Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterlie├čen Relikte, deren Erforschung noch in den Anf├Ąngen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. W├Ąhrend die Urv├Âlker auf Altbew├Ąhrtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. Geheimb├╝nde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

Regen in der W├╝ste

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S├Âldnerlager der Raubv├Âgel
Ein wilder Haufen von arbeitslosen S├Âldnern schloss sich zusammen, um ein eigenes S├Âldnerlager aus dem Boden zu stampfen. Ihr Ziel: Geld zu verdienen und dabei noch Spa├č zu haben. Jeder Haudegen, der sich an ein paar Regeln halten kann, ist hier willkommen.
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Farael Dornenwind
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Regen in der W├╝ste

#1

Beitrag von Farael Dornenwind » Fr 8. Jun 2018, 22:48

Die Gliedma├čen f├╝hlten sich schwer an, als Farael allm├Ąhlich sein Bewusstsein wiedererlangte. Sein Schlaf war lang nicht so erholsam, wie er diesen nach der letzten Nacht gebraucht h├Ątte. Er fuhr sich mit der Rechten ├╝ber die Stirn, schlie├člich ein paar Centimeter herab, an der er mit Zeigefinger und Daumen seinen Nasenr├╝cken massierte. Offensichtlich hatte er sich doch ├╝beranstrengt. Die Verletzungen brannten, die Muskeln streikten und auch die M├╝digkeit konnte er nicht wie sonst einfach absch├╝tteln.

ÔÇ×Guten MorgenÔÇť, gr├╝├čte er schlie├člich in den Raum herein. Neben sich sp├╝rte er keinerlei Gewicht. Vermutlich war Ana bereits aufgestanden und sa├č am Tisch. Doch es war viel zu ruhig in seinem Haus. Langsam ├Âffnete Farael seine Augen und hob den Kopf an. Wo ist sie hin? Im gesamten Raum war nichts von der Sch├Ânheit zu sehen, mit der zuvor noch das Bett geteilt und sich letzten Abend ÔÇô gestritten hatte. So sehr hatte er sich gew├╝nscht, es nach seinem Schlaf einfach zu vergessen. Zumindest hatte es f├╝r eine kurze Zeit funktioniert.

Doch jetzt lag er da und lie├č seinen Kopf wieder in das Kissen sinken. Sein Blick gen Decke gerichtet, ├╝berschlug er noch einmal die Geschehnisse vom vorherigen Abend. Konnte man dies wirklich einen Streit nennen? Sicherlich war dies kein Grund, einfach zu verschwinden oder ihn allein zu lassen. Zumindest nicht, ohne ihm Bescheid zu geben.

M├╝heselig richtet sich Farael auf und setzte die F├╝├če auf den Boden. Von ihren Sachen war keine Spur zu sehen. Vielleicht war sie doch einkaufen gegangen? Augenblicklich sch├╝ttelte er mit seinem Kopf. Sie hatte kein Geld, wie sollte sie einkaufen gehen? Eine Ahnung kroch durch seinen Kopf. Augenblicklich bildete sich ein Knoten in seinem Bauch. Jedoch konnte er sich bei einer Sache sicher sein: Sie w├╝rde niemals ohne ihre Laute gehen. Das Instrument bedeutete ihr zu viel. Das war sein Anhaltspunkt. Dieser w├╝rde Gewissheit schaffen.

Tief in sich sp├╝rte er Angst aufkeimen, Unsicherheit. Wollte er es wirklich wissen? Hin- und hergerissen zwischen Wissen und bewusster Unwissenheit waren seine F├╝├če bereits von allein zur Kommode gelaufen. Der Durst nach Gewissheit lie├č seine Hand zum untersten Fach seiner Kommode vorschnellen und diese ├Âffnen.

In diesem Moment w├╝nschte er sich, er h├Ątte diese verdammte Schublade niemals ge├Âffnet.

Ihr Lautenkasten war verschwunden. Ebenso ihre Kleidung und jede einzelne Habseligkeit von ihr. Inklusive Faraels Hemd. Sie konnte nicht einfach gegangen sein. Ohne ein Wort. Ohne ihn zu wecken. Ohne sich zu verabschieden. Das konnte nicht sein. Farael konnte sich nicht so sehr in einem Menschen irren. Erst recht nicht Gef├╝hle f├╝r diesen Menschen entwickeln, wenn er nicht vertrauensw├╝rdig war.

