Die Verderbung des Frater Kasimir

  • Unter Frater Kasimir LaVaney wölbten sich die regenschweren Wolken wie ein konturloses Geistergebirge. Sein weißer Talar fühlte sich klamm an und er spürte die Kälte des schweren silbernen Kettenhemdes darüber. Wegen des Flugwindes hatte er die Kapuze seiner ärmellosen Robe, die er über dem zeremoniellen Kettengewand trug, über sein kahlgeschorenes Haupt gezogen. Der Greif beförderte sie beide sicher über die Unbillen des Wetters hinweg. Während unter ihnen Asamura im Regen versank, strahlte über ihnen Oril und der Frater fühlte sich ihm nahe. Trotz der Kälte lächelte er. Körperliche Leiden machten ihm nichts aus. Auch Oril musste leiden, wenn er des Nachts mit Malgorion kämpfte und sein Leid, das er für sie alle auf sich nahm, war um ein vielfaches größer. Die ungezählten Sterne, verspritzte Tropfen seines silbernen Blutes am Nachthimmel, bezeugten es. In der Ferne hob sich der Gipfel des Skyron über die graue Wolkendecke. Dass der Berg sich immer über den Wolken befand und das Licht an diesem Orte niemals von ihnen verdeckt wurde, bewies, dass dieser Ort gesegnet war. Die Tempelanlage der Mondpriester war einer der heiligsten Plätze der Lichtalben. Frater Kasimir konnte die Wärme und den Frieden, der von dem Mondtempel ausging, spüren, während er sich ihm näherte. Von tiefster Entspannung erfüllt schloss der Frater seine scharzen Augen und genoss die Strahlen Orils auf dem Gesicht. Sein Greif kannte den Weg und so konnte er sich ganz einem Gebet widmen, in welchem er Oril für den sicheren Flug dankte. Der Greif änderte seine Bewegungen, als er zur Landung ansetzte und ein sanfter Ruck ging durch seinen Körper. Frater Kasimir hatte sein Gebet beendet und stieg aus dem Sattel. Der Greif, ein Tier von weißer Grundfarbe mit grauer Wolkung und kurzem, breiten Schnabel, wartete brav, während er ihm die schweren Satteltaschen abnahm.


    »Ah, wir haben Euch schon erwartet«, grüßte ein Mondpriester, der sich aus dem Tempel näherte. Im Gegensatz zu dem Greifenreiter trag er keinerlei Rüstung, sondern nur Stoffkleidung. »Ich bin Pater Szandor. Mit wem habe ich die Ehre?«
    »Frater Kasimir, Hochwürden. Priesterlicher Kurier der Lichtreiter.« Kasimir nahm die Kapuze ab und neigte demütigt das Haupt, während er sich vorstellte. »Ich bringe Dokumente und Nachweise, zahlreiche Briefe und die gewüschte Literatur für Seine Eminenz.«
    »Vielen Dank, bitte tragt die Dinge zum Verwaltungsgebäude. Ihr kennt den Weg?«
    »Ich war schon einige Male hier.«
    »Hervorragend. Ich werde sogleich einen Novizen schicken, der sich um Euren Greif kümmert und Euch eine kleine Erfrischung serviert.«


    Kasimir brachte all die Briefe und Schriftrollen an ihren Bestimmungsort, wo man sie nach einer kurzen Überprüfung einsortierte oder zur weiteren Verteilung bereitmachte. Anschließend führte man den Lichtreiter in ein Gastquartier, wo er sich erfrischte, saubere Kleidung anlegte, die nicht nach Greif roch, über der er das rituelle Kettengewand der Lichtreiter und seine reich bestickte ärmellose Robe trug, mit dem Gürtel zusammengerafft, der ihn stets daran erinnern sollte, dass er ein Diener war. Er nahm eine kleine Mahlzeit aus einfachen Speisen zu sich, betete und legte sich auf die ungepolsterte Pritsche. Durch die großen Glasfenster schickte Oril goldene Vorhänge aus Licht zu ihm hinein. Das Zimmer war kühl, Kasimir vom Flug durchgefroren und auch das Wasser in der Waschschüssel kalt gewesen, so dass er seinen Trotz gegenüber physischen Empfindungen nun doch ein wenig beiseiteschob und sich in eine dünne Wolldecke hüllte, ehe er die Augen schloss. Man musste es ja nicht handhaben wie die etwas übereifrigen Brüder im Dienste des Infiniatus, die sich selbst fast zu Tode geißelten. Ein gutes Maß an Demut war für einen gewöhnlichen Mönch wie ihn vollkommen ausreichend, um ein tugendhaftes Leben zu führen. Frater Kasimir schlummerte bald ein.

    "Herr, wer euch dient für Gut und Geld und nur gehorcht zum Schein,
    packt ein, sobald ein Regen fällt, läßt euch im Sturm allein." - William Shakespeare

  • Varod


    Die Fledermaus landete, krallte ihre kleinen Klauen in den natürlichen Fels des Gebirges und faltete die Flügel eng um ihren Körper zusammen. Mondlicht schien in dieser Regengeschwängerten Nacht vom Himmel herab. Ein gnädiges Licht, ein Licht dass ihn und seiner Art nicht schadete und verbrannte.


    Die kleine Fledermaus nahm eine aufrechtere Haltung ein und verwandelte sich in einen drahtigen, bleichen Mann.


    Einst seine Haut sonnengebräunt gewesen. Vor langer Zeit war der Mann Rakshaner, ein Mann des Südens, mit einem weichen Gesicht, dass dennoch Härte ausstrahlen konnte. Aber das war lange her. Mehr als ein Jahrhundert war vergangen, seitdem er zum Vampir geworden war.


    Jetzt war seine Haut bleich wie der Mondschein und seine Gesichtszüge waren hager. Seine einst glänzenden braunen Augen die oft voller Lebenslust gestrahlt hatten, waren jetzt zwei schwarze Kohlenstücke, die jeden Glanz verloren hatten. Sie standen im starken Kontrast zu seiner Haut. Aber wer sollte dies schon beurteilen?


    Jene die ihn zu Gesicht bekamen, lebten nicht lange genug um anderen davon zu berichten.


