Der Entweihte - Ex-Bruder Kizza zu Gast bei Tempel TV

  • An: Bruder Yves, Tempel TV

    Von: Kizza Santoni

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    Sehr geehrter Bruder Yves,


    mit Interesse verfolge ich Ihre Arbeit als Moderator von Tempel TV. Ich gehe sicher recht in der Annahme, dass mein Schreiben nicht wie die Post Ihrer gewöhnlichen Anhänger im Digitaudis landet, sondern direkt zu Ihren Händen gelangen wird, denn ich bin sicher, mein Anliegen ist für Sie von geschäftlichem Interesse.


    Mein Name ist Kizza Santoni und ich bin Schauspieler. Zudem bin ich Autor des indizierten Werkes "Belehren statt Beleidigen - Wege in eine zeitgemäße Bluthexerei" mit einem Vorwort von Bruder Fulcaire.


    Habe ich Ihr Interesse geweckt? Davon gehe ich aus.


    Deshalb lade ich Sie am 18. des Bockmondes 1080 nach der Asche herzlich ein zu einem persönlichen Gespräch in das schöne Alessa.


    Treffpunkt:


    Nari-Kawa-Garten

    Straße der Freiheit 11

    Distrikt 2

    Alessa

    NARIDIEN


    Ex-Bruder Kizza


  • Yves las verwundert allerdings auch hochinteressiert die Nachricht auf seinem Com. Jirom sein Leibwächter, der stets in seiner Nähe herumschwirrte musterte seinen Boss. Jean Brumaison stellte Yves einen frischen Süßblatt-Tee hin und wartete geduldigt mit Jirom, ob Yves offenbaren wollte, was er dort gerade las. Yves wollte es nicht.




    An: Kizza Santoni

    Von: Yves Hugo

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    Sei gegrüßt Kizza,


    Sie haben Schneid Kizza, dass muss ich Ihnen lassen. Ihr Name ist jedem Bruder ein Begriff, allerdings als Negativbeispiel. Ebenso wie Fulcaire. Fulcaire bat offen um Barmherzigkeit des Ordens und erhoffte sich einen Meinungswandel. Die These Belehren statt Beleidigen - Wege in eine zeitgemäße Bluthexerei, untermauert die pazifistische Einstellung jenes Bruders.


    Davon ausgehend, dass Ihnen meine Herkunft bekannt ist, dürften Sie wissen dass auch ich lieber aufklärte als hinrichte. Mein Geburtsrecht und meine Pflicht war es Leben zu schaffen und nicht zu vernichten. Auch Sie und Fulcaire wurden von einem meiner Bruderschaft einst aus dem Tank gehoben. Es schmerzt mich zu sehen, dass zwei Brüder derart den Weg aus den Augen verloren haben.


    Nicht der Taler veranlasst mich, mit Ihnen das Gespräch zu suchen. Derart pikunär veranlagt bin ich nicht. Vielmehr möchte ich aus Neugier auf Ihr Angebot eingehen. Es interessiert mich, weshalb Sie und auch Fulcaire dem Orden den Rücken gekehrt haben. Hätte es keine andere Möglichkeit gegeben? Oft fehlt es an einem neutralen Blick, sobald einem eine Sache zu Herzen geht.


    Vielleicht bietet unser Gespräch einem Bruder der sich in einer ähnlichen Situation befindet, einen Lösungsansatz. Alles weiteres besprechen wir persönlich.


    Treffpunkt:

    Nari-Kawa-Garten

    Straße der Freiheit 11

    Distrikt 2

    Alessa

    NARIDIEN


    Termin: 18.07.1080, 18:00 Uhr.

    Der gute Bruder ist pünktlich ;)




    Yves versandte die Nachricht und steckte sein Com in die Tasche.


    "Für den Rest des Tages bin ich nicht anwesend. Jean plane die Abendtermine um, Jirom Du hast den Rest des Tages frei", erklärte Yves.

    "Möchtest Du uns nicht sagen, wohin Du aufbrichst Bruder? Soll Dich niemand von uns begleiten? Wenigstens ein Bruder der Kampfhexer?", fragte Jean erstaunt.


    "Was lässt Dich vermuten, ich würde allein reisen Jean? Bis morgen früh Bruder", antwortete Yves und verließ das Büro wie auch den Sender.


    Yves fuhr kurz nach Hause, machte sich frisch und zog sich bequeme Kleidung an. Er schnappte sich die Aufnahmedrohne die bei freien Drehs zum Einsatz kam, verstaute etwas zu Trinken in seiner Schultertasche und machte sich eine Stunde später mit seinem Moto auf dem Weg zum Treffpunkt.


    Hugo passierte den Dome und ließ damit Souvagne hinter sich. Ein seltsames Gefühl überkam ihn und er legte kurz die Hand auf die Drohne. Ein lächendes Gesicht war auf ihrem Monitor zu sehen. Irgendwie fühlte er sich gerade wie am ersten Tag außerhalb des Tempels. Die schützende Schleuse gab es nicht mehr, über ihm nichts als freier Himmel und endlose Weite. Nichts was das Leben in feste Strukturen hüllte. Seine Welt hatte aus dem unterirdischen Komplex der Behüter bestanden. Einem versiegelten Ort, der all das bot, was sie zum leben benötigten.


    Bei ihnen gab es kein Geld, kein Handel, nichts was man sich kaufen konnte oder musste. Es war das Leben einer riesigen Familie, die gemeinsam der wichtigsten Aufgabe nachging. Benötigte man etwas, dann ging man zur passenden Ausgabestelle. Ob es sich nun um die Bekleiderlieferstelle handelte, oder um Nahrung die man später in seinem Bereich verzehren wollte.


    Ihre Aufgabe war zu wichtig, zu gewaltig, als das sie sich mit jenen alltäglichen Dingen herumschlagen mussten, die jenseits der Schleuse von allen anderen Brüdern erduldet werden mussten.


    Er hatte in den 11 Jahren fern seiner Heimat gelernt, dass nun Souvagne als ganzes Land sein Zuhause und der Dome seine schützende Schleuse war. Heute hatte er diese zweite Schleuse zum ersten Mal hinter sich gelassen. Weder wollte er Jean bei sich haben, noch Jirom. Einen Bruder oder gar einen Souvrakasier mit nach Naridien zu einem Treffen zu nehmen, war eine Kriegserklärung. Da hätte er auch einen Bruder der Reinheit mitbringen können.


    Nein Yves stand zu seinem Wort und dem Schwur, den er einst geleistet hatte. Selbst wenn Kizza derart verdreht und verformt wäre im Geiste, dass ihm speiübel werden würde, er würde ihn nicht töten. Er konnte es nicht und er wollte es nicht. Denn trotz allem, war Kizza ein Kind des Ordens.


    Sollten andere ihr absolutes Urteil fällen, er war heute unterwegs um sich seine persönliche Meinung über diesen Mann zu bilden.


    Vier Stunden später war er endlich in Alessa. Er parkte sein Moto und schaute sich um. Die kleine Drohne mit dem freundlichen Gesicht schwebte hinter ihm her, sie tat nichts weiter als ihm zu folgen. Ein technischer Begleiter, der ihm gerade etwas Sicherheit und Beistand spendete in einer für ihn völlig fremden Welt.


    Die Luft roch seltsam, irgendwie chemisch und hinterließ auf seiner Zunge einen seltsamen Geschmack. Die Personen die ihm begegneten schaute ihn mit großen Augen an, als wäre gerade aus dem Taudis gesprungen. Almanen in sämtlichen Formen und Farben prägten das Stadtbild. Dazwischen Mischlinge bei denen Yves nicht einmal mehr ansatzweise raten konnte, was alles in deren Genom also Blut zu finden war. In den Blicken der Passanten lag Argwohn oder Angst. Das hatte den Vorteil, dass sich die Schar der Fußgänger vor ihm teilte, wie eine Bugwelle.


