Kapitel 95 - Wohnhaus im Wald

  • Wohnhaus im Wald


    Drystan, Melvin und Jeremy waren in der Kate in Kalthorst geblieben. Drys genoss die Zeit in der kleinen Hütte, es war eng aber gemütlich und mit Mel und Jerry verstand er sich gut. Erneut graute der Morgen und das erste Morgenrot kündete von dem neuen nahenden Tag. Jerry lag lang ausgestreckt auf einer Decke vor dem kleinen Ofen, das aufgeklappte Buch noch in der Hand. So wie er eingeschlafen war, hatte Drystan ihn liegenlassen, das einzige was Bechstein getan hatte, war Jeremy mit einer weiteren Decke zuzudecken, damit er nicht fror. Mit geschlossenen Augen saß Sphinx auf dem kleinen Feuerfuchs, der zur Zeit dunkelbraun gefärbt war und genoss die Wärme des Ofens.


    Melvin schlief im Bett, genug Platz hatten sie momentan, da Milan und Valerian nach Alessa zur Cyrwen aufgebrochen waren. Drys überschaute die kleine Truppe die er hütete. Der Anblick der drei Schlafenden hatte etwas Gemütliches, dass ihn rührte. Sie waren gemeinsam durch die Einöde gezogen, die sogenannte tote Wüste. So tot war diese Wüste eigentlich gar nicht, aber die Leute brauchten für alles einen markanten Namen. Und es klang einfach besser zu behaupten, man wäre durch die tote Wüste gezogen, als durch die restliche Botanik. Irgendwie fühlte sich Drys für Mel und Jerry verantwortlich. Ja sogar für Glatze, den kleinen, frechen, nackten Kater. Hier in der Enge kam ein Gefühl von Familie auf und wenn er ehrlich war, gehörten die drei nun zu seiner Familie.


    In der Hütte gab es keine Sanitäranlagen. Draußen befand sich ein kleiner Pumpbrunnen, daneben ein Häuschen mit WC und einer Campingdusche. Das Wasser war nur abgekocht zu genießen, aber anders wurde es hier nicht verwandt. Drystan schnappte sich seine Waffe und den Kaffeekessel, verließ die Hütte und verriegelte sie ordentlich hinter sich. Am Pumpbrunnen angekommen schaute er sich sichernd um, ehe er sich daran machte den Eimer zu füllen und damit später den Kaffeekessel. Nachdem die Arbeit getan war, zündete er sich eine Rauchstange hinter vorgehaltener Hand an und gönnte sich einen Moment der Stille im Morgengrauen. Dabei zückte er sein Com und betrachtete das Bild, dass Mel ihm geschickt hatte und vergrößerte es gut gelaunt. Er nahm noch einige Züge aus der Rauchstange, ehe er sie ausdrückte, dass Com wegsteckte und in die Hütte zurückkehrte. Dabei achtete er darauf, die Tür nur einen Spalt breit zu öffnen, so dass er gerade hineinschlüpfen konnte. Es sollte Mel und Jerry nicht kalt werden.


    So leise wie möglich setzte Drys Kaffee auf und legte ein Frühstück aus Riegeln und CrickCracks zu Recht. Als er den Kaffee aufgegossen hatte weckte er Melvin und Jerry.


    "Aufstehen Ihr Schlafmützen", sagte er gut gelaunt und stellte Sphinx ein Schälchen Futter hin.

    "Falls Ihr mal aufs Klo müsst oder Duschen wollt, beides ist draußen im Häuschen möglich. Geht zu zweit oder bewaffnet, also mit einer Schusswaffe meine ich", grinste er von einem Ohr zum anderen und nahm einen großen Schluck Kaffee.


    Jerry kämmte sich die wilden Haare nach oben und gähnte herzhaft. Mit müden Augen nahm er sich einen Becher Kaffee und einen Schokoriegel.

