Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. Während die Urvölker auf Altbewährtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. Geheimbünde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

Trio - 155 n.d.A.

Die einstige naridische Adelsfamilie von Hohenfelde beschloss, die blutige Vergangenheit hinter sich zu lassen und in Souvagne einen Neuanfang zu wagen. Mit von der Partie sind die verbĂĽndeten und verwandten Familien von Wigberg und von Eibenberg.
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Davard von Hohenfelde
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Trio - 155 n.d.A.

#1

Beitrag von Davard von Hohenfelde » Mo 25. Jun 2018, 17:52

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Herzlichen GlĂĽckwunsch zum Geburtstag Baxi :) :) :)

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Dunwins Geist
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Re: Trio - 155 n.d.A.

#2

Beitrag von Dunwins Geist » Mo 25. Jun 2018, 17:53

Trio


…Die „Akademie“ ist eine Einrichtung für sich. Gelehrt wird alles was mit magischen Anwendungen zu tun hat. Dafür gibt es Spezialräume. Ebenso werden sämtliche Kampfsportarten gelehrt, dafür haben wir dort Turnhallen. Und der Umgang mit jeder Hieb-, Stich- und Schusswaffe wird gelehrt.

Folglich gibt es dort mehr als nur einen Schießstand und zig andere Trainingsräume für die anderen Waffengattungen.

Es gibt Wohn- und Schlafbereiche zur Unterbringung des Lehrpersonals, sowie Freizeitanlagen zur Freizeitgestaltung. Es gibt ein sehr großes medizinisches Labor, um die Kinder bestmöglich medizinisch zu versorgen, sie zu untersuchen und ihre Entwicklung zu überwachen.

Die Akademie ist eine abgeschottete, eigenständige Welt.
Die Loge des Abgrunds.

In der Akademie habe ich das erste Mal den freien Himmel gesehen, oder das was ich dafür hielt. Er war nur eine perfekte Illusion am Kuppeldach. Vorher bestand meine Welt nur aus abgeschotteten, fensterlosen Räumen unseres Herrenhauses oder wir waren draußen, dann allerdings überwacht.

Die Akademie ist Mittelpunkt eines unterirdischen Komplexes. Ein Hauptgebäude, mit den benannten Räumen. Davon zweigen unterirdische Korridore ab, die in weitere Komplexe führen.

Diese Komplexe enthalten dann die Freizeitaktivitäten, wie den nachgestellten Wald und so weiter. Sie enthalten im Grunde alles, was die reale Welt draußen imitiert. Diese Komplexe sind extra abgeschirmt.

Weder können Magier hinein noch hinaus spüren. Logisch, sonst wären einige Familienmitglieder wohl schon längst in ihren Jugendtagen geflohen.

In der Akademie wurden wir zusätzlich gesichert und gemarkt. In jedem Raum und in jedem Winkel waren Wächter und Diener die beobachteten, was wir wann taten.

Die totale Ăśberwachung. Ein Arzt war da bevor Du gemerkt hast, dass es Dir schlecht ging. Ein Sicherungsteam war da, bevor Du nur ansatzweise Dich mit streiten konntest.

Man denkt, dass man Menschen mit Gabe nicht sichern kann? Man kann es aber, denn meine beiden BrĂĽder waren dort genauso machtlos wie ich.

Fangen wir bei der Ankunft an.

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Re: Trio - 155 n.d.A.

#3

Beitrag von Dunwins Geist » Mo 25. Jun 2018, 17:56

Ankunft


Wie gesagt, man reist schlafend an und wacht in der Akademie auf. Wir bekamen einen Schlafsaal zugeteilt, was für uns befremdlich war, da wir es gewohnt waren alleine zu leben. In unserem Schlafsaal befanden sich drei Betten. Hier galten andere Spielregeln. Man teilt sich alles und lebt als Trio. Nicht um irgendeine sinnlose Form von Zuneigung zu fördern, nein weit gefehlt.

Im Notfall mussten wir wie jeder andere Mensch in der Lage sein, im Team zu agieren um einen mächtigeren Feind zu töten, bevor wir uns wieder selbst zerfleischten. Denn um allein zu agieren, waren wir bei weitem noch nicht mächtig genug.

Meine beiden Brüder Brandur – ein Magier und mein ältester Bruder Kunwolf – ebenfalls ein Magier kennst Du.

Wir wohnten in einer Wohneinheit, allerdings mit gesichertem Schlafen. Wir wachten zeitgleich auf und starrten etwas unsicher in der Gegend rum. Unsere Neugier siegte und wir schauten uns um. Das Sicherheitspersonal klärte uns auf, dass dieser Bereich unser Quartier und unsere Anlaufstelle wäre.

Nach dem Aufwachen in der neuen Einrichtung fĂĽhlte man sich ganz seltsam und neben der Spur. Vermutlich hatte man uns vorher irgendeine Schlafdroge verabreicht.

Das erste was mir aufgefallen war, dass ich etwas um den Hals trug wie eine Hundemarke. Wir nannten die Dinger nur „die Hundemarke“. Sie fiel kaum auf, da es in Deiner eigenen Hautfarbe war, hauteng anlag und aus winzigen Steinchen bestand, die lose auf ein dünnes Band gefädelt waren.

Die Hundemarke war die magische Berechtigung sich in der Akademie fortzubewegen. Es war vermutlich Artefaktmagie wie Du sie von Waffen her kennst. Die Hundemarke öffnete Türen für Dich und wo Du nicht hinsolltest, da öffnete sich auch für Dich keine Tür.

Man spürte wenn man darüber gesucht wurde – das war beabsichtigt, um Dir zu zeigen, dass man Dich immer im Auge hatte. Darüber wurdest Du gerufen, wenn Du im Freizeitbereich unterwegs warst. Und es bestrafte…

Am ersten Tag durften wir die Anlage erkunden, natĂĽrlich nur die fĂĽr uns erlaubten Bereiche. Also marschierten wir los. Wir kamen in einen kreisrunden Raum mit fĂĽnf FlĂĽgeltĂĽren. Eine davon fuhr lautlos zur Seite. Kunwolf warf mir einen fragenden Blick zu und ĂĽbermittelte mir seine GefĂĽhle.

Sich einem fremden, durchaus dubiosen Willen zu beugen, schmeckte ihm nicht.

Aber unsere einzige Möglichkeit hätte darin bestanden, sich partout zu verweigern. Erreichen würden wir damit nichts, außer Bestrafung. Vor allem würden wir unsere Bewegungsfreiheit einbüßen, schoss es mir durch den Kopf.

„Ließ meine Gedanken“, bat ich ihn.

`Sie kennen uns verdammt gut. Und sie machen keinen Hehl daraus. Lassen uns die lange Leine spüren, an der sie uns gängeln, im vollsten Vertrauen, dass wir dadurch gefügig werden´, übermittelte Kunwolf als Antwort.

Brandur schaute von Kunwolf zu mir hin und her. Kunwolf war grundsätzlich gegen alles, ich warte meist neutral ab und Brandur fügte sich meist in sein Schicksal. Also Optimist, Realist und Pessimist als Dreigestirn vereint. Kunwolf stellte sich bewusst vor eine andere Tür, die natürlich verschlossen blieb. Zähne knirschend folgte er mir und Brandur. Ihm widerstrebte es sehr, sich einstweilen damit abzufinden, dass man uns lenkte.

Er hatte schon damals Recht.

Auf steilen Treppen überwanden wir mehrere Etagen. Dann ging es einen leicht geschwungenen, schlauchförmigen Korridor entlang, in dessen Seitenwand runde Fenster mit getönten Scheiben eingelassen waren. Glas. Hart aber durchsichtig, zersplittert eine gute Waffe – ich merkte mir direkt wo man welches finden konnte.

Wir blickten hindurch und hinab auf einen Mini-Dschungel, strotzend vor saftigem Grün. Palmwedel, von denen Feuchtigkeit tropfte, meterhohe Farne, Orchideenhaine. Ein Regenwald breitete sich unter uns aus, scheinbar endlos, jedenfalls weiter, als die vom Dunst beeinträchtigte Sicht reichte. Zwischen Tümpeln, von zierlichen Brücken überspannten Bächen und strahlend weißen Kieswegen standen luxuriöse Sitzgelegenheiten unterschiedlicher Größe.

„Wie eine Urlaubskolonie, habt Ihr das schon mal gesehen? Es ist wie ein Garten, ich habe von botanischen Gärten unter Glashäusern gelesen! Ob man ins Wasser darf?“, fragte Brandur und starrte fasziniert auf die Teiche.
„Ich muss Dich enttäuschen, das ist kein Garten, das ist nur ein weiterer Knast“, erwiderte Kunwolf mit grimmiger Miene.
„Was sagst Du Dun?“, fragte Brandur und beide starrten mich an.

Ein tolles Gefühl, direkt am ersten Tag stillschweigend zum Vermittler gewählt worden zu sein und das ausgerechnet ich.

„Laut meinem Wissen gibt es solche Gärten. Wintergärten heißen sie glaube ich. Die Habitate sind dem Draußen nachempfunden, da wo die Pflanzen ursprünglich leben“, erklärte ich, weil ich nicht wusste was ich sonst sagen sollte.

„Was ist das andere Zeug da?“, fragte Kunwolf und deutete auf Abbilder.
„Das sind Statuen, Du weißt doch was Statuen sind“, erläuterte nun Brandur.

„Das sind doch keine Statuen“, zweifelte Kun.
„Weshalb?“, hakte ich nach.
„Das sind doch keine Menschen, was sind das?“, fragte mich Kun.
„Das spielt keine Rolle“, sagte Brand.

Im Weitergehen erklärte uns Brandur, dass viele Völker insbesondere Humanoide, in ihren Wohn- und Arbeitsstätten unnützen Plunder verteilen. Das gäbe ihnen ein heimeliges Gefühl wie eine warme Bettdecke. Warum wüsste er selbst nicht.

Der Gedanke unser Herrenhaus, mein Quartier oder hier unseren Wohnbereich mit nutzlosem Tand, Statuen von unseresgleichen oder ähnlichen Wesen vollzustellen erschien mir und Kunwolf absolut absurd. Platzverschwendung.

`Brandur und Dunwin, wir mĂĽssen noch vorsichtiger sein. Wie subjektiv unsere Wahrnehmung der Welt ist, zeigt doch dieser Statuen-Wahnsinn. Alles wird nur nach dem Aussehen beurteilt, und viel zu selten kommt einem in den Sinn, deren allgemeine GĂĽltigkeit infrage zu stellen.

Vertraut niemanden, hinterfragt alles. Ich ermahne zu höchster Wachsamkeit meine Brüder! Ich gelobte permanente Selbstkritik. Der Schein trügt oft. Die Viecher unter den Palmen wirken auch friedlich, sind aber Wächter. Ich denke das „Paradies“ hier ist der gleiche Abgrund wie unser heimeliges Zuhause´, warnte uns Kunwolf mental, während er die Führung der Truppe übernahm und wir sie ihm gewährten.

Der Korridor mündete in einem sechseckigen Raum. Kaum hatten wir ihn betreten, öffnete sich zur Linken eine von vier Türen. Kunwolf zögerte kurz, presste die Lippen aufeinander, überwand seinen Widerwillen und ging hinein. Hätte man noch einen Zweifel gehabt, wie hoch die magische Überwachung war, wäre der Zweifel ausgeräumt worden.

„IST DOCH NETT, WENN EINEM DIE ENTSCHEIDUNG ABGENOMMEN WIRD… SCHONT DEN DENKAPPARAT!!!“, knurrte Kunwolf in den Raum hinein.

Hinter der TĂĽr erwartete uns ein lang gestreckter Umkleideraum. An einigen der Wandhaken hingen AnzĂĽge, die sich alle aufs TĂĽpfelchen glichen.

Kun schnalzte mit der Zunge, keine Ahnung was er meinte.
Zustimmung, Missfallen, Langeweile – er drückte damit alles aus.

Gegenüber den Klamotten reihte sich Spind an Spind, alle paar Meter unterbrochen von Durchgängen zu Waschzellen.

Als wir etwa die Hälfte abgeschritten hatten, ertönte ein leises Summen, und die Türen von drei benachbarten Kästen fuhren hoch.

„Da kommt Freude auf. Hättest Du lieber Rot oder Grün? Pepita oder Paisley-Muster? Also ich nehme einheitsgrau… unbedingt!“, fauchte Kunwolf so stinkig dass Brandur und ich loslachen mussten.
„Weder noch ich gehe baden“, antwortete ich.
Irgendwie war mir danach heiĂź zu baden, nachdem ich wer weiĂź wie lang als Murmeltier schlafend unterwegs war.

„Gute Idee“, stimmte Kunwolf zu und wir zelebrierten eine Badeorgie, bis wir fast aufgeweicht waren.

Dann zogen wir das etwas zu farbenfrohe, doch herrliche frische Freizeitgewand an, mäßig überrascht, dass es ebenso perfekt passte wie die Schuhe. Als sich Kunwolf im Spiegel der Waschzelle musterte war er erneut wütend.

„Wir sehen hässlich aus in den Lumpen, kein Wunder das der Spiegel beschlägt“, murrte er und malte mit einem dünnen Finger Schriftzeichen auf den beschlagenen Spiegel und deutete hin.

(Gehen wir mal nach drauĂźen?), stand dort in kleinen Lettern, dann wischte er die Buchstaben weg und grinste. Ich nickte zustimmend und wusste nicht mal genau warum, aber die Idee gefiel mir.

