Drei Tage und drei Nächte

  • Drei Tage und drei Nächte



    Drei Tage und drei Nächte war es Brauch einen Meister der Brüder der Reinheit zu begleiten. Es galt die Gewissheit zu erlangen, ob man bereit und willens war einer der ihren zu werden. Drei mal drei, so hieß die Formel. Dreimal würde der Schüler um Aufnahme bitten. Zweimal würde er Ablehnung erfahren, sollte er sich als würdig erweisen. Beim dritten Mal würde er einen heiligen Bund eingehen, den nichts zu lösen vermochte.



    ****



    Der Prophezeite und der Vorbeter


    Die Tür zum Wohnzimmer glitt auf und Bruder Ignatio schritt hinein. Seine schwarze Panzerrobe schimmerte nicht nur matt als absorbiere sie sämtliches Licht im Raum, sondern ihr Saum rauschte und schlingerte über den Boden und erzeugte dabei einen unwirklichen messerscharfen Klang. Das Geräusch der Robe unterstrich den würdevollen Gang des hageren Vorbeters der Brüder der Reinheit, ebenso wie dessen scharf geschnittene Gesichtszüge.


    Die dunkle Robe ließ den Mann noch bleicher und unwirklicher aussehen, er schien fast von innen heraus zu leuchten. Es war das kalte, gefühlslose Licht der gnadenlosen Gerechtigkeit, dass dieser Mann durch sein Amt verkörperte.


    Die hochgeschlossene Robe verdeckte nicht vollständig die Narben die der Mann trug, selbst seine Kehle war von runden Brandmalen gezeichnet. Das Gesicht überirdisch bleich, fast kränklich grau bei näherem hinsehen und durch Asche gepudert.


    Respektvoll stand die Familie Bizier auf und verneigte sich vor ihrem Gast. Die einzige Ausnahme war Prince Ciel. Der Junge stand ebenfalls auf, allerdings um dem Vorbeter entgegenzukommen. Als er vor dem Bruder der Reinheit stand, schaute er zu diesem auf und legte eine Hand auf sein Herz. Nun war es Bruder Ignatio der sich ehrerbietig vor dem jungen Princen verneigte.


    "Ich grüße Dich Bruder Ignatio", sprach Ciel mit seiner kindlich hohen Stimme, einer Stimme die trotz allem noch tiefer war, als die der meisten Ungläubigen.

    "Prophezeiter ich grüße Euch ebenso. Es ist mir eine Ehre und Freude, dass Ihr Interesse an unserer Bruderschaft habt", gab Vorbeter Ignatio zurück.


    Ciel nickte bekräftigend.

    "Mein Mannie sagt, ich bin der Orden, deshalb muss ich jede Bruderschaft des Ordens kennen. Was machen wir Ignatio? Wohin begleite ich Dich?", fragte Ciel neugierig.

    "Euer Mannie spricht wahr und klug. Ihr werdet uns drei Tage und drei Nächte begleiten, so als würdet Ihr um die Aufnahme in unsere Bruderschaft bitten. Für Eure Sicherheit ist gesorgt, ich persönlich garantiere sie.

    Drei Tage und Nächte werdet Ihr an meiner Seite agieren, als wärt Ihr mein Schüler und ich Euer Vorbeter. Ziel unserer Ausbildung ist die Entwicklung des eigenen Geistes bis zur absoluten Vollkommenheit. Jedem Bluthexer wohnt diese Fähigkeit seit dem ersten Moment seiner Schöpfung inne. Ihr werdet Euch mit mir auf diese Reise begeben und sie später unter Anleitung oder alleine weiterführen.

    Da Ihr der Prophezeite seid, ist es Euch weder möglich, noch gestattet Euch uns anzuschließen. Ihr seid die erste Person die Orden, Krone und Land vereint. Ihr seid die geborene Trinität der Vollkommenheit. So wie Ihr den Orden selbst personifiziert, personifizieren wir den Glauben des Ordens. Eines Tages werdet Ihr einen Bluthexer erwählen, heiraten und einen Thronfolger zeugen.


    Die Brüder der Reinheit hingegen, sind mit dem Orden selbst vermählt. Nehmt das Nötigste mit, dessen Ihr bedürft und folgt mir", bat Bruder Ignatio.


    Ciel dachte angestrengt nach, was Ignatio damit meinte. Nur das was er wirklich brauchte? Um Vollkommenheit zu erlangen, musste man sehr viele Fragen stellen.

    "Bruder Ignatio, was hast Du dabei? Was benötigen wir?", fragte Ciel etwas hilflos.

    "Rüstung, Waffen, Com gegebenenfalls Nahrung für Euch", gab Ignatio zurück.


    "Ein Com habe ich, aber keine Rüstung und keine Waffe. Sonst hast Du nichts dabei?", fragte Ciel neugierig.

    "Die Bruderschaft der Reinheit hat jedem weltlichen Besitz abgeschworen. Wir nutzen nur das, was zur Erfüllung unserer heiligen Pflicht notwendig ist. All jene Dinge stellt der Orden uns zur Verfügung. Benötigst Du eine Waffe, da sie Dir fehlt, fordere sie von einem Bruder. Fehlt Dir Nahrung, fordere sie von einem Bruder. Du kannst Deine Brüder nicht verteidigen, ohne entsprechendes Werkzeug, Du kannst Deine Brüder nicht schützen und anleiten, sollte Dein Geist oder Körper schwächeln", erteilte Ignatio seinem Schüler die erste Lektion der Lehren.


    Ciel nickte geflissentlich und trat auf Vail zu.

    "Darf ich bitte Deine Waffe haben Vail?", fragte er freundlich.

    "Dieser Bruder der Reinheit bedarf Deiner Bewaffnung Bruder, aushändigen", korrigierte Ignatio.


    Vail zog seine Waffe aus dem Holster, sicherte sie und händigte sie Ciel mit beiden Händen aus.

    "Blut für Blut Bruder Ciel", rezitierte Vail.

    "Blut für Blut Bruder Vail", antwortete Ciel und nahm die Waffe mit beiden Händen an sich.


    Ciel steckte die Waffe in seinen Gürtel und schaute Ignatio abwartend an. Der Bruder der Reinheit nickte anerkennend.


    "Folge mir Bruder Ciel", forderte Ignatio den Jungen auf und Ciel folgte dem Vorbeter.


    Das Geräusch der messerscharfen Robe verklang in der Ferne, zurück blieb ein leerer Platz auf der Couch und ein Geruch von Asche in der Luft...

    bitter, einsam und eisig wie die Gerechtigkeit selbst.



    ****

  • Tag 1


    Blutrot ergoss sich die aufgehende Sonne über Souvagne, als wollte auch sie die beiden Brüder der Reinheit in gebührender Farbe empfangen als der Morgen über das Land hereinbrach. Bruder Ignatio und Ciel verließen die Himmelsspeere, ein frischer Wind wehte ihnen entgegen und trug den Duft des nahenden Frühlings heran.


    Ciel schaute zu Ignatio auf, der für drei Tage und drei Nächte sein Lehrmeister sein würde.

    "Bruder Ignatio, Du hast gesagt Du würdest meine Sicherheit gewähren. Aber wer möchte mir etwas Böses außer die Ungläubigen?", fragte Ciel und schaute sich um.


    Ignatio schaute auf den kleinen Jungen hinab der neben ihm stand und versuchte nicht in der morgendlichen Kühle zu zittern. Der Gesichtsausdruck des Vorbeters veränderte sich minimal, wirkte aber nicht mehr ganz so streng.


    "Sehr viele Feinde würden Dir schaden, gäbe man ihnen Gelegenheit dazu. Du repräsentierst all das was sie fürchten und dies deckt sich mit dem was wir verehren. Wie gesagt bist Du der Prophezeite, Krone, Orden und Land in einer Person. Es gibt Personen, Gruppen, Orden und Strömungen die jene Vereinigung nicht gut heißen. Sie alle zittern vor dem was Du bist, was Du sein könntest und das was Du darstellst. Eines zieht sich durch die Geschichte dieser Welt Ciel, Ungläubige töten dass was sie fürchten. Und sie fürchten Dich", antwortete Ignatio leise.

    "Von wem werde ich beschützt außer von der Garde Ignatio? Und wo sind die Leute?", fragte Ciel und schaute mit großen Augen den Bruder der Reinheit an.


    "Die Palastgarde werte bitte als das was sie ist Ciel... Optik. Sie besteht aus Ungläubigen, keinem von ihnen ist zu trauen. Beschützt wirst Du durch den Orden selbst, einigen ausgewählten Kampfhexern, einigen Observatoren und einem Bruder der Reinheit. Sie sind stets in Deiner Nähe, für Dich unsichtbar und dennoch da. Du bist niemals allein. Weder geistig, mental noch körperlich", gab Ignatio zurück.

    "Zeigst Du mir mal einen Unsichtbaren?", flüsterte Ciel und schaute sich verschwörerisch um, wie es nur kleine Kinder können und dabei noch auffälliger sind als üblich.


    "Nein, zu Deiner eigenen Sicherheit. Sage ich Dir wo sich gerade ein Bruder befindet, wirst Du unbewusst in seine Richtung schauen. Sollte Dich in diesem Augenblick jemand ins Visier nehmen, weiß er wo einer Deiner Beschützer wacht und wird ihn töten. Dein Schutz wäre keiner mehr. Wissen ist weise, aber nicht jedes Wissen steht jedem zu Ciel", sagte Ignatio schlicht.

    "Das verstehe ich", sagte Ciel und reichte dem Vorbeter die Hand.


    Ignatio schüttelte minimal den Kopf und drückte mit zwei Fingern die Hand von Ciel nach unten.


    "Magst Du mich nicht? Oder bist Du böse auf mich?", fragte Ciel irritiert.

