht eindeutig außer Frage. Ich zweifele eher an Ihrer Einstellung, an Ihrer Gesinnung. Wenn Sie den Posten des neunten Obersten Richters bekleiden sollten Herr Neda, dann repräsentieren Sie als Person die Staatsmacht Naridiens.


    Sie haben das Wohl unseres Volkes im Auge zu behalten. Sie haben mit Ihrer Arbeit den Naridiern zu dienen, indem sie die Gesellschaft beschützen. Ist Ihnen das bewusst?“, hakte Gabin nach und trank einen Schluck.


    „Vollumfänglich. Anstatt eines einzelnen Mandanten, ist das Volk der Naridier ab dato mein Mandant, den ich mit aller Härte zu verteidigen habe“, warf Kuno ein.


    „Hm… gute Sichtweise“, stimmte Gabin freundlich zu.
    „Gut jetzt mal eine Frage von meiner Seite aus Herr Korpuuk. Komme ich in die engere Wahl?“, hakte Kuno offen nach und gönnte sich ebenfalls einen Bissen.


    „So ziemlich“, schmunzelte Gabin.
    „Eine Antwort die eines Anwalts würdig ist…“, flötete Kuno und nahm einen großen Schluck von seinem Wein.


    „Die freundliche Umschreibung von verarsch mich nicht… oder?“, grinste Gabin.

    „DAS haben Sie gesagt“, grinste Kuno zurück.
    „Ich weiß, ich war dabei… folglich ist es aktenkundig“, schmunzelte Gabin.


    „Und? Bekomme ich eine Antwort auf meine Frage, oder nicht? Damit meine ich jetzt nicht, ob ich eine Zu- oder Absage meiner Bewerbung erhalte Herr Korpuuk. Davon gehe ich felsenfest aus. Ich meine ob ich von Ihnen jetzt und hier eine Antwort auf meine Frage erhalte. Also?“, fragte Kuno neugierig.
    „Natürlich bekommen Sie die. Die Antwort ist nicht mit einem einfach ja oder nein zu beantworten. Ich müsste etwas ausholen“, erklärte Gabin.

    „Nur zu, bitte“, bat Kuno.


    „Fachlich können wir uns keinen besseren Kandidaten als Sie wünschen. Sie haben enorme fachliche Kompetenz, sie haben lange Berufserfahrung, sie denken logisch, sie lassen sich nicht von Gefühlen manipulieren. Man nennt sie nicht umsonst scherzhaft den Hai, nicht wahr? All diese Punkte sprechen für Sie.

    Gegen Sie spricht, der letzte genannte Punkt – der des Hais. Wenn Sie Nummer neun der Obersten Gerichtsbarkeit werden, dann tun Sie aller Wahrscheinlichkeit nach was?

    Sie versuchen das Haifischbecken auszudünnen. Und DAS passt Nummer zwei und vier überhaupt nicht. Meine Kollegen zwei und vier bevorzugen einen sanfteren Charakter als Ihren Herr Neda“, antwortete Gabin.


    "Aha, Nummer vier, zwei halten mich charakterlich für einen unpassenden Kandidaten. Was sagen Nummer drei und vor allem Nummer eins zu dem Thema?", fragte Kuno.

    "Nummer drei und eins konnten Schlappschwänze noch nie ausstehen. Papiertiger gibt es in unserer Gesellschaft genug. Drei hält Sie für die beste Wahl die wir treffen könnten und das gibt Nummer eins zu denken. Andererseits hat Drei damit ins Schwarze getroffen", gab Gabin zurück.


    Kuno musterte nun Gabin seinerseits ausgiebig.


    "Anstatt mir das persönlich zu sagen, hätten Sie das auch Ihren Kollegen sagen können. Das haben Sie vermutlich noch nicht. Was möchten Sie von mir? Eine Gefälligkeit auf Gegenseitigkeit? Vor oder nach Amtsantritt?", hakte Kuno nach.

    "Genau", stimmte Gabin zu und schmunzelte.


    "Genau was? Wir können nur ins Geschäft kommen, wenn ich die Bedingungen kenne Euer Ehren", lächelte Kuno.

