Kapitel 83 - Das Schicksal von Etzel Fuxwaldt

  • Das Schicksal von Etzel Fuxwaldt

    Yanko war mittelmäßig zufrieden mit dem Verlauf der Konfrontation. Dass Neda und er am Ende einen Waffenstillstand für die Dauer der Ermittlungen geschlossen hatten, war so weit gut. Doch dass Ravi und Neda dermaßen deutlich eine Front bildeten und für einander einstanden, gefiel ihm nicht. Dass der Anschlag fehlgeschlagen war, spielte keine Rolle, es änderte nichts an der Sachlage, dass ihm dieser Assistent gehörte. Hätte Ravi Ehre im Leib, hätte er sich auch eigenhändig entleibt, wenn der Wunsch seines Herrn seinen Tod beinhaltete. Aber vielleicht hatten sie zu lange in Naridien gelebt ...


    Äußerlich ließ Yanko sich nicht anmerken, was er empfand, als sie hinunter zum Gerichtssaal gingen, wo noch immer Etzel Fuxwaldt wartete.

  • Gemeinsam mit seinem Richter Yanko Crespo und dem Obersten Richter Gabin Korpuuk gingen sie hinunter in den Gerichtssaal. Dies geschah nicht häufig, denn normalerweise wurde dieser Saal nicht von den Richtern betreten, sie waren über die Monitore anwesend. Heute war eine der wenigen Ausnahmen, denn man hatte Etzel Fuxwaldt hier gesichert. Was nützte der beste Freispruch, wenn draußen die Verurteilung lauerte? Vermutlich drückte sich Miyauchi schon in den Schatten herum, oder hatte jemanden dafür angeheuert.


    Die Frage war, weshalb musste Fuxwaldt zum Schweigen gebracht werden?

    Und weshalb auf diese Weise?


    Roman konnte sich noch keinen Reim auf all das machen, aber sie hatten bis jetzt auch nur zwei Stücke des Puzzles in der Hand. Daraus auf das Gesamtbild zu schließen, war schlicht unmöglich. Yanko hing ebenfalls seinen Gedanken nach, aber Roman verkniff es sich momentan danach zu fragen. Später, sobald sie den Obersten Richter nicht mehr im Schlepptau hatten.


    In jenem Moment standen sie auch schon vor dem Gerichtssaal und Richter Korpuuk öffnete die Türen, schließlich hatte er sie auch versiegeln lassen und das aus gutem Grund.


    Etzel Fuxwaldt drehte sich zu der Gruppe um und verneigte sich.

    "Hohes Gericht", sagte er nervös und schaute von Korpuuk zu Crespo.


    "Ihr Zeuge Herr Crespo, passen Sie gut auf ihn auf", sagte Korpuuk, nickte Yanko knapp zu und ließ ihn mit Roman, Etzel und den eigenen Schockkonstablern im Gerichtssaal allein.

  • Kaum war Korpuuk verschwunden, gedachte auch Yanko, sich aus dem Hohen Rat zu entfernen, in denen mehr als nur die Wände Augen und Ohren hatten. Er lächelte in der ihm eigenen kühlen Art und Weise.


    "Herr Fuxwaldt, bitte begleiten Sie mich. Ich möchte im vertraulicheren Rahmen mit Ihnen sprechen, als ihn das Gericht zu bieten vermag." Es war keine Frage, da er nicht annahm, Fuxwaldt würde ablehnen. Falls doch, würde Crespo das nicht akzeptieren. "Wir begeben uns zu meinem Luftschiff."


    Die ganze Entourage bewegte sich in die Richtung, in der das reinweiße Luftschiff von Nummer 2 parkte. Etzel wurde von den Schockkonstablern in die Mitte geschoben, er sollte nicht allein am Rand gehen oder gar hinterhertrotten.

  • Etzel freute sich einerseits, dass er persönlich von den Richtern abgeholt wurde und nun Richter Crespo begleiten sollte, aber er spürte auch, dass weitaus mehr dahinter steckte. Der Richter hatte ihn nicht gebeten, aber dass musste er auch nicht. Fuxwaldt folgte ihm auf dem Fuße und räusperte sich.


