Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt. Die überlebenden Völker beginnen zu ahnen, dass der Schlüssel zur Herrschaft über Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. Während die Almanen auf Altbewährtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimbünde der Schatten sehen in der Magie die mächtigste Waffe und für die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

Prolog - Skorpionbrut

Ein kleiner Trupp vom Ring der Menschenfresser hat Naridien verlassen, um nun in Souvagne zu jagen. Angeführt werden die Beißer von dem als Bestie bekannte Archibald von Dornburg. Ihr Ziel: nach der Niederlage nun einen neuen Fleischtempel für den Ältesten zu finden.
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Prolog - Skorpionbrut

#1

Beitrag von Tekuro Chud » Mi 13. Jun 2018, 10:21

In diesen Geschichten wird die Vergangenheit von Robere beleuchtet und was ihn zum Schwarzen Skorpion werden ließ.

Kapitel 1 - Nestkälte

Skorpione gebären ihre Jungen in einem Erdloch. Wenn sie zur Welt kommen, gleichen sie ihren Eltern anatomisch so sehr, dass sie Miniaturen von ihnen sein könnten. Vom Beginn ihres Lebens an sind sie mit Scheren, Stacheln und Panzer versehen. Nichts Niedliches ist an ihnen zu finden, sie betteln nicht nach Nahrung, weinen nicht und fordern keine Liebe. Stattdessen zehren von ihren Körperreserven, während sie geduldig auf die erste Häutung warten. Dann verlassen sie, noch winzig, ihre Mutter und leben auf sich allein gestellt. Mit jeder Häutung wird der Panzer härter, die Scheren kraftvoller und der Stich tödlicher. Vom Beginn seines Lebens an ist ein jeder Skorpion ein Jäger und mit allem ausgestattet, was er zum Beutemachen braucht. Vor allem anderen aber - Geduld. Und die Fähigkeit, die extremsten Umweltbedingungen durch pure Zähigkeit zu überstehen.
Robere wurde im Jahr 167 nach der Asche in einer Umgebung geboren, die kaum freundlicher als das Erdloch eines Skorpiones war. Aufruhr herrschte damals in Souvagne, die Krone wurde bedroht von den Agenten der Autarkie. Die einstige Elitetruppe, gegründet um Recht und Ordnung zu sichern, war zur größten Bedrohung der inneren Sicherheit erwachsen. Es kam zu monatelangen Unruhen. Ein Staatsstreich durch die Agenten konnte gerade noch verhindert werden, indem man sie mit Gewalt niederschlug. Dies war das Ende der Agenten der Autarkie, die allesamt auf dem Schafott landeten, und das Ende der Unruhen im Land. Für Robere und viele andere jedoch kam die einkehrende Ruhe zu spät. In den unsicheren Monaten vor der Zerschlagung des Ordens hatte es in den unteren Bevölkerungsschichten viele Eltern gegeben, die ihre Kinder nicht länger bei sich behalten konnten und er war eines von ihnen. Ungeachtet der Witterung wurde er als Säugling in einer mit Stroh ausgelegten Kiste vor der Tür das Waisenhauses Saint Amaury abgestellt. Zumindest war das die Version, mit der man ihn und auch seinen besten Freund und Wahlbruder Boldiszàr abspeiste, der mit ihm dieses Schicksal teilte.
Sie beide waren die einzigen Kinder des Heims, die man namenlos abgestellt hatte, ohne jeden noch so geringen Hinweis auf ihre Herkunft. Die Mönche, die das zu einem Tempel gehörende Waisenhaus leiteten, hatten sie anhand einer Liste benannt und jene Namen zugewiesen, die als Nächstes an der Reihe waren. Eine Nummer hätte es nach Roberes Empfinden ebenso getan. Er hatte seinen Namen stets gehasst. Schließlich hatte Boldiszàr die naridische Form ›Robby‹ vorgeschlagen, die er von Marktbesuchen her kannte und damit konnte er besser leben.
Möglicherweise war das gemeinsame Schicksal, der blinde Fleck ihrer Herkunft, die Grundlage ihrer Verbundenheit. Robere und Boldiszàr nannten sich gegenseitig Brüder. Theoretisch war es möglich, dass sie tatsächlich Brüder waren. Der Gedanke, einen großen Bruder zu haben, gefiel Robere. Und auch Boldi fühlte sich in seiner Rolle als Vorbild und Anführer wohl. Die Rolle des Beschützers aber nahm nicht er wahr, sondern der drei Jahre jüngere und einen Kopf kleinere Robere. Nicht, weil Boldi unbedingt einen nötig gehabt hätte, jedoch war sein kleiner Bruder eindeutig der Rücksichtslosere und Brutalere von ihnen. Wenn er andere Kinder malträtierte, um Ihren Gehorsam zu erzwingen, dann im besten Gewissen, Boldiszàr damit etwas Gutes zu tun. Andere Wege, seine Zuneigung auszudrücken, kannte Robere nicht, so wurde er ein zuverlässiger Vollstrecker und Wächter. Anschließend stießen sie ihre Fäuste aneinander und Boldiszàr gab ihm, um den Sieg zu feiern, eine seiner selbstgedrehten Rauchstangen. Qualmend saßen sie in ihrem Versteck hinter dem Holzschuppen und fühlten sich sehr erwachsen.
An seine Kindheit erinnerte Robere sich, abgesehen von der engen Freundschaft mit Boldi, nur wenig, obwohl er erst sechsunddreißig war und sein Gedächtnis tadellos funktionieren sollte. Es war, als ob sein Geist diese Zeit aus seiner Biografie streichen wollte, als sei er schon immer der Leibgardist gewesen, zweiter Mann von Unitè B, als sei er schon mit Rüstung und Bewaffnung zur Welt gekommen, wie die Skorpione es taten. Nein, mit dem Thema Kindheit wollte Robere möglichst wenig zu tun haben und er konnte Kinder auch nicht leiden.
Entsprechend gab es nur sehr wenige Ereignisse aus dieser Zeit, an die er sich im Detail erinnerte. Eines davon war jener Tag, als Boldiszàr krank wurde. Nicht nur ein wenig, mit Schnupfen und Heiserkeit, sondern todkrank.
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Re: Skorpionbrut