    "Morgen Drys", gähnte er breiter, als wollte er beweisen, dass er noch alle Zähne hatte.


    Bei Jerrys zweiten Schluck starrte Sphinx die Tür an, einen Atemzug später wurde hart dagegen geklopft.

    "Rivkin und Yoyo hier! Aufmachen wir riechen Frühstück!", lachte es von draußen.

  • Melvin fuhr senkrecht aus dem Bett und hatte die Waffe entsichert und auf die Tür gerichtet, noch bevor Rivkin zu Ende gesprochen hatte. Erleichtert sicherte er die Waffe wieder und steckte sie weg. Guter Dinge stapfte er zur Tür, öffnete sie - und bekam riesengroße Welpenaugen, als der ältere Tuteur vor ihm stand. Leibhaftig sah er noch eindrucksvoller und gutaussehender aus, als in seiner Trainingsserie und auf den etlichen Postern, die es von ihm gab.


    Melvin - ein Mickerling für einen Tuteur - fühlte sich spontan sehr klein, schwach und hässlich, als er sich daran erinnerte, dass man ihn sogar in die Brennkammer schicken wollte, weil er so wenig taugte. Dass er ein Mickerling war, hatte er Rivkin nicht verraten und ihm nur Fotos geschickt, auf denen das nicht auffiel. Seine Morgenlatte schrumpfte eingeschüchtert in sich zusammen. Verlegen rieb er seinen Hinterkopf, die Stirn durchfurcht von Sorgenfalten, doch die Wangen glühten ihm vor Freude. Wie begrüßte man den berühmtesten und beliebtesten aller Tuteurs? Hinter diesem stand ein Glatzkopf, der ihm zur Begrüßung grinsend die Zunge rausstreckte. Melvin riss sich zusammen und trat klopfenden Herzens beiseite.


    "Kommt rein, ihr beiden. Es ist das erste Mal seit sehr langer Zeit, dass ich Tuteurs sehe. Kann sein, dass ich ein bisschen nervös bin."

  • Drystan und Jerry starrten gemeinsam mit Sphinx ebenso zur Tür. Ein Kerl stand im Türrahmen und füllte ihn komplett aus, dabei schien er kein Gramm Fett am Leib zu haben. Hinter ihm stand sein Kumpel, der nicht minder mächtig gebaut war. Melvin wirkte gegen die beiden Brocken wie ein Kind und sie selbst wirkten vermutlich wie Mikroben. Das war also der berühmte Rivkin, von dem Mel die ganze Zeit erzählt hatte. Der Mann sah aus, als könnte er sie alleine zum Frühstück verspeisen. Allerdings schaute er nicht so, als hätte er Lust auf einen Kettenraucher und einen verschlafenen Backfisch. Im Gegenteil der Koloss sah ziemlich gut gelaunt aus und der zweite Brecher hinter ihm, wirkte witzig und tiefenentspannt.


    "Danke für die Einladung, gibt keinen Grund nervös zu sein. Es sei denn Ihr teilt Euren Kaffee nicht", grinste Riv gut gelaunt und trat in die Hütte.


    Drystan bemerkte beiläufig, dass die beiden leicht angeschrägt eintreten mussten und sich dabei noch duckten. Wie großen waren die Kerle und was brachten sie auf die Waage? Falls Valerian sich davon eine Truppe zusammenstellte, hatte er eine lebende "Wagenburg" die ihn schützte. Mel war schon beeindruckend, aber sollte einer der beiden Neulinge beschließen wen zu demontieren, ging das vermutlich so leicht wie mit dem Inhalt des Geflügelbechers.


    Drys nahm sicherheitshalber noch einen großen Schluck Kaffee und schob das Bild beiseite, woran er sich gerade erinnerte. Er goss zwei weitere Kaffeebecher auf und reichte sie Riv und Yoyo. In deren Pranken wirkten die Becher wie Fingerhüte.