    "Natürlich begleite ich Sie, Sie können jederzeit mit mir sprechen Euer Ehren Crespo. Ich möchte mich bei Ihnen für Ihre Fürsprache bedanken. Ich glaube ohne Sie hätte mir keiner geglaubt. Aber ich habe nicht gelogen, das schwöre ich Ihnen. Zu Ihrem Luftschiff? Sie meinen so ein großes, dass man sonst auch von der Werbung kennt?", fragte Etzel und hätte gerne noch mehr gefragt, aber das alles musste warten. Denn vor seinen Fragen, würde er dem Richter Rede und Antwort stehen.


    Scheinbar war die ganze Verhandlung immer noch nicht vorbei, oder zog nun etwas nach sich, was ihm völlig unbekannt war.


    Roman schloss zu Yanko auf und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln.

  • Yanko erwiderte das Lächeln von Roman. Ihm gegenüber war es weniger kühl. Die Luke öffnete sich und eine Rampe wurde ausgefahren, die bequemes Einsteigen ermöglichte.


    "Eine Möwe. Man kennt sie aus der Werbung", bestätigte Crespo. "Es handelt sich um keine Maßanfertigung. Treten Sie bitte ein."


    Das Luftschiff war, verglichen mit anderen der Luxusklasse, tatsächlich sehr klein, auch wenn es im Inneren nicht an Bequemlichkeit mangeln ließ. Dies lag daran, dass Yanko den Seeweg bevorzugte und an seiner Yacht hatte er nicht gegeizt. Das Luftschiff hingegen war für ihn lediglich ein Transportmittel.


    Yanko wartete, bis alle ihre Plätze eingenommen hatten, die Luke verschlossen worden war und die Motoren leise schnurrten, als das Luftschiff abhob.


    "Ich glaube ihnen, Herr Fuxwaldt, darum sprach ich für Sie. Es ist alles gut gegangen, Sie sind ein freier Mann. Was haben Sie nun vor, nach dem Freispruch?"

  • "Ein sehr schönes Schiff", antwortete Etzel aufrichtig. Für ihn war schon dieses Fluggerät der pure Luxus, etwas dass er sich vermutlich niemals im Leben leisten können würde. Aber er wollte nicht kleinlich sein, oder undankbar, denn ohne Richter Crespo, hätte sein Leben vermutlich ein jähes Ende in der Brennkammer gefunden. So lebte er lieber sein kleines, armen und manchmal sehr ärgerliches Leben weiter. Vielleicht ergab sich eines Tages eine Chance. Wer wusste das schon.


    Im Schiff machten es sich alle gemütlich und als sie Platz genommen hatten, hob es sanft ab. Etzel stellte fest, dass es fast geräuschlos flog, was ihm sehr gefiel. Das machte das Fliegen zu etwas ganz besonderen für ihn. Es war mehr ein Schweben, anstatt denn es fehlte das Donnern und Knattern des Motorengeräuschs.


    "Ja ich bin ein freier Mann Euer Ehren Crespo und das verdanke ich Ihnen. Ohne Ihre Fürsprache wäre ich nur noch ein Haufen Asche. Was Richter Miyauchi derart gegen mich aufgebracht hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber ich habe von Anfang an stets versichert unschuldig zu sein. Und ich sage Ihnen noch etwas, selbst wenn man mir offen den Bankraub angeboten hätte, ich hätte ihn abgelehnt. Aus purer Ehrlichkeit? Nein.


    Ehrlichkeit muss man sich auch leisten können Euer Ehren. Ich hätte abgelehnt aus purer Angst. Mit Bankräubern und anderen Kriminellen wird nicht zimperlich umgegangen. So sehr ich Geld auch benötige, so sehr hänge ich aber auch an meinem Leben. Versteht mich nicht falsch, ich heiße keine Kriminalität gut, aber manchmal muss man auch kleine Jobs erledigen, die nicht ganz legal sind. Ich habe zum Beispiel mal ein kleines Büro gestrichen und mich so bezahlen lassen.