#2

Beitrag von Tekuro Chud » Sa 16. Jun 2018, 22:43

Kapitel 2 - Beißwerkzeuge (Teil 1)

Neun Jahre war Robere alt und Boldiszàr fast zwölf.
Wie es sich für Boldiszàr gehörte, der die Kinder des Waisenhauses anführte, war er aufgrund einer Verletzung krank geworden, die er sich im Kampf mit einem anderen Jungen zugezogen hatte. Bei solchen Auseinandersetzungen ging es für die Verhältnisse von Kindern sehr brutal zur Sache, denn es ging um nichts weniger als das Überleben in dem verarmten Waisenhaus, das sich hauptsächlich über Spenden finanzierte. Meist ging es dabei um Essen, aber insbesondere in der kalten Jahreszeit auch um Kleidung. Diesmal jedoch ging es um all dies zusammen - um den Platz an der Spitze der erbarmungslosen kindlichen Hackordnung.
Antoine hieß der Rivale, der genau so alt und so stark wie Boldi war, aber keinen Robere hatte, der durch seine Brutalität die Kinder fügsam machte. Lange hatte Antoine auf eine passende Gelegenheit warten müssen. Schließlich war der Zeitpunkt gekommen. Robere war gerade zur Strafarbeit in der Küche abgestellt und Boldiszàr stand allein hinter dem Holzschuppen, um heimlich zu rauchen. Mit seinen elf Jahren war er in dem Alter, das Waisenhaus bald verlassen zu müssen. Antoine schlich näher. Zuvor mussten alte Rechnungen beglichen werden.
Antoine hatte sich aus Holz ein Messer geschliffen. Das Besteck aus der Küche wurde akribisch kontrolliert und nach den Mahlzeiten von jedem einzeln eingesammelt, denn Eisenbesteck war teuer. Aber auch dieses Messer würde seinen Zweck erfüllen. Er kam von hinten, schlug mit der Faust an Boldiszàrs Kopf vorbei und riss dann die Klinge zurück in seine Richtung. Boldi war vollkommen überrumpelt und konnte den Kopf nicht rechtzeitig wegreißen. Das Messer traf ihn in den Mund und Antoine fetzte es seitlich weg. Ein Bogen aus rotem Blut spritzte gegen den Holzschuppen. Das Messer hatte Boldiszàrs Wange über die komplette Breite durchtrennt, vom Mundwinkel bis zu den Backenzähnen. Boldiszàr fuhr mit seinem aufgeschlitztem Gesicht herum und kämpfte um sein Leben. Es wurde eine heftige Prügelei, aber am Ende gelang es ihm, Antoine zu vertreiben. Stark blutend kehrte er ins Innere des Hauses zurück, aufrecht gehend und nicht weinend. Dieser Anblick, wie Boldiszàr sich ohne von der Verletzung beeindrucken zu lassen, durch die Tür schritt, prägte sich für immer in Roberes Gedächtnis ein. Er wurde von tiefem Respekt erfüllt. In seinen Augen war Boldiszàr genau so ein Skorpion wie er selbst, nur, dass sein Bruder nichts davon wusste. Kein Skorpion vergoss Tränen oder bat um Hilfe und so tat auch Boldi es nicht. Er wusch eigenhändig seine Wunde sauber und legte sich ins Bett, bis ein Mönch kam, um nach ihm zu sehen. Robere saß all die Zeit über bei ihm auf dem Fußende des Bettes, schweigend, wachend.
Nun war das Waisenhaus wegen der Unruhen in den Jahren 167 und 168 überfüllt. Für die Kinder gab es nur die notdürftigste Versorgung. Ein Mönch, der in der Heilkunst bewandert war, erbarmte sich, die Wunde zu nähen. Das gestaltete sich als schwierig, denn wegen der vergleichsweise geringen Schärfe des Holzmessers war die Wange mehr zerfetzt worden als zerschnitten. Die vernähte Wunde sah kaum besser aus als der klaffende Spalt. Die Narbe entzündete sich und wollte nicht heilen. Kein Kräutersud, kein Tee und kein Gebet verschaffte Linderung.
Bald lag Boldiszàr mit Fieber im Bett und vermochte nicht mehr, zu den Mahlzeiten im Speiseraum zu erscheinen. Er konnte aufgrund der Wunde nicht sprechen und als Robere ihm aufhelfen wollte, schüttelte er nur schwach den Kopf. Das machte Robere Angst. Und langsam begannen die Kinder, sich Antoine zuzuwenden.
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Re: Skorpionbrut