Damit war sich Farael auch sicher, dass Ana im Laufe des Tages zur├╝ckkehren w├╝rde und ihm davon berichten sollte, was sie getrieben hatte. Sicher grinste Farael, als er seine Vermutung als richtig ansah. Ana zog es immer wieder zum Meer. Ihrer wahren Heimat. Sie hatte offensichtlich nur genug von der stickigen Luft der Stadt und hatte sich eine Brise des Salzwassers holen wollen. Vor seinen Augen zeichnete sich das Bild der jungen Norkara ab, die am Strand von Obenza mit ihrer Laute den Tag begr├╝├čte.

Also wartete Farael auf seine Freundin. Den neuen Tag nutzte er, um sein Haus auf Vordermann zu bringen. Es war lang ├╝berf├Ąllig gewesen, dass er sich dem Chaos in seinen eigenen vier W├Ąnden widmete. Auch an seiner Waschstelle, dort wo Zuber, Waschbrett und W├Ąscheleine waren, brauchte es Pflege. Dort fand er auch die schmutzigen Sachen Anas, die er im selben Zug ebenso wusch und aufhing.

Als sie jedoch zum Mittag noch immer nicht erschienen war und Farael selbst die Zeit ausging, um auf sie zu warten, schrieb er ihr kurzerhand einen Zettel.

A.
Ich bin auf der Arbeit, mich mit den anderen treffen und weiter an dem Projekt arbeiten.
F.


Diesen Zettel klemmte Farael an seiner T├╝r, schloss diese ab und machte sich auf den Weg zum alten S├Âldnerlager. Wie immer um die Mittagszeit waren die Stra├čen voll und die Bewohner gingen ihren Gesch├Ąften nach. Von seinem Haus aus war es ein weiter Weg bis zum S├Âldnerlager, einen Umstand, den er in Zukunft zu ├Ąndern gedachte. Doch stimmte zu dem Zeitpunkt weder die Kasse, noch die M├Âglichkeit etwas daran zu ├Ąndern. Dabei gingen seine ├ťberlegungen in jene Richtung, schon Auftr├Ąge anzunehmen und zu verteilen, um die ersten Gewinne und somit Investitionsm├Âglichkeiten zu erzeugen. Doch ohne feste Unterkunft, h├Ątte er Sodo, Cherax und Bolgur einen ungeheuerlichen Anteil zahlen m├╝ssen, damit sie sich selbst versorgen konnten. Da w├Ąre nichts ├╝briggeblieben. Also schob er diese Gedanken beiseite.

Kaum war er bei dem alten S├Âldnerlager eingetroffen, traf er sich wie ├╝blich mit den drei S├Âldnern. Sie fuhren ihre gemeinsame Arbeit fort, unterhielten sich, lernten sich besser kennen und schafften obendrein ein gutes St├╝ck der Arbeit. Doch von Ana blieb keine Spur. Langsam kroch Farael das Gef├╝hl der Sorge die Kehle hinauf. Seine Gedanken kreisten die meiste Zeit um sie und ihren Verbleib. War sie wirklich einfach gegangen? Schon wieder diese Frage in seinem Kopf, die er nicht beantworten wollte. Vehement redete er sich ein, dass sie wiederkommen w├╝rde. Dabei war er sich ganz sicher.

Entgegen jeder seiner Erwartung und Hoffnung, bekam Farael Anas wundersch├Ânes Gesicht an diesem Tag nicht mehr zu sehen. Am Abend versuchte er sein Gl├╝ck in einigen, nahegelegenen Schenken, doch konnte er sie auch dort nicht finden. Geschlagen begab er sich am selben Abend nach Hause, nur um den Zettel vorzufinden, wie er ihn hinterlassen hatte. Sie war nicht einmal zur├╝ckgekehrt. Das wollte und konnte Farael nicht akzeptieren. Das aufkeimende Gef├╝hl, von ihr verlassen worden zu sein, war absurd. Diese Frau hatte sich vor ein paar Tagen in sein Leben begeben. Doch er f├╝hlte diese unheimliche Leere, wenn sie nicht in der N├Ąhe war. Das durfte nicht wahr sein!

Doch es wurde wahr. Und gestaltete seine Zeit, nach der Ana spurlos verschwunden blieb. Die erste Woche verging langsam, beinahe qu├Ąlend. Weiterhin wollte sich Farael nicht mit den Gedanken abfinden, dass Ana einfach gegangen war, weil sie eine einfache Bettgeschichte dargestellt hatte. Es musste einfach wesentlich mehr dahinterstecken, als es schien. Entgegen der Situation glaubte er fest daran, dass ihr etwas zugesto├čen sein musste. H├Ąufig fand sich Farael nach der Arbeit im S├Âldnerlager auf den Stra├čen Obenzas wieder, um nach ihr Ausschau zu halten. Nebenbei musste er noch Geld mit kleineren Auftr├Ągen verdienen, damit er nicht aus seinem Haus flog oder kein Essen mehr hatte.

