Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterlie├čen Relikte, deren Erforschung noch in den Anf├Ąngen liegt. Die ├╝berlebenden V├Âlker beginnen zu ahnen, dass der Schl├╝ssel zur Herrschaft ├╝ber Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. W├Ąhrend die Almanen auf Altbew├Ąhrtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimb├╝nde der Schatten sehen in der Magie die m├Ąchtigste Waffe und f├╝r die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

Prolog - Skorpionbrut

Ein kleiner Trupp vom Ring der Menschenfresser hat Naridien verlassen, um nun in Souvagne zu jagen. Angef├╝hrt werden die Bei├čer von dem als Bestie bekannte Archibald von Dornburg. Ihr Ziel: nach der Niederlage nun einen neuen Fleischtempel f├╝r den ├ältesten zu finden.
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Robere Tekuro Chud-Moreau
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Prolog - Skorpionbrut

#1

Beitrag von Robere Tekuro Chud-Moreau » Mi 13. Jun 2018, 10:21

In diesen Geschichten wird die Vergangenheit von Robere beleuchtet und was ihn zum Schwarzen Skorpion werden lie├č.

Kapitel 1 - Nestk├Ąlte

Skorpione geb├Ąren ihre Jungen in einem Erdloch. Wenn sie zur Welt kommen, gleichen sie ihren Eltern anatomisch so sehr, dass sie Miniaturen von ihnen sein k├Ânnten. Vom Beginn ihres Lebens an sind sie mit Scheren, Stacheln und Panzer versehen. Nichts Niedliches ist an ihnen zu finden, sie betteln nicht nach Nahrung, weinen nicht und fordern keine Liebe. Stattdessen zehren von ihren K├Ârperreserven, w├Ąhrend sie geduldig auf die erste H├Ąutung warten. Dann verlassen sie, noch winzig, ihre Mutter und leben auf sich allein gestellt. Mit jeder H├Ąutung wird der Panzer h├Ąrter, die Scheren kraftvoller und der Stich t├Âdlicher. Vom Beginn seines Lebens an ist ein jeder Skorpion ein J├Ąger und mit allem ausgestattet, was er zum Beutemachen braucht. Vor allem anderen aber - Geduld. Und die F├Ąhigkeit, die extremsten Umweltbedingungen durch pure Z├Ąhigkeit zu ├╝berstehen.
Robere wurde im Jahr 167 nach der Asche in einer Umgebung geboren, die kaum freundlicher als das Erdloch eines Skorpiones war. Aufruhr herrschte damals in Souvagne, die Krone wurde bedroht von den Agenten der Autarkie. Die einstige Elitetruppe, gegr├╝ndet um Recht und Ordnung zu sichern, war zur gr├Â├čten Bedrohung der inneren Sicherheit erwachsen. Es kam zu monatelangen Unruhen. Ein Staatsstreich durch die Agenten konnte gerade noch verhindert werden, indem man sie mit Gewalt niederschlug. Dies war das Ende der Agenten der Autarkie, die allesamt auf dem Schafott landeten, und das Ende der Unruhen im Land. F├╝r Robere und viele andere jedoch kam die einkehrende Ruhe zu sp├Ąt. In den unsicheren Monaten vor der Zerschlagung des Ordens hatte es in den unteren Bev├Âlkerungsschichten viele Eltern gegeben, die ihre Kinder nicht l├Ąnger bei sich behalten konnten und er war eines von ihnen. Ungeachtet der Witterung wurde er als S├Ąugling in einer mit Stroh ausgelegten Kiste vor der T├╝r das Waisenhauses Saint Amaury abgestellt. Zumindest war das die Version, mit der man ihn und auch seinen besten Freund und Wahlbruder Boldisz├ár abspeiste, der mit ihm dieses Schicksal teilte.