    So viele Unwürdige auf einen Haufen hatte er noch nie gesehen. Nun was erwartete er im Land der Unwürdigen? Eine Abordnung des Ordens? Er kam sich völlig fehl am Platz vor und war dennoch neugierig, was dieses verrückte Land und die abscheulichen Unwürdigen zu bieten hatten. Er blieb an einem Schaufenster stehen, betrachtete eine kleine Hand-Spielekonsole und versuchte zu lesen was dort stand. Selbst die Schrift war unwürdig! Was schrieben diese Kreaturen denn für einen Unfug zusammen? Wobei er sich die Konsole schon gerne gekauft hätte. Er zuckte kurz die Schultern und ging weiter.


    Einen Augenblick später fiel Yves ein, dass Naridier ja gar nicht almanisch sprachen oder schrieben, sie nutzten rakschanisch. Was auch sonst. Nach einigem Suchen hatte er endlich den besagten Nari-Kawa-Garten gefunden. Der Garten war nur kein Garten. Yves stutzte, zückte sein Com und versuchte es via Übersetzer.

  • Punkt 18:00 Uhr vibrierte das Datacom von Bruder Yves.


    An: Bruder Yves

    Von: Kizza Santoni

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    Zwar bin ich kein Bruder mehr, doch sitze ich schon an unserem Tisch. Falls Sie Orientierungsschwierigkeiten haben, empfehle ich den Aufzug zu nehmen. Der Garten befindet sich auf dem Dach.


    Ex-Bruder Kizza


  • Yves zückte sein Com, las die Botschaft und machte sich umgehend auf den Weg. Der Aufzug war leicht zu finden und gleich ob man lesen konnte was dort stand, oben war oben. So drückte er die oberste Taste und war einige Minuten später ebenfalls auf dem Dach. Erstaunt schaute er sich um, aber das war bestenfalls für Kizza zu erkennen. Für Fremde wirkte sein Gesicht wie aus Stein gemeisselt und derart fremdartig, dass die meisten Einheimischen um ihnen einen Bogen machten.


    Yves ging zu dem einzigen Bluthexer, den er an einem Tisch sitzen sah.


    "Grüße Kizza. Ein seltsamer Ort mit einem seltsamen Namen", sagte er freundlich und setzte sich.

    "Was ist das hier?", fragte Yves Kizza, schnappte die Drohne aus der Luft und legte sie auf den Tisch ab.


    Drohne:

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  • Als Yves aus dem Aufzug trat, offenbarte sich ihm der Park, den er vermutet hatte. Was mochten diese pflanzlichen Schätze gekostet haben in einem Land, in dem es kaum noch Natur gab? Hier oben auf dem Flachdach des Turms fand sich ein Gartenparadies mit Palmen in Kübeln, deren Blätter im Wind leise knisterten. Mit blühenden Ranken bewachsene Trennwände grenzten die aus Flechtwerk gemachten Sitzmöbel voneinander ab. Ein kuppelförmiges Rankgitter aus Messing, welches das ganze Dach überspannte, beugte Sturzunfällen vor und verhinderte magische Attacken gegenüber den Gästen. Armlange rosa Blütenstände hingen wie ein dichter Schleier darunter und verströmten süßen Duft. Er vermischte sich mit denen aus dem Tresen, von wo aus die Köstlichkeiten des Khawa-Imperiums verkauft wurden.


    Der Nari-Kawa-Garten stand ganz im Sinne des legendären Brotaufstrichs mit Kaffeegeschmack. Es gab Kaffeekuchen, die damit überzogen waren, gefüllte Teigstangen mit Nari-Khawa-Füllung, mehrere süße Suppenvarianten, flache Pfannenkuchen mit Nari-Khawa-Paste bestrichen und dann zusammengerollt waren, Nari-Khawa-Eisbecher mit Kaffeestreuseln ... und natürlich ganz normalen Kaffee.


    Kizza erhob sich und verneigte sich leicht. Er bot dem ehemaligen Bruder keine Hand an, da er sicher war, dass der Handschlag abgelehnt werden würde. Vor ihm stand ein Bluthexer aus den Reihen der Behüter und er selbst war ein Entweihter. Tiefer als diese Kluft war nur der Taudis.


    Der ehemalige Bruder Kizza war in enganliegende schwarze Kleidung gewandet, die mit Fransen und Glitzernieten übersät war. Sein Körperbau war wie jener der meisten Bluthexer hochgewachsen und schlank, doch sein Gesicht verriet Entbehrungen. Die Schminke, die er trug und die ihn weibisch wirken ließ, konnte nicht über seine eingefallenen Wangen und tiefen Augenringe hinwegtäuschen. Die schwarze Umrandung seiner Augen schien den Gelbstich der Augäpfel noch zu betonen, so wie der Lippenstift die ungesunde Farbe der Zähne.


    "Schön, dass Sie es sich einrichten konnten, Bruder Yves. Bitte setzen Sie sich doch."


    Es standen bereits zwei Tassen bereit und eine große Kanne Kaffee.

  • Yves nahm Platz und erhob kurz die linke Hand zum Zeichen des Segens, als Kizza sich vor ihm verneigte. Für einen Moment stockte Hugo. Kizza war der Gruß genauso in Fleisch und Blut übergegangen, wie ihm die Antwort. Dieser Bruder mochte zwar behaupten, kein Ordensmitglied mehr zu sein, aber im Herzen war er immer noch einer von ihnen. Kizza konnte es leugnen, so lange er wollte. Denn wäre dem nicht so, hätte sich der Mann als Erstes ihre Eigenarten abgewöhnt. Verhaltensweisen die für die Unwürdigen keine Bedeutung hatten, da es ihnen schlichtweg an Verständnis fehlte.


    Das Gesicht von Tempel-TV saß dem Schauspieler ungeschminkt gegenüber. Für die Bluthexer war es normal sich zu schminken oder mit Tätowierungen und Narben zu verzieren. Narben neben denen der Geißelung. Dies war ihre Form, ihrer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Yves hatte die Form der Behüter gewählt, er hatte heute bewusst auf jede Zierde verzichtet.


    "Danke für die Einladung. Dieses Land ist extrem verstörend, was hat sie ausgerechnet nach Naridien gezogen? Wieso nicht Soleil? Dort leben einige Brüder unter Führung des Gläubigen Timion Harruck. Warum Naridien? Und wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Sie sehen schlecht aus. Aber wie soll eine Etterna strahlen, wenn sich das Licht des Schwarms nicht auf ihren Schuppen bricht? Ein altes Sprichwort aus alten Zeiten. Zu  jener Zeit hatte ich allerdings nie eine Etterna gesehen. Ein kleiner silberner Fisch, der alleine zwar schön ist. Aber man sagt, fallen die Sonnenstrahlen auf einen Schwarm, leuchten sie so hell das man die Augen abschirmen muss. Heißt, je mehr Lichte sich vereinen, je größere die Strahlkraft.


    Hast Du dieses Holo tatsächlich gedreht, wofür Dich der Orden am liebsten Vierteilen würde?", fragte Yves und betrachtete neugierig die Kanne.


    "Darf ich?"

  • Kizza musste seine Rührung runterkämpfen, als der Behüter ihn segnete. Für viele Verlorene ging von den Behütern eine besondere Anziehungskraft aus. Kizza erinnerte sich an seine erste Zeit in der Welt-hinter-der-Schleuse, als seine Welt noch in Ordnung gewesen war und seine Gedanken inlim. Er wagte nicht, den Kaffee für diesen reinsten aller Bluthexer einzuschenken oder auch nur die Kanne zu berühren. Das hatte er noch nicht getan und würde es auch nicht, bis Yves signalisierte, dass er ihrer nicht mehr bedurfte.