    "Danke, was hat Dich nach Naridien verschlagen? Das ist eine Einladung und kein Rettungsruf oder? Du hast etwas von einem Boss gesagt, wer von den beiden ist damit gemeint oder wer sie die beiden? Du bist weit weg von Zuhause", sagte Riv und machte es sich auf dem Boden gemütlich.

    "Damit wir offiziell vorgestellt sind, das ist Yoyo, ich bin Rivkin und wer seid Ihr?", fragte Riv Jerry freundlich und versuchte dabei so ungefährlich wie möglich auszusehen.


    "Mein Vater ist der Boss und Melvin hat Euch angeworben, er hat nur von Euch geschwärmt. Das ist Drystan der Bruder von dem Ehemann von meinem Vater. Wie heißt das verwandschaftlich? Ich bin Jeremy kurz Jerry und das ist Sphinx unser Kater und mein bester Freund neben Mel und Drys. Mein Vater heißt Valerian oder kurz Val und er hat Melvin aufgenommen. Mel hat eine weitere Reise hinter sich. Den Rest erzählt er selbst, wenn er möchte. Falls nicht, nicht", grinste Jerry gut gelaunt und reichte Yoyo einen Müsliriegel.

  • "Jeder Tuteur liebt Rivkin Korvann, natürlich bin ich nervös. Ich freu mich, ihr zwei."


    Melvin führte die Tuteurs zum Bett, denn irgendwo musste sie schließlich sitzen. Scheu lächelte er Drystan zu, der nicht minder von Respekt erfüllt zu sein schien als er selbst.


    "Es war kein Hilferuf, mir geht es sehr gut! Vor einigen Monaten hätten wir - mein alter Herr und ich - Hilfe gebraucht, doch kein Tuteur hätte sie uns geben können. Mein lieber alter Herr Dori war als Hochverräter auf der Flucht, dabei hatte er nie etwas Unrechtes getan. Nun leben wir jedenfalls hier in Naridien und ich habe einen neuen, äußerst wundervollen Herrn. Valerian von Hohenfelde ist sein Name."

  • Yoyo kuschelte sich in das Bett und klopfte, damit sich Rivkin oder irgendwer zu ihm kuschelte. In der anderen Hand balancierte er seinen Kaffeebecher.


    "Eigentlich heiße ich ja Younes, aber ihr dürft Yoyo sagen, da ihr Freunde eines Tuteurs seid. Kaffee ist jetzt bitter nötig, wir waren lange unterwegs! Wir dachten schon, wir müssten verschimmeln."

  • Rivkin grinste gut gelaunt und setzte sich dabei so behutsam wie möglich auf das für ihn filigrane Bett. Als er gemütlich lag, stellte er den Kaffeebecher auf seinen Bauch ab und faltete die Hände darum.


    "So ist es Mel, lernt von den Besten, von den Überlebenden. Die Toten haben selten etwas zu lehren, außer dass man ihre Fehler nicht wiederholen sollte. Dein einstiger Herr war demnach Dorian von Wigberg. Dein Herr hat für die Missetaten eines seiner Familienmitglieder gelitten. Mir steht es nicht zu, das Urteil anzuzweifeln Mel. Aber mir steht es zu, Mitleid mit einem Bruder zu haben.


    Was es heißt, der Tuteur eines Hochverräters zu sein, ist klar.

    Brennkammer.

    Du wirst ausgelöscht.


    Eine Entscheidung hast Du niemals getroffen, aber Du stirbst für Deinen Herrn. Du stirbst allein ohne ihn vorab jemals wieder zu sehen, ohne Dich zu verabschieden oder ihm wenigstens noch einmal in die Augen zu schauen. Du wirst Dich genauso wenig von Deinen Brüdern verabschieden oder von Deinen Freunden. Du wirst in Flammen aufgehen, für die Entscheidung eines anderen, denn unser Leben für unsere Herren zu geben das ist unser Schicksal und unsere Bürde.