Ana blieb derweilen verschwunden. Sporadisch erhielt Farael die Information von Wirten und trunkenen M├Ąnnern, dass seine verschwundene Geliebte in einer Taverne gesichtet wurde. Doch sie schien ein H├Ąndchen daf├╝r zu haben, ihm aus den Weg zu gehen. Immer mehr wandelte sich seine verzweifelte Hoffnung in bittere Wahrheit. Nach der dritten Woche nach Anas Verschwinden gab er schlie├člich seine Suche ganz auf. Widerwillig hatte er akzeptieren m├╝ssen, dass Ana nicht gefunden werden wollte und eine Meisterin darin war, in der Stadt unterzugehen. Der Gedanke, dass sie sich mit anderen M├Ąnnern oder Frauen traf, um mit diesen das Bett zu teilen, lie├č Farael keine Ruhe.

Aufgew├╝hlt verbrachte er die N├Ąchte in seinem Bett. Er schreckte hoch, wenn er jemanden vor seiner Haust├╝r h├Ârte, der nicht wie ein betrunkener Kerl wirkte. Noch immer lag Anas gewaschene Kleidung auf seiner Kommode. Fein s├Ąuberlich zusammengelegt und darauf wartend, dass sich ihre Besitzerin endlich meldete. Doch sie kam nicht und so war die Kleidung Anas dazu verdammt, ein Erinnerungsst├╝ck zu sein. Eine Erinnerung die in Verbindung mit seinen Gef├╝hlen, aber auch mit ihren gemeinsamen N├Ąchten zu tun hatte. Auch wenn diese schmerzten, so schaffte er es nicht loszulassen und die Kleidung wegzuwerfen. Etwas hinderte ihn daran. Dabei bemerkte Farael, wie er Ana nicht loslassen konnte. Sie verblieb in seinem Kopf, in seinen Gedanken. Doch ihr Fehlen machte dieses Bild zu einer grausamen Tortur, die er ertragen musste. Er f├╝hlte sich wie ein Schuljunge, der sich in ein M├Ądchen verknallt hatte. Er war so naiv. Dennoch zerriss es sein Herz.

Schnell schlug die Trauer in Bitterkeit um. Farael konnte das Geschehene nicht akzeptieren. Genau so wenig, wie er den Schmerz ertrug, den er durch das Verschwinden Anas und ihrem Verhalten erdulden musste. Seine Einnahmen durch kleinere Auftr├Ąge wurden deutlich geschm├Ąlert, als Alkohol das Schmerzmittel f├╝r seinen Kummer wurde. Das Gef├╝hl der Trunkenheit bet├Ąubte seine Sinne, besonders zum Abend, als der Schmerz am st├Ąrksten wurde.

So kam es, als er eines Abends, vier Wochen nach ihrem verschwunden nach Hause torkelte. Der Geruch von billigem Schnaps und Bier haftete ihm an, verfolgte ihn wie ein Schatten. Seine H├Ąnde zitterten etwas, die Welt drehte sich leicht und dennoch war er nicht betrunken. Diesen Zustand konnte er sich nicht leisten. Auch wenn mittlerweile seine Wunden verheilt waren, er kein Geld hatte, was ihm gestohlen werden konnte, und es niemanden gab, auf den er achten musste. Dennoch war es seine Vernunft, die verhinderte, dass er sich allein abschoss und somit sein Leben ruinierte.

Die Nacht war k├╝hl. Auf den Stra├čen waren die Laternen entz├╝ndet worden und die Menschenmassen hatten sich zu zwielichtigen Gestalten und Betrunkenen ausged├╝nnt. Obenza verwandelte sich nachts zu einer Stadt, in der allein das Wandern mit dem Tod enden konnte. Doch dieser Zustand war Farael egal. Was hatte er noch gro├č zu verlieren? Seine erste gro├če Liebe war einfach gefl├╝chtet. Obendrein war er pleite und musste sich dar├╝ber sorgen, wie er seine Miete, zudem noch Sodo bezahlen sollte.