Brandur schĂĽttelte den Kopf, er wollte endlich runter in den Garten. DafĂĽr hatten wir Ausgang und nicht um Spiegel zu beschmieren oder nach dem DrauĂźen zu fragen. Brandur ging vor und ich folgte ihm.

MĂĽde und ein wenig mĂĽrrisch trottete Kunwolf hinter uns her.

„Du hast den Anfang gemacht Kuni, also stell Dich nicht so an! Wir müssen auf Erkundung gehen“, erklärte Brandur.
„Erkundung, jaja von mir aus. Wir tappen doch nur von einer Ecke in die nächste, ist einfach nur ein neues Gefängnis“, gähnte Kunwolf.

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Re: Trio - 155 n.d.A.

#4

Beitrag von Dunwins Geist » Mo 25. Jun 2018, 18:04

Systematisches Testen auf Schwachstellen


Die Akademie kann ich aus heutiger Sicht ausstattungstechnisch als topp bezeichnen, aber ein Gefängnis war es trotzdem. Für uns drei kristallisierte sich ein Bild heraus. Zur eigentlichen Akademie, gehörten zahlreiche Säle, in denen es wirklich alles gab. Wie im Regenwaldbiotop waren auch hier überall Wächter zugegen, allerdings auch einige von uns – sprich Adelige oder reiche gut situierte Bürger unseres Alters.

Sie trugen die gleiche Kleidung und die Hundemarke. Mit einigen suchten wir das Gespräch, was nicht immer gelang. Manche die sich in ihrer Konzentration gestört fühlten, verscheuchten uns Neuankömmlinge rüde. Es gab aber auch welche, die in der Art gelangweilter Müßiggänger einem kleinen Tratsch nicht abgeneigt waren. Sie erteilten uns anstandslos Auskunft.

In den Kuppeln gab es Erholung nach dem Training, sie boten jeden Luxus und sogar Abenteuer und Vergnügen, wenn man sich das verdient hatte. Ein Purie wie ich der dort eine Zeit leben dürfte, würde es als Kur-Urlaub empfinden. Aber ein anderer Purie würde auch nicht an meinem Training teilnehmen müssen. Oder können. Wenn höchstens einmal.

„Dieser Ort… ich hab kein gutes Gefühl dabei“, maulte Kunwolf.
„Ich auch nicht, hier ist was oberfaul. Es ist doch fast 12 Uhr, ich empfinde dass es 12 Uhr sein muss. Warum wird nicht zum Mittagessen geläutet? Ein Service ist das hier…“, grübelte Brandur.

Kunwolf öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, überlegte es sich anders und zog nur die Stirn kraus. Zu der Zeit saßen wir auf der Veranda eines kleinen Imbisses, direkt neben einem hohen künstlichen Wasserfall, dessen Rauschen ein etwaiges Abhören unserer Unterhaltung erschwert hätte.

„Ein Kerker mit Zimmerbrunnen, herrlich ich bin begeistert!“, fauchte Kunwolf und bewarf den Imbissbuden-Heini mit den weißen kleinen Kieseln die er aufhob und nach diesem schleuderte.

Der Kerl hatte keine Peilung wer ihn da gerade verarschte und wir drei mussten loslachen. Wir waren trotz allem ja blöde Jungs.

„Jedenfalls werden sie hier nicht hehre Absichten haben um die Sicherheit Naridiens zu verbessern“, antwortete ich.
„Dun ich teile Deine Einschätzung vollinhaltlich“, lachte Kunwolf.
„Du klingst wie ein Politiker“, prustete Brandur und spuckte das Wort Politiker förmlich aus.
„Der ich ja wohl auch bin. Demokratisch werde ich mich selbst wählen, von mir selbst eingesetzt, nachdem ich alle Verwandten, Gegenwähler und den nutzlosen naridischen Rat abgeschlachtet habe“, lachte sich Kunwolf kringelig.

Er strich sich über den Schädel und deutete dann anklagend auf mich.

„Und Du nicht minder Du Besserwisser“, lachte er.
„Pöh“, war nur mein Kommentar, weil er meine Gedanken schon gelesen hatte.

Brandur starrte uns beide an. Auf seinem Gesicht lag eine Mischung aus Unglauben und Besorgnis ĂĽber unseren Geisteszustand.

„Pöh? Was pöh? Hat es Dir die Sprache verschlagen Großmaul?“, grinste mich Kunwolf an.
„Halt einfach die Fresse“, gab ich zuckersüß zurück und schmiss eine Handvoll Kiesel nach ihm, erwischte aber einen Shezem mitten in die Fresse. Stinksauer starrte sich das Vieh um und Kunwolf deutete anklagend auf den Nebentisch mit Engelsmiene.

Fast zeitgleich entlud sich die Aggressivität von dem Shezem mit den anderen Wachen in einem lauten Streit, welches schnell in einer Prügelei mündete. Brandur war aufgesprungen, nahm Kampfhaltung ein und stand unschlüssig da.

`Raus hier!´, bellte Kunwolf in unsere Gedanken und verpasste uns eine knallharte mentale Kopfnuss. Einfach um damit an unser wahres Wesen der Hohenfelde zu erinnern.

Die Geste erzielte die passende Wirkung. Wir nahmen Vernunft an und folgten Kunwolf durch den Imbiss zum nächstliegenden Ausgang.

Mittlerweile wurde an allen Ecken und Enden in dem Bereich gerauft, jedoch nicht nach dem Prinzip harmlose Kneipenschlägerei, sondern Shezem schenkten sich nichts. Die Brutalität und Gefährlichkeit der Attacken nahm sekündlich zu. Wurfgeschosse folgen durch die Luft, Einrichtungsgegenstände wurden zu Waffen umfunktioniert.

Knochen brachen knackend, Blut spritze und schon gab es die ersten Schwerverletzten.

Kunwolf der Holzkopf fĂĽhrte uns mitten durch den schlimmsten Trubel. Brandur und ich mussten unsere ganze Nahkampfkunst einsetzen, um unbeschadet nach drauĂźen zu entfliehen.

So liefen wir noch eine Weile nebeneinander weiter, auf dem weichen Sand eines idyllischen, von zedernartigen Bäumen gesäumten Strandes. Am Horizont, der nicht real war, sank eine blutrote Sonne ins spiegelglatte Meer. Das Biotop gefiel Brandur auf Anhieb. Wer immer es gestaltet hatte, hatte keine Abneigung gegen Kitsch.

Als Kunwolf spĂĽrte, dass seine Angriffslust abgeklungen war, blieb er stehen und knuffte mich.

„Hey Dunwin, bist Du in Ordnung?“, fragte er geradezu fürsorglich.
„Wieso, hast Du vor es zu ändern?“, antwortete ich sarkastisch.

„Nein, wegen Großmaul, tut mir leid Bruder“, räumte er ein und knuffte auch Brandur.
„Vergiss es einfach“, antwortete Brandur tonlos und latschte ins Wasser.

„Aber nein warum Brandur… sei nicht so. Denk doch nur, nach unserer nervtötenden perfekten Harmonie hatten wir so etwas wie unseren ersten Streit ohne dass einer verletzt ist oder umkam! Das zeigt Zuneigung, so steht es geschrieben! Durchaus erfrischend“, lachte Kunwolf.
„In der Tat, durchaus erfrischend“, karikierte ich seine Sprechweise und schleuderte ihn ins Wasser.

Prustend und strampelnd kämpfte er sich zurück an den Strand und musterte mich giftig ehe er sich schlapp lachte, mir vor die Schulter boxte und seine Gedanken übermittelte. Er war nicht sauer, er fand es lustig.

„Was meinst Du? Wodurch wurde diese Streitlust ausgelöst?“, fragte ich grübelnd.
„Eine Handvoll Steine in einer Fischfresse?“, schlug Brandur vor, so dass wir drei loslachen mussten.

„Wisst Ihr eines steht fest, wir haben schon oft genug an Vaters Behandlungen teilgenommen. Unfreiwillig und ohne jemals vorab informiert worden zu sein. Also warum nicht mal ein bisschen heimzahlen?“, grinste Kunwolf.
„Das ist gegen das Dogma“, antwortete Brandur.

„Schon möglich, aber gegen das Dogma ist auch mich hungern zu lassen. Was ist das da vorne für ein Schuppen Jungs?“, fragte ich beide und kniff die Augen zusammen.
„Hm ein Schuppen. Gehen wir hin und finden es heraus!“, schlug Kunwolf vor und machte sich sofort auf den Weg.

Wir schlichen also zu dem Schuppen rüber und spähten hinein. Es war einer der Versorgungsschuppen. Für uns war ja alles neu.

`ESSEN!´, übermittelte Brandur und deutete hinein.
„Wir müssen dort hinein gelangen“, stellte Kunwolf fest.

Ich versuchte die Tür zu öffnen, aber sie war abgeschlossen.

„Zu schön um wahr zu sein. Tür aufbrechen, los“, schlug ich vor und Kunwolf grinste noch breiter. Absolute Zustimmung im Gesicht.

Niederschmetternd in einen Raum voller Fressalien starren zu können, aber nicht ans Futter zu kommen. Brandur hockte sich unter das Fenster und kauerte sich ganz klein zusammen. Futter scheinbar zum Greifen nah und dennoch unerreichbar, dachte er betrübt.

„Versuchen wir es doch mal mit Gewalt“, schlug ich vor.

Wir stellten uns zusammen auf, nahmen so viel Anlauf wie wir konnten und rannten wie die Irren los. Wir warfen uns gegen die verfluchte TĂĽr, immer und immer wieder, die Beulen und Verletzungen einfach ignorierend, bis der Verschluss brach und die TĂĽr aufschwang.

„Na bitte! Dunwin Du hast Recht. Manchmal ist nicht Subtilität gefragt, sondern einfach pure Gewalt“, grinste Kunwolf.

Humpelnd und glücklich machten wir uns in den Schuppen auf und hockten uns zwischen die Fressalien. Wir fraßen so viel wir herunter bekamen. Keine fünf Minuten später war einer der Wachleute da und starrte uns an.

„Jungs, Ihr seid wirklich grade erst zugereist ja? Mit Euren Hundemarken bekommt Ihr am Imbiss alles zu fressen oder zu trinken was Ihr wollt. Es wird natürlich vermerkt, wer was wie viel frisst, falls er erkrankt. Ihr braucht hier keine Nahrung zu stehlen. Zudem gibt es fünf Mal am Tag in der Mensa für Euch Futter! Jedes Mal der gleiche Scheiß mit den Neulingen. Raus da jetzt und macht das Ihr weg kommt.
Und fürs nächste Mal, Unbotmäßigkeit wird streng geahndet“, er tippte auf unsere Hundemarke.

„Damit haben wir Euch im Griff. Aber das sollte Euch nicht stören, Ihr lebt hier wie Zuhause – wie die kleinen Paschas! Also folgt den Anweisungen“, sagte der Wächter.
„Was passiert denn, wenn sich jemand hartnäckig den Anweisungen widersetzt?“, fragte Brandur vorsorglich.

„Das möchtest Du nicht wissen. Und solltest Du es ausprobieren, wird es Dir leidtun kleiner Magier. Und jetzt haut endlich ab, oder soll ich doch eine Meldung machen?“, zischte der Kerl. Wir waren schneller weg, als er gucken konnte.

So vergingen die ersten Wochen. Frühstücken, Schule, Trainieren, Mittag, Trainieren, Abendbrot – Freizeit, 23:00h Einschluss. Wenn man nichts verbrochen hatte oder zur Untersuchung zitiert wurde. Eines Abends beim Futtern erzählte uns Kunwolf dass er etwas Besonderes entdeckt hatte.

„Heute als ich im Zentrum war, habe ich ein kleines Luftschiff gesehen. Brandur halt ja die Schnauze! Ich weiß nun wie wir nach draußen gelangen. Wir müssen nach oben. Wir müssen in den verbotenen Bezirk, ich wette mit Euch, dass es oben einen Zugang zum Draußen gibt. Ich wette fünfhundert Taler dass wir dort einen Blick auf nach draußen werfen können!“, verkündete Kunwolf stolz.

„Die 500 Taler halte ich“, nahm ich die Wette an und Brandur schüttelte nur den Kopf.
„Es wäre schon spektakulär, könntest Du mich in Erstaunen versetzen und da wäre was. Da ist nichts! Sie brauchen Luftschiffe von dort nach hier. Wenn es einem bewohnten Gebiet gäbe zwischen unserem Anwesen und dieser Akademie, außer dem üblichen Mist bräuchte man keine Luftschiffe! Aber gut, ich gehe mit und wehe Du drückst keine 1.000 Taler ab Kuni, dann wirst Du leiden, dass schwöre ich Dir", zischte Brandur giftig, was mich loskichern ließ.
„Ist der denn so aggro drauf? Beruhig Dich Brand man, piano“, wunderte sich Kunwolf.

Also aĂźen wir schleunigst auf und machten uns auf den Weg. Brandur und ich irrten uns. Es gab die Luftschiffe. Aber vorerst wanderten wir los.

Durchschritten eine Art Triumphbogen, opulent geschmĂĽckt mit marmornen Reliefs voller Blumen und Ranken und gelangten auf eine sandfarben gepflasterte StraĂźe.