    Ich weiß von keinem der unseren, der jemals darüber geklagt hätte. Dies ist unser Weg Mel, aber ebenso sind unsere Herren unser Schicksal. Sie haben uns so geschaffen, dann sollten sie uns wenigstens einen Moment des Abschieds gönnen. Das ist meine persönliche Meinung. Ich kenne gute wie schlechte Herren Mel, es gibt jene die uns wie ihre Familie behandeln und so sehen. Es gibt jene die uns ihre Kinder anvertrauen. Die nächste Generation, neues Leben. Aber es gibt auch Herren, die in uns nichts weiter sehen als Gebrauchsgegenstände. Dein ehemaliger Herr wurde rehabilitiert Mel, er ist frei. Aber sind wir ehrlich, er wäre wahnsinnig würde er in die Heimat zurückkehren.


    Der Name Deines neuen Herrn ist mir geläufig, weißt Du wer dieser Mann ist? Er ist einer der Regierenden, sie nennen sich Richter. Es sind zehn Ducs sozusagen die zusammen entscheiden. Du hast Dir einen mächtigen Herrn ausgesucht. Aber viel wichtiger ist, wie ist er als Herr? Ist er gut zu Dir? Er muss gut zu Dir sein, der er überlässt Dir seinen Welpen.


    Bist Du gerne bei ihm? Bist Du gerne in Naridien? Du möchtest das wir bleiben nicht wahr? Du hast gesagt, Du hättest einen Posten für uns. Bist Du sicher, dass Dein Herr weiß worauf er sich mit uns einlassen würde? Wäre er überhaupt bereit, uns aufzunehmen? Mit uns zu leben und diese Art Symbiose zu leben? Bedenke eines Mel, für einen miesen Herrn werden wir unsere Heimat nicht verlassen. Für jemanden dessen Namen wir glücklich und mit Stolz aussprechen, würden wir uns das überlegen.


    Also beschreibe uns Deinen Herrn und Deine Erfahrung, ich bin neugierig und bis dato bester Dinge. Und bitte, wenn Du uns nochmal anrufst, lass uns nie wieder derart lang warten. So viel künstliches Huhn haben wir noch nie gegessen, ich bekomme schon Daunen am Hintern!", lachte Riv gut gelaunt.

  • "Mein Herr ist Richter, doch das ist mir nicht wichtig. Er ist sehr freundlich und möchte, dass es mir gut geht, er wird euch gern einstellen."


    Melvin krabbelte als Dritter dazu. Wollte er sich dazulegen, musste er nun auf Tuchfühlung mit Rivkin gehen. Sein Herz pochte wild, die beiden Tuteurs lagen dort so entspannt ... es erinnerte ihn an seine kurze Zeit im Verband mit den Gleichaltrigen während der Ausbildung, ehe er in den Verkauf ging. Ganz langsam legte Melvin sich dazu, schmiegte sich an und schloss die Augen. Sehr lange hatte er keine Nähe mehr genossen ... noch viel länger die zu einem Tuteur. Zärtlich rieb er seine Bartstoppeln an Rivkins Schulter, um ihn auch mit dem Gesicht zu spüren.


    "Ja, ich möchte, dass ihr bleibt. Und ich würde lügen, wäre das kein durch und durch egoistischer Wunsch. Nur ein Tuteur kann erahnen, wie sehr ich es vermisse, unter meinesgleichen zu leben. Die Menschlein, sie sind liebenswert und ich möchte sie beschützen, doch sie sind auch kompliziert in ihrer Weltsicht. Monatelang wurde ich einfach in einem Bunker zwischengeparkt, zu meiner Sicherheit, doch völlig allein.


    Solche Dinge. Da muss man die Zähne zusammenbeißen und sich bewusst machen - er ist ein Menschlein, er meint es nicht so, er kann nicht anders. Nach so vielen Jahren ist das allerdings manchmal fordernd. Zwischendurch möchte ich mich so gern zurücklehnen und einfach nur Tuteur sein dürfen."