#3

Beitrag von Tekuro Chud » So 1. Jul 2018, 19:07

Kapitel 2 - Beißwerkzeuge (Teil 2)

Robere kam auf den Gedanken, sein eigenes Essen aus dem Speisesaal zum Bett seines Freundes zu tragen, damit dieser etwas zwischen die Zähne bekam. Wenn er von jeder Mahlzeit die Hälfte übrig ließ, würde es für sie beide genügen. Sie würden davon nicht satt werden und noch weiter abmagern, aber sie würden auch nicht verhungern. Zumindest nicht nach Roberes kindlicher Berechnung.
Eine Hand hielt ihn fest, als er mit seinem halb leer gegessenen Teller aufstand und nicht zum Topf, sondern in Richtung der Tür ging. »Wo willst du hin? Gegessen wird im Speisesaal. Setz dich und iss auf oder schütte es zurück in den Topf, falls später noch jemand etwas davon essen möchte.«
Es kam nur sehr selten vor, dass die Kinder Essen zurückgaben. Es wurde so gut wie immer aufgegessen und nur ausgekochte und leergesaugte Knochenreste landeten im Müll.
Robere blickte zu dem schwarz gewandeten Mönch auf. »Wenn ich aufgegessen habe, kriege ich dann noch was zu Essen für Boldi?«
»Wer so krank ist, sollte nichts essen«, erklärte der Gottesdiener aus dem Schatten seiner Kapuze heraus. »Es kommt nur Dreck in seine Wunde und das Verdauen ist für einen kranken Körper anstrengend. Wenn Boldiszàr wieder gesund werden soll, muss er ein paar Tage fasten. Sobald er wieder bei Kräften ist, so Ainuwar will, wird er die Treppe hinabsteigen, sich zu uns setzen und dann bekommt er sein Essen.«
»Vorher nicht?«
»Vorher nicht.«
Zwei Tage ließ Robere sich von der Erklärung, dass Fasten gut sei, ruhig stellen. Boldiszàr wurde immer schwächer, anstatt dass es ihm besser ging. Er konnte bald kaum noch die Augen öffnen und schlief die meiste Zeit oder war vielleicht sogar ohnmächtig.
Robere schmuggelte schließlich einen Mund voll Hafergrütze hinauf auf das Schlafzimmer. Boldiszàr nahm den Schluck Nahrung zu sich, aber war danach immer noch hungrig.
Düster brütend saß Robere auf seinem Bett. Sein Bruder sah schlimm aus, die Wunde eiterte und seine Augen lagen tief in den Höhlen. Er wälzte den Kopf in Fieberträumen, das Haar klebte schweißnass an seinen Schläfen. In diesem Moment wurde Robere bewusst, dass man Boldiszàr aufgegeben hatte. Keiner der Mönche machte sich noch Hoffnung für seinen Bruder. Das Essen sollte den anderen Kindern zugutekommen und nicht dem Verlorenen. Die Logik war so nachvollziehbar wie kalt. Sie war nicht einmal grausam, diente sie doch dem Wohle aller und vielleicht war die Tat sogar gut gemeint. Doch das Wohl aller war etwas, dass Robere nicht interessierte. Ihn interessierte nur sein eigenes Wohl und das schloss Boldiszàr ein, der einen wesentlichen Beitrag dazu leistete. Er war zu sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt, um sich Gedanken um Leute zu machen, die ihm egal waren. Um ihn sorgte sich schließlich auch keiner - niemand außer sein Bruder. Und so wachte Robere seinerseits auch über Boldiszàr.
»Die Mönche sagen, dass du nur im Speisesaal essen darfst«, erklärte Robere ihm, ohne zu wissen, ob er ihn hören konnte. »Und so lange du nicht auf eigenen Füßen dorthin gehst, bekommst du nichts. Aber ich hole dir trotzdem was. Versprochen. Aber bis dahin musst du noch durchhalten.«
Robere machte sich auf den Weg zur Küche. Er schaute in den riesigen gusseisernen Topf, aus dem die Mönche die Hafergrütze ausgeschenkt hatten. Er war leer und sorgfältig abgewaschen, genau wie die Kelle und die Schüsseln der Kinder. Nirgends klebte ein Rest. Robere schaute in jeden Schrank und in jede Dose, doch nichts war hier oben zu finden, nicht einmal Zwiebeln oder getrocknete Kräuter. Es war wirklich ein besonders schlechtes Jahr. Er schlich in den Keller zur Speisekammer, von der er wusste, dass dort die Säcke mit Hafer aufbewahrt wurden, aus dem jeden Tag die Grütze gekocht wurde. Manchmal wurde sie mit Obst serviert, dann wieder mit Milch, Gemüse oder Fleisch. In den letzten Wochen hatte es den Haferschleim immer pur gegeben.