    "Nein Ciel weder noch, ich liebe Dich wie alle meine Brüder. Ich bevorzuge und ich benachteilige niemanden. Ich behandele Euch alle gleich, in der Lehre, in der Zurechtweisung und auch in meinem Urteil. Alles erfolgt ohne Ansehen der Person. Ferner berühren wir Brüder nicht grundlos. Du bedarfst keiner Heilung, Du bedarfst keiner Rettung, Du bedarfst somit keiner Berührung. Auch die Hände dienen der Sinneswahrnehmung und können Dich durch unbewusst Eindrücke geistig ablenken. Fasse nichts grundlos an, jede Handlung von Dir soll bewusst erfolgen. Bewusst von Bewusstsein, der mentale Zustand der uns von Ungläubigen, Tieren und Pflanzen unterscheidet Bruder Ciel", gab Ignatio zurück und verschränkte die Arme auf dem Rücken, als Zeichen des Wohlwollens.


    "Na komm", sagte er freundlich und gab den Weg vor.


    "Ja Bruder Igantio, von dem ganzen Denken habe ich Hunger. Können wir etwas essen bevor wir arbeiten?", fragte Ciel und lief hinter dem Vorbeter her, der für den Jungen bewusst langsam lief.

    "Selbstverständlich. Du kennst die Speise- und Nahrungsaufnahmedogmen?", hakte Ignatio nach.


    "Ja ich weiß genau was inlim ist und was nicht, sowas hat mir alles Audric beigebracht. Er weiß alles wie Papa Oli. Was sind die Nahrungsaufnahmedogmen genau? Was meinst Du damit?", fragte Ciel gut gelaunt.

    "Ciel Deine Mundwinkel sind Dir nach oben entglitten, korrigiere das bitte, wir befinden uns in der Öffentlichkeit", maßregelte Ignatio freundlich.


    "Sowas, dass passiert mir manchmal. Erkläre mir die Dogmen für Nahrungsaufnahme Iggi", bat Ciel und versuchte so grimmig wie möglich zu schauen.

    "Iggi? Iggi... nun gut. Hände, Haltung, Hochachtung, nach diesen drei H´s nehmen wir die Nahrung auf. Erstens die Hände. Jede Nahrung die wir verzehren wollen, berühren wir mit den Händen. Unwissende Ungläubige erachten die Nahrungsaufnahme mit den puren Händen als unhygienisch. Das ist sie aber nicht Bruder Ciel. Die Sauberkeit Deiner Hände, liegt in Deinen Händen. Nimmst Du aber die Nahrung mit einer Gabel oder einem sonstigen Hilfsmittel auf, weißt Du nicht ob dieses inlim oder zumindest sauber ist. Wo war es vorher? In der Schnauze eines Ungläubigen? Was hat er damit getan? Du könntest eine verunreinigte Gabel mit einem Tuch abwischen, sähe sie nicht sauber für Dich aus? Ein gefährlicher Trugschluss nicht wahr? Deine Hände sind sauber und hygienisch, solltest Du nach den Dogmen leben, sie stets pflegen, reinigen und Handschuhe tragen.


    Zweitens Haltung. Jede Nahrung wird aufrecht sitzend eingenommen, im Schneidersitz, auf den Fersen sitzend, oder am Tisch. Du isst niemals im Stehen wie die Ungläubigen. Haltung ist gleich Geisteshaltung.


    Drittens Hochachtung. Alles was Du nicht bereit bist mit den Händen zu berühren, wirst Du niemals essen. Die Nahrungsaufnahme beginnt nicht im Mund. Warum sage ich das? Die Nahrung die vor Dir auf dem Teller liegt Ciel, hat eine ganz besondere Bedeutung. Ab dem Augenblick wo Du sie verzehrt hast, wird Dein Körper sie aufspalten, sich nutzbar machen und sie wird ein Teil von Dir selbst. Demzufolge achte sehr darauf was Du isst, denn dies wird ein Teil von Dir. Ferner zolle der Nahrung Respekt. Die Pflanze gab ihre Kraft um Früchte reifen und Blätter sprießen zu lassen. Dies stellt sie Dir nun zu Verfügung. Dankbarkeit und Hochachtung ist hier angebracht.


    Schau Dir die Ungläubigen an. Sie verschlingen Tiere und Pflanzen die ihr Leben für ihre Nahrung geben mussten und sie empfinden dabei nicht den geringsten Respekt, sie empfinden weder Dankbarkeit noch Hochachtung. Sie empfinden nichts, denn sie fressen unbewusst mit Gier und Maßlosigkeit. Wir hingegen essen und verzehren bewusst und dazu gehört auch die Dankbarkeit und Hochachtung dem nahrungsspendenden Geschöpf gegenüber. Isst Du etwas synthetisches so habe ebenfalls Hochachtung für die Leistung, die ein Bruder hier für Dich erbrachte. Dass Ciel sind die Nahrungsaufnahmedogmen in Kurzversion", erläuterte Bruder Ignatio und führte Ciel zu einem kleinen Kiosk der Nahrungsmittel für Bluthexer führte.


    "Deshalb waschen wir uns vorher dreimal die Hände, trocknen sie dreimal und halten die Hände über die Nahrung und zählen lautlos bis drei nicht wahr? Dann kenne ich sie", freute sich Ciel und schaute bewusst grimmig.

    "Ja Du hast die Ausführung inne, aber kanntest den Hintergrund der Handlung nicht. So ist es oft, oder einfach ausdrückt, Dir ist es in Fleisch und Blut übergegangen", stimmte Ignatio zu und nahm mehrere verpackte, große Kekse von der Theke um sie Ciel zu reichen, bevor sie weitergingen.


    Der Bluthexer hinter der Theke sagte kein Wort, sondern verneigte sich stumm und feierlich.


    "Ehe Du fragst, geschmacklose Kekse, damit Dich der Geschmack nicht beim Verzehr von wesentlichen Dingen ablenkt. Aus diesem Grund trinken wir auch nur Wasser und keine Limonade oder ähnliches, was unsere Sinne mit Geschmack und Freude trüben könnte. Sinnenerweiterung suchen Ungläubige in benebelnden Substanzen, wie paradox. Wir suchen Sinneserweiterungen durch Sinnesschärfung. Sage mir, wenn Du Deine Nahrung zu Dir nehmen möchtest", bat Ignatio und trat mit Ciel völlig ins Freie.


    "Genug erläutert, es wird Zeit für den ersten Anschauungsunterricht. Eine Läuterung steht auf dem Programm", sagte Ignatio mit erhobenem Zeigefinger.

    "Wen läutern wir Iggi?", fragte Ciel und musste seine Aufregung niederkämpfen.


    "Nicht wen Bruder Ciel. Was. Eine der widerwärtigsten Kreaturen die die Welt je ausgespien hat, einen Vampir. Schärfe Deinen Verstand, lade Deine Waffe durch und ab Marsch", sagte Ignatio. Und für eine winzige Sekunde wandelte sich die steinerne Miene des Vorbeters in etwas das einem einen eisigen Schauer über den Rücken jagte.

  • Nach dem Chronisten


    Ciel folgte nachdenklich seinem Lehrmeister, als sie den Chronisten verlassen hatten. Wissen hatte der Vorbeter gesucht und erhalten. Ciel hatte Angst vor dem fremden Bluthexer gehabt. Er hatte noch nie einen derart großen und fetten Bruder gesehen und so hatte er verschüchtert hinter Ignatio gestanden und war ihm sogar noch auf die Robe gelatscht. Der Vorbeter war ihm nicht böse gewesen, sondern hatte sich dann bewusst vor ihn gestellt, damit er keine Angst haben musste.


    "Bruder Ignatio ich benötige eine Zwiesprache mit Dir", bat Ciel gedankenvoll.


    Der Vorbeter drehte sich zu seinem Schüler um, musterte grimmig und sichernd die Umgebung, ehe er sich auf die Fersen hockte und die Hände im Schoss faltete.


    "Wie kann ich Dir helfen?", fragte er zugänglich und deutete Ciel an, sich ebenfalls hinzuhocken.


    Ciel nickte dankbar und nahm vor seinem Vorbeter in gleicher Haltung Platz.


    "Bruder Ignatio, ich habe noch nie eine so große und fette Person wie Chronist Ecimius gesehen. Widerspricht er so nicht völlig den Dogmen? Man muss doch auf sich achten, er achtet sich nicht. Und er isst bestimmt nicht bewusst. Muss er nicht bestraft werden oder lassen wir Gnade walten?", fragte Ciel grüblerisch.

    "Es freut mich, dass Du Dir derartige Gedanken machst, dass zeugt von einem wachen, wissbegierigen und lernbereitem Geist. Er wurde bestraft Ciel", antwortete Ignatio erklärend.


    "Aber welche Strafe wird er von uns erhalten?", fragte der Prince nachdenklich.

    "Deine Sichtweise ist durch Vermutungen getrübt, öffne die Augen für tatsächliches Wissen. Du nimmst an, es gibt keine Reue auf Bruder Ecimius Seite. Du gehst davon aus, er hätte um Hilfe bitten können, hat aber niemals um Hilfe gebeten.


    Es ist schon genug Strafe über diesen Bruder verhängt worden. Er wurde bereits bestraft Ciel. Die Beleidigungen hinter seinem Rücken, getuschelt und dennoch für seine Ohren hörbar. Die Gehässigkeiten, die Lästereien, die schweigende Behandlung all dies ist geschehen. All dies schnitt tiefer in seine Seele, als es jemals eine Klinge in Fleisch schneiden könnte.


    Also welche weitere Strafe möchtest Du über Bruder Ecimius noch verhängen?


    Er bat um Hilfe, aber wer war dort um ihn zu erhören und zu verstehen? Schreit seine gesamte Existenz nicht nach Hilfe? Strafe Ciel ist Sanktion für ein Fehlverhalten, zwecks Korrektur. Jemand soll das falsche Handeln abstellen und zu dem korrekten Handeln geführt werden. Welche Strafe würde in Deinen Augen Bruder Ecimius davon abhalten, noch mehr zu essen und sich derart zu Grunde zu richten?


    Es ist nicht unsere Aufgabe Brüder um des Bestrafens Willen zu bestrafen.