    Nein, korrigierte sich Varod, einige überlebten die Begegnung mit ihm schon. Seit jeher hatte er sich geweigert aus seinem alten Volk ein Opfer zu schlagen. Die Rakshaner achteten jeden Ausgestoßenen. Sogar als Vampir wäre er ihnen sicherlich willkommen. Sie hatten es nicht verdient ausgelöscht zu werden. Denn seit Anbeginn ihrer Zeit waren sie Verstoßene gewesen. Wer außer seinen ehemaligen Leuten, sollte also verstehen was es bedeutete geächtet und gefürchtet zu sein? Niemand konnte das so gut verstehen wie ein Rakshaner. Und genau aus diesem Grund verschonte er sie.


    Dennoch sehnte er sich nach jemanden, mit dem er mehr teilen konnte als die bloße Vergangenheit. Zwar waren Vampire größtenteils Einzelgänger, aber das bedeutete nicht, dass dies für alle Vampire zu gelten hatte.


    Nach einer Gefährtin gelüstete es Varod nicht. Ihm stand nicht der Sinn nach einer Partnerschaft. Ihm stand der Sinn danach sein Erbe der Unsterblichkeit weiterzugeben. Er wollte einen Nachkommen, eine Schüler. Einen Vampir den er nach seinen Vorstellungen formen und anlernen konnte. Seine Hinterlassenschaft an diese Welt.


    Und der winzig kleine Funke Rakshaner in ihm gelüstete es nach dem Chaos dass ein weiterer Vampir auf Asamura verbreiten würde. Ja, wenn er es geschickt anstellen würde, dann würde er bald einen Zögling haben.


    Varods Züge teilten sich zu einem Lächeln, das jede Menschlichkeit vor Äonen von Jahren bereits verloren hatte.


    Wind kam auf, Varod breitete seine Arme weit aus, ließ sich in Rauch aufgehen und ein Stück vom Wind empor tragen. Dort wechselte er in die Gestalt einer Fledermaus und flog weiter.


    Es war eine herrliche, regennasse Nacht. Und er war begierig darauf jemanden das Geschenk der Unsterblichkeit zu überreichen. Der Vampir ließ sich von dem Mondschein leiten, hatte er ihm auch sonst immer gute Dienste erwiesen. Auch diesmal würde es so sein, er würde ihm den Weg zu seinem Zögling weisen. Die Nacht war jung und hatte gerade erst begonnen.

  • Kasimir erwachte vom Licht des Vollmondes, das tadelnd in sein Zimmer schien und ihn blendete. Schuldbewusst schlug er die Augen auf und erbob sich, wusste er doch, dass ihn sein Erwachen daran erinnern sollte, dass er die abendliche Andacht versäumt hatte. Der lange Flug war anstrengend gewesen und er hatte nicht nur die Andacht, sondern auch das Abendbrot verpasst. Wenn ein Lichtalb des Nachts erwachte, weil der Vollmond so hell schien, dann war dies ein Zeichen, dass Oril ihn rief und im Kampfe gegen die Dunkelheit die Unterstützung seines Gebetes benötigte. Und natürlich folgte Kasimir diesem Ruf und trat hinaus in die Nacht.


    Die Luft war kalt und angenehm frisch, so wie sie das nur im Hochgebirge war. Keine Gerüche von Landwirtschaft und Industrie beleidigten die Nase, hier roch man nichts als den Wind und das feuchte Gestein, den Duft der Hochgebirgspflanzen, die man hier in hängenden Gärten kultivierte. Im Tempel war es nachts keineswegs ruhig, gerade während des Vollmondes fanden zahlreiche Andachten, Feiern und Gebete statt. Ein vielstimmiger, monotoner Singsang drang aus der großen Gebetshalle, im ständigen Fauchen des Windes in diesen Höhen kaum zu hören. Hinzu kam, dass die Wachposten rund um die Uhr besetzt sein mussten, denn man durfte trotz der vermeintlich sicheren Lage hoch über den Wolken nicht vergessen, dass der Skyron am Fuße belagert wurde. Die extrem steilen und schroffen Hänge mochten zwar für ein ganzes Heer unbezwingbar sein, dich einzelne Rakshorsanhänger fanden dennoch hin und wieder ihren Weg hinauf, insbesondere die Düsterlinge waren wahre Kletterkünstler und Meister darin, den Mondpriestern das Leben schwer zu machen.


    Kasimir verspürte nicht den Drang, sich dem mitternächtlichen Gruppengebet anzuschließen, ihn rief der Vollmond heute in einer ganz besonderen Weise. Lag es daran, dass heute auch Daibos, der Rote Mond, neben ihm als zweiter Vollmond sichtbar war? Diese Konstellation war selten. Der Frater hatte das Gefühl, dass Oril wollte, dass er sein Gebet hier draußen verrichtete, unter seinem schützenden Silberschleier aus Licht und er ihm half, bis zum Morgen die Dunkelheit zu bezwingen.


    Von Enthusiasmus erfüllt verließ Kasimir also den Mondtempel und seine schmale Wehranlage und begann auf dem Skyron herumzuklettern, auf der Suche nach einer exponierten Stelle, wo er Oril möglichst nahe sein konnte, ohne dass Schatten den Lichtgott mit ihrer Anwesenheit kränkten. Etwas weiter unten ragte eine Felsnadel mit einer abgeflachten Spitze empor, es wirkte so, als könne man darauf gut sitzen, wenn man einmal hinaufgelangt war. Kasimir beschloss, dass dies sein Platz für das Gebet werden würde, ja, er würde für Oril einen Cantus singen, wie der Gott ihn noch nie aus seinem Munde vernommen hatte. Er krallte sich an Wurzelwerk und Gesteinsspalten fest, während er weiter abstieg. Es war nicht einfach, mit den Füßen Halt zu finden und das Gewicht des Kettenhemdes war mehr als hinderlich, doch nach einigen Mühen gelangte er schließlich am Fuße der Felsnadel an. Er hielt sich mit den Händen an dem aufragenden Gestein fest und suchte konzentriert nach Griffen und Tritten, um hinaufsteigen zu können, doch der Stein war hier glatter als erwartet. Von weitem hatte er einfacher zu besteigen ausgesehen.