Robere zog am Riegel. Die Speisekammer war abgeschlossen. Sie hatte auch keine Fenster. Er probierte eine Weile mit einem Draht herum. Wie sehr er sich auch mühte, es gelang ihm nicht, das Schloss zu knacken. Am Ende versuchte er, die Tür einzutreten, doch sie federte seinen Fuß zurück und bekam nicht einmal einen Riss. Er rammte mit der Schulter dagegen und wurde erneut von dem zähen Holz zurückgeworfen. Hilflos stand Robere vor der verschlossenen Tür und starte auf den unnützen Riegel.
Wenn er Boldiszár retten wollte, musste er es anders versuchen, außerhalb des Waisenhauses. Hier gab es keine Hilfe. Die Mönche halfen einem Todgeweihten nicht und von den anderen Kindern war erst Recht kein Beistand zu erwarten. Entweder man überlebte, dann war es gut, oder man starb und machte Platz für andere, was vielleicht noch besser war in Anbetracht des Mangels. Niemanden kümmerte das Leben und Sterben eines ungewollten Kindes. Doch Robere würde Boldi nicht aufgeben.
Robere begab sich noch einmal in den Schlafraum, wo sein sterbender Freund lag, während die anderen Kinder in Haus und Garten tobten.
»Warte auf mich«, sagte Robere zu dem Schlafenden. »Kann sein, dass es ein bisschen dauert.«
Boldiszàr reagierte nicht. Robere starrte ihn eine Weile an und pustete in seine Haare, doch er rührte sich nicht. Übelriechende Wundnässe lief seinen Kiefer herunter. Robere stopfte eine Socke darunter, damit das Kissen nicht noch schmutziger wurde. Ihm war nicht wohl dabei, ihn so wehrlos allein zu lassen. Er würde sich beeilen. Sicherheitshalber versteckte er alles von Boldiszàrs Habseligkeiten, was zum Klauen einlud, ehe er sich umkleidete.
Er zog seine geflickte Jacke über und setzte die Kapuze auf den Kopf, die wie ein Lappen auf seinen Haaren lag, dann stahl er sich von dem Gelände des Waisenhauses davon. Auszureißen war nicht schwer, das taten die Kinder oft. Manche waren nicht wiedergekommen. Die Mönche erzählten, dass sie von Kinderfängern geholt worden seien. Ob das stimmte, wusste Robere nicht. Vielleicht war der Hunger auch zu groß geworden oder die Tristesse der schwarz gewandeten und wortkargen Ainuwar-Mönche. Ainuwar war ein kalter, finsterer Gott, ein Gott des Verstandes. Gefühle hatten bei seiner Anhängerschaft wenig Platz. So verwunderte es nicht, dass es auch in Roberes Herz kalt und dunkel geworden war und wie berechnend er seine Mitmenschen wahrnahm. Dennoch war er nicht völlig gefühllos. Boldiszárs Zustand machte ihm Angst. Doch anstatt weinend an dessen Bett zu sitzen, tat er das einzig Vernünftige - er handelte. Wenn die Mönche ihn je etwas gelehrt hatten, was er für sein späteres Leben brauchen konnte, dann das.
Es nieselte. Nach langem Gehen durch den herbstlichen Regen fand Robere eine Apfelplantage. Sie war abgeerntet und das braune Laub lag in Haufen auf der nassen Wiese. Er suchte jeden Baum ab und fand noch zwei vergessene Äpfel. Die steckte er ein. Aber das würde nicht genügen, um Boldiszàr durchzubringen. Robere spazierte weiter zum Dorfzentrum, um zu schauen, ob er etwas aus den Gärten stehlen konnte, doch die Bewohner kannten die diebischen Waisenkinder und die Lästigkeit, die von ihnen ausging.
Ein Mann, in dessen Garten er einen riesengroßen Kürbis entdeckt hatte, jagte ihn brüllend mit erhobener Faust davon. So schnell er konnte, rannte Robere, bis die wütende Stimme hinter ihm nicht mehr zu hören war. Dann ging er langsamer weiter. Wo sollte er noch suchen?
Außerhalb des Dorfes setzte er sich auf eine Mauer, deren Stein dunkel war vom Nieselregen. Ihm fiel nichts mehr ein. Er, der keine Zeit hatte vergeuden wollen, um schnellstmöglich das Essen zurückbringen und seinen Bruder weiter vor Antoine bewachen zu können, saß hilflos im Herbst und sein Kopf war leer.
Robere weinte nicht. Er hatte sehr zeitig gelernt, es sich abzugewöhnen. Stattdessen war er wütend. Wütend auf die Mönche, die nichts taten, außer ihrem finsteren Gott zu dienen, wütend auf den Mann im Dorf, der nicht aussah, als ob ihn der Verlust des Kürbisses in den Ruin gestürzt hätte, wütend auf die Arbeiter, welche die Apfelbäume so gründlich abgeerntet hatten und vor allem wütend auf sich selber, weil er dem einzigen Menschen, dem er etwas bedeutete, nicht helfen konnte.
Da sah er etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte. Eine Katze, das Fell struppig vom Regen, durch den Herbstregen streunend wie Robere. Genau so schwarzhaarig, genau so suchend, genau so hungrig. Ein einsamer Jäger. Wenn zwei Jäger sich trafen, jagten sie entweder gemeinsam oder der eine fraß den anderen auf. Und in Robere erwachte in diesem Moment das Bewusstsein, dass er jagen musste.
