Kapitel 81 - Melvins Wahl

  • Melvins erster Probetag

    Melvin stand sehr früh vor dem Zugangsbereich für die Schockkonstabler, wo er sich ankündigte, um seinen ersten Probetag gemeinsam mit Eddy und Garlyn zu vollbringen. Dazu hatte er sich passende Kleidung angelegt, die er sonst bei der Arbeit getragen hatte, aber vielleicht würde er auch welche erhalten. Im Gegensatz zu früher war er unbewaffnet, denn noch war er kein Naridier und gehörte hier auch nicht zum Sicherheitspersonal, weshalb man es ihm übel nehmen konnte, wenn er sich mit einer Waffe hier zutritt Verschaffen wollte.


    So wartete er also, seine Nervosität unter einer professionellen Miene versteckend. Doch da war noch mehr - Freude, Eddy und Garlyn wiederzusehen.

  • Lange musste Mel nicht warten, denn Edwin erschien gemeinsam mit Garlyn zum Dienst. Vollgerüstet mit Ausnahme des Helmes, den er unter dem Arm trug, trat er dem Tuteur entgegen.


    "Grüße, Du bist pünktlicher als pünktlich, dass gefällt mir. Deine Ausrüstung wird für heute ausreichen Mel, aber solltest Du Dich bei uns einschreiben wirst Du eine vollständige neue Ausrüstung erhalten. Die wird Dir angepasst, also mach Dir darüber keine Sorgen. Bevor es losgeht, hast Du irgendwelche Fragen?


    Falls nicht, heute ist Dein erster Probetag Mel. Von Proben innerhalb sicherer Parameter halte ich nichts. Das heißt, in der Probezeit, wirst Du ganz normalen tatsächlichen Dienst mit uns schieben. So als wärst Du bereits einer von uns, denn für die Zeit bist Du das auch. Mein Wort ist dafür nicht ausschlaggebend, sondern das Deines Richters und Valerian sprach sich für Dich aus. Das heißt, heute lernst Du das wichtigste und mächtigste Gebäude Naridiens von innen kennen.


    Das Du über alles was Du dort sieht und kennenlernen wirst, Stillschweigen zu bewahren hast, sage ich Dir hiermit offiziell", erklärte Eddy und reichte Melvin eine Schusswaffe.


    "Wir rücken ab", sagte er freundlich und gab den Weg vor.


    Weit hatten sie nicht zu laufen und vor dem Zugangsbereich warteten einige Aeros. Eddy stieg ein und wartete bis Melvin und Garlyn saßen. Dann fuhr er das Moto hoch, startete durch und flog ab. Fast gemächlich zogen sie durch die Luftstraßen, so dass Mel die unter ihm liegende Stadt in der aufgehenden Morgensonne bewundern konnte. Noch war die Luft einigermaßen klar, der Dunst der Stadt würde erst im Laufe des Tages aufsteigen und sich nachts wie ein schwerer Mantel auf sie niederlegen.


    Und dann kam es in Sicht, dass mächtigste Gebäude des Landes Naridien, das Hauptgerichtsgebäude. Machtzentrale, Regierungsgebäude und Gericht in einem. Golden brachen sich die Sonnenstrahlen auf seiner Fassade und hießen Melvin willkommen.


    Hauptgerichtsgebäude:

    https://www.minpic.de/i/bs3r/1lsz0l

  • Melvin lächelte und sah rundum glücklich aus. Er gehörte zu jenen, denen die Gefühle aufs Gesicht geschrieben standen.


    "Ich habe keine Fragen, Eddy - bis auf die eine, ob ich dich im Dienst ebenso Eddy nennen darf oder Herr Everfurth?"


    Im Aero saßen seine beiden Begleiter vorn, er machte es sich hinten gemütlich und sah während der Fahrt aus dem Fenster. Das Motorengeräusch beruhigte ihn ebenso, wie das sanfte anfahren, beschleunigen und wieder abbremsen, die leichte Neigung, wenn sie in die Kurven gingen. Man sah es Melvin nicht an, doch er hatte die Nacht durchgeweint, weil er seinen alten Herrn so vermisste und keine anderen Tuteurs an seiner Seite hatte. Die Aldos hatten sich gegenseitig, er hatte niemanden mehr. Das Gefühl, mit Eddy und Garlyn gemeinsam im Aero zur Arbeit zu fahren, gab ihm ein Stück Normalität zurück. Die Ruhe, welche die beiden ausstrahlten, tat ihm gut.


    Das erste Mal bekam er das Hauptgerichtsgebäude von Naridien zu sehen, einen wuchtigen Wolkenkratzer aus zwei Türmen, die mit dem spiralförmigen Umbau verbunden waren. Auf diesem Gürtel grünten Gärten, in dem sich die Beamten wohl erholen konnten. Aus manchen Perspektiven schien es, als stünde der Turm auf zwei Beinen, ehe sich offenbarte, dass es zwei Türme waren.


    "Bitte gib mir genaue Anweisungen, was ich wann tun soll", bat Melvin. "Vermutlich unterscheidet sich der Dienst eines Tuteurs von dem eines Schockkonstablers mehr als unwesentlich."

  • Eddy landete am Fuße des gewaltigen Gebäudes, das Moto verharrte einen Moment, ehe sie in die Straße einbogen die genau unter das Gebäude führte. Von der Helligkeit wurden sie für einen Moment verschluckt und kamen in einem Licht heraus, das man zu Recht als golden bezeichnen konnte. Eddy parkte das Moto tief in der Tiefgarage wo sie mehrere Sicherheitsschleusen passierten.


    "Einfach Eddy Mel, wir sind Kollegen, Kameraden und ein Team. Wir sind ein fest zusammengehörende Gruppe. Würdest Du Deinen Bruder mit Herrn Sowieso anreden? Also mich bitte auch nicht. Folge mir einfach und tue was ich Dir sage, ansonsten machst Du was ich mache. Keine Angst, falls wer einen auf den Deckel bekommt, dann werde ich das sein. Falls Du Kollegen siehst, grüße sie. Falls Du einen der Richter siehst, grüße sie! Falls Du den Obersten Richter siehst, grüße ihn. Euer Ehren ist die korrekte Bezeichnung für die Richter. Sollte Dich einer ansprechen antwortest Du ihm zum Beispiel mit ja Euer Ehren von Hohenfelde. Euer Ehren kann man auch andere Richter nennen, aber der Rat der Zehn sind die Regierung des Landes. Drum bist Du mit Euer Ehren nie in ein Fettnäpfchen getreten.


    Zu machen Bereichen hast Du keinen Zugang, akzeptiere dass und versuch nicht hineinzukommen, das einzige wo Du sonst hinein geraten würdest, sind Schwierigkeit. Du streifst auch nicht allein im Gebäude herum, sondern wenn Du es Dir gerne einmal angucken möchtest, was ich verstehen kann, führe ich Dich gerne herum. Das machen wir am besten Etappenweise, denn wie Du von Außen gesehen hast, hat es die Ausmaße der meisten Megatürme. Es gibt hier Verhandlungssäle, Besprechungsräume, die Sicherheitskammern über den Gerichtssälen, die Richter haben auch hier eigene Büros, es gibt Kantinen, es gibt Aufenthaltsbereiche und es gibt sogar Wohnräume für die Richter, falls sie über Nacht bleiben müssen.


    Die wenigsten nutzen sie dafür. Meist nutzen sie sie für die Pause oder um sich in Ruhe auf einen Fall vorzubereiten. Wir haben sogar eine eigene Busstation mit eigener Haltestelle. Also dieses Gebäude ist nicht nur riesig, mächtig und beherrbergt unsere Regierung und den besten Speiseeisstand im ganzen Land, nein wir haben sogar zig eigene Anbindungen.


    Falls Valerian also Ehren von Hohenfelde Dich für einen Botengang einspannt oder etwas von Dir weggebracht oder geholt haben möchte, gehen wir gemeinsam, ehe Du verloren gehst. Wir haben passend zu unseren Richtern hier übrigens auch einigene Aufenthaltsräume für Ausrüstung, Waffen und so weiter. Wir haben es aber stets so gehalten, dass wenn unser Richter hier vor Ort in seiner Wohneinheit bleibt, bleiben wir bei ihm. Das ist sicherer. Kommt", bat Eddy und gab den Weg zu den Aufzügen vor.