    Und ich habe auch mal das Taxometer ausgestellt und meinem Chef nichts davon gesagt. Der Alte schaute eh nicht auf die Anzeige und falls doch, sollte er sie mal reparieren lassen. Aber dass sind alles Dinge, die niemanden weh tun oder verletzen und mir trotzdem ein Essen auf den Tisch packen. Das möchte ich gesagt haben. Ich bin kein Heiliger, aber ich bin auch nicht das Monster als das mich Richter Miyauchi darstellen wollte.


    Falls er mich dafür brennen sehen wollte, weil ich manchmal 12 oder 20 Taler in die eigene Tasche gesteckt habe und nicht bei meinem Chef abgerechnet habe, dann bin ich schuldig. Aber alles was er aufführte, habe ich niemals begangen.


    Was ich nun machen werden? Das ist eine gute Frage. Ich weiß es selbst nicht Euer Ehren. Vielleicht fahre ich Taxi auf eigene Kappe oder suche mir ein Unternehmen wo ich als Kurrier fahren darf mit meiner Karre. Ich muss schauen was sich ergibt. Der Fette wird mich sicher nicht mehr gerne in seinen Reihen sehen, wo ich gesessen habe. Fragt Ihr aus einem bestimmten Grund?", hakte Etzel nach und presste seine Hand auf seinen Magen, als dieser laut und vernehmlich knurrte.


    Roman erhob sich und ging zu dem kleinen Kühlschrank, der sich an Bord der Möwe befand. Er entnahm einige Schokoriegel und ein Getränk und reichte beides Etzel. Dieser nahm die Gaben mit verlegenem Lächeln entgegen und schlang das Essen herunter wie ein ausgehungertes Tier.

  • Yanko ließ ihn zunächst in Ruhe essen. Er gedachte, ihm später einen Nachschlag zu gönnen, doch zunächst wollte er die organisatorischen Angelegenheiten geklärt wissen.


    "Unter uns, Herr Fuxwaldt - selbst die hohen Tiere tragen keine weißen Westen. Wer hat nicht in der Jugend die eine oder andere Sünde begangen, etwas Kleines gestohlen oder jemanden betrogen, wenn er sich bei der Rückgabe des Wechselgelds verzählte? Solche Heiligen sind selten und sie sitzen ganz sicher nicht im Hohen Rat.


    Nein, ich habe Sie aus einem anderen Grund zu mir bestellt. Sie benötigen eine Arbeitsstelle, Herr Fuxwaldt, und ich benötige einen Chauffeur, damit ich auch während der Reisezeiten mit meinem Assistenten an den Fällen arbeiten kann. Können Sie sich das vorstellen?"

  • Etzel musste aufpassen, dass er sich nicht verschluckte und nickte geflisstentlich voller Begeisterung. Mittendrin hielt er allerdings beim Nicken, wie auch beim Kauen inne.


    "Ihr meint aber mit Eurem Fahrzeug oder? Meines ist nicht gerade mehr in Schuss. Bekomme ich auch Dienstkleidung? Sonst sollten wir getönte Scheiben haben Herr Crespo, einen Anzug kann ich mir noch nicht leisten. Ich darf nicht sagen, was ich über die Richter des Hohen Rates denke, ich möchte nicht zurück ins Gefängnis", antwortete Fuxwaldt und schluckte alles herunter was er im Mund hatte.

  • "Sie bekommen alles: Dienstkleidung, die fehlenden Flug- und Fahrerlaubnisse, zu See, zu Luft und zu Land, bis Sie alle Klassen beherrschen. Sie bekommen ein Gehalt und eine Wohnung in meinem Turm, denn ich benötige vierundzwanzigstündige Bereitschaft sieben Tage die Woche. Das heißt freilich nicht, dass Sie all die Zeit über arbeiten werden und keine Freizeit mehr genießen dürfen, aber sie müssen stets dazu bereit sein. Wäre das in Ihrem Sinne, Herr Fuxwaldt?"

  • Etzel fragte sich, womit er das alles verdient hatte. Aber vielleicht war auch er einmal dran mit dem Glück, von dem scheinbar immer nur die anderen sprachen.