    "Bedienen Sie sich. Die Kanne reicht für uns beide. Ich habe Karamellkaffee bestellt, um Ihnen eine regionale Spezialität anzubieten. Dass ich nicht gut aussehe, verdanke ich den Verlockungen des fleischlichen Lebens, Yves. Sie sehen an mir die Folgen von Alkohol, Rauchkraut und Sizinin.


    Mit Ihrer Vermutung liegen Sie ganz richtig, ich bin der Hauptdarsteller in dem Erfolgsstreifen Geil auf Geißeln. Soleil ist ein sehr junges Land und besitzt keine Filmindustrie, Yves. Generell besitzt es sehr wenig von dem, was ich suchte.


    Zeichnen Sie bereits auf?"

  • "Bin ich geschminkt? Wir reden privat Kizza und ich bin so frei zum Du zu wechseln. Das Interview wollte ich nach unserer Unterhaltung führen. Zuerst wollte ich Dich als Person kennenlernen und Dir die gleiche Chance einräumen. Zudem zeige ich Dir so, dass meine Worte rein der Wahrheit entsprechen. Ich führe Dich nicht hinter das Licht. Solltest Du es wünschen, zeichne ich unser Gespräch in dieser entspannten Runde auf.


    Alkohol, Rauchkraut und Sizinin, die ersten beiden Dinge sind faklach Kizza. Was das Letzte ist, weiß ich nicht einmal. Warum der Alkohol und das andere? Und weshalb hast Du in diesem Film mitgespielt. Antworte nicht, aufgrund des Lohns. Nenne mir Deine Beweggründe. Ich habe Zuhause etwas eingesteckt, da Du mir leid tust", erklärte Yves und nahm sich von dem Kaffee.


    Er goss sich ein, um dann auch Kizzas Tasse zu füllen.

    "Betrachte dieses Treffen als... Zuflucht. Ich weiß Du hast dem Orden abgeschworen, aber nicht Deiner Natur. Für Dich, damit Du etwas Halt in finsteren Stunden hast", sagte Yves und reichte Kizza ein Knäul. Etwas war in Tuch eingeschlagen und ziemlich schwer.


    Geschenk:

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  • Kizza neigte den Blick und das Haupt, während seine Finger und die des Behüters einen Moment lang den selben Gegenstand zeitgleich berührten. Bevor er ein Entweihter war, war er ein Büßer gewesen. Das Bewusstsein, nichts wert zu sein in Gegenwart der Vollkommenheit anderer Brüder saß tief. Er hielt das Geschenk zunächst eingeschlagen fest und beantwortete eine der Fragen.


    "Sizinin ist eine stimulierende Droge, die nach der gleichnamigen Wüstenblume benannt ist. Sie wird gerne vor dem Akt eingenommen, da sie nicht nur luststeigernd, sondern auch potenzfördernd ist. Zudem hat sie hohes Suchtpotenzial."


    Als er das Tuch aufschlug, kam eine kleine steinerne Skulptur zum Vorschein, ähnlich eines Bobbele. Eine erwachsene Figur hielt die Arme um ein Kind geschlungen. Beide hielten die Augen entspannt geschlossen und lächelten. Kizzas Gesicht verzog sich in vor Schmerz. Seine Finger strichen über die Köpfe der beiden Figuren, dann bettete er sie in seine Hände und betrachtete sie voll Trauer.


    "Ich werde es in Ehren halten. Die Botschaft verstehe ich. Du möchtest mir zeigen, dass ich nicht allein bin und Hoffnung schenken. Doch ich bin ein Entweihter, mein Schicksal ist der Tod oder die ewige Flucht. Da das Leben heilig ist und ich trotz allem gern lebe, wähle ich das Leben. Meine Worte tragen den Schmerz in sich, den ich spüre, doch ich freue mich sehr über das Geschenk. Danke, Bruder."

  • Yves bedachte Kizza mit einem bedauernden Blick. Vermutlich hätte ihn ein Bruder der Reinheit ganz ähnlich angeschaut, auch wenn Kizza das nicht glaubte. Nur hätte sich das trauernde Gesicht hinter einer Waffenmündung befunden. Das von Yves war von keiner tödlichen Gefahr garniert.


    "Doch Du bist allein, Du bist so allein wie ein Bruder nur sein kann. Wir sind alles mit dem Orden, wir sind nichts allein. Ich kann Dir weder eine Zukunft, noch Dein Leben schenken Kizza. Alles was ich Dir überreichen kann, ist eine Erinnerung. Eine Erinnerung an den reinsten Moment, die erste Umarmung auf dieser Welt durch einen Behüter. Nichts hat Dich zu dieser Zeit geprägt oder beeinflusst, das Einzige was Du weißt ist, dass Du geliebt und willkommen bist in diesem Augenblick.


    Was zwischen dem damaligen Moment und heute liegt Kizza, ist eine lange Geschichte und nicht alles ist durch uns beeinflussbar. In manchen Dingen obliegt Dir die Wahl, in anderen nicht. Nicht alles Schlechte das geschieht, geschieht aus Bosheit oder willentlich. Zudem bin ich nicht Deiner Einladung gefolgt um Dir zu schaden.


    Das Du das Leben wählst, sogar jenseits den Ordens, mag für einige der Unseren verwerflich sein. Für mich ist es das nicht. Denn was ist heiliger als das Leben selbst? Wer sein Leben grundlos wegwirft, hat für mich den größten Suss begangen, den es zu begehen gibt. Grundlos wohlgemerkt, denn ebenso wissen wir alle, das manchmal das Leben vieler oder gar aller nur durch die Opfer einiger geschützt werden kann. Allen voran die Kampfhexer, aber wir beide sind keine Kampfhexer. Wir sind einfach zwei Brüder, die sich in der Fremde getroffen haben und über die Vergangenheit plaudern Kizza.


    Also Kizza, warum hast Du diesen Holo gedreht? War das eine Abrechnung mit dem Orden?

    Die Worte die ich jetzt spreche, sage ich außerhalb des Ordens. Es gibt nicht den Orden", sagte Yves und hob kurz eine Hand um jeden Einwand zu unterbinden.


    "Ich weiß was jetzt die meisten Brüder sagen würden, oder gar ein Bruder der Reinheit. Aber ist es nicht so? Der Orden ist keine Person. Der Orden wird durch jeden von uns repräsentiert. Folglich ist es ein Unterschied ob Du mir von Deinem Problem erzählst, oder einem anderen Bruder. Nicht jeder wünscht Deinen Tod Kizza. Hätte ich über Dein Schicksal zu urteilen, lautete es Leben.


    Aber verstehe das nicht falsch, was Du getan hast heiße ich dennoch nicht gut. Ich stehe nur der Todesstrafe absolut ablehnend gegenüber. Ich spreche rein von Brüdern, dass zum Schutze unserer großen Familie Umwürdige geschlachtet werden müssen, zwecks Eigensicherung und Schutz ist völlig legitim. Sie stehlen zudem unsere Lebensgrundlage nicht wahr? Schau Dich nur um, was sie hier aus dem Land machen. Und hier vor Ort sieht es noch wunderbar aus. Wie sieht es woanders in diesem Land aus, wo selbst die Luft verseucht schmeckt?


    Beantworte mir die Frage, warum Kizza? Und ist diese Droge wirklich nötig? Mag sie noch so suchterzeugend sein, ist Dein Wille nicht hart genug dieses Verlangen zu brechen?", fragte Yves besorgt.


    "Bezüglich des Aktes kann ich nicht mitreden, ich habe ihn nie vollzogen, ich bin unverheiratet", gab Hugo ohne jede Scheu preis und trank einen Schluck von dem Kaffee. Er verzog kurz das Gesicht und schmunzelte.