Sie beide waren die einzigen Kinder des Heims, die man namenlos abgestellt hatte, ohne jeden noch so geringen Hinweis auf ihre Herkunft. Die M├Ânche, die das zu einem Tempel geh├Ârende Waisenhaus leiteten, hatten sie anhand einer Liste benannt und jene Namen zugewiesen, die als N├Ąchstes an der Reihe waren. Eine Nummer h├Ątte es nach Roberes Empfinden ebenso getan. Er hatte seinen Namen stets gehasst. Schlie├člich hatte Boldisz├ár die naridische Form ÔÇ║RobbyÔÇ╣ vorgeschlagen, die er von Marktbesuchen her kannte und damit konnte er besser leben.
M├Âglicherweise war das gemeinsame Schicksal, der blinde Fleck ihrer Herkunft, die Grundlage ihrer Verbundenheit. Robere und Boldisz├ár nannten sich gegenseitig Br├╝der. Theoretisch war es m├Âglich, dass sie tats├Ąchlich Br├╝der waren. Der Gedanke, einen gro├čen Bruder zu haben, gefiel Robere. Und auch Boldi f├╝hlte sich in seiner Rolle als Vorbild und Anf├╝hrer wohl. Die Rolle des Besch├╝tzers aber nahm nicht er wahr, sondern der drei Jahre j├╝ngere und einen Kopf kleinere Robere. Nicht, weil Boldi unbedingt einen n├Âtig gehabt h├Ątte, jedoch war sein kleiner Bruder eindeutig der R├╝cksichtslosere und Brutalere von ihnen. Wenn er andere Kinder maltr├Ątierte, um Ihren Gehorsam zu erzwingen, dann im besten Gewissen, Boldisz├ár damit etwas Gutes zu tun. Andere Wege, seine Zuneigung auszudr├╝cken, kannte Robere nicht, so wurde er ein zuverl├Ąssiger Vollstrecker und W├Ąchter. Anschlie├čend stie├čen sie ihre F├Ąuste aneinander und Boldisz├ár gab ihm, um den Sieg zu feiern, eine seiner selbstgedrehten Rauchstangen. Qualmend sa├čen sie in ihrem Versteck hinter dem Holzschuppen und f├╝hlten sich sehr erwachsen.
An seine Kindheit erinnerte Robere sich, abgesehen von der engen Freundschaft mit Boldi, nur wenig, obwohl er erst sechsunddrei├čig war und sein Ged├Ąchtnis tadellos funktionieren sollte. Es war, als ob sein Geist diese Zeit aus seiner Biografie streichen wollte, als sei er schon immer der Leibgardist gewesen, zweiter Mann von Unit├Ę B, als sei er schon mit R├╝stung und Bewaffnung zur Welt gekommen, wie die Skorpione es taten. Nein, mit dem Thema Kindheit wollte Robere m├Âglichst wenig zu tun haben und er konnte Kinder auch nicht leiden.
Entsprechend gab es nur sehr wenige Ereignisse aus dieser Zeit, an die er sich im Detail erinnerte. Eines davon war jener Tag, als Boldiszàr krank wurde. Nicht nur ein wenig, mit Schnupfen und Heiserkeit, sondern todkrank.
"Not all those who wander are lost."
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Re: Skorpionbrut

#2

Beitrag von Robere Tekuro Chud-Moreau » Sa 16. Jun 2018, 22:43

Kapitel 2 - Bei├čwerkzeuge (Teil 1)

