Das Ritual (Zur Aufnahme in die Bruderschaft der Reinheit)

  • Das Ritual

    (Zur Aufnahme in die Bruderschaft der Reinheit)



    Ciel schwang sich auf das Turbinen-Motorrad und tat so, als würde er fahren. Dabei musste er allerdings weit vorne sitzen, damit er mit den Händen an den Lenker kam.


    "Iggi wir sind im Wald von Duvallot, ganz in der Nähe ist die Grenze. Früher haben hinter der Grenze die Zwerge gewohnt. Wusstest Du das?", fragte Ciel und beobachtete den Vorbeter, wie er ihre Sachen zusammenräumte.

    "Ja das habe ich gewusst, es ist schon sehr lange her, dass es Zwerge gegeben hat. Über 800 Jahre, Du musst keine Sorge haben, diese Unwürdigen wurden vor langer Zeit ausgerottet", gab Ignatio zurück und reichte Ciel die Tasche mit ihren Habseligkeiten, während er den Rest des Feuers erstickte.


    "Heute leben in ihren Höhlen die Vampire. Das ist auch nicht besser. Müssen wir schon los? Haben wir einen neuen Auftrag?", fragte Ciel neugierig und ließ sich vom Motorrad rutschen.

    "Es sind stets Aufträge zu erledigen Bruder Ciel, Du kannst im Com nachschauen. Dort ist eine Prio-Liste vermerkt und sobald Du eine Aufgabe erledigt hast, steht die nächste an. Jeder Bruder hat darauf Zugriff. Also such Dir einen Auftrag aus und er ist Deiner. Normalerweise wählen wir die Aufträge schlicht so aus, wer am nächsten am Einsatzort ist", sagte Ignatio und reichte Ciel sein Com.


    "Bruder Ignatio die suchen einen Abnormen, was ist das? Und wo bekommen wir den her?", fragte Ciel und kratzte sich am Kopf.

    "Ein Abnormer ist ein Abweichler, also ein Unwürdiger der völlig aus der Art schlägt. Zum Beispiel jemand wie Cyborgs, Ghule, all so etwas bezeichnet man als Abnorm. Der normale Unwürdige ist schon eine Plage, Abnorme machen meist sehr viel Ärger. Man sollte sie nicht allein erledigen. Falls Du den Auftrag annehmen möchtest, rufen wir einen Kampfhexer dazu. Die führen auch eine ganz andere Bewaffnung mit sich und sind anders im Umgang mit Waffen geschult", erklärte Ignatio und schwang sich auf die Maschine. Dabei schlang er die Stoffbahnen seiner Robe nach vorne, damit sie sich nicht in der Maschine verfangen konnte.


    "Darf ich Bastien anrufen?", grinste Ciel von einem Ohr zum anderen.

    "Darfst Du", stimmte Ignatio zu und klopfte auf das Motorrad, "rauf mit Dir".


    Ciel kletterte hinten auf die Maschine und hielt sich an Ignatio fest.


    "Magst Du mir von dem Aufnahmeritual erzählen, während wir fahren?", bat Ciel, während die Maschine mit Grollen zum Leben erwachte und sie losfuhren.


    "Der Aufnahmeritus? Gerne.


    So wie jede Geburt Ciel erlebt man auch diese Geburt nackt. Du stehst vor der Bruderschaft, zwischen Dir und ihnen steht der Weihetisch. Dein Vorbeter hat ihn für Dich gedeckt, in meinem Fall war das Bruder Jarian Lacand. Weiß ist das Tuch, dass auf dem Tisch liegt, der Ritualraum selbst liegt im Dunklen. Nun nicht ganz, erhellt wird er ausschließlich von dem warmen Licht der Öllampen.


    Der Tisch ist gedeckt mit Deinem neuen Ritualdolch und einem Kelch. In diesem Kelch befindet sich reines Quellwasser gemischt mit Ihoxud. Ihoxud ist eine extrem bewusstseinserweiternde Substanz. Beides stand vor mir auf dem Tisch und wie es das Ritual verlangte, legte ich die Fingerspitzen meiner Hände auf das Tuch und senkte den Blick.


    Dreimal fragte mich mein Vorbeter ob ich bereit wäre der Bruderschaft der Reinheit beizutreten.

    Dreimal beantwortete ich seine Frage mit Ja.


    "Dreimal wurdest Du gefragt, ob Du bereit bist der Bruderschaft der Reinheit beizutreten.

    Dreimal lautete Deine Antwort ja.