„Wer stellt so einen ekligen Bogen auf? Die haben doch den Knall nicht gehört. Wer wohnt hier Kunwolf?“, fragte Brandur angewidert.
„Vermutlich wandern wir geradewegs zur Schlachtbank, aber dann lernen wir nicht das Draußen... oder besser gesagt die Fremde kennen, sondern den Nexus“, prustete ich.

„Jau und wir haben auch einen Geistmagier als Binder dabei oder einen Nekro, welch ein Glück. Ob man entschwebt bestraft wird?“, grübelte Brandur belustigt.
„Nur wenn Du nach Deinem Verrecken über die Absperrung schwebst ohne Erlaubnis oder in verbotenen Bereichen rumschwebst, sonst nicht“, erklärte ich großzügig und bei dem blöden Gesicht dass er zog mussten Kunwolf und ich loslachen.

Wir hatten gute Laune und wanderten einfach weiter.
Und plötzlich brach einfach die Landschaft jäh nach unten weg. Wir stutzten und beugten uns über die Kante ohne Geländer. Wir drei Jungs starrten staunend in die Tiefe und sahen gewaltige Stelen, auf denen sich unten Plattformen befanden. Unten gab es auch Straßen aber dort schien alles aus Metall zu sein. Die Häuser hatten seltsame Formen.

Aber das war es nicht, was Kunwolf so faszinierte, sondern ein Luftschiff. Ein gewaltiges, seltsam geformtes Schiff von einem AusmaĂź wie wir es nie gesehen hatten stand dort unten. Bewacht von zig gewaltigen Tieflingen. Es sah aus wie eine riesige Rauchstange.

Ein Mann unbestimmbaren Alters trat aus dem Luftschiff.

Eine für uns fast mit organischen Augen sichtbare Aura von Autorität, Arroganz und Skrupellosigkeit umgab ihn. Zugleich wirkte er nicht richtig menschlich, und wir hatten schon viele Menschen, Humanoide und Volksgruppen studieren müssen. Vater vertrat die Meinung – kenne Deinen Feind!

Es waren seine seltsamen Bewegungen, die ihn wie aus der Art geschlagen wirken ließen, so als sähe er nur aus wie ein Mensch oder imitierte ihn.

Gut das dachten da die richtigen Drei. Unsere Familie war fĂĽr andere ebenfalls seltsam.

„Zehn Stück, wie bestellt“, schnarrte er, wobei er einen Tiefling nach dem anderen aus kalten, fast schwarzen Augen musterte.

„Darf ich Ihnen die Lieferung abnehmen?“, fragte einer der Tieflinge geradezu schleimig. Obwohl er ein Vielfaches von der Körpermasse des Menschen hatte, erschien der Tieflinge neben dem Mann wie ein Wurm, der zu einem Raubvogel aufblickte.

„Hab ich das Manuskript erhalten? Ich hab das Manuskript nicht erhalten!
Hab ich das Manuskript erhalten, erhaltet Ihr die Bestellung. Sollte ich umsonst hergeflogen sein... tjaaa“, lachte der Kerl und ließ den Satz unvollendet.

Dabei faltete er die Finger seiner Hände in einer extrem komplizierten Geste zusammen, was den Tieflinge extrem beunruhigte.

„Das Manuskript! Wo zum Abgrund ist das verdammte Manuskript?“, brüllte der Tiefling. Doch das wäre nicht nötig gewesen, denn zwei seiner Helfer waren schon losgestürmt beim ersten Anzeichen des Unmutes ihres Gastes.

Leider konnten meine Brüder ihn nicht auslesen, aber wir fragten uns, warum ein Kerl den die Tieflinge geradezu vergötterten und in den Arsch krochen, nach einem Manuskript verlangte.
Den Tag hatten wir nicht vergessen und Kunwolf plante was er immer plante, er wollte das DrauĂźen... sprich die Fremde sehen, die Welt kennenlernen und all diesen Schwachsinn.

Die Sichtung von dem fremden Kerl hatte seine Vermutung bestätigt. Es musste die Fremde geben. Andere Länder hatten wir im Unterricht noch nicht kennengelernt, sie wurden uns nicht vorgestellt. Vielleicht auch um Fernweh zu vermeiden. Aber mit Vaters Nichtinformation erreichte er bei Kunwolf genau das Gegenteil. Je weniger er wusste, je mehr wollte er selbst herausfinden.

Erneut etwas später.

Ich erinnere mich daran, dass wir im Freizeitsektor unterwegs waren und Kunwolf zu einem Untersuchungstermin beordert wurde. Brandur und ich starrten ihn besorgt an, Kunwolf reagierte nicht. Er wurde mehrfach gerufen, aber er zeigte keine Reaktion.

Zwei Sicherheitsleute erschienen um ihn an seinen Termin zu „erinnern“. Brandur flehte ihn an sich zu fügen und ihnen zu folgen, ehe sie ihn züchtigen würden.
Entgegen meiner sonstigen Art, stimmte ich an dem Tag Brandur absolut zu. Diese Order hatte man nicht zu ignorieren, es sei denn man wollte auf die Platte gestellt werden. Das ist vergleichbar mit einem Tanzbären, nur steht man selbst barfuß auf einer glühenden Metallplatte. Abgrundartige Schmerzen.

Kunwolf wäre nicht Choleriker-Kunwolf, hätte er auf uns gehört oder Vernunft angenommen.

Statt einer Antwort, sprintete Kunwolf los, auf die Wärter zu und zwischen den beiden hindurch. Sie standen einige Meter auseinander und hatten keine Waffen gezogen, daher dachte er, das Risiko eingehen zu können.

Die Kerle hielten ihn nicht auf, doch ein weiterer Wärter – einer der Tieflinge, der in der Nähe eines Luftschiffes stand, brüllte ihn an stehen zu bleiben. Ohne abzubremsen oder zu verlangsamen sprintete Kunwolf auf das Luftschiff zu.

Klar was er wollte, das Ding kapern. Kunwolf rannte einfach weiter, auf einem Kurs, der ihn in mehreren Metern Abstand an dem Fettsack vorbeiführen würde. Das Vieh betätigte etwas, dass er auf seiner Armrüstung trug. Augenblicklich zog sich die Hundemarke um Kunwolf Hals enger zusammen.

Es schnĂĽrte tief ins Fleisch, drĂĽckte ihm den Atem ab. Er zerrte daran, konnte es aber nicht lockern, geschweige denn abreiĂźen. Vergeblich nach Luft japsend, schleppte er sich noch einige Schritte Richtung Luftschiff und stĂĽrzte da zu Boden.

Ich dachte er wĂĽrde ersticken, wenn sie das verdammte WĂĽrgehalsband nicht wieder lockerten. Ich wusste schon warum ich Magie und Magier hasste.

Sie ließen ihn noch eine Zeit lang liegen, bis er aufhörte sich zu wehren und nur noch nach Luft schnappte.

„Bist keiner von der hellen Sorte hä?“, antwortete der Tieflinge und tätschelte Kunwolf den Schädel.

Unfähig zu antworten, bäumte sich Kunwolf auf. Ich dachte mir nur Respekt Kuni, ändert aber nichts am Endresultat. Er starrte den Tieflinge noch einige Sekunden hasserfüllt an, senkte aber dann Blick wie es Pflicht ist wenn man einem der Wächter gegenüber steht.
Blick auf die FuĂźspitzen, kein Blickkontakt zum Wachpersonal. Blickkontakt wird als versuchter Angriff gewertet.

Was verständlich ist, wer mit gesundem Verstand würde einem Geistmagier in die Augen starren?

„Auf den Bauch, sofort“, bellte der Fettsack und Kunwolf gehorchte mit gefletschten Zähnen. Der Tieflinge betätigte etwas. Die Hundemarke weitete sich ein wenig, so dass Kunwolf Luft bekam.

„Steh auf. Raus hier und sofort zurück hinter die Absperrung. Ich hoffe Du hast Deine Lektion gelernt“, donnerte der Kerl und verpasste Kunwolf eine schallende Ohrfeige.

Kunwolf nahm sie hin ohne einen Ton zu sagen und gehorchte. Er trottete zurĂĽck zu mir und Brandur. Kaum hinter der Absperrung dehnte sich die Hundemarke wieder.

Die einzigen Worte die Kunwolf aus seiner geschundenen Kehle presste waren –
beim nächsten Mal… bist Du tot…

Erneut vergingen Wochen, nach diesem Vorfall.
Müßig alle Kleinigkeiten aufzuzählen, ich bleibe beim roten Faden – nämlich dem Plan von Kunwolf.

Als hätte ich nicht schon genügend Sorgen gehabt, fing nun Kunwolf an, sich irrational, ja richtig wahnsinnig zu gebärden. Brandur verhielt sich weiterhin völlig normal. Um ihn musste ich mich nicht sorgen. Aber sicher war sicher, ich behielt beide im Auge, denn für Verfehlungen wurde stets das gesamte Trio bestraft. Gruppenfestigung nennt man diese Form der Folter.

Kunwolf klapperte alle „Sehenswürdigen“ ab, suchte scheinbar wahllos Biotope auf, führte Gespräche von unterschiedlicher Dauer mit anderen "Gästen", Wachpersonal wenn sie sich drauf einließen, oder anderen Insassen. Wozu sie da waren, verrieten sie uns nie. Kurzum er recherchierte verdeckt wie ich es selbst kaum besser hätte machen können.

Zwischendurch ruhte er stets nur wenige Stunden. Meist schlief er zwei oder drei Stunden irgendwo. Er benötigte nicht viel Schlaf, oder konnte nicht richtig schlafen.

War er in Brandurs Abtastreichweite, dann überwachte er seine Gedanken. Kunis Gedanken schwankten gelegentlich in Richtung eines merkwürdigen tranceartigen Zustands – nämlich immer dann, wenn er etwas Unerlaubtes anstellte, von Tieflinge oder anderem Wachpersonal erwischt und via Hundemarke abgestraft wurde.

Dessen ruckartiges Zusammenziehen registrierte Brandur, desgleichen die resultierende Atemnot, Brand war mit Kunwolf mental verbunden. Hingegen fehlten die Anzeichen für Schmerz oder Panik, die damit hätten einhergehen sollen. Anders ausgedrückt, dass Kunwolf zu ersticken drohte ließ ihn kalt.

Brandur erklärte mir, dass nichts auf Drogenkonsum hinwies.
Brand vermutete eine schlagartig aufgetretene geistige Störung.

Als sei ihm vollkommen egal, dass er bei diesen gewagten Selbstversuchen Kopf und Kragen riskierte, probierte er immer wieder aus, wie weit er gehen konnte.

Zwar griff er keine Tieflinge oder Wachen an. Aber er überschritt jede Absperrung, die er finden konnte, obwohl diese eindeutig markiert waren. Mutwillig und gezielt, natürlich nur dann wenn auch ein Wächter guckte!

Gänzlich durchgedreht war er nicht, denn er ließ sich jedes Mal im letzten Moment bändigen und fügte sich. Dann zog er sich zurück, wechselte die Position und kaum hatte er sich erholt, provozierte er anderswo erneut.

Kunwolf legte eine bemerkenswerte Ausdauer an den Tag. Er versuchte sogar den Grenzfluss am Perimeter der Kuppel zu durchtauchen, mit roher Gewalt SicherheitstĂĽren aufzubrechen oder sonst wie in Bereiche einzudringen, die nur dem Personal vorbehalten waren.

Vergeblich, erwartungsgemäß fruchtete nichts davon, dennoch gab der Kerl nicht auf.

Was bezweckte er? Das fragten Brandur und ich uns fast jeden Abend.

"Weshalb weigert er sich, die Nutzlosigkeit seiner Vorstöße einzusehen? Ist er lebensmüde geworden? Oder hat er eine Krankheit?", fragte Brandur nicht zum ersten Mal.

Brandur und mir bereitete Kunwolf durch sein wahnsinniges im wahrsten Sinne des Wortes halsbrecherisches Verhalten erhebliche Probleme.

Die Ăśberwachung bemerkte irgendwie alles. Wie oft ein Insasse aus der Reihe tanzt, nicht rechtzeitig zu einem Termin erschien, seine Befugnisse ĂĽberschritt oder sonst wie Vorschriften verletzte, so dass er mit Stressband gemaĂźregelt werden musste.

Dreimalige Auffälligkeit mit Maßregelung innerhalb einer Woche, Tanzplatte für das ganze Trio.

Da weder Brandur noch ich der Tanzplatte etwas abgewinnen konnten, war bald unsere Freizeitbeschäftigung Kunwolf an seinen Aktionen zu hindern.

Kurz vor Einschluss war es Brandur leid und bat Kunwolf endlich mit dem Wahnsinn aufzuhören, oder ihn einfach direkt umzubringen per Genickbruch. Er hätte keine Lust mehr auf den Psychokrieg.

Kunwolf schaute ihn kurz verständnislos an, ehe so etwas wie Verstehen in seinen Augen aufblitzte.

"JUNGS… Friede. Ich dachte Ihr versteht dass", erklärte er.

"Ich verstehe nur, dass ich nicht mehr kann und nicht mehr will und die Schnauze von Dir gestrichen voll hab", antwortete Brandur, kroch in seine Koje und rollte sich zusammen.

Ich schaute Brandur kurz nach und in dem Moment war ich wirklich stinkig. Kunwolf spĂĽrte dass ich ihn angreifen wollte und unterdrĂĽckte meine Wut, ĂĽberlagerte sie mit sinnlosen Gedanken, nur damit ich von meinem Stressband nicht stranguliert wurde.