    "Herr, wer euch dient für Gut und Geld und nur gehorcht zum Schein,
    packt ein, sobald ein Regen fällt, läßt euch im Sturm allein." - William Shakespeare

  • Varod


    Die Vampirfledermaus flog durch die Finsternis der Nacht. Der Wind zerrte an dem kleinen Körper, strich durch das zarte Fell des Geschöpfes der Nacht. Der Regen sammelte sich auf den dünnen, sehnigen Flugmembranen und tropfte bei jedem Schlag der Flügel von deren Spitzen.


    Das Licht des Mondes erhellte Varods Weg. Zeitgleich hatte sich ein roter Mond an den Himmel geschlichen. Ein roter Mond! Nicht nur ein voller Jägermond stand am Himmel, sondern auch ein Blutmond!


    Wenn das nicht ein Zeichen des Schicksals war, oder eine Weisung seines Gottes!
    Er wollte Chaos bringen, er wollte ewiges Leben schenken zum Preis des Blutdurstes und nun stand ein blutroter Mond am Himmel! Vorhersehung!


    Von neuem Eifer beflügelt, schaute sich der Vampir um. Hier musste irgendwo etwas zu finden sein. Nicht umsonst dieses Zeichen. Ganz in der Nähe war der verhasste Tempel der Mondpriester. Dass sie das Licht des Mondes achteten, konnte Varod noch verstehen, den Rest ihrer Ansichten verabscheute er. Wie alle anderen Priester auch. Heuchler allesamt. Was wussten sie schon von den Göttern, die sie so stur und treu verehrten? Scherten sich ihre Götter überhaupt um sie?


    Eine Kontraktion des Abscheus ging durch den kleinen Körper der Fledermaus. Varod hatte nicht vor, dem Tempel zu nahe zu kommen.


    Und dann vernahmen seine feinen Ohren das Geräusch von Füßen und Händen die sich ihren Weg durch das Gestein bahnten. Irgendjemand kletterte in dieser wundervollen Nacht in den Felsen umher. Er hörte den Mann lange bevor er ihn sah und folgte der Geräuschspur. Dann endlich kam die Person in Sicht.


    Ein Lichtalb! Hier draußen, mitten in der Nacht beim Bergsteigen. Der Mann hatte es nicht leicht beim Abstieg. Er suchte Halt an Wurzeln und Felsspalten. Der Weg den er einschlug führte ihn zu einer Felsnadel. Die Ausrüstung des Alben machte es ihm nicht leichter in dieser Umgebung zu Recht zu kommen. Varod umflog den Alben großzügig und steuerte direkt die Felsnadel an. Sein kleiner dunkler Körper würde kaum von dem Alben wahrgenommen werden. Dazu war der Mann zu sehr mit sich selbst und seiner Kletteraktion beschäftigt.


    Varod hockte zwischen dem Geröll und starrte gebannt zu dem Alben hoch. Sein Aufgabe war klar, er musste seinen zukünftigen Zögling jetzt gut beobachten. Gut – beobachten konnte man auf verschiedene Weisen dachte er. Er jedenfalls nutzte im Moment nicht nur seine Augen, sondern auch seine Ohren. Unbeweglich verharrte er ganz in der Nähe und verließ sich wie so oft auf seine Sinne. Belauschte die Geräusche die der Alb verursachte und nahm jede noch so kleine Info in sich auf. Er hatte Zeit. Er hatte gewaltig viel Zeit.

  • Geschafft! Von Glückseligkeit erfüllt stand der Frater auf dem Plaeau, was groß genug war, als dass man sich im Schneidersitz darauf niederlassen konnte. Wenn man zusammenrückte, würde vielleicht noch eine zweite Person daneben passen. Er blieb jedoch stehen, eine schlanke Silouette vor der Scheibe des großen Mondes, um seine Lungen zur Gänze entfalten zu können und begann voll Leidenschaft einen Cantus zu Ehren des Silberblütigen hinauf zu den beiden Monden zu schicken:


    Der Weise flieh' den finstern Weg
    und streb' hinauf zum Lichte,
    Schritt für Schritt, des Lebens Steg,
    wo Weltlust wird zunichte.


    Dein Leuchten macht die Ferne nah,
    macht aus Dunkel Sternenglanz,
    führt das Herz aus Schall und Wahn
    hinauf zur Freude ganz.*


    Da Kasimir im Singen geschult und mit einer hellen, glockenklaren Stimme gesegnet war, trug der Wind den Cantus weit in die Mondnacht hinaus.


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    *Frei nach: Dhammapada, 87. Vers und Dr. Carl Peter Fröhling

    "Herr, wer euch dient für Gut und Geld und nur gehorcht zum Schein,
    packt ein, sobald ein Regen fällt, läßt euch im Sturm allein." - William Shakespeare

  • Varod


    Kälte, Dunkelheit, stürmischer Wind und Regen, all diese Faktoren hatten keine Bedeutung für ihn. Seine gesamte Weltsicht schrumpfe auf die Distanz zwischen sich und dem Alben zusammen.


    Als der Alb seinen Gesang beendet hatte, wartete Varod noch einen Augenblick ehe er lautlos seine Gestalt wechselte. Der Gesang war verstummt und einen Moment später erklang Beifall.


    "Erstklassig gesungen Alb. Bis auf den Text und für wen Du gesungen hast. Du hast Talent", sagte Varod.


    Der Vampir musterte den Mann mit einem unnatürlichen, unersättlichen Hunger aus seinen kohlschwarzen Augen. Aber der Alb erkannte auch sofort, dass kein lustvolles Begehren in diesem Hunger lag. Varod schwieg einen Moment, ganz in seine Musterung vertieft, da er seinen zukünftigen Zögling genau abschätzen wollte. Er schien zufrieden zu sein mit dem was er sah.


    "Du musst keine Angst vor mir haben Priester. Ich weiß, dass wirst Du mir nicht glauben. Aber ich verspreche Dir, wenn Du vernünftig bist und ich hoffe das bist Du, dann werde ich Dir nichts zu Leide tun. Im Gegenteil. Ich bin hier weil ich Dich auserwählt habe ein Geschenk von mir zu erhalten.


    Aber nicht nur Du erhältst ein Geschenk, Du wirst mein Geschenk an die Welt sein. Natürlich begreifst Du das noch nicht. Aber bald mein junger Freund.


    Nun bist Du bereit Dein Geschenk zu empfangen, oder muss ich Dich vorher noch erziehen mein Zögling? Es ist Deine Wahl", sagte der Vampir.