Da k├╝mmerte es ihn auch nicht mehr, dass eine Gestalt vor seinem Haus herumlungerte. Eine Frau. Vermutlich Ana, ihren Gesichtsz├╝gen nach. Doch was sollte es schon? Sie war doch eh nicht da und w├╝rde nicht wiederkommen. Also warum sollte er sie schon gro├č beachten? Eher griff er seinen Schl├╝ssel in seiner Tasche und schloss die T├╝r auf.

Bis er schlagartig n├╝chtern wurde. Faraels Blick schoss mit klarem Blick hinunter auf dem Boden neben seiner T├╝r, neben der Ana sa├č. Ihre Gesichtsz├╝ge waren blass, beinahe kr├Ąnklich. Hatte sie abgenommen? Ihre Wangenknochen waren deutlicher zu erkennen. Ihre gesamte Gestalt schien schmaler. Dann noch diese ungepflegten Haare. Sie war ein Schatten ihrer Selbst. Mit weit aufgerissenen Augen betrachtete er das kr├Ąnkliche B├╝ndel vor sich, welches ebenso baff seinen Blick erwiderte. Z├Âgerlich streckte Farael seine Hand nach ihr aus, ber├╝hrte ihre Wange, die sich eiskalt unter seiner Ber├╝hrung anf├╝hlte. ÔÇ×Ana?ÔÇť, fragte er ungl├Ąubig. F├╝r ihn schien es v├Âllig fern von jeder Realit├Ąt, jene Frau vor sich sitzen zu haben, durch welche er die letzten Wochen durch die H├Âlle gegangen war.

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Schwarze Ana
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Re: Regen in der W├╝ste

#2

Beitrag von Schwarze Ana » So 10. Jun 2018, 18:53

Ana st├╝rzte zur T├╝r hinaus und fiel auf die Knie. Es kam nicht viel, denn sie hatte tags zuvor kaum gegessen und so w├╝rgte sie mehr, als dass sie erbrach. Als ihr K├Ârper sich wieder beruhigt hatte, versuchte sie ihre Gedanken zu sammeln. Wo war sie gestern gewesen? Es passierte nicht selten, dass sie von ├ťbelkeit erwachte und im ersten Moment nicht wusste, wo sie war. Nach einigen Augenblicken kamen stets die ersten Fragmente ihrer Erinnerung zur├╝ck, die ihr f├╝r einen groben Anhaltspunkt meist reichten. Dieses Mal weitete die Erkenntnis ihre Augen vor ├ťberraschung. Sie hatte ├╝berhaupt nicht getrunken! Sie war n├╝chtern ins Bett gegangen, das sich in einem gut situierten Gasthaus befand. Vor dem Auftritt war sie viel zu aufgeregt, danach viel zu ersch├Âpft gewesen, um wie sonst gleich einen gro├čen Teil ihrer Gage in Fl├╝ssiges einzutauschen. Nein. Sie war n├╝chtern. Und doch rebellierte ihr K├Ârper wie nach dem schlimmsten Rausch. Ana japste nach Luft und setzte sich zur├╝ck an die Hauswand. Wenn es ihr selbst nach einer abszinenten Nacht so ging, konnte sie ebenso gut ordentlich trinken. Immerhin h├Ątte sie dann wenigstens Spa├č zuvor. F├╝r einen Moment schloss sie die Augen und wischte sich den kalten Schwei├č von der Stirn. Passanten murrten beim Vorbeigehen.
"Das Gesinde erobert noch die ganze Stadt", brummte einer.
Ana ignorierte sie. Bauchkr├Ąmpfe nahmen ihr die Luft zum Atmen und wenn sie aussah, wie sie sich f├╝hlte, h├Ątte es ohnehin nicht geklappt, den Leuten weis zu machen, sie sei weder Alkohol noch einer anderen Droge erlegen; im Augenblick zumindest nicht. M├╝hsam versuchte sie ihren Atem in gleichm├Ą├čige Bahnen zu zwingen, zog die Knie so eng an den K├Ârper, wie es nur ging und wartete, das der Schmerz nachlie├č und sie es wagen konnte, aufzustehen.