    "Verständlich. Die Bedingung ist einfach wie logisch, wir beide bilden eine Seilschaft. Ich unterstütze Ihre Pläne und viel wichtiger noch, Sie meine", flüsterte Gabin.


    "Verstehe. Sie möchten mich anleinen, damit für Sie von vornherein jede Gefahr ausgeschlossen ist. Das könnte ich glatt als Kompliment sehen. Was wenn ich ablehne?", antwortete Kuno genauso leise.


    "Dann mein Lieber, haben Sie ein Problem...", gab Gabin liebenswürdig zurück.

    "Und mit Problem meinen Sie...?", raunte Kuno ernst.


    "Welche Probleme erwarten Sie denn, wenn Sie den mächtigsten Mann Ihrer Welt verärgern und vor den Kopf stoßen? Das ich Sie von meiner Geburtstagsliste streiche und Sie kein Kärtchen bekommen? Ich mag es nicht verprellt zu werden. Vor allem nicht, wenn ich jemanden dermaßen entgegenkomme", flüsterte Gabin leichthin.

    "Völlig selbstlos entgegenkomme - meinten Sie sicher. Ich lasse mich nicht gerne erpressen", zischte Kuno kaum hörbar.


    "So selbstlos wie Sie Herr Neda. Wenn Sie nicht von Ihrem Besten überzeugt werden wollen, hätten Sie meine Einladung ausschlagen müssen. Das haben Sie nicht", gab Gabin zu bedenken.

    "Und hätte ich Ihre Einladung abgelehnt, dann hätte ich natürlich auch ein Problem, weil Sie allergisch auf das Wort NEIN reagieren", sagte Kuno.


    "Das stimmt", pflichtete Gabin bei.

    "Dann ist es doch gleich was ich sage. Sie bekommen Ihren Willen oder ich Probleme", murrte Kuno.


    "Verklagen Sie mich doch", grinste Gabin.

    "Witzig. Nennen Sie mir Ihre Bedingungen", antwortete Kuno.


    "Wie gesagt, wir beide schließen uns zusammen, das ist meine Bedingung. Sie haben einen Partner nicht wahr? Was spricht gegen eine Heirat?", fragte Gabin offen.


    "Langsam! Ich habe eine Ehefrau, zwei Partnerinnen und einen Partner. Und ich liebe alle vier. Wenn ich der Forderung zustimme, dann sind Sie - ehrenwerte Nummer Eins, meine Nummer fünf. Wie ich Ihre Nummer neun vor Gericht bin.

    Soweit so gut, ganz ehrlich haben wir beide dadurch gewaltige Vorteile. Und nicht nur ich, sondern auch meine Familie, meine Kinder. Aber ich kann das nicht alleine entscheiden.


    Ich muss das mit meiner Ehefrau besprechen und die Meinungen von meinen anderen Partnern zählen ebenso. Ich schlage vor, Sie besuchen uns für ein Wochenende und wir schauen wie es mit uns läuft.


    Es wäre eine arrangiert. Vertraglich wären wir Ehepartner? Sie wären mein Ehemann? Haben Sie vor alles zu teilen? Ich meine Tisch und Bett? Oder reicht Ihnen eine Ehe auf dem Papier?", fragte Kuno.


    "Nun für diesen Posten sollten Sie bereit sein mehr zu opfern und ich bin garantiert nicht Ihr fünfter Partner. Folgender Vorschlag, Sie kündigen den anderen Verträge und lassen sich von Ihrer Ehefrau scheiden.


    Ich heirate Sie als meinen Eheman und Ihnen zu Liebe gestatte ich Ihnen die Frauen. Auf Ihren Partner müssen Sie verzichten. Für ihn haben wir keinen Platz", antwortete Gabin.


    Kuno musterte Gabin ernst.


    "Herr Korpuuk... mehr opfern? Das Lob von Nummer Drei könnte ich auch als Drohung auffassen. Sein Werdegang ist meinem nicht unähnlich. Euer Ehren ich... ich...", setzte Kuno an und wusste zum ersten Mal sein Jahren nicht was er nun sagen sollte.