    Er selbst hatte damals vor einem Jahrhundert keine Furcht verspürt als ihm das Geschenk überreicht wurde, bloß dunkle Faszinierung. Er sah für sich als Vampir eine gute Zukunft voraus. Wobei nicht nur eine gute Zukunft, das wurde ihm mit einem Schlag bewusst, sondern einer endlosen Zukunft mit endlosen neuen Möglichkeiten.


    Der Alb, sein Zögling musste begreifen, dass es nicht ausreichen würde einfach nur gebissen zu werden. Es genügte nicht, sich einfach nur zu verwandeln.


    Nein zu dem Geschenk gehörte mehr! Er musste von Varod lernen die Welt mit neuen Augen zu sehen.


    Ihm wurde schließlich eine Gabe verliehen! Aber diese Gabe verlangte eine Gegenleistung. Nichts gab es umsonst. Die Gabe forderte einen Teil seines Selbst, forderte ein Stück seiner Seele.


    Und ein Stück Seele, war ein geringer Preis für Unsterblichkeit.
    So sah es Varod. Und er würde seinen Zögling überzeugen, davon war der Vampir fest überzeugt.

  • Kasimir fuhr herum. Sein Herzschlag beschleunigte sich von einem Augenblick zum anderen auf das dreifache. Ein Rakshaner? Seine Kleidung und seine Gesichtszüge ließen dies vermuten. Wie war der so schnell unbemerkt hier herauf ....?! Ehe der Frater seine Gedanken sortieren konnte, begann der Mann zu sprechen. Er redete völlig unbefangen, als hätte er keinerlei Sorge, dass Kasimir oder einer der gar nicht weit entfernten Tempelwachen ihm etwas antun könnte. Woher rührte diese Sicherheit?


    "Behaltet Euer Geschenk für Euch, Sklave Rakshors", blaffte Kasimir. "Was es auch sei, ich will es nicht! Wenn Ihr meint, Ihr könntet Euch bei mir einkaufen, dann..." In diesem Moment wurde er des bleichen Hauttons gewahr und es fiel Kasimir wie Schuppen von den Augen. "Ihr seid ...!" Er war noch nie einem Vampir begegnet, doch als Lichtreiter war er dazu ausgebildet worden, die untote Brut zu erkennen - und sie zu bekämpfen. Er war nur ein kleiner Mönch am Beginn seiner Ausbildung. Erst vor wenigen Wochen hatte er sein Gelübde abgelegt, sein Haupthaar geschoren und war zunächst mit einfachen Kurieraufgaben betraut worden. Jetzt stand er das erste Mal im Leben einem von jenen gegenüber, die er bekämpfte. Er bereute, allein den Hang hinabgeklettert zu sein!


    Er stieß in seiner Panik dem Manne mit beiden Händen gegen die Brust, damit er von der Felsnadel stürzte oder Kasimir zumindest einen Augenblick Zeit hätte, seinen Silberdolch zu ziehen. Er hoffte, dass der geweihte Anhänger um seinen Hals mit Mond und Sonne des Oril eine zumindest abschreckende Wirkung entfalten würde.

    "Herr, wer euch dient für Gut und Geld und nur gehorcht zum Schein,
    packt ein, sobald ein Regen fällt, läßt euch im Sturm allein." - William Shakespeare

  • Varod


    Der Vampir machte einen Ausfallschritt nach hinten um dem Stoß des Alben abzufangen. Für den winzigen Moment wo die Hände des Alben den Vampir berührten, spürte er die Kälte des Körpers. Aber schlimmer noch war für den Mann Gottes zu fühlen, dass sein Gegner keinen Herzschlag hatte. Sein eigener hingegen raste. Der Alb wusste nach dieser Berührung mit Sicherheit sein Gegenüber war schon lange tot und dennoch war er lebendig.


    Varod schmunzelte belustigt über den Schrecken im Gesicht des Alben und die kratzbürstige Art, mit der er das Geschenk ablehnte, obwohl er nicht wusste worum es dabei ging. Wobei, vielleicht ahnte er worauf dieser Zweikampf hinauslaufen würde. Andernfalls hätte sich der Alb wesentlich schneller gefasst und nicht so eine seltsame, fast infantile Angriffsmethode gewählt.


    "Genau ich bin... unsterblich. Und Du bist es gleich ebenfalls", zischte der Vampir amüsiert.


    Varod schoss auf den Alben mit einer einzigen fließenden Bewegung zu. Er schwang in der gleichen Vorwärtsbewegung eine Hand von unten vor, griff zu und seine Finger schlossen sich fest um die Kehle seines zukünftigen Zöglings.


    Der Vampir drückte so fest zu, dass er für einen Bruchteil einer Sekunde den Kehlkopf des Alben knirschen fühlte.


    Im gleichen Moment bohrte sich kaltes Metall in seine Handfläche. Allerdings wirklich nur für eine Sekunde, denn schon im nächsten Augenblick schlug seine Haut Blasen und verbrannte. Mit einem schroffen Knurren ungläubiger Wut riss Varod seine Hand zurück und presste sie gegen seine Brust.


    Langsam wich er ein Stück zurück und musterte den Alben aus schmalen, unheilvollen Augen. Die Muskeln unter der weißen Haut waren angespannt, den Kiefer hatte Varod vor Zorn fest zusammengebissen. Für einen Moment war der Vampir verwirrt, bis er begriff, was ihn verletzt hatte.
    Er schüttelte seine lädierte Hand, bewegte probeweise die Finger und musterte den Alben grantig.


    "Meinst Du Dein priesterlicher Hockus-Pockus würde Dich schützen? Das ist bloß eine Fleischwunde", tat Varod die Verletzung ab. Hielt aber den Sicherheitsabstand zu dem Alben ein.


    Der Vampir ging in Kampfstellung. Er würde diese Beute niederkämpfen und sich so seinen Zögling verdienen. Nichts was sich kampflos ergab, war es wert es zu besitzen. Allerdings musste Varod aufpassen. Sein Opfer würde um sein Leben kämpfen und ihn dabei vernichten wollen. Er hingegen musste so kämpfen, dass dem Alben kaum etwas geschah. Brachte er ihn vorher um, starb der Alb bevor er das Geschenk überreicht bekam, dann war die ganze Mühe vergebens. Dass konnte nicht Sinn und Zweck dieser Nacht sein.


