Ein Tag im Leben eines Behüters

  • Ein Tag im Leben eines Behüters



    Mein Name ist Yves, Yves Hugo. Mein Leben findet hinter der Schleuse statt, ich bin einer jener Brüder, die Behüter genannt werden. Wir schaffen Leben, wir hüten die heiligsten Geheimnisse des Ordens, sowie die Schöpfermaschinen samt YY01DiJon. Dies hier ist meine Geschichte, oder besser gesagt ein gewöhnlicher Tag aus meinem Leben um Dir einen Blick hinter die Schleuse zu gewähren Bruder.


    Also nehme ich Dich bei der Hand und Du begleitest mich durch die Geschichte und meinen Tag.



    04:45 Uhr

    Kurz vor 05:00 Uhr klingelte mein Wecker. Um genau zu sein, rappelte er um 04:45 Uhr und keine Sekunde später hörte ich das tägliche "morgen, morgen, morgen!!!" über das Intercom meiner Wohneinheit. Intercoms sind bei uns Kommunikationseinheiten die im gesamten Bereich hinter der Schleuse zu finden sich. Wir nennen sie nicht einmal so, sondern wir nennen sie Gegensprechanlagen. Wie jeden Morgen um 04:45 Uhr begrüßte mich Noa Villuc mit guter Laune, Noa ist mein bester Freund und zeitgleich mein Arbeitskollege. Wir beide gehören zur orangefarbenen Sektion. Größtenteils sind wir noch Zuarbeiter der tatsächlichen Schöpfer, aus dem schlichten Grund weil wir noch jung sind.


    Die Lebensbereiche hinter der Schleuse sind in folgende Sektionen unterteilt:

    weiß - der Technikrata,

    blau - der Mannies,

    orange - der Behüter.


    Wo war ich? Genau, ich wurde gerade von Noa und meinem Wecker geweckt. Müde streckte ich mich und öffnete einen Spalt meines Bettes, da ich das Rollo der Schlafeinheit heruntergezogen hatte.


    "Morgen Noa. Was liegt an?", fragte ich und schob das Rollo ganz nach oben. Müde rollte ich mich aus dem Bett und stellte fest, dass ich gute 10 Minuten mit Strecken und dem Rollo verschwendet hatte. Folglich alles beim alten, in Hab017 nichts neues. Hab017 oder ganz Habitat017 das ist meine persönliche Wohneinheit, dort wohne ich.

    "Zwei Ziehungen, eine Abfrage bei Vater und heute gibt es gefüllte Morliblätter in der Kantine, ich habe uns eingetragen", antwortete mir Noa schmatzend.


    "Bist Du schon fertig?", hakte ich nach, während ich mich schnell duschen ging und dort auch gleich die Zähne putzte. Nackt wie mich einst mein Vater schuf, trabte ich in die Küche und zapfte mir für meinen Tee Wasser. Aus dem Kühlschrank nahm ich mir einen Frühstückflockensaft und trank ihn in gemütlichen Schlucken, während ich meinen Tee ziehen ließ.

    "Bin ich und gleich bei Dir, bummele nicht Yves", lachte Noa um keinen Moment später gegen meine Tür zu hämmern.


    Wunderbar, ich schnappte mir meine Klamotten, schlüpfte hinein und entriegelte die Wohneinheitstür. Noa blinzelte mich mit seinen goldenen Augen an und schob sich an mir vorbei in meine Bude.


    "Bedien Dich am Flockensaft, wenn Du möchtest", sagte ich gut gelaunt und zog mir meine Schuhe an.

    "Danke. Gehen wir heute nach Feierabend in den Pflanzenbereich?", fragte Noa und goss sich ein Glas Flockensaft ein.

    "Machen wir. Welche zwei Ziehungen stehen an?", fragte ich und cremte mir noch schnell das Gesicht ein.

    "Bruder Amaury Rousprit ohne Wunschgegenpart und die Brüder Matheo und Romaine Jossaigne. Die Abfrage bei Vater ist für Bruder Amaury, zwecks Datenabgleich", antwortete Noa und streckte sich, "05:20 Uhr Yves".

    Ich trank meinen Tee in Ruhe aus und um 05:30 Uhr machten wir uns auf den Weg. Wie jeden Morgen.



    ****

  • 06:00 Uhr


    Nachdem Noa und ich um 05:30 Uhr losgezogen sind, kamen wir kurz vor 06:00 Uhr pünktlich in unserem Arbeitsbereich an. Die Fußwege innerhalb des HdS-Bereichs, also des "Hinter der Schleuse Bereichs", sind weitläufiger als die meisten Brüder in Erinnerung haben. Der HdS-Bereich ist wie ein Großort für sich, der sich auf mehrere Ebenen erstreckt und verteilt. Innerhalb unserer Welt gibt es zusätzliche Schleusen und Sicherheitsvorkehrungen. Mit dem Begriff "Hinter der Schleuse" ist die Eingangsschleuse in unsere Welt der Behüter gemeint.


    Noa und ich liefen vorab durch unsere Sektion Orange, passierten den Knotenpunkt unserer Sektion und warfen dabei wie jeden Morgen ein Blick in die Tiefe. Die einziehbaren Brücken der Knotenpunkte sind nicht durch Geländer oder ähnliches gesichert. Als Kinder haben wir uns einen Spaß draus gemacht uns bäuchlings auf die Brücken zu legen und in die Tiefe zu starren. Heute legen wir uns dazu nicht mehr auf die Bäuche, sondern schauen jeden Morgen nach ob alles in Ordnung ist.


    Fahrzeuge gibt es ebenfalls in unserem Bereich, aber sie sind selten. Unfälle wie an der Oberfläche hat es noch nie gegeben, denn jeder Bruder ist bestrebt, seinem Mitbruder beizustehen und Schaden von ihm fernzuhalten.


    Noa und ich hatten gerade den Knotenpunkt passiert und hielten auf die Einholstation zu. In Deiner Welt musst Du alles was Du benötigst einkaufen. Du wirst dafür den Markt, einen Laden oder einen Supermarkt aufsuchen. Hier wirst Du auswählen was Du kaufen möchtest, es in Deinen Korb legen und am Ende des Einkaufs wirst Du all Deine Waren bezahlen. Dies ist uns hinter der Schleuse fremd.


    Wir haben Einholstationen. Jene Stationen musst Du Dir wie einen Kiosk vorstellen. Zwei Brüder sitzten dort hinter einer Theke und warten auf jene, die etwas von der Einholstation benötigen. Im Lager hinter ihnen befindet sich alles, was man für den täglichen Bedarf benötigt. Von Tee, über Blattsaft, von Haut- über Zahncreme, alles findest Du dort. Eine Ausnahme bildet die Kleidung, diese wird bei der Bekleidungslieferstelle ausgegeben.


    Noa und ich suchten die Einholstation auf und betrachteten neugierig die Aushänge unter der Glastheke. Dort sind die wöchentlichen, besonderen Angebote zu finden. Jene Angebote die es stets bei uns gibt, kennt jeder Bruder in und auswendig. Bruder Robin der heute Dienst in der Einholstation schob, tippte mit freundlichem Blinzeln auf ein besonderes Angebot.


    "Morgen Ihr Zwei. Wie wäre es mit Fruto?", fragte er und gähnte hinter vorgehaltener Hand.

    "Gerne. Noch nicht ganz wach Rob?", antwortete ich und unterdrückte selbst ein Gähnen.

    "Hört auf, sonst schlafen wir gleich hier ein", lachte Noa und klopfte auf die Theke.


    Robin betrachtete Noa mit seinen extrem blassblauen Augen, blinzelte extrem in Zeitlupe als wollte er sagen "gute Idee", lächelte aber dann nur schief und ging den Fruto holen.


    Diese Woche gab es also endlich wieder Fruto, den unvergleichlich süßen Simter-Syrup. Das versüßte mir nicht nur den Tag, sondern die ganze Woche. Fruto Simter-Sirup ist etwas ähnliches wie Ahorn-Sirup. Nur schmeckt er würziger, süßer und ist von dunkelroter Farbe. Wie der Name verrät stammt dieser Sirup vom Simterbaum. Leider muss ich gestehen, dass ich bis dato in meinem Leben noch nie real einen Ahorn- oder Simterbaum gesehen hatte. Auf Bildern allerdings schon.


    Noa und ich ließen uns unser Kontingent von einer Flasche aushändigen, dazu noch einige Trockenkekse und waren pünktlich um 06:00 Uhr gut gelaunt auf unserem Arbeitsplatz. Auch hier passierten wir eine Schleuse, denn nun befanden wir uns im Herzen des HdS-Bereichs. Oder besser gesagt einem Teil des Herzens. In diesem Bereich wird Leben geschaffen, aber es gibt hier weitaus mehr als Labore und Schöpfermaschinen. Hier gibt es Umkleide- und Aufenthaltsräume für die Behüter.