    "Gabin", grinste dieser.

    "Gabin, das kann ich nicht machen. Hör zu, ich weiß nicht warum Du so eine Bedingung stellst, aber das geht nicht. Allein schon aus dem Grund, weil meine Ehefrau und meine Partner durch mich mitversorgt sind.


    Lasse ich mich scheiden und trenne mich, von was sollen meine Frau und Partnerinnen leben? Oder mein Partner? Was ist später mit dem Vermögen, dass meinen Kindern zusteht? Alles Dinge die ich mit so einer Vereinbarung in den Boden stampfen würde. Es ist unfair so etwas von mir zu verlangen. Ich kann nicht gegen meine Familie entscheiden. Und ich habe nicht vor Hoan aufzugeben. Weder ihn, noch sonst jemanden. Überdenke Deine Forderung... bitte", bat Kuno.


    Gabin hörte Kuno aufmerksam zu und nickte dann knapp.


    "Du bittest mich?", fragte Gabin baff.

    "Ja, ich bitte Dich inständig Deine Forderung zu überdenken", bestätigte Kuno.


    "In Ordnung. Ich habe einst vor langer Zeit ebenfalls aus Liebe geheiratet. Vor sehr langer Zeit. Gut versuchen wir einen Besuch für ein Wochenende, warum nicht. Vergiss die Forderung", sinnierte Gabin.

    "Warum dann zuerst die Forderung Gabin? Selbst wenn es zwischen uns passt, wir zusammenfinden und wir vor Gericht ein Team sind, es ist gleich ob Du meine Nummer eins oder fünf bist. Du kannst meine Partner fragen. Ich behandele alle meine Lieben gut. Und auch wenn uns dann zwar keine Liebe verbindet, sollte es wenigstens Zuneigung und Respekt sein. Findest Du nicht auch?", flüsterte Kuno.


    "Vielleicht bin ich manchmal nur ein verbitterter alter Mann seitdem ich alleine bin. Ich bin 88 Jahre alt Kuno und davon war ich 70 Jahre lang glücklich verheiratet. Wann lange bist Du mit Deiner Ehefrau verheiratet?", fragte Gabin freundlich.


    Jetzt war es Kuno der baff war. Mit so einem Geständnis hatte er nicht gerechnet. Aber Neda war auch erleichtert und erfreut in welche Richtung das Gespräch umgeschlagen hatte.


    "Meine Ehefrau und mich trennen nur 4 Jahre. Meine Eltern und die meisten meiner nahen Verwandten sind damals bei einem Airo-Absturz ums Leben gekommen. Ich bin bei meinem Onkel Bitu aufgewachsen. Er war der jüngste Bruder von meinem Vater. Mit vier bin ich bei ihm eingezogen.


    Er war selbst noch ein ziemlich junger Kerl. Also dass er sich nicht so kümmerte, kann ich irgendwie verstehen. Er hat mich versorgt, er hat sich sogar bemüht, aber irgendwie hat es nicht so zwischen uns geklappt. Es gab keine Herzenswärme zwischen uns. Ich war da und er sah es als seine Pflicht an mich großzuziehen.


    Als ich 16 Jahre alt wurde, bekam ich das Erbe meines Vaters ausgezahlt. Ich habe meinen Onkel Bitu gebeten, dass ich ausziehen darf. Er hatte sich etwas gesträubt, er sagte mir, dass ich erst mit 21 Jahren volljährig wäre und dass er sich das gut überlegen würde.


    Da hatten wir das erste Mal ein Gespräch wie er sich damals gefühlt hat, als fast alle unserer Familie umgekommen sind und wie schwer es für ihn war sich allein um mich zu kümmern. Er hatte als junger Kerl alles aufgegeben, was man sonst halt gerne so macht. Er musste und wollte für mich da sein. Irgendwie haben wir uns an dem Tag richtig gut verstanden.


    Wir haben uns ausgesprochen, ich sagte ihm was ich vermisst habe und er war ebenfalls auf voller Linie ehrlich. Ich sagte ihm, dass ich schon ein Apartment gefunden habe. Das wollte ich gerne kaufen.