Der Kampf war kurz. Robere trug stolz seine Beute nach Hause. Die zerkratzten Hände fühlten sich an wie Trophäen, als er das Tier andächtig vor Boldiszàrs Bett niederlegte, als sei es eine Opfergabe für seinen Gott. Langsam drehte sein Bruder den Kopf in seine Richtung und öffnete die Augen.
Ein Holzmesser besaß Robere nicht und eines aus Eisen noch weniger. Auf den Fersen sitzend öffnete er mit den blanken Zähnen den Pelz des erwürgten Tieres. Mit den Fingern zog er das entstandene Loch weiter auseinander. Er biss das erste Stück des roten, noch warmen Fleisches heraus und zerkaute es zu einem blutigen Matsch. Der frische Geschmack entfaltete sich in seinem Mund. Das war etwas ganz anderes als die zerkochten und blutleeren Fasern der Suppenhühner. Dieses Fleisch hier war voller Lebenskraft. Wenn Boldi hiervon nicht gesund wurde, dann von überhaupt nichts.
Da Robere weder eine Schüssel noch Besteck hatte, fütterte er den geschwächten Boldiszàr von Mund zu Mund. Auf diese Weise ließen sie sich seine erste Beute gemeinsam schmecken. Es war eine Delikatesse für die hungrigen Kinder. Sie aßen alles, was genießbar war, nur den Darm, den zerrissenen Pelz und die ausgesaugten Knochen entsorgte Robere. Mehr blieb nicht übrig, der Rest wurde vollständig verzehrt. Es blieb nicht das letzte Tier, welches Robere in der folgenden Zeit mit bloßen Händen zur Strecke brachte.
Ob es nun an Roberes Fürsorge lag, an dem frischen Fleisch, an der stärkenden Kraft des Blutes oder an Boldiszàrs natürlicher Widerstandskraft - sein Bruder wurde nach langen Wochen wieder gesund. Die Narbe verschloss sich vollständig und entstellte ihn fürs Leben. Sie machte ihn unverwechselbar und sein Gesicht war auf dieser Seite zum Teil gelähmt, aber er lebte und mit dem gesunden Mundwinkel konnte bald er wieder grinsen.
Boldiszàr erreichte nicht lange darauf sein zwölftes Lebensjahr und wurde, noch nicht vollständig erholt von den Strapazen, als Arbeitskraft an eine Adelsfamilie abgegeben. Es war der schlimmste Tag von Roberes Dasein und er wurde in seiner traumatischen Schwere zeit seines Lebens von keinem anderen Ereignis übertroffen.
Schweigend blickte Robere der Kutsche hinterher, die seinen Bruder fortbrachte in eine ungewisse Zukunft und an einen Ort, der für ein Waisenkind so unerreichbar fern war, als hätten sie Boldiszàr auf einen der beiden Monde verfrachtet. Lange stand der einsame Junge mitten auf der Straße und niemand scherte sich um ihn. Nicht die Mönche, nicht die vorbeigehenden Passanten, nicht die anderen Kinder.
Irgendwann setzte er sich auf die flache Mauer und rauchte die Rauchstange auf, die sein Bruder ihm zum Abschied gegeben hatte. Es war sein letztes Geschenk gewesen, damit Robere noch etwas in der Hand hatte, wenn er gegangen war. Eine Medizin gegen das Alleinsein. Als sie aufgeraucht war, blieb nichts mehr von Boldiszàr bei ihm zurück. Nichts als ein Gefühl gähnender Leere, ein Loch in der Seele, das durch nichts auf der Welt zu stopfen war. Robere wünschte, es hätte einen Weg gegeben, Boldi für immer bei sich zu halten.
Er wandte sich ab und ging jagen, um die Trauer zu vergessen und in eine möglichst nützliche Handlung umzuwandeln. In der folgenden Zeit verschwanden im Dorf derart viele Tiere, dass man von einem Wolf ausging und die Schafe von den Weiden zurück in die Ställe trieb. Den Hund, der sie hatte bewachen sollen, hatte man nach zwei Tagen nicht mehr gefunden. Robere fraß sich regelrecht durch das Dorf und nahm keine Rücksicht darauf, ob das Tier alt oder jung war, ob es gerade geworfen hatte oder neugeboren war. Was in seine Hände fiel, das tötete er, entweder mit den bloßen Händen oder mit einem improvisierten Hilfsmittel und aß sich daran satt, bis ihm der Bauch schmerzte. Manchmal spielte er vorher noch ein bisschen damit. Doch egal wie viel er auch aß - den Hunger, der sich hinter dieser Fressorgie wirklich verbarg, konnte er damit nicht stillen.
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Re: Prolog - Skorpionbrut