    Varod begann den Mann langsam zu umkreisen. Seine Verwandlung hatte mehr mit ihm angestellt, als ihn in einen unsterblichen, bleichhäutigen Mann zu verwandeln, der sich von Blut ernähren musste. Von Jahr zu Jahr hatte er seine Tötungsfähigkeiten perfektioniert. Jetzt wollte er sie im vollen Maß ausschöpfen, allerdings nicht um zu töten, sondern diesen widerspenstigen Alben auf dem Felsen festzunageln und ihm die Zähne in den Hals zu schlagen.


    Dann mit einem Tempo das der Alb dem Vampir sicher nicht zugetraut hätte griff Varod an. Vorwärts getrieben von einem Blutdurst der niemals ganz gestillt werden konnte und dem Verlangen diesen Alben zu seinem Eigentum abzustempeln.

  • Kasimir bekam es mit der nackten Angst zu tun. Alles, was er bisher in seiner Ausbildung gelernt hatte, war vergessen. Dieser Vampir hatte Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte an Kampferfahrung und er selbst war nur ein Mönch, der gerade eben erst sein Novizengewand gegen die Tracht eines Lichtreiters getauscht hatte. Er würde ihn aussaugen und seinen Leichnahm den Ghulen zum Fraß vorwerfen! Panik stieg in ihm auf, die jede Vernunft beiseitewischte. Mit einem Schrei sprang Kasimir von der Felsnadel, brach durch mehrere Etagen schneebedekctes Unterholz und rollte sich überschlagend den Skyron hinab. Während er herunterpolterte, fiel ihm ein, was für eine dumme Idee das gerade gewesen war, denn er entfernte sich nun mit halsbrecherischer Geschwindigkeit von seinen Brüdern im Mondtempel. Der Skyron war steil und der Sturz schnell. Binnen weniger Augenblicke war der Lichtalb etliche Meter heruntergerollt, wobei er sich zahllose Prellungen hollte, auch wenn er sie gerade nicht spürte. Doch sein Schrei war nicht unbemerkt geblieben. Während Kasimir irgendwie versuchte, seinen Sturz abzubremsen und dabei eine kleine Lawine aus Geröll, Schnee und struppigen Pflanzen mit sich riss, antworteten sein Greif hoch oben im Mondtempel und stieß sich von der Mauer ab. Eine Silouette mit fast sieben Metern Flügelspannweite kreiste suchend über dem Berg, als Kasimirs Knie sich in einer Felsspalte verkeilte und er mit einem schmerzhaften Ruck hängen blieb. "Oril steh mir bei", stöhnte er und tastete mit zerschundenen Fingern nach Halt.

    "Herr, wer euch dient für Gut und Geld und nur gehorcht zum Schein,
    packt ein, sobald ein Regen fällt, läßt euch im Sturm allein." - William Shakespeare

  • Varod


    Varod schaute dem Alben hinterher. Wie stark musste die Verblendung von dem Mann sein, dass er den endgültigen Tod in Kauf nahm, anstatt das Geschenk des ewigen Lebens mit Freude annahm?


    Der Vampir verwandelte sich in eine Fledermaus und stürzte dem Alben hinterher, allerdings ohne dabei jeglichen Bodenkontakt und die dazugehörigen Verletzungen zu kassieren.


    Der Sturz des Alben kam zu einem jähen Ende, als sich sein Bein in einer Felsspalte verkeilte. Der Mann Gottes blieb dort hängen und suchte nach Halt.


    Varod landete in der Nähe von ihm und krallte sich am Untergrund fest. Erst als er sicheren Halt gefunden hatte, nahm er menschliche Gestalt an und wollte schon nach dem Alben greifen, aber auf halben Weg zuckte seine Hand zurück.


    Der Vampir suchte den Nachthimmel ab und musterte argwöhnisch die große Gestalt am Himmel. Noch hatte das Wesen sie beide nicht entdeckt.


    "Dummkopf! Was sollte das? Bist Du so leichtfertig bereit Dein Leben wegzuwerfen und zu sterben, nur um Deine seltsamen Prinzipien durchzusetzen? Ist Selbstmord nicht gegen das Gebot Eures Gottes?


    Zudem was weißt Du schon Sterblicher?
    Nichts!
    Du weißt nur das was Dir Deine schändlichen Oberhäupter eingetrichtert haben.


    Hast Du je der anderen Seite neutral Dein Ohr geschenkt? Wenn Du dem wahren Glauben folgst, wieso bist Du sterblich und ich bin es nicht? Wer von uns beiden ist gesegnet?


    Unsterblichkeit... lass Dir das auf der Zunge zergehen. Überlege nur was Du alles erreichen kannst, wenn Zeit keine Rolle mehr für Dich spielt. Das biete ich Dir", raunte der Vampir über den Sturm hinweg.


    "Friedensangebot. Nimm meine Hand und ich helfe Dir. Ich wünsche nicht Deinen Tod, im Gegenteil. Falls Du immer noch sterben willst, wäre das kein Problem für mich. Auch den Wunsch kann ich Dir erfüllen Alb. Nur egal welche Entscheidung Du triffst, nimm diesen verfluchen Anhänger ab. Sonst kann ich Dir nicht helfen", schlug der Vampir vor und musterte den Alben von seiner Position aus.

  • Verwirrt blinzelte Kasimir. Dieser Vampir hatte ganz offensichtlich Interesse am Gespräch mit ihm, vielleicht, wie eine Katze, die mit der Maus spielt, bevor sie zubeißt, aber vielleicht war da auch tatsächlich der letzte Funken eines fühlenden und denkenden Wesens. Vielleicht war er einsam, wie so viele seinesgleichen. Womöglich ein Jungvampir? In jedem Fall einer von jenen, die noch nicht ganz an die Dunkelheit verloren waren, sonst würde er nicht mit ihm reden. Leider fiel die Option weg, nach seinem Greifen zu rufen, dafür war der Vampir schon zu nah. Kaum, dass Kasimir den Mund dazu aufmachte, würde er tot sein. Also besann er sich seiner Rolle als Mönch, der die Aufgabe hatte, sich um verirrte Seelen zu kümmern und ihnen zu helfen, den richtigen Pfad zu gehen.