    Gerichtshauptgebäude:

    https://www.minpic.de/v/bs3u/dlj0i

  • Melvin begleitete Eddy und Garlyn zu den Aufzügen, dankbar für die ausführlichen Erklärungen. Er blieb vor dem Eingang noch einmal stehen, legte den Kopf in den Nacken und blickte hinauf. Die verglaste Fassade streckte sich senkrecht hinauf in Richtung Himmel, die aufgehende Sonne spiegelte sich darin, so dass man nicht in die Räume hinter den Fenstern blicken konnte. Das Dach vermochte Melvin nur zu erahnen.


    "Wie lange hat es gedauert, das zu errichten? Und wie alt ist es?" Es wirkte modern, mit leichtem ledwicker Einschlag der Architektur. Doch es mochte sein, dass man das Gebäude nur modernisiert hatte.

  • Eddy schenkte Melvin ein aufmunterndes Schmunzeln, als dieser in den Kopf in den Nacken legte und nach oben blickte.


    "Du hast ein sehr gutes Auge Mel, erbaut wurde das höchste Gericht von einem ehemaligen Ledvicco. Eine kleine Geschichtsstunde, die Du vermutlich schon kennst.


    Im Jahr 824 nach der Asche verschwand die Ledwicker Stadt Monleone.

    Hierzu gibt es folgende Überlieferung.



    ...Bald würde es reiche Beute geben, das hatte Ismit fo-Kurami seinen Männern versprochen. Weder der Starkregen noch die Stürme des Windmondes im Herbst konnten sie aufhalten. Die Plünderer umrundeten die souvagnische Mauer in gebührendem Abstand, um zum scheinbar ungeschützt an der Küste liegenden Ledwick vorzudringen. Mit schmatzenden Reifen und röhrenden Motoren arbeiteten die Geländewagen sich durch den Sumpf. Ohne den Baumdörfern Beachtung zu schenken, drangen sie auf den wenigen halbwegs festen Routen immer weiter nach Süden vor. Dabei blieb das eine oder andere Fahrzeug stecken, doch das hatten sie einkalkuliert und verteilten die Insassen auf die übrigen Wagen. Die Ledvigiani nutzten in ihrem Land Schiffe und Wasserstraßen, für Landwege hatten sie nie viel übrig gehabt, doch das würde Ismit nicht aufhalten. Geschwindigkeit war ihr bester Freund und seit Äonen schon die bevorzugte Taktik seines Volkes. Im Süden lag das reiche Monleone, die tausend Jahre alte Handelsmetropole der Ledvigiani, die sie einst auf Stelzen in einer Lagune des Dhunischen Ozeans errichtet hatten. Eine Stadt ohne Mauern und Wehranlagen. Warum sie in all der Zeit nie erobert wurde, entzog sich seinem Verständnis, doch das würde sich nun ändern. Ismit schaltete einen Gang höher und schaukelte mit seinem Wagen durch den Zypressenwald.


    Doch als die plündernden Horden dessen, was aus den Rakshanern geworden war, nach Tagen der Mühsal die Hauptstadt erreichten - fanden sie nichts als ein paar faulende Stelzen vor. Ismit zog seine Karte aus dem Handschuhfach und betrachtete sie. Doch, das war die richtige Stelle. Aber wo war die Stadt? Ein paar Gondeln lagen verwaist am Ufer. Sie setzten sich hinein, improvisierten aus Holzstücken unförmige Paddel und eierten damit, immer wieder miteinander kollidierend, zu dem Holzgerippe Monleones hinüber, anstatt sie zu staken. Das Wasser war noch nie das bevorzugte Element der einstigen Wüstensöhne gewesen. Die Plünderer irrten über die verbliebenen Plattformen und Brücken. Ihr Anführer kratzte sich nachdenklich den Turban.


    Die Ledvigiani waren bekannt dafür, dass sie ihren Feinden ein Schnippchen schlugen, indem sie Konfrontationen geschickt auswichen. Trotz aller Planung waren sie offenbar zu langsam gewesen. Hier gab es gar nichts mehr, nicht einmal mehr verlassene Häuser, nur noch die Stelzen und einige muschelbesetzte Balken und ein paar schiefe Holzhütten an den Rändern der ehemaligen Stadt. Dabei hatte Ismit alles daran gesetzt, dass sie möglichst rasch vorrückten! Sogar die Dörfer hatten sie verschont, selbst dann, wenn sie direkt an ihnen vorbeikamen. Er kannte zahllose Geschichten davon, wie die anlandenden Norkara in Ledwick nur noch leere Dörfer vorfanden, in denen es nichts zu holen gab, weil die Bewohner sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht hatten. Alles, was irgendeinen Nutzen für den Feind haben konnte, hatten die Ledvigiani mitgenommen und wo das nicht möglich war, hatten sie das zurückgelassene Hab und Gut zerstört und unbrauchbar gemacht. Da viele Streitmächte davon lebten, sich unterwegs durch Plünderungen zu versorgen, war es eine mittlere Katastrophe, wenn eine Plünderung von solchem Ausmaß eingeplant war und dann einfach vollständig ausfiel. Nun hatten die Ledvigiani es scheinbar endgültig übertrieben und sogar ihre Steinhäuser abgerissen! Die wieder aufzubauen würde sehr viel umständlicher sein, als nur ein Holzdorf zu rekonstruieren.


    Zurückgeblieben waren jedoch ausgerechnet die Holzhütten der ärmeren Viertel. Dort aber schien Leben zu herrschen. Die Plünderer rückten mit den Maschinenpistolen im Anschlag vor.


    Plötzlich ratterte ein Maschinengewehr aus einem getarnten Schützennest. Eine Salve fraß sich quer durch die Reihe der Männer. Nicht alle von ihnen trugen kugelsichere Westen und gegen ein Maschinengewehr halfen die meisten davon nicht. Etliche Plünderer stürzten getroffen in den Dhunischen Ozean, wo sie ertrinken würden. Die noch Stehenden erwiderten das Feuer, doch da sie nicht wussten, von wo aus sie beschossen worden, vergeudeten sie ihre Munition.


    »Männer«, rief Ismit und hob seine Maschinenpistole, um seine Befehle zu brüllen, doch weiter kam er nicht. Plötzlich senkte sich Stille auf Monleones hölzernes Skelett. Das Rattern aus dem Nest verebbte und sogar der Wind schien den Atem anzuhalten. Einen Moment stand die Zeit still. Dann brachen aus dem Dunkel der Hütten muskelbepackte Monstrositäten, die wohl einstmals Menschen gewesen waren, schwer gepanzert und bis unter die Zähne bewaffnet. Und das war das Ende des Plündertrupps. Nur wenige Überlebende konnten sich zurück aufs Festland retten, wo sie in ihre Geländewagen sprangen und mit brüllenden Motoren davonjagten.
    Die restlichen Wagen sicherten sich die Muskelpakete.


    Es war der erste Kontakt der Grob-Nops mit souvagnischen GMOs. Bisher kannten die Plünderer nur den genetischen Abfall, den man in Naridien und Obenza verkaufte. Doch solchen menschlichen Kampfmaschinen, sofern man sie noch menschlich nennen konnte, hatten sie nichts entgegenzusetzen. Genau so wenig wie die Ledvigiani, denen diese GMOs als Geschenk überreicht worden waren.
    Der Ledvigiano ließ seine Aufklärungsdrohne, welche einem lebenden Kormoran täuschend ähnlich sah, abfliegen und heimkehren. Damit endete die Übertragung.


    »Möchtet Ihr etwas unternehmen, Majestät?«, erkundigte sich der General bei seinem Duca.
    »Nein«, antwortete dieser. »Es war die richtige Entscheidung, zu verschwinden, nachdem diese fleischgewordene Pest aus Souvagne unser Volk bedrohte.


    Und hier bleiben wir, umgeben von nichts als dem Dhunico. Der Ozean wird uns nicht verraten. Der Ozean ist treu, ganz im Gegensatz zu jenen, die sich unsere Verbündeten nannten, mehr noch, unsere Freunde und Verwandten. Eine solche Falle als Geschenk zur Hochzeit unseres Vaters zu verpacken, ist schon besonders perfide. Wie oft haben die Linien von Souvagne und Ledvicco sich in der Vergangenheit gekreuzt, fließt nicht ein Teil unseres Blutes auch in ihren Adern? Nun, in Zukunft wird das nicht mehr vorkommen.«


    Sein General blickte drein, als ob er etwas sagen wollte, doch Giacomo Lorenzo di Ledvicco erteilte ihm nicht die Erlaubnis zu sprechen.