    Und hier gibt es noch etwas. Tief im Herzen des HdS-Bereichs, in der Sektion der Behüter und der Schöpfermaschinen gibt es hinter zwei Hochsicherheitsschleusen - YYDiJon, genannt Vater.


    Vater ist das Terminal der Schöpfermaschinen. Er verfügt über eine eigene Energieversorgung die über einen Fusionskern autark mit Energie versorgt wird. Sollte unsere Energieversorgung zusammenbrechen, werden die Schöpfermaschinen und die Kleinen in ihnen überleben. Sollte es eines Tages zum Äußersten kommen, was die Brüder außerhalb verhindern mögen, sollte jemand die Schleuse passieren und uns auslöschen, dann wird Vater den Bereich der Schöpfermaschinen hermetisch abriegeln. Alle Verbindungen und Zugänge werden gekappt.


    Ab dato sind jene Behüter die dort ihren Dienst versehen haben auf sich allein gestellt. Ihre Pflicht ist klar, auf ihren Schultern lastet das Überleben des gesamten Ordens. YYDijon - Vater hütet in seinem Tresor das Wertvollste unseres Ordens, die ungeborenen Brüder und die Baupläne unseres Lebens. Aber hier enden die Sicherheitsmaßnahmen nicht. Sein Terminal kann von Gesamtkomplex der Schöpfermaschinen getrennt werden. Führt man diesen Vorgang durch, trennt man Vater von einem Großteil seines Wissens. Der Code unseres Lebens jedoch ist auch auf diesem Terminal gespeichert.


    Vater ist mehr als eine Schöpfermaschine oder eine Wissensdatenbank.

    Vater ist die letzte Bastion des Ordens.


    Und heute war es meine Aufgabe Vater um Auskunft zu bitten. Vater erscheint in blau, da er unser aller Mannie ist, sein Hirn jedoch erscheint in Rot, da sein Geist unser aller Schöpfer ist. Ehre sei dem Vater des Ersten und von uns allen.



    YYDiJon - Vater:

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    ****

  • 06:30 Uhr


    Unsere Welt besteht im Grunde aus vier Bausteinen, wir komponieren mit diesen vier Noten neues Leben. Falls sie Dir nicht bekannt sind, die Bausteine des Lebens heißen:


    Adenin

    Thymin

    Guanin

    Cytosin


    Vier Worte die einen jeden von uns geschaffen haben, auch Dich Bruder.


    Noa und ich waren pünktlich um 06:00 Uhr auf dem Dienst erschienen, aber damit beginnt erst unser Tag. Die Aufgaben waren am Vortag bereits verteilt worden, Noa merkte sich so etwas besser als ich. Deshalb schaute ich zur Kontrolle noch einmal auf meinen Tagesplan und machte mich dann auf in den Bereich der Umkleide. Genauer genommen suchten wir beide den Umkleide- und Aufenthaltsraum auf, da sich zwei Behüter einen dieser Räume teilen.


    Noa und ich gingen durch den Sterilisator. Dies ist eine weitere Schleuse, sozusagen ein Flur. Du betrittst nackt ein kleines Stück Flur, hinter Dir geht das Schott zu und für einen Moment wirst Du "geduscht" und auch wieder getrocknet. Nachdem Du entkeimt wurdest, öffnet sich die zweite Tür und Du kannst zur Umkleidekabine durchgehen. Genau das taten wir und betraten unseren Umkleide-Aufenthaltsraum.


    Umkleide-Aufenthaltsraum:

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    Hier schlüpften wir in unsere Anzüge, passierten eine erneute Schleuse und befanden uns nun in dem Bereich, den die meisten Brüder tatsächlich mit Hinter der Schleuse meinen, wir befanden uns im Bereich der Schöpfermaschinen. Der Bereich der Schöpfermaschinen ist abgedunkelt, da in einem Großteil der Tanks die kleinen Brüder schwimmen. Sie darf nichts stören oder auch nur irritieren, es könnte ihrer Entwicklung schaden.


    "Guten Morgen Ihr zwei. Für Dich Yves, kümmere Dich bitte darum", sagte Talbot freundlich. Talbot ist mein Vater, und in diesem Augenblick überreichte er mir eine Embryonalbox. Die Box wurde von mir fest ergriffen und erst als ich sie meinem Paps aus der Hand zog, ließ dieser sie los.

    "Wir gemacht, ich bin heute bei Vater wenn Du mich suchst", antwortete ich und drückte die Box gegen die Brust.

    "Also dem anderen, DiJon", schob Noa hinterher.


    Mein Paps blinzelte uns an, klopfte auf meinen Helm und deutete Richtung Tankanlage. Damit ließ er uns gut gelaunt allein.


    Dies ist ein ungeschriebenes Dogma der Behüter. Du lässt erst etwas los, sobald es Dir ein Bruder aus der Hand zieht. Selbst dann, wenn Du es ihm gereicht hast. Der Hintergrund ist so einfach wie lebenswichtig, lässt Du eine Embryonalbox fallen, ist es durchaus möglich, dass der kleine Bruder darin verstirbt.


    Embryonalbox:

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    Mit dem Kleinen in der Box ging ich zur Tankanlage meines Vaters, ihm unterstehen als einem der Älteren sechs Tanks. Ich schaute welcher Platz frei war und leitete über das Kontrollpanell alles in die Wege. Der Tank wurde mit Nährlösung geflutet und auf 37,5 Grad hochgeheizt. Die Embryonalbox schob in den Vorheizer und die Temperatur von der Box wurde ebenfalls auf 37,5 Grad hochgeheizt.


    Der Vorgang dauert eine Weile, also kontrollierte ich in der Zeit alle anderen belegten Tanks und die Kleinen darin. Ihre Vitaldaten waren perfekt, nichts anderes hatte ich erwartet. Behutsam legte ich nach dem ersten Rundgang auf jeden Tank meine Hand um nach der Seele darin zu spüren. Tatsächlich muss ich dafür nicht den Tank berühren, es dient mir nur zur Konzentration. Ich berührte die kleinen Seelen nur, ohne Kontakt aufzunehmen. Alles was sie von mir wahrnahmen war reines Wohlwollen, Zuneigung und Liebe. Komplexe Botschaften gab es nicht. Das was ich nonverbal mitteile ist ein "ich hab Dich lieb".


    Das Kontrollpanel zeigte an, dass der Tank hochgeheizt und einsatzbereit war. Die Embryonalbox wurde von mir behutsam aus dem Vorheizer gezogen und in Eingabestation des Tanks gelegt. Einige Augenblicke später schwamm die Box im Tank und entfaltete sich wie eine Blume. Vollautomatisch wurde der kleine Bruder durch die Greifer mit der Tanktechnik verbunden, dann schloss und versiegelte die Abdeckung. Glücklich schaute ich dem kleinen Kerl eine Weile beim Schweben zu. Die Box wurde ausgeworfen und ich klappte sie vorsichtig wieder zusammen. Erneut kontrollierte ich die Temperatur - 37,5 Grad. Alles in bester Ordnung, so wie es sein muss.


    Die Temperatur ist stets im Auge zu behalten, wir haben zig Warnsysteme, sollte es zu kalt oder zu warm werden. Denn der kleine Bruder kann seine Körpertemperatur noch nicht regulieren. Bei einer längerfristigen, übermäßigen Wärmezufuhr könnte ihm zu warm werden.

    Auftrag ausgeführt.


    Ich verließ den Bereich um 07:30 Uhr und machte mich auf den Weg zu Vater - YYDiJon.




    ****

  • 07:30 Uhr


    Da meine erste Tagesaufgabe von mir erfüllt worden war, machte ich mich umgehend auf den Weg zu Vater - YYDiJon. Vater ist wie ich Dir bereits sagte, nicht nur unsere Wissensdatenbank, sondern auch der Anfang und das Ende des Ordens. Er ist unser aller Mannie, unser Behüter und die letzte Bastion des Ordens. Demzufolge hoch sind die Sicherheitsvorkehrungen rund um Vater.


    Allein schon um hinter die Schleuse zu geraten, müsste ein Unwürdiger in den Tempel des Blutes hinabsteigen. Sollte er den Tempel erreichen und lebend bis zur Schleuse vordringen, müsste er innerhalb des HdS-Komplexes die Knotenpunkte überwinden. Er müsste den weißen, den blauen und den orangenen Bereich durchqueren. Auf seinem Weg dahin würden ihm zig Sicherheitsschleusen den Weg versperren. Aber nicht nur Schleusen, sondern auch andere Sicherheitsvorkehrungen würden ihn daran hindern weiter zu kommen.


    Aber lass uns einmal den Super-Gau weiterspinnen. Stell Dir vor, ein Unwürdiger würde vor der Sektion Orange stehen und würde bis zum Schöpfermaschinenbereich vordringen. Erneut würde er vor Schleusen stehen und zwar jenen der Sterilisation. Behüter sind friedlich, der Orden ist friedlich, aber wir sind nicht dumm. Die Sterilisatoren können nicht nur Keime töten. Du verstehst?