    "Mein Freund, Ihr irrt", sprach er, während er da kopfüber baumelte. Unheimlich war die Situation dennoch, er hatte das Gefühl, der Vampir würde seinen Körper auf leicht zu erreichende Schlagadern hin mustern. Schutzsuchend umklammerte er sein Amulett mit der Faust, gar nicht daran denkend, es abzunehmen. Er versuchte trotz allem, freundlich zu klingen. "Offensichtlich liegen hier einige Missverständnisse vor, die es zu klären gilt. Erstens: Ich sprang nicht, um meinem Dasein ein Ende zu bereiten, sondern weil ich für einen Augenblick meinen Verstand zu gebrauchen nicht imstande war. Zweitens: Oril verbietet keinen Selbstmord, womöglich verwechselt Ihr seine Lehren mit denen des Infiniatus. Obgleich es einige Strömungen gibt, welche in beiden ein und dieselbe Gottheit in Gestalt der Sonnenscheibe sehen, ist diese Ansicht jedoch aus meiner Warte zu verurteilen. Drittens: Meine Lehrmeister sind nicht 'schändlich', sondern es handelt sich um tugendhafte Leute, die sich alle Mühe geben, ein redliches Leben zu führen und anderen zu helfen, dies ebenfalls zu tun. Viertens: Sie haben mir nichts 'eingetrichtert', sondern mir bei der Erkenntnis des Pfades des Lichtes geholfen, auf dass ich diesen Weg auf eigenen Füßen beschreiten kann. Eine Indoktrination, wie Ihr angedeutet habt, hat also nicht stattgefunden. Fünftens: Ich habe auch verirrten Seelen mein Gehör geschenkt, ja, denen besonders. Denn sie sind es, welche die meiste Hilfe brauchen, noch lange vor jenen, die bereits Orils Segnung erfahren haben. Und auch Ihr habt mein vollstes Mitgefühl und dürft Euch sicher sein, dass ich Euch helfen werde, so gut ich es vermag."


    Er redete ohne Unterlass, froh darüber, nicht sofort ausgesaugt zu werden. Seine Stimme klang gequetscht aufgrund seiner momentanen Position, in welcher er kopfüber hing.


    "Sechstens: Sterblichkeit ist kein Makel, sondern bietet uns die Gelegenheit, unser begrenztes Leben sinnvoll zu einzuteilen. Wer zu lange lebt, der neigt dazu, seine Zeit zu vergeuden, wie es die Tieflinge tun. Je kürzer das Leben, umso reichhaltiger wird es genutzt, wie man an dem irrgeleiteten, doch unbestreitbar fleißigen Volk der Goblins sehen kann. Von daher muss ich Euer großzügiges Angebot, mich zu einem Euresgleichen zu machen, ausschlagen. Unsterblichkeit reizt mich ebenswenig wie der Gedanke, mich von Blut ernähren zu müssen. Wie Ihr sicher wisst, leben Mond- und Sonnenpriester streng vegan."


    Er lächelte freundlich.


    "Ich habe jedoch ein Gegenangebot! Wenn Ihr noch ein wenig Zeit habt, würde Ich mich freuen, wenn Ihr mir noch einen Moment zuhört, so wie ich Euch zugehört habe. In Avinar gibt es modern denkende Organisationen, die nicht der Meinung sind, dass Vampire gewaltsam Ainuwars Reich zugeführt gehören. Dort bieten Seelsorger aus den Reihen der Mondpriester spezielle Sprechstunden für Untote an, während derer man gemeinsam einen Weg für die nahe Zukunft erarbeitet, der für alle zu einem guten Ende führt. Ich könnte Euch einen Kontakt vermitteln. Das sind verständnisvolle Leute, denen Ihr euch mit Euren Sorgen anonym anvertrauen könnt."

    "Herr, wer euch dient für Gut und Geld und nur gehorcht zum Schein,
    packt ein, sobald ein Regen fällt, läßt euch im Sturm allein." - William Shakespeare

  • Varod


    Der Vampir nahm eine bequemere und weniger bedrohliche Haltung ein. Dabei blinzelte er in Zeitlupe. Zwar stieß der Priester ohne Punkt und Komma einen Wortschwall aus, aber das was er sagte meinte der Alb aufrichtig.


    "Meine Güte ich habe mir einen Idealisten ausgesucht. Du solltest andere Ideale vertreten... wobei sind meine so viel anders als Deine? Es wäre schade um Dich wenn Du verwelken und verrotten würdest. Das ist nun mal der Fluch des Fleisches. Siehst Du es nicht? Noch während wir hier reden, verrinnt Deine Zeit.


    Aber Du willst reden, gut reden wir.
    Ich habe nicht oft Gelegenheit mit jemanden zu reden.


    Du bietest mir Hilfe an? Du mir? Ich weiß nicht ob ich lachen oder schreien soll Alb. Weißt Du wann mir das letzte Mal jemand Hilfe angeboten hat? Nein woher auch. Allerdings kann ich mich selbst nicht mal mehr daran erinnern", sinnierte der Vampir und mit einem Mal sah man ihm die Jahre an. Zwar konnte man so kaum das Alter des Mannes schätzen, aber in seinen Augen lag eine Erfahrung, die kein normal Sterblicher haben konnte.


    "Ich habe nur ein Problem. Hunger. Hunger ist mein ständiger Begleiter. Oft zittere ich vor Hunger, einer meiner Nachteile wenn ich mit aller Macht kämpfen musste.


    Jede Faser meines überbeanspruchten Körpers schreit dann nach Nahrung, giert und lechzt danach, aufgefüllt zu werden was ich im Kampf oder auf Jagd verbraucht habe. Nahrung ist Blut. Das Verlangen ist oft so unerbittlich, dass ich...


    Wie ich mich an dieses Zeug gewöhnt habe? Es war der Preis für meine Krönung zum Unsterblichen.


    Mein Meister sagte mir, Blut wäre alles was ich zu mir nehmen dürfe. Ich hätte nun den Organismus eines Raubtieres, eines Fleischfressers. Den eines Unsterblichen der Nacht. Ein Kind der Dunkelheit trinkt nur Blut, dafür lebt es ewig.


    Ich habe ungläubig gelacht.


