Kapitel 82 - Der Richter und sein Assistent

  • Der Richter und sein Assistent

    Zu Feierabend sank Ravi Frankebina in das heiße Badewasser. Die Wanne gehörte nicht ihm. Sie war, wie die restliche Wohnung, Eigentum von Kuno Neda. Selbst die Kleider, die er getragen hatte, waren Nedas Eigentum. Auch Ravi selbst gehörte ihm. Sklaverei unterlag einem Verbot in Naridien, doch es gab Menschen, die dennoch in der Praxis unfrei waren.


    Ravi hatte die Kontrolle über sein Leben an dem Tag verloren, als Yanko Crespo ihn tot sehen wollte. Mit viel Glück war es ihm gelungen, sein Leben zu retten, doch hatte er das wirklich? War er gerettet? Es fühlte sich eher an wie ein Aufschub. Ein Stehen an der Wand, während die Mündung bereits auf seinen Kopf gerichtet war, doch der Abzug noch nicht gleich gedrückt wurde.


    Ravi konnte nirgends eine Wohnung mieten, ohne dass der zweitmächtigste Mann Naridiens ihm auf den Fersen war, um ihn einen Unfall erleiden zu lassen. Wer sollte Richter Nr. 2 deswegen anklagen? Wer würde einen Mord vermuten und falls das doch geschah, wer würde die Ermittlungen aufnehmen? Ravis einziger Schutz hieß Kuno Neda, Richter Nr. 9 und genau so hieß die unsichtbare Eisenkugel an seinem Bein. Ravi war gleichsam Nedas Gefangener, ihm ausgeliefert auf Gedeih und Verderb, ohne Aussicht, je wieder einen Schritt als freier Mann zu gehen.


    Nach dem Bad fühlte er sich nicht erholt. Ein einen flauschigen Morgenmantel gehüllt, schaltete er das Holo ein, in der Hoffnung, Ablenkung zu erfahren und auf seinem Beistelltisch stand eine Flasche hochprozentiger Shamari, der klebrig-süß schmeckte und rosa schillerte. Ravi goss sich großzügig ein.

  • Ravi hatte es sich gerade vor dem Holo gemütlich gemacht, als es an seiner Wohnungstür klopfte. Scheinbar hatte jemand abgewartet, bis der Holo oder ein anderes Gerät davon kündete, dass Ravi etwas Zeit für ihn haben würde. Der Haushalt von Kuno Neda war groß, es wohnten unzählige Familienmitglieder in dem Haus und scheinbar herrschte in dem Anwesen niemals Ruhe. Das konnte beruhigend wie beunruhigend sein, je nach Sichtweise des jeweiligen Bewohners. Das Klopfen klang erneut, nicht forsch, nicht drängend, aber dennoch so dass sich die Person nicht abweisen lassen würde. Jemand wollte Ravi sehen, dass stand fest.


    "Sei so gut und mach auf", hörte er einen Moment später die Stimme von seinem Gastgeber Kuno Neda.

  • "Einen Moment, bitte."


    So konnte Ravi nicht seinem Richter gegenübertreten. Er zog sich frische Kleider an, als würde er bereit sein, erneut mit ihm ins Büro zu fahren und das war er auch. Das Ganze dauerte nicht länger als drei Minuten, in denen er auch sein feuchtes Haar ordentlich gescheitelt und mit etwas Gel in Form gekämmt hatte. So öffnete er dem Richter die Tür.


    "Guten Abend, Herr Neda. Was darf ich für Sie tun?"

  • "Mich reinlassen", gab Kuno gelassen zurück und schob sich an Ravi vorbei in die Wohnung.


    Entgegen Ravi war Neda in Wohlfühlklamotten unterwegs. Er trug eine graue Stoffhose und ein übergroßes Shirt, dazu Hausschuhe und schien selbst gerade aus der Dusche zu kommen. Seine Haare hatte er nur kurz trocken gerubbelt mit einem Handtuch und ansonsten nach hinten gekämmt. Insgesamt machte Kuno eher den Eindruck als wollte er sich ins Bett legen, anstatt irgendwohin zu gehen.


    Aber bei den Richtern konnte man nie sagen, wie die einzelnen Personen tickten. Sie alle waren Exzentriker auf ihre eigene Art. Kuno bildete da keine Ausnahme, wie Ravi schon allein anhand der Familie Neda wusste.


    Kuno schaute sich in der Wohnung seines Assistenten um und nahm dann vor dem Holo Platz.