Sp├Ątestens die ehrliche Besorgnis der Wirtin h├Ątte Ana in Erinnerung gerufen, dass sie in einem hochwertigen Gasthaus gen├Ąchtigt hatte. Auch nach dem f├╝nften vorgeschlagenen Fr├╝hst├╝ck gab sie nicht auf und br├╝hte zumindest einen starken Kr├Ąutertee auf.
"M├Ądchen, M├Ądchen...du wirst doch nicht Dhanga nehmen? Nein...", korrigierte sie sich unmittelbar selbst, "das w├╝rde ich erkennen, jawohl."
Sie murmelte kopfsch├╝ttelnd weiter vor sich hin, aber Ana h├Ârte nicht zu. Sie war dankbar, keine Frage, doch die Anstrengung war zu gro├č. Der Tee tat gut, aber sie wusste, dass sie essen musste. Nur was?
"Hier, Kleines", drang die Wirtin in ihren Geist und presste ihr ein nasses Tuch auf die Stirn. "Halte das eine Weile hin. Ich habe es in einer Essenz eingelegt, die meine Gro├čmutter schon verwendet hat. Es beruhigt den Geist und k├╝hlt das Blut, hat sie immer gesagt und ein ruhiger Geist heilt den K├Ârper."
Und ein vergifteter Geist? Vergiftet der den K├Ârper? Das h├Ątte Ana gerne gefragt, stattdessen fl├╝sterte sie nur ein "Danke" und tat wie ihr gehei├čen.

Die Bauchkr├Ąmpfe wurden schlimmer. Es gab Tage, da konnte Ana kaum aufstehen und vermutlich h├Ątte sie sich ihrem Schicksal einfach ergeben, wenn die Wirtin nicht zwei Mal pro Tag mit dick eingekochten Suppen bei ihr aufgeschlagen w├Ąre, um sie zum Essen zu zwingen. Womit sie diese F├╝rsorge verdiente, wusste Ana nicht, denn zahlen konnte sie schon seit zwei Tagen nicht mehr. Die Wirtin hatte das bislang noch mit keinem Wort erw├Ąhnt, aber Ana nagte es am Gewissen. Ja - sie war eine Diebin und eine L├╝gnerin und es war ihr ein Leichtes von Unbekannten zu nehmen oder gar von solchen, die ihr feindlich gesinnt waren. Niemals aber stahl sie von Bed├╝rftigen. Niemals nutzte sie Menschen aus, die freim├╝tig mit ihr teilten und niemals betrog sie jene, die es ehrlich mit ihr meinten. "Wirklich?", schoss es ihr durch den Kopf, bitter wie Galle. "Und was ist mit Farael?" Von einem auf den anderen Augenblick brach sie in haltloses Schluchzen aus. Sie konnte nicht aufh├Âren. Selbst, als schon lange keinen Tr├Ąnen mehr kamen, schluchzte sie weiter. Ihr Kopf dr├Âhnte, als wollte er bald zerspringen und ihr Hals war wund und rau, als die Wirtin abends nach oben kam. Sie warf einen Blick auf sie, stockte und eilte zu ihr, nahm sie in ihre Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind.
"Kind... wann hattest du zuletzt deine Blutung?", fragte sie leise, nachdem Ana sich einigerma├čen beruhigt hatte.
Ana zwang sich dar├╝ber nachzudenken. "Ich wei├č nicht."
"Ich habe f├╝nf Kinder. Es hat ein bisschen gedauert, doch ich meine, eine Schwangerschaft zu erkennen, wenn ich eine sehe. Ist das m├Âglich?"
Wie viel Tage waren vergangen, seit sie zuletzt mit jemandem geschlafen hatte? Die Zahlen drehten sich in Anas Kopf und ihr war schwindelig. Nein. Nein, nein, nein. Das durfte nicht sein!
"Es ist m├Âglich", h├Ârte sie sich selbst sagen. Sie war wie paralysiert.
"Ich kenne einen Heiler, der gelernt hat den Geist fr├╝hen Lebens in einem K├Ârper zu ersp├╝ren. Soll ich ihn holen lassen?"
"Ich habe kein Geld."
"Ach!" Die Stimme der Wirtin klang gereizt. "Geld, Geld, Geld! Mach dir deshalb mal keinen Kopf. Wenn es dich so bedr├╝ckt, kannst du es nachher in Form eines Gratisauftrittes zur├╝ck zahlen. Viel wichtiger ist deine Gesundheit. Und die des kleinen Sprosses, sollte es einen geben."
Ana wollte das nicht h├Âren. Gewaltsam versuchte sie ihren Geist gegen diese M├Âglichkeit zu verschlie├čen, aber es war zwecklos und das Schluchzen kam zur├╝ck.