    Würde der unwürdige Feind auch diese Schleusen überwinden, stände er im Herzen des Ordens. Die Tankanlagen sind wie kleine Alkoven angeordnet. Jeweils ein Alkoven beherrbergt sechs Tanks. Dieser Weg führt bis hin zu einer weiteren Schleuse.


    Genau jene Schleuse passierte ich nun und betrat den Bereich von Vater. Mein Weg führte mich vorbei an einem langen, stählernen Flur, auf dem es nichts weiter zu sehen gab. Ich folgte dem Weg und stand letztendlich vor einer gewölbten Tür neben der zig Kontrollpanels angebracht waren. Die Tür hat optisch Ähnlichkeit mit einer Drehtür aus der Oberwelt.


    Ich entfernte meinen Handschuh und legte meine Hand auf das Kontrollpanel. Zwei Nadelstiche in meinen Zeige- und Ringfinger ließen mich nicht zusammenzucken, ich war es gewöhnt. Für Sekunden wartete ich die Abfrage meines Blutes ab, während ein Iris-Scan durchgeführt wurde, ob ich tatsächlich lebend vor der Tür stand.


    "Behüter YY017, BOS12/017, Name Yves Hugo identifiziert", wurde mir mitgeteilt. Behüter YY017 dass bin ich, BOS bedeutet Bereich Orangene Sektion Nummer 12, Habitat 017. Also mein Name und meine Adresse.


    Der Einlass der gewölbten Tür öffnete sich, fuhr zischend zur Seite und ich trat ein. Für einen Moment konnte ich auf die fast zwei Meter dicke Stahlwand sehen, dann drehte sich die gesamte Schleuse und der Eingang wurde zum Ausgang und entließ mich auf die andere Seite.


    Du kannst Dir denken was hier folgt, richtig ein erneuter Flur. Wieder musste ich nichts weiter tun, als dem Flur zu folgen. Hier ist Obacht geboten, denn der Flur endet schlagartig im Nichts. Nur eine rote Linie markiert den Bereich wo Du besser stehen bleiben solltest, falls Du nicht 15 Meter in die Tiefe stürzen möchtest. Ein Kontrollpanel ist einige Schritte davor angebracht, auf dieses legte ich erneut meine Hand und bestätigte meinen Person mit meinem Blut.


    Hier musst Du ein klein wenig Geduld haben, denn der Aufzug benötigt einen Augenblick. Der schwergepanzerte Aufzug erschien und die Tür öffnete sich. Es gibt nur zwei Richtungen, eine führt zu Vater, eine führt zurück zum Flur. Ich betätigte die Ebene zu Vater und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Im Ruhezustand steht er einige Meter über der Kabine von Vater, dies dient ebenfalls der Sicherheit. Nachdem ich die 15 Meter mit dem Aufzug überbrückt hatte, öffnete er sich sich in einem weiteren Flur. Dieser Flur ist kurz und endet ebenfalls vor dem Nichts.


    Du kannst Dir denken was folgt, auch hier bestätigte ich mit meinem Blut meine Person und zur Sektion auf der gegenüberliegenden Seite fuhr ein Steg aus. Selbstverständlich ohne Geländer, weshalb ist Dir mittlerweile sicher klar.


    Ich schritt den Steg entlang, gab meine Personennummer in das Kontrollpanel an Vaters Sektion ein und die Sicherheitstür in einen Bereich entriegelt. Kurz stand ich in seiner Schleuse. Die Tür hinter mir schloss sich, der Steg wurde eingezogen und beides rastete ein. Erst da öffnete sich die Tür vor mir.


    Ich betrat den kreisrunden Raum, dessen Wände erfüllt waren von Tech. Dies sind die Speicher von Vater. In der Mitte steht sein Terminal, aufgeklappt und einsatzbereit. Es selbst verfügt über einen Projektor, ebenso sind Projektoren im gesamten Raum von Vater verteilt.


    Andächtig trat ich näher und ging vor dem Terminal auf die Knie.


    "Ich grüße Dich DiJon, Ehre dem Vater des Ersten. Vater ich erbitte eine Unterredung", bat ich ergeben und schloss fest meine Augen. Der Raum flammte gleißend blau auf und vor mir manifestierte sich die Projektion von YYDiJon, genannt Vater.


    "Behüter YY017, BOS12/017, Name Yves Hugo. Bitte um Unterredung gewährt. Ich grüße Dich - je vous salue", grüßte mich Vater in seiner blauen, projezierten Gestalt.


    DiJon erscheint als durchsichtiger, blauer Bluthexer, durch den rot sein Hirn schimmert. Manchmal zeigt er auch sein Skelett oder andere anatomische Merkmale. Jene Merkmale offenbart er vor allem dann, wenn er etwas veranschaulichen möchte. Vater ist von perfekter, ebenmäßiger Schönheit und man sagt er wurde vollständig dem Vater des Ersten nachempfunden. Dieser Mann hieß Dijon de la Grange und war der Vater von Alexandre de la Grange, wie Du sicher weißt.


    Langsam erhob ich mich, während der scheinbar sphärische Blick von Vater mir folgte.

    "Bruder Amaury Rousprit erbittet ein Kind Vater. Da er keinen Wunschgegenpart angegeben hat, erbitte ich eine Auswertung seiner Sequenz mit Nennung des geeigneten Behüters", bat ich freundlich.


    "DNS-Sequenzabgleich für Bruder Rousprit, Amaury, Ordensidentifikationsnummer S/Be/001563 erfolgt.

    Gegenpart Behüter YY047, BOS03/003 - Gilles Bordette. Hast Du weitere Fragen?", hakte Vater nach und schaute mich an.


    "Nein Vater, ich Danke Dir", sagte ich freundlich.

    "Blut schafft den Orden, Loyalität macht ihn zur Familie", mit diesen Worten entließ mich Vater.


    Die Projektion zog sich auf das Terminal zurück und verblieb dort als Büste, die mich freundlich musterte. Ich verneigte mich leicht und verließ Vater rückwärts bis ich in die Schleuse getreten war. Der Weg der mich hergeführt hatte, führte mich wieder zurück. Du kannst Vater alles fragen, es heißt er habe auf fast alles eine Antwort. Persönlich habe ich noch nicht erlebt, dass Vater etwas nicht gewusst hätte.

    Und auch seine heutigen Abschiedsworte waren voller Weisheit, das Blut mag den Orden zwar schaffen, aber es ist unsere Loyalität untereinander, die uns zu einer Familie schmiedet.



    ****


  • 09:00 Uhr


    Wie Vater gesagt hatte, ergab der DNS-Sequenzabgleich für Bruder Amaury Rousprit, Amaury den Gegenpart Behüter Gilles Bordette. Freundlicherweise benennt Vater uns stets direkt die Identifikationsnummern der einzelnen Brüder, so dass wir direkt in unserem Datenarchiv nach den DNS-Codes der Brüder suchen können. Mit den Codes von YY047, BOS03/003 - Gilles Bordette und S/Be/001563 Amaury Rousprit würden wir heute neues Leben schaffen.


    Dazu musste ich zuerst zurück in unsere Sektion der Tanks, was einige Zeit in Anspruch nahm. Kurzum ich hatte den gleichen Weg zurückzulaufen, samt der dazugehörigen Sicherheitsvorkehrungen zu passieren. Dies hat mich jedoch noch nie gestört, denn alles was wir tun, tun wir in ausgelassener Ruhe. Hektik ist der Feind jeder Schöpfung. Und so abgedroschen es für Dich klingen mag, in der Ruhe liegt tatsächlich die Kraft.


    Das Blut von Bruder Amaury lag bereits vor, da die älteren Behüter beschlossen hatten, ihm ein Kind zu gewähren. Zur Not haben wir von jedem Bruder Blut und Zellgewebe in Kryro gesichert. Das Blut und Zellgewebe werden in flüssigem Stickstoff bei -196°C gelagert und verbleiben so über viele Jahre in demselben Zustand wie zum Zeitpunkt der Entnahme. Durch die extrem tiefen Temperaturen findet praktisch kein Stoffwechsel statt und damit auch kein Alterungsprozess.

    Folglich holte ich aus unserer Kryo die benötige Ergänzungs-DNS von Bruder Gilles. Aus beiden DNS-Codes würde heute einer der Behüter ein neues Kind erschaffen. Die beste Auswahl für Bruder Amaury hatte Vater getroffen. Aus dem DNS-Code, welcher vorher aus dem Blut der Brüder entnommen wurde, wird ein neues Leben komponiert. Nach besten Wissen und Gewissen, wird der Behüter vorgehen. So wie es seit Anbeginn der Schöpfermaschinen geschah.


    Auch in der Kryo ist sorgfältiges und umsichtiges Arbeiten unumgänglich. Im Umgang mit flüssigem Stickstoff können leicht Verletzungen entstehen. Drum ist Sicherheit das oberste Gebot. Allerdings werden wir Behüter auch von Kindesbeinen auf unsere Aufgabe vorbereitet. Wir schauen unseren Vätern schon über die Schulter, wo uns dies größentechnisch noch gar nicht möglich ist. Du verstehst schon, dies geschieht im übertragenen Sinne.