"WAS SOLL DAS?", schrie ich ihn an.
"Ich teste das Gebäude systematisch auf Schwachstellen. Heute hab ich sofort die Pläne der Regenanlage gezogen hinterm Fluss. Und die Bestrafung ist eine Lüge Dunwin! Egal was ich tat, egal wie oft ich eine Verfehlung beging, sie hatten niemals wirklich die Absicht mich zu töten!

Die Todesstrafe durch Erdrosselung ist ein Bluff! Ich stehe noch, ich lebe noch! Wir können fliehen! Und Dunwin, ich weiß den Weg nach draußen", erklärte er mir so freundlich und leise, dass ich zusammenzuckte.

Ich wusste nicht ob es wegen der Information war, oder weil mich seit Jahren das erste Mal wieder jemand wirklich freundlich behandelte.

"Fliehen? Raus? Raus wohin raus?", fragte ich total perplex.

"Hör Dir den Wahnsinn nicht an! Er redet von der Fremde. Niemand kann ohne passende Ausbildung die Welt verlassen und in die Fremde gehen. Und warum? Weil man dort verreckt, sie ist tödlich!", schnauzte Brandur.

"Armes Ding, Du glaubst auch alles was man Dir erzählt", zischte Kunwolf.
"Ja dafĂĽr glaubst Du rein gar nichts. Sagt man guten Morgen, guckst Du doch als Erster ob nicht Nacht ist. Dunwin geh lieber schlafen eh der Apell kommt", sagte Brandur.

"Morgen trainieren wir im Besteigerzimmer", lachte Kunwolf.
"BERG-STEIGER-ZIMMER! Besteigerzimmer, Vollpfosten", fauchte Brandur.

"Ja oder da. Egal. Haltet Euch bereit", forderte Kunwolf.
"WofĂĽr?", hakte Brandur nach.
"DrauĂźen", antwortete Kunwolf und legte sich in seine Koje.

Ich musterte die beiden Streithähne eine Weile, als ich Schritte auf dem Flur hörte und schleunigst machte, dass ich in die eigene Koje kam.

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Re: Trio - 155 n.d.A.

#5

Beitrag von Dunwins Geist » Mo 25. Jun 2018, 18:19

Flucht


Es war fünf Minuten vor sechs, als wir den neuen Trainingssaal erreichten. Wir waren eilig durch das Untergeschoss geflitzt, aber ehe wir eintraten zögerten wir kurz und musterten Kunwolf.

"Ich hoffe Du weiĂźt was Du tust", flĂĽsterte ich ihm zu.
"Vertraut mir, ich weiĂź was ich tue", antwortete Kuni gut gelaunt und Brandur schĂĽttelte nur den Kopf.
Komischerweise tat es gut, sich der Hoffnung hinzugeben, die uns dazu gebracht hatte in aller FrĂĽhe aus dem Bett zu springen und uns direkt auf den Weg zu machen.

Nicht dass wir hätten kneifen können, aber wir waren extrem pünktlich. Natürlich nicht zu pünktlich, was bei Kunwolf sofort aufgefallen wäre.

Die Hoffnung trug uns, wir folgten einem Plan der nach Brandur Meinung direkt zum Scheitern verurteilt war.

Zurückbleiben wollte er aber auf keinen Fall. Wir gingen unter einer großen Infotafel hindurch, auf der Eingang stand, und stiegen eine Wendeltreppe hinauf und standen vor dem Eingang des Saals. Die Landschaft im Trainingssaal war großartig. Natürlich hatte ich gehört, dass es dort Gebirge gab und nun konnte man sie zum ersten Mal sehen.

Brandur bekam beim Betreten des Saals regelrecht einen Schock. Der Raum begann in einem grasbewachsenen Tal und erstreckte sich bis zu hohen Gipfeln, die mit funkelnden Gletschern bedeckt waren. Es war wirklich atemberaubend schön… wie jede Illusion.

Die meisten anderen Teilnehmer die ebenfalls an der Tour teilnehmen mussten zwecks Unterrichts, hatten sich hingesetzt, banden ihre festen Schuhe zu oder packten ihre Rucksäcke. Jedes Trio hatte einen. Ab und zu hielten sie inne, um die überraschten Neuankömmlinge zu beobachten und über ihren Gesichtsausdruck zu lachen. Dann wurde der Staunende von allen mental geknufft. Magier eben...

Eine Kleine aus unserer Ausbildungstruppe bekam beim Anblick dieser Landschaft nervöse Zuckungen und jammerte, ihr sei schwindlig. Einige wiesen sie auf die Wände hin, dass es gar kein offenes Gelände wäre.

Die Wände würden den Saal ganz sicher von allen Seiten umgeben, hier konnte nichts Gefährliches eindringen. Sie sollte keine Angst haben, es waren dieselben Wände die das Akademie schützend umgaben. Kunwolf sagte keinen einzigen Ton, bei dieser Info.

Die Kleine entspannte sich allmählich und Kunwolf hielt unauffällig Ausschau nach Sicherheitsleuten. Er blickt einfach in der Gegend herum, als wollte er sich an das grelle Licht gewöhnen.

"Alles in Ordnung", flĂĽsterte Kunwolf ganz entspannt.

Er spielte den GleichgĂĽltigen, aber ich kannte ihn gut genug um zu merken, dass er vor Sorge und Aufregung leicht zitterte. Seine braunen Augen blitzten als er uns eine Kopfnuss verpasste.

"Immer noch entschlossen?", fragte ich Brandur.
"Immer noch, ich kann Dich doch mit dem nicht allein lassen", grinste Brand.

Die meisten Wanderer waren zum Aufbruch bereit. Der Saalwanderweg war etwa lang, ein Zeltlager war vorgesehen. Auf halber Strecke würde es Verpflegung geben und die falsche Sonne schien jedem gute Laune zu bescheren. Ich mochte das Ding von Anfang an nicht. Sonne zerstört meine überempflindliche Haut und schmerzt meine Augen. Selbst wenn ich nur kurz vor die Tür gehe, muss ich meine Haut komplett bedecken, sonst erleide ich Verbrennungen, wie andere nach einem stundenlangen Sonnenbad und meine Augen sind extrem lichtempfindlich.

Irgend ein dussliger Heiler meines Vater meinte einst, ich wäre ein Teil-Albino. Das würde meine seltsame Augenfarbe erklären, ebenso weshalb meine Haare nicht weiß wären. Nun falls es stimmt, ist es eben so.

Ich beobachtete Kunwolf. Noch die kleinste Geste verriet Energie und Auflehnung. Brandur folgte meinem Blick. Als uns der Trainer alle kontrolliert hatte marschierten wir los.

„Die Wände existieren da draußen auch wirklich ja Sire?“, fragte die Kleine, die vorhin bereits fast zusammengeklappt wäre.
„Natürlich. Die Panzerungen halten Explosionen und Giftangriffen stand. Deine Sicherheit ist garantiert. Niemand wird Dir hier etwas zu leide tun“, antwortete der Trainer.

Ich hoffte inständig dass er nicht über die Schulter schaute. Für Sekunden war der Blick von Kunwolf absolut tödlich und ich meine das wörtlich.

Bei der Erwähnung dieser Bedrohungen ging ein Gemurmel durch die Gruppe. Jeder wusste wer so etwas tat. Goblins und Almanen. Sie bedrohten jeden und die Freiheit aller freier Naridier, so dass man abgeschottet leben musste.

Märchenstunde, die Gobos und Almanen in der Fremde glaubten das vermutlich von uns auch. Die Blicke richteten sich mit Besorgnis auf die Berge.

„Na na, Ihr könnt Euch total frei fühlen, genießt den schönen Tag. Beachtet nur einige Regeln. Es ist verboten sich den Wänden zu nähern oder sie gar zu berühren. Ihr dürft an den Rastplätzen selbstverständlich kein Feuer machen. Jeder steckt eine eigene Trinkflasche ein. Und jetzt schöne Tour", schloss der Trainer.

Die Zuhörer murmelten verschiedene Antworten. Wie eine kleine Armee beim Feldzug setzte sich unsere Gruppe in Bewegung. Wir sollten uns nicht allzu weit zerstreuen, damit die Überwachung einfacher wäre.

Es ging natürlich nicht um Kontrolle – nein, ach was. Es ging allein um unsere Sicherheit, natürlich.

Die Wanderung führte zunächst an einem Fluss entlang was Brandur besonders freute. Warum er Wasser so liebte, war mir immer ein Rätsel. Ich nahm ihm den Rucksack ab, damit er stöbern gehen konnte. Wir überquerten den Fluss an einer Furt, Brandur musste natürlich mitten durchs Wasser latschen und gab dabei Geräusche von sich, die kein Hohenfelde von sich geben sollte.

Dann bog der Weg in einer weiten Kurve nach rechts und tauchte in ein bewaldetes Gletschertal ein. Am Boden drängten wilde Pflanzen und man hatte nach einiger Zeit vergessen, dass über einem eine Kuppel war. Der Weg wurde so schmal, dass wir im Gänsemarsch laufen mussten.

Kunwolf ließ sich zurückfallen und ging als Letzter. Wir taten es ihm unauffällig gleich, so als wären wir einfach zu faul richtig stramm weiterzulaufen. Über uns an dem Hang mit Geröll, zog die Gruppe je nach Kondition der Wanderer weiter. Auch die Letzten waren schon außer Hörweite. Kunwolf ging vor und wir folgten ihm wie treue Hunde.

Wir kletterten einen anderen Hang hinauf und waren bald schweißgebadet. Dabei schüttelte ein kräftiger Wind die Baumwipfel und am Flussufer unter uns glitten die Böen in silbrigen Wellen durch die Blätter der großen Weiden.

Alles perfekt imitiert. Kunwolf führte uns auf ein Plateau und dann an einem Berggrat entlang. Die Wände umschlossen uns wie ein Rohr. Auf der einen Seite erhoben sich verschneite Felsspitzen, auf der anderen führte der von Lärchen bedeckte Hang ins Tal.

Das Auge verlor sich im dunklen Unterholz des Waldes. Brandur trank einen Schluck Wasser und drĂĽckte mir die Flasche in die Hand. Ich tat es ihm gleich, gab Kunwolf Wasser und wir wanderten weiter.

Kleine Tannenzapfen, die die Parkwächter wahrscheinlich jeden Abend mit Harken auf dem Weg verteilten, knackten unter unseren Schuhen. In den Baumwipfeln zwitscherte es. Ein Grunzen. Brandur und ich fuhren zusammen, aber es war Kunwolf.

`Schnell! Alles läuft wie geplant! Sie denken wir sind vorne, keiner vermisst uns. Wenn alles gut geht, geben sie erst heute Abend Alarm, wenn sie auf dem Rastplatz merken dass wir fehlen´, freute sich Kunwolf.

Er grabschte uns und rannte auf den steilen Hang zwischen den Bäumen zu. Der Nadelteppich knackte unter unseren Füßen, als wir wie die Irren bergab rannten. Niedrige Zweige klatschten uns ins Gesicht, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, hielten wir uns an den Baumstämmen fest.

Im Schwung unserer Bewegung prallten wir plötzlich gegen eine Mauer. Ein vibrierender Ton war zu hören. Und wir stürzten zu Boden. Kunwolf richtete sich auf, er war über und über mit Nadeln bedeckt und half mir und Brandur beim Aufstehen.

Ich starrte die Mauer an, wollte sie berühren, traute mich aber nicht. Ich hatte Angst, dass ich damit Alarm auslösen könnte. Es war das erste Mal dass wir der Grenze so nah waren.

Der Hang, den wir hinuntergerannt waren, war so steil, dass wir unmöglich wieder hochklettern konnten. Wir waren in einer finsteren, stickigen Sackgasse gelandet. Ich schaute rückversichernd zu Brandur. Seine Veränderung steckte mich an. Alles was an ihm unsicher, unschlüssig und unausgelastet erschienen war, hatte einer geradezu erschreckenden Energie und Willenskraft Platz gemacht. Seine Augen glänzten wie die von Kunwolf, er lauerte auf ein Opfer, spitzte die Ohren und neigte den Oberkörper vor um schnellstmöglich Energie sammeln zu können.
Wir liefen in einem spitzen Winkel direkt an der Wand entlang. Piniennadeln hatten die Spalte, wo die Wand im Boden verschwand gefĂĽllt. Dadurch bildete sich ein schmaler weicher Weg, der manchmal nachgab, aber im Ganzen fest und begehbar war. Es war ziemlich bequem sich von der langen Wand fĂĽhren zu lassen.

Ich fragte mich, wo wir eigentlich hinwollten. Wenn wir nur der Mauer nachliefen, waren wir irgendwann wieder im Haupthaus. Aber Kunwolf sah ganz so aus, als wüsste er, wohin er ging, und so hielt ich mich mit meinem Kommentar zurück. Es war zwar sehr unwahrscheinlich, dass es im Unterholz Fallen gab, sicher hatte er deshalb beschlossen den Weg zu verlassen, aber mit magischen Überwachungsmaßnahmen musste man ständig rechnen.

Der Vogelgesang war immer noch zu hören. Nachdem wir eine gute Viertelstunde an der Wand entlang gelaufen waren, blieb Kunwolf stehen. Wir sahen, dass er die Wand mit größter Vorsicht berührte. Er kramte in seiner Hose herum, brachte eine kleine Leinentasche zum Vorschein. Er öffnete sie und zog einige kleine Werkzeuge heraus – Zange, Schraubendreher und so weiter. Brandur konnte es kaum fassen, dass Kunwolf diese verbotenen Objekte vor den Sicherheitskräften verborgen hatte. Wie hatte er sie nur verstecken können?