    "Ja dazu bin ich sehr gerne bereit. Ich bringe Sie wohin Sie wollen Euer Ehren und wann sie wollen. Das ist alles zu schön um wahr zu sein und ich weiß nicht was ich sagen soll, außer dass ich die Stelle sehr gerne annehme. Viel habe ich in meiner Freizeit nicht getan Herr Crespo, meist habe ich geschlafen, denn meine Schichten waren lang. Sie müssen sich also keine Sorgen machen, ich bin arbeiten gewöhnt. Sie meinen einen der Megatürme nicht wahr? Diese gewaltigen, glänzenden Türme der reichen, nicht die senkrechten Ministädte wo in jeder Etage eine andere Bande ihr Revier hochgezogen hat.


    Ich kann es kaum glauben, das wird meine Chance sein, eine doppelte Chance habe ich heute erhalten. Ich muss meine Sachen noch aus meiner Bude holen. Sonst habe ich nichts weiter", sagte Etzel erfreut und stellte sich vor, wie er aus seiner Wohnung über die Stadt schaute. Ganz sicher hatten dort die Wohnungen sogar Fenster.

  • "Geben Sie meinem Assistenten Ihre Adresse und er wird alles in die Wege leiten. Ihre Sachen werden Ihnen noch heute gebracht werden und spätestens morgen ist Ihr gesamtes Hab und gut dort, wo es hingehört. Sie aber genießen für heute die Ruhe in einer Gästewohnung, in der Sie alles finden, was sie benötigen, und wo Sie sich vom heutigen Stress erholen können. Willkommen im Team, Herr Fuxwaldt!"


    Yanko Crespo reichte ihm seine künstliche Hand, die unter einem gepolsteren Gummihandschuh lag, so dass sie sich fast wie eine echte Hand anfühlte, wenn man nicht wusste, dass sie leblos war.


    Das Luftschiff ging in Sinkflug über und das Panorama des Sees offenbarte die ganze Schönheit des schwimmenden Turms, der sich nicht in die Höhe schwang, sondern in die behütende Tiefe des Wassers eintauchte.

  • "So einen Turm habe ich noch nicht gesehen. Das ist der Megalesia, in der 78. Etage, Appartment 12. Die Aufzüge sind nicht immer die Besten, man muss gut drauf achten die Gitter zu schließen. Ach ja und wegen dem Schacht in der Mitte des Megalesia, an manchen Stellen fehlt die Brüstung, also Vorsicht. Sonst geht es weit runter.


    Ist schon so manchem passiert, der im Dunkeln einen Fehltritt beging. Das geschieht schnell, die Beleuchtung ist oft defekt, drum nehmen sie eine Lampe mit. Die meisten laufen da stets gleiche Wege, drum kennen sie sich aus. Und am besten von den Winkeln der Hausflure fernhalten, da findet man Dinge die man nicht finden will.


    Die Hausverwaltung sitzt ganz unten, auf der ersten Etage, Sie können mein Appartment gleich abmelden. Ich muss es eigentlich wöchentlich bezahlen. Ich hoffe die haben meine Sachen nicht rausgeworfen und da hockt schon wer Neues drin", antwortete Etzel und freute sich, dass er sich heute einen gemütlichen Tag machen sollte.

  • Yanko nickte bei den Ausführungen von Fuxwaldt seinem Assistenten zu, damit sein neuer Mitarbeiter sah, dass seine Sorgen ernstgenommen wurden, auch wenn jene Männer, die Roman zur Abholung der Sachen schicken würde, Profis waren. All das würde der Mann noch früh genug merken, heute sollte er erst einmal ankommen und sich erholen dürfen.


    "Überlegen Sie sich, was sie essen möchten, es wird in der Küche frisch zubereitet und Ihnen auf ihr Zimmer gebracht. Das Personal wird sich um Sie kümmern, sie in Ihre Wohnung führen und ihnen zeigen, wie Sie welchen Service bestellen können. Für den Rest des Tages überlasse ich Sie der so dringend benötigten Ruhe. Morgen besprechen wir Ihre Anstellung."


    Das Luftschiff landete ebenso sanft und lautlos, wie es gestartet war. Die Antriebe von Unten ließen es auf einem Luftkissen nach unten sinken und es tat, was nur wenige Luftschiffe konnten - es schwamm und fuhr wie ein Schiff langsam in den überdachten Hafen der Wasserlilie ein.