  • Kizza nickte. "Ich habe auch nichts anderes erwartet und doch ist es mehr, als ich gehofft hatte - dass mir jemand Gehör schenken würde." Vorsichtig stellte er die Statue vor sich auf den Tisch und nahm einen Schluck Karamellkaffee.


    "Ich habe zwei Botschaften.


    Die erste Botschaft ist eine Anklage. Mit Brüdern, welche die Dogmen nicht zu erfüllen imstande sind, wird verächtlich umgegangen, die helfende Hand reichen zu wenige Brüder. Das hat auch Bruder Fulcaire gepredigt, doch niemand hörte ihm zu. Der Weg zurück wird, so lange es noch eine Umkehr gibt, dadurch sehr erschwert.


    Die zweite Botschaft ist eine Warnung. Die Verderbnis Naridiens ist real und wenn man diesen Weg einmal beschritten hat, gibt es kein zurück. Der Weg selbst macht bereits süchtig, es bedarf keiner Drogen.


    Sieh mich an, hier und in den Filmen, in denen ich mitgewirkt habe. Ich schäme mich vor mir selbst und zeitgleich liebe ich es. Würde mir der Orden vergeben, würde ich der Gnade nicht würdig sein. Ich kann die Dogmen nicht leben, Bruder Yves."


    Er stellte die Kaffeetasse ab und lehnte sich zurück.


    "Es begann mit einer Forschungsreise. Ich wollte einen Erfahrungsbericht über die Abscheulichkeiten Naridiens schreiben. Ich probierte vieles aus, um von vorderster Front berichten zu können, ich wollte in die verdorbensten Kreise gelassen werden. Es geschah. Und mein Tagebuch, das sich um die Verderbnis drehen sollte, wurde eine heißblütige Predigt von Faklach und Suss!"

  • "Bruder Kizza, um über einen Mord zu berichten, musst Du Dich nicht ermorden lassen! Wie bist Du nur auf so einen Rückschluss gekommen, dass Du selbst diese Erlebnisse durchleiden musst, um von ihnen zu berichten? Vermutlich hätte man bis zu einem gewissen Grad Deine Erfahrungen als Form von Geißelung verstehen können. Du hast die gleichen Schmerzen, Qualen und Sinnestäuschungen auf Dich genommen wie diese Unwürdigen! Aber Bruder Kizza, Du bist kein Unwürdiger.


    Du hast einer völligen Fehleinschätzung unterlegen. Warum bei Ainuwar hast Du nicht vorher einen Bruder um Rat gefragt? Oder gar die Bruderschaft der Reinheit zu Rate gezogen? Gut vermutlich hätte ich sie selbst, bei Selbstzweifel aus Angst erst sehr spät um Hilfe gebeten. Aber ich hätte einen Mannie nach Rat gefragt, einen der meinen... nun den hätte ich nicht fragen können.


    Weißt Du Kizza, so unterschiedlich sind wir gar nicht. In dem was wir getan haben, unterscheiden uns Welten. Sprich unser Lebenslauf könnte nicht unterschiedlicher sein. Du hast hier sicher einiges zu schätzen gelernt, ich jenseits der Schleuse ebenso.


    Aber eines verbindet uns Kizza, weder Du noch ich können zurück in unsere Seelenheimat. Du bist ein Ausgestoßener, Du kannst nicht zurück in den Orden. Du bist für immer von den meisten von uns getrennt. Mir ist es verwehrt hinter die Schleuse zurück zu kehren. Selbst wenn es erlaubt wäre, was brächte ich von draußen mit? Meine Erfahrungen und Sinneseindrücke, haben nichts hinter der Schleuse oder gar im Bereich der Schöpfermaschinen verloren", antwortete Yves tonlos.


    Kizza sah Yves an, dass er das Leben dort vermisste.

  • "Auch ich erinnere mich noch an meine Zeit als Kind, als die Zuwendung der Behüter mein ganzes Glück waren. Du hast dieses Glück auch noch darüber hinaus genießen dürfen."


    Kizza nickte schwermütig.


    "Warum aber hast du die Schleuse verlassen?


    Ich wolle einen authentischen Bericht, nicht die übliche Ordenspropaganda. Ich wollte die Dogmen nicht mit sich selbst begründen, sondern ich wollte sie beweisen ... wollte einen Erfahrungsbericht verfassen, den junge Bluthexer gern lesen. Ich wollte unterhalten und damit meine Botschaft vermitteln, wollte nicht nur den Verstand, sondern das Herz erreichen.


    Doch in Naridien lernte ich, dass in Faklach der Reiz des Verbotenen liegt und Suss extrem viel Spaß macht. Für mich Schmerzreize immer auch Lustreize, warum also nicht beides Kombinieren? Die meditative Wirkung einer Geißelung könnte in Verbindung mit sexuellen Reizen verzehnfacht werden! Solche Gedanken trieben mich um. Das Experimentieren bereitete großen Spaß und bezahlt wurde ich dafür auch noch.


    Und so, Bruder Yves, änderte ich den Inhalt meiner Botschaft. Wollte provozieren, Wachrütteln, ein Umdenken bewegen - und wurde dafür verdammt."

  • Yves nahm den Kaffeebecher in beide Hände und schloss seine langen Finger darum. Nachdenklich lehnte er sich im Stuhl zurück und dachte über die Worte von Kizza nach. Hugo nahm einen großen Schluck Kaffee, öffnete die Drohne und goss den Rest des Kaffees in das Gerät. Kizza sah wie sich das lachende, bunte Gesicht verzerrte und erlosch. Yves klappte den Deckel wieder zu und nahm einen neuen Schluck Kaffee.


    "Der Orden hört alles, sieht alles, weiß alles... es ist besser so. Das was ich antworte könnte man falsch auslegen, dabei meine ich es absolut glaubenskonform. Wir rühmen uns unserer Ratio, sie unterscheidet uns von den Tieren. Ein Tier folgt seinem Instinkt oder seinen Wünschen. Es benötigt oder wünscht etwas, also handelt es so, dass es sein Ziel erreicht. Wir hinterfragen die Dinge, da wir sie hinterfragen können. Wir verachten die Unwürdigen dafür, dass sie genau von dieser Möglichkeit, die ihnen geschenkt wurde, keinen Gebrauch machen. Wissen tun wir es tatsächlich nicht. Ich weiß es nicht, denn ich hatte noch niemals im Leben Kontakt mit einem Unwürdigen. Ungläubige ja, Unwürdige nein. Alles was ich bezüglich dieser Kreaturen weiß, weiß ich durch den Orden.


    Den Verstand benutzen bedeutet, selbst nachzudenken und nicht nachzuplappern was andere einem vorgeben. Sagen wir nicht, wir sprechen und die Unwürdigen plappern? Wie diese Vögel, die die Sprache nachahmen können? Sie plappern auch, sie reihen Worte sinnlos aneinander.


    Zu welcher persönlichen Erkenntnis oder Erleuchtung bin ich gekommen, wenn ich einfach nachplappere was mir die Älteren des Ordens sagen, der Vorbeter oder das Oberhaupt? Ich wiederhole ihre Meinung, sie wiederholen die Meinung eines anderen Bruders. Von wem stammt diese Meinung? Das habe ich mich manchmal gefragt. Allerdings nur mich selbst, niemanden sonst... sicherer ist das.


    Es mag alles seine Richtigkeit haben Kizza, ich denke es ist auch so. Der Orden ist Schutz und Heimat, Hingabe und Liebe, aber darf ich dies nicht selbst erfahren oder entdecken, anstatt es vorgekaut zu bekommen? Einst Kizza war ich die Antwort und nicht die Frage. Einst habe ich dafür gesorgt, dass jemand die Erfahrung gemacht hat, bevor er überhaupt nur die Frage gestellt hatte.