Irgendwann war es zu viel. Ana konnte die Gro├čz├╝gigkeit der Wirtin nicht l├Ąnger ertragen. Eine weitere Schmach, ein weiterer schwarzer Fleck auf ihrer Seele, die durch die ungewollte Schwangerschaft ohnehin schon am Rande des Abgrunds hing. Also kapitulierte sie; mithilfe einer weiteren L├╝ge. Machte die denn noch einen Unterschied? Ana versicherte der Hausherrin, den Vater des Kindes aufzusuchen, denn sie wusste, anders h├Ątte sie sie nicht gehen lassen. Aus gutem Grund. Wo sollte sie hin? Sie hatte kein Geld, keinen Zufluchtsort, nichts. Ein Gedanke kam ihr. Reela. Nach ihrem Verschwinden bei Farael war sie der jungen Frau eher zuf├Ąllig ├╝ber den Weg gelaufen und, obwohl sie sich zuvor nur ein einziges Mal begegnet waren, hatte diese sie ohne lange zu ├╝berlegen in einer Nacht mit zu sich nach Hause genommen. Erst viel sp├Ąter war Ana klar geworden, welch miserables Bild sie abgegeben haben musste. Ungewaschen, betrunken, verheult und krank. Eigentlich, so dachte sie, war es ein Wunder, dass sie das Kind in der fr├╝hen Anfangszeit nicht verloren hatte. Nun zog es sie unwillk├╝rlich wieder vor Reelas T├╝r.
Der Nebel um Anas Geist lichtete sich genug, um Freude dar├╝ber zuzulassen, dass Reela sich des alten Kerls entledigt und einen neuen gefunden hatte. Er schien anst├Ąndig zu sein und gestattete Ana bei ihnen zu wohnen. Auch die Tatsache, dass sich die beiden Frauen das Bett teilten, st├Ârte ihn nicht. Er wich in einen anderen Raum aus und lie├č zu, dass Ana sich in die Z├Ąrtlichkeit von Reelas Armen fl├╝chtete. Nach ein paar Tagen, wie als h├Ątte sie eine Schonfrist abgewartet, sprach diese sie an.
"Wei├čt du, wer der Vater ist?"
Ana sah verdutzt von ihrem Fr├╝hst├╝ck auf. Sie hatte Reela nichts von der Schwangerschaft erz├Ąhlt.
"Ach komm schon! Hast du gedacht, ich w├╝rde es nicht merken?"
Das hatte sie. Sie nickte. "Ich glaube schon."
"Du glaubst?"
"Eigentlich kann es nur einer sein. Mit den anderen..."
Dankbar brach sie ab, als Reelas Nicken ihr verriet, dass sie verstanden hatte und weitere Ausf├╝hrungen nicht n├Âtig waren.
"Und er? Wei├č er davon?"
Ana sch├╝ttelte nur den Kopf.
"Du willst das Kind nicht", stellte Reela fest.
"Ich wei├č nicht." Anas Stimme war nur ein Fl├╝stern. "Ich wei├č es einfach nicht."
"Diese Entscheidung kannst nur du alleine treffen. Niemand kann dir dabei helfen, niemand sollte es. Aber versprich mir eines." Sie legte ihre Hand an Anas Wange, um ihren Blick zu fangen. "Wenn du dich dagegen entscheidest, sag ihm nichts davon."
"Keine Sorge. Er ist sowieso Geschichte."
Kurz machte es den Eindruck als wolle Reela etwas entgegnen, doch sie blieb still und das Gespr├Ąch war beendet.

Ana war erstaunt und geschockt, wie leicht sie sich an ein Leben bei Reela und Jesper gew├Âhnen h├Ątte k├Ânnen, w├Ąre da nicht die offene Entscheidung gewesen, die sie wie ein d├╝sterer Schatten ├╝berall hin verfolgte. Sie hatte es bei Farael nicht eine Unze schlechter gehabt. Wieso hatte sie sich dort nicht ebenso wohl f├╝hlen k├Ânnen? Was hatte er getan, dass ihre Reaktion rechtfertigte? Er liebt mich, dachte sie. Das ist sein Verbrechen. Ana seufzte und fuhr fort, ihre Laute zu polieren. Wie gerne h├Ątte sie in solchen Momenten zur Flasche gegriffen! Es war so einfach, dem Strudel f├╝r ein paar Stunden zu entfliehen. Doch sie hatte es Reela versprochen. Bis ihre Entscheidung bez├╝glich des Kindes getroffen war, w├╝rde sie nicht trinken. Ihr Geld verdiente sie sich wieder mit Musik. Reela und Jesper berechneten ihr nichts f├╝r die Bleibe, doch zumindest f├╝r ihre Ern├Ąhrung wollte sie selbst sorgen. Es tat ihr gut, das Instrument zu spielen und mit geschlossenen Augen den Kl├Ąngen nachzugehen. Das war aber auch das einzig Positive. St├Ąndig plagte sie die Angst, sie k├Ânne Farael ├╝ber den Weg laufen und was dann? Hinzu kam der Entzug von einer Sucht, die sie zuvor als solche gar nicht wahrgenommen hatte. Nicht zu trinken fiel ihr wirklich am schwersten. Ihr zweites Laster hatte sich zum Gl├╝ck beruhigt, seit sie bei Reela wohnte und mit ihr schlief. Trotzdem dachte Ana ungern an die ersten N├Ąchte nach ihrem Ausbruch bei Farael zur├╝ck. Gerade im Hinblick auf die z├Ąrtlichen N├Ąchte, die sie mit ihm verbracht hatte, erf├╝llte die Erinnerung an die folgenden sie mit Abscheu. Doch was sie auch alles belasten mochte, es war nichts im Vergleich zur der ausstehenden Entscheidung, die erhaben und gnadenlos ├╝ber allem schwebte. Sie konnte es nicht l├Ąnger hinausschieben. Noch war der Gedanke, dass etwas in ihr wuchs - dass ein Kind in ihr wuchs - abstrus, aber w├╝rde sie nicht bald schon die Rundung ihre Bauches sehen k├Ânnen, die ersten Tritte und das Herzklopfen sp├╝ren? Um wie viel schwerer w├╝rde ihr die Entscheidung dann fallen? Es musste jetzt sein.