    Es ist niemals unser Ziel, andere zu erniedrigen, um uns selbst zu erhöhen Ciel.


    Du möchtest Bruder Ecimius auf den rechten Weg leiten? Dann reiche diesem Bruder dar, was ihm fehlt. Strafe Ciel erduldet er schon ausreichend. Wir werden diesen Bruder nicht bestrafen und damit tiefer in seinen persönlichen Abgrund treten. Wir versuchen ihm einen Weg zu eröffnen, der für ihn gangbar ist. Denn trotz all seiner Fehler ist er immer noch ein Bruder. Deshalb sprechen wir ihn bei jedem Besuch mit seinem Namen an und erweisen ihm den Respekt der ihm als Bruder und Chronist gebührt", antwortete Ignatio geduldig.


    "Danke für die Erklärung Bruder Ignatio. Bestrafen wir Bruder Ecimius, wird er noch trauriger und wird noch mehr essen. Daran habe ich nicht gedacht. Dein Urteil über Bruder Ecimius ist weise und absolut", gab Ciel bekümmert zurück.

    "Gerne Bruder. Schau würdest Du jemanden wie Ecimius bestrafen, würdest Du Dich am Ende selbst bestrafen. Du musst Dich nicht von anderen dazu verleiten lassen, etwas Dummes zu tun wie sie. Du musst Dich allerdings hinsetzen und es betrachten. In so einem Fall ist es an der Zeit, tiefer zu schauen um zu verstehen, als jemanden durch unbedachte Strafe in Deine gewünschte Richtung korrigieren zu wollen.


    Jemand anderen grundlos zu bestrafen, dient weder dem Orden noch wird es Dein Leben bereichern. Möglicherweise wirst Du einige Tage Befriedigung empfinden, aber danach Bruder Ciel? Danach wirst Du Dich schuldig fühlen. Anfangs mag die Bestrafung Dir Zufriedenheit schenken, aber es geht nicht um die Strafe selbst oder um Deine Befriedigung. Schon kurze Zeit später, wenn Du bewusst zurückblickst wirst Du Dich schämen. Also beschreite diesen Weg nicht. Es ist der Weg der Ungläubigen.


    Dies hier Ciel ist eine Gelegenheit für Dich, diese Situation eröffnet Dir die Möglichkeit zu lernen. Bruder Ecimius lässt Dich gerade erkennen, wie zerbrechlich wir alle sind. Hier lauert wieder eine Annahme, Du glaubst Bruder Ecimius hat dem Orden, uns, Dir etwas verwehrt und zwar die Befolgung der Nahrungsdogmen.


    Du empfindest Dich und den Orden als zurückgewiesen. Du kannst nur zurückgewiesen werden, weil Du der Annahme unterliegst zu glauben, dass jeder den Dogmen absolut folgt.


    Der Orden ist Gemeinschaft, der Orden ist Schutz, der Orden ist Zusammenkunft, der Orden ist Selbstlosigkeit, Halt und Liebe.


    Es ist keine Ungläubigen Zusammenrottung von gegenseitigem Strafen, Betrügen, Schädigen, Ausnutzen, Auspressen und Morden.


    Bruder Ecimius hat weder den Orden, Dich noch mich verraten, alles was er tat war Dich von Deiner Annahme zu befreien, alle Brüder würden im Absoluten leben. Er hat einen Schleier gehoben Ciel, den Schleier der Annahme, Vermutung und Illusion.


    Tief in seinem Inneren ist er von dem gleichen Wunsch beseelt wie wir alle, als Individuum Teil des großen Ganzen - dem Ordens zu sein. Diese Möglichkeit versuchen wir ihm zu eröffnen. Dann Ciel wird vielleicht auch Bruder Ecimius eines Tages im Absoluten leben können", sagte Iganatio schlicht.


    Ciel schaute zu seinem Vorbeter auf, schluckte und nickte stumm.


    "Meditieren wir darüber Aspirant Ciel", bot der Vorbeter ermutigend an.

    "Ja Vorbeter Ignatio", stimmte Ciel gewichtig zu.


    "Gereinigt im Geist und gestärkt mit neuem Wissen gehen wir danach auf die Jagd", antwortete Ignatio.

    "Du hast Recht, wir müssen Hoffnung schenken. Darf ich einen Zahn des Vampirs aufheben? Ich muss einem Freund Hoffnung schenken, ich muss ihm zeigen dass man sie töten kann Iggi", flüsterte Ciel.


    "Der Zahn sei Dein, ich werde ihn Dir sichern. Hoffnung schenken... einem Kind der Verlorenen vermute ich. Der Zahn ist eine gute Gabe Ciel, eine sehr gute", stimmte Ignatio zu.



    ****

  • Pechaud in Duvallot


    "Wo würdest Du nach einem alten Vampir suchen?", fragte Ignatio, als er gemeinsam mit Ciel den Markt von Pechaud erreichte.

    "Im Dunklen oder in der Nacht", flüsterte Ciel.


    Der Bluthexer war wie erstarrt. Der Markt lag in einem besonders schönen Teil von Duvallot, im alten Ortskern, um den der Ort gewachsen war. Die Architektur der Sovuagner war wie alles andere was die schufen, robust und ausgezeichnet zugleich. Dieser alte Stil stammte noch aus einer Zeit, als die Rasse der Almanen jung war, ebenso wie die Mauer selbst und sie nicht einmal über Hochtechnologie verfügten. Vielfalt wurde oft gemischt mit großen Einfallsreichtum, dann aber wieder um genau diesen zu unterstreichen gingen die Souvganer über in einen geradezu spartanischen Stil.


    So reich geschmückt ein Haus innen sein konnte, so karg und abweisend konnte es nach außen gehalten sein.


    "Pechaud die Schatzkammer Duvallots. Hier fließen einige alte Wissensgebiete zusammen. Das Ergebnis vergangener Epochen, einer gewaltigen Zeitspanne, mentaler Reinheit und spiritueller Integrität", kommentierte Ignatio für Ciel die Umgebung.


    Ignatio musterte die wunderschönen Gebäude, die an Wälder, Tiere und andere natürliche Dinge erinnerten, auch wenn sie geometrisch den Häusern angepasst waren. Die Häuser waren einfach eine Symphonie für das Auge. Ignatio hingegen war zwar erstaunt und genoss den Anblick durchaus, aber dennoch wie es für einen Anhänger seiner Bruderschaft üblich war, mit professioneller Distanz.


    Tiefere Gefühle die seine Arbeit behinderten oder ablenkten ließ er nicht zu. Sie waren ihm durch seine Überzeugung und die strikte Auslegung des Glaubens untersagt. Durch seine geschulte fast messerscharfe Wahrnehmung stand ihm die Welt offen, aber genau aus jenem Grund dosierte er sie vorsichtig. Hier gab es zu viel zu erfassen, Wissen in sich aufzunehmen, dass allerdings seiner Primäraufgabe nicht diente.


    So schaute er sich zwar interessiert um, sicherte sogar nebenbei einen Großteil der Information jedoch aus einem anderen Grund - Informationssammlung zwecks Datenweitergabe an seine Bruderschaft. Sollte je ein anderes Mitglied der Bruderschaft der Reinheit für einen Auftrag in Pechaud nach Duvallot reisen müssen, hätte dieses direkt eine aktuelle Karte vor seinen geistigen Augen.


    Ciel viel ein besonders riesiges Gebäude und sein fragender Blick war ausreichend, Ignatio reagieren zu lassen.


    "Du siehst den Palais der drei Zyklen, und dort drin findest Du eine der interessantesten Bibliotheken Souvagnes. Geführt wird dieses Haus des Wissens von den Himmelsaugen, jene Männer die genauso verblendet sind wie sie aussehen. Sie verstellen sich in ihrer Erscheinung nicht, sie zeigen offen ihre Geisteshaltung. Man kann sagen, sie spielen auf diesem Sektor aufrecht. Aber auch nur auf diesem. Ein Lächeln kann hier Freundschaft oder Drohung sein, aber sie lächeln Bruder Ciel", warnte Ignatio.

    "Iggi meinst Du, nach dem Motto, was man sieht bekommt man auch?", hakte der kleine Junge nach.


    "Korrekt Ciel", stimmte Ignatio zu.
    "Iggi was sind die drei Zyklen?", grübelte der Prince nach.


    "Gemeint ist damit der ewige Kreislauf des Lebens - Wachsen, Gedeihen, Vergehen oder Werden, Sein, Vergehen", gab der hagere, alte Bluthexer zurück.
    "Wollen wir mal näher ran?", fragte Ciel und behielt ebenfalls den Palais im Auge.


    In einiger Entfernung schien ein Tourist zu nah an den Palais heran getreten zu sein, denn binnen Sekunden waren nicht nur Wachen anwesend, sondern sie hatte die Person auch in der gleichen Zeit sehr unliebsam vom Palais entfernt. Weiter oben unter einem geschwungenen Bogen öffnete sich eine Fensterfront und ein hochgewachsener, schlanker Magier schaute emotionslos auf das Schauspiel herab.


    Eine der Wachen erwiderte kurz den Blick, ehe sie sich wieder zurückzogen. Das Schauspiel war genauso schnell beendet, wie es begonnen hatte. Oben auf dem Balkon verschwand die dünne, drahtige Gestalt zurück in den Palais.


    "Welchen Status hat er?", fragte Ciel Ignatio.

    "Keinen der uns schert. Er hat nach seinen Leuten gespürt und auf mentaler Ebene nach ihnen gerufen, zwecks Rapports. Die Himmelsaugen hier in der Umgebung sind seine Augen und Ohren. Sie leben im Konsens, stets mental verbunden. Viele von Ihnen sind nicht einmal hier, die wiederum mit anderen im direkten Kontakt stehen. So nehmen mehr Personen wahr was hier geschieht, als tatsächlich anwesend sind. Achte immer darauf, wichtige Informationen nicht in Hörweite eines Himmelsauges zu äußern, halte zudem Deinen Geist abgeschirmt vor ihnen. Sicherheitsabstand zu diesen Ungläubigen ist zwecks Eigensicherung unerlässlich", antwortete Ignatio ruhig.