Mittlerweile hatte ich mich an den grünen Halbschatten gewöhnt und erkannte wonach Kunwolf tastete. Da wo wir stehen geblieben waren, schlängelte sich am Hang ein Flussbett zwischen den Bäumen. Im Moment war es trocken, aber nachts, wenn die Beregnungsanlagen angeschaltet wurden, die die Bäume und Pflanzen unter der Kuppel mit Wasser versorgten, rann sicher das überschüssige Wasser durch diesen Kanal.

Da wo er auf die Wand traf, befand sich eine Öffnung, die sich wahrscheinlich von der Schaltzentrale bedienen ließ. Etwa einen Meter über dem Boden war tatsächlich ein breites Metallscharnier zu sehen. Das Wandviereck darunter bildete eine Art Klappe.

Kunwolf zog vorsichtig die Verkleidung des Scharniers ab und setzte mit sicheren Bewegungen die Werkzeuge ein, um den Mechanismus in Gang zu bringen. Mental manipulieren wollte er nichts, Schutzzauber wĂĽrden eher das ĂĽberprĂĽfen, als einen simplen Handwerkervorgang.

Nach einer ganzen Weile begann sich das Viereck nach außen zu bewegen. Die Öffnung war groß genug, um auf allen vieren hindurch zu kriechen. Kunwolf packte das Werkzeug zusammen, griff nach dem Rucksack und verharrte kurz, wie ein Wachhund. Er lauschte, ob er ein verdächtiges Geräusch hörte.

Nichts. Nichts nur eine unerwartete Wahrnehmung, ein Geruch, der von der anderen Seite kam. Ehe Kunwolf durch die Öffnung in der Wand schlüpfte, lächelte er uns zu.

Es war das erste Lächeln eines Menschen dass ich sah ohne Bitterkeit, Ungeduld, Todesangst - eines das kein verzerrtes Grinsen war.

Als ich an der Reihe war, folgte ich Brandur und warf keinen Blick zurĂĽck als ich in die verbotene Zone hineinkroch.

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#6

Beitrag von Dunwins Geist » Mo 25. Jun 2018, 18:27

Unterwegs im Nirgendwo


Eine ganze Zeit später lagen wir im hohen Gras und dösten. Kunwolf atmete tief und auf seinem Gesicht lag ein friedlicher Ausdruck, so wie man ihn nur im Schlaf hat. Obwohl ich die Ruhe genoss, war ich wachsam und besorgt. Man brauchte schon Kunwolf Begeisterung um zu glauben, dass wir mit Erreichen der verbotenen Zone im Draußen waren.

Eigentlich fühlte ich mich beschissener als je zuvor. Ich fühlte mich eingeschränkter, bewachter, bedrohter und weniger frei als hinter der Mauer. Da war zunächst mal dieser ständige Gestank. Irgendwas war verbrannt und stank einfach in der Gegend rum.

Nachdem wir die Wand hinter uns gelassen hatten, waren wir etwa zehn Stunden gelaufen. Weil wir vermuteten, dass diese Zone noch mit Schutzzaubern gespickt war, hatten wir uns bemüht im Schutz der Bäume zu bleiben. In Wahrheit war diese Gegend von zahlreichen Wegen durchzogen. Allerdings trafen wir keinen einzigen Menschen.

Kunwolf gab sich selbstsicher und tat, als wüsste er wohin wir gingen. Aber wir wussten, dass er nichts wusste. Er kannte nur den Weg bis zum Loch in der Mauer. Wir waren zunächst an einen Bergsee gelangt. Ein dichter Tannenwald reichte bis ans Ufer. An einer Stelle, wo ein kleiner Fluss mündete, war er zur Hälfte mit Schilf bedeckt.

Der Sonnenuntergang malte rätselhafte Zeichen in den rosa-gefärbten Himmel mit Strudelwolken. Meine Interpretation war nicht gerade optimistisch. Wir warteten die Dunkelheit ab, aßen etwas und schliefen eng aneinandergedrückt ein, da uns lausig kalt war. Am frühen Morgen weckte uns die Feuchtigkeit der Berge und des Sees. Wir wuschen uns im kalten Seewasser. Brandur funkelte Kunwolf an.

"Was hätten wir denn jetzt anderes in der Akademie getan?", fragte er verdrießlich.
"Tja uns wäre die ständige Angst erspart geblieben, der Gestank, die Beklemmung, die Kälte", schlug ich vor.

"Wir sind noch gar nicht weit gekommen und Ihr beschwert Euch ĂĽber Unbequemlichkeiten. Na kommt schon, es wird besser ich verspreche es", grinste er uns an und erneut folgten wir ihm.

An dem Morgen kam ich mir vor, wie jemand der sein Bewusstsein verloren hatte und nun allmählich seine Sinne wiederfand. Ich verließ mich einfach auf Kunwolf. Sein Motto war einfach stur geradeaus weiterlaufen. Es würde eine andere Umgebung folgen müssen, oder eine Mauer für neue Räume.

Am Nachmittag hatte die Sonne den kalten Nebel vertrieben und die Natur samt uns getrocknet. Eine Brise aus dem Westen trieb mächtige Wolken über uns dahin. Kunwolf lief schneller, da er glaubte einen Durchgang entdeckt zu haben. Er irrte sich und wir mussten zweimal umkehren. Den Irrtum nahmen wir ihm nicht übel, wir hatten ebenso gehofft.

Wir hatten noch öfter umzukehren und uns zu verstecken, wenn die beiden Magier Wachposten erspürten. Schließlich beschloss Kunwolf einen Umweg durch die Berge zu nehmen, und wir folgten einem viel versprechenden schmalen Pfad.

Als wir gerade den Gipfel erreicht hatten und auf der anderen Seite absteigen wollten, endete der Weg jedoch unverhofft an einem grasbedeckten Felsvorsprung in einem Abgrund. Auf dem Weg dorthin hatte Brandur die ganze Zeit gegrĂĽbelt. Nun war er erfĂĽllter denn je mit Pessimismus.

"Unmöglich, dass diese Flucht eine Chance bietet. Lasst uns umkehren", schlug er vor.

Während Kunwolf die Umgebung abtastete, machten es sich Brandur und ich gemütlich und breiteten unsere Sachen aus. Die Kraft mit der wir vorher gewandert waren, hatte uns verlassen. Brandur lehnte sich erschöpft gegen mich und mir erging es auch nicht besser. Wir blieben lange Zeit so sitzen. Kunwolf gesellte sich schweigend dazu. Uns wurde kalt vom Wind, so leicht und freundlich er auch war, aber wir froren uns den Arsch ab. Wir suchten uns Schutz in einer Felsspalte und quetschten uns hinein. Wie bleiche Eulenküken hockten wir da, genauso aneinander geschmiegt um nur kein einziges Grad Körperwärme zu verlieren.

"Und jetzt sag uns, wo wir wirklich hingehen Kunwolf", bat Brandur leise.

Kunwolf schien sich einen Moment zu verkrampfen, dann als Brandur nicht den Blick von ihm abwandte, gab er auf.

"Jungs, ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung", sagte er und lieĂź den Kopf sinken. Wir umarmten ihn und hielten ihn fest.
"Erklär es uns endlich", forderte ich ihn freundlich auf.
"Ich ersticke, nicht an der Hundemarke, an dieser Welt. Ich kann so nicht leben. Ich will weg. Ich will woanders leben. Ich möchte sagen was ich gerne tun mag. Ich möchte keine Heiler mehr sehen. Ich möchte eine Welt mit einem echten Bett, einem eigenen Zimmer, dass nicht von außen abgeschlossen wird.
Wo leben denn die Goblins und Almanen wirklich?

Es kann doch nicht überall das Herrenhaus, die Akademie oder sonst was sein. Es gab doch auch mal eine andere Welt. Ist alles jetzt überwacht? Wo sind denn die anderen, für die wir das Kämpfen lernen? Oder rächen wir sie nur noch? Wo sind die Feinde? Und wo unsere Schutzbefohlenen? Ich will sie sehen. Hast Du sie je gesehen Brandur oder Du Dunwin? Verstehe ich nicht. Aber ich will es verstehen. Da stimmt hinten und vorne etwas nicht", versuchte Kunwolf seine Gedanken zu erklären.

Seine Gedanken waren meist extrem sprunghafte Bilder und Infos, das es einem schwindlig werden konnte.

"Vater sagt nur im Herrenhaus wären wir wirklich sicher…", setzte Brandur an.
"Sicher? Sicherheit? Wie sicher fĂĽhlst Du Dich auf einem Behandlungsstuhl? Wie sicher fĂĽhlst Du Dich auf der Tanzplatte? Wie sicher fĂĽhlst Du Dich auf dem OP-Tisch? Ich will das nicht mehr!

Wer sagt denn nicht, dass dort draußen gute Menschen warten. Solche die keine Fischfressen brauchen und Hundemarke um uns zu bändigen. Menschen wie wir, Menschen die Magie beherrschen aber sie nicht missbrauchen für Schmerzen. Menschen mit denen wir mental reden können und gute Seelenfarben haben. Wahre Farben, bunte und warme Seelen.

Nicht ekelhaft stumpf sind und uns stumpf machen aus Angst und den ganzen Tag nach Lüge stinken. Ich würde sie so gerne töten. Alle. Allein vorrang.... Vater... aber kein einziges Mal erhielt ich eine Gelegenheit dazu", sinnierte er traurig.

"Du hältst Dich wohl für viel schlauer als mich hä? Aber Du kannst doch wohl nicht leugnen, dass die Welt so ist, wie sie ist. Es gibt nichts anderes!", rief Brandur empört.
"Er meint es nicht gegen Dich Brandur, er hat nur erzählt was er sieht und was er sich wünscht. Aber ich glaube Brandur hat Recht. Nicht die beste aller Welten in der wir leben, aber so ist das nun mal. Und das Problem ist nicht Vater allein... das Problem ist die Magie selbst... gäbe es sie nicht, gäbe es keine Probleme!", warf ich ein.

"NIEMALS! Wie soll Magie ein Problem sein, es ist eine Gabe, ein Geschenk. Ich glaube immer noch, dass es ein Woanders gibt! Es muss so sein. Woher kommen naridische Goblins, wenn es keine anderen Goblins gibt? Woher die Almanen? Woher? Aus der Fremde! Und da gehen wir hin!", beharrte Kunwolf stur.

Brandur seufzte und nahm Kunwolf in die Arme.

"Das hast Du uns doch erklärt Kunwolf. Und weil wir Dir vertrauen, haben wir Dich begleitet Bruder. Für Dich sind wir mitgelatscht. Nur für Dich ist Dunwin hier und ich auch. Und Du hast gesehen, hier gibt es nichts. Nun bist Du an der Reihe. Finde Dich für uns mit der Wirklichkeit ab.

Dein Woanders gibt es heute nicht mehr. Es existiert nur noch in Deinen Träumen Bruder. Vielleicht ist es eine uralte Erinnerung oder Wahrnehmung die noch im Nexus verhallt. Ich denke es sind die besagten Aschelande. Es ist zerstörtes, verdorrtes Land. Sag es ihm Dunwin", bat Brandur.
"Er hat Recht Kunwolf. Schau Dich um, nur Brachland, sonst nichts. Es wird eine sterbende Erinnerung sein im Nexus. Wie das Licht. Denk an das Licht und was wir darüber lernten. Wenn Du heute einen Stern sehen könntest, ist der Stern vielleicht schon lange tot. Aber das Licht hat uns heute erst erreicht. So ist es auch mit dem Draußen, dem Woanders", versuchte ich als Junge zu erklären.

"Schenkt mir noch zwei Tage, wenn der dritte anbricht ohne das sich etwas ändert, gehe ich mit Euch freiwillig und ohne zu murren zurück", bat Kunwolf.
"Aller guten Dinge sind drei, wir geben Dir drei Tage und Du fĂĽhrst uns dann zurĂĽck", antwortete Brandur.
"Na also geht doch, schön wenn Ihr Euch vertragt. So machen wir es, eine faire Lösung", stimmte ich zu und wir quetschten uns tiefer in die Felsspalte.

Brandur kramte einige Proviant-Kekse heraus und wir teilten sie uns brĂĽderlich vorm Schlafen.

Komisch war nur, dass Kunwolf und ich dort in der eisigen Kälte, eingeklemmt in einer Felsspalte an Brandur gedrückt besser schliefen als jemals zuvor in unserem Leben.

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Re: Trio - 155 n.d.A.

#7

Beitrag von Dunwins Geist » Mo 25. Jun 2018, 18:28

Katzen und Zeichen


Tag eins und Tag zwei änderte überhaupt nichts, denn wir waren zu faul um uns überhaupt von der Stelle zu rühren. Oder zu durchgefroren, was auf die gleiche Scheiße rauskommt.

Am dritten Tag machten wir uns ausgeruht auf den Weg. Es war die härteste Kletterei von allen, in der brütenden Sonne einen steilen Bergpfad hoch. Als wir auf einer von Felsbrocken übersäten Wiese mit Blick ins Unendliche unser Lager aufschlugen, hatten sogar meine Blasen, Blasen.