Mit zitternden H├Ąnden gab Ana ein paar Tage sp├Ąter das Pulver in das Glas. Sie folgte den kreisenden Partikeln mit den Augen, r├╝hrte, schaute, r├╝hrte, schaute. Man hatte ihr versichert es sei unfehlbar, sei schmerzfrei und nach wenigen Stunden w├╝rde sie das schwache Leben, das sich in ihr regte in Form von schleimigen Blut ausscheiden, nicht viel anders als bei ihren regelm├Ą├čigen Blutungen. Wie hypnotisiert starrte sie das Glas an. Sie war sich sicher. Es musste sein. Sie konnte kaum f├╝r sich selbst sorgen. Wie sollte sie ein Neugeborenes ├╝ber die Runden bringen? Sie hatte nicht einmal ein festes Dach ├╝ber dem Kopf, denn so freundlich sie auch waren, stand doch fest, dass sie nicht ewig bei Jesper und Reela bleiben konnte. "Du h├Ąttest eines haben k├Ânnen", sagte sie sich mit bitterer Stimme. Der Gedanke an Farael schmerzte. Vor ebendiesem Dach war sie weggelaufen. Wie damals. Wie jedes Mal. Und mit welchem Ergebnis? Jetzt konnte sie noch nicht einmal sicher sein, dass das Kind von ihm war. "Nat├╝rlich ist es das!", zischte sie so laut, dass sich einige der Insassen zu ihr umdrehten. Ana beugte sich tiefer ├╝ber den Tresen und warf sich das Haar als Sichtschutz vor das Gesicht. Farael... Es passte von der Zeit und sie hatte sich mit niemanden auf die gleiche Weise vereint wie mit dem Alben. Trotzdem nagten Zweifel an ihr. Doch sei es drum. So oder so durfte er es nicht erfahren. Niemals w├╝rde er zulassen, dass sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzte, niemals, solange es den kleinsten Funken Hoffnung gab, dass es sein Spross war, der in ihr heran wuchs. Bei der Vorstellung einer Miniversion von Farael wuchs ihr ein Klo├č im Hals. Nur mit M├╝he rang sie die Bilder nieder. Nicht einen Augenblick zweifelte sie daran, dass er ein guter Vater w├Ąre. Umso mehr an ihren F├Ąhigkeiten als Mutter. Und als treue Gef├Ąhrtin.
Es gab keinen Ausweg. Ana streckte die Finger nach dem Getr├Ąnk aus. Dann - urpl├Âtzlich - stie├č sie es mit Wucht von der Theke. Das Glas zerschellte auf dem Boden, w├Ąhrend sich sein Inhalt und damit Anas gesamtes hart verdientes Geld der letzten Tage auf den Dielen ergoss. Unkontrollierte Schluchzer sch├╝ttelten sie und sie lie├č sich vom Hocker gleiten. Mehr als ein paar finstere Blicke und etwas Gemurmel begleiteten sie nicht aus der Spelunke. An Orten wie diesen scherte sich niemand um Freud und Leid eines anderen. Ana stolperte hinaus in die Gasse und einige Schritte die Hauswand entlang, bis sie einfach daran hinunterrutschte und die Knie umklammerte. Sie hatte es nicht gekonnt. Sie hatte das kleine Herz, das unter ihrem eigenen zum Leben erwacht war nicht einfach zum Schweigen bringen k├Ânnen. Eine gef├╝hlte Ewigkeit sa├č sie so da und weinte. Einen zweiten Versuch, das stand fest, w├╝rde sie nicht unternehmen.