    Dann, als ich begriff, dass er es ernst meinte, hab ich einen Tobsuchtsanfall bekommen. Anschließend hatte ich wochenlang Depressionen. Nie wieder ein Marmeladebrot, nie wieder Kuchen...


    Nie wieder Kaffee… keinen Kaffee… bei Rakshor KEINEN Kaffee!
    Wenigstens Kaffee sollte möglich sein.


    Die ersten Monate musste ich immer wieder kotzen, selbst wenn es der Hunger hinab gezwungen hatte. Nur weil ich die falschen Opfer ausgewählt hatte. Deine erwähnten kleinen Goblins sind ungenießbar! Es dauerte lange, bis Disziplin über Abscheu siegte.


    DISZIPLIN… wenn ich das Wort heute nenne kommt es mir so vor als rede ich über jemand anderen. Im Grunde tue ich das auch.


    Meine Gefährlichkeit will ich Dir nicht verschweigen. Genau wie Wissen handelt es sich dabei um ein ständig wachsendes Potential, dass man sich selber aneignet und ausbaut. Aus dem Grund lebe ich noch. Aber ich denke Priester Du weißt genauso darum wie ich. Und auch wenn Du es mir immer noch nicht glaubst, ich bin nicht Dein Feind.


    Auch wenn ich weiß dass ich es nicht tun sollte. Ich schenke Dir mein Ohr. Rede. Sprich. Du hast mir zugehört, ich höre Dir zu. Du hast mir ehrlich und aufrichtig Deine Hilfe angeboten, dass erkenne ich an. Du musst keinen Angriff fürchten, solange Du mit mir sprechen magst. Danach Priester... nunja wir beide sind was wir sind nicht wahr? Wir schauen wer wem seine Hilfe angedeihen lassen wird", antwortete Varod höflich.

  • Kasimir hörte aufmerksam zu, nickte ab und an oder gab ein verständnisvolles "Hm-hmmm", "Ach, ja?" oder "Verstehe." von sich. Sein Knie machte sich, nachdem der erste Schock verflogen war, mit einem stechenden Schmerz bemerkbar.


    "Auf den Genuss des Kaffees verzichten zu müssen muss schwer sein für einen Rakshaner. Wir bekommen es immer deutlich zu spüren, wenn ihre Handelsrouten gestört werden, denn dann häufen sich die Angriffe auf Avinar zusammen mit ihrer schlechten Laune. Ihr seid doch gebürtiger Rakshaner, oder? Der Dialekt Eures Rakshanisch deutet zumindest daraufhin. Ich hoffe, Ihr könnt mich einigermaßen verstehen, auch wenn meine Muttersprache Asameisch ist. Ich gebe mein Bestes."


    Kasimirs Muskeln spannten sich an, als Varod von der vertraulichen Plauderei übergangslos auf seinen momentanen Appetit zu sprechen kam, dessen Gegenstand sein unglückliches Gegenüber war. Er machte noch keine Anstalten, ihn anzugreifen, doch seine Augen schienen beim Reden immer wieder beiläufig jene Körperpartien zu streifen, wo große Venen dicht unter der Haut lagen, was vor allem seinen Hals und die Gelenke von Armen und Beinen betraf.


    "Einige namhafte Alchimisten arbeiten an einem Rezept, um Tierblut für Vampire verträglich zu machen", informierte Kasimir."Die Verdünnung mit Wasser und die anschließende Anreicherung mit Proteinen und die korrekte Aufsalzung spielen eine entscheidende Rolle. Das Blut neugeborener Lämmer bei einer Verdünnung von eins zu zwei in Kombination mit dem Schaum von ausgekochtem Hafer und rosa Steinsalz hat sich bisher wohl am verträglichsten erwiesen."


    Kasimir merkte, dass er vor allem darum pausenlos sprach, weil er fürchtete, dass er fällig wäre, kaum, dass ihr Gespräch auch nur einen Augenblick ins Stocken geriete. Noch war das Reden für den Vampir offenbar interessanter als das Stillen seines Hungers und die bedrohliche Gestalt hörte ihm aufmerksam zu.


    Der Schmerz in seinem Knie wurde jedoch inzwischen unverträglich. Kasimir versuchte, während er weiter von den interessanten Aspekten des Forschungsprokektes für Vampirersatznahrung sprach, die unmögliche Körperhaltung in eine bequemere umzuwandeln, doch er rutschte dabei ab und glitt einen Meter mit dem Knie durch die Felsspalte, ehe er erneut mit einem Ruck und einem dumpfen Schrei hängen blieb. Das scharfkantige Gestein hatte seine Hose und seine Haut aufgeschlitzt, Blut sickerte durch den weißen Stoff. Selbst er mit seiner ungeübten Nase konnte den Geruch mehr als deutlich wahrnehmen."Die Teilnahme ist kostenlos", erklärte er in möglichst neutralem Ton.


    Der Greif hatte auf seinen Schrei hin die Richtung geändert. Noch hatte er sie nicht entdeckt, doch er suchte das Gelände nun weitaus zielgerichteter ab. Es wäre nur eine Frage der Zeit. Vielleicht konnte Kasimir den Vampir ja lange genug ablenken, wenn er ihn schon nicht von alternativen Ernährungsformen überzeugen konnte.


    "Da fällt mir auf, wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Frater Kasimir, mondpriesterlicher Kurier der Lichtreiter. Mit wem habe ich die Ehre?"

    "Herr, wer euch dient für Gut und Geld und nur gehorcht zum Schein,
    packt ein, sobald ein Regen fällt, läßt euch im Sturm allein." - William Shakespeare

  • Varod


    Der Vampir wollte dem Alben gerade antworten, welche Qualen es waren auf guten Kaffee verzichten zu müssen, wenn man Kaffee liebte und zu schätzen wusste. Aber in dem Moment hampelte der Priester herum, rutschte ab und verletzte sich selbst.


    Varod stieg der Geruch von Blut in die Nase. Ebenso hätte der Priester auch schreien können, "Essen ist fertig". Denn genauso fühlte es sich für Varod an, wie eine unwiderstehliche Einladung endlich zu essen. Es gelang ihm noch etwas den Drang niederzukämpfen und dem Mann zu antworten.


    "Mein Name ist Varod. Richtig, ich bin... war Rakshaner...", erklärte er und leckte sich dann ungeniert über die blutleeren Lippen.