Wir rasteten einige Stunden, dann ging es weiter. Wir hatten noch einige Kekse. AuĂźerdem hatten wir noch unsere drei Feldflaschen Wasser.

Wir wanderten weiter und die Landschaft wurde flacher, weniger Steine bis wir nur noch über Graslandschaft liefen. Eine riesige Katze, die größte die ich je in meinem Leben gesehen habe, sprang erschrocken auf musterte uns aus wilden, funkelnden Augen und flitzte vor uns dreien davon.

"War die schön. Habt Ihr die gesehen?", fragte Kunwolf staunend.
"Ein Zeichen, sie ist wild und frei. Was meinst Du Dunwin?", fragte Brandur.
"Wohl wahr, wandern wir weiter. Am besten in die Richtung in der die Riesenkatze lief", schlug ich vor und Kunwolf nickte begeistert.

"Vielleicht können wir Kontakt zu ihr aufnehmen! Ein Versuch ist es wert! Ich hatte mal eine Maus. Sie war klein, grau und pelzig", erklärte er uns grinsend.
"Ich hatte eine Arashi. Sie war klein, schwarzhaarig und gebräunt", hielt ich dagegen.
"Ich hatte kein Haustier", sagte Brandur bekĂĽmmert, und wir nickten bedauernd.

Wir liefen noch eine ganze Weile, die Schmerzen in unseren FĂĽĂźen waren vergessen, die Katze hatte uns neuen Mut und Kraft gegeben. Unseren Marsch setzten wir bis in die Nacht hinein fort, und schlug erst unser Lager auf als die Sterne am Himmel erschienen.

Als wir im Morgengrauen erwachten, waren unsere Sachen vom Tau durchnässt. Wir wrangen sie aus, packten unsere Sachen zusammen und aßen einige Kekse, die Brandur bis zum Schluss aufheben wollte.
Die Feldflasche von Brandur war leer, also gaben Kunwolf und ich ihm etwas ab, damit jeder wieder den gleichen Anteil Wasser hatte.

Im Tageslicht konnten wir sehen, dass in weiter Ferne die Graslandschaft von einer Schneise unterbrochen wurde. Ein Weg. Wir wussten, dass wir uns beeilen mussten, weil uns die Betreuer bald vermissen wĂĽrden, wenn sie es noch nicht getan hatten.

Wir rannten wie die Wilden hin und untersuchten den Weg auf Spuren. Dabei überlegte ich wie wir wohl verhindern konnten zu verhungern, wenn auch die restlichen Kekse aufgefressen waren, als ich bemerkte wie sich mein Schatten vor mir verlängerte.

Eine Kutsche kam die Straße entlang und wir starrten das Gefährt nur an.
Wir stellten uns mitten auf die Fahrbahn und warteten ab.

Ein groĂźes Fuhrwerk mit zwei schweren Pferden. Aber das Ding hielt fĂĽr uns an, oder wollte uns nicht plattfahren.

Gestank schlug mir entgegen als ich mich dem Fahrerhaus näherte. Jetzt mussten wir klug vorgehen. Wenn jemand zu einem aufschaut, vermeidet er Blickkontakt. Schaut er aber nach unten, wähnt er sich in der besseren Position und starrt einem vermutlich ins Gesicht.

Kunwolf ging also auf das Fahrerhaus zu, „stolperte“ und schaute nach oben. Ein mürrischer Kerl schaute heraus und auf ihn hinab. Ihre Blicke trafen sich – Bingo.

„Hallo. Meine Brüder und ich müssen zur nächsten Stadt, nimm uns mit“, befahl er dem Kutscher. Die Augen des Kutschers trübten sich etwas und er öffnete die die Nebentür.

Kunwolf und Brandur stiegen ein, ich umrundete schnell den Karren und quetschte mich zwischen die beiden.

„Los geht’s“, wies Kunwolf unseren „Freund“ an.
Mit einem irren Lachen fuhr der Bursche los.

„Was ist das für ein Gestank?“, fragte ihn Brandur.

Unser Fahrer zeigte ruckartig mit dem Daumen nach hinten zu der Ladefläche. Ich drehte mich um und drückte meine Nase gegen das Schiebefenster an der Rückseite des Fahrerhauses. Zunächst sah ich nur einen dunklen Umriss, dann erkannte ich ein Paar riesige, von einem Schleier überzogene gelbe Augen. Ich saß Auge an Auge mit der toten Katze. Ich riss meinen Kopf so abrupt zurück, dass ich einen steifen Nacken bekam.

`DIE KATZE! ER HAT UNSERE KATZE ERMORDET!!!´, dachte ich schockiert und teilte es damit schon meinen Brüdern mit.
`Töten wir ihn!´, knurrte Brandur mental.
`Noch nicht… bald´, zischte Kunwolf in unsere Gedanken und lächelte den Fahrer freundlich an.

`Abgemacht´, bestätigte ich.
`Abgemacht´, antwortete Brandur.
`Abgemacht´, stimmte Kunwolf zu und gemeinsam lächelten wir den Fahrer an.

Da Kunwolf in seinen Gedanken verweilte, las er seine Erinnerungen aus und merkte sich, wie man einen Pferdekarren steuerte. Sich etwas anzulesen ist natürlich etwas völlig anderes, als es dann selbst tun zu müssen.

`Ich verfüge über das nötige Wissen, töten wir ihn´, beschloss Kuni.

Immerhin hatte der Kerl das Symbol unserer Hoffnung hinten tot auf der Ladefläche liegen. Wir nickten zustimmend und Kun ließ den Kerl mitten auf der Straße anhalten. Wir stiegen gemeinsam aus und er ließ sein Opfer niederknien.

Brandur schaute auf die Ladefläche und zog die Katze herunter. Er drapierte sie so, dass ihre Augen auf den knienden Kerl starrten.

"Verfehlung – ich verurteile ihn zum Tod durch den Strang", fiel mein Urteil aus und ich zog ihm den Gürtel aus der schmierigen Hose.
"Dito, töte ihn für die Katze", forderte Brandur, während er die Katze in Position hielt.
"Tod dem Mörder", forderte auch Kunwolf.

Ich machte mit dem Gürtel eine Schlaufe, schlang sie dem Typen um den Hals und Kunwolf ließ ihn mental los. Es war eine Strafe und keine Erlösung, drum sollte er bei vollem Bewusstsein miterleben, was es hieß einen der unseren zu töten.

Der Kerl war schneller als ich vermutet hatte, doch er befand sich noch im Dämmerzustand und folgte fatalerweise seinem ersten Instinkt, er wollte aufstehen. Mit einem Ruck riss ich am Gürtelende und die Schlinge zog sich zu, während ich ihm ein Bein ins Kreuz stemmte um den Druck zu erhöhen. Er röchelte wie ein Schwein und meine beiden Brüder johlten vor Vergnügen.

Mir erging es nicht anders. Adrenalin durchflutete meinen Körper, und mein Körper peitschte binnen Sekunden in Kampfmodus. Der Kerl bepisste sich, während ich die Schlinge noch fester zuzog. Er wehrte sich, dabei drehten wir uns um die eigene Achse. Er starrte auf die beiden Jungs die vor ihm hüpften und johlten.

Der Kerl wollte zum Verrecken nicht verrecken. Ich zerrte und zog mit aller Kraft die ich hatte, dass zeigte endlich Wirkung. Die Augen des Mörders begannen hervorzutreten, seine Lippen wurden blau und er furzte wie ein Schwein, als er sich auch noch in die Hose schiss.

Wer jetzt erwartet, dass einer von uns Bedauern empfand, wir empfinden so etwas nicht. Im Gegenteil, jede Form von Bedauern wurde uns frühzeitig aus den Schädeln gedroschen.

Voller Genugtuung hielt ich ihn fest, bis er den Rest des Lebens ausgehaucht hatte. Und erneut stellte ich fest, wie suchterzeugend solch ein Mord war, eine Macht die in jedem Hohenfelde schlummerte.

In unserer jungenhaften Laune beschlossen wir, der Welt und jedem Katzenmörder im Umkreis eine Botschaft zu hinterlassen.

Der Kerl wurde mitten auf die Straße gelegt und mit einer Kralle unserer verblichenen Schwester ritzten wir das Wort MÖRDER in sein Gesicht und auf seinen Blähbauch.

Wir luden die Katze wieder auf, ihr Körper war schlaff, totes Fleisch und wir hatten ziemliche Probleme damit. Aber wir neugeborenen Rächer arbeiteten entschlossen an der Umsetzung unseres Plans. Schließlich war die Aufgabe erledigt. Der Typ lag mahnend für die Nachwelt auf der Straße, die Katze war verstaut und wir saßen im Pferdekarren.

"Fahr los Kun", grinste Brandur und er fuhr los.

Gut die ersten Kilometer hatte unsere Gurke ganz schön hohen Seegang, aber das tat unserer guten Laune überhaupt keinen Abbruch. Wir fuhren eine ganze Weile bis wir am Straßenrand einen großen Felsen sahen.

"Halt an. Da soll ihre HĂĽlle ruhen und Ihre Seele in den Nexus ĂĽbergehen", teilte Brandur mit.

Kunwolf hielt an und wir Drei schleppten die Katze feierlich in einer Art Prozession hinĂĽber zum groĂźen Felsen.

"Katze, da Deine Farben vor Deinem Mörder in der zweiten Ebene waren, hol sie Dir und vernichte ihn. Wir halten Deine Farben in Ehren, Du hast uns den Weg in die Freiheit gezeigt. Geist über Materie Schwester", übermittelte Kunwolf und berührte ihre Schläfe.

Wir taten es ihm gleich, um ihren Geist zu ehren und ließen sie zurück. Der Rest lag nicht mehr in unserer Hand. Wir gingen davon aus, dass der Geist der Katze sich schon ihren Anteil von dem Mörder auf der anderen Seite holen würde.

Wir stiegen wieder ein und Kunwolf gab den Pferden die Peitsche zu spüren. Es machte gewaltig Laune mit dem Karren über die Straße zu donnern, wobei wir nicht sonderlich auf die Straße achteten, sondern Kunwolf sie scheinbar als eine mögliche, vorgegebene Richtung empfand.

Kann auch daran gelegen haben, dass er in der Dämmerung nicht mehr so viel sah. Er fuhr die ganze Nacht über und verließ sich lieber auf seine andere Wahrnehmung. Also hätte uns einer erwischt, hätte ihm eh keiner geglaubt. Drei Bleichlinge, hockten in einem Pferdekarren und rasten mit geschlossenen Augen lachend durch die Nacht.

Niemals zuvor hatten wir uns außerhalb unseres Herrenhauses aufgehalten. Nach der rasanten und langen Fahrt befanden wir uns in einer völlig unbekannten Welt. Wir stellten den Karren in einer Seitenstraße ab und liefen in die Stadt hinein.

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#8

Beitrag von Dunwins Geist » Mo 25. Jun 2018, 18:31

Nirza


Die Stadt erwachte zu dem Zeitpunkt gerade zum Leben. So frĂĽh am Morgen war auf den StraĂźen kaum was los. Den vereinzelten Passanten wichen wir rechtzeitig aus, um nicht gesehen zu werden.
Es gab alle möglichen Arten von Gebäuden auf dem Hauptplatz sowie Schaufenster, in denen Dinge lagen, die wir nie zuvor gesehen hatten. Wir brauchten neue Kleidung und Nahrung.

Also klapperten wir die Gegend ab und schlichen in den erstbesten Laden den wir finden konnten. Erstaunt schauten wir uns um und befummelten die Kleidung die so ganz anders war, als die Klamotten die wir kannten. Hinter dem Tresen saĂź eine Lichtalbin und schaute uns verwundert an.

„Hallo“, sagte sie.
Wir drehten uns synchron um und sagten wie aus einem Mund „Hallo“.
Sie fand das drollig und hielt es irgendwie wohl fĂĽr eine Shownummer.
„Was seid Ihr denn für welche?“, lachte sie.

Wir schauten uns an, mit so einer freundlichen Begrüßung hatten wir eigentlich nicht gerechnet. Kunwolf und Brandur beratschlagten sich wie immer lautlos, aber Lichtalben reden ähnlich, habe ich gehört. Die Albin wartete ab und musterte uns belustigt.

`Sie ist freundlich, wir werden sie nicht manipulieren´, forderte Brandur.
`Stimmt. Verhandele. Rede mit ihr´, forderte Kunwolf, also ging er zur Albin.

„Ich bin Freihe… ehm Brandur. Wir brauchen ein paar Klamotten, damit wir nicht weiter in der alten Kleidung rumlaufen müssen. Würdest Du uns welche aushändigen?“, fragte ich sie.
„Hallo Brandur, ich bin Nirza. Natürlich könnt Ihr Kleidung erwerben, dafür hängen die Sachen doch hier. Ihr könnt Euch aussuchen was Ihr wollt, dann müsst Ihr bezahlen und sie gehören Euch“, grinste sie ihn an.

Brandur schaute zu seinen beiden BrĂĽdern und wir Spacken grinsten ihn breit an und nickten.

„Gut wir sind einverstanden. Nenn uns das Ziel“, sagte ich freundlich.
„Was?“, fragte sie verdattert.
„Die Bezahlung, sag sie mir“, forderte Brandur sie auf.
„Pinnusen?!?“, schlug sie verwirrt vor.