    "Was schaust Du gerade? Irgendetwas besonders? Setz Dich zu mir und schließ die Tür. Der Sonderauftrag des obersten Richters hat Dich getroffen nicht wahr? Ich muss gestehen, mich auch. Allerdings wohl anders als Dich. Es wird Zeit dass wir beide miteinander reden Ravi", erklärte Kuno und schenkte sich ebenfalls ein Glas vom Shamari ein.

  • Da Kuno Neda ihn duzte, ging Ravi davon aus, dass auch er den Richter nun duzen sollte. Er schloss hinter ihnen die Tür und stellte eine Schale mit Süßigkeiten auf den Tisch, weiße Flocken aus Zuckerschnee, die unterschiedlich aromatisiert waren, mal mit Zitrone, mal mit Himbeer-, Pflaumen- oder Pfirsich-Geschmack. Er ließ sich auf den Sessel fallen, einen merkwürdigen Kontrast in seiner feinen Arbeitskleidung zum Richter bildend. Sein Morgenmantel hing noch über der Sessellehne.


    "Ja, es hat mich auf einer persönlichen Ebene getroffen, Kuno. Aber ich möchte dich damit nicht langweilen. Worüber möchtest du sprechen, über den Fall?"


    Ein wenig Angst empfand er bei der Ungewissheit und hoffte, es würde nicht beinhalten, dass Kuno Neda ihn doch besser loswerden sollte, zur eigenen Sicherheit, verbunden mit dem Nachsatz, dass Ravi das sicher verstehen würde. Das würde er ... sicher. Doch musste er es gutheißen?


    "Ich habe gerade durchgeschaltet, ich bin beim Gondelsumpfrennen hängen geblieben."

  • Kuno griff nach den Süßigkeiten und nahm sich eine Hand voll, ehe er sich wieder zurücklehnte und Ravi betrachtete.


    "Mal ehrlich Ravi, ich hoffe das ist nicht Deine Wohlfühlkleidung oder gar Dein Schlafanzug, denn dann möchte ich nicht sehen, was Du für gehobene Anlässe trägst. Spaß beiseite, zieh Dich um, mach es Dir gemütlich und lass und privat reden. Du wärst am liebsten vor Crespo und Korpuuk geflohen und ich kann es Dir nicht verdenken. Natürlich habe ich Dich nicht nur aus reiner Menschengüte gerettet, dass sollte Dir klar sein. Ich bin ein neugieriger Mann und derartiges Wissen wie Du es trägst, interessiert mich. Ich weiß, dass Du es nicht leichtfertig preisgibst, denn genau dass ist Deine Lebensversicherung.


    Auf der anderen Seite bedenke eines, teilst Du Dein Wissen mit niemandem, ist es auch keine Lebensversicherung. Denn dann würde das Wissen mit Dir untergehen, falls Dich Crespo erwischt. Er muss also davon ausgehen, dass Du zumindest mich informiert hast. Wird er das? Möglicherweise. Sieht aber anders aus, falls ich mal eine entsprechende Bemerkung machen kann. Dann weiß er, Du hast mich informiert und so lange er mich und Dich in Ruhe lässt, schweigen wir beide. Du verstehst worauf ich hinaus will?


    Also langweile mich und vergiss den Fall für einen Moment. Darüber müssen wir noch früh genug nachdenken. Hochverrat, dass ist es was Dir als erstes durch die Gedanken ging oder? Mir wäre es jedenfalls so ergangen. Dass was ich heraushörte, klang so. Du warst Deinem Boss treu, loyal und vermutlich warst Du unentbehrlich bis zu dem Tag wo er Dich entsorgen wollte. Weshalb? Tja gute Frage. Vermutlich weil mit seinem neuen Amt, ein neuer Assistent einher ging.


    Du könntest Dich jetzt fragen weshalb das so ist. Ich könnte es Dir beantworten, ist allerdings nur eine Vermutung. Korpuuk der alte Sack verlangt Blutzoll. Du möchtest den Posten eines Richters? Opfere mir Deinen Erstgeborenen... gut der kommt meist nicht in Betracht, aber ein Assistent schon, oder ein Zwillingsbruder, oder was weiß ich wer. Korpuuk will einen an die Kette legen oder er möchte schauen was Du bereit bist, für Dein Amt zu opfern. Ob Du bereit bist über Leichen zu gehen.