#4

Beitrag von Tekuro Chud » So 20. Jan 2019, 13:23

Unter der Schwarzen Wolke
Souvagne, 179 nach der Asche. Waisenhaus Saint Aumery.

An die Jahre, die nach Boldiszàrs Abreise folgten, hatte Robere nur bruchstückhafte Erinnerungen. Es war ein bewusstes Vergessen und nur wenig blieb in seinem Gedächtnis haften, dass er nicht abschütteln konnte. Unter dem Panzer des Jungen, der später der Schwarze Skorpion werden sollte, lag der Schmerz eines Kindes, das keinen einzigen Menschen in einer von Menschen überbordende Welt mehr sein eigen nennen konnte. In den ersten Tagen weinte Robere so viel, als ob er alle Tränen aufbrauchen müsste, bis sie irgendwann versiegten und fortan weinte er nicht mehr. Dass die Schmerzen, die er auch körperlich spürte, genau so von seinem körperlichen Wachstum herrührten, wusste er nicht. Seine Seele alterte sehr viel schneller, als sie sollte. Er hörte auf zu spielen und konzentrierte sich auf die Jagd und Verteidigung des wenigen, was ihm gehörte. Ein anderes Ziel hatte er nicht.
Als das einzige Kind im Heim, welches in der Lage war, sich ausreichend Fleisch zu organisieren, war er bald größer und kräftiger als die übrigen, als sein Körper alles nachholte, was er bisher versäumt hatte. Aus dem mageren Kind wurde ein kräftiger Junge, der sich Respekt zu verschaffen wusste. Ein Mönch, der ihn fürs Rauchen maßregeln wollte und ihn am Arm griff, bekam seine Zähne derart im Unterarm zu spüren, dass Robere sich drei Milchzähne an ihm ausbiss. Sie hätten ihn nun in den Karzer sperren oder körperlich züchtigen können, doch stattdessen entschieden sie sich im nächsten Symposium dafür, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sich um das seelische Wohlergehen ihrer Schützlinge zu kümmern oder gar den Elternersatz zu mimen war nicht das, was die Diener des Ainuwar unter Nächstenliebe verstanden. Sie kümmerten sich darum, dass die Kinder, die niemand mehr wollte, nicht starben und damit taten sie mehr als die meisten anderen Menschen. Sie überließen den schwierigen Jungen nun noch mehr sich selbst, als sie es ohnehin schon taten.