    Drei Schlucke wirst Du aus dem Kelch trinken.

    Drei Schnitte wirst Du setzen und das ewige Band mit Blut besiegeln".


    Nachdem die Worte verklungen waren, nahm ich die Fingerspitzen vom Tisch und ergriff mit beiden Händen den Kelch und nahm drei Schlucke. Behutsam stellte ich ihn wieder ab, schloss die Augen und lauschte den Gebeten, die meine Brüder rezitierten. Der Klang ihrer Stimmen veränderte sich und ich wusste die Zeit des Blutes war gekommen.


    Meine Ohren hörten scheinbar alles, das was die Brüder beteten... aber auch wie sie, wie ich, wie jedes Lebewesen in diesem Raum funktionierte. Jedes Einatmen nahm ich wahr, jedes Klacken der Zähne aufeinander, die Geräusche die die Zungen verursachten beim Sprechen und weit hinter dem Ritualraum tausende und abertausende Geräusche die mein Bewusstsein über meine Ohren bedrängten.


    Und die anderen Sinne? Sie waren nicht minder messerscharf, mehr noch von einer Schärfe wie man sie sich kaum vorstellen kann. Der bittere, beißende Geruch der Asche die meine Brüder auf ihrer Haut trugen. Der minimale Brandgeruch toter Vampire, der der Asche noch anhaftete. Ich glaube sogar die Vampire selbst dahinter riechen zu können. Der Geruch des Weihetisches, sein harziges Holz, geschlagen vor Äonen von Jahren und jedes davon konnte ich riechen. Der Duft des gestärkten Tuchs auf dem Tisch, ein Hauch von Sommerblüten, längst vergangener Sommer, nicht mehr als eine blasse Erinnerung und dennoch da.


    Die Wände, verputzt mit einem Gemisch aus Asche und Kalk, Reinheit und gefallene Feinde verewigt auf den Wänden. Es war als könnte ich ihre Gesichter wahrnehmen, dazwischen ein Geflecht aus...


    Zu viel... es war zu viel, die einzige Möglichkeit war seine Sinne zu kanalisieren.


    Meine Finger schlossen sich um den Dolch. Greifen... ist Begreifen. Wie leicht man das Wort doch verwendet, ohne sich der wahren Bedeutung bewusst zu sein. In diesem Moment aber explodierte mein Bewusstsein und der Griff um den Dolch löste völliges Begreifen aus. Ich spürte jede noch so kleine Erhabenheit auf diesem Dolch, fühlte die feine Maserung in der das Metall gefaltet worden war und spürte die Hitze, die Glut, dass Blut des Metalls aus dem er geboren wurde... so wie ich neu geboren werden würde...


    Seine Schärfe schnitt in mein Fleisch, spaltete, klappte Fleisch auseinander und formte es um. So wie meine Seele in dem Moment umgeformt wurde. Mein Körper schrie nach Erlösung, genau wie meine Gebete. Der Schmerz war unbeschreiblich und tropfte mit meinem Blut zu Boden, benetzte die Klinge und knüfte das Band, zu meiner Bruderschaft.


    Als es vollbracht war legte ich den blutigen Dolch auf das weiße Tuch des Tisches.


    "Wen heißen wir in unserer Mitte willkommen?", die Worte meines Vorbeters führten meine zu neuen Höhen gepeischten Sinne in den Ritusraum zurück.


    "Ignatio Lacand", antwortete ich.

    "Willkommen Bruder Ignatio".


    Willkommen Bruder Ignatio... die Worte die Sinn schufen und den Schmerz der Welt löschten".


    Ciel drückte sich an Ignatio und dachte über das Gehörte nach.

    "Wo hast Du Dich geschnitten und... wie?", fragte er leise.


    "Zuerst habe ich die Vorhaut meines Schafts abgeschnitten. Den Schaft von der Glanz der Länge nach gespalten und zum Schluss einen Teil des Scrotums gespalten. Also den Schaft von unten aufgeschnitten. Ich wählte damit den mittleren Weg, keine vollständige Entfernung. Mein Vorbeter ging selbst den mittleren Weg, keine Extreme sagte er, weder zu lasch noch zu hart. Wobei die meisten uns persönlich und unsere Opferbereitschaft schon allein als extrem bezeichnen würden. Vom Bauchnabel ab bis hinunter zum Schambereich bin ich scarifiziert. Die Bruderschaft der Reinheit ist nicht Dein Weg Ciel", antwortete Ignatio wohlwollend.


    ~Ignatio Lacand, 24.05.1080 n.d.A.


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