    ›Töte alles, was kein Souvagner ist‹, das war der Befehl gewesen, den man in diesen Kreaturen verankert hatte, um sie an ihre Schöpfer zu binden.


    An diesem Tag hatten die Ledvigiani gelernt, wie weit sich die Souvagner von ihnen genetisch entfernt hatten. Die GMOs, die seinem Vater als Hochzeitsgeschenk überreicht worden waren, hatten ihre neuen Herren entgegen aller Befehle als Feinde identifiziert. Wütende Monster, die alles und jeden erschossen und dabei erschreckend raffiniert vorgingen - sie in einem Häuserkampf zu händeln war selbst für das ledwicker Militär in so kurzer Zeit ein Ding der Unmöglichkeit.


    Seinen Vater hatte es das Leben gekostet und der Kronerbe das Kommando übernommen. Monleone wurde in Rekordzeit evakuiert und alle hochseetauglichen Schiffe mit sich genommen, damit die GMOs ihnen nicht hinaus aufs Meer folgen konnten. Ihnen Monleone trotz der Flucht auf Dauer zu überlassen, kam nicht in Frage. Während die Schiffe sie von der einen Seite abgelenkt hatten, landeten auf der anderen Seite die Handwerker.


    Monleone war keineswegs verschwunden. Die Stadt hatte nur ihren Standort gewechselt und stand nun mitten in der Hochsee, dort wo die wichtigsten Handelsrouten sich kreuzten. Schon immer war es eine Handelsstadt gewesen und das würde es bleiben. Die schwimmenden Häuser von Monleone waren unter dem Kommando des jungen Duca dank eines sehr fähigen Beraterstabs aus Dockschiffen entwickelt worden.


    Dockschiffe waren Transportschiffe, die ihren Rumpf durch das Fluten und Leepumpen der Auftriebskörper unterhalb der Wasseroberfläche absenken konnten. So konnten darauf Objekte gebaut und anschließend bequem zu Wasser gelassen werden. Das Absenken sparte den mühsamen Stapellauf der Objekte, die auf der offenen See eingesetzt werden sollten.


    Sie ins Wasser zu lassen war nicht nur stets ein Risiko, sie zu beschädigen, sondern ab einen bestimmten Gewicht ein extremer technischer Aufwand. Dockschiffe wurden nicht nur für den Schiffsbau, sondern auch für den Bau von anderen Hochseetechnologien verwendet, wie schwimmende Radarstationen oder Plattformen, alles Dinge, die ein hohes Eigengewicht besaßen. Sie zeichneten sich nicht nur dadurch aus, dass sie aufgrund ihres enormen Auftriebs auch sehr schwere Objekte transportieren konnten, sondern auch durch extrem leistungsfähige Motoren.


    So kam Gacomo auf die Idee, die verloren geglaubte Hauptstadt Ledwicks zu retten, indem man die Häuser Stein für Stein abtrug und auf den geretteten Schwimmdocks neu errichtete. Und das taten sie. Es war eine strategische und logistische Meisterleistung, dies trotz der Anwesenheit der hochgefährlichen GMOs zu bewerkstelligen.


    Das Endresultat war eine schwimmende Stadt, die sich aus der Flachwasserzone ihrer vertrauten Lagune entfernen konnte und mitten auf dem offenen Ozean stand. Und dort blieb sie ... während die Ledvigiani in den kommenden Jahren lernten, in die Tiefe abzutauchen und Monleone ihre letzte Schnittstelle mit der Oberfläche blieb...



    ....Die Ledvicco hatten nicht vergessen, dass auch einst Naridien ein Großherzogtum der Almanen gewesen war. Die Naridier hatten vor langer Zeit einen anderen Weg beschritten und was einst zwei Völker trennte wurde nun durch einen unbekannten Feind schrecklichen Ausmaßes vereint. Jedenfalls für einen winzigen Moment in der Geschichte, reichten sich zwei Völker die Hand.


    Agostino Solalino war es, der die Küste Naridiens im Jahre 824 nach der Asche mit letzter Kraft erreichte und nur zwei Dinge im Gepäck mit sich führte.


    Einen Stein aus dem Herzen Ledwicks, genauer gesagt Monleones und eine Warnung...

    "....beschützt Eure Heimat, ... sie werden kommen..."


    Jener Stein den Agostino Solalino uns mit der letzten Warnung eines verschwundenen Volkes brachte, wurde der Grundstein dieses Gebäudes und unserer neuen Regierungsform. Wo ein Meer an Menschen nicht schnell genug entscheiden kann, kann nur eines regieren - die Gerechtigkeit repräsentiert durch die Justiz selbst. Es wurde der Rat der Zehn ausgerufen, mit der Endinstanz des Obersten Richters.


    Sollten sie kommen, wären wir bereit.

    Ledwicks Warnung war die Geburtsstunde dieses Gebäudes, dieser Regierung, des Rates und all dessen was Du heute als Naridien kennst. Der Stein steht noch heute in den tiefen Katakomben dieses Hauses. Sein Name, das Herz Monleones.


    Vielleicht verstehst Du nun, weshalb die Welt und vor allem die Naridier gelernt haben, Souvagne zu misstrauen und es fürchten. Das vor dem einst gewarnt wurde, dieses Unheil trug den Namen Souvrakasier. Dieses Unheil ist nichts gegen dass Ungeheuer, dass nun sein bleiches, kahles Haupt in Souvagne mit erhobenem Zeigefinger erhebt und seine Krallen in den Thron geschlagen hat.


    Das Herz Monleones trägt seine Warnung noch immer in die Welt, zu Recht Melvin. Ein Herz kann aus Stein sein, aber ein Stein kann auch ein wahres Herz sein. Vergiss das nie", sagte Eddy ernst.

  • Melvin lächelte Eddy zu. Wer keine Tuteurs kannte, mochte sich in dem Moment fragen, wie eine dermaßen freundlich aussehende Person auf die Idee kommen konnte, beim Sicherheitsdienst arbeiten zu wollen, gar bei den Schockkonstablern.


    "Ein Herz sollte niemals aus Stein sein, Eddy. Wenn es sich warm anfühlt, dann ist es kein Stein. Mehr als 250 Jahre hat dieses Gebäude gesehen. Zu dieser Zeit wurde Naridien, wie wir es heute kennen, gegründet - von der Republik zur Juristokratie. Die Richter entscheiden, wie das Recht auszulegen ist, sie haben die alleinige Deutungshoheit inne. Der Unterschied zur Aristokratie ist in dem Sinne nicht allzu groß - denn auch der Adel ist gleichzeitig Exekutive und Judikative in einem - und im Falle des Hochadels verkörpert er obendrein die Legislative. Wer macht das Gesetz in Naridien?"


    Fragend blickte Melvin Eddy an.


    "Das Richteramt ist noch nicht erblich, aber es haben sich dennoch ganze Juristendynastien herausgebildet. Das muss den Verfechtern der alten demokratischen Ordnung ein Dorn im Auge sein. Besonders, weil viele Richter ein 'von' im Namen tragen und dem Altadel entstammen."

  • Eddy stieg in den Aufzug und wartete bis Garlyn und Melvin dazugestiegen waren, ehe er auf K drückte und der Aufzug scheinbar in unendliche Tiefen stürzte.


    "Etwas Anschauungsunterricht. Das mit den Juristendynastien hast Du gut erkannt, aber davon ist nur ein Teil wahr Melvin. Das Problem oder sagen wir mal der Zustand ist folgender. Je mehr Geld Du hast, je mehr Möglichkeiten hast Du zu einer hohen Bildung. Stell Dir vor Dein Vater war ein Richter oder sogar ein Richter des Rates. Deine Ausbildung und Dein Studium wird für Dich kein Problem sein. Die Finanzierung ist sichergestellt. Hinzu kommt, selbst wenn Du keine große Leuchte bist, was Dein Fach angeht, man kann Dir derartige Nachhilfe beschaffen, dass Du es lernst. Du benötigst dann vielleicht wesentlich länger als andere, aber Deine Ausbildung kann trotzdem finanziert werden.