  • Riv stellte den Kaffeebecher auf dem Nachtschrank ab und legte den Arm um Mel. Klein wirkte der Tuteur, was er für einen der ihren auch war und verloren. Aber hier spielte nur eine Größe eine Rolle und zwar die des Herzens. Rivkin drückte Mel fest an sich, manchmal waren Worte wichtig, manchmal Taten und Mel benötigte Letzteres.


    "Wir sind nicht geschaffen um allein zu sein. Es freut mich, dass Dein Herr derart gut zu Dir ist und ich weiß was es heißt in einem Bunker zu warten. Auch ich habe solche Zeiten erlebt Mel und ich hoffe sie sind für immer vorbei. Ruf Deinen Herrn an und frage ihn, ob er tatsächlich bereit ist uns aufzunehmen. Mit allen Konsequenzen die dazu gehören. Dies muss ihm klar sein. Was einer von uns im Unterhalt kostet ist schon nicht günstig, sollte er den Gegenpart zu Dir bilden. Was eine Gruppe von uns kostet, kann er sich ausrechnen. Nun vielleicht auch nicht, da er noch keinen alten Tuteur unserer Statur gesehen haben dürfte. Aber auch wir möchten essen, müssen eingekleidet und untergebracht werden. Und auch uns muss er ein Herr sein oder besser noch ein Rudelführer. Und das Wichtigste ist, er muss für uns einstehen, falls jemand uns abholen lassen will. Ich denke dass wird er leisten, denn sonst wärst Du nicht an seiner Seite, aber bitte frage ihn trotzdem.


    Beantwortet er das alles mit ja, sprich positiv Mel, dann hat er nicht nur eine Truppe Tuteurs, er hat sein Rudel, seine Leute von unvergleichlicher Treue und Du Melvin hast Deine Gruppe. Allerdings würde ich vorschlagen, dass Du noch einen Mann in die Gruppe holst, Alfie. Er ist jung, noch jünger als Du und wir alle würden uns gut ergänzen. Hätte ich persönlich noch jemanden wählen dürfen, dann wäre es Mitch. Aber ich glaube kaum, dass wir ihn hierher schaffen können. Sein Herr ist Maximilien und er folgte ihm sogar nach Carnac.


    Ich denke Dein Richter wird mit uns sehr zufrieden sein. Staatsmänner gleich wie sie sich nennen, leben oft gefährlich. Und wenn einer weiß, wie man eine Gefahr abwendet oder ihr den Schädel einschlägt und den Hals umdreht, dann wir. Während Du telefonierst, darf mir Dein winziger Freund mit Brille auch einen Müsliriegel reichen", grinste Rivkin gut gelaunt.


    Drystan stand auf, klaubte eine Handvoll Müsliriegel zusammen und reichte sie Rivkin.

    "Mache ich gerne, lasst es Euch schmecken. Falls Ihr Lust habt, fahren wir kurz nach 05:00 Uhr nach Kalthorst. Dort können wir gemeinsam frühstücken gehen. Mit allem was dazu gehört, also etwas mehr als reine Müsliriegel", sagte Drystan freundlich. Ihn rührte es, wie wohl sich Melvin fühlte und es schmerzte ihn, wie er vorab die ganze Zeit gelebt haben musste.

  • Melvin schmiegte sich in den Arm des größeren Tuteurs. Er schloss die Augen und atmete langsam durch, wobei er den würzigen Geruch des Mannes einatmete wie einen wohltuenden Raumduft. Melvins Muskeln entspannten sich, sein Körper erschlaffte. Nur den Arm hob er noch, um ihn über Rivkins Bauch zu schieben, wo er gegen Younes stieß, den er daraufhin kurz krabbelte, ehe er nur noch dalag.