Eines Tages suchte Antoine Robere hinter dem Holzschuppen auf, wo er mit Boldiszàr geraucht hatte und wo nun allein saß und sich aus selbstgesammelten Zutaten Rauchstangen auf Vorrrat drehte. Jede Wolke, die er in die Luft stieß und die verwehte, war eine Botschaft an seinen Bruder. Wenn er rauchte, hatte er das Gefühl, ihm nah zu sein und er stellte sich vor, dass Boldiszàr ebenso rauchend in der Fremde saß und an ihn dachte. Und Antoine wagte es, den heiligen Moment ihrer Zwiesprache zu unterbrechen. Mit eisigem Blick empfing Robere den Jungen, der in respektvoller Entfernung stand und seine Mütze knetete. Antoine war fast so alt wie Boldiszàr und auch er gehörte nicht zu den Hänflingen, doch Robere fürchtete ihn nicht, auch wenn er nun allein gegen ihn stand.
»Was?«, fragte er feindselig, steckte sich eine fertige Rauchstange in den Mund und zündete sie an.
»Ich dachte, wir könnten vielleicht Freunde sein«, antwortete Antoine.
Robere stieß ein Schnauben durch die Nase und lachte ihn aus. »Nach allem, was du getan hast? Du kennst meine Antwort.«
»Es war dumm von mir. Ich wollte nicht, dass es so ausgeht. Ich wollte Boldi und dich verdreschen, damit unser Streit beendet wird. Ich dachte, wenn alles geklärt ist, dann vertragen wir uns. Ihr wart immer zu zweit, darum habe ich es mit dem Messer versucht. Als Ausgleich.«
»Du bist ein Lügner und ein Feigling«, entgegnete Robere eisig.
»Nein, ich wollte Boldi nicht dermaßen verletzen! Ich wusste nicht, dass es so ausgehen würde. Ich habe vorher noch nie jemanden mit dem Messer gestochen. Es war keine Absicht, ich wollte nur, dass es aufhört. Was muss ich tun, damit du mir glaubst?« Er sah ihn hoffnungsvoll an.
Robere erwirderte den Blick ungerührt. »Spring kopfüber vom Dach.« Er zog an seiner Rauchstange.
»Es würde uns beiden besser gehen, wenn wir Freunde wären«, versuchte Antoine es noch einmal. »Wir könnten uns gegenseitig helfen.«
Rober zog verächtlich eine Braue nach oben. »Es gibt kein wir und kein uns. Du willst bloß was von meinem Fleisch abhaben. Ich hab es nur mit Boldi geteilt, der Rest ist für mich. Jag dir selber was.«
»Wir wären wenigstens nicht allein, wenn wir uns zusammentun.«
»Wenn ich Boldi wiederfinde, dann bin ich nicht mehr allein! Und jetzt verpiss dich.«
Robere wusste, dass er seinen Bruder nie wiedersehen würde. Souvagne war groß und er hatte keine Anhaltspunkte, um seine Suche zu beginnen, selbst wenn er vom Heim fortlief und jedes Dorf und jede Stadt nach ihm absuchen würde. Er würde nur seinen Schlafplatz zu verlieren und im Winter erfrieren, etwas anderes würde er damit nicht erreichen. Robere betrachtete Antoine, während er den Rauch zwischen den Zähnen hervor langsam nach oben steigen ließ und fragte sich, wie sein Fleisch wohl schmeckte. Das Fleisch des Jungen, der fast Boldiszàr umgebracht hätte. Wie Ratte oder doch eher nach Schwein? Hungrig und zornig wie Robere war, stellte er sich vor, mit Antoine das anzustellen, was er sonst mit den Tieren tat.
Antoine gab es auf, als Robere ihn nur anstarrte. Er setzte seine Mütze auf den Kopf und ging. Nur wenige Wochen später kam ein Ochsenkarren, der Antoine abholte. Und so seltsam es war, Robere empfand darüber keine Freude. Das Heim wurde ihm jeden Tag fremder und als der Zeitpunkt gekommen war, dass seine eigene Kutsche ihn abholen sollte, vermisste er nichts.

