Kapitel 06 - Valerian

  • Valerian


    Seine Wege waren die uralten Wege. Jenem Pfad der Finsternis, dem seine Familie seit Anbeginn der Zeit folgte. Wie weit der Pfad zurückreichte, konnte niemand sagen. Gleich welches Familienzeitalter man erforschte und welche Chroniken man zu Rate zog, der Pfad war so alt wie die Zeit selbst.


    Valerian saß in der Lounge seines Herrenhauses. So kostspielig wie die Umgebung war auch die Kleidung des drittmächtigsten Mannes Naridiens. Die Taler die allein sein maßgeschneiderter Anzug gekostet hatte, hätten eine vierköpfige Familie ein Jahr versorgt. Geld spielte keine Rolle, solange man es besaß.


    Das minimalistische Licht der Lounge hüllte Valerian in Schatten. Nicht dass er dies optisch nötig gehabt hätte. Hochgewachsen und mit erstklassiger Figur war er ein attraktiver und gepflegter Mann. Dass Wissen um seine Gabe, sein Geld, seine Macht, sein An- und Aussehen legten einen Nimbus der Unnahbarkeit auf den dritten Richter Naridiens.


    Eine Aura der Dunkelheit umgab ihn, die nichts mit den Lichtverhältnissen zu tun hatte.


    Während er auf einem exquisiten Designersessel saß und eine Rauchstange genoss für ein Durchschnittsarbeiter eine Woche schuften musste, quoll der Rauch zwischen seinen makellos weissen Zähnen hervor. Der Mann wirkte auf seinen Betrachter wie ein Fürst des Abgrunds auf seinem Thron. Und so ganz Unrecht hatte dieser damit nicht.


    Valerian nahm einen erneuten Zug und musterte seinen Besucher von der Seite.


    "Informationen... Alles was ich verlangt habe sind Bewilligungen", sagte Valerian. Seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern und dennoch in Watte gepackter Stahl.


    "Das Bauvorhaben NR48152/1079 wurde bereits zweimal abgelehnt. Soweit die Baubehörde", erklärte der junge Mann, als ihm der Richter das Wort abschnitt.


    "Sie langweilen mich mit Details. Woran sind die Bewilligungen gescheitert?", fragte er kalt.


    "Nun die Baupläne wiesen eindeutige Mängel in der Sicherheit auf und so wurde das Bau...", weiter kam der Mann nicht.


    Statt einer Erläuterung drangen nur noch keuchende, gurgelnde Laute aus seiner Kehle, ehe er zusammenbrach und zappelnd wie ein Fisch auf dem Land liegenblieb.


    Ein Mann trat aus dem Schatten hinter dem Sessel des Richters, legte ihm beide Hände auf die breiten Schultern und betrachtete den gefällten Burschen. Seine Lippen verzogen sich zu einem minimalen Schmunzeln, ehe er sich zu Valerian herabbeugte um ihn auf den Hals zu küssen. Vascos Reaktion war ein Blinzeln und ein weiterer Zug an seiner Rauchstange.


    "Was scheren Dich die Baupläne", raunte der Begleiter in Valerians Ohr, so dass sich dessen Lippen zu einem Grinsen kräuselten.


    "Ersetz die zuständigen Beamten. Hänge ihnen was an, ich hänge sie hin. Schaff Information ran. Der Bau muss noch diese Woche beginnen", verlangte von Hohenfelde.


    "Das wird er, verlass Dich auf mich", kam prompt die Erwiderung.


    Die nachtschwarzen Augen von Valerian bohrten sich in die seines Gegenübers. Eine Antwort gab es auf die Erwiderung nicht.



    ****