    "Ja Vorbeter, Audric sagt, den Geflügelanbetern ist nicht zu trauen", flüsterte Ciel.

    "Ein weiser Mann Dein Mannie, er könnte einer der unseren werden", gab Ignatio zurück.


    Der Anblick der Himmelsaugen, die sich benahmen als gehörten sie dem Orden der Bluthexer an hatte ihn verstört. Er war froh Ignatio an seiner Seite zu haben.


    Ciel wusste nicht einmal warum. Er hatte schon eindeutig Schlimmeres gesehen. Hatte Dinge gesehen, die schlimm waren, ohne mit der Wimper zu zucken – allerdings war Audric anwesend, sein Mannie war stets zu gegen gewesen um ihm zu beschützen und anzuleiten.


    "Bin froh dass wir zu zweit sind Iggi", sagte Ciel leise.
    "Ich bin ebenfalls froh, Dich an meiner Seite zu haben", kam die Antwort des älteren Bluthexers.


    Ein Schatten fiel auf seine Schulter, genau dort, wo das stabile Schulterpolster der Sicherheitsrobe in seinen Kragen aus messerfestem Stoff überging. Das war die einzige Warnung, aber seine Instinkte forderten, dass er sich bewegte und er war nur zu gerne dazu bereit. Er verlagerte sein Gewicht, ließ die Hüfte zur Seite kippen, drehte und duckte sich, wirbelte zur Seite und in einem Bogen herum, der ihn in die Deckung des nächststehenden Gebäudes brachte. Mit einem weiteren Sprung zog er sich zeitgleich in den Schatten des Gebäudes zurück, Ciel mit sich reißend.


    Der Angriff verfehlte Ignatio um einen Millimeter. Er spürte den Luftzug, des seltsam lautlosen Vogels. Die Flugbahn hätte die Krallen in seinen Nacken geführt. Es war ein mutiger Angriff und war eine eindeutige Warnung an ihn und seinen Orden. Nun es wäre eine Warnung gewesen, wenn er ein normaler Mensch gewesen wäre. Dies traf jedoch nicht auf den Vorbeter zu.


    Während er herumgewirbelt war, hatte er die natürliche Drehbewegung für eine Bestandsaufnahme der Umgebung genutzt.


    Die Sinne des alten Mannes waren in höchster Bereitschaft, sie analysierte die Reaktions- und Bewegungsmuster der Leute im weiteren Umkreis, um nicht nur ihren Angreifer aufzuspüren, sondern jeden im Umkreis der auf den Vorfall reagierte. In der Sekunde die er brauchte um stehen zu bleiben sich wieder ganz aufzurichten, nach seiner Waffe zu greifen und sie scharf zu machen, wusste er bereits das sein Angreifer nicht allein gewesen war.


    Der kleine Kerl floh bereits vom Tatort. Ignatio machte sich nicht die Mühe auf ihn zu schießen. Die anderen waren in Gruppen zu zweit oder dritt unterwegs, näherten sich, als gehörten sie nicht zusammen. Auf den Dächern befanden sich drei weitere Gestalten, die sich geduckt und mit der Mühelosigkeit einer Spinne bewegten. Sie zogen sich mit einer klaren Absicht zusammen, sie wollten ihn in eine der zahlreichen Sackgasse in der Nähe des Platzes treiben.


    Gegockele von Geflügelanbetern - putzig, sinnierte der Vorbeter.


    Aus dem Himmel sanken gleich fünf fliegende Raubvögel in Spiralen langsam herunter. Die wenigen Passanten die nicht zu der Truppe gehörten, bewegten sich ein wenig langsamer, etwas weniger zielstrebig. Seine Wahrnehmung sagte ihm, es gab nicht genug ungläubige Passanten um sie als Schutzschild zu nutzen, so schob er Ciel schützend hinter sich.


    Der Schatten eines großen Werbeschiffes zog langsam über sie hinweg, tauchte die Umgebung plötzlich in blassen Schatten mit holographischer Werbung. Wörter und Bilder die körperliche Vergnügen sämtlicher Genüsse zeigten, flogen ihm zusammen mit Geräuschen und Gerüchen zu, wie unbekannte Tagträume.


    "Ein Frevel kommt selten allein. Widerrechtliche Werbeschaltung von Unzucht. Urteil - sie sind des Todes", sagte Ignatio schlicht.


    Vor ihm baute sich ein holographischer fast nackter Mann auf. Langsam beugte er sich über ihn, sein Duft schwappte zu ihm herüber. Ciel kniff die Augen zusammen und klammerte sich an Ignatios Robe. Ignatio bewegte sich im letzten Moment mit dem Schatten, überquerte die schmale Gasse in seiner Geschwindigkeit, mit der ein normaler Mensch nicht mehr mithalten konnte und zerrte dabei Ciel hinter sich her.


    "Wo ist der Riesenmann?", fragte er mit zittriger Stimme. Die Antwort war ein ohrenbetäubendes Krachen, als das Werbeschiff einige Meter in einer Seitengasse aufschlug.
    "Eliminiert", antwortete Ignatio gedämpft.


    "Mit was hast Du geschossen Iggi? Was hat es getroffen? Woraus war der Mann? Müssen wir sie alle strafen?", fragte Ciel und löste bewusst ganz langsam seine Hände von der Robe seines Vorbeters.

    "Einem Einäscherer, die völlig fehlgeleitete Besatzung ist tot. Ich habe mit meinem Schuss dass Schiff getroffen und der Mann war ein Hologramm. Ich habe sie verurteilt und gerichtet", gab Ignatio zurück und schloss kurz die Augen. Er tastete mental nach der Umgebung, um andere Brüder zu finden. Der einzige Bruder in seiner Nähe war Ciel, soviel dazu.


    "Zerstöre die Wand", befahl Ignatio Ciel.


    Ciel starrte ihn mit riesigen Augen an, ehe er die Wand anstarrte und gegen klopfte.

    "Dafür bin ich zu klein Iggi, das kann ich nicht", wisperte der Prophezeite.

    "Entsichere Deine Waffe, feuere auf die Wand und erfreue Dich am Loch darin Bruder Ciel. Du sollst sie natürlich nicht mit bloßen Händen einschlagen", erläuterte Ignatio.


    "Das musst Du sagen", murrte Ciel und tat was ihm gesagt wurde.


    Gleich darauf folgte Ciel dem Befehl und schoss auf die Wand. Die Wand war für die Waffe von Vail porös wie Knochen. Ciel feuerte so oft, bis das Loch groß genug war, dass sie hindurch passten.


    In einem Regen aus Staub und trockenem Mörtel kamen Ignatio und Ciel in einem schummrigen Raum voller Räucherwerk heraus. Als ein weiteres Schiff vorbeigeflogen war, war er im dritten Zimmer des Hauses und lief dabei durch jede Tür die er sah. Ciel blieb dichter hinter Ignatio, als dessen eigener Schatten.


    Personen und andere Dinge bewegten sich im Dunkeln und dem flackernden Licht kleiner Kerzen. Fremde beschwerten sich empört, als die beiden vorbeikamen. Einige waren so sehr in das vertieft was sie gerade trieben, dass sie nicht bemerkten, wie sie durch das Zimmer hetzten.


    Aber irgendwann erreichten sie einen Raum, in dem es nur eine Tür gab und zwar genau die, zu der sie hereingekommen waren. Das Licht war kaum hell genug, dass Ciel etwas erkennen konnte. Ignatio zog eine Stablampe, die ein leicht violettes Licht von sich gab und leuchtete das Zimmer ab. Der Raum war groß, und es roch darin seltsam. Hier gab es kein Räucherwerk.


    Farben bewegten sich über die Wände, wobei nein, es waren nur verschiedene Schattierungen von Schwarz. Sie bewegten sich nach Mustern, die Symbole formten und wieder auflösten und wie zufällige Bilder erschufen, wenn sie aneinander vorbei glitten.


    Erst vermutete Ciel, der Raum wäre leer denn er erkannte keine feindliche Person. Aber dann hörte er eine Bewegung in der am weitesten entfernten Ecke in der Dunkelheit. Die Stablampe von Ignatio zuckte gleichzeitig dorthin. Das violette Licht glitt über ein weißes Gewand, einen Mantel, Klingen, bleiche Haut und ein pechschwarzes Auge.


    Einen Atemzug später ein hasserfülltes Zischen und Ciel roch verbranntes Fleisch, als sich das Ding in die Dunkelheit floh.


    „Heilige Merde, was ist das?“, wisperte Ciel.

    „Ein Vampir“, sagte Ignatio.


    Ciel erschrak vor der unerwarteten Stimme Ignatios. Für einen Augenblick erstarrte er, und während dieses Moments hörte er das Zischen von Luft die in einem langen Atemzug wütend eingezogen wurde. Etwas fast sphärisches strich über seine Schulter. Vor ihm bildeten die Farben auf der Wand ein Bild von plötzlicher Klarheit, matt kaum zu erkennen, aber eindeutig vorhanden.


    Die Augen des Wesens wirkten wie schwarze Löcher, der Mund nur ein schwarzer Strich, das Gesicht eingefallen wie ein Totenschädel. Die Farben waren sein Schutz und sein Schild.


    Er hörte ein seltsames Geräusch - Zähneknirschen. Ciels Kiefer schmerzte und er stellte fest, dass er selbst das Geräusch verursachte. Mittlerweile wusste er Dank Ignatio, dass sie den Weg eines Vampirs gekreuzt hatten. Oder besser gesagt, dass sie den Vampir gefunden hatten.


    Ignatio spürte wie sich der Angreifer in der Dunkelheit bereit machte, sich auf sie zu stürzen. Immer Ausschau haltend nach einer Schwachstelle, die er gegen ihn verwenden konnte. Der Bluthexer schmeckte Blut. Er sich auf die Zunge gebissen. Es hatte zur Folge, dass der Raum schlagartig wieder dreidimensional wurde und die Dunkelheit verblasste.