    Es war in einem dieser Supertürme. Du kennst sie. Wo Du nur mit Karte reinkommst und nur zu Deiner Etage oder den Einkaufsetagen fahren kannst. Unten sitzt Sicherheitspersonal, Du musst Dich also nicht fürchten. Er hat mir erlaubt auszuziehen.


    Und so bin ich in mein erstes eigenes Apartment gezogen. Es war winzig klein. Wohnzimmer und Schlafzimmer in einem. Du bist reingekommen, da war der kleine Flur. Du bist zur Küche gerade aus durchgegangen. Von der Küche aus, ging es auf den kleinen Balkon. Links neben der Küche war das Wohn- und Schlafzimmer. Dahinter Bad und WC.


    Die erste Zeit bin ich abends öfter weggegangen und habe zig Leute kennengelernt. Mit 20 Jahren habe ich Mila kennengelernt. Zuerst hat sie nur oft bei mir übernachtet, später ist sie bei mir eingezogen. Mit 21 Jahren habe ich Mila geheiratet. Also ich weiß was es heißt jemanden zu lieben und ich weiß was es bedeutet mit jemanden eine Ewigkeit alles zu teilen. Nicht nur mit Mila", erzählte Kuno freundlich.


    Beide tranken einen Schluck Wein.


    "Dein Mann ist... Du bist Witwer?", fragte Kuno vorsichtig. Er wollte Gabin nicht verletzen, wo dieser gerade gesprächig und freundlich wurde.
    "Ja", antwortete Korpuuk knapp. Aber so wie er das Wort sagte, war klar herauszuhören wie sehr ihm das zu schaffen machte.


    "Wie hieß Dein Mann? Und was war er von Beruf? Wenn Du es mir erzählen möchtest", sagte Kuno freundschaftlich.

    "Er hieß Edson, kurz Eddy. Er war Staatsanwalt. Wir haben uns auf der Uni kennengelernt. Wir waren gleich alt. Vielleicht kannst Du es jetzt etwas nachvollziehen, aber warte mal ein paar Jahrzehnte ab. Dann wirst Du verstehen wie tief eine Liebe sein kann.


    Wir haben uns ohne Worte verstanden. Meist haben wir zeitgleich das selbe gedacht. Wenn wir irgendwas zusammen gekocht haben, musste ich ihn nicht nach einer Zutat fragen. Ich wollte ihn danach fragen, da hat er es mir schon gereicht. Man kennt den anderen so gut, als wäre er Du selbst. Das klingt verrückt, mag sein. Aber so war es zwischen uns. Nunja ich will Dich damit nicht langweilen oder mich bei Dir ausheulen. Wann wollen wir uns treffen?", fragte Gabin.


    "Du langweilst mich nicht, ich habe Dich danach gefragt. Und wenn Du Dich ausheulen willst, wir kennen uns jetzt nur einige Stunden privat, aber ich höre Dir zu wenn Du Dich aussprechen willst. Und ganz nebenbei, ich weiß ganz genau wie es ist, wenn man zu zweit eine Person ist. Du warst mit ihm eine Person die an zwei Orten sein kann, stimmts?", fragte Kuno mit freundlichem Schmunzeln.


    "Stimmt. Woher weißt Du das? Ist es so bei Dir und Mila? Oder Deinem Partner?", fragte Gabin neugierig.

    "Weißt Du was? Darauf antworte ich jetzt nicht. DAS zeige ich Dir einfach, wenn Du bei uns zu Besuch bist. Zudem, wenn Du Dich so einsam fühlst, dann ist eine Großfamilie nicht schlecht. Wann möchtest Du zu Besuch kommen? Ich würde vorschlagen dieses Wochenende", schlug Kuno grinsend vor.


    "Einverstanden. Von diesem Freitag bis Sonntag?", hakte Gabin nach.

    "Gut. Dann bis morgen Abend um 20.00 Uhr", antwortete Kuno und reichte Gabin seine private Visitenkarte, "sei pünktlich".



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