    Mich würde interessieren, was die anderen geben oder leisten mussten. Aber das ist für mich zweitrangig. Erstrangig bist Du. Ich habe Dich gerettet Ravi, ich habe mir dadurch Vorteile erhofft, dass gebe ich zu. Aber dass Korpuuk derart empfindlich reagiert, damit hätte ich nicht gerechnet. Er scheint mit Crespo mehr vorzuhaben als ich angenommen habe. Er steht ihm bei, sie bilden eine Front. Gegen wen ist klar, alles was nach Nummer zwei folgt.


    Ich blieb wo ich war Ravi, ich habe vor Dir gestanden im Besprechungsraum und ich habe Dich nicht nach vorne geschoben in den Rachen der lauernden Haie. Das war einen nonverbale Ansage, rück ihn raus. Das tat ich nicht, deshalb die Frage von Crespo wie es meinem ersten Assistenten geht. Meine Vermutung. Nur wer über Leichen geht, geht weich und Yanko geht butterweich.


    Also erzähle mir Deine Geschichte Ravi, wofür halte ich hier neben einigen Infos meinen Kopf hin? Was lief zwischen Euch ab? Oder in was für ein Wespennest habe ich gestochen?", fragte Kuno freundlich nahm einen großen Schluck Shamari und stopfte sich einige Süßigkeiten dazu in den Mund.

  • Ravi verschwand also noch einmal im Badezimmer und kehrte in Wohlfühlkleidung aus grauem Plüsch zurück. Den Morgenmantel wollte er dem Richter nicht antun, das Risiko unerwünschter Einblicke war zu groß bei diesem Kleidungsstück. Die Arbeitskleidung, die er soeben noch getragen hatte, hängte er ordentlich auf den Kleiderständer für morgen.


    Sich nun zumindest körperlich wohler fühlend ließ er sich wieder in den Sessel sinken, gerade als Umberto Cantichi bei der Donnerdrift scheiterte und im weißen Schaum unterging. Ravi ließ zwei Flocken in sein Glas fallen, wo sie sich langsam im Shamari auflösten und ihr Aroma in das ansonsten extrem süße und aufgrund des Alkoholgehalts scharfe, doch darüber hinaus fast geschmacksneutrale Getränk gaben. Eine Kostprobe ergab, dass er Kirschgeschmack erwischt hatte.


    Ravi mied den Blick von Kuno Neda. Seine Worte waren im Plauderton gesprochen, doch insbesondere die letzten Sätze verrieten, dass er keineswegs gedachte, Ravi die Wahl darüber zu lassen, wie viel er preisgeben wollte und ob.


    "Ich frage mich, ob es Hochverrat war, oder ob ihm keine Wahl blieb. Ich vermute Letzteres, so wie du, das Blutopfer. Es war keine Frage von Korpuuk, ob Yanko einen zweiten Assistenten benötigte, als er ihm Roman Murger zuwies. Es war die Bedingung. Es gibt grundsätzlich nur einen Assistenten je Richter. Alles darunter sind irgendetwas anderes, das man auch Assistent nennt, aber dem die private Verbindung zum Richter fehlt. Oder vielleicht war es auch nur in unserem Gespann so, Roman wird noch merken, dass sein Leben genau so geopfert wird wie meines, nur anders. Für mich war nach Feierabend nicht Schluss, es gab keinen Feierabend für mich, denn Yanko benötigte mich rund um die Uhr. Ich war seine Lebensversicherung und dafür zahlte ich mit meiner eigenen Zeit. Die Kybernetik seiner Hände ist unzuverlässig."


    Er ließ eine bedeutungsschwere Pause, denn diese Information war sehr wichtig für Kuno Neda, sie offenbarte eine der größten Schwächen des Mannes, dem Ravi Francebina sehr viele Jahre gedient hatte. Kaum hatte er die Worte gesagt, bereute Ravi es, tiefes Mitleid mit Yanko Crespo überkam ihn, den er vor seinem inneren Auge wieder heulend auf seinem Sofa sitzend fand, weil seine Hände den Dienst versagten und er seit Stunden das Com nicht eingeschaltet bekam, mit dem er versucht hatte, Hilfe zu rufen.

  • "Das heißt, Sie unterstützten Herrn Crespo bei seinen Ermittungen und gehen ihm zur Hand... da er keine Hände mehr hat. Nicht im üblichen Sinne, ganz ähnlich den Schockkonstablern. Crespo fehlt jedes Gefühl in den Händen und seine Hände sind unzuverlässig? Interessante Information. Du bist ihm also wortwörtlich zur Hand gegangen, Du warst sein Handlanger so wie es gemeint ist.