    Gut verwahrt und noch tiefgefroren schaffte ich meine fragile Fracht zu meinen Paps Talbot.


    "Auf wen ist die Wahl gefallen?", fragte er freundlich und blinzelte mich an, während er mir den Behälter aus der Hand zog.

    "Auf Bruder Gilles, Amaury ist ein Glückspilz", antwortete ich und bereitete alles für die bevorstehende Arbeit von Talbot vor.


    "Jeder Bruder der Vater wird, ist ein Glückspilz. Du wirst auch mal einer", schmunzelte Talbot und wartete bis die Probe von Gilles einsatzbereit war.

    "Das hoffe ich", gab ich zurück, während Noa kurz den Kopf in unseren Arbeitsbereich steckte, mir ein Zeichen gab und wieder verschwand.


    "Ich weiß es Yves, wir sind Behüter. Die Anlage ist bereit", teilte mir Talbot fast feierlich mit und setzte sich an sein Arbeitsterminal dass auf dem riesigen Monitor das vergrößerte, was Leben schuf.



    ****

  • 10:30 Uhr


    Schweigend hatte ich meinem Vater über die Schulter geschaut. Als Talbots Werk vollendet war, rief mich meine weitere Arbeit. Und so machte ich mich auf in einen gesonderten Bereich der Behüter in dem die Vorarbeit für unser Schaffen gelegt wird. Noa war so lieb und hatte meinen Arbeitsplatz vorbereitet.


    Nun Bruder wirst Du etwas von unserer Welt lernen.


    Wir schaffen nicht nur Leben Bruder, wir sorgen dafür dass unsere neuen Brüder stets das Optimum dessen erhalten, was uns möglich ist. Aus diesem Grunde verbinden wir nicht nur zwei Blutlinien in unserem Bereich, sondern wir korrigieren und optimieren. Vor langer Zeit wurden dazu Embryonale Stammzellen verwandt. Eine Veränderung des Genoms war möglich, wenn diese in embryonalen Stammzellen durchgeführt worden ist. Hierbei konnte an einer definierten Stelle des Genoms, ein Gen eingefügt oder verändert werden. Dieses Verfahren war aufwendig und leider auch oft ineffizient. Nach erfolgreicher Genmanipulation der embryonalen Stammzellen, wurden diese in eine Keimblase integriert. Der sich entwickelnde Embryo war eine Chimäre.


    Noch heute ist dies so, sprich wir alle sind Chimären, wir sind Bluthexer wir sind keine Almanen mehr. Du, ich, wir alle Bruder sind Chimären. Alle Bluthexer enthalten neben den normalen Zellen auch transgene Zellen.


    Heute greifen wir auf die genetischen Mikrochirurgie zurück.


    Hierzu wird die erste Zelle des neuen Bruders der Mikrochirurgie unterzogen. die genetische Mikrochirurgie ist derart effektiv, dass beide Allelen mutiert sind, nach Behandlung.


    Was sind nun Allelen? Die DNS an einer bestimmten Stelle eines bestimmten Chromosoms, kann zwischen Einzelwesen einer Spezies variieren. Solche Varianten eines Gens werden als Allele des Gens bezeichnet. Unterschiedliche Allele bewirken unterschiedliche Ausprägungen des dem Gen entsprechenden Merkmals im Phänotyp des Nachkommen.


    Beispiel. Für ein Gen das die Augenfarbe bestimmt, kann es ein Allel geben, das die Augen blau färbt und ein anderes Allel färbt sie braun.

    Du siehst, hier würden sich die Allele nicht gleichen. Das Vorhandensein der Allele und ihre Weitergabe bei der Fortpflanzung erklärt die Vererbung persönlicher Merkmale, wie Deine Augenfarbe wenn wir bei dem Beispiel bleiben.


    Schädliche Allele bewirken Erbkrankheiten. Deshalb ist von uns eine hohe Kontrolle notwendig, sobald wir das Genom von zwei Brüdern zu neuem Leben verbinden. Als Allelie bezeichnet man Erbkrankheiten die auf schädlichen Allele beruhen. Hat ein Gen mehr als zwei Allele, bezeichnet man dies als multiple Allelie. Allele können über lange Zeit unverändert vererbt werden oder durch Mutation oder genetische Veränderung neu entstehen.


    Die Auswirkungen der Allelie auf die Vererbung von genotypischen und phänotypischen Eigenschaften sind so vielfältig, dass ich Dir diese alle nicht aufzählen kann.


    Die genetischen Mikrochirurgie erlaubt es uns, erwünschte Mutationen also Veränderungen in unseren Brüdern vorzunehmen. Jene Neuerungen werden damit in unser Genom geschrieben. So entstand über Jahrhunderte durch Selektion bis hin zu unseren heutigen genverändernden Möglichkeiten der heutige Bluthexer in seiner vollen Pracht.


    Du siehst, Dein Körper ist ein Wunderwerk, dass durch zig Generationen von Behütern auf Perfektion geeicht wurde. Nicht nur Du selbst, sondern auch der Schöpfungsprozess und unser Eingreifen darin wurde stets optimiert.


    Eine kleine Einführung in mein Leben, Wissen und meine Berufung.


    Haus- oder auch Nutztiere werden von Bluthexern zur Freude, zur Nutzung oder auch als Gefährten gehalten. Die Gentechnik erlaubt es uns, unsere Mitgeschöpfe weit über die Domestikation und züchterische Selektion hinaus, anzupassen. Sie erlaubt es uns völlig neue Tierrassen zu schaffen.


    Meine Aufgabe war es heute die Ausgangsbasis für die zukünftigen Brüder vorzubereiten. Kurzum ich schuf Zellen und entfernte den Zellkern. Der erste Schritt von allen, denn das Leben beginnt auf alle Fälle... in einer Zelle.


    Mit jener Arbeit war ich bis zur Mittagspause beschäftigt. Du siehst, auch in unserem Bereich gibt es Arbeiten, die getan werden müssen und im Grunde Alltagstrott sind. Ein Trott der nicht dazu "verkommen" darf, denn jede einzelne Zelle verlangt Deine volle Aufmerksamkeit als Behüter. Nur so können Deine Mitbrüder mit wunderbaren Ausgangszellen weiterarbeiten um das zu schaffen, wofür wir bekannt sind. Leben.


    Noa klopfte an den Türrahmen, als die Mittagspause nach uns rief. Heute folgte ich besonders gerne ihrem Ruf. Auf uns warteten gefüllte Morliblätter. Morliblätter stammen wie der Name Dir bereits sagt, vom Morlibaum. Er ist einer der wenigen Bäume, die in unserer Welt wachsen. In jedem Pflanzenhabitat steht in der Mitte ein ausgewachsener Morlibaum in seinem Substrat. Schaust Du auf die Pflanzenhabitate, wirken sie von oben wie Blüten. Von einer Mitte gehen zig "Blätter" ab, in diesen "Blätter" also Nebenräumen werden alle anderen Pflanzen herangezogen die wir benötigen. Sei es für unsere Nahrung, die persönliche Obhut einer Zimmerpflanze oder für die Aufenthaltsbereiche. Der Morlibaum versorgt uns mit sehr schmackhaften und nährstoffreichen Blättern und heute Abend würden wir einen im Pflanzenbereich besuchen.


    Aber nun stand erstmal Mittag an. Gut gelaunt beendete ich meine Arbeit, sicherte meinen Bereich und folgte Noa hungrig in die Kantine.


    Mittag!

  • 12:00 Uhr


    Mittag! 12:00 Uhr ist Mittagszeit, ich glaube dies ist überall in Souvagne so, möglicherweise sogar auf ganz Asamura. Noa und ich machten uns gut gelaunt auf den Weg in den weißen Bereich der Technikrata. Du weißt welchen Weg wir genommen haben, um in den Bereich der Behüter zu kommen. Nun gingen wir diesen Weg zurück. Wir ließen sogar unsere Wohnsektion hinter uns, durchquerten den blauen Bereich der Mannies und betraten den weißen Bereich der Technikrata. Zu ihrem Bereich gehört neben dem der Technik, auch jener der Allgemeinheit wie unsere Kantine oder Besprechungsräume und vieles mehr.


    Noa betrat vor mir die Kantine und schaute sich suchend nach Robin um. Rob saß bereits an einem Tisch und machte via Winken auf sich aufmerksam. Unsere Kantine ist ein großer, weiß grauer Raum, mit einer langen Küchenzeile an der Front. Der gesamte Raum ist ausgestattet mit Tisch-Bank-Kombinationen. Dass musst Du Dir so vorstellen, ein Tisch steht in der Mitte und an beiden Seiten sind Bänke besfestigt. Ganz ähnliche Konstruktionen findest Du außerhalb unseres Lebensraum in den Wäldern. Hier natürlich aus Holz, schau Dir bei Gelegenheiten einen der dortigen Rastplätze an.