    Maßgeblich sind auch die Kontakte. Solche Personen, ob nun Richter, Ärzte, Konzerner und so weiter, kennen Leute die wen kennen, die wiederum wen kennen. Das heißt benötigst Du irgendwo einen Posten, ein Praktium oder dergleichen Du wirst es erhalten. Was in anderen Ländern verpönt ist, ist in Naridien erwünscht. Du bist Firmenboss und ein Richter? Der Aufschrei wegen Lobbyismus wäre in anderen Ländern groß. Hier heißt es, wenn Du nur Richter bist und nichts anderes in der Vita hast, wie kannst Du wissen was zum Beispiel in einer Firma vor sich geht? Worüber sich ein Geschäftsmann Gedanken machen muss? Oder ein Arzt, ein kleiner Angestellter?


    Naridien hat schon immer andere Wege beschritten, aber das sagen auch andere Länder von sich. Wir waren stets dem Handel verpflichtet und so ist nicht allein unser Überleben unser Ziel, sondern auch dass unsere Wirtschaft weiter läuft. Denn ohne sie wären wir genauso erledigt, wie ohne Wasser.


    Das steckt hinter den scheinbaren Dynastien, nicht der alte Adel, sondern der Geldadel. Oft hat Altadel eben Geld und ist beides.


    Zu den Gesetzen. Manche Gesetze schaffen sich förmlich selbst. Manche waren gefühlt schon immer da. Jeder und damit meine ich tatsächlich jeder der Naridier ist, darf einen Gesetzesentwurf einreichen oder einen derartigen Vorschlag unterbreiten. Dieser Vorschlag wird geprüft und dann irgendwann dem höchsten Gericht vorgelegt.


    Ein Gesetzesentwurf wurde eingereicht und wird dann vom Rat der Zehn überprüft. Hier hat der Rat im Konsenz zu entscheiden. Entscheiden sie einstimmig, dass dieses Gesetz angenommen wird, tritt es in Kraft. Alles weitere wird von ihnen ausgearbeitet. Gibt es nur eine Gegenstimme im Rat, kann das Gesetz nicht in Kraft treten. Meist ist es so, dass ein Gesetzentwurf beraten wird, einige sind dafür, andere dagegen. Die Befürworter werden versuchen die Gegner zu überzeugen. Am Ende stehen folgende Möglichkeiten. Alle wurden überzeugt, sie finden einen Kompromiss und arbeiten diesen als Gesetz aus, das Gesetz wird abgelehnt da keine vollständige Zustimmung herbeigeführt werden konnte. Ihre Arten der Überzeugungsarbeit hat ein sehr weites Spektrum Melvin. Auch die Richter selbst können Gesetzesentwürfe einreichen.


    Die Richter des Rates leben gefährlich, den alten Verfechtern war es damals sicher ein Dorn im Auge. Aber mit einer derartigen Gefahr auf der anderen Seite des Ozeans viel die Entscheidung nicht allzuschwer. Dennoch denke ich Du hast völlig Recht. Genauso stimmt es, dass Aristrokratie und Juristrokratie ähnlich regieren. Erblich ist ein Ratssitz nicht. Und ich glaube, die meisten Richter des Rates wünschen ihren Kindern keinen derartigen Posten. Von außen betrachtet ist es gewaltige Macht und wirkt wunderbar. Aber bald Mel hast Du Einblicke was dieses Amt wirklich bedeutet. Sie fahren nicht umsonst Panzerfahrzeuge.


    Das Fatale in meinen Augen daran ist, dass sie diesen ganzen Schutz gar nicht vor ihrem eigenen Volk benötigen, sondern vor sich selbst. Das ist das Traurige", erklärte Eddy.


    Als der Aufzug hielt führte er Garlyn und Melvin durch zig Gänge, sie nahmen erneut einen viel kleineren Aufzug und plötzlich standen sie in einem runden Raum in dessen Mitte eine Vitrine stand. Darin lag das Herz von Monleone.


    Herz von Monleone:

    https://www.minpic.de/i/bs7c/1lltlr

  • Melvin pfiff anerkennend.


    "Verstehe. Legale Hintertürchen zur Allmacht. So funktioniert die Juristokratie. Theoretisch kann jeder Richter werden und jeder ein Gesetz einreichen. Praktisch werden immer die gleichen Blutlinien Richter und praktisch entscheiden sie, dass vor allem ihre eigenen Gesetze es sind, welche den Weg in die Bücher finden. Raffiniert, diese Naridier."


    Melvin betrachtete sich das Herz von Monleone. Unter diesem Namen hätte er sich etwas anderes vorgestellt, einen riesigen Diamanten vielleicht oder einen seltenen Meteorstein. Doch vor ihnen lag ein ganz gewöhnlicher Quader aus einem gelblichen Naturstein. Melvin konnte nichts Besonderes daran erkennen. Der Wert ergab sich nicht aus dem materiellen Wert des Steins, sondern aus der damit verbundenen Geschichte. Diese war wunderschön ... sie sprach von Hoffnung in schwerster Not, von einem Zusammenhalt, der den Sieg über die rohe Brutalität davongetragen hatte. Das gefiel Melvin, auch wenn er wusste, dass es manchmal keine Wahl gab und Blut fließen musste. Dafür war er Tuteur, dafür würde er - vielleicht - bald Schockkonstabler sein.


    "Falls ich eines Tages die naridische Staatsbürgerschaft erhalte, dann werde ich Naridier sein ... dann gelte ich das erste Mal nicht als GMO, sondern als Person. Das verdanke ich Val."

  • "Wer an der Quelle sitzt Melvin, wird eines Tages auch daraus trinken. Altes rakshanisches Sprichwort. Korrekt jeder könnte Richter werden, Du musst Dich nur entsprechend weiterbilden. Sobald ein Posten frei ist, könntest Du Dich darauf bewerben. Sie entscheiden im Konsenz, wer den freien Posten bekommt, sprich welcher Bewerber. Hier wie auch in Strafverfahren gibt es aber eine Ausnahme, passt dem Obersten Richter etwas nicht, hat er das letzte Wort. So kam es zu Richter zwei, Yanko Crespo, einem Ledvicco. Der Oberste Richter Gabin Korpuuk hat ihn allein benannt.


    Warum?


    Die meisten meinen weil er alt wird und gerne einen Vertrauten wie einen Schutzwall zwischen sich und den Rest der Haie haben wollte. Aber so ganz glaube ich das nicht. Möglich dass er einen Vertrauten wünscht, wer wünscht sich das nicht? Aber da steckt sicher mehr dahinter, als ein Richter der ihm die Stange hält.


    Naridier denken meist in geschäftlichen Bahnen. Ein Beispiel, Val würde vermutlich jedem Gesetz zustimmen, dass Biotechnik-Firmen unterstützt. Richter Bechstein wird vermutlich jedes Gesetz unterstützen, dass seinen Verlagshäusern dient und so weiter, Richter Sulitef wird dafür sorgen, dass für seine Lebensmittelkonzerne die Bedingungen optimal sind. Und jene die in der gleichen Sparte mit ihren Firmen tätig sind, halten ihren persönlichen Richtern die Treue. Sie unterstützen mit Informationen, Hinweisen und vielem mehr. Denn sie alle haben gleiche Interessen.


    Nun soweit ich von Theodor weiß, wurde Personenstatus für Dich schon beantragt von Dorian. Wir können nachher mal nachfragen, ob der Antrag schon durch ist. Naridischer Staatsbürger kannst Du dann jederzeit werden. Val ist eigentlich ganz umgänglich, dass wirst Du merken. Er hat manchmal seine Launen, aber wer hat die nicht? Wichtig ist für Dich, dass Du stets beachtest, mit wem er gerade gut steht und mit wem auf Kriegsfuß. Würde er Dich nicht mögen, hätte er Dich für den Posten nicht in Betracht gezogen. Bedenke, im Zweifelsfall vertraut er Dir sein Leben an, oder mir oder Garlyn. Also falls Du Zweifel hast, dass er Dich nicht ausstehen kann oder so, die Zweifel sind damit ausgeräumt.


    Lass uns wieder nach oben fahren, wir fahren ins Büro", erklärte Eddy und führte sie zurück zum Aufzug um diesen zu rufen.

  • "Ich habe keine Zweifel", antwortete Melvin freundlich. "Nicht an Ihren Ehren Valerian von Hohenfelde. Der Einzige, an dem ich manchmal zweifle, bin ich selbst. Aber das soll niemandes sonst Problem sein."