    Ob man das als Hochverrat werten kann? Ehrliche Antwort? Jein. Natürlich hätte Crespo ablehnen können, aber Korpuuk ist ein Mann der bekommt was er will. Und manchmal bekommt er genau dass was wer will, indem ihn der Betroffene noch darum anbettelt. Er weiß wie er Fäden ziehen muss Ravi. Dass ist eine über 80 Jahre alte Spinne und sie hockt dort eine halbe Ewigkeit in ihrem Netz.


    Der Preis das Amt anzunehmen war Dein Leben.

    Der Preis das Amt abzulehnen wäre Crespos Leben gewesen.


    Allerdings sagt man Euch Ledwickern nach, dass Ihr Künstler darin seid zu verschwinden. Also hätte Crespo vermutlich mit Dir wortwörtlich abtauchen können. Was hat ihn dazu bewogen dieses Amt anzunehmen? Auf den ersten Blick eine dusslige Frage, wer lehnt ab der zweitmächtigste Mann in einem Land zu werden? Auf der anderen Seite, so mancher der dafür acht Feinde kassiert, die nicht minder gefährlich sind, wie der Gönner.


    Was also steckt dahinter?


    Ein Assistent Ravi ist ein Vertrauter, er weiß alles über Dich. Vermutlich weiß er sogar mehr über Dich als Du selbst, denn er merkt sich wesentlich mehr. Er weiß bewusst, was Dir wichtig ist. Du weißt es bestenfalls nebenbei. Dass macht diese Männer zu gefragten Informationsquellen. Für einen Assistenten kann es keinen Feierabend geben und im Grunde gibt es den für einen Richter auch nicht. Aber wenn wir Ruhe haben, seid Ihr immer noch für uns auf den Beinen.


    Wie nahe habt Ihr Euch tatsächlich gestanden, Crespo und Du? Und wie meinst Du wird Murger geopfert? Erzähle es mir", bat Kuno und nahm noch einen Schluck.

  • Ravi schwenkte das Glas, die rosa Flüssigkeit schwappte darin.


    "Richtig, Yanko Crespo hat keine natürlichen Hände mehr, auch wenn er das im Alltag unter Handschuhen versteckt. Wir haben uns sehr nahegestanden, Kuno. Ich möchte behaupten, wir tun es immer noch. Yanko kann kaltherzig agieren, doch das heißt nicht, dass er kein Herz hat. Vielleicht erwartete er, dass ich mein Leben bereitwillig opfere für ihn und stellte sich nicht die Frage nach dem Untertauchen? Denn genau genommen habe ich es bereits an dem Tag geopfert, als ich bei ihm den Vertrag unterschrieb. So wie Roman seines, als Korpuuk ihn Nr. 2 zuwies.


    Der Assistent von Yanko ist nicht nur juristischer Assistent, er ist auch medizinischer und sozialer Assistent. Wenn seine Hände ausfallen, dann muss jemand seine Arbeit vollständig übernehmen, Yanko pflegen und verhindern, dass seine Laune ins Bodenlose stürzt. Sicher könnte man für all diese Dinge jeweils geeignetes Personal einstellen, aber Yanko mochte nicht. Er wollte einen einzigen, dem er vertrauen konnte. Wozu sollte er eine fremde Person in sein Leben holen, die ihn in so verletzlichem Zustand erlebt und die nicht seiner unmittelbaren Kontrolle untersteht?


    Sein Organismus ist, wie meiner, der eines Ledvigiano. Wir sind nicht so eigen wie die Souvagner, unser Genom ist mit naridischem oder rakshanischem kompatibel. Dennoch weicht es ab, denn der Weg unserer Genetiker bestand nicht im Einspleisen neuer Gene oder in der Gentherapie. Unsere Genetiker haben mit dem gearbeitet, was bereits vorhanden ist, sie haben seit Jahrtausenden schlafende Gene aktiviert. So gaben sie uns die Kiemen zurück sowie andere physiologische Besonderheiten, die uns das vergessene Leben im Wasser teilweise wieder aufnehmen lassen können.


    Die Unterschiede zum Genom derMenschheit des Festlandes sind jedoch groß genug, um uns häufige Medikamentenunverträglichkeiten mit Festlandprodukten zu bescheren, Probleme mit dem Interkom sowie mit kybernetischen Aufwertungen. Vielleicht hat Yanko aber auch nur Pech."

  • Kuno lehnte sich zurück und betrachtete Ravi eingehend.