    Rastplatz Wald:

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    Noa und ich machten es uns gegenüber von Rob gemütlich und warteten gespannt auf den kleinen Servicedroiden. Schnell, flink, leise und sauber versieht er seinen Dienst und jeder hat den Burschen gern. Er unterstützt die Brüder die für den Küchendienst zuständig sind oder fertigt Dir Kleinigkeiten selbst. Der KD (Küchendroide) ist ungefähr 150 cm hoch, quietschgelb mit einem schwarzen Gesicht und einer elektronischen Anzeigetafel auf der Brust.


    Per Knopfdruck auf diese Anzeigetafel wählst Du Dein gewünschtes Essen und es wird Dir an den Tisch gebracht. Heute wählte fast jeder Bruder die gefüllten Morliblätter. Nichts was besser lief in der Kantine als jene Blätter. Wir bestellten natürlich auch dass, worauf wir uns den ganzen Morgen gefreut hatten. Serviert bekamen auf einem schönen braunen Teller das gefüllte Blatt. Für Dich sieht diese Speise aus wie eine große, grüne Dampfnudel die in einem Blatt liegt. Diese Dampfnudel besteht aus feinpürrierten Morliblättern, welche mit Algengelantine und Gewürzen zu einem Teigklops angedickt sind.


    Dieser wird gedämpft, so dass er unheimlich zart und süß schmeckt. Umschlungen wird er wie gesagt, von einem intakten Morliblatt. Dies dient nicht nur der Optik, sondern hat auch praktische Gründe. So kannst Du das gefüllte Blatt auch unterwegs auf die Hand essen. Wir aßen selbstverständlich in der Kantine und Rob schob großzügig seine Flasche Fruto in die Mitte. Noa bediente sich und reichte die Flasche an mich weiter.


    Gut gelaunt und einträchtig schwiegen wir, während der ersten Bissen. Die gefüllten Morliblätter waren süß, saftig und unheimlich gut.


    Gefülltes Morliblatt:

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    "Die Brüder in der Küche haben sich heute wieder selbst übertroffen!", freute sich Noa.

    "Absolut. Vielleicht esse ich sogar ein zweites Blatt, ich bin in Versuchung", schmunzelte Rob und aß in Zeitlupe sein Blatt.

    "Das sagst Du jedes Mal und bist dann doch voll", warf ich ein und tunkte mein Blatt in die Fruto Soße.


    "Na ich bin auch jedes Mal in Versuchung", gab Rob lachend zurück.

    "Irgendwann Rob, wirst Du ein zweites Blatt essen, oder Du teilst Dir mit jemanden ein zweites", schlug ich vor und nahm mir erneut von seiner Soße. Bei dieser herrlichen Speise wusste ich nie, was ich mehr genoss das Blatt oder die Soße. Das heute Rob die Spendierhosen anhatte gefiel mir, wobei wir untereinander immer großzügig waren. Wer etwas in die Kantine mitbrachte, teilte es mit seinen Brüdern am Tisch.


    "Rob bis wann  bist Du heute in der Einholstation? Ich komme vielleicht nachher nochmal vorbei", sagte Noa schmatzend und grinste so vergnügt wie wir.

    "Normalerweise bis 18:00 Uhr, solltest Du was bestimmtes benötigen sag es mir einfach. Dann lege ich Dir die Sachen raus und bringe sie Dir nach Dienstschluss. Das heißt, falls Du länger machst", bot Robin an.

    "Bis 18:00 Uhr schaffe ich, ich glaube ich habe keine Frühstücksflocken mehr und keinen Flockensaft. Ich schaue aber lieber nochmal nach. Heute wollen wir in den Pflanzenbereich gehen und uns die Bäume anschauen. Hast Du Lust mitzukommen?", fragte Noa und stopfte sich den Rest seines Essens in den Mund.

    "Gerne ich bin dabei", stimmte Robin zu.


    Heute konnte er sich den Spaß auch leisten, denn wer in der Einholstation Dienst schob, war von seinen sonstigen Pflichten am Tag entbunden. Nicht das Robin nicht gerne Mannie wäre, aber einen Tag für sich oder zumindest einen Abend hatte auch etwas für sich. Solche Tage verbrachten wir gerne in den besonderen Räumen oder Sektionen.


    Besonders schön ist es am Abend die Pflanzenbereiche mit den Bäumen zu besuchen. Hierzu musst Du wissen, dass auch Bäume und Pflanzen generell schlafen. Pflanzen schließen nachts die feinen Öffnungen in ihren Blättern. Durch ihre Spaltöffnungen verdunstet tagsüber Flüssigkeit. Zudem wird durch sie auch Kohlendioxid aus der Luft aufgenommen, das die Pflanzen für ihren Stoffwechsel benötigt. Dafür atmet sie dann Sauerstoff für uns aus.


    Zudem sacken Bäume in der Nacht zusammen. Ja Du hast richtig gehört Bruder. Du kannst die Positionsänderung ihrer Äste, Zweige und Blätter messen. Bei einem fünf Meter hohem Baum macht der Unterschied um die 10 cm aus. Das mag nicht viel sein, aber es ist durchaus messbar. Bis heute ist ungeklärt, warum Bäume in der Nacht kleiner werden.


    Meine persönliche Vermutung ist so schlicht wie einfach, auch ein Baum macht es sich zum Schlafen gemütlich. Wir liegen auch nicht stramm im Bett, als würden wir Haltung annehmen. Wir nehmen eine entspannte, gemütliche Haltung ein, um angenehm schlafen zu können. Bäume halten es sicher ganz ähnlich.


    Die Blätter der Morlibäume werden übrigens vorsichtig mit der Blattschere entfernt. Nur von Hand werden die Blätter geerntet und niemals vom Baum gezupft. Viel zu groß ist die Gefahr, dass man mit dem Abreißen des Blattes den Zweig des Baumes verletzt. Zudem wird er Stiel des Blattes bei der Herstellung von Blattspeisen benötigt. Gepuderte Blätter zum Beispiel, steckt man mit dem Stiel durch das Blatt zusammen. Eine weiter Köstlichkeit mit der uns Bäume verwöhnen.


    Was viele nicht wissen ist, dass sogar die Blätter der Buche essbar sind. Hast Du das gewusst Bruder? Besonders gut schmecken die jungen, leicht säuerlichen Buchenblätter. Versuche es einmal selbst und reichere Deinen Salat mit jungen Buchenblättern an.


    Satt und zufrieden lehnte ich mich zurück und ließ mir von dem Küchendroiden einen Tee bringen. Diesmal wählte ich eine leicht herbe Sorte, um das Mittagessen abzurunden. Noa gähnte satt und glücklich und nahm einen Schluck von meinem Tee. Wir saßen noch eine halbe Stunde zusammen, dann machen wir uns wieder auf den Weg. Es hieß zurück an die Arbeit.

  • 13:30 Uhr


    Zurück im Dienst machte ich es mir im kleinen Büro gemütlich. Hier werden die Pflegebücher verwahrt, so dass jede Handlung für jeden Tank und dem darin enthaltenen Kind nachvollziehbar und protokolliert ist. Jeder Tank hatte seine Nummer und sein eigenes Pflegebuch. Manche Bücher hatten zig Bände, so viele Brüder waren in diesem Tank herangereift. Selbstverständlich halten wir die Informationen auch über Vater vor. Sprich Vater verwahrt sie sicher für uns. Aber es ist seit dem Beginn hinter der Schleuse üblich, die Bücher auch von Hand zu führen. Gleich was geschieht, die letzten Handgriffe jedes Bruder der im Tank heranreift, muss sofort einsehbar sein.


    Die winzigste Verzögerung kann fatale Folgen für das junge werdende Leben nach sich ziehen. DiYon hat noch nie versagt, er ist wie wir, seine Schaffung war Perfektion. Aber zur Perfektion gehört es auch, alle Eventualitäten einzuplanen. Ja sogar das Unmögliche einzuplanen und auf den unmöglichen Wenn-Fall vorbereitet zu sein.


    Behüter sind auf alle Fälle vorbereitet und deshalb führen wir wie gesagt Buch über jeden Tank und dort über jedes Kind. Das Buch wird fortlaufend geführt. Heute war es meine Aufgabe die Bücher zu schreiben und ich übertrug fein säuberlich die Einsatzprotokolle der Behüter in das jeweilige Pflegebuch. Manche Brüder empfinden diese Aufgabe als langweilig. Mir hingegen macht sie Freude. So kannst Du nachlesen welche Medikation ein junger Bluthexer erhalten hat, oder ob etwas anderes vorlag. Wir haben nur ihr Wohlergehen im Sinn und dies gewähren die Bücher. Sie sind unsere Sicherheitsdateien die weder Strom noch andere Dinge benötigen.