    Der Vampir nahm eine grauenerregende Gestalt an und peitschte los. Das Monstrum in das er sich verwandelt hatte tobte rotierend durch das Zimmer, Boden, Wände und Decke ausnutzend. Grimmig fixierte es Ciel und hechtete mordlüstern auf den kleinen Jungen zu.


    Ciel erstarrte vor Schreck. Ein reißzahnstarrendes Etwas schoss mit unglaublicher Geschwindigkeit auf ihn zu. Geifer spritzte nach allen Seiten als das Geschöpf seinen Rachen aufriss. Die Attacke fand ein jähes, knochenbrechende Ende, als der Kampfstiefel des Vorbeters mit Wucht in das Gesicht des Umgeheuers krachte und ihm die Nase zertrümmerte.


    Ignatio nutzte sofort die Chance und schob Ciel mit einem Bein wieder schützend hinter sich.


    "Wenn Du eine Chance gehabt hast zu überleben, hast Du sie jetzt zunichte gemacht. Dein Junge wird mir dienen...", knurrte der Vampir.

    "Irrtum", antwortete Ignatio und spuckte der Kreatur ins Gesicht.


    Ciel wunderte sich noch über die Treffsicherheit mit welcher der Vorbeter den Vampir angespuckt hatte. Spucken war eine hohe Kunst in Souvagne.


    Der Vampir quittierte den Treffer mit einem schauerlichen Gekreische, denn das was ihn getroffen hatte, war nicht nur einfach Spucke, sondern eine Mischung aus Speichel und Blut.


    Blut!
    Blut eines Bluthexers!
    Es war toxisch für Untote!


    Erneut stürzte die Bestie los, ein rasend schnelles Knäul aus Reißzähnen und Klauen, dass ihnen nach dem Leben trachtete.


    Wie es seine Art war, wartete Ignatio mit dem Ausweichen bis zum letzten Moment. Der Vorbeter drehte sich Richtung Schlag weg und zuckte mit dem Oberkörper und dem Kopf zur Seite um einem Krallenhieb zu entgehen. Dabei bewegte er sich so, dass Ciel zwangsläufig in seinem Rücken stand und abgeschirmt wurde. Kaum war der Feind auf wirklich gefährliche Nähe herangerückt beugte er sich blitzartig vor und trat blitzschnell mehrfach zu. Zuerst Brusthöhe, dann so hoch, dass sein Stiefel wieder in das geschundene Gesicht des Gegners krachte. Der Vampir flog mehrere Meter weit zurück und schlug mit Wucht gegen die Wand.


    Die Bestie schäumte und Ciel staunte.


    Der Vampir machte zwei Rollen vorwärts direkt auf die beiden Bluthexer zu, so dass diese schon denken mussten, er wolle sie überrollen. Kurz vor ihnen wollte sich Amine plötzlich aufrichten und mit schwunghaften Bewegungen auf die beiden einschlagen. Mit den Fußkrallen versuchte er Halt zu finden und stürmte erneut los.


    Ignatio hörte Ciel keuchend einatmen. Eine kleine Hand krallte sich in seine Robe. Amine versuchte vergeblich den Jungen heranzukommen. Der Bluthexer verdrehte sich nach allen Regeln der Kunst, wie eine uralte, hochgiftige Natter.


    Doch dann, eine Lücke in der Deckung. Die klauenbewehrte Hand schoss vor...

    ...und verharrte mitten in der Bewegung, als wäre die Zeit selbst eingefroren.


    Ignatios Griff war eisern und unerbittlich, wie seine Bruderschaft selbst. Das was der alte Bluthexer gepackt hielt, war nichts Geringeres als die Seele des Vampirs. Amines Seele brannte vor nie dagewesenem Schmerz. Sein dunkler Blick suchte den des Bluthexers.


    Eisige Gnadenlosigkeit stand in dessen fahlen Gesicht geschrieben.

    Dann folgte... Schwärze.



    ****

  • Tag 2


    Namen


    Nebel umwabberte die uralten Baumstämme und sanft durchbrachen die ersten Sonnenstrahlen das grau-schwarzes Zwielicht der Nacht, dass zwischen den alten Bäumen geherrscht hatte. Ciel saß vor dem heruntergebrannten Lagerfeuer und genoss die letzten kleinen Flammen, wie die Wärme die sie spendeten. Der Schein brach sich auf dem Metall der Maschine, zu der Ignatio ihn geführt hatte.


    Turbinen-Tech hatte der Vorbeter gesagt, alte Technik die robust und zuverlässig war. Ciel hatte die Fahrt auf dem Motorrad gefallen.


    Motorrad - Turbinen-Tech:

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    Ignatio lag auf der anderen Seite des Lagerfeuers und hatte die Augen geschlossen. Ciel musterte ihn eine Weile und krabbelte dann zu ihm herüber.


    "Iggi schläfst Du?", fragte er leise und legte sich neben ihn.

    "Nein, ich döse nur", antwortete der Vorbeter freundlich.


    "Wie heißt Du mit ganzem Namen?", fragte Ciel und rutschte ein Stück näher.

    "Ignatio Lacand ist mein vollständiger Name. In meinem alten Leben trug ich einen anderen Namen Ciel. Mit Aufnahme in die Bruderschaft der Reinheit habe ich meinen alten Namen abgelegt und meinen heutigen Namen angenommen.

    Jeder Bruder der Reinheit trägt den Nachnamen Lacand. Lacand ist ein Schachtelwort, ein Kofferwort, ein Kunstwort das aus zwei Worten besteht. Der Name setzt sich zusammen aus La Candeur, das heißt die Unverdorbenheit. Aus La Candeur wurde Lacand, jenem Nachnamen den alle Brüder der Reinheit während ihres Aufnahmeritus annehmen", erklärte Ignatio ruhig.


    "Wie war Dein Name? Wie hast Du geheißen?", fragte Ciel neugierig.

    "Dieser Name ist unwichtig, die Person gibt es nicht mehr", antwortete Ignatio und betrachtete Ciel für einen Moment, ehe er wieder die Augen schloss.


    "Sagst Du ihn mir bitte trotzdem?", bat Ciel und kramte einen Keks aus seiner Tasche.

    "Evan Thierry Sauradou war einst mein Name Ciel. Es ist lange her, dass ich den Namen ausgesprochen habe, sehr lange", sagte Ignatio mit nicht zu deutender Stimme und setzte sich auf.


    "Wie Bastien Sauradou? Der Kampfhexer der Yves Hugo geärgert hat?", kicherte Ciel leise, "der ist ganz schön frech, kennst Du den?"

    "Richtig, genau wie Bastien Sauradou. Ja ich kenne Bastien, er ist mein Sohn", erklärte Ignatio und schenkte Ciel ein freundliches Blinzeln.



    ****


  • Tassen und Töpfe


    Ciel hockte sich an das sterbende Feuer, brach den Keks in der Mitte durch und reichte die größere Hälfte Ignatio.


    "Nein Danke, ich esse keine...", setzte der Vorbeter an, aber Ciel fiel ihm ins Wort.

    "Sie sind inlim, völlig geschmacksfrei und mit viel Kohle-Irgendwas. Wir teilen brüderlich", bot Ciel herzlich an.


    "Kohlehydrate, wenn das so ist, nun wieso nicht", schmunzelte Ignatio, nahm die Kekshälfte entgegen und setzte sich neben den kleinen Jungen, der zur Zeit sein Schüler war.

    "Iggi magst Du erzählen wer Du warst? Warst Du verheiratet? Und wieso bist Du ein Bruder der Reinheit geworden? Oder darfst Du nicht darüber sprechen?", fragte Ciel mit seiner kindlichen Neugier.


    "Man darf über die eigene Vergangenheit sprechen, für das eigene Wohl ist es manchmal jedoch besser man ließe sie ruhen. Nun denn...

    Geboren wurde ich unter dem Namen Evan Thierry Aimbeu. Mit vierzehn Jahren ging ich in die Lehre, wie viele junge Männer Ciel. Meine Lehre absolvierte ich bei Bruder Lucas Lababonneau um Observator zu werden, genau wie mein Meister. Die Aufgabe von Observatoren ist mannigfaltig, sie überwachen Personen zu deren Schutz oder aus anderen Gründen, sie kontrollieren die Einhaltung der Nahrungsdogmen in den ordenseigenen Firmen und vielem mehr.


    Drei Tage nach meinem sechzehnten Geburtstag kontrollierten Bruder Lucas und ich die Firma Tassen und Töpfe, bezüglich des korrekten Herstellungsprozesses. Oscar Mael Sauradou begrüßte uns wie stets höflich und mit einer Nervosität, die ich der Überprüfung zuschrieb. Die Belustigung meines Meisters schrieb ich dem gleichen Umstand zu.


    "Der Firma Tassen und Töpfe ist es gelungen, Kunststoff zu produzieren, der vollständig auf Proteine basiert und demzufolge biologisch abbaubar ist. Unser neuartiges Verfahren verwendet als Basismaterial Proteine also Eiweißstoffe aus dem Pilz...", und so weiter und so fort führte Oscar mit einer Leidenschaft aus, dass wir seinem Monolog bis zum Ende lauschten. Es wäre ungebührlich gewesen, ihn zu unterbrechen. Ebenso wäre es wider den Dogmen gewesen, Wissensaufnahme zu verweigern.


    Als sein Vortrag endete reichte er mir eine Coupe aus Kunststoff und ich war der festen Überzeugung dass er dabei minimal lächelte.

    Ich nahm sie entgegen und betrachtete sie eingehend. Die Coupe war braun mit einem dunkelbraunen Schraubdeckel und Henkel.


    "Protein Pilz Plastik. Durch das Material und den Schraubdeckel auch für unterwegs geeignet. Bei Verlust in der Natur, wird diese nicht gefährdet. Die Coupe ähnelte einer Frucht, oder ist das ein Pilz? Ihre Optik ist ansprechend", kommentierte ich freundlich.

    "Sie gehört Dir", unterbrach Oscar meine Betrachtung.