    "Ich werde mit Herr von Hohenfelde über all diese Dinge sprechen, Rivkin. Ich bin gerade so faul und glücklich ... hier geht gerade ein sehr alter Jugendtraum in Erfüllung, den möchte ich nicht mit einem Telefonat unterbrechen. Ich habe übrigens all deine Filme zum Trainingsaufbau gesehen und all deine Bücher gelesen."

  • Rivkin streichelte Mel durch die Haare, um ihm ein Gefühl von Nähe und Geborgenheit zu schenken. Nichts was sie mehr benötigten als das. Auf Essen oder eine gute Unterbringung konnten sie verzichten, aber nicht auf Nähe. Den meisten Herren wurde genau das zu viel. Als kämen sie mit dem nicht klar, was sich insgeheim doch jeder wünschte. Vermutlich hatten die meisten verlernt, das Wichtigste überhaupt zuzulassen. Sie schotteten sich seelisch ab und beklagten wortlos ihre Einsamkeit. Herren waren oft widersprüchlich, aber manche waren klug genug ihre Seelen und Herzen zu öffnen.


    Manchmal dachte Rivkin, sie waren aus etwas geschmiedet, was die alten Zeiten aufleben ließ. Sie vertraten Werte die einst jeder kannte und andere noch lebten. Die Bluthexer zum Beispiel. Aber jener Orden lebte unter seinesgleichen und nicht mit Herren oder Fremden. Sie kannten die Liebe zu Herren nicht, die so erfüllend sein konnte. Sie kannten nur die Liebe zum Orden und zu ihren Brüdern. Manche von ihnen brachten auch Tuteurs und Souvrakasiern Zuneigung entgegen, aber es waren wenige.


    Vielleicht fürchteten die Herren dass was sie vermissten und hatten Angst es zu finden. Denn einmal gefunden bedeutete dies, dass man sich den Verlust nicht mehr leisten konnte. Wer einst von der wahren Zuneigung und unumstößlichen Loyalität eines Tuteurs "kosten" durfte und es genossen hatte, würde das Gefühl für immer vermissen. Manche Herren wollten lieber allein bleiben, anstatt später einen derartigen Verlust zu spüren. Also waren sie abweisend und kälter als Steine.


    Andere wiederum genossen es und waren bereit den Preis zu akzeptieren. Riv musterte den kleinen Almanen mit Brille, der ihn ebenfalls beobachtete.


    "Du kannst Dich dazu legen", bot Rivkin an.

    "Danke für das Angebot, aber ich glaube da ist kein Platz mehr", schmunzelte Drys und gönnte sich selbst noch einen Müsliriegel.


    "Doch wir rutschen ein bisschen, na los", grinste Riv zurück.

    "Mach schon, ich behalte alles im Auge. Gib mir solange Deine Waffe, ich wache über Euch", bot Jerry an.

    "Du kannst Deinen Vater anrufen und für Mel fragen, die Waffe bleibt wo sie ist Jerry", sagte Drystan freundlich und quetschte sich zwischen Riv und Yoyo.


    Das Gefühl zwischen den Kolossen war, als würde er zwischen zwei Blurkhal-Bullen liegen, auf der anderen Seite fühlte er sich wie ein Kind und es war schön warm. Drys legte die Waffe auf den Nachttisch ab und machte es sich an Yoyos Brust gemütlich.

  • Wie fast alle Tuteurs kannte Younes keine körperliche Scheu. Er hieß den kleinen Mensch zwischen ihnen willkommen, indem er ihm mit der Pranke einige Male der Länge nach von oben bis unten, wo er hinreichte, über den Körper strich. Dabei achtete er nicht darauf, was er streichelte, es spielte keine Rolle, es ging darum, jemanden in der Gruppe willkommen zu heißen und ihm zu zeigen, dass er vor nichts Angst zu haben brauchte. Nirgendwo lag man sicherer als in einem Pulk von Tutuers.