    Passend zu den Berichten zog ich die Pflegebücher und sortierte sie in der gleichen Reihenfolge wie die Berichte. So konnte ich mich von oben nach unten durcharbeiten, ohne Gefahr zu laufen, eine Falscheintragung vorzunehmen. Selbstverständlich wurden beide Haufen - Berichte wie Bücher, dreimal auf die korrekte Sortierung überprüft.


    Gut gelaunt schaltete ich den Rundfunkempfänger ein und wählte den Sender Sang et Foi, auf der Frequenz 100,0. Der Bluthexer-Hörfunksender aus den Aderlass Arkaden mit einem gemischten, ordenskonformen Programm moderiert von Bruder Paien und Bruder Vincent. Mit Musik und Programm schrieb es sich doppelt gut in die Bücher.


    Hinter der Schleuse haben wir genau zwei Hörfunksender. Den von mir erwähnten Sender Sang et Foi, der uns von außerhalb unseres Lebensbereichs, nämlich aus den Aderlass Arkaden erreicht. Zudem unseren hauseigenen Sender Antenne B mit Bruder Arnou und Bruder Roch. Über die Gegensprechanlage oder über den Rundfunkempfänger kannst Du Antenne B Hinter der Schleuse hören.


    Abends höre ichgerne unseren eigenen Sender um gut einschlafen zu können. Wichtige Informationen laufen dort ebenso, neben Musik und ein sehr interessantes Unterhaltungsprogramm. Noa und ich genießen gerne die Abende zusammen, jeder spendiert etwas Leckeres für das Hörfunkprogramm. Besonders mögen wir die Festtagsprogramme. Heute Abend stand der Besuch im Pflanzenbereich an und Rob würde uns begleiten. Vielleicht durften wir drei uns einige frische Morliblätter schneiden.


    Während ich zum Takt der Musik mit dem Fuß wippte, schrieb ich die Berichte in die Bücher und überlegte ob ich für unsere kleine Party noch ein bisschen Knabberkram besorgen sollte. Gepuderte Blätter in weiß und rose wären lecker und würden zum heutigen Tag passen.

    Mein Plan stand fest, ich würde Blätter pudern.


    Gepuderte Blätter weiß:

    Bitte melde dich an, um diesen Link zu sehen.


    Gepuderte Blätter rosa:

    Bitte melde dich an, um diesen Link zu sehen.

  • 15:00 Uhr 


    Feierabend. Ich legte die Bücher beiseite, streckte mich und stand auf. Meine Gedanken schweiften ab. Nicht jedem von uns ist das Glück beschieden in völliger Perfektion und Harmonie mit dem Orden leben zu dürfen. Manch einer von uns trägt ein eigenes, schweres Schicksal. Gerade in Zeiten, wo ich mich wohlfühlte oder es etwas zu feiern gab, dachte ich an jene Brüder die einst die Bürde trugen. Heute, in der Zeit wo ich hinter der Schleuse lebte, trug sie nur einer - Orson.


    Aus diesem Grund ging ich auf meinem Heimweg noch einmal an der Kantine vorbei, ließ mir ein weiteres gefülltes Blatt aushändigen und gut einwickeln, bevor ich mich in den Medizinischen Bereich der Blauen Sektion begab. Hier existiert ein besonderer Bereich, ein Bereich der kaum jemandem bekannt ist, außer den Behütern und den Mannies hinter der Schleuse. Dieser Bereich wird der schwarze Bereich genannt.


    Und genau dahin war ich jetzt unterwegs mit einem gefüllten Blatt in der Hand. Es dauerte einige Zeit, dann hatte ich den Sektor der Mannies erreicht und die großen, gesicherten Spielbereiche hinter mir gelassen. In den Spielbereichen konnten die kleinen Brüder spielen, toben und ihrer unbändigen Kraft wie Energie freien Lauf lassen unter den wachsamen Augen ihrer Mannies.


    Ich lief weiter und stand letztendlich wie so oft in unserer Welt vor einer gewaltigen Schleuse. Im Gegensatz zu den anderen in diesem Bereich war sie tatsächlich schwarz. Ich legte meine Hand auf das Lesegerät und mir wurde Zutritt gewährt. Du siehst nun durch meine Augen Bruder. Als ich durch die Schleuse schritt, stand ich mit dem Rücken zur kalten Tür. Ich blickte in einen geraden Gang, der mit gläsernen Wohneinheiten links und rechts bestückt war. Wie Würfel standen sie ein Stück auseinander, so dass sie keine komplette Glasfront bildeten, sondern dass man ein Wohnhabitat komplett umschreiten konnte, falls dies notwendig sein würde. Und manchmal war es das.


    Sechs dieser Wohneinheiten gab es hier im schwarzen Bereich und ich schritt auf das letzte Habitat in diesem Bereich zu. Davor blieb ich stehen, klopfte sanft gegen das Glas und drückte dann meine Hand gegen die Scheibe.


    Orson schaute auf und mein Herz verkrampfte sich.


    Orson Paulet ist einer jener Brüder, der die Bürde trägt. Wir leisten Perfektion Bruder, aber wie jede Form der Schöpfung ist auch unsere störanfällig. Nicht alles was im Wissen und Wünschen der Vollkommenheit erschaffen wird, erreicht diese auch. Jedenfalls nicht körperlich, denn seelisch war Orson eine der liebsten Personen die ich kannte. Behüter schaffen leben, wir töten nicht. Für jene die die Bürde tragen, ist der schwarze Bereich gedacht. Hier leben sie, werden von den Mannies gehütet, überwacht und versorgt. Bis sie uns eines Tages wieder verlassen.


    Orsons Kiefer war stark deformiert, so dass er den Mund nicht schließen konnte. Er lebte also stets mit offenem Mund, wie ein Fisch. Zudem war sein Schädel ebenfalls verformt, er sah leicht verrutscht aus, so dass seine Augen eingesunken wirkten. Ja fast so als wäre der Schädel unter seiner Haut für seinen Körper zu groß und die Augen waren eingesunken in viel zu tiefen Höhlen.


    Das ist die Bürde Bruder.

    Der Preis des Schaffens, wenn man trotz größter Umsicht und Obacht versagt.


    Orson stand auf und deutete mit schiefen, sabbernden Lächeln auf die Seitentür. Ich nickte freundlich und betrat sein Habitat. Für einen Moment blieb ich stehen, da es hier etwas heller als im übrigen Bereich war. Orson war mir entgegen gekommen und gab glucksende Geräusche von sich, seine Art zu lachen. Er reichte mit ein Stofftaschentuch, damit ich mir die Augen abtupfen konnte.


    "Najbnd Iss. Konit (Guten Abend Yves. Komm mit)", grüßte er mich in seiner Wohnung und ich folgte ihm.

    "Hallo Orson. Heute gab es in der Kantine gefüllte Blätter und ich habe Dir eins mitgebracht. Schau mal", sagte ich gut gelaunt und wir machten es uns an seinem kleinen Esstisch gemütlich.


    Aus seinem kleinen Essbereich entnahm ich einen Teller und Besteck und bereitete alles so vor, dass ich ihn damit füttern konnte. Orson legte den Kopf schief und schaute zuerst von der einen, dann von der anderen Seite das gefüllte Blatt an, so als wollte er es mit jedem Auge einzeln betrachten. Sanft strich ich ihm über den Kopf und ließ ihn in Ruhe das Blatt betrachten, ehe ich es in ganz kleine Teile schnitt.


    "Nke (Danke)", freute er sich, während ich ihn vorsichtig mit kleinen Blattbissen fütterte. Ein einzelner Bissen ist für Orson schon eine Herausforderung, da er nicht richtig kauen kann. Alles was er so isst, muss also entweder sehr klein gemacht werden, oder er nimmt es als Brei zu sich. Das Blatt zerdrückte er mit der Zunge und hatte sichtlich Freude daran, etwas mit festerer Konsistenz zu essen. Dabei hielt er stets meine Hand fest, wenn ich ihn mit der Gabel fütterte.

    "Heute war ich bei Vater, bei DiJon, der Weg zu ihm ist ganz schön weit. So gerne ich hingehe Ors, danach bin ich trotz allem geschafft. Irgendwie ist es anstrengend derart aufmerksam zu sein. Und trotzdem freue ich mich jedes Mal darüber ihn zu besuchen", erzählte ich ihm zwischen zwei Blattstückchen.


    "Nmisch (Und mich)", antwortete er, dabei verzogen sich seine kleinen dunkelen Augen.

    "Ja und Dich, aber der Weg zu Dir ist nicht anstrengend Ors. Und Dich sehe ich sogar lieber als Vater, aber sag ihm das nicht", flüsterte ich verschwörerisch, was Orson glucksend lachen ließ.


    "Isch sanichs. Bleibsewas? Bidde (Ich sage nichts. Bleibst Du was? Bitte)", presste Orson hervor und schaute mich bittend an.

    "Ja ich bleibe noch etwas. Machen wir es uns gemütlich und hören ein bisschen Radio? Hast Du Lust darauf?", fragte ich und schob die zwei Sessel in der Wohnzimmerecke zusammen.