    Mein Meister gab ein undefinierbares Geräusch von sich. Da stand ich in der Werkshalle, hielt die Coupe in beiden Händen, schaute zu meinem Meister auf und fühlte mich wie der letzte Trottel. Die beiden schienen zu begreifen, worum es ging, nur ich stand auf der Leitung.


    `Lucas, darf ich die Coupe überhaupt annehmen? Was sagt die Korruptionsprävention dazu?´, fragte ich völlig aus dem Konzept gebracht meinen Meister mental.

    `Cleverer Schachzug, er lässt Dich das Geschenk annehmen und sagt erst danach, dass es eines ist. Ein Schlitzohr. Die Korruptionsprävention Thierry? Die Korruptionsprävention? Das meinst Du nicht ernst oder?

    Ist Dir nie aufgefallen, dass uns stets Bruder Sauradou alles erläutert, sobald Du dabei bist? Sollte der Korruptionsschutz Deine Sorge sein mein Schüler, dann betrachte die Coupe als Muster. Sie ist mit nichts gefüllt Thierry und antworte bitte dem Bruder, sonst platzt er vor Nervosität´, antwortete mir mein Meister belustigt.


    "Danke für das Geschenk", gab ich etwas unbeholfen zurück und hätte am liebsten meinen Meister auf den Fuß getreten.


    Oscar pflückte mir die Coupe aus den Händen und eilte davon. Einige Minuten später kam er zurück und drückte sie mir wieder in die Hände.

    "Sie hatte noch kein Logo-Aufkleber von T&T. Das ist ein ganz besonderer Logoaufkleber. Er ist aus dem gleichen Material und es ist ein Doppeltkleber. Du kannst ihn an einer Seite öffnen, dort stehen weitere Infos. So spart man Platz auf dem Produkt. Du solltest es lesen", sagte er gewichtig und tippte zur Untermalung auf den Aufkleber.


    "Mache ich", antwortete ich und fragte mich, was an dem Aufkleber so besonders war, außer dass er wohl zig Seiten hatte.

    "Falls Ihr das nächste Mal herkommt, könnten wir zur Mittagspause in die Kantine gehen. Dort werden ausschließlich unsere Produkte verwendet", bot Oscar zappelig an.


    In dem Moment fiel bei mir der Taler und ich schaute sofort nach, was innerhalb dieses Aufklebers stand. Er hatte seine Com-Nummer hineingeschrieben und mit einem Herzchen versehen. Ich schaute von dem Aufkleber in Oscars Gesicht und blinzelte freundlich.


    "Ich weiß nicht wann wir wieder herkommen werden", antwortete ich ehrlich.

    "Oh, naja dann", sagte er enttäuscht.

    "Du könntest mir die Kantine jetzt zeigen", bot ich an.


    Oscar zeigte mir die Kantine und spendierte mir einen Apfel-Kaffee.

    Zum Lichtfest im Jahr 1036 haben Oscar und ich geheiratet Ciel", erzählte Ignatio.


    "Zum Lichtfest heiraten ist schön, da ist alles geschmückt und es gibt viele leckere Dinge zu kaufen", freute sich Ciel.

    "Ja das stimmt, alles ist geschmückt und man fühlt sich, als feiert das ganze Land mit einem", pflichtete Ignatio dem kleinen Jungen bei.


    "Wie alt war Dein Mann als Ihr geheiratet habt Iggi?", fragte Ciel neugierig und hielt seinen Keks in die Flammen, um ihn zu rösten.

    "Oscar war 23 Jahre alt und ich wie erwähnt 16 Jahre", sagte Ignatio und folgte Ciels Beispiel.


    "War Dein Mann lieb? Beschreib ihn mal", bat Ciel und grinste, als Ignatio auch seinen Keks röstete.

    "Oscar, wie war Oscar? Oh ja lieb war er. Er war ein gemütlicher Mann der seine Familie und sein Zuhause von ganzem Herzen liebte. Er wusste sehr viel über die Natur, über Chemie und sein Beruf machte ihm viel Freude. Oscar war optisch das Gegenteil von mir, groß - ungefähr so groß wie Dein Vater Oliver also über 190 cm und stabil gebaut. Allerdings nicht trainiert, sondern wie ich sagte, er war ein gemütlicher Typ. Andere würden sagen, er war dick", schmunzelte Ignatio und biss von dem gerösteten Keks ab.


    "Was ist danach passiert Iggi? Was ist geschehen, dass Du ein Bruder der Reinheit wurdest?", fragte Ciel und rutschte näher zu seinem Vorbeter auf.

    "Oscar starb als Bastien 12 Jahre alt war Ciel. Ab dem Tag war alles anders, mein Mann war meine Welt. Ich habe meinen Mann über alles geliebt und unseren Sohn ebenso. Aber meine Welt geriet aus ihren Fugen. Bastien war der einzige Grund, weshalb ich täglich aufgestanden bin. Es war meine Aufgabe und meine Pflicht ihn zu versorgen, er war unser Kind. Das musste ich mir immer wieder sagen, denn er trauerte schließlich genauso.


    Und so schrumpfte meine Lebensaufgabe darauf zusammen, aufzustehen und meinem Kind Essen zuzubereiten. Ich hörte ihm zu und ich versuchte ihm Trost zu spenden, aber wenn Du selbst im Sumpf steckst, kannst Du jemand neben Dir nicht aus den Sumpf ziehen.


    Tag und Nacht verschwammen, es gab kein hell oder dunkel mehr. Alles ging seltsam ineinander über, wurde zu einem kränklichen undefinierbarem Grau. Meine Gefühle passten sich dem an, ich spürte und fühlte nichts mehr. Einzig und allein Bastien war der Lichtstrahl in meiner Welt. Einer Welt voller grauer Asche. Er gehörte dort nicht hin, er sollte nicht in der Asche versinken.


    Es kostete mich alles an Kraft, den Topf auf den Herd zu stellen und zu kochen. Wir hatten diese kleine Küchenzeile mit der einen großen Kochplatte. Dann kam der Tag, wo mich bereits die Planung den Topf auf den Herd zu stellen, alle Kraft kostete.


    Der Gedanke daran, den Topf auf den Herd wuchten zu müssen, ließ meinen ganzen Körper schmerzen, so als wären all meine Knochen zerschmettert worden und schabten ständig aneinander. Alles tat mir weh, alles schmerzte zeitgleich und es war kein Schmerz, den ich ertragen oder akzeptieren konnte.


    Eines Abends stand Bastien mit einem fremden Bruder vor meinem Bett. Er stellte ihn mir als Bruder Jarian Lacand vor. Ich hörte wie mein Sohn ihm erklärte, dass ich krank sei, aber er nicht wisse wie er mir helfen sollte.


    Und dann spürte ich Jarians Gegenwart in meinem Geist. Seit fast zwei Jahren hatte ich meinen Geist verschlossen und er brach die Tür mit sanfter Gewalt auf.


    Und ich sah, was er sah Ciel...

    ...mich, oder das was davon übrig geblieben war.


    Er nahm mich mit und es dauerte weitere zwei Jahre bis ich halbwegs genesen war. Mein Sohn war zwar mit 14 Jahren alt genug, um auf eigenen Beinen zu stehen, dennoch kümmerte er sich auch um ihn. Als Bastien 16 Jahre alt wurde, also weitere zwei Jahre später trat ich der Bruderschaft der Reinheit bei.


    Bastien bedrängte Yves nicht, er warb um ihn. Keine Person symbolisiert mehr Nähe und Geborgenheit als ein Mannie oder ein Behüter. Yves ist einer der wenigen Behüter, der erreichbar ist. Es ist meine Schuld... es war meine Schwäche, nicht die von Bastien", erzählte Ignatio leise, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.


    Ciel drückte sich an den Vorbeter und legte einen Arm um ihn.


    "Was hattest Du für eine Krankheit Iggi?", fragte er ebenso leise Retour.

    "Ein gebrochenes Herz", antwortete Ignatio schlicht.


    "Tassen und Töpfe", wisperte Ciel traurig.

    "Tassen und Töpfe", bestätigte Ignatio und legte ebenfalls einen Arm um Ciel.



    ****

  • Das Ritual


    Ciel schwang sich auf das Turbinen-Motorrad und tat so, als würde er fahren. Dabei musste er allerdings weit vorne sitzen, damit er mit den Händen an den Lenker kam.


    "Iggi wir sind im Wald von Duvallot, ganz in der Nähe ist die Grenze. Früher haben hinter der Grenze die Zwerge gewohnt. Wusstest Du das?", fragte Ciel und beobachtete den Vorbeter, wie er ihre Sachen zusammenräumte.

    "Ja das habe ich gewusst, es ist schon sehr lange her, dass es Zwerge gegeben hat. Über 800 Jahre, Du musst keine Sorge haben, diese Unwürdigen wurden vor langer Zeit ausgerottet", gab Ignatio zurück und reichte Ciel die Tasche mit ihren Habseligkeiten, während er den Rest des Feuers erstickte.


    "Heute leben in ihren Höhlen die Vampire. Das ist auch nicht besser. Müssen wir schon los? Haben wir einen neuen Auftrag?", fragte Ciel neugierig und ließ sich vom Motorrad rutschen.

    "Es sind stets Aufträge zu erledigen Bruder Ciel, Du kannst im Com nachschauen. Dort ist eine Prio-Liste vermerkt und sobald Du eine Aufgabe erledigt hast, steht die nächste an. Jeder Bruder hat darauf Zugriff. Also such Dir einen Auftrag aus und er ist Deiner. Normalerweise wählen wir die Aufträge schlicht so aus, wer am nächsten am Einsatzort ist", sagte Ignatio und reichte Ciel sein Com.


    "Bruder Ignatio die suchen einen Abnormen, was ist das? Und wo bekommen wir den her?", fragte Ciel und kratzte sich am Kopf.