„Wir kennen niemanden hier und sind gerade erst angekommen. Wo wohnt es? Du musst schon genauere Angaben machen Nirza, so können wir nicht bezahlen. Ich biete folgendes an, Du lässt mich Dich auslesen, wir suchen uns was aus, Du behältst die Sachen bis wir zurückkommen und bezahlt haben. In Ordnung?“, schlug Brandur vor.

Ich fand den Handel eigentlich fair. Ich wusste ja nicht was Pinnusen waren. Wir Trottel hielten das fĂĽr einen Typen.

„Sag mal kleiner großer Mann willst Du mich verarschen?“, fragte sie irritiert.
Brandur zog nur fragend eine Augenbraue hoch und antwortete ihr mental.

`Nein, Du warst freundlich wir sind freundlich´, war seine Antwort.

Nirza starrte mich wie vom Donner gerührt an, schaute sich nervös im Laden um und eilte zur Tür. Sie wollte nicht fliehen, sie schloss die Tür ab und hängte das Geschlossen-Schild nach außen. Sie spähte aus dem Fenster, schloss die Rollläden und starrte uns drei dann an.

„Wer oder was seid Ihr?“, fragte sie mit verschränkten Armen und blieb genau vor der Tür stehen.
„Wir wollen Dich nicht verletzten Nirza, aber Du wirst uns nicht einsperren“, zischte Kunwolf von der Seite.
„Sie ist nicht bösartig, ich spüre keine Bösartigkeit, sondern… sie denkt für uns und zwar... traurig“, warf Brandur ein.

„Wir kommen nicht von hier. Du bist wirklich seltsam Nirza“, sagte ich.
„Ich bin seltsam? ICH?!? Hier stehen drei bleiche Bengel, die sich mental unterhalten, und fast wie eine Ei dem anderen ähneln und in Overalls rumrennen, die nach Anstalt, Heim oder Sklave aussehen. Ihr seid entflohene Sklaven nicht wahr? Ihr tragt Ketten“, sagte sie leise und tippte meine Kette an.

„Wenn es so wäre?“, fragte ich, während sich Kunwolf zum Kampf wappnete.
„Weißt Du nicht, dass viele unseres Volkes ebenso eine Sklaven sind? Dass man uns gefangen hält, schlägt, missbraucht und tötet? Das manche von uns niemals den Himmel sehen, weil sie ihr Leben lang in Mienen schuften. Und wenn sie das nicht mehr können, tötet man sie und verfüttert sie an ihre ehemaligen Leidensgenossen.

Ich weiß nicht woher Ihr kommt das Ihr so was nicht wisst. Aber Ihr seid Kinder, ich sehe und spüre es. Niemand sollte als Sklave leben. Niemand ist dafür geboren benutzt zu werden wie ein Ding. Kommt mit Jungs, na los kommt“, sagte sie und Kunwolf gab schneller seine Kampfhaltung auf, als ich je bei einem von uns erlebt habe. So als hätte er sich selbst schachmatt gesetzt. Selbst Brandur war baff.

`Sie ist ein Zeichen´, freute sich Kunwolf in unseren Gedanken.

Nirza schob uns in den hinteren Bereich, wo ihre Wohnung lag. Sie lotste uns in ihre KĂĽche. Sie war winzig und alt. Die KĂĽche wie auch Nirza. Nachdem wir uns hingesetzt hatten, werkelte sie eine Zeit lang herum und wir beobachteten sie neugierig.

Sie servierte uns ein riesiges Frühstück und heiße Getränke die wir nicht kannten. Danach gab es Kakao. Als Brandur eine dritte Tasse dampfenden Kakao trank, lächelte die Albin.

„Herzlichen Glückwunsch zu Eurer Flucht. Leute waren hier im Städtchen, haben nach Euch gefragt. Sie hatten eine geschlossene Kutsche dabei, die extrem stabil aussah. Sie taten unschuldig, aber ich erkenne solche Halunken sofort.

Hier seid Ihr vorerst sichern. Nachher hole ich Euch Sachen aus dem Laden. Eure alten Sachen werden wir vernichten, so finden sie Euch nicht so schnell. Wohin wollt Ihr überhaupt? Wurdet Ihr in einem Sklavenpferch geboren?“, fragte sie und strich Brandur warmherzig über den Schädel.

„Ich denke schon. Wir lebten immer in einer Art Knast, auch wenn wir es Herrenhaus schimpfen. Ich habe allerdings immer gewusst, dass es ein anderes Leben gibt und hab meine Brüder überzeugt“, grinste Kunwolf stolz.

„Das hast Du gut gemacht. Dann werde ich Euch einiges beibringen und Euch so lange es geht verstecken. Für immer könnt Ihr leider nicht hier bleiben. Hat Euch irgendwer gesehen?“, fragte sie vorsichtig.

„Ja“, sagte Brandur, die vierte Tasse schlürfend und Nirza schaute ihn beunruhigt an.
„Keine Panik, der ist tot“, sagte Kunwolf leichthin um sie zu beruhigen, „Dunwin hat ihn erstklassig erdrosselt. Keine Angst“.

„Dunwin?“, fragte Nirza.
„Ja?“, antwortete ich automatisch, so dass sie erst verdutzt guckte und dann lachen musste.

Keine Ahnung warum oder wieso, aber wir alle mussten schlagartig total blöde loslachen. Sie hielt Ihr Versprechen. Nirza brachte uns Kleidung und führte uns am Abend in ihren Keller. Ein chaotisches Quartier war dort eingerichtet. Oder sie hatte einfach alle alten Möbel hineingestopft. Nichts besonders, aber das brauchten wir auch nicht. Es war ausreichend für unsere Bedürfnisse.

Dort lebten wir einige Wochen. Jeder hatte sich eine Ecke ausgesucht, die in dem winzigen Raum sein Bereich war. Kunwolf hatte sich direkt das Sofa als Schlafplatz unter den Nagel gerissen, also teilte ich mir mit Brandur die Matratze.

Nirza brachte uns Nahrung, blieb nachts für einige Stunden und versuchte uns so gut es ging alles über die Welt beizubringen. Sie erklärte uns was Pinnusen waren, wo die Städte lagen und zeigte uns Landkarten.

Wir verbrachten unsere Zeit damit, die Karten samt den Infos zu studieren. Sie mochte uns als wären wir ihre Kinder, dass spürten wir. Aber Brandur war für sie was Besonderes.

Sie versuchte unsere Hundemarke zu entfernen, aber das war nicht möglich. Woraus sie bestanden, weiß ich bis heute nicht. Aber man kann sie einfach nicht zerstören. Warum uns die Hundemarke damals nicht verrieten, als wir durch die Wand flüchteten haben wir uns erklären können.

Die Hundemarke bestrafen nur, wenn man einen verbotenen Bereich betritt. Das heißt wenn dort passende Artefaktsteine vorhanden sind, oder Wächter die die Hundemarke manuell auslösen.

Wir betraten keinen verbotenen Bereich, wir hatten einfach die gesamte Anlage verlassen. Außerhalb der Anlage gab es keine Artefaktsteine und den Wächtern waren wir ausgewichen.

Unsere Verfolger hatten andere Möglichkeiten. Aber die wirkliche Gefahr ging von unserer eigenen Familie und ihren Geistmagiern aus. Eigentlich logisch, dass man Kunwolf und Brandur einen ihres gleichen hinterher schickte.

Ein uralter Spruch besagt, es braucht ein Monster um Monster zu fangen.

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#9

Beitrag von Dunwins Geist » Mo 25. Jun 2018, 18:33

Schutzgelderpresser


Es war einer der Tage, wo Nirza wieder bei uns unten im Keller war, als meine BrĂĽder die Anwesenheit einer Person im Haus wahrnahmen. Kun und Brand warnten sie nonverbal und wir versteckten uns.

„Spitzohr bist Du da unten? Was soll der Scheiß? Es ist der erste Freitag nach dem Ersten. Drück die Taler ab“, rief eine Männerstimme vom oberen Ende der Treppe.

Bevor sie sich selbst rĂĽhren konnte, tauchte ein Mann auf. Er war mittleren Alters und trug einen Anzug. Der Kerl machte groĂźe Augen und schaute sich um.

„Was ist hier los? Seit wann gibt es diesen Extraraum und wen versteckst Du hier? Ziehst Du nebenbei Geld Du Hexe indem Du Illegale versteckst? Hätte ich Dir gar nicht zugetraut. Du sagst mir sofort was hier vorgeht“, fauchte er sie an.
„Nun die Sache ist nicht wie Sie denken…“, setzte sie an und man hörte wie verzweifelt sie war.

Brandur bewies die Geistesgegenwart sich aus seinem Versteck zu schleichen, sich auf die Treppe zu stellen und dem Kerl den Fluchtweg abzuschneiden. Mittlerweile schrie der Kerl auf Nirza ein.

`Er darf das Haus nicht lebend verlassen!´, beschloss Brandur und wir übermittelten unsere Zustimmung.

Kunwolf und ich krochen lautlos aus unserem Versteck und stellten uns hinter den Burschen. Ăśber seine Schulter hinweg schaute ich Nirza an, sie bedachte mich mit einem kaum merklichen Nicken.

„Arschloch“, sagte ich und der Typ wirbelte erschrocken und wütend herum.
„Was?“, konnte er noch fauchen.

Im gleichen Moment packte ich den Kopf des Mannes mit beiden Händen und riss ihn mit einem scharfen Ruck nach rechts. Mit einem lauten Krachen brach der dritte Nackenwirbel.

Kunwolf schlug ihm die geballte Faust genau auf die Stelle und die Knochensplitter wurden durch das RĂĽckenmark von dem Drecksack getrieben. Der Mund von dem Bursch klappte auf, als er hinstĂĽrzte. Er war tot, bevor er auf dem Boden aufschlug.
FĂĽr einen Moment herrschte Schweigen.

„Danke Jungs“, sagte Nirza nach dem ersten Schock und atmete heftig aus.
„Doppelschlag“, grinste Kunwolf.
„Genau“, grinste ich zurück.
„Wäre er hier lebend rausgekommen, würden wir jetzt tief in der Scheiße stecken“, erklärte sie uns und strich jeden von uns über den Schädel.

„Jupp ist klar. Wohin mit der Leiche?“, fragte ich unsere Wohltäterin.
„Wir sollten ihn zerfetzen“, schlug Kunwolf vor.
„Hier? Der Pamps von ihm fängt an zu müffeln. Bessere Idee, wir zerfetzen ihn draußen“, schlug Brandur als Gegenargument vor.

Und das taten wir in der darauffolgenden Nacht auch. Wir schleppten Nirza´s Schutzgelderpresser mitten in der Nacht etwas weiter raus aus der Stadt und zerfetzten ihn. Von dem Kerl blieb nichts als Schnodder, den der nächste Regen wegwaschen würde, wenn sich bis dato nicht schon die Fliegen drum gekümmert hätten.

Nichts was einen Hohenfelde mehr befriedigt als ein gut ausgefĂĽhrter Mord.

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Re: Trio - 155 n.d.A.

#10

Beitrag von Dunwins Geist » Mo 25. Jun 2018, 18:40

Böse Büttel


In den darauffolgenden Wochen frönten wir einem neuen Hobby. Wir jagten Schutzgelderpresser. Jeder der bei Nirza auftauchte und sie um Taler erleichterte, war am Abend drauf tot. Aber nicht nur diese Typen, sondern auch die Burschen die versuchten Freunde von Nirza zu erpressen.

Scheinbar begriff diese Szene irgendwann, dass es der Gesundheit nicht förderlich war, in dem Städtchen die Hand nach Schutzgeld aufzuhalten. Lange Zeit geschah nichts. Allerdings gab es noch einen Auftrag und dieser Auftrag brach uns das Genick.

Jedenfalls wurden wir von Nirza getrennt. Es war nur logisch, dass irgendwas die Runde machte. Es spuckte. Geister kamen und holten nachts die Kriminellen. Geister die nicht Leichen, sondern Matsche von ihrem Opfer hinterlieĂźen oder schlimmer noch den Trottel im ganzen Raum verteilten.

Nun das Anstreichen mit dem Opfer war Kunwolfs SpaĂź.
Je nachdem wie er drauf war, ging er richtig ab und war nicht zu bändigen.

Wir waren der Spur des Erpressers gefolgt und hatten seinen Unterschlupf observiert. Als er sein Versteck verließ um vermutlich erneut die Hand aufzuhalten, schlichen wir in sein Versteck. Brandur knackte das Schloss des Tavernenzimmers und verschloss es sorgfältig wieder, so als wäre nichts gewesen.

Dann stöberten wir etwas herum, rührten selbstverständlich nichts an und bezogen dann Stellung unter dem Bett unseres Opfers. Wir hatten Zeit und langweilig wurde uns auch nicht, denn wir unterhielten uns die ganze Zeit über. Natürlich mental, was ein gewaltiger Vorteil ist, wenn man es bewusst kann. Ich kann es nicht.

Irgendwann spät in der Nacht kam unser Opfer heim. Er gähnte im Flur, zog sich aus, wir hörten ihn nach einigen Minuten am Waschtisch sich frisch machen. Ein Menschen kann man nicht sofort angreifen, denn er muss erst in seinem Bereich ankommen. Erst nach 15 – 30 Min stellt sich das Zuhausegefühl ein und er wird arglos. So auch bei unserem Opfer. Aber wir warteten noch länger. Der Kerl kam umgezogen ins Schlafzimmer und legte sich ins Bett. Er zündete sein Nachtlicht an und las etwas in einem Buch.