    Er begleitete Eddy in den Aufzug. Garlyn stand dicht neben Eddy und ein Blick von ihm, der an dem Schockkonstabler entlangstrich wie eine zärtliche Hand, hätte Melvin spätestens jetzt verraten, wie Garlyn zu Eddy stand. Die zwei harmonierten wundervoll, Melvin hatte sie noch nie streiten oder auch nur zicken erlebt. Das war nicht nur für die beiden schön, sondern auch für das ganze Team. Falls Melvin bei ihnen einstieg, waren sie zu dritt und dann fehlte noch Nummer vier.


    "Was werden wir heute vor uns haben?", erkundigte Melvin sich. "Einen besonderen Auftrag oder werden wir Herrn von Hohenfelde in seinem Büro sichern, indem wir vor der Tür stehen?"

  • Edwin lehnte sich gegen Garlyn, so dass sie sich berührten. Auf Blicke allein musste sein Schatz nicht zurückgreifen und zur Zeit waren sie allein im Aufzug. Mel gehörte zu ihnen und Eddy hoffte es würde so bleiben.


    "Zuerst sichern wir Val in seinem Büro, während er arbeitet und dann geht es ab zu einer Verhandlung. Valerian rein bei seiner Aktenarbeit zuzuschauen ist zwar genauso unsere Aufgabe, aber davon hast Du nichts, um Dir einen Gesamtüberblick zu verschaffen.


    Heute siehst Du die Richter als Rat einmal in Aktion. Zudem bewachen wir die Räume von innen. Jedenfalls die Richterkabinen. Das heißt wir treten ein, bevor die Verhandlung beginnt und die Kabine wird von innen verschlossen. Niemand hat Zugang, außer der Richter und seine dazugehörigen Leute. Val hat eine Zugangskarte zu seiner Kabine, Miles und ich.


    Der Raum ist groß, ausgestattet wie ein Büro und auch mit einer Sozi-Ecke. Du kommst rein und blickst auf eine gigantische Scheibe. Diese Scheibe ist Panzerglas, da kann nichts passieren. Vor der Scheibe mit etwas Abstand steht der Tisch des Richters, die Scheibe wird vor der Verhandlung abgedunkelt. Ab dato wird das Bild des Richters auf den großen Monitor in den Gerichtssaal übertragen. Deshalb sind die Kabinen auch dunkel. Der Hintergrund wird nicht gesehen.


    Hinzu kommt, so lange Valerian zum Beispiel mit dem Angeklagten redet, wird das ganze übertragen. Sollte er aber pausieren oder mit einem der anderen Richter reden, sich beratschlagen bleibt auf dem Monitor das letzte Bild zu sehen. Sozusagen Pausenmodus. Du wirst sehen und hören, die Richter reden mehr hinter den Kulissen als Du vermutest. Das müssen sie auch, sie müssen sich einigen, etwas abschätzen, sich austauschen und meist tauschen sie auch Seitenhiebe aus, dass ist oft ganz witzig. Aber das kann sich auch hochschaukeln und die haben einen richtig Hals danach aufeinander. Also Obacht Mel", sagte Eddy freundlich, während der Aufzug in die Höhe raste.


    Der Aufzug wurde langsamer, hielt an und sie stiegen aus. Die Flure die sie betraten waren, hell und freundlich und wiese eine fast organische Struktur auf.


    Hauptgerichtsgebäude innen:

    https://www.minpic.de/i/bsag/1isicb


    "Man könnte meinen bei der Bauweise wäre dieses Haus nicht sicher, aber alles Glas was Du siehst, ist Schussfest. Das muss es auch sein, denn manche Verhandlungen haben es in sich. Bedenke wer vor den Rat der Zehn steht, hat gewaltig was auf dem Kerbholz. Heute wirst Du so eine Person kennenlernen. Und je nach Urteil, wirst Du einen ganz besonderen Raum in diesem Gebäude kennenlernen. Einen Raum den man nur einmal betritt und mit den Füßen voran wieder verlässt, kurzum die Todeszelle.


    Du siehst hier im Bereich der Richter und Mitarbeiter gibt es überall auch kleine Möglichkeiten für einen Snack, einen Einkauf für einen Imbiss oder auch Sitzecken. Du hast also auch stets die Möglichkeit Dir etwas in der Pause zu kaufen. Aber bitte sage vorher bescheid, meist geht einer von uns oder einer der Assistenten. Einfach abrücken geht nicht, vor allem dann nicht, wenn die Verhandlung läuft. Du kannst jetzt sagen, dass ist mir doch klar Eddy. Dir vielleicht, anderen war es das nicht. Die denken die Verhandlung läuft, da kann ich ja mal schnell flitzen. Nein. Die Türen bleiben zu.


    Der Bereich mit den Gerichtssälen sieht anders aus, was logisch ist, denn oft genug müssen Schwerverbrecher dort langgeführt werden. Wer hier oben allerdings den ganzen Tag arbeitet, hat eine angenehme Umgebung", erklärte Eddy freundlich und führte Garlyn und Mel die Treppe hoch. Schlicht um ihnen ein bisschen das Gebäude zu zeigen. Er lief einen langen Flur entlang, der ebenfalls hell gehalten war und klopfte dann an eines der Büros.


    Eddy deutete auf die Zimmernummer, Nr.: 303.


    Theodor machte ihnen die Tür auf, schmunzelte kurz und gab den Weg frei.

    "Grüße. Val Deine Truppe ist da", informierte er seinen Boss kurz und verschloss die Tür hinter Eddy, Garlyn und Mel wieder.


    Val schaute auf und deutete den Dreien an, dass sie es sich gemütlich machen sollten.

    "Ebenfalls Grüße von mir und willkommen zum ersten Arbeitstag Melvin", grüßte Valerian und las einen Augenblick später weiter.


    Das Büro war ganz ähnlich dem Büro in der Himmelslanze eingerichtet. Ein großer Schreibtisch für Valerian, an dem er sich auf seine Fälle vorbereiten konnte und eine Sitzecke für jene die hier warteten. Platz war ausreichend vorhanden, so dass sie es sich gemütlich machen konnten. Theo hatte sich wieder auf die Couch gesetzt und wartete ab, was die anderen nun vorhatten.

  • "Wir werden einer Verhandlung beiwohnen? Das freut mich, an solchen Tagen benötigt ein Richter besonderen Schutz und es kann nicht schaden, wenn ein Wächter mehr als üblich ihn begleitet. Es ist zu Valerians Vorteil. Dabei sind die anderen Richter und mögliche Personen von außerhalb vermutlich die größere Gefahr, denn der Angeklagte wird durchsucht und gesichert ins Gebäude gebracht und alles Augenmerk richtet sich auf ihn. Das Risiko eines Befreiungsversuchs oder vielleicht von Protesten, wenn er die Sympathie der Bevölkerung genießt, sind an diesem Punkt das höhere Risiko."


    Nach dieser Einschätzung betraten sie schon den Raum, in dem ihr Richter seiner Arbeit nachging. Der Mann nahm sich Zeit, aufzusehen und sie zu begrüßen, was Melvin zutiefst rührte. Einem Mensch mochte dergleichen gleichgültig sein, doch ein Tuteur, den seine Schutzperson ansprach, fühlte sich, als hätte man ihm ungebeten aus lauter Zuneigung einen warmen Kaffee gebracht oder ein großes Stück Torte hingestellt, auf dessen frisch geschlagenem Sahnehäubchen eine Zuckerkirsche prangte.


    "Ich grüße Euch, Euer Ehren!" Reflexartig verneigte Melvin sich. Ob das in Naridien Sitte war, wusste er nicht, in diesem Moment sah er nur seinen künftigen Boss und tat, was er gewohnt war. Er schob noch ein "Danke, Euer Ehren", nach, dann richtete er sich auf, um einen strategisch günstigen Platz einzunehmen und todernst in die Runde zu blicken. Das ganze Büro kontrollierte er mit seinem Blick im Hinblick auf mögliche Gefahrenquellen und jeder Anwesende, der kein Mitglied seiner Einheit war, wurde streng gemustert, sogar Theodor.

  • Theodor erwiderte den Blick in seiner üblichen stoischen, ruhigen Art. In seinem Blick lag weder Drohung, Bedrohung, noch Angst. Alles kam wie es kommen musste. Jedenfalls was ihn persönlich betraf, anders wäre er als Sicherheitschef kaum tragbar. Das Melvin sich derart umschaute registrierte er mit einem knappen Nicken, ehe er sich wieder seinem Kaffee und Datenpad widmete.

    Valerian schaute erneut auf und schmunzelte Melvin an.