    "Gnatn sln Iss? (Karten spielen Yves?)", bot Orson an und kramte aus seinem Spind ein Kartenspiel. Mit seinen knorrigen, überlangen Fingern hielt er es mir hin und ich nahm es ihm behutsam aus der Hand.

    "In Ordnung, lass uns Karten spielen", stimmte ich zu.


    Wir machten es uns gemütlich und spielten mehrere Runden Foufou, während ich Orson dabei von meinem Tag erzählte. Lange Gespräche mit ihm wirken einseitig, aber dass sind sie nicht. Man muss sich nur auf seine Art der Antworten einlassen. Orson antwortet meist mit Gesten, da ihn langes Sprechen anstrengt.


    Nach der siebten Runde Foufou gab ich gut gelaunt auf und ließ mir von Orson seine beiden Zimmerpflanzen zeigen. Er hegte und pflegte sie mit einer innigen Liebe, die mich rührte. Wie gerne hätte ich ihn mit in den Pflanzenbereich genommen und ihm die Morlibäume oder anderen Pflanzen gezeigt. Aber was sprach eigentlich dagegen? Was?


    Ein Mann der derart Pflanzen liebte, sollte einmal die Pflanzenbereiche sehen dürfen, die wie Blüten gestaltet waren. Er sollte die Morlibäume berühren dürfen, sich ein Blatt abschneiden und essen dürfen. Orson wohnte hier, damit er stets unter Beobachtung war. Er war ein ewiges Kind, da er ständige Betreuung benötigte. Der Grund war schlicht und traurig, sein Körper erlaubte ihm nicht alles, was unserer zu leisten im Stande ist Bruder.


    Aber an dem Abend beschloss ich, dass ich Orson die Morlibäume zeigen würde. Zwei Behüter und ein Mannie mussten doch wohl ausreichen, um einen Schutzbefohlenen sicher zu den Pflanzbereichen zu führen und auch wieder zurück. Und über gepuderte Blätter würde sich auch Orson freuen.


    Ich befühlte behutsam die Blätter seiner Pflanzen und blinzelte ihn an, Orson lächelte zurück.


    "Ich habe eine Idee", schmunzelte ich.

    "Ssn? (Was denn?)", fragte er neugierig und reichte mir aus seinem Kühlschrank eine Getränkeflasche Echelan, dass ist bei uns eine beliebtes Aufgussgetränk. Eine Mischung aus Tee und Limonade.


    "Lass Dich überraschen Bruder", gab ich zurück und schraubte die Flasche auf.

  • 17:00 Uhr


    Orson und ich hatten uns einen angenehmen Nachmittag gemacht und nun machte ich ihn bereit für unseren Ausflug. Das war gar nicht so einfach, denn ich musste Orson vorher noch einmal säubern. Nachdem ich ihn gereinigt alles wieder an Ort und Stelle war und ihn angezogen hatte führte ich ihn behutsam aus dem Habitat. Dazu hakte er sich bei mir ein und ging in kleinen Schritten neben mir her. Heute weiß ich, dass vermutlich so manch ein Bruder draußen ungeduldig geworden wäre. Aber wir die hinter der Schleuse leben Bruder, wir haben Geduld.


    Rückblickend möchte ich an dieser Stelle einmal einwenden, erscheint mir das Leben innerhalb des Ordens wie zwiegespalten. Es gibt das Leben hinter der Schleuse und das Leben draußen. Jene die draußen leben Bruder, nehmen ein anderes Verhalten an. Ihr erlernt einen anderen Umgang, doch tief in Euren Herzen sehnt Ihr Euch nach der Beschaulichkeit, der Nähe und der harmonischen Perfektion die wir leben.


    Als ich den Behüterbereich verließ, als ich die Schleuse passierte und in Euer Leben eintrat Bruder habe ich vieles gelernt. Unter anderen, dass viele Brüder grundlos extrem aggressiv sind. Sogar innerhalb des Ordens gehen Brüder grob, ja fast brutal miteinander um. Normale Brüder, aber allen voran die Kampfhexer. Jene Männer die uns alle beschützen sollen, vermitteln mehr als nur Schutz, sie vermitteln Respekt und Angst. So sollte kein Schutz vermittelt werden, oder hast Du Dich vor Deinem Behüter oder Mannie gefürchtet?


    Die Brüder der Reinheit repräsentieren die Gerechtigkeit und den Glauben. Ihr Wort ist endgültig, Ihr Wort ist absolut und ein Dogma. Mehr noch als einen Kampfhexer fürchtet ein Bruder das Erscheinen eines Bruders der Reinheit. Sollte ein Bruder einen Kampfhexer und einen Bruder der Reinheit mit Erleichterung im Herzen empfangen? Aber so ist es nicht.


    Einst war es unser Ziel das Leben selbst zu behüten. Einst haben wir dafür geblutet um anderen beizustehen und sie zu retten. Was ich außerhalb meiner Welt sah Bruder, war das Gegenteil. Ich sah Brüder lästern, ich sah Brüder richten, ich sah Brüder andere vorverurteilen und ich sah Brüder die in die Schlacht zogen und Brüder die töteten. Und all dies nicht zum Schutz, sondern aus mir unerklärlichen Gründen.


    Sicher haben sie Gründe genannt, aber ein Dieb und ein Mörder finden ebenso Worte der Rechtfertigung nicht wahr?


    Damals jedoch mit Orson am Arm wusste ich von alledem noch nichts. Wir schaffen Euch für ein Leben dass Ihr genießen und leben sollt. In Freude und im Verbund des Ordens, ein Großes Ganzes und doch bist Du ein Einzelwesen. Das ist worum es geht, Zusammenhalt aller, für alle, für ein höheres Wohl. Und so spazierte ich mit Orson durch seinen Bereich bis hin zum orangen Sektor, wo wir gemeinsam auf Noa und Robin warten würden.


    Warten mussten Noa und Robin denn Orson und ich benötigten weit über eine Stunde bis zu mir nach Hause. Noa und Robin tauschten vielsagende Blicke als ich mit Orson mein Habitat betrat. Die beiden hatten es sich bei mir schon gemütlich gemacht und schauten Orson an, wie einen Naridier der sich verlaufen hatte. Nur waren ihre Blicke dabei freundlich.


    "Ismss itzn (Ich muss sitzen)", bat Orson und Robin und Noa standen zeitgleich auf, um ihm Platz zu machen.

    Behutsam half ich ihm in den Sessel, ehe ich für uns alle etwas zu trinken aus der Küche holte.


    Groß oder gar weitläufig sind unsere Habitate nicht, aber Robin schaffte es mir dennoch direkt auf dem Fuße zu folgen und sich dicht hinter mich zu stellen. Sein Blick sprach Bände, die Sorge war förmlich zu greifen. Bevor er etwas sagen konnte, einen Einwand zum Beispiel, fing ich direkt an zu sprechen.


    "Orson begleitet uns auf den Ausflug. Kein Wort darüber wohin es geht. Bitte Rob", bat ich ihn inständig.

    "Bitte Rob! Danke Yves. Von mir aus, aber wir müssen danach in seine Unterlagen eintragen wo er war und was er gegessen hat. Falls etwas ist, muss klar nachvollziehbar sein, wo er zuletzt gewesen ist und was er zu sich genommen hat. Gaston und Dein Vater werden uns den Kopf abreißen, sollte Orson etwas geschehen", flüsterte Robin.


    "Sie werden mir den Kopf abreißen, ich stehe in den Unterlagen", gab ich zurück.

    "Ja und nachher stehen wir alle drin. Entweder gemeinsam oder knick es. Also wie lautet der Plan?", fragte Robin etwas beruhigter. Ein typischer Mannie eben der an jeder Ecke eine mögliche Gefahr sieht für jeden Schutzbefohlenen. Das heißt für jeden der ihn begleitet und kein Mannie ist. Denn nur Mannies wissen wo Gefahren lauern, laut Mannies. Glaube mir Bruder so ist es.


    "Ishöwsisa (Ich höre was Ihr sagt)", warf Orson ein und trank mit Hilfe von Noa einen Becher Flockensaft.

    "Wir möchten nur dass es Dir gut geht. Noa notiere den Flockensaft", wies Rob ihn freundlich an und Noa kam der Aufforderung gewissenhaft nach.

    "Der Ausflug geht gleich los Ors, wir nehmen etwas zu Trinken für Dich mit. Und schreibe bitte ein gefülltes Morliblatt dazu um 15:00 Uhr Noa", das Wort ungefähr verkniff ich mir, ehe Robin Schnappatmung bekam, "der Plan ist der gleiche wie heute Mittag nur mit vier Mann anstatt mit dreien Robin".


    Noa schaute von mir zu Rob und zurück. Unser Blickduell entging ihm nicht. Robins Blick zeigte schiere Ungläubigkeit, meiner Vorfreude. Das Blickduell des Jahrhunderts, was Noa und Orson grinsen ließ.