Neun Jahre war Robere alt und Boldisz├ár fast zw├Âlf.
Wie es sich f├╝r Boldisz├ár geh├Ârte, der die Kinder des Waisenhauses anf├╝hrte, war er aufgrund einer Verletzung krank geworden, die er sich im Kampf mit einem anderen Jungen zugezogen hatte. Bei solchen Auseinandersetzungen ging es f├╝r die Verh├Ąltnisse von Kindern sehr brutal zur Sache, denn es ging um nichts weniger als das ├ťberleben in dem verarmten Waisenhaus, das sich haupts├Ąchlich ├╝ber Spenden finanzierte. Meist ging es dabei um Essen, aber insbesondere in der kalten Jahreszeit auch um Kleidung. Diesmal jedoch ging es um all dies zusammen - um den Platz an der Spitze der erbarmungslosen kindlichen Hackordnung.
Antoine hie├č der Rivale, der genau so alt und so stark wie Boldi war, aber keinen Robere hatte, der durch seine Brutalit├Ąt die Kinder f├╝gsam machte. Lange hatte Antoine auf eine passende Gelegenheit warten m├╝ssen. Schlie├člich war der Zeitpunkt gekommen. Robere war gerade zur Strafarbeit in der K├╝che abgestellt und Boldisz├ár stand allein hinter dem Holzschuppen, um heimlich zu rauchen. Mit seinen elf Jahren war er in dem Alter, das Waisenhaus bald verlassen zu m├╝ssen. Antoine schlich n├Ąher. Zuvor mussten alte Rechnungen beglichen werden.
Antoine hatte sich aus Holz ein Messer geschliffen. Das Besteck aus der K├╝che wurde akribisch kontrolliert und nach den Mahlzeiten von jedem einzeln eingesammelt, denn Eisenbesteck war teuer. Aber auch dieses Messer w├╝rde seinen Zweck erf├╝llen. Er kam von hinten, schlug mit der Faust an Boldisz├árs Kopf vorbei und riss dann die Klinge zur├╝ck in seine Richtung. Boldi war vollkommen ├╝berrumpelt und konnte den Kopf nicht rechtzeitig wegrei├čen. Das Messer traf ihn in den Mund und Antoine fetzte es seitlich weg. Ein Bogen aus rotem Blut spritzte gegen den Holzschuppen. Das Messer hatte Boldisz├árs Wange ├╝ber die komplette Breite durchtrennt, vom Mundwinkel bis zu den Backenz├Ąhnen. Boldisz├ár fuhr mit seinem aufgeschlitztem Gesicht herum und k├Ąmpfte um sein Leben. Es wurde eine heftige Pr├╝gelei, aber am Ende gelang es ihm, Antoine zu vertreiben. Stark blutend kehrte er ins Innere des Hauses zur├╝ck, aufrecht gehend und nicht weinend. Dieser Anblick, wie Boldisz├ár sich ohne von der Verletzung beeindrucken zu lassen, durch die T├╝r schritt, pr├Ągte sich f├╝r immer in Roberes Ged├Ąchtnis ein. Er wurde von tiefem Respekt erf├╝llt. In seinen Augen war Boldisz├ár genau so ein Skorpion wie er selbst, nur, dass sein Bruder nichts davon wusste. Kein Skorpion vergoss Tr├Ąnen oder bat um Hilfe und so tat auch Boldi es nicht. Er wusch eigenh├Ąndig seine Wunde sauber und legte sich ins Bett, bis ein M├Ânch kam, um nach ihm zu sehen. Robere sa├č all die Zeit ├╝ber bei ihm auf dem Fu├čende des Bettes, schweigend, wachend.
Nun war das Waisenhaus wegen der Unruhen in den Jahren 167 und 168 ├╝berf├╝llt. F├╝r die Kinder gab es nur die notd├╝rftigste Versorgung. Ein M├Ânch, der in der Heilkunst bewandert war, erbarmte sich, die Wunde zu n├Ąhen. Das gestaltete sich als schwierig, denn wegen der vergleichsweise geringen Sch├Ąrfe des Holzmessers war die Wange mehr zerfetzt worden als zerschnitten. Die vern├Ąhte Wunde sah kaum besser aus als der klaffende Spalt. Die Narbe entz├╝ndete sich und wollte nicht heilen. Kein Kr├Ąutersud, kein Tee und kein Gebet verschaffte Linderung.
Bald lag Boldiszàr mit Fieber im Bett und vermochte nicht mehr, zu den Mahlzeiten im Speiseraum zu erscheinen. Er konnte aufgrund der Wunde nicht sprechen und als Robere ihm aufhelfen wollte, schüttelte er nur schwach den Kopf. Das machte Robere Angst. Und langsam begannen die Kinder, sich Antoine zuzuwenden.
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Re: Skorpionbrut

#3

Beitrag von Robere Tekuro Chud-Moreau » So 1. Jul 2018, 19:07

Kapitel 2 - Bei├čwerkzeuge (Teil 2)