    "Es ist ein Unterschied zwischen dem was man tut, tun muss und tun möchte Ravi. So war es schon immer. Nicht alle Dinge die ich getan habe, beruhen auf Freiwilligkeit. Manches davon habe ich weder freiwillig, noch gerne getan. Dir wird es ebenso ergehen und warum sollte es bei Crespo anders sein? Manche Bande sind für lange Zeit oder gar für die Ewigkeit geknüpft. Nur weil Dich jemand loswerden möchte, heißt das nicht dass er loslassen kann. Du noch weniger, denn von Dir ging keine derartige Entscheidung aus.


    Wie nahe habt Ihr beiden Euch gestanden, wart Ihr ein Paar?


    Wieso solltest Du Dein Leben für ihn opfern, oder aufgeben wollen? Das würde bedeuten Euch verbindet extrem viel, sollte er von dieser Möglichkeit ausgehen. Es gäbe wenige Personen für die ich derart viel opfern würde, aber es gibt sie. Und eine dürfte klar sein, mein Bruder Juno. Er ist ich, ich bin er, auch wenn wir unterschiedlicher nicht sein könnten. Wir sind zwei Seiten einer Person.


    Was unterscheidet einen Ledwicker genau von einem Nardier? Eure Genetiker handelten klug, sie wählten das, was sich seit einer Ewigkeit bewehrt hat und nichts neues, von dem sie nicht wussten wie es sich auswirkt. Bezogen auf die Souvagner Ravi, jeder von uns sieht was geschieht, dieses Volk, diese Spezies ist erneut im Umbruch und wohin die Reise geht, wissen wir alle. Die Abschottung vom Rest der Welt wird einen neuen Höhepunkt erreichen.


    Euer Volk wählte eine Anpassung ohne sich abzuschotten, sie wählen völlige Fremdartigkeit. Sie sind schon jetzt fremdartig und in absehbarer Zeit werden sie jeden Bezug zu den anderen Völkern verloren haben. Du weißt wie sie Euch, uns und andere nennen? Unwürdige.


    Was ist mit Eurem Volk und dessen Auffassung zu anderen? Einst wart Ihr eine mächtige Nation, einst wurdet Ihr verraten und habt unserem Volk eine Warnung geschenkt. Was hat Crespo zurückkehren lassen, weshalb ist er in Naridien? Fühlt er sich nicht wie ein Fisch auf dem Trockenen oder Du?


    Die Probleme und Unverträglichkeiten sind leicht erläutert, die gesamten Produkte sind auf Almanen abgestimmt. Ihr als Almanen habt Euren Bauplan verändert. Stell Dir vor Du hättest einen Maßanzug für Dich fertigen lassen. Bis dato hat er gut gepasst. Nun nimmst Du zu, fügst etwas hinzu und schon zwickt es hier, kneift es dort und er sitzt gar nicht mehr so gut wie Du in Erinnerung hattest. Je mehr Du Dich veränderst, je weniger passt Dein Anzug und eines Tages gehst Du überhaupt nicht mehr hinein. Der Anzug blieb gleich, verändert hast Du Dich. Nur so kann ich es Dir erklären. Deshalb habt Ihr sicher größere Probleme.


    Welche Form der Anpassung habt Ihr, dass Ihr im Wasser selbst überleben könnt?

    Tja Crespo mag mit seinen Händen schlicht Pech haben, aber dann hätte er Dich wenigstens der alten Zeiten halber warnen können oder? Flieh und kehre zurück in die Heimat. Zumindest das, hätte er tun können. Denn geflohen bist Du auch so", antwortete Kuno und aß einige Süßigkeiten.

  • "All das wird verständlich, wenn du aufhörst, Yanko nach naridischen Parametern zu bewerten. Wenn du ihn einzuschätzen lernen möchtest, ist das vielleicht der wichtigste Rat überhaupt. Yanko Crespo ist kein gebürtiger Naridier, er ist Ledvigiano mit naridischer Staatsbürgerschaft."


    Ravi blickte Kuno Neda intensiv in die Augen bei dieser Information.


    "Das betrifft mehr als nur seine Biologie. Er weiß, wie man sich in Naridien zu bewegen hat und agiert entsprechend, doch seine Bewertung der Dinge ist eine andere als die deine. Bevor ich fortfahre - verstehst du, was ich dir damit sagen möchte?"

  • Kuno nickte ganz langsam.