    "Ein Abnormer ist ein Abweichler, also ein Unwürdiger der völlig aus der Art schlägt. Zum Beispiel jemand wie Cyborgs, Ghule, all so etwas bezeichnet man als Abnorm. Der normale Unwürdige ist schon eine Plage, Abnorme machen meist sehr viel Ärger. Man sollte sie nicht allein erledigen. Falls Du den Auftrag annehmen möchtest, rufen wir einen Kampfhexer dazu. Die führen auch eine ganz andere Bewaffnung mit sich und sind anders im Umgang mit Waffen geschult", erklärte Ignatio und schwang sich auf die Maschine. Dabei schlang er die Stoffbahnen seiner Robe nach vorne, damit sie sich nicht in der Maschine verfangen konnte.


    "Darf ich Bastien anrufen?", grinste Ciel von einem Ohr zum anderen.

    "Darfst Du", stimmte Ignatio zu und klopfte auf das Motorrad, "rauf mit Dir".


    Ciel kletterte hinten auf die Maschine und hielt sich an Ignatio fest.


    "Magst Du mir von dem Aufnahmeritual erzählen, während wir fahren?", bat Ciel, während die Maschine mit Grollen zum Leben erwachte und sie losfuhren.


    "Der Aufnahmeritus? Gerne.


    So wie jede Geburt Ciel erlebt man auch diese Geburt nackt. Du stehst vor der Bruderschaft, zwischen Dir und ihnen steht der Weihetisch. Dein Vorbeter hat ihn für Dich gedeckt, in meinem Fall war das Bruder Jarian Lacand. Weiß ist das Tuch, dass auf dem Tisch liegt, der Ritualraum selbst liegt im Dunklen. Nun nicht ganz, erhellt wird er ausschließlich von dem warmen Licht der Öllampen.


    Der Tisch ist gedeckt mit Deinem neuen Ritualdolch und einem Kelch. In diesem Kelch befindet sich reines Quellwasser gemischt mit Ihoxud. Ihoxud ist eine extrem bewusstseinserweiternde Substanz. Beides stand vor mir auf dem Tisch und wie es das Ritual verlangte, legte ich die Fingerspitzen meiner Hände auf das Tuch und senkte den Blick.


    Dreimal fragte mich mein Vorbeter ob ich bereit wäre der Bruderschaft der Reinheit beizutreten.

    Dreimal beantwortete ich seine Frage mit Ja.


    "Dreimal wurdest Du gefragt, ob Du bereit bist der Bruderschaft der Reinheit beizutreten.

    Dreimal lautete Deine Antwort ja.

    Drei Schlucke wirst Du aus dem Kelch trinken.

    Drei Schnitte wirst Du setzen und das ewige Band mit Blut besiegeln".


    Nachdem die Worte verklungen waren, nahm ich die Fingerspitzen vom Tisch und ergriff mit beiden Händen den Kelch und nahm drei Schlucke. Behutsam stellte ich ihn wieder ab, schloss die Augen und lauschte den Gebeten, die meine Brüder rezitierten. Der Klang ihrer Stimmen veränderte sich und ich wusste die Zeit des Blutes war gekommen.


    Meine Ohren hörten scheinbar alles, das was die Brüder beteten... aber auch wie sie, wie ich, wie jedes Lebewesen in diesem Raum funktionierte. Jedes Einatmen nahm ich wahr, jedes Klacken der Zähne aufeinander, die Geräusche die die Zungen verursachten beim Sprechen und weit hinter dem Ritualraum tausende und abertausende Geräusche die mein Bewusstsein über meine Ohren bedrängten.


    Und die anderen Sinne? Sie waren nicht minder messerscharf, mehr noch von einer Schärfe wie man sie sich kaum vorstellen kann. Der bittere, beißende Geruch der Asche die meine Brüder auf ihrer Haut trugen. Der minimale Brandgeruch toter Vampire, der der Asche noch anhaftete. Ich glaube sogar die Vampire selbst dahinter riechen zu können. Der Geruch des Weihetisches, sein harziges Holz, geschlagen vor Äonen von Jahren und jedes davon konnte ich riechen. Der Duft des gestärkten Tuchs auf dem Tisch, ein Hauch von Sommerblüten, längst vergangener Sommer, nicht mehr als eine blasse Erinnerung und dennoch da.


    Die Wände, verputzt mit einem Gemisch aus Asche und Kalk, Reinheit und gefallene Feinde verewigt auf den Wänden. Es war als könnte ich ihre Gesichter wahrnehmen, dazwischen ein Geflecht aus...


    Zu viel... es war zu viel, die einzige Möglichkeit war seine Sinne zu kanalisieren.


    Meine Finger schlossen sich um den Dolch. Greifen... ist Begreifen. Wie leicht man das Wort doch verwendet, ohne sich der wahren Bedeutung bewusst zu sein. In diesem Moment aber explodierte mein Bewusstsein und der Griff um den Dolch löste völliges Begreifen aus. Ich spürte jede noch so kleine Erhabenheit auf diesem Dolch, fühlte die feine Maserung in der das Metall gefaltet worden war und spürte die Hitze, die Glut, dass Blut des Metalls aus dem er geboren wurde... so wie ich neu geboren werden würde...


    Seine Schärfe schnitt in mein Fleisch, spaltete, klappte Fleisch auseinander und formte es um. So wie meine Seele in dem Moment umgeformt wurde. Mein Körper schrie nach Erlösung, genau wie meine Gebete. Der Schmerz war unbeschreiblich und tropfte mit meinem Blut zu Boden, benetzte die Klinge und knüpfte das Band, zu meiner Bruderschaft.


    Als es vollbracht war legte ich den blutigen Dolch auf das weiße Tuch des Tisches.


    "Wen heißen wir in unserer Mitte willkommen?", die Worte meines Vorbeters führten meine zu neuen Höhen gepeischten Sinne in den Ritusraum zurück.


    "Ignatio Lacand", antwortete ich.

    "Willkommen Bruder Ignatio".


    Willkommen Bruder Ignatio... die Worte die Sinn schufen und den Schmerz der Welt löschten".


    Ciel drückte sich an Ignatio und dachte über das Gehörte nach.

    "Wo hast Du Dich geschnitten und... wie?", fragte er leise.


    "Zuerst habe ich die Vorhaut meines Schafts abgeschnitten. Den Schaft von der Glanz der Länge nach gespalten und zum Schluss einen Teil des Scrotums gespalten. Also den Schaft von unten aufgeschnitten. Ich wählte damit den mittleren Weg, keine vollständige Entfernung. Mein Vorbeter ging selbst den mittleren Weg, keine Extreme sagte er, weder zu lasch noch zu hart. Wobei die meisten uns persönlich und unsere Opferbereitschaft schon allein als extrem bezeichnen würden. Vom Bauchnabel ab bis hinunter zum Schambereich bin ich scarifiziert. Die Bruderschaft der Reinheit ist nicht Dein Weg Ciel", antwortete Ignatio wohlwollend.

  • Der Anruf


    Ciel klammerte sich mit einem Arm an Ignatio fest und durchstöberte die Kontakte des Vorbeters auf dessen Com. Die meisten Namen sagten ihm nichts. Doch wer Ecimius oder Bastien war, wusste Ciel. Seine eigene Comnummer war ebenso abgespeichert, was den kleinen Jungen freute. Er rief erneut die Nummer von Bastien auf, drückte auf wählen und klemmte sich das Com ans Ohr. Es klingelte dreimal, ehe Bastien an sein Com ging.


    "Grüße, schön dass Du Dich meldest", hörte Ciel den Kampfhexer grüßen. Die Stimme von Bastien war Bluthexertypisch tief und klang ein wenig verwaschen, so als würde er etwas nuscheln.

    "Alle freuen sich, wenn ich anrufe. Hallo Bastien, Dein Papa sagt ich darf Dich anrufen. Wir brauchen Deine Hilfe", antwortete Ciel freundlich, während Ignatio dem Drang widerstehen musste sich nach Ciel umzudrehen.


    "Aha und wer bist Du? Wobei benötigt Ihr meine Hilfe? Bist Du ein Schutzbefohlener?", hakte Bastien nach.

    "Ich? Ich bin der Auserwählte Kronprince Ciel Aime Emile de Souvagne. Man muss sich am Com vorstellen, Du hast Recht. Wir suchen einen Abnormen und Dein Papa sagte, die sind gefährlich. Könntest Du vorbeikommen und helfen? Bring Waffen mit, wir haben nur zwei Dolche und so ein anderes Ding", erklärte Ciel gewichtig.


    "Kleiner wo immer Du das Com her hast, gib es im nächsten Tempel des Ainuwar ab. Dass ist das Com eines Bruder der Reinheit, eines Läuterers! Das ist kein Spielzeug. Wo hast Du es her? Und war ein älterer Bruder in der Nähe? Ich hoffe doch Du bist einer der unseren und keiner dieser Haarträger. Also wer bist Du?", hakte Bastien nach.

    "Iggi Dein Sohn ist wieder frech und glaubt mir nicht", rief Ciel nach vorne und hielt Ignatio das Com hin.

    "Iggi?!?", stutzte Bastien am anderen Ende.


    Ignatio hielt mit dem Motorrad an und nahm Ciel das Com ab.


    "Bist Du noch dran Bastien?", fragte Ignatio und schaltete das Motorrad ab.

    "Grüße, schön von Dir zu hören. Wer war das am Com? Und wobei benötigt Ihr Hilfe? Und woher weiß er, wer ich bin?", wollte Bastien von Ignatio wissen.


    "Genau jene Person, als die er sich vorgestellt hat. Der Kronprince de Souvagne, der Prophezeite. Er begleitet mich die rituellen drei Tage und drei Nächte, um einen Einblick in die Bruderschaft zu erhalten. Da er nach meiner Vergangenheit fragte, habe ich ihm von unserer Familie erzählt.