Reela fand sie.
"Ana?" Ihre Stimme klang aufgeregt. "Was hast du getan?"
Ein schwaches Kopfsch├╝ttel war Anas einzige Antwort.
"Komm her, schon gut." Reela ging neben ihr in die Knie und schloss sie in ihre Arme. "Es war die richtige Entscheidung, glaub mir."
In ihrer Verzweiflung suchte Ana Reelas Lippen, doch diese wich zur├╝ck.
"Nein, Ana. Du musst aufh├Âren, deine Seelenqualen in Extremen zu ers├Ąufen. Du trinkst und du fl├╝chtest dich in k├Ârperliches Empfinden, um dich nicht mit deinen Problemen besch├Ąftigen zu m├╝ssen. Merkst du nicht, dass du so niemals zu einer L├Âsung kommen wirst?"
"Nat├╝rlich tue ich das", entgegnete Ana schwach.
"Geh zu ihm."
"Was?"
"Du hast mich verstanden. Es ist offensichtlich, dass dir etwas an ihm liegt."
"Er ist einer wie jeder andere."
"Wir wissen beide, dass das nicht stimmt." Reela strich ihr die Haare aus dem Gesicht. "Wenn du darauf bestehst, dich selbst zu bel├╝gen, soll mir das Recht sein. Doch wenn es um micht geht, habe ich ein W├Ârtchen mitzurenden. Geh zu ihm."
Ana sparte sich eine Erwiderung. Stattdessen verst├Ąrkte sie den Druck ihrer Arme und lie├č all ihre Dankbarkeit in die Umarmung mit der kleinen Frau str├Âmen.

Am n├Ąchsten Morgen machte sie sich auf den Weg. Unsicherheit l├Ąhmte sie und die k├Ârperlichen Beschwerden waren nicht gerade hilfreich. Trotzdem ging sie auf direktem Wege zu Faraels Haus, bevor sie es sich doch noch anders ├╝berlegen konnte. Exakt denselben Weg war sie zuletzt mit ihm gemeinsam gegangen. Bevor... Eilig verwarf sie den Gedanken, trat ohne Umschweife an die T├╝r und klopfte an. Keine Reaktion. Sie klopfte erneut... Nichts. Ana r├╝ttelte an der T├╝r, sp├Ąhte durch ein Fenster, ging sogar ums Eck, doch alles wirkte verlassen.
"Was hast du gedacht? Dass er mit dem roten Teppich auf dich wartet, an einem reich gedeckten Tisch? Blumen in einer Vase?" Wie lang war sie nun fort? Sie wusste es nicht und dar├╝ber nachzudenken, strengte sie an. Vermutlich hatte er sie schon vergessen oder ersetzt oder hatte Obenza gar verlassen. Zugleich f├╝hlte sie, dass nichts davon der Fall war. Zwar hatte sie ihn nicht nach ihr suchen sehen, doch sie wusste, dass er es versucht hatte. Und war es nicht so gewesen, dass sie nicht gefunden werden wollte?
Eine Weile stand sie einfach vor seinem Haus. Zweifel nagten an ihr. War es falsch gewesen, her zu kommen? Die Kr├Ąmpfe im Bauch begannen erneut und Ana konnte nicht l├Ąnger stehen. Unentschlossen, was sie sonst tun sollte, trat sie wieder ans Haus heran und setzte sich an Ort und Stelle nieder. Es schien, sie h├Ątte ihr Leben nun endg├╝ltig gegen die Wand gefahren. Wen k├╝mmerte es schon, wenn sie hier und jetzt einfach starb? Terry... Ana w├╝nschte, ihr Bruder w├Ąre in der Stadt. Doch sie war auf sich allein gestellt. Noch schlimmer: sie war jetzt alleine f├╝r zwei Leben verantwortlich. Mit diesen frustrierenden Gedanken im Kopf erlag sie schlie├člich der Ersch├Âpfung und fiel in einen traumlosen Schlummer, aus dem sie bei jedem kleinen Ger├Ąusch hochschrak. So auch, als Schritte sich dem Haus n├Ąherten...
Whisk(e)y ist fl├╝ssiges Sonnenlicht
~ George Bernard Shaw ~

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