    "Gut erfasst und auf den Punkt gebracht. Die Verhandlung gegen Etzel Fuxwaldt findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, da es sich um eine Gerichtsverhandlung des Rates der Zehn handelt. Alle Verhandlungen vor dem Rat der Zehn finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Verhandlungen polarisieren oft, da es sich dabei um Volksschädigende oder Kapitalverbrechen handelt. Oft ist die eine Seite von der völlig Unschuld eines Angeklagten überzeugt und möchte ihn sofort auf freiem Fuß sehen. Die andere Seite hingegen ist von seiner Schuld überzeugt und möchte ihn in der Todeszelle in den Flammen geröstet sehen.


    Dazwischen gibt es fast niemanden... außer dem Rat der Zehn.


    Wir entscheiden nach Gesetz, Gewissen, den vorliegenden Beweisen und manchmal kommt es vor, dass der Oberste Richter eine Entscheidung über alle anderen hinweg fällt. Falls er eine völlig andere Auffassung hat. Es kommt selten vor, aber es kommt vor.


    Der Angeklagte befindet sich bereits im Gerichtsgebäude in einer der Sicherheitszellen. Vor 256 Jahren mit Entstehung des heutigen Rechtssystems wurden Gefangenentransporte für Gerichtsverhandlungen abgeschafft. Jedenfalls vor dem höchsten Gericht. Dass heißt der Angeklagte wird zu Gericht verbracht und er wird es entweder als frei oder hingerichteter Mann verlassen. Alles andere wäre ineffektiv und ein unnötiges Sicherheitsrisiko.


    Befreiuungsversuche von Gefangenen hat es auch schon gegeben. In dem Fall ist es Eure Aufgabe dass dies unverzüglich unterbunden wird.

    Die interne Regelung lautet bei uns kümmert sich der Pathologe nicht der Psychologe um solche "Störfaktoren".


    Dies hier ist mein Büro, meine Wohneinheit wirst Du später kennenlernen und in einigen Minuten werden wir uns zur meiner Richterkabine begeben. Kein anderer Richter, kein anderes Personal hat ohne meine persönliche Zustimmung zu der Kabine. Niemand haben wir uns verstanden? Gleich mit welcher Ausrede jemand kommt, gleich was er da dort angeblich zu tun hat. Niemand hat dort ohne mein Wissen und schon gar nicht ohne meine Zustimmung Zutritt. Weder der oberste Richter noch die Putzfrau, keiner. Das ist für uns alle lebenswichtig.


    Ebenfalls wichtig ist, dass Du keine Post mitbringst, weder Brief, Päckchen, Paket, Notizzettel oder dergleichen. Gleich was Dir eine fremde Person reicht, Du fasst es nicht an, Du nimmst es nicht an und Du bringst es nicht mit. Von Bomben über Kontaktgift oder biologische oder virenartige Kontamination ist alles möglich. Ein Richter starb an einem zugesteckten Informationszettel...


    Hintergrund, die meisten ermordeten Richter sind einem Kollegen zum Opfer gefallen.


    Ich persönlich habe vier Mordanschläge überlebt, der dritte Mordanschlag hat meinem Mann fast das Leben gekostet. Miles ist ganz ähnlich aufgewertet wie Edwin. Er wurde in der Konstablerklinik behandelt, dort hat man ihm das Leben gerettet. Man kann niemanden in den Tank stopfen und heilen, wenn eine Beatmung nicht möglich ist. Jedenfalls nicht unter den Voraussetzungen der Zeitnot. Deshalb ist er ein Schockkonstabler der Aufwertung nach, ohne ihnen wirklich anzugehören.


    Zur Info an Edwin, Dich Melvin und alle anderen, mein Hasskandidat diese Woche ist Andre Ferreira Oliveira - Richter Nummer 6.

    Immer noch im Auge zu behalten ist Yanko Crespo - Richter Nummer 2.

    In diesem Zusammenhang ist mit Milan Bechstein zusammenzuarbeiten - Richter Nummer 4. Wir haben da sowas wie eine Allianz geschlossen...


    Zum heutigen Fall... Die Strafsache Etzel Fuxwaldt gegen das Land Naridien, Strafsache S10277/1079 steht an. Heute entscheidet sich ob Etzel in Flammen aufgeht, gehen wir", sagte Valerian, packte seine Akten und erhob sich.


    "Zwei gehen vorneweg, Du und ich Mel, Theodor wird neben Val laufen und Garlyn bildet die Nachhut. Keiner hat sich unserem Richter persönlich zu nähern. Körperkontakt ist völlig untersagt", erklärte Eddy Melvin und schon verließen sie das Büro 303 und machten sich auf den Weg zurück in die Tiefe des Gerichtsgebäudes.

  • Melvin nickte. "Niemand wird in Eure Kammer gelassen und stünde Ainuwar persönlich davor, um Euch seinen göttlichen Segen und die Unsterblichkeit zu überreichen. Ich würde ihn erschießen."


    Die benannten Namen legten die Sichtweise von Melvin undiskutabel und unabänderlich fest: Der Richter Nummer 6, Ferreira Oliveira, wurde in seinem Geist sofort zum Feind, der nur noch einen Anlass zu geben brauchte, um von Melvin vernichtet zu werden. Kaum besser traf es Yanko Crespo, Richter Nummer 2. Gab es Anlass für Valerian, ihm zu misstrauen, so potenzierte sich dieses Gefühl in Melvins Hirn.


    Stolz erfüllte ihn, dass er mit Eddy voranmarschieren durfte und das tat er. Für einen Tuteur mochte er zierlich und klein sein, für einen menschlichen Mann war er das nicht und sein sonst so freundliches Gesicht wurde zu einer eisigen Maske, um alle Zweifel von vornherein auszuräumen. Es war nicht seine Aufgabe, freundlich zu sein und Sympathie zu wecken. Jeder, der ihnen begegnete, wurde von seinen Blicken aufgespießt.

  • "Bevor Du ihn erschießt, frag ihn aber nach dem Quellcode des Lebens... danach erschieß ihn. Monopolstellung", lachte Valerian.


    Sie marschierten zu den Aufzügen und Mel stellte fest, dass die Angestellten wie auch die Besucher gebührend Abstand hielten oder Platz machten, sobald sie nur in die Nähe kamen. Es gab keine besonderen Vorkommnisse und sie erreichten die Aufzüge ohne weitere Probleme. Als der Aufzug kam stieg Theodor zuerst mit Garlyn ein, es folgte Valerian und Eddy bildete mit Melvin die Nachhut.


    "Einer von uns betritt stets zuerst die Räume und einer von uns verlässt als letzter die Räume. So ist die Front und der Rücken unseres Richters gedeckt. Dass ist der Hintergrund. Du wirst es wissen, ich sage es Dir trotzdem zur Erläuterung", sagte Eddy freundlich, steckte seine Sicherheitskarte in den Schlitz und drückte den Knopf.


    Der Aufzug schien regelrecht in die Tiefe zu stürzen, ohne dass er nun von anderen Personen gerufen oder benutzt werden konnte. Es dauerte dennoch eine Weile, dann wurde das Gefährt langsamer und kam zum stehen. Die Türen öffneten sich und die Gruppe trat hinaus.


    Vor dem gigantischen, halbrunden Gerichtssaal des Rates der Zehn blieben sie kurz stehen. Dieser Saal war eine Kathedrale der Macht, hier wurde über die Geschicke Naridiens entschieden. Dieser Saal war ausschließlich dem Rat der Zehn vorbehalten, also jenen Männern die Naridien regierten. Etzel fühlte sich winzig angesichts dieser Machtdemonstration. Schwarz-brauner glatter Stahlfließbeton ragte hoch hinaus, die Decke lag in dunkler Ferne.


    In den Bodenfliesen war eine Sonne eingelassen, welche mit ihren 10 Strahlen auf die Monitore und Kabinen der Richter deutete. Frontal schaute man hier als Angeklagter auf den höchsten Richter seines Landes, Richter Nummer eins. Rechts neben fand man die Richter mit geraden Zahlen, links neben dem höchsten Richter waren die ungeraden Zahlen angeordnet.


    Die riesigen Monitore der Richter spendeten dem Raum Licht, sonst gab es nur indirekte Beleuchtung. Göttergleich, riesig und mit ernsten Gesichtern schauten der Rat der Zehn hier auf die Angeklagten herab. Die Kabinen in denen sich die Richter befanden, waren direkt unterhalb der dazugehörigen Monitore angebracht. Hier hatte kein Gefangener die Chance einen Richter anzugreifen, er kam nicht einmal in deren Nähe.