    Aber hinter der Schleuse ist das Leben anders. Fast jeder Bruder erinnert sich daran als wäre es eine Art Hoch-Tech-Traumland. Ihr geht früh genug um Euch umzugewöhnen und wir lassen Euch mit einem lachenden und weinenden Auge ziehen. Aber ich war 16 Jahre alt, als ich die Schleuse hinter mir ließ. Und ab da, begannen die Fragen. Antworten erhielt ich selten.


    Ich verstehe was Du meinst, Du hast selbst Antworten gesucht auf Fragen die Du nicht zu stellen gewagt hast. Du hast versucht, die Dogmen zu beweisen und sie nicht zu widerlegen. Du wolltest zu der Wurzel des Begreifens vordringen. Warum existiert dieses Dogma? Sobald Du den Grund gefunden hättest, wäre Dir dieses Dogma besonders wichtig geworden. Denn Du hast es selbst erlebt, erfahren, erkannt - dieses Dogma ist wahrhaftig und absolut. Es ist nichts, was man Dich lehrte, es ist etwas dass Du persönlich weißt.


    Der Reiz des Verbotenen, ich kann das leider nicht nachvollziehen. Mich schreckt so etwas eher ab, es sei denn Du meinst mit Verboten - einem Verstoßenen gegenüber zu sitzen, mit ihm die Dogmen zu hinterfragen, fremdländischen Kaffee zu trinken und Ordenseigentum zerstört zu haben", schmunzelte Yves und trank noch einen Schluck von dem seltsamen Kaffee, der auf fremdländische Weise wunderbar süß schmeckte.


    "Halte den Behüter in Ehren, wir bekommen sie überreicht, wenn wir den ersten Bruder aus dem Tank gehoben haben. Es wird keinen weiteren außerhalb geben Kizza.


    Es gibt verschiedene Ansichten und Glaubensströmungen im Orden Kizza. Und eines weiß ich, selbst dem härtesten und grimmigsten Bruder geht es nicht darum Dir oder einem anderen Bruder zu schaden. Es geht ihm darum, den Orden - die Große Familie zu beschützen. Doch manchmal hat dieser Schutz einen gewaltigen Preis. Deine und Fulcaires Ansprache bezüglich der Sichtweisen, war eine Frage an den Orden und seine Sicht auf die Welt selbst.


    Zu Deiner Frage von vorhin. Du hast Recht, je strenger man mit einem Büßer umgeht, je weniger hat er die Chance im Absoluten zu leben. Allein dadurch dass er unter ständiger Beobachtung steht und dies weiß, macht er Fehler. Diese Fehler hätte er nicht begangen, wäre er nicht derart unter dem Brennglas förmlich seziert worden.


    Wo eigentlich mal ein Auge zugedrückt werden müsste, da machen andere ein drittes Auge auf. Ich sage Dir eines Kizza, Deine vermeintliche Schuld oder Dein Schmerz wird nicht geringer, je heftiger Du die Fehler anderer suchst. Manchmal erreicht man mit Vergebung mehr. Ich persönlich wüsste kein Verbrechen, dessen sich ein Bruder je schuldig gemacht hätte, wo ich die Todesstrafe aussprechen würde.


    Es existierte kein Bruder der je die Hand gegen sein eigen Fleisch und Blut erhob.

    Es existierte kein Bruder der sein Blut mit Begehren sah.

    Es existierte kein Bruder, der sein Blut aus Groll, Niedertracht oder Bosheit ermordete.


    Jetzt sage Du mir, welches Verbrechen sonst wäre mit dem Tode zu ahnden?


    Das was Du dort verzapft hast Kizza, würde ich als Dein persönliches Problem werten. Du hast Dich durch Deine eigenen Annahmen in die tiefste Merde geritten. Aber Du hast keinen Bruder mit hineingezogen. Dass hoffe ich jedenfalls. Schlimmstenfalls hast Du den Orden lächerlich gemacht. Sollten Personen wie wir es sind, nicht in der Lage sein darüber zu stehen? Wieso sollte sich ein kompletter Orden für Dich Fremdschämen Kizza?


    Das würde ich mich fragen. Ich schäme mich nicht, weil Du in diesem Streifen zu sehen bist. Das ist Dein Problem, nicht meins. Das klingt hart, aber würde das der ganze Orden so sehen, hättest Du kein Problem. Gut außer den Alkohol, das Rauchen, die Drogen, die Sexorgien, aber sonst keine.


    Eine andere Frage, die mit unserem Thema nichts zu tun hat, kannst Du das Unwürdigen Geschmiere lesen?


    Warum ich die Schleuse hinter mir ließ, eine gute Frage. Sie suchten ein Gesicht für Tempel-TV, einen Bluthexer der das repräsentiert, was der Orden anstrebt - Perfektion. Du weißt wie perfekt Behüter sind und sie wollten einen von uns als Gesicht von Tempel-TV. Die absolute Erhabenheit des Ordens in all seinem Glanz und in seiner Perfektion sollte dargestellt werden. Und so ist die Wahl auf mich gefallen. Damals war ich 16 Jahre alt und ich war stolz gewählt worden zu sein.


    Heute, 11 Jahre später, muss ich sagen fühle ich mich immer noch berufen dieser Aufgabe nachzukommen. Allerdings habe ich auch ab und an Heimweh. Etwas das ich mir abgewöhnen muss, da es keine Rückkehr geben wird. Aber mit dem Wissen Kizza, wird die Sehnsucht nur schlimmer. Deshalb hatte ich vor einiger Zeit beschossen, eine eigene Familie zu gründen. Gut fange ich klein an, zuerst benötige ich einen Ehemann, der Rest folgt später.


    Es ist nicht so, dass ich den ganzen Tag in Gram versinke, sobald die Sendung aus ist. Nur manchmal in einer stillen Stunde denke ich dann an mein altes Zuhause und meine Leute die dort zurückgeblieben sind. Auf der anderen Seite habe ich auch hier Leute gefunden, die mir sehr viel bedeuten. Und ich habe hinter der Schleuse so manches Abenteuer erlebt oder seltsame Entdeckungen gemacht. Ich habe sozusagen eine mir völlig fremde Welt betreten.


    Heute ebenso, ich verließ das erste Mal Souvagne. Ich hatte mir das Land der Unwürdigen anders vorgestellt. Eigentlich wie eine gigantische Müllhalde auf der riesige Häuser gebaut sind. Aber so? So nicht.


    Hast Du Freunde hier in der Fremde Kizza?", fragte Yves und goss ihnen beiden Kaffee nach.

  • Kizza nahm die Figur erneut in die Hände und seine traurigen Augen wurden feucht, doch keine Träne fand den Weg über seine Wangen.


    "Dieses Geschenk ist ein sehr persönliches. Noch nie habe ich ein so wunderbares Geschenk erhalten. Die Hüter sind nicht nur das Gesicht des Ordens, sie sind vor allem sein Herz.


    Nein, ich habe keine Freunde, ich habe Bekannte, Geschäftspartner, Bettgefährten. All meine Kontakte sind zweckorientiert. Was ist mit dir? Hast du Freunde?


    Ja, ich kann die Schrift lesen, ich verstehe Rakshanisch und kann es inzwischen auch selbst flüssig sprechen.


    Soll ich dir die tragische Wende meiner Geschichte verraten? Am Ende erkannte ich, dass der Orden doch recht hatte! Ja, Faklach und Suss machen Spaß, doch machen sie glücklich? Und hier muss ich ganz klar verneinen! Das machen sie nicht, sie erzeugen nur ein kurzes Hoch, das verpufft wie eine Stichflamme. Wie viel Sex ich hatte und mit wie vielen Partnern, das kann ich nicht aussprechen, ohne deine Ohren zu beleidigen. Was ich nie fand, Yves, waren Liebe und Wärme. Ich glaubte mitunter, ich hätte sie gefunden, doch dieses Leben machte mich ungeduldig und bösartig und an anderen Stellen vollkommen gleichgültig. Etwas so Edles wie ein Liebesgeständnis kann ich mit einem hönischen Lachen beantworten, ohne mich schlecht zu fühlen, immerhin ist mein Gegenüber selbst fleischgewordenes Faklach, nicht wahr? Warum also sollte ich mich schlecht fühlen?