    Wir sind einem Abnormen auf der Spur, müssten dazu aber hinter die Grenze, hinter die Mauer. Wie schnell kannst Du in Grivois sein? Passende Bewaffnung wäre nicht schlecht, wie Ciel sagte verfügen wir über zwei Dolche, einen Einäscherer und er hat seine eigene Schusswaffe vergessen zu erwähnen. Meine Waffe wäre ausreichend es zu töten, aber ich möchte die Kreatur lebend sichern, zwecks Verhör. Falls Du unabkömmlich bist, schick einen vertrauensvollen Bruder", antwortete Ignatio seinem Sohn in aller Ruhe.

    "Der Kronprince begleitet Dich? Das ist eine gewaltige Ehre und Verantwortung. Man sagt er hat engen Kontakt zu Yves Hugo. Zur Zeit bin ich in Beaufort, also ich kann ziemlich schnell in Grivois sein. In einer Stunde wäre ich da", gab Bastien zurück.


    "In einer Stunde in Grivois, Tempel des Ainuwar. Bewaffnung Deinerseits, Scharfschützengewehr, Rest normale Ausrüstung samt Ersatzmunition. Bedarf meinerseits, eine Ampulle Lubidex Narkosemittel bevorzug Autoinjektor, eine Ampulle Ihoxud Bewusstseinserweiterer, Verhörbesteck und zwei Ersatzpistolen.

    Zu Deinen Anmerkungen Bastien - falls Du mich etwas fragen möchtest, frag. Falls Du mir etwas sagen möchtest, sprich", hielt Ignatio dagegen und ließ das Motorrad wieder an.

    "Iggi nicht stänkern", warf Ciel ein und guckte grimmig.


    "Ich stänkere nicht, ich gebe einen Beschaffungsauftrag durch", hielt der Vorbeter dagegeben.

    "Doch. Du musst lieb und freundlich zu Deinem Sohn sein. Er hat nur noch Dich, Du musst auf ihn aufpassen. Audric hätte Dir was gehustet", antwortete Ciel tröstend.


    Ignatio musterte Ciel für einen Moment mit einem Blick, bei dem sich andere Brüder eingeschissen hätten, aber der kleine Junge hielt seinem Blick offen stand. Der Blick des Vorbeters wurde milde und Ignatio nickte blinzelnd.

    "Du hast Recht Ciel, es gelten immer noch die Dogmen eines Vaters, des Ordens und unserer Bruderschaft. Deine Worte sind weise und absolut", lenkte Ignatio ein und wandte sich dann an seinen Sohn.

    "In einer Stunde in Grivois mit den geford... gewünschten Einsatzmitteln, in Ordnung? Entschuldige meinen Ton Basti, bis gleich", sagte Ignatio freundlich und strich Ciel über den Kopf, was den kleinen Jungen staunen ließ.

    "Danke an den Prophezeiten. Bis gleich Paps Thierry", antwortete Bastien und legte auf.


    Ignatio starrte verdattert auf das Com.


    "Ich sag ja er ist frech, aber Du warst selbst schuld Iggi", grinste Ciel.

    "Stimmt, Merde", grinste der Vorbeter zurück.


    "Du hast Merde gesagt, MERDE!", lachte Ciel, als sie wieder losfuhren.

  • Grivois - Tempel des Ainuwar


    Ignatio betrat gemeinsam mit Ciel den Tempel des Ainuwar in Grivois. Sie betraten nicht nur einen Tempel, scheinbar betraten sie auch eine andere Zeit. Dunkel war es in den heiligen Hallen, aber nicht auf bedrohliche Weise. Erhellt wurde der Tempel vom Lichtschein hunderter Öllampen, die ein sanftes, warmes Licht spendeten.


    Die Robe von Ignatio war das einzige Geräusch, dass Ciel vernahm, so als würden die uralten Wände jedes andere Geräusch verschlucken. Hinter dem mächtigen Altar stand eine riesige Statue - Ainuwar.


    Ein Mann in einer weiten, wallenden Robe, deren Kapuze das Gesicht verbarg und deren Ärmel keinen Blick auf die Hände zuließen.


    Ignatio blieb stehen und schaute zur Statue auf. Ciel folgte dem Beispiel des Vorbeters und blieb nehmen ihm stehen.


    "Eines Tages wirst Du in diesem Tempel stehen Prophezeiter. Ainuwar ist das Sinnbild all dessen, was unser Orden wünscht und repräsentiert. Du hingegen bist die Personifikation all dessen, Dein Gesicht und Deine Hände liegen nicht im Schatten der Spekulation. Steht man einst vor Dir, steht man vor dem Antlitz Souvagnes und des Ordens, Deine Hände sind Greifen wie Begreifen. Segnend, behütend, strafend, es liegt bei Dir Auserwählter. Eines nicht mehr fernen Tages Ciel, wird man Dir Statuen errichten", erklärte Ignatio seinem Schüler und Ciel nickte mit ernster Miene.


    Er war zwar nur ein kleiner Junge, aber er wusste trotz seines Alters, welche Hoffnung und Verantwortung aufs einen Schultern lagen.


    Gemeinsam mit Ignatio schritt Ciel nach vorne an den Altar. Der Vorbeter zog seine Handschuhe aus und steckte sie an seinen Gürtel, dabei offenbarten seine Hände und Unterarme kreisrunde Brandmale. Einige frisch, andere verheilt, die anderen fast nur noch schmerzhafte Erinnerungen. In einer innigen, ja fast liebevollen Geste entzündete er eine der Öllampen.


    Mit geschlossenen Augen faltete Ignatio die Hände zum Gebet und verharrte in dieser Position. Ciel wartete neben ihm mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen.


    Einige Augenblicke später löste sich Ignatio aus seiner Haltung und zog sich die Handschuhe wieder über.


    "Iggi?", flüsterte Ciel, da es ihm nicht Recht erschien, an diesem Ort laut zu sprechen.

    "Ja? Was möchtest Du wissen?", fragte Ignatio und schaute Ciel wohlwollend an.


    "Das ist eine gute Angewohnheit, ein Licht für jemand anzuzünden. Das mag ich, dass war für Dein Mann oder?", fragte Ciel.


    "Oh eine Belehrung des Prophezeiten im Hause Ainuwars, na gut. Zuerst ein Dank an Dich. Danke für die lieben Worte Ciel. Nun die Belehrung, damit Du etwas lernst. Ciel es gibt keine guten Angewohnheiten. Gewohnheiten bedeuten dass man unbewusst funktioniert. Man sollte sich stets allem bewusst sein. Denn das ist es was uns ausmacht, Dinge bewusst zu tun! Gewohnheiten bedeuten festgelegte Realitäten bei denen man nicht denken muss. Das ist nicht effektiv und so wird man niemals Perfektion im Geist erreichen. Es ist die geheuchelte Effektivität der Unwissenden und Unwürdigen, jenen die nicht denken wollen! Sie funktionieren automatisch, also wie ein Automat.


    Um Deine Frage zu beantworten, ja dieses Licht habe ich für Oscar entzündet. Weshalb? Weil ich mich dazu entschieden habe. Wir beide haben über meine Vergangenheit gesprochen, Du hast mich etwas gelehrt, Du hast mich belehrt und Du hast mich daran erinnert, dass man niemals einer Annahme unterliegen soll. Gerade dann nicht, wenn die Gefühle einen dazu verleiten wollen.


    In dem Moment der Schwäche war es so leicht unfreundlich zu werden, anstatt zu hinterfragen ob Bastien etwas fragen möchte. Meine Befürchtung war, er würde mich fragen, weshalb ich mich nicht öfter melde. Hat er mich das gefragt? Nein. Ich habe es nur angenommen. Wenn ich mich vor einem derartigen Vorwurf fürchte, liegt das Vergehen nicht bei Bastien und meine Unzulänglichkeit hinter Unfreundlichkeit zu verstecken war schlicht faklach.


    Die Antwort liegt auf der Hand, möchte ich keinen derartigen Vorwurf hören, sollte ich dazu keinen Anlass bieten. Darauf hast Du mich hingewiesen und dafür danke ich Dir", antwortete Ignatio freundlich.


    "Mir hat Bastien leid getan, als Du gemeckert hast. Du hast ihn doch lieb, er ist Dein Sohn. Vermisst Du ihn?", fragte Ciel und schaute zu Ignatio auf.

    "Das glaube ich Dir und Du warst im Recht, ich hätte nicht meckern sollen. Beides Ciel", stimmte Ignatio zu.


    "Zündest Du für Pepes Papa Eloy auch ein Licht an Iggi? Bitte?", bat Ciel leise.

    "Selbstverständlich", antwortete Ignatio mild.


    Erneut zog er die Handschuhe aus, entzündete eine der Öllampen und zückte seinen Opferdolch. Ignatio schnitt sich in den Unterarm und ließ einige Tropfen Blut in das Öl der Lampe fallen. Mit drei Fingern nahm er das Blut von sich auf und zog Ciel drei Streifen von der Stirn bis zu den Augenbrauen, ehe er die Hände zum Gebet faltete. Ciel tat es dem Vorbeter erneut gleich und wartete ab.


    Als der Vorbeter das Gebet beendet hatte reichte Ciel ihm die Hand. Ignatio umschloss sie vorsichtig mit seiner eigenen und beide schauten einen Moment lang wortlos in die Flammen.


    "Blut für Blut", rezitierte Ciel.

    "Blut für Blut, Du wirst Eloys Mörder läutern und Dein Gesicht mit seiner Asche pudern", gab Ignatio mit felsenfester Überzeugung zurück.


    "So sei es Brüder, möge es das Blut unserer Feinde regnen", antwortete eine tiefe, sonore Stimme.


    Ignatio und Ciel drehten sich synchron zu dem Sprecher um. Ein hochgewachsener Kampfhexer mit einer vernarbten, linken Gesichtshälfte stand hinter ihnen im Tempel und neigte leicht das Haupt.


    "Bruder Bastien", freute sich Ciel und zupfte an Ignatios Hand.

    "Sohn", grüßte Ignatio herzlich.

    "Bruder Ciel und Paps", antwortete der Kampfhexer schmunzelnd.


    "Obenza wartet auf eine Läuterung meine Lieben", schmunzelte der Vorbeter sein messerdünnes Lächeln.