Robere kam auf den Gedanken, sein eigenes Essen aus dem Speisesaal zum Bett seines Freundes zu tragen, damit dieser etwas zwischen die Z├Ąhne bekam. Wenn er von jeder Mahlzeit die H├Ąlfte ├╝brig lie├č, w├╝rde es f├╝r sie beide gen├╝gen. Sie w├╝rden davon nicht satt werden und noch weiter abmagern, aber sie w├╝rden auch nicht verhungern. Zumindest nicht nach Roberes kindlicher Berechnung.
Eine Hand hielt ihn fest, als er mit seinem halb leer gegessenen Teller aufstand und nicht zum Topf, sondern in Richtung der T├╝r ging. ┬╗Wo willst du hin? Gegessen wird im Speisesaal. Setz dich und iss auf oder sch├╝tte es zur├╝ck in den Topf, falls sp├Ąter noch jemand etwas davon essen m├Âchte.┬ź
Es kam nur sehr selten vor, dass die Kinder Essen zur├╝ckgaben. Es wurde so gut wie immer aufgegessen und nur ausgekochte und leergesaugte Knochenreste landeten im M├╝ll.
Robere blickte zu dem schwarz gewandeten M├Ânch auf. ┬╗Wenn ich aufgegessen habe, kriege ich dann noch was zu Essen f├╝r Boldi?┬ź
┬╗Wer so krank ist, sollte nichts essen┬ź, erkl├Ąrte der Gottesdiener aus dem Schatten seiner Kapuze heraus. ┬╗Es kommt nur Dreck in seine Wunde und das Verdauen ist f├╝r einen kranken K├Ârper anstrengend. Wenn Boldisz├ár wieder gesund werden soll, muss er ein paar Tage fasten. Sobald er wieder bei Kr├Ąften ist, so Ainuwar will, wird er die Treppe hinabsteigen, sich zu uns setzen und dann bekommt er sein Essen.┬ź
┬╗Vorher nicht?┬ź
┬╗Vorher nicht.┬ź
Zwei Tage lie├č Robere sich von der Erkl├Ąrung, dass Fasten gut sei, ruhig stellen. Boldisz├ár wurde immer schw├Ącher, anstatt dass es ihm besser ging. Er konnte bald kaum noch die Augen ├Âffnen und schlief die meiste Zeit oder war vielleicht sogar ohnm├Ąchtig.
Robere schmuggelte schlie├člich einen Mund voll Hafergr├╝tze hinauf auf das Schlafzimmer. Boldisz├ár nahm den Schluck Nahrung zu sich, aber war danach immer noch hungrig.
D├╝ster br├╝tend sa├č Robere auf seinem Bett. Sein Bruder sah schlimm aus, die Wunde eiterte und seine Augen lagen tief in den H├Âhlen. Er w├Ąlzte den Kopf in Fiebertr├Ąumen, das Haar klebte schwei├čnass an seinen Schl├Ąfen. In diesem Moment wurde Robere bewusst, dass man Boldisz├ár aufgegeben hatte. Keiner der M├Ânche machte sich noch Hoffnung f├╝r seinen Bruder. Das Essen sollte den anderen Kindern zugutekommen und nicht dem Verlorenen. Die Logik war so nachvollziehbar wie kalt. Sie war nicht einmal grausam, diente sie doch dem Wohle aller und vielleicht war die Tat sogar gut gemeint. Doch das Wohl aller war etwas, dass Robere nicht interessierte. Ihn interessierte nur sein eigenes Wohl und das schloss Boldisz├ár ein, der einen wesentlichen Beitrag dazu leistete. Er war zu sehr mit dem eigenen ├ťberleben besch├Ąftigt, um sich Gedanken um Leute zu machen, die ihm egal waren. Um ihn sorgte sich schlie├člich auch keiner - niemand au├čer sein Bruder. Und so wachte Robere seinerseits auch ├╝ber Boldisz├ár.
┬╗Die M├Ânche sagen, dass du nur im Speisesaal essen darfst┬ź, erkl├Ąrte Robere ihm, ohne zu wissen, ob er ihn h├Âren konnte. ┬╗Und so lange du nicht auf eigenen F├╝├čen dorthin gehst, bekommst du nichts. Aber ich hole dir trotzdem was. Versprochen. Aber bis dahin musst du noch durchhalten.┬ź