    In anderen Moment weiß ich sehr wohl, wie falsch das ist. Naridier sind anders, aber sie haben mich auch aufgenommen, wo es in Souvagne keine Heimat mehr für mich gibt. Sie haben mir zugehört, als der Orden seine Ohren verschloss, sie gaben mir Arbeit, Geld und die Hoffnung, meine Botschaft doch noch irgendwie zu verkünden.


    Faklach und Suss haben mich verdorben, Yves, sie haben meine Persönlichkeit und mein Leben ruiniert. Das ist das Ende der Geschichte. Ich möchte, dass junge Bluthexer das aus dem Mund eines Jemand hören, der selbst freien Willens den Weg des Unwürdigen beschritt. Ich möchte ihnen Warnung sein, würde ihre Fragen beantworten und sie aufrechten Herzens warnen - nicht, weil es so in den Dogmen steht, sondern weil ich erfahren habe, dass die Dogmen wahr sind. Denn dies wird das Einzige sein, was ich Gutes bewirken kann."


    Er hob den Blick und das erste Mal sah er Yves in die Augen.


    "Würdest du mir eine Stimme geben?"

  • Yves schaute Kizza ohne Scheu in die Augen. Die hellen, türkisen Augen von Yves blickten in die blaugrünen Augen von Kizza. So saßen sie sich gegenüber. Der eine Mann derart hochgezüchtet und vom Orden auf das Optimum perfektioniert, dass er für viele unnatürlich wirkte. Der andere Bluthexer verhärmt, abgemagert und von seinem Lebenswandel stark gezeichnet. Und dennoch war das Band zwischen ihnen nicht gerissen, sie beide spürten die Bruderschaft die Kizza einst wie eine Nabelschnur mit dem Orden verband.


    Hugo legte eine Hand auf den Tisch und zwar mit der Handfläche nach oben.


    "Nur zu. Ja das werde ich, Du bekommst meine Stimme. Ein Dogma von jenseits der Schleuse.


    Der Orden ist Deine Stimme, wenn Du nicht sprechen kannst.

    Der Orden sind Deine Augen, wenn Du nicht sehen kannst.

    Der Orden sind Deine Ohren, wenn Du nichts hören kannst.

    Der Orden ist Deine Stärke, wenn Du schwach bist.

    Der Orden gibt Dir Auftrieb, wenn Du drohst unterzugehen.

    Der Orden ist Glauben, so glaubt er auch an Dich.


    Vermutlich ist dieses Dogma nicht gerade eines der beliebtesten.


    Das was Du beschreibst klingt als hättest Du nicht Naridien bezogen Kizza, sondern den Taudis und erleidest immer während Qualen. Hast Du keine Angst vor dem, was aus Dir geworden ist? Fürchtest Du Dich nicht vor Dir selbst und davor, wozu Du nun im Stande bist? Hast Du nie darüber nachgedacht umzukehren? So lange Du lebst Kizza, kannst Du jederzeit eine neue Richtung einschlagen. Oder ist unser Treffen der erste Schritt in  eine neue Richtung?


    Kizza solange Du Dich mit Personen einlässt, die nur Suss suchen wie Du in diesen Momenten, wirst Du auch nur Suss finden. Du musst Deine Suche ändern. Ich habe leider keine Ahnung, wie man um einen Naridier wirbt, aber das lässt sich doch herausfinden. Ich habe für Dich extra Naridier gesagt, da dies hier Deine Heimat ist. Du hast Recht, sie gaben Dir ein Zuhause. Zeitgleich haben sie Dir Dein altes Zuhause aber auch genommen. Sie sind vereinen Unwürde und Würde, sie sind schwer zu erfassen diese Naridier.


    Bedenke das Kizza, vielleicht wirst Du eines Tages einen Umzug in Betracht ziehen, der Dich ein klein wenig zurück in den Orden führen kann. Wobei dieser Rat möglicherweise gefährlich ist. Ich weiß nicht, wie Soleil zum Orden an sich steht. Was geschieht, wenn dort die Bruderschaft aufschlägt? Liefern sie Dich aus? Oder berufen sie sich auf ihr Recht der Souveränität? Und falls sie sich darauf berufen, erkennt der Vorbeter das Recht an, da das Staatsoberhaupt ein Gläubiger ist? Oder spuckt er drauf und holt auch ihn, da er einem Entweihten Unterschlupf gewährte? Quasi könnte er ihm unterstellen, mit Dir paktiert zu haben und ihn ebenfalls des Suss beschuldigen. Damit wäre das Urteil absolut.


    Einige Brüder sagen, neben dem Vorbeter wäre Granit so weich wie Butter in der Sonne. Andere wie Ecimius unser Chronist sagen, er hätte nie einen freundlicheren und umgänglicheren Bruder als den Vorbeter getroffen. Ich kann Dir also nicht sagen, wie er reagieren würde oder wie man in Soleil reagiert.


    Mein Vorschlag beruht darauf, dass ich Dir etwas Heimat zurückgeben wollte.


    Ich empfinde Mitleid für Dich Kizza, es schmerzt mich Dich derart zerstört, gebrochen und einsam zu sehen. Such Dir Freunde, versuche es. Du benötigst eine Familie, jemanden der Dich hält und auffängt. Wir werden in Kontakt bleiben, ich bin für Dich da. Aber ich bin nicht vor Ort Kizza.


    Freunde? Nun zwei, vielleicht doch nur einen oder nicht mal den. Jirom und Jean. Jirom ist mein Leibwächter und Jean ist mein Assistent. Ob sie tatsächliche Freunde sind, kann ich Dir nicht sagen. Allerdings verstehen wir uns sehr gut und ich bin gerne mit ihnen zusammen. Jirom ist allerdings ein schneeweißer Souvrakasier. Schon seltsam nicht wahr, dass der Orden sogar dabei auf das passende Äußere achtet. Er sieht einem Bluthexer extrem ähnlich, auf die Entfernung könnte man ihn für einen der unseren halten. Dass er das nicht ist, siehst Du daran dass er nicht ständig grimmig guckt.


    Was hast Du vor nach unserem Treffen? Was wirst Du tun Kizza? Möchtest Du mir zeigen, wo Du lebst und wie? Wie gesagt, Du musst keine Angst haben. Ich kann Dir mein Com überreichen für die Zeit, falls Du das möchtest. Es würde mich freuen, wenn Du mich etwas herumführst", antwortete Yves freundlich.

  • Langsam und andächtig legte Kizza seine Handfläche auf die von Yves. Er wirkte dabei konzentriert und seine Finger schlossen sich gleichmäßig. Kizzas Hand fühlte sich trotz des warmen Wetters kühl und trocken an. Sie war von einem professionellen Nagelstudio gepflegt worden. Yves hingegen hatte sehr weiche, zarte, extrem empfindliche Haut. Kizza schloss die Augen, um sich ganz auf den Tastsinn zu konzentrieren. Er spürte in diesem Moment nur die Hand des Behüters, die in diesem Leben nur Gutes tat und wollte sie nicht wieder los lassen, bis das Yves durch eine Geste signalisierte, dass er das wünschte.