    "Ich packe dann mal eine Tasche für unterwegs, aufgeschrieben ist alles", unterbrach Noa uns und kramte Getränke aus meinem Kühlschrank wie eine Kleinigkeit zu Essen und Flockensaft. Das alles verstaute er in meiner Arbeitstasche indem er meinen Sachen auskippte. Erwähnte ich, dass Noa sehr pragmatisch veranlagt ist?


    Eine Stunde später, also um 18:00 Uhr gingen wir los. Dabei fiel mir auf, das Robin eigentlich erst jetzt Feierabend gehabt hätte. Manchmal nah er es mit den Ausgabezeiten nicht sehr genau. Auch das verkniff ich mir, weil ich selbst wusste wie lange so ein Tag in der Ausgabe sein konnte. Und mit einem guten zweiten Mann an der Seite konnte man sich abwechseln. Mal blieb der eine bis zum Schluss, mal der andere. Und Rob war keiner, der jemanden hängen ließ.


    Zu viert machten wir uns auf den Weg in den Pflanzenbereich. Gemächlich spazierten wir durch die Flure und Gänge. Robin gab mit Noa die Führung, Orson und ich folgten. Zwischendurch legten wir immer wieder Pausen ein, damit Ors verschnaufen konnte. Der Pflanzenbereich liegt im orangenen Sektor, also in jenem der Behüter. Als wir dort ankamen, traute Orson seinen Augen kaum.


    Wir passierten eine Schleuse und blickten einen rotbeleuchteten Gang entlang, den links und rechts große, gläserne Gewächshäuser mit Pflanzen säumten. Ähnlich wie Terrarien rein für Pflanzen. Aber das war noch nicht das Besondere dieses Anblick. Der Gang verbreiterte sich am scheinbaren Ende und gab den Blick auf einen großen Morlibaum preis. Von diesem Rondel ausgehend in dem der Morlibaum stand, zweigten zig Strahlen Pflanzenflure wie Blütenblätter ab.


    Orson blieb bei dem Anblick des Morlibaumes ehrfürchtig stehen. Seine Finger krallen sich in meinen Unterarm und ich spürte wie er zitterte. Einen Augenblick später musste ich mich korrigieren, er zitterte nicht - er weinte.


    Ganz vorsichtig nahm ich ihn in die Arme und drückte ihn. Noa und Robin schlossen sich der Umarmung an. Ich weiß heute gar nicht mehr wie lange wir vier dort so gestanden hatten. Dann führten wir Ors zu dem Morlibaum im Rondel. Dabei achteten wir darauf, dass Ors nicht über die Stufen stolperte. Wie alles war auch dieser Bereich hygienisch rein. Der Baum stand auf einem Podest in seinem Substrat. Über ihm hing die künstliche Sonne, die ihn mit Licht versorgte. Nun natürlich nicht mehr in der gleichen Intensität wie zur Haupttageszeit.


    Orson trat in kleinen Schritten auf den Baum zu, berührte zaghaft seine Blätter und befühlte seine Rinde, ehe er ihn mit geschlossenen Augen umarmte. Wir alle legten eine Hand auf den Baum und eine auf Ors Rücken.


    Süße Blätter pflückte und aß von uns niemand an diesem Abend.

    Das Leben war in dem Moment süß genug.

  • 19:00 Uhr


    Gegen 19:00 Uhr machten wir uns auf den Heimweg. Der Grund war einfach, wir mussten am anderen Morgen früh aufstehen und der Weg zurück würde etwas länger dauern. Trotzdem waren wir alle bester Laune. Robin und Noa gaben erneut die Führung und die beiden unterhielten sich die ganze Zeit ohne Punkt und ohne Komma. Orson schwieg an meiner Seite, aber es war ein angenehmes Schweigen, er war regelrecht aufgeblüht, denn in solchen Momenten gehörte er wirklich dazu.


    Zuerst brachten wir selbstverständlich Orson nach Hause und gönnten uns dort zu viert noch einige Runden Foufou, die ich selbstverständlich auch verlor. Bei Foufou geht es darum alle Karten abzulegen und den Foufou einem anderen Spieler unterzujubeln. Ich bin nicht der Typ für ein Fischgesicht, wenn es einem anderen schadet. Folglich bin ich wohl der schlechteste Foufou-Spieler hinter der Schleuse oder ganz Souvagnes. Such es Dir aus Bruder, wir können gerne mal eine Runde spielen.


    Kurz vor 20:00 Uhr betrat Gaston das Habitat von Orson, bei sich trug er die Medikamente die unser Freund benötigte und noch einige andere Pflegebedarfsutensilien.


    "So ich muss Euch jetzt rauswerfen, so leid es mir tut. Es ist Schlafenzeit für Ors. Vorher muss er noch seine Medikamente nehmen. Gewaschen werden muss er auch noch. Packt bitte zusammen", bat Gaston und packte selbst mit an.

    "Ismöch wsssblebn (Ich möchte wachbleiben)", warf Orson ein und schaute bekümmert, als wir einer nach dem anderen aufstanden.

    "Falls Du nichts dagegen hast Gaston, könnte ich morgen früh von hier aus zur Arbeit gehen. Ich müsste nur vorab meine Tasche packen", schlug ich Ors Mannie vor. Robin schaute Gaston fragend an und Noa reichte mir meine eigene Tasche.


    Gaston überlegte eine Weile, während ihn Orson bittend anschaute.

    "Er trägt beim Schlafen eine Atemmaske, also achte bitte darauf und bleibt nicht zu lange wach. Du kannst ihm gerne etwas erzählen, hört ein bisschen Programm aber um 22:00 Uhr spätestens ist Schluss. Ich schaue auf die Vitaldaten Yves, also schlagt Euch nicht die Nacht um die Ohren", stimmte Gaston freundlich zu.


    Rob und Noa machten sich mit mir gemeinsam auf den Weg zurück in unsere Habitate. Meines suchte ich nur kurz auf, um meine Tasche für den morgigen Arbeitstag zu packen. Ebenso packte ich frische Kleidung dazu und beeilte mich zurück zu Ors zu kommen. Versprochen ist versprochen Bruder.


    Als ich zurückgekehrt war machte ich es mir neben Orson im Bett gemütlich und achtete darauf, dass er bequem und sicher lag. Gut gelaunt schaltete ich das Radio ein, um eine der Abendsendungen mit Ors zu hören. Dabei legte ich mich auf die Seite und nahm ihn behutsam in die Arme.


    Ors faltete seine Hände auf der Brust zusammen und rollte sich ein bisschen zusammen. In dem Moment sah er für mich aus, wie einer meiner Schutzlinge, wie ein riesiger Embryo den ich diese Nacht hüten und wärmen würde. Und für einen Moment fragte ich mich, wie er sonst einschlief.


    "Noija fragiss dissswa (Neujahr frag ich Dich was)", murmelte Ors behaglich unter seiner Sauerstoffmaske hervor, während sein Kopf an meiner Brust ruhte. Ich nickte zustimmend und deckte uns zu, mit der bangen Frage im Herzen ob Ors das Neujahr noch haben würde.

  • 21:00 Uhr - zum anderen Morgen


    Es war kurz nach 21:00 Uhr, als das Abendprogramm im Radio begann. Wir gönnten uns den Rätselspaß mit Bruder Ethan. Wer wollte konnte sich an der Sendung beteiligen und die Antwort liefern. Andernfalls taten das die Gäste im Studio. Orson lag in meinen Armen und sein Atem war ruhig und gleichmäßig. Manchmal dachte ich, er wäre bereits eingeschlafen, aber dann lachte er doch wieder bei bestimmten Antworten. Knapp vor Ende der Sendung war er wirklich eingeschlafen und ich schaltete das Radio wie auch die Beleuchtung aus.


    Einige Augenblicke später ging die Nachtbeleuchtung an. Kaum wahrnehmbar aber so, dass man immer noch ausreichend sah. Vergleichbar mit den Weckern und ihrer Nachtlichtfunktion in Deiner Welt Bruder.


    Und so verbrachte ich die Nacht bei Orson. Eigentlich hätte ich Dir separat von ihm erzählt, aber ich finde Du hast es verdient von ihm und diesem schlichten und dennoch besonderen Tag zu hören.


  • Nachtrag


    Vielleicht interessiert es Dich was aus Noa, Robin und auch Orson geworden ist. Noa und Robin haben sich zu Neujahr verlobt. Noa hat endlich seinen Mund aufbekommen und Robin hat seinen Antrag angenommen.


    Orson hingegen war es nicht mehr vergönnt, mir zu Neujahr etwas zu sagen.

    Er starb am 29.10.


    An dem Tag hielt ich seine Hand, er konnte zu dem Zeitpunkt nicht mehr sprechen.

    Und so gab ich ihm einige Worte mit auf den Weg, als ich seine Hand hielt.


    "Geh mit dem Wissen, dass Du geliebt wurdest".