    Zu jeder Gerichtsverhandlung des Rates der Zehn suchte jeder Richter seinem Rang entsprechend seine Kabine auf und nahm auf seinem Richterstuhl Platz. Die Kabinen waren von innen gesichert und die meisten Richter hatten zusätzlich Sicherheitspersonal oder persönliche Assistenten bei sich. Und genau das taten sie jetzt, sie suchten die Richterkabine Nummer 3 auf.


    Als die Tür sich öffnete, schaute Melvin auf eine gigantische Glasscheibe. Davor stand ein Schreibtisch, der Richtung Scheibe blickte. Hätte eine Person an dem Tisch gesessen, hätte der Tuteur ihr auf den Rücken geschaut. Links neben der Tür befand sich ein Wohnzimmerbereich. Eine große Couchlandschaft mit passendem Tisch und anderen Annehmlichkeiten. Auf der rechten Seite befand sich eine kleine Küche. Draus konnte Mel schließen, dass manche Verhandlungen länger dauerten.


    Valerian legte seine Akten auf dem Schreibtisch ab, während Eddy die Tür der Kabine verriegelte. Melvin hörte, dass die Sicherung wie die Tür selbst, massiv war. Valerian warf sich die Robe über, setzte sich an den Schreibtisch und wartete ab.


    Die Kabinen der Richter dunkelten für die Verhandlung ab, so dass die realen Personen hinter den Panzerglasscheiben nur noch schemenhaft zu erkennen waren. Die Monitore und Ziffern flammten hell auf und eine Sekunde später waren die Glasscheiben verblendet, so das Etzel nicht mehr erkennen konnte, was in den Richterkabinen geschah.


    Die Begleitpersonen innerhalb der Kabinen waren somit unsichtbar, die Gesichter der Richter wurden auf die riesigen Monitore übertragen.

    In der Kabine herrschte somit nur noch schemenhaftes Licht.


    Melvin sah, dass der Angeklagte Etzel im Kreis der Sonne auf die Knie und abwartete.


    "In der Strafsache Etzel Fuxwaldt gegen das Land Naridien, Strafsache S10277/1079 erkläre ich die Verhandlung für eröffnet. Vorgeworfen wird dem Angeklagten Mitgliedschaft in einer staatsfeindlichen, kriminellen Organisation sowie Beteiligung an einem Bankraub mündend in mehrfachen Mord, die Verhandlung führt der Oberste Richter Korpuuk", hörten sie den fast melodischen Sing Sang von Richter Nummer 5 - Kazuho Miyauchi.


    "Danke. Liegen einem der Kollegen neue Beweise vor oder möchte jemand etwas zum Tatvorwurf ergänzen?", hakte der Oberste Richter nach.

    "Nein", antwortete Sulitef für alle.


    "Dann erkläre ich hiermit die Verhandlung für eröffnet. Angeklagter Sie haben den Ihnen zur Last gelegten Tatvorwurf vernommen. Ihre Äußerung dazu?", warf der Oberste Richter ein.


    "Es war alles ganz anders Euer Ehren. Alles was ich getan habe, war einen falschen Job anzunehmen...", begann Fuxwaldt.


    Melvin sah, wie ein rotes Licht aufleuchtete und ein grünes für ihre innere Kommunikation, dies bedeutete dass was nun intern gesprochen wurde, wurde von dem Angeklagten nicht gehört, sondern nur in den Richterkabinen.


    "Wem sagt er das, war das mit Sulitef nicht auch so?", lachte Bechstein.

    "Schon wieder werde ich diffamiert aufgrund meiner rakshanischen Wurzeln", murrte der rakshanische Naridier.

    "Wir sollten ein Buch schreiben... 1.001 Ausrede, Märchen aus der Wüste", gibbelte Val.


    "...angestellt wurde ich als Fahrer. Dass ich irgndwann in einen Bankraub mit Schießerei verwickelt werden könnte, dass habe ich nicht ahnen können...", fuhr der Angeklagte fort.


    "Wie auch? Wer würde von einem Bankraub ausgehen, wenn er mit laufendem Motor vor einer Bank parken soll", murrte Val intern.

    "Tja oder wenn die Kollegen dann auch noch Gesichtsmasken aufziehen... wovon ging er aus?", lachte Bechstein.


    "Spontaner Kälteeinbruch? Schönheitspflege? Was weiß ich. Frag ihn nicht mich", antwortete Val schmunzelnd.

    "Er dachte vielleicht sie haben es eilig", gab Sulitef zu bedenken.


    "Das hatten sie ja auch... auf der Flucht. Die glücklicherweise verhindert werden konnte", warf Kuno ein.

    "Glücklicherweise konnte die Flucht verhindert werden? Und das vom Fluchthelfer schlechthin... nicht schlecht", gab Milan zu bedenken.


    "Was sagt unser Experte Yanko dazu?", fragte Valerian unschuldig.


    "... hatte seit langem keinen Job mehr und das einzige was ich wollte war mir ein paar Taler zu verdienen. Ich hatte weder eine Waffe, noch habe ich auf jemanden geschossen...", hörte Melvin den Angeklagten fast unter Tränen ausführen.

  • Yanko Crespo blätterte in seinen Unterlagen. Sie bildeten einen Stapel von mehreren Zentimetern Dicke, hinzu kamen diverse Ordner, die bereitlagen.


    "Ich werde mich gleich zu Wort melden. Vielleicht kann man mir in der Zwischenzeit sagen, in welcher Kabine sich mein alter Assistent aufhält, der mir irgendwie ... abhandengekommen sein muss."


    Damit schaltete er sich auch für seine Kollegen lautlos. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, den er nun in den Raum drehte, um seinen Assistenten Roman Murger anzusehen.


    "Eine Kurzfassung der Ereignisse bitte, so wie der momentane Stand ist."


    Dies war seine erste Verhandlung, doch sein Amtsantritt hatte ihn dermaßen viel Zeit und Nerven gekostet, dass er unzureichend vorbereitet war. Der größte Zeitfresser war das künstlich erschaffene Problem, dass man ihm Ravi entführt hatte, der sämtliche Interna über ihn kannte und wie ein Diamant behandelt wurde.

  • Roman räusperte sich.


    "Die erste Verhandlung in der Strafsache Etzel Fuxwaldt wurde am 06.09.1079 abgehalten. Am 05.05.1079 wurde Etzel Fuxwaldt bei dem besagten Bankraub gestellt. Die Moratmo-Bank meldete am 05.05.1079, 11:49 Uhr Ortszeit Alessa eine Alarmierung. Die zuständigen Sicherheitskräfte sind ausgerückt. Es handelte sich um einen Einsatztrupp der Büttel.


    Die Bankräuber wurden von den Bütteln gestellt, als diese gerade die Bank verließen. Die Bank wurde sofort von innen versiegelt, damit die Bankräuber nicht zurück in das Gebäude laufen konnten. Mit der Handlung sollte eine Geiselnahme verhindert werden. Die Bankräuber eröffneten draußen das Feuer auf die eingesetzten Büttel vor Ort. Hierbei kamen mehrere Passanten zu Tode, ferner wurden einige schwer verletzt. Unter Anwendung von Feuergewalt versuchten die Bankräuber, das Fluchtfahrzeug zu erreichen.


    Die Bankräuber wurden allesamt von den zur Unterstützung gerufenen Schockkonstablern im Wege der Amtshilfe zur Gefahrenabwehr erschossen. Einziger Überlebender Etzel Fuxwaldt, der Fahrer der Bande.


    Bei den Bankräubern handelte es sich um:

    Oswaldo Dithhaim - erschossen am 05.05.1079

    Feliciano Ahlepaur - erschossen am 05.05.1079

    Clement Quastenwitz - erschossen am 05.05.1079

    Henry Ahrenwaldt - erschossen am 05.05.1079

    Etzel Fuxwaldt - lebend gesichert am 05.05.1079.


    Bei den zur Amtshilfe angerückten Schockkonstablern handelte es sich um den Einsatztrupp des Richters Bechstein, der die Amtshilfe und den tödlichen Waffengebrauch gegen die Bankräuber legitimierte.


    Dein ehemaliger Assistent befindet sich in der 9. Richterkabine von Richter Kuno Neda, er ist anwesend", antwortete Roman freundlich und stellte seinem Boss einen Kaffee auf den Tisch.

  • "Danke, Roman." Er war froh, dass sein Assistent besser vorbereitet war als er.