    "Ja ich verstehe es, er hat eine völlig andere Weltsicht als ich. Das möchtest Du damit ausdrücken. In Ordnung Ravi, kläre mich auf und zeig mir Eure Welt", bat Kuno.

  • "Er entstammt einer feudalen Gesellschaft. Naridien hingegen ist eine Juristokratie, die auf einem republikanischen Fundament basiert. In Naridien sind Assistenten freie Angestellte, die nach einem Bewerbungsverfahren oder auf Empfehlung zu ihren Vorgesetzten finden. Wer übernimmt in Ledwick solche vertrauensvollen Aufgaben? Die Antwort auf diese Frage ist entscheidend. Versuche bitte, sie mir zu geben, damit ich sehe, dass du wirklich verstanden hast, oder ob ich etwas weiter ausholen muss."

  • "Du hast Recht, Du hast sowas von Recht, mein Fehler. Du bist nicht sein Assistent der eingestellt oder entlassen wird. Du bist sein Leibeigener, Du bist sein Eigentum! Ihr seid so etwas wie Sklaven, nicht wahr? So wurde es mir einst erklärt, als ich noch ein kleiner Junge war. Damals als die ersten Siedler Naridien erreichten, wurde der Feudalismus bei uns abgeschafft und mit ihm die Versklavung der Mitmenschen. Bei uns ist jeder gleich viel wert und er hat die gleichen Chancen, nun theoretisch. Aber im Feudalismus gehört jeder einem anderen, grob betrachtet. Leibeigene gehören ihrem Herrn und die Herren haben wieder jemanden über sich bis letztendlich an der Spitze der Duca steht.


    Im Jahr 117 nach der Asche wurde die Republik Naridien ausgerufen. Leopold von Ghena beschließt die Abschaffung des Adels zugunsten einer gewählten Regierung. Sein Land ist nun kein Großherzogtum mehr, sondern wird fortan von einem gewählten Rat regiert. Den neuen Staat nannte er Naridien - »Geschenktes Land« und das neue Volk Naridier - »die Beschenkten«. Die Almanen Ghenas und die Flüchtlinge bilden eine Mischnation, deren oberste Tugendenden Freiheit und Toleranz sind. Die übrigen almanischen Großherzogtümer sehen Leopold als Verräter und sein Land wird fortan nicht mehr zu Almanien gezählt.


    Du bist Crespos Eigentum, dass ist der Unterschied", antwortete Kuno geradezu verstört.


    "Hier bist Du frei, Du gehörst niemandem Ravi. Niemandem, auch nicht mir, sondern Dir selbst", ergänzte Neda, da ihm dies wichtig erschien zu sagen.

  • Ravi nickte respektvoll, innerlich erleichtert. Er bemühte sich, seine Rückfragen so zu stellen, dass Kuno Neda auf möglichst viele Schlussfolgerungen von selbst kam. Der Richter sollte nicht das Gefühl bekommen, sein Assistent würde sich herausnehmen, ihm das Wasser zu reichen. Eitel war jeder einzelne der Zehn und Kuno vielleicht besonders.


    "Danke für dein freundliches Anliegen. Doch rechtlich betrachtet gehöre ich noch immer Yanko Crespo", antwortete Ravi traurig. "Das kannst du auch nicht ändern. So lautet das ledwicker Recht, es sei denn, du kaufst mich ihm ab. Trotzdem danke, dass du mir das ermöglichen möchtest, aber Freiheit wird es für mich nicht geben, kann es für mich nicht geben. Doch nun bitte ich dich, diesen Faden weiterzuspinnen. Wenn jeder in Ledwick jedem gehört und dieses System für jeden Ledvigiano nicht zu brechen ist - gilt das folglich nicht auch für Yanko Crespo?"

  • "Warte nicht so schnell, in Naridien gilt naridisches Recht und sonst nichts. In Ledwick gilt Euer Recht, hier ist jedes andere Recht außer dass unseres eigenen Landes nicht maßgeblich. Das heißt natürlich nicht, dass wir kein ausländisches Gesetz achten, aber es gilt für uns nicht. Folglich müsste Crespo Deine Auslieferung nach Ledwick beantragen, um Dich zurückzuerlangen. Aufgrund welchen Tatbestandes? Verrat? Untreue? Ich habe keine Ahnung von Euren Gesetzen, aber widerspricht ein Gesetz unserer Verfassung, wird es keine Auslieferung geben.