    "Ich habe keine Angst vor dir, Yves. Behalte nur dein Com. Gern nehme ich dich mit und zeige dir, wo ich wohne. Ansonsten hätte ich den Rest des Tages mit Gymnastik, Einkaufen und Holoschauen verbracht. Mit dem kleinen Behüter ist die Erinnerung von dir hier bei mir. Du gibst mir mehr, als du dürftest, riskierst viel aus deiner edlen Weltsicht heraus. Ich habe nichts erwartet, erst recht würde ich von dir nichts fordern, doch ich hatte zumindest auf das Interview gehofft und bekomme zusätzlich so viel.


    Ich habe bislang keinen Naridier gefunden, den ich lieben kann. Ich denke, es ist auch fairer, wenn ich das nicht tue, denn ich bin kein freundlicher Liebhaber. Sex muss genügen. Ja, ich habe Angst vor dem, was aus mir geworden ist, diesem Ungeheuer. Und doch bin ich hier kein Verbrecher, sondern ein beliebter Schauspieler, ist das zu fassen? Als wäre ich eine bittere Karikatur von dir, die Stimme des Verderbens! Die Naridier haben mir mein altes zu Hause nicht genommen, ich selbst habe ihm dem Rücken gekehrt. Die Naridier haben mir nur Gutes getan, doch auch sie selbst gehen an ihrer eigenen Gesellschaft zugrunde.


    Eine Umkehr würde bedeuten, mich dem Urteil des Ordens zu stellen. Ich möchte nicht sterben, Yves."

  • Yves schloss seine Hand um die von Kizza.


    "Umkehren in der Form, dass Du wieder die Person wirst, die Du gerne sein möchtest. Oder zumindest ein bisschen lieber, als jene die Du zur Zeit bist. Ob man einen Naridier tatsächlich lieben kann, weiß ich nicht Kizza. Dazu bin ich zu sehr auf unsere Welt geprägt. Ich sage bewusst unsere Bruder. Sollte ich einen Mann wählen, möchte ich mich auch in ihm wiedererkennen und bei ihm Zuhause fühlen. Du siehst welche Probleme bereits bei Brüdern und Ungläubigen entstehen können. Allerdings entsteht dort auch manchmal Liebe. Einen Versuch könntest Du wagen, aber dafür brauchst Du den passenden Partner. Möchtest Du nur Sex, dann ist Deine Wahl die richtige Kizza. Denn niemand weiß besser als Du, was Du zum Leben benötigst.


    Das Du ein beliebter Schauspieler bist, bezieht sich vermutlich nicht nur auf den Sex. Zudem mögen Naridier vielleicht Schurken, wer weiß? Vielleicht verkörperst Du für sie genau dass, was sie gerne sehen wollen oder von uns erwarten. Du bist für sie exotisch und gefährlich. Zeitgleich bist Du ein naridischer Schauspieler, sie wissen also, von Dir geht keine Gefahr aus.


    Der kleine Behüter ist Deiner Kizza, ich weiß dass man manchmal etwas braucht, woran man sich festhalten kann. Erinnerungen sind schön und gut, aber wirklich etwas in den Händen zu halten gibt einem so viel mehr. Er gehört Dir.


    Lass uns Deinen Tag so verbringen, wie Du ihn verbringen würdest und ich erlebe ihn mit. Am Abend werden wir dann in aller Ruhe das Interview führen. So habe ich Deine Welt kennengelernt und sie durch Deine Augen gesehen. Weshalb ich Dir beisteht und Dir die Hand reiche habe ich Dir erläutert. Ich würde meine Herkunft verleugnen, wäre ich nicht hier. Es ist eine Mischung aus beidem Kizza, meine Natur und meinem Willen. Behüter und Yves, beide Seiten von mir stehen Dir bei", antwortete Yves und goss ihnen mit der freien Hand Kaffee nach.


    "Sag Bescheid, sobald Du aufbrechen möchtest", bat Hugo und trank in aller Ruhe seinen Kaffee, während er Kizza hielt. Etwas das dieser Bruder mehr als nötig hatte, dass sah ihm Yves an.

  • Yves nahm einen Schluck von dem Karamel-Kaffee und dachte einen Augenblick lang nach.


    "Ich möchte Dir etwas erläutern Kizza. Du weißt selbstverständlich, dass man einen Behüter nicht berühren darf. Er berührt Dich, oder es findet keine Berührung statt. Was die wenigsten wissen, ist der Grund weshalb dies so ist. Einigen ist der Grund bekannt, allen voran jenen die den Glauben extrem auslegen. Der Hintergrund passt weit gefasst auch zu Deinem Problem Kizza.


    Erinnerst Du Dich Kizza wie Dein Urgroßvater ausgesehen hat? Oder dessen Vater oder sogar von ihm der Großvater? Nein nicht wahr? Aber Du hast seine Augen, sie schauen mich an just in diesem Moment. Ein Körper auch Dein Körper erinnert sich Kizza. Dein Körper erinnert sich an die gesamte Geschichte Deiner Vorfahren, an deren Augenfarbe, an ihren Hautton und an vieles mehr. Das was Du oder andere schlicht als "meinen Körper" bezeichnest, ist eine Ansammlung von immensen Erinnerungen.


    Die Erinnerungen Deines Geistes sind im Vergleich zu jenen Deines Blutes winzig Kizza.


    Es gibt genetische Erinnerungen,

    es gibt mentale Erinnerungen,

    es gibt ausgesprochene Erinnerungen,

    es gibt unausgesprochene Erinnerungen,

    es gibt dermaßen viele Erinnerungen aus denen wir uns zusammensetzen, dass die meisten sich dessen nicht bewusst sind.


    Ein Beispiel, Du stehst auf und gehst von diesem Tisch zum Aufzug und kehrst zu mir zurück. Wieso kannst Du das? Weil Dein Körper eine Erinnerung aufgebaut hat. Sollte Dein Körper jene Erinnerung verlieren, wärst Du nicht mehr in der Lage zu gehen Kizza. Du bist also die Summe aller Erinnerungen, sämtlicher Dinge die Du tust Bruder.


    Du weißt was Du essen kannst und was nicht, Du weißt stecke die Nahrung in den Mund nicht ins Ohr oder sonst wohin. Das klingt im Moment witzig, aber all das wüsstest Du nicht, würdest Du Dich nicht erinnern.


    Dein Körper ist also ein Sammelbecken, ein Speicher der unendlich viele Erinnerungen aufnimmt. Würdest Du erneut vom Tisch zum Aufzug laufen, nimmst Du auf diesem Weg zig Geräusche und Gerüche wahr Kizza. Du selbst wirst vieles davon nicht bewusst wahrnehmen, doch Dein Körper nimmt es wahr und er erkennt es.


    Kurzum es findet ständige Wiederkennung statt, Dein Körper gleicht die Welt ab, verlässt sich auf seine Erinnerungen. Dies ist ein guter Klang, oder ein schlechter, dieser Geruch ist gut oder schlecht und hinzu kommen all jene Botschaften und Bedeutungen die mitklingen.


    Behüter nennen es die Erinnerung des Blutes oder Körpergedächtnis. Du kannst bewusst Deine Erinnerung des Blutes aufbauen oder Du kannst wild und ungefiltert Erinnerungen aufnehmen Kizza. Letzteres bedeutet für Dich, Du wirst durch viele körperliche Verwirrungen gehen.


    Würdest Du einem Behüter eine Tasse Kaffee reichen, dann wird er die Tasse von Dir nicht annehmen. Er wird Dich bitten, sie abzustellen und er wird sie selbst zur Hand nehmen. Versuchst Du einem Behüter ein Blattpasten-Blatt zu reichen, wird er sagen bitte lege es für mich dorthin. Es gibt viele Gegenstände und Stoffe, die leicht eine Erinnerung von Dir mit sich tragen. Deine Erinnerungen werden meine, sobald ich den Übertragungsgegenstand von Dir persönlich entgegennehme. Also würde ich Dich als Behüter bitten, den Gegenstand abzulegen, damit ich ihn selbst an mich nehmen kann.