    Yanko hatte geahnt, dass man ihm den Triumph hier im Gerichtsgebäude unter die Nase reiben würde. Nedas Triumph - Crespos Niederlage. Und das während der Verhandlung - Kuno Neda war dreist. Es war eine Machtdemonstration, denn es zeigte auch, dass er sich dermaßen sicher fühlte, dass er gar nicht daran dachte, seine Beute zu verstecken, während er ihr Wissen auspresste.


    Crespo schob den Gedanken vorerst beiseite und blätterte erneut in seinen Unterlagen, auf der Suche nach eingien Details, die er nicht fand. Er schaltete sein Mikrofon wieder ein.


    "Herr Fuxwaldt, bitte schildern Sie uns die Ereignisse noch einmal aus ihrer Sicht. Anschließend bitte ich die Klägerseite darum, dass man darlegt, warum man trotz Unschuldsbeteuerung von der Beteiligung an den Morden ausgeht. Welche Indizien sprechen dafür, dass er nicht nur der Fahrer sei, wie er behauptet? Herr Fuxwaldt, Sie haben das Wort."

  • Etzel Fuxwaldt


    "Ja Euer Ehren, ich fange wenn es Recht ist von ganz vorne an. Es war der 01.12.1078 und die Firma in der ich gearbeitet hatte, musste leider ihre Tore schließen. Die Firma ging pleite, hatte vorher schon einige Schwierigkeiten und so standen wir als Belegschaft auf der Straße. Gearbeitet hattet ich bei Wurstenwaren Wenkepritz am Fließband.


    Eine Zeit habe ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, aber irgendwann reichte das Geld nicht mehr für die Miete und die Vorräte an Nahrungsmitteln waren aufgebraucht. So sparsam ich auch gelebt habe, irgendwann konnte ich an nichts mehr sparen. Von einem ehemaligen Kollegen habe ich dann den Tipp bekommen, dass jemand Fahrer suchen würde. Wie gesagt, ich war mir für keinen Job zu schade, denn von irgendwas musste ich schließlich leben.


    In einer kleinen Kneipe auf der 405. Etage des Megaturms B17 im Grenzgebiet zu Obenza habe ich mich mit dem Kontaktmann getroffen, der die Jobs vermitteln sollte. Die Spilunke war schäbig, die Küchenschaben so groß wie Hunde und die Flecken auf den Tischen hatten bereits ein Eigenleben entwickelt, aber wer nichts zu Essen hat und Gefahr läuft seine Wohnung zu verlieren, der hat keine Ansprüche.


    Drei-Finger-Fritz, mein Ansprechpartner, vermittelte mit den Job für den fetten Felix. Nun Felix war wirklich fett und fett im Liefergeschäft. Er transportierte ohne Ausnahme alles und garantierte pünktliche Ankunft. Mit einem kleinen Liefergleiter der schon bessere Tage gesehen hatte, nahm ich meinen neuen Job am 01.01.1079 auf. Mal lieferte ich Getränke an eine alte Frau im Megaturm A38 in die 228. Etage. Ein anderes mal hatte ich eine Ladung heißer Hexer nach Obenza zu fliegen und an einem Kiosk abzugeben. Ein anderes mal flog ich im Grunde einen kompletten Umzug. Es waren die absonderlichsten Dinge, die ich flog. Manchmal konnte ich auch nicht erkennen, was in den Karton war die ich zu transportieren hatte. Wichtig war nur, dass es pünktlich ankam oder vor dem vereinbarten Zeitpunkt.


    Das konnte ich gewähren und mein Chef der fette Felix war sehr zufrieden mit mir, wie Drei-Finger-Fritz mir mitteilte. Am 15.04.1079 wurde ich zum Chef zitiert. Der fette Felix fragte, ob ich mir ein Zubrot verdienen wolle. Diesmal ging es um weitaus mehr, diesmal würde ich nämlich vom Warenbeförderer zum Personenbeförderer! Taxifahrer, versteht Ihr Euer Ehren?


    Wie konnte ich mir diese Chance entgehen lassen? Ich würde nicht pro Fahrt verdienen, sondern pro Minute!


    Und so lernte ich in den kommenden Tagen darauf Oswaldo Dithhaim, Feliciano Ahlepaur, Clement Quastenwitz und Henry Ahrenwaldt kennen. Welcher Arbeit sie nachgingen war mir nicht bekannt. Ich sollte sie fahren, dass war meine Aufgabe. Alles weitere würde ich am Tag der Fahrt erfahren. Ich weiß nicht was ich mir dabei gedacht habe, aber ich dachte sie hätten so etwas wie einen geheimen Auftrag oder eine Arbeit wo sie nicht ausspioniert werden wollen. Und was ging es mich an, was ich transportiere oder wen wohin?


    Am 05.05.1079 war es dann soweit. Ich erhielt am Morgen den Anruf dass ich die Gruppe um Oswaldo 11:00 Uhr im Hafen von Alessa abholen sollte. Dieser Aufforderung kam ich nach und holte die Fahrgäste ab. Als sie eingestiegen waren, teilten sie mir das Ziel der Fahrt mit, die Moratmo-Allee. Die Fahrt dauerte nicht lange und ich parkte in einer Seitengasse, wie von meinen Gästen gewünscht. Dort sollte ich warten, die Fahrt würde danach weitergehen.


    Es war kurz vor 12:00 Uhr, als eine Einheit Büttel mit Aeros vorbeigeschossen kam. Bis dato habe ich mir immer noch nichts gedacht und wartete bei Musik in meiner alten Rostlaube. Eine halbe Stunde später hörte ich die Schüsse und entschuldigt Euer Ehren, ich dachte mir immer noch nichts dabei, sondern fürchtete mich. In dem Moment schwebte ein Schweber ein, das Verdrängungsfeld erzeugte ein grauenvolles, wummerndes Geräusch. Die Männer warteten nicht ab, bis das Fluggerät gelandet war, sondern sprangen an Seilen aus dem Fluggerät und stürmten davon.


    Erneute Schüsse, schwere Schüsse. Dann sah ich wie die Gruppe von Männern die ich gefahren hatte, versuchte in die Gasse zu laufen, in der ich wartete. Sie hatten einige fremde Personen dabei. Ihnen direkt auf den Fersen waren einige Büttel und zwei dieser schwarz-vermummten Soldaten.


    Sie alle rannten auf mich zu und ich ließ sofort das Fahrzeug an. Ich wollte nur noch weg!

    Einer der vermummten Soldaten schoss meine Fahrgäste nieder, es ging so schnell, ich wusste nicht einmal dass ich aufgeschrien hatte. Das Fahrzeug hatte ich verlassen, wie ich feststellte. Dieser Ort war reiner Wahnsinn und da wusste ich, dass es ein Dreh gwesen war. Es fing an wie aus Eimern zu schütten und ich rannte los.


    Einen Augenblick später, fand ich mich auf dem regennassen Asphalt Alessas wieder. Ein schwerer Kampfstiefel in meinem Genick fixierte mich an Ort und Stelle. Aber auch so hätte ich mich nicht bewegen können.


    Durch meinen Körper jagten immer noch die spastischen Zuckungen, die mir der Soldat verpasst hatte. Irgendwie gelang es mir meine routierenden Augen unter Kontrolle zu bekommen. Ein Brennen ließ mich zusammenfahren. Der Soldat hatte mir die Kippe seiner Rauchstange mitten ins Gesicht geschnippst.


    Stählerne Finger schlossen sich um meine Kehle und hievten meinen schlaffen Körper auf Augenhöhe. Verzweifelt versuchte ich dem Mann in die Augen zu schauen. Aber alles was ich in dessem Blick fand, war pure Ablehnung. Der schwarze Blick des Mannes erinnerte an die toten Augen eines Hais.


    Rauch wurde mir ins Gesicht geblasen und da erkannte ich, dass der Soldat mich mit nur einer einzigen Hand hielt, während er mit der anderen rauchte. Meine Finger schlossen sich verzweifelt um die kybernetische Pranke des Soldaten. Dann folgte das Geräusch einer kurzen, elektrischen Aufladung, ein grauenerregender Schmerz durchzuckte mich und dann folgte Schwärze.


    Aufgewacht bin ich in der Haftzelle und man beschuldigte mich an der Beteiligung eines Bankraubes, den Mord an Bütteln und Zivilisten und der Mitgliedschaft einer Verbrecherorganisation", erklärte Etzel verzweifelt.