    Der Grundgedanke Naridiens basiert auf der Idee, mit allen Völkern in friedlicher Koexistenz zu leben. Sie setzen sich für einen kulturellen Austausch ein, wodurch die kulturellen Identitäten und Grenzen teilweise verwischen oder ganz verschwinden. Die kulturellen Eigenheiten der Völker werden dabei nicht bewahrt und drohen zu verschwinden. Kritische Stimmen sprechen von einem Kultur- und Sittenverfall.


    Im Gegenzug dazu ist der Zusammenhalt unter den Völkern durch eine gemeinsame Sprache, durch eine gemeinsame Währung, sowie durch eine abgestimmte Wirtschaftspolitik deutlich verbessert worden, was zu allgemeinem Wohlstand geführt hat. Die medizinische Versorgung ist hervorragend, wenn man sie sich leisten kann. Kinder wachsen in Naridien mit dem Verständnis für andere Kulturen auf und entwickeln eine große Toleranz. Ein Nachteil dessen ist aber, dass sich Naridien eine wahre »Verständniskultur« aufgebaut hat und oft zweifelhafte Eingeständnisse macht. So finden zum Beispiel ausgestoßene Völker, wie Untote einen Platz in der Gesellschaft, doch insbesondere Ghule oder Vampire stellen eine Gefahr für Sterbliche dar.


    Vor der Ausrufung der Juristrokratie war unser Staat ein demokratischer Staat, der nach modernen Prinzipien funktionierte. Es gab sowohl eine Gewaltenteilung (Legislative, Exekutive, Judikative) als auch eine Trennung von Staat und Religion. Naridien wurde von einem Rat aus zehn Ratsherren regiert, die direkt vom Volk gewählt wurde. Diese erließen die Gesetze.


    Heute regiert der Rat der zehn Richter, in einer Juristokratie. Sie erlassen die Gesetze.


    Wie dem auch sei, der Grundgedanke ist der gleiche geblieben, nur die Voraussetzungen sind andere. Schnellstmögliche Handlungsmöglichkeit, kurzum so schnell wie möglich auf eine Gefahr reagieren zu können, war das Ziel als man die heutige Regierungsform schuf. Wie es dazu kam, wird Dir als Ledwicker bekannt sein. Ihr wart das Opfer der Souvrakasier, Ihr habt unser Volk gewarnt und unter dieser Warnung schufen wir diese Regierungsform.


    Um Deine Frage zu beantworten, auch Crespo wird einen Herrn haben. Wen?", hakte Kuno neugierig nach.

  • Ravi öffnete entwaffend die Hände.


    "An diesem Punkt endet mein Wissen, Kuno. Das hat er mir nie offenbart. Aber genau das ist ein Hinweis, den ich für entscheidend halte. Ein Ledvigianio kann keine zwei Herren haben, denn die Hierarchie ist eindeutig. Von jedem einzelnen von uns ließe sich ermitteln, wem er gehört, wem dieser gehört und so weiter, bis hinauf zum Duca. Zweifel gibt es nicht, bedingt durch das Erbrecht. Über Yanko Crespo steht mindestens der Duca."


    Er schenkte ihnen beiden großzügig Shamari nach.


    "Probier mal, diese Flocken kann man im Shamari auflösen und sie verleihen ihm Geschmack. Ich habe ein Überraschungspaket gekauft, in dem die Geschmacksrichtungen der Flocken nicht durch die Farbe zu erkennen sind, doch es ist alles Fruchtgeschmack."


    Auch er selbst warf sich eine Zuckerflocke in das rosa Getränk.


    "Auf naridischem Grund und Boden gilt naridisches Recht. Doch in Yankos Kopf bin ich sein Eigentum und darum wird er erwartet haben, dass ich meinen Tod bereitwillig auf mich nehme, in tiefer Dankbarkeit, weil ich meinem Herrn einen so ehrenvollen Dienst erweisen durfte. Es tut mir leid, dass ich dir keinen treueren Assistenten bieten kann ... aber ich wollte leben, Kuno."

  • "Demnach sollten wir in Erfahrung bringen, wen Crespo gehört. Und eines steht damit ebenfalls fest, seine Loyalität gilt ganz sicher nicht Korpuuk, sondern seinem wahren Herrn. Wenn das keine erfreuliche Nachricht ist, was dann? Ravi sei unbesorgt, mir gegenüber warst Du bis jetzt treu. Du hast lediglich Crespo gewaltig in den Arsch gekniffen und damit kann ich sehr gut leben. Du sicher auch, denn deshalb lebst Du schließlich noch.