    "Du kannst uns auch streicheln", bot Yoyo hilfreich an.

  • Melvin linste verstohlen zu Drystan herüber, der zwischen den zwei Hünen klemmte. Er musste lächeln. Menschen waren immer so niedlich in ihrer Winzigkeit. Vorsichtig und andächtig streichelte er Rivkins Bauch.


    "Diesen jungen Alfie würde ich ebenfalls gern im Trupp haben. Ich muss vieles neu lernen, ich habe sehr lange ohne Anschluss an andere gelebt. Wenn da jemand ist, der ebenfalls alles erst lernen muss, würde mir das gefallen."

  • Drystan wurde von Yoyo in die Matratze massiert, als dieser ihn mehrfach der Länge nach streichelte. Das Angebot ihn ebenfalls streicheln zu dürfen, ließ Drys grinsen. Vermutlich wusste Yoyo nicht mal warum, woher auch? Mel hatte ihm die Bilder vom Hähnchenbecher gezeigt und scheinbar wurde er das Bild heute überhaupt nicht wieder los. Bechstein nahm die Brille ab und warf sie neben die Waffe auf den Nachttisch.

    "Danke für das Angebot", grinste er zu Yoyo hoch und drückte sich an den großen Tuteur.


    "Der Herr von Euch ist der Ehemann von meinem Bruder. Weder mein Schwager noch mein Bruder leiden unter Geldmangel. Zudem hat Valerian Eure Aufnahme schon zugesagt. Was allerdings noch erledigt werden muss, ist der Papierkram. Ihr müsst Naridier werden und Personen. Aber das bekommen die beiden hin, sie sitzen ja an der Quelle. Für Alfie sollten wir das gleich mit beantragen, wie bekommen wir Alfie hierher?", fragte Drystan und kraulte Yoyo die mächtige Brust.


    Rivkin strubbelte Mel durch die Haare.

    "Indem wir Alfie ebenfalls anrufen und ihn herbitten. Er ist ein schwer anständiger Tuteur, Ihr werdet Euch gut mit ihm verstehen. Dein Schwager? Also zählt Ihr alle zu unserem Herrn. Seine Familie sind ebenfalls unsere Schutzpersonen. Du musst keine Angst haben Mel, Du wirst alles lernen gemeinsam mit Alfie wird es Dir leichter fallen. Solange der Kleine nicht da ist, wirst Du Dich einfach an mich halten, ich pass auf Dich auf wie Du auf unseren Herrn. Also wollen wir Alfie direkt kontaktieren?", bot Rivkin an und schaute wo Jerry abgeblieben war. Im Moment sah er nur noch die Katze die ihn anstarrte.

  • "Jerry?", rief Melvin aufgebracht und schoss in eine senkrechte Position. Da entdeckte er den Jungen, der es sich auf dem Teppich neben dem Bett gemütlich gemacht hatte, in dem die drei Tuteurs mit Drystan ihre Willkommenszeremonie abhielten. Gerade noch tiefenentspannt, hatte Melvin nun den Puls eines Sprinters kurz nach der Zielgeraden.


    "Geh bitte nie mehr ohne Hinweis an mich aus meinem Sichtfeld, wenn ich mit deinem Schutz betraut bin", bat Melvin den Jungen. Stöhnend ließ er den Kopf wieder in Rivkins Arm sinken.


    "Ja, bitte kontaktiert Alfie. Ihr kennt ihn, wenn ihr meint, er gehört dazu, dann muss er dringend hergebracht werden. Vermutlich vereinsamt er gerade, so wie Rivkin oder ich einst im Bunker."

  • "Entschuldige ich wollte nur neben Euch liegen, damit ich nich so weit weg bin. Ich rufe gleich Paps an, er kann dann alles vorbereiten und Ihr könnt Alfie anrufen. Du musst keine Angst haben, ich sage Dir Bescheid wenn ich raus gehe Mel. Aber ich bleib hier und wollte nur bei Euch liegen. Keine Sorge", sagte Jerry und hob den Arm mit erhobenen Daumen.