Robere machte sich auf den Weg zur K├╝che. Er schaute in den riesigen gusseisernen Topf, aus dem die M├Ânche die Hafergr├╝tze ausgeschenkt hatten. Er war leer und sorgf├Ąltig abgewaschen, genau wie die Kelle und die Sch├╝sseln der Kinder. Nirgends klebte ein Rest. Robere schaute in jeden Schrank und in jede Dose, doch nichts war hier oben zu finden, nicht einmal Zwiebeln oder getrocknete Kr├Ąuter. Es war wirklich ein besonders schlechtes Jahr. Er schlich in den Keller zur Speisekammer, von der er wusste, dass dort die S├Ącke mit Hafer aufbewahrt wurden, aus dem jeden Tag die Gr├╝tze gekocht wurde. Manchmal wurde sie mit Obst serviert, dann wieder mit Milch, Gem├╝se oder Fleisch. In den letzten Wochen hatte es den Haferschleim immer pur gegeben.
Robere zog am Riegel. Die Speisekammer war abgeschlossen. Sie hatte auch keine Fenster. Er probierte eine Weile mit einem Draht herum. Wie sehr er sich auch m├╝hte, es gelang ihm nicht, das Schloss zu knacken. Am Ende versuchte er, die T├╝r einzutreten, doch sie federte seinen Fu├č zur├╝ck und bekam nicht einmal einen Riss. Er rammte mit der Schulter dagegen und wurde erneut von dem z├Ąhen Holz zur├╝ckgeworfen. Hilflos stand Robere vor der verschlossenen T├╝r und starte auf den unn├╝tzen Riegel.
Wenn er Boldisz├ír retten wollte, musste er es anders versuchen, au├čerhalb des Waisenhauses. Hier gab es keine Hilfe. Die M├Ânche halfen einem Todgeweihten nicht und von den anderen Kindern war erst Recht kein Beistand zu erwarten. Entweder man ├╝berlebte, dann war es gut, oder man starb und machte Platz f├╝r andere, was vielleicht noch besser war in Anbetracht des Mangels. Niemanden k├╝mmerte das Leben und Sterben eines ungewollten Kindes. Doch Robere w├╝rde Boldi nicht aufgeben.
Robere begab sich noch einmal in den Schlafraum, wo sein sterbender Freund lag, w├Ąhrend die anderen Kinder in Haus und Garten tobten.
┬╗Warte auf mich┬ź, sagte Robere zu dem Schlafenden. ┬╗Kann sein, dass es ein bisschen dauert.┬ź
Boldisz├ár reagierte nicht. Robere starrte ihn eine Weile an und pustete in seine Haare, doch er r├╝hrte sich nicht. ├ťbelriechende Wundn├Ąsse lief seinen Kiefer herunter. Robere stopfte eine Socke darunter, damit das Kissen nicht noch schmutziger wurde. Ihm war nicht wohl dabei, ihn so wehrlos allein zu lassen. Er w├╝rde sich beeilen. Sicherheitshalber versteckte er alles von Boldisz├árs Habseligkeiten, was zum Klauen einlud, ehe er sich umkleidete.
Er zog seine geflickte Jacke ├╝ber und setzte die Kapuze auf den Kopf, die wie ein Lappen auf seinen Haaren lag, dann stahl er sich von dem Gel├Ąnde des Waisenhauses davon. Auszurei├čen war nicht schwer, das taten die Kinder oft. Manche waren nicht wiedergekommen. Die M├Ânche erz├Ąhlten, dass sie von Kinderf├Ąngern geholt worden seien. Ob das stimmte, wusste Robere nicht. Vielleicht war der Hunger auch zu gro├č geworden oder die Tristesse der schwarz gewandeten und wortkargen Ainuwar-M├Ânche. Ainuwar war ein kalter, finsterer Gott, ein Gott des Verstandes. Gef├╝hle hatten bei seiner Anh├Ąngerschaft wenig Platz. So verwunderte es nicht, dass es auch in Roberes Herz kalt und dunkel geworden war und wie berechnend er seine Mitmenschen wahrnahm. Dennoch war er nicht v├Âllig gef├╝hllos. Boldisz├írs Zustand machte ihm Angst. Doch anstatt weinend an dessen Bett zu sitzen, tat er das einzig Vern├╝nftige - er handelte. Wenn die M├Ânche ihn je etwas gelehrt hatten, was er f├╝r sein sp├Ąteres Leben brauchen konnte, dann das.