    Du hast mir einiges zum Nachdenken gegeben Ravi. Das zeigt mir, dass man in der Schule generell gut aufpassen sollte, was man als Kind als unnütz empfindet, kann einem vierzig Jahre später gute Dienste erweisen. Crespo lebt in seiner Welt, wie ich in meiner. Für ihn wird Umdenken genauso schwer sein. Falls er überhaupt umdenken möchte oder darf. Denn es ist doch durchaus möglich, dass er uns untergeschoben wurde. Wem ist Naridien wohlgesonnen? Ledwick oder Souvagne?


    Neben Eurem Volk war es unseres, dass die besten Schiffe gebaut hat. Folglich verbindet uns mehr als eine einzige Warnung. Wie habt Ihr damals in Ledwick gelebt, bevor Ihr hierher gezogen seid?


    Ich frage Dich die ganze Zeit aus, was möchtest Du wissen? Um Fuß zu fassen, benötigst Du ebenso Infos wie ich", gab Kuno zurück und ließ sich vom Shamari mit einem Schmunzeln nachschenken.


    Er kam dem Tipp von Ravi nach und ließ eine Flocke in das Getränk fallen.

    "Mal sehen was ich erwischt habe...", grinste er schlagartig sein Raubtiergrinsen und ließ offen, ob er die Flocke oder Ravi meinte und prostete diesem zu.

  • "Von mir hat Yanko sich bei aller sonstiger Vertrautheit privat nicht in die Karten schauen lassen. Wir waren uns menschlich nahe, ich weiß mehr über ihn als jeder andere hier in Naridien. Doch wird mir soeben bewusst, dass ich im Grunde dennoch fast nichts Relevantes über meinen ehemaligen Vorgesetzten weiß.


    Um auf deine vorhergehende Frage zurückzukommen: Wir waren kein Paar, das wäre unmöglich aufgrund des Machtgefälles. Eine Partnerschaft kann nur auf Augenhöhe funktionieren. Wir haben vieles geteilt, was man sonst Paaren zugesteht, aber Yanko Crespo hätte sich nie auf diese Weise an mich gebunden. Ich bin erstens nicht repräsentativ und zweitens würde mir das eine Bedeutung einräumen, die mir nicht zusteht als sein Assistent. Für ihn war ich nur sein Assistent in allen Lebenslagen. Er ist unverheiratet und ungebunden. Falls er eine Liebschaft pflegt, was ich mir nicht vorstellen kann, so hält er sie geheim."


    Dass Ravi eine Rückfrage zugestanden wurde, überraschte diesen. Vermutlich wollte Kuno Neda ihn prüfen. Wollte testen, welche Frage er stellen würde, sobald man ihm diese Möglichkeit einräumte. Ravi wusste, dass er sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen durfte. Darum entschied er sich für eine dienstliche Frage.


    "Warum wolltest du deinen Beruf niederlegen und hast den Ruhestand angetreten? Und warum bist du trotzdem wieder ins Berufsleben zurückgekehrt?"

  • Kuno trank in Ruhe ein Schluck von seinem Getränk und stellte fest, dass es nach Kirsche schmeckte. Er mochte den Geschmack.


    "Ach weißt Du Ravi, manchmal war ich des Streitens einfach müde. Sicher sind viele Fälle interessant, aber wenn Du meinen Beruf über 20 Jahre gemacht hast, hast Du jede Ausrede, jeden Kommentar und fast jeden menschlichen Abgrund kennengelernt. Darauf hatte ich keine Lust mehr. Du musst Biss haben, wenn Du für jemanden in den Ring steigst. Was nützt Dir ein Kampfhund ohne Zähne und ohne den Willen zuzubeißen? Mich hat der Ring nicht mehr gelockt, die Gegner nicht interessiert und die Preise waren mir einerlei. Ich wollte mich mit Dingen beschäftigen auf die ich Lust hatte.


    Glaub es oder nicht, aber ich habe eine ganze Zeit in einem winzigen Büro die Buchhaltung für eine meiner Frauen erledigt. Sie hat so ein kleines Bistro. Das hat mir richtig Spaß gemacht. Warum ich zurückgekehrt bin? Wegen meinem Sohn. Das Amt des neunten Richters war ausgeschrieben und Ubbo hatte die Dreistigkeit nicht sich, sondern mich zu bewerben. Und da bin ich. Zurück im Ring. Und zwar in der Championklasse. Ehrlich gesagt könnte ich ihn jetzt noch in den Arsch treten für die Scheiße", stöhnte Kuno ehrlich.