  • Melvin beruhigte sich sofort wieder. Zufrieden ließ er sich zurücksinken. Seine Hand begann erneut ihre Wanderung über Rivkins Bauch und Brust, als wolle Melvin sich ein dreidimensionales Bild von dem Tuteur in seinem Geist erstellen. Das Glück, dass er gerade empfand, ließ ihn die ganze Zeit vor sich hingrinsen. Er und Drys hatten fast den gleichen Gesichtsausdruck, was Melvin darauf schob, dass sie beide neben Rivkin liegen durften.


    "So können wir den Rest des Tages verbringen", fand er. "Möchtest du Alfie gleich anrufen?"

  • Rivkin streichelte Younes den Kopf und Melvin in seinem Arm. Ja so konnte man wirklich den gesamten Tag verbringen. Riv genoss die Streicheleinheiten von Mel und löste kurz seine Hand von ihm, um zu seinem eigenen Com zu greifen. Er wählte die Nummer von Alfie und wartete ab. Es dauerte nicht lange, dann ging der junge Tuteur an sein Com.


    "Ja?", hörten sie ihn gut gelaunt, da Riv das Com so hielt, dass auch Mel mithören konnte.

    "Grüße Alfie wir sind gerade in einem wichtigen geheimen Einsatz, könntest Du schnellstmöglich nach Kalthorst kommen?", fragte Rivkin ernst. Er musst schließlich den Jung-Tuteur zu sich locken.


    "Kalthorst? Wo liegt das denn?", fragte Alfie und man hörte ihn kurz schnaufen, "das ist in Naridien sehe ich gerade".

    "Richtig, auf nach Naridien Aflie und zu keinem ein Wort. Dieser Auftrag ist von höchster Geheimstufe und Dringlichkeit. Also nimmt mit was Du brauchst und komm schnellstmöglich her. Wir warten auf Dich. Rivkin Ende", sagte Riv und legte auf.


    Danach grinste er über beide Ohren, wie eine Katze die einen Fisch serviert bekam.

    "Sagt war ich gut?", lachte er gut gelaunt.


    "Sobald er hier ist, ja", gibbelte Jerry und hob die Hand mit erhobenen Daumen.

  • Alfie würde also auch kommen. Younes freute sich darüber und zeigte auf dem Com ein Bild von ihrem jüngsten Mitglied herum. Alfie streckte ihnen dort die Zunge heraus - eine Hommage an ein ähnliches Bild von Younes. Legendär war ein Gruppenbild, was sie alle gemeinsam mit herausgestreckten Zungen zeigte.


    "Das ist Alfie."


    Nachdem alle einmal das Com vor die Nase gehalten bekommen hatten, steckte er es wieder weg und setzte seine Schmuse-Einheit fort. Ein Tuteur konnte stundenlang mit Kuscheln verbringen, meist schauten sie dabei Holo. Sie benötigten es sogar für ihr Wohlbefinden. Kein anderer GMO war dermaßen nähebedürftig. Drystan, der wie ein Winzling zwischen ihnen lag, musste immer mal wieder an die Oberfläche gezogen werden, da er zwischen Rivkin und Younes versank, die mit ihrem Gewicht die Matratze stark eindellten.

  • "Ich hoffe, Herr von Hohenfelde freut sich über die zügig eingetroffene Verstärkung. Du hast Alfie gut überlistet, Rivkin, solche Tricks gehören in ein weiteres Buch von dir. Meine habe ich alle schon etliche Male gelesen. Jedes mal, wenn ich fertig bin, fange ich wieder von vorn an. Hier in Kalthorst gibt es eine Buchmesse, dort solltest du mit einem Stand auftreten und Unterschriften an deine zahllosen Anhänger verteilen."