Es nieselte. Nach langem Gehen durch den herbstlichen Regen fand Robere eine Apfelplantage. Sie war abgeerntet und das braune Laub lag in Haufen auf der nassen Wiese. Er suchte jeden Baum ab und fand noch zwei vergessene ├äpfel. Die steckte er ein. Aber das w├╝rde nicht gen├╝gen, um Boldisz├ár durchzubringen. Robere spazierte weiter zum Dorfzentrum, um zu schauen, ob er etwas aus den G├Ąrten stehlen konnte, doch die Bewohner kannten die diebischen Waisenkinder und die L├Ąstigkeit, die von ihnen ausging.
Ein Mann, in dessen Garten er einen riesengro├čen K├╝rbis entdeckt hatte, jagte ihn br├╝llend mit erhobener Faust davon. So schnell er konnte, rannte Robere, bis die w├╝tende Stimme hinter ihm nicht mehr zu h├Âren war. Dann ging er langsamer weiter. Wo sollte er noch suchen?
Au├čerhalb des Dorfes setzte er sich auf eine Mauer, deren Stein dunkel war vom Nieselregen. Ihm fiel nichts mehr ein. Er, der keine Zeit hatte vergeuden wollen, um schnellstm├Âglich das Essen zur├╝ckbringen und seinen Bruder weiter vor Antoine bewachen zu k├Ânnen, sa├č hilflos im Herbst und sein Kopf war leer.
Robere weinte nicht. Er hatte sehr zeitig gelernt, es sich abzugew├Âhnen. Stattdessen war er w├╝tend. W├╝tend auf die M├Ânche, die nichts taten, au├čer ihrem finsteren Gott zu dienen, w├╝tend auf den Mann im Dorf, der nicht aussah, als ob ihn der Verlust des K├╝rbisses in den Ruin gest├╝rzt h├Ątte, w├╝tend auf die Arbeiter, welche die Apfelb├Ąume so gr├╝ndlich abgeerntet hatten und vor allem w├╝tend auf sich selber, weil er dem einzigen Menschen, dem er etwas bedeutete, nicht helfen konnte.
Da sah er etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte. Eine Katze, das Fell struppig vom Regen, durch den Herbstregen streunend wie Robere. Genau so schwarzhaarig, genau so suchend, genau so hungrig. Ein einsamer J├Ąger. Wenn zwei J├Ąger sich trafen, jagten sie entweder gemeinsam oder der eine fra├č den anderen auf. Und in Robere erwachte in diesem Moment das Bewusstsein, dass er jagen musste.
Der Kampf war kurz. Robere trug stolz seine Beute nach Hause. Die zerkratzten H├Ąnde f├╝hlten sich an wie Troph├Ąen, als er das Tier and├Ąchtig vor Boldisz├árs Bett niederlegte, als sei es eine Opfergabe f├╝r seinen Gott. Langsam drehte sein Bruder den Kopf in seine Richtung und ├Âffnete die Augen.
Ein Holzmesser besa├č Robere nicht und eines aus Eisen noch weniger. Auf den Fersen sitzend ├Âffnete er mit den blanken Z├Ąhnen den Pelz des erw├╝rgten Tieres. Mit den Fingern zog er das entstandene Loch weiter auseinander. Er biss das erste St├╝ck des roten, noch warmen Fleisches heraus und zerkaute es zu einem blutigen Matsch. Der frische Geschmack entfaltete sich in seinem Mund. Das war etwas ganz anderes als die zerkochten und blutleeren Fasern der Suppenh├╝hner. Dieses Fleisch hier war voller Lebenskraft. Wenn Boldi hiervon nicht gesund wurde, dann von ├╝berhaupt nichts.