    Das Monströse an Vampiren erkannte man meist erst dann, wenn man ihnen zu nahe gekommen war. Sie wirkten fast wie Personen, die sie einst auch gewesen waren. Wenn man keine Ahnung hatte, womit man es zu tun hatte, hielt man sie immer noch für eine normale Person. Doch wer wusste was er vor sich hatte, dem entging nicht ihre spezielle Art, den Kopf zu halten.


    Schräg zur Seite geneigt oder extrem weit nach hinten überstreckt.
    So witterten sie.
    So witterte Varod nach dem Blut des Alben.


    Auch waren seine Bewegungen eine Spur zu schnell für eine normale Person. So bewegten sich keine Menschen.


    „Ein guter Geruch, man erinnert sich. Es riecht genauso wie die erste eigene Mahlzeit. Immer“, flüsterte der Vampir und lächelte abwesend vor sich hin.


    Ganz offensichtlich löste der Blutgeruch in dem Vampir auf eine verstörende Art und Weise Heißhunger aus.


    Auf allen Vieren kletterte Varod erstaunlich geschickt in Richtung des Alben hinab. Dabei ließ er den Priester keinen Moment aus den Augen. Geifer rann von seinen Reißzähnen und tropfte von seinen Lippen zäh zu Boden.


    `Fast da´, schoss es dem Untoten durch seinen Hungervernebelten Verstand.


    Er krümmte sich und spannte alle Muskeln für einen finalen Sprung auf seine Beute an. Mit einem Satz landete der Vampir auf dem Priester und riss ihn ein Stück mit sich. Es musste ein gewaltiger Satz gewesen sein, der ihn auf den Alben befördert hatte.


    Seine linke Hand packte den Schädel des Priesters und versuchte ihn den Kopf in den Nacken zu pressen ohne dass er dabei das verfluchte Amulett berühren musste. Sein eigener Kopf folgte der Bewegung um bei erstbester Gelegenheit sofort zubeißen zu können. Für den Bruchteil einer Sekunde begegnete sich ihre Blicke, begegnete sein Blick dem seines Opfers.


    Die Augen von Varod waren zu Schlitzen zusammengekniffen. Das ganze Gesicht war eine Fratze aus unendlichem Hunger und animalischer Gier.


    Der Kopf des Vampirs war höchstens noch einige Zentimeter von dem des Alben entfernt und gleich würde der Untote über ihn herfallen und mit seinen messerscharfen Zähnen zubeißen.

  • In dem Moment, als das Ungetüm auf ihn sprang, riss Kasimir das freie Bein vor sich, um den Sprung, der unverkennbar auf seinen Hals zielte, abzuwehren. Doch sein Fuß, der den Vampir im Gesicht hatte treffe sollen, wurde einfach nach oben gedrückt und er spürte, wie die Zähne sich in seine Kniekehle gruben. Ein stechender Schmerz schoss Kasimirs Bein hinauf bis in den Rücken. Das Knie, dessen Rückseite von den Fangzähnen durchbohrt war, wurde brutal in sein Gesicht gedrückt, während sein ganzes Körpergewicht und das des Vampirs an seinem anderen Bein hing. Die Schmerzen waren extrem, er hatte da Gefühl, dass ihm alle Sehnen reißen würden. Kasismirs Eingeweide wurden obendrein durch seinen zurückgebogenen Oberschenkel so zusammengedrückt, dass er nicht einmal mehr atmen, geschweige denn schreien konnte.

    "Herr, wer euch dient für Gut und Geld und nur gehorcht zum Schein,
    packt ein, sobald ein Regen fällt, läßt euch im Sturm allein." - William Shakespeare

  • Varod


    Zwar hatte er den Priester nicht da erwischt, wo er ihn gerne erwischt hätte, aber wie der Zufall es wollte, war die Position sogar noch besser. Der Mann konnte nicht schreien, da er sich selbst die Luft abdrückte. Nach diesem Mahl würde der Alb sowieso keine Luft zum atmen mehr brauchen.


    Zwar war diese Position, sollte sie jemand erblicken, lächerlich - aber wer sollte schon hier oben verweilen und ihnen beiden zuschauen?


    Der Vampir nagelte den Alben bewusst noch fester auf den Boden. Auf einer Seite seines Mundes, lief bereits Blut herab, das Blut des Alben. Varod nahm sich zusammen, andernfalls hätte er sein Maul noch tiefer in die Kniekehle seines Opfers gegraben. Die Folge wäre er würde dem Alben Gewebe und Knorpel aus dem Körper reißen und ihn damit beschädigen.


    So beschränkte sich der Vampir darauf nur fester zuzubeißen. Er trank bis sein Hunger fast gestillt war, aber er trank sein Opfer nicht aus. Als der Alb fast blutleer unter ihm lag, ließ Varod von ihm ab und hockte sich vor ihn hin.


    Kasimir spürte das etwas seltsames in ihm vorging. Der Vampir brachte ihn nicht um, er beherrschte sich. Er verwandelte ihn. Trank fast vorsichtig um ihn nicht schlimmer zu verletzen als nötig.


    Dennoch spürte der Alb wie sein Körper starb. Wie sein Vitabolismus zusammenbrach, der Blutdruck versagte, dass Herz aufhörte zu schlagen - einer Pumpe gleich der fast jeglicher Arbeitsstoff entzogen wurde. Seine Atmung versagte und selbst die Kälte und Schmerzen die er vorher noch gefühlt hatte, schienen nun unendlich weit entfernt.


    Er fühlte wie etwas dunkles von ihm Besitz ergriff. Nasskalter Schweiß bedeckte seinen Körper. Sein Blickfeld wurde schwarz und sein Bewusstsein zersplitterte in tausende Scherben.


    Dann war es vorbei. Er starb.
    Seine Wahrnehmung war bei null angelangt.


    Ein Schrei.
    Nein ein Ruf.
    Irgendein Ruf zwang sein Bewusstsein wieder an die Oberfläche.


    Kasimir schlug die Augen auf und sah in das Gesicht von Varod. Der Mann sah gesünder aus, lebendiger als er ihn in Erinnerung hatte. Der Alb spürte wie eine krallenbewährte Hand über seinen kahlen Schädel strich.


    "Erheb Dich mein Zögling", flüsterte Varod und stand auf.