    Hintergrund ist, kein Behüter möchte eine ungewollte Erinnerung aufnehmen.


    Dies ist der Grund, weshalb es verboten ist, einen Behüter zu berühren. Selbst untereinander vermeiden Behüter Berührungen. Deshalb würde Dir auch niemals ein Behüter zum Gruß die Hand reichen, da er keine Erinnerung von Deinen aufnehmen möchte. Er würde Dich segnend grüßen, aber ohne jede Berührung. Denn selbst wenn ich Dich nur kurz berühre, wird sich mein Körper für immer an Dich erinnern.


    Teste es selbst aus Kizza. Berühre mehrere Deiner Bekannte jeden Tag und sonst bitte niemanden. Berühre Deine Bekannten einfach so, lege ihnen die Hand auf die Schulter, schüttele ihnen die Hand, knuffe sie. Was auch immer, tue es einfach und denke nicht weiter darüber nach. Aber belasse es nur bei diesen ausgewählten Personen.


    Nach kurzer Zeit soll Dich bitte eine dieser Personen aus der Gruppe berühren und zwar so, dass Du nicht siehst wer. Berührt Dich die Person mit ihrer Hand, wirst Du wissen wer sie ist Kizza. Ganz ohne sie gesehen zu haben. In diesem Moment erinnert sich Dein Blut, also Dein Körper und nicht Dein Verstand.


    Nun stell Dir vor Du gehst eine körperliche Vereinigung ein, Du hast Sex mit einem anderen. Du wirst intim mit einem anderen, dies beinhaltet denken und fühlen. Geist und Blut, Verstand und Körper die Menge an Erinnerungen die dann in Dir zurückbleibt ist enorm. Deshalb das Dogma die Ehe ist ewiglich.


    Was bedeutet das Kizza? Es ist keine vorrangige Frage von Moral Bruder, sondern die Frage ist was möchtest Du aus Dir in Deinem Leben machen? Was möchtest Du in Dich aufnehmen und weitergeben? Möchtest Du Reinheit weitergeben, dann musst Du die Erinnerung Deines Körpers so rein wie möglich halten.


    An dem Tag wo meine Hände ein Kind aus dem Tank heben, berühre ich einen reinen Körper mit bloßen Händen. Meine Berührung ist der erste Eindruck, den dieser kleine Körper von der Außenwelt aufnimmt und für immer in sich speichert. All das was ich in mir trage, werde ich weitergeben. All das was ich in mir angesammelt habe, berührt durch mich dieses Kind.


    Deshalb ist es verboten einen Behüter zu berühren. Wir entscheiden bewusst, wem wir dieses Privileg gewähren und wen wir in unserer Erinnerungsexistenz verewigen Kizza. Du bist damit einer der wenigen, der einer Behüterweisheit gelauscht hat", erklärte Yves mit einem kaum merklichen Lächeln und drückte Santonis Hand fester.


    Kizza wusste, was Yves ihm gerade schenkte und zwar nicht nur Halt, sondern auch ein kleines Stück Unsterblichkeit. Was auch immer geschehen würde, in der Erinnerung von Hugo würde er stets einen Platz haben und weiter existieren. Und dies nicht nur mental, sondern auf allen Ebenen, sogar der des Blutes. Ein kleines Stück Heimat für Kizza, in einer verlorenen Welt.

  • "Du sprichst vom Blutecho, Yves? Ist es das? Unter diesem Begriff hört man ab und zu von etwas Vergleichbarem, aber niemand vermochte mir je zu erklären, was es damit auf sich hat, weil niemand es verstand. Aus dieser Warte ist es schrecklich, einen Behüter aus der Schleuse herauszuholen. Vorher abgeschottet in Reinheit prasselt all der Dreck der Außenwelt auf ihn ein. Und so fragt sich, wer von uns beiden der Entweihte ist."


    Kizza genoss die Berührung der Hand des Behüters, die sich so sehr von den viel intensiveren, aber seelenlosen Berührungen unterschied, die er sonst spürte und die sein Inneres nicht erreichten. Das war nicht ihr Zweck und doch spürte Kizza, das etwas fehlte, etwas falsch war. Was er praktizierte, war eine perverse Verzerrung dessen, wozu ein Akt dienen sollte, nicht einmal eine Parodie, denn zum Lachen war dabei nichts.


    "Nachdem meine Recherchen mich gefangen genommen hatten, hatte ich mein Ziel geändert. Ich habe versucht, etwas mitzuteilen in meinen Filmen - nicht durch Theorie, sondern durch praktisches Erleben.


    Lass mich zunächst die bekannten Grundlagen rekapitulieren:


    Alles ist Energie. Materie ist gebundene Energie, Gedanken sind fließende Energie. Das ist die Basis des uns bekannten Magiesystems. Starke Gedanken können sichtbare Veränderungen der Weltenergie verursachen. Magie ist die Manipulation von Energie durch Gedankenkraft.


    In der magischen Lehre wird der allgemeine Energiebegriff unterteilt in verschiedene Essenzen.


    Als Bluthexer greifen wir vor allem auf die Essenz Basrur zu, auf das Blut. Es ist eine der Essenzen, deren Wirkung auch vom Laien ohne magische Begabung gespürt werden kann. Bei intensiven Gefühlen schießt uns das Blut in die Wangen oder wir werden im Gegenteil kreideweiß. Das sind Wirkungen, welche durch Emotionen ausgelöst werden.


    Die intensivsten Emotionen, zu denen wir fähig sind, erlebt der Laie bei der sexuellen Vereinigung. Beim Akt erfolgt auf dem Höhepunkt eine völlige Loslösung von weltlichen Fesseln. Es ist eine Praktik, die hilft, hinter die Grenzen des Physischen zu gehen und sich so aus den Fesseln unserer Limitationen zu befreien - sprich, eine Ahnung von dem zu erlangen, was dahinter liegt, eine Andeutung der Tiefe unter der Oberfläche des Fleisches.


    Denn beim Akt berühren wir nicht nur Basrur, sondern auch Jeridud - den Hauch, die Gestalt der Seele. Das ist, was Liebende spüren, sie umarmen nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit Jeridud. Und so glaube ich, dass durch den Akt Jeridud eines jeden erreicht werden kann.

    Sex ist etwas, mit dem sich Unwürdige sehr gut ködern lassen. Ich habe vermutlich mit mehr Unwürdigen über meine Natur gesprochen als je ein anderer Bluthexer, denn natürlich sind sie an einem Exoten interessiert. Über Jeridud habe ich Zugang zu ihnen erhalten und Interesse für den Orden und seine Dogmen geweckt.


    Doch dann stieß ich stets auf eine Sackgasse.


    Allein mit der Tatsache, dass wir ein reiner Männerorden sind, schließen wir die Hälfte der Unwürdigen von unserer Lehre aus. Doch das ist nur ein Beispiel."


    Er rieb müde sein Gesicht mit der freien Hand.


    "Die große Frage ist, Yves - will der Orden die Unwürdigen überhaupt noch missionieren? Er tut alles, um das Gegenteil zu bewirken - sich vor den Unwürdigen abzuschotten und ihnen zu zeigen, dass sie nichts wert sind. Allein die Bezeichnung - Unwürdige! Der Orden verfügt über kein wertschätzendes oder auch nur wertneutrales Vokabular gegenüber Naridiern.


    Das ist keine rein moralische oder theologische Frage mehr, sondern eine mit politischem Gewicht, jetzt, da der Orden Macht hat. Einer der unseren wird bald auf dem Thron von Souvagne sitzen. Die Botschaft, die der Orden an alle Unwürdigen richtet, ist bei all dem Guten, das in unserer Lehre liegt, bedrohlich, Yves. Sie macht mir Angst."