Da Robere weder eine Sch├╝ssel noch Besteck hatte, f├╝tterte er den geschw├Ąchten Boldisz├ár von Mund zu Mund. Auf diese Weise lie├čen sie sich seine erste Beute gemeinsam schmecken. Es war eine Delikatesse f├╝r die hungrigen Kinder. Sie a├čen alles, was genie├čbar war, nur den Darm, den zerrissenen Pelz und die ausgesaugten Knochen entsorgte Robere. Mehr blieb nicht ├╝brig, der Rest wurde vollst├Ąndig verzehrt. Es blieb nicht das letzte Tier, welches Robere in der folgenden Zeit mit blo├čen H├Ąnden zur Strecke brachte.
Ob es nun an Roberes F├╝rsorge lag, an dem frischen Fleisch, an der st├Ąrkenden Kraft des Blutes oder an Boldisz├árs nat├╝rlicher Widerstandskraft - sein Bruder wurde nach langen Wochen wieder gesund. Die Narbe verschloss sich vollst├Ąndig und entstellte ihn f├╝rs Leben. Sie machte ihn unverwechselbar und sein Gesicht war auf dieser Seite zum Teil gel├Ąhmt, aber er lebte und mit dem gesunden Mundwinkel konnte bald er wieder grinsen.
Boldisz├ár erreichte nicht lange darauf sein zw├Âlftes Lebensjahr und wurde, noch nicht vollst├Ąndig erholt von den Strapazen, als Arbeitskraft an eine Adelsfamilie abgegeben. Es war der schlimmste Tag von Roberes Dasein und er wurde in seiner traumatischen Schwere zeit seines Lebens von keinem anderen Ereignis ├╝bertroffen.
Schweigend blickte Robere der Kutsche hinterher, die seinen Bruder fortbrachte in eine ungewisse Zukunft und an einen Ort, der f├╝r ein Waisenkind so unerreichbar fern war, als h├Ątten sie Boldisz├ár auf einen der beiden Monde verfrachtet. Lange stand der einsame Junge mitten auf der Stra├če und niemand scherte sich um ihn. Nicht die M├Ânche, nicht die vorbeigehenden Passanten, nicht die anderen Kinder.
Irgendwann setzte er sich auf die flache Mauer und rauchte die Rauchstange auf, die sein Bruder ihm zum Abschied gegeben hatte. Es war sein letztes Geschenk gewesen, damit Robere noch etwas in der Hand hatte, wenn er gegangen war. Eine Medizin gegen das Alleinsein. Als sie aufgeraucht war, blieb nichts mehr von Boldisz├ár bei ihm zur├╝ck. Nichts als ein Gef├╝hl g├Ąhnender Leere, ein Loch in der Seele, das durch nichts auf der Welt zu stopfen war. Robere w├╝nschte, es h├Ątte einen Weg gegeben, Boldi f├╝r immer bei sich zu halten.
Er wandte sich ab und ging jagen, um die Trauer zu vergessen und in eine m├Âglichst n├╝tzliche Handlung umzuwandeln. In der folgenden Zeit verschwanden im Dorf derart viele Tiere, dass man von einem Wolf ausging und die Schafe von den Weiden zur├╝ck in die St├Ąlle trieb. Den Hund, der sie hatte bewachen sollen, hatte man nach zwei Tagen nicht mehr gefunden. Robere fra├č sich regelrecht durch das Dorf und nahm keine R├╝cksicht darauf, ob das Tier alt oder jung war, ob es gerade geworfen hatte oder neugeboren war. Was in seine H├Ąnde fiel, das t├Âtete er, entweder mit den blo├čen H├Ąnden oder mit einem improvisierten Hilfsmittel und a├č sich daran satt, bis ihm der Bauch schmerzte. Manchmal spielte er vorher noch ein bisschen damit. Doch egal wie viel er auch a├č - den Hunger, der sich hinter dieser Fressorgie wirklich verbarg, konnte er damit nicht stillen.
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J.R.R. Tolkien

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