So langsam wurde er müde, legte das Buch beiseite und löschte das Nachtlicht. Er wühlte noch einige Minuten herum, bis er gemütlich lag und döste gerade rüber ins Land der Träume, als wir unser Versteck lautlos verließen.

Wir hockten uns ans Bettende und guckten so gerade mit den Augen ĂĽber den Bettrand. Der Typ schmatzte und wĂĽhlte noch einmal und zog die Decke hoch.

„Kuckuck…“, sagte Kunwolf in die Stille des Raumes.

Der Bursche stand binnen Sekunden senkrecht im Bett. Mit schreckgeweiteten Augen starrte er uns an. Seine Panik war gut zu verstehen, wer hat es schon gerne, wenn er schläft urplötzlich in die Augen von drei Typen zu gucken, die an seinem Bettenden hocken.

Sein Kopf flog zur Tür herum, zeitgleich flog die Tür donnernd zu. Er nässelte panisch an seiner Bettkommode, aber sie ließ sich nicht öffnen. So leicht machten wir es unserem Opfer nicht.

„Die Taler“, forderte Kunwolf.
„Taler?“, stellte er sich dumm.

Mit einem Satz war er bei uns. In den nächsten Sekunden zischte eine Faust auf Kunwolf Gesicht zu. Ich fing die Faust blitzartig ab. Wütend umklammerte ich sie, obwohl der Kerl mich überragte, dennoch war es für mich leicht, seine Hand langsam zu verdrehen und zu senken.

Kunwolf starrte ihm in die Augen und zwang ihn zu kapitulieren, versuchte in seinen Kopf einzudringen, um seine Gedanken zu beeinflussen, doch er prallte an einer unsichtbaren Mauer ab.

Hasserfüllt umklammerte ich seine Hand fester, zerdrückte sie fast durch meine Kraft, während sein Gesicht blasser und blasser wurde.

„Was bist Du?“, zischte ich ihn an.
„Tötet es!“, schrie Kunwolf uns an.
„Macht es weg, sofort, schnell! Es hat keine Farben!!!“, brüllte er.
„Rate mal“, antwortete der Typ und ein heuchlerisches Lächeln bildete sich um die Mundwinkel.

Überraschung, Verwirrung, Entsetzen – die Empfindungen meiner Brüder schwappten auf mich über.

`WEG!!!´, schrie Kunwolf uns in Gedanken an.

Wir benötigten ein paar Sekunden, dann waren unsere Gedanken wieder bei der Sache. Ich schlug dem Kerl meinen Schädel in die Fresse und spürte wie seine Nase nachgab. Sofort drehte ich auf dem Absatz um. Wir kletterten so schnell wir konnten aus dem Fenster und sprangen runter auf den Rasen. Wie Katzen landeten wir hockend auf den Zehenspitzen.

„Kann ich Euch helfen?“, fragte ein dicker, riesiger Typ der eine Büttel-Uniform trug.

Er hatte eine Rauchstange im Mund. Als er mir die Hand hinhielt, um mir auf die Beine zu helfen, ging seine Jacke auf, und ich sah die Repetierarmbrust an seinem GĂĽrtel. Ich sah die Kollegen die hinter ihm standen und ihre Waffen auf uns gerichtet hatten.

Ich sah ihm an dass er wollte, dass wir die Waffe sahen, damit wir nicht versuchten wegzulaufen. Seine Hand ignorierend standen wir ganz langsam aus der Hocke auf.

„Ich schätze mal Ihr seid die verzogene Brut die gesucht wird“, sagte er und blies mir den Rauch ins Gesicht.

Ich weiß nicht, ob es ein Wort dafür gibt, was ich exakt in diesem Moment erlebte. Außerhalb von meinem Kopf schien alles stehenzubleiben. Sogar der Rauch von der Zigarette des Büttels schien in der Luft zu hängen. Aber in meinem Kopf war es wie in einem Boot voller Ratten, und unser Boot war am Sinken. Gedanken schnellten herum, kletterten die Wände hoch, suchten nach einem Ausweg. Er war ein Büttel, die Leute die hinter ihm standen auch. Aber warum war er gegen uns und nicht gegen den Kerl da oben in der Taverne? Wieso verhaftete er nicht den Schutzgelderpresser, sondern lieber drei unschuldige, harmlose, liebe Kinder?

Ich wusste nicht was ich tun sollte. Die einzige Lösung die mir einfiel war ihn töten. Aber einen Büttel töten? Hatte ich eine andere Wahl? Hatte ich jemals eine andere Wahl?

„Habt Ihr die Burschen?“, rief der Kerl in dem Moment von oben aus dem Hotel.
„Ist schon in Ordnung, sie sind hier draußen“, rief der Büttel.

`Mitspielen, ich muss grübeln´, befahl uns Kunwolf. Ich dankte wem auch immer auf Knien, dass Kunwolf nicht gerade jetzt einen seiner Wutanfälle bekam.

„So Jungs wir haben nicht viel Zeit. Wir machen einen Deal. Ihr werdet morgen oder übermorgen bereits dem Haftrichter vorgestellt und verhaltet Euch ruhig. Vielleicht kommt Ihr mit dem Leben davon. Vielleicht, denn wenn das stimmt was man Euch zur Last legt, winkt die Einäscherung“, zischte er und zog demonstrativ an seiner Rauchstange.

„Worin besteht der Deal?“, fragte ich kooperativ.
„Wie schon gesagt in Kooperation. Ihr begleitet uns ohne Mucken. Morgen früh werdet Ihr verhört. Ihr genießt diese Nacht Kost und Logis in einer warmen Zelle“, grinste er mich an.

Ich dachte gerade daran die Fliege zu machen, als sich der Büttel zwei Schritte näher an mich heran schob und mir die Hand auf die Schulter legte, als könnte er meine Gedanken lesen. Seine Hand wog für mich eine Tonne.

„Was sagst Du dazu?“, hakte er nach.

Mein Blick fiel zuerst auf Brandur und dann auf Kunwolf. Beide nickten ergeben und zustimmend. Vielleicht war er nur fehlgeleitet und wir konnten mit dem Büttel reden. Wir sind alles andere als blöd und drauf trainiert niemanden zu vertrauen. Das Misstrauen auch für Büttel gilt, oder gerade für die Gattung, hätte ich eigentlich wissen müssen.

Er beherrschte seinen Job. Rückblickend glaube ich, bestand sein Talent darin, einen glauben zu lassen, dass er einen zwar verabscheute – aber auch verstand. Dir dabei zu vermitteln, wirklich mit Dir zu verhandeln. Er sagte mir, er bräuchte meine Hilfe dabei, ein paar Sachen zu verstehen, angefangen mit dem bizarrsten Tatorten, auf denen er je rumgestolpert sei.

So wie er es formulierte, fühlte ich mich beinahe geehrte, dabei gewesen zu sein und die Leute so „kunstvoll“ abgeschlachtet zu haben. Jemand wusste unsere Hingabe zu unserer Arbeit zu schätzen.

Da sie uns für besonders gefährlich hielten, sicherten sie uns mit Leder-Fesseln, anstatt den Eisen-Handschellen. Hätten wir uns dort schon befreien wollen, hätten wir es sofort durch einige Tricks gekonnt. Aber vorerst mussten wir mitspielen.

Ich erläuterte, dass wir Kriminelle gestellt und gerichtet hätten, so wie es sich gehört. Es wäre kein Unschuldiger zu Schaden gekommen. Der Kerl notierte alles fein säuberlich. Er hielt uns sicher für Drei Irre aus den Sumpflanden.

Die anderen Beamten verbrachten uns in die Gefangenenkutsche und benahmen sich als hätten wir eine ansteckende Krankheit, sie gingen so dass sie uns nicht mehr berührten als nötig. Sie spürten, dass etwas mit uns anders war, aber sie konnten es nicht bestimmen.

Den Rest dieses Tages verbrachten wir in einer Haftzelle. Das Gerichtsgebäude hatte schon geschlossen, und wie der Büttel schon sagte, gäbe es wohl erst morgen die Verhandlung. Wir würden also zur Abfertigung gebracht. Erneut wurden wir in eine Gefangenenkutsche verfrachtet, und wie Gepäckstücke zum Zuchthaus gefahren.

Kaum hörte Brandur das Wort Abfertigung, fing sein Magen so laut an zu knurren, als wollte er sich beschweren, dass er den ganzen Abend noch nichts zu essen bekommen hatte.

„Was ist mit Dir los?“, fragte einer der Büttel nach hinten.
„Hunger“, antwortete Brandur knapp.

„Tja morden macht wohl hungrig. Das Abendessen habt Ihr im Knast verpasst, aber ich sorge dafür dass Du was zu trinken bekommst. Wie wäre es mit Milch und Plätzchen? Müsste drin sein vor bevor das Licht ausgeht“, grinste er.
„Gut“, antwortete Brandur kurz angebunden.

Wir verbrachten die Nacht in einem winzigen Raum mit nackten Feldbetten, einer einzigen Decke und ohne Kissen und einem Loch im Boden als Plumpsklo. Wir sahen keine anderen Insassen, weil sie uns in etwas gesteckt hatten, das sie als Separationseinheit bezeichneten.

Dort werden Gefangene untergebracht, die man für so gefährlich hält, dass man sie nicht mit anderen zusammenlegen kann. Wir kauerten uns auf einem Bett zusammen und teilten die einzige Decke. Brandur fror erbärmlich und litt Hunger. Er konnte die ganze Zeit an nichts anderes als an die Plätzchen und das Getränk denken. Diesen kleinen Imbiss setzte er in Gedanken immer wieder neu zusammen.

Was für Plätzchen würden es wohl sein? Würde er sich welche aussuchen dürfen? Er hoffte auf welche mit Schokoladenstücken drin, damit wir sie auch mögen würden. Er selbst war so hungrig, dass er sich auch mit welche aus Hafermehl zufrieden gegeben hätte.

Und wie viele Plätzchen würde es geben? Für alle ausreichend? Wenn sie mit Plätzchen den Plural gemeint hatten, dann wäre die Botschaft grausig und klar – es würde nur ein einziges geben. Und was für ein Getränk wäre es? Milch wäre lecker.

Er stellte sich die ganze Zeit ein großes, von der Kälte beschlagenes Glas vor, aber das war unrealistisch. Kunwolf und ich hielten uns mit jedem Kommentar zurück. Am liebsten hätten wir Brandur gesagt, der Büttel hat Dich nur verarscht. Aber wir sagten natürlich nichts. Was hätten wir ihm sagen sollen? Für Dich gibt’s keine Plätzchen und Milch schon gar nicht, für Dich gibt’s nur Verrat. Gewöhn Dich dran, denn Deine Lage wird noch wesentlich schlimmer werden.

Und so kam es Jahre später auch und ich war der Verräter...

Es gab in der Separationseinheit nicht nur keine Plätzchen, noch die erträumte Milch, als am Abend das Licht ausgeschaltet wurde – es stellte sich auch noch heraus, dass nicht mal das Licht gelöscht wurde! Sie dämpften es ein bisschen, Kunwolf und ich dösten ein bisschen, jeder seinen Kopf auf einer Schulter von Brandur abgelegt. Dass die lange Nacht zu Ende war, merkten wir daran, dass uns jemand Frühstück brachte.

Rührei, verbranntes Brot, ein knorplige Würstchen und Saft für jeden von uns. Keinen Kaffee. Wir warteten eine kleine Ewigkeit, aber wir wurden keinem Haftrichter vorgeführt. Stattdessen wurden wir erneut in eine Gefangenenkutsche verladen. Wir hätten fliehen sollen, aber wir warteten ab wie komplette Idioten.

Der fahrende Büttel faselte auf uns ein, dass wir Glück gehabt hätten. Wir würden ihnen später noch dankbar sein. Wir würden in eine Umerziehungsanstalt verbracht. Man würde uns rückführen, wir würden einen Entzug machen, denn nur Drogensüchtige würden solche Taten begehen. Wir würden eine Schulbildung erhalten, würden eine Ausbildung bekommen und später hart arbeiten als nützliche Mitglieder unserer Gesellschaft.

Kunwolf ergänzte den Vortrag auf wundervolle Weise.

`Und anschließend wird Friede ausbrechen, und jeder wird Eiscreme in seiner Lieblings-Geschmackssorte scheißen!´, übermittelte er, so dass Brandur und ich uns ein Lachen verkneifen mussten.

Den Spruch brachte sonst immer mein bester Freund Archibald.

Nach langer Fahrt hielt die Kutsche vor einem riesigen Tor in einer Steinmauer an, die sich nach beiden Seiten so weit in den tiefen Wald hinein erstreckte, wie das Auge reichte. Neben dem Tor befand sich ein Steinhäuschen. Ein uniformierter Wächter lehnte sich aus dem Fenster und der Büttel nannte unsere Nummern, die wir laut Strafakte verpasst bekommen hatten.

Das Tor ging auf, wir fuhren auf einer gewundenen Zufahrt bergauf bis zu einem dreigeschossigen Haus mit grünen Markisen. Es hatte keine Fenster, mit Ausnahme im dritten Stock. Diese waren mit Gitterstäben gesichert, durch die nicht mal ein magersüchtiges Frettchen gepasst hätte.

Das war der Zeitpunkt, wo wir Bekanntschaft mit den Männern in den weißen Roben schlossen. Kunwolf stürmte wie eine Bestie auf sie los. Ich spürte seine Gefühle.

`Brandur LAUF´, brüllte Kunwolf mental.

****

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