Dieser Tag war heute und er begann hässlich und grau. Man gab Robere einen kleinen Stoffbeutel, in den alles hineinpasste, was er besaß. Mit diesem winzigen Stück seines Lebens wartete er an der Mauer. Hufe klapperten. Nicht das dumpfe Trampeln von Ochsenhufen, wie sie die Fuhrwerke einfacher Leute zogen, sondern das scharfe Klappern von beschlagenen Pferdehufen. Nobel war, was ihn erwartete und er hoffte, dass dies gutes Essen bedeutete. Die Kutsche, die zwischen den Häusern hervor kam, war schwarz lackiert und mit einem silbernen Wappen an der Tür versehen. Es zeigte eine schwarze Gewitterwolke, sonst nichts. Schlicht und düster. Robere schnaubte amüsiert. Das Wappen passte so gut. Die Kutsche machte einen hochwertigen Eindruck. Neben dem Kutscher saß ein Diener, der nun abstieg und die Tür öffnete. Gespannt wartete Robere, wer es war, der ihn abholen würde.
Hinaus stieg ein älterer Edelmann. Der graue Wappenrock, den er über dem knielangen Kettenhemd trug, zeigte ebenfalls auf der Brust die schwarze Wolke. Er war vielleicht 60 Jahre alt, das Haar an den Seiten kurz bis auf die Kopfhaut und oben zur Seite gekämmt, wo es ihm bis hinab zur Wange reichte. Das Haar war längst ergraut, doch seine schwarzen Brauen und ein Teil seines Bartes verrieten, dass es einst rabenschwarz gewesen sein musste. Auch seine Augen waren dunkel. Der Diener half ihm nun in einen schwarzen Wollmantel mit Kapuze. Er blieb vorn offen, so dass man das Wappen auf seiner muskulösen Brust sah. An der Hüfte hing ein Waffengurt.
Robere musterte seinen zukünftigen Herrn mit unverhohlener Neugier. Schwarzes Haar und dazu schwarze Augen, das gab es nicht so oft in Souvagne. War es möglich, dass seine Familie gekommen war, um ihn nach Hause zu holen? War er der Bastard einer Adelsfamilie?
Der Diener ging in den Tempel, während der Edelmann, der das Heim offenbar nicht betreten wollte, draußen wartete und den dunklen Wolken nachsah. Sein Haar wurde vom Wind zerzaust, doch es schien ihm nichts auszumachen. Mehr noch, es wirkte, als würde er das schlechte Wetter genießen, was zu seinem Wappen passen würde. Er sah nach seine Tracht aus wie ein Chevalier, der niederste Adelsstand in Souvagne. Die Chevaliers galten als hervorragende Krieger und fast jede Chevaliersfamilie besaß ein eigenes Stück Land, das wusste Robere. Auch der Tempel gehörte einem Chevalier. Ob es dieser war?
Robere wusste nicht, wie man Edelleute ansprach. Die meisten von ihnen redeten nicht mit dem gemeinen Volk, sondern ließen ihre Diener die Gespräche für sie führen. So wie es auch dieser hier tat, der seinen Diener ins Heim geschickt hatte. Robere ging trotzdem auf den Mann zu und sprach mit ihm, wie er manchmal mit den Mönchen hatte sprechen müssen. Jetzt oder nie.
»Ich bin der Junge, denn Ihr abholen wollt«, sagte er ernst und sah dem Mann fest in seine dunklen Augen, damit er sah, wie ähnlich sie einander waren.
»Das `abe ich mir schon gedacht, wenn du mit deinem Beutel ’ier draußen wartest.« Offenbar hatte der Mann einen Sprachfehler. Dennoch klang die Art, wie er die Worte wählte, gewählt. »Du musst Robere Moreau sein, den ich an diesem wunderschön grauen Tage ab'holen werde, an dem keine ’euchlerische Sonne das Leid der makel'aften Schöpfung ver'öhnt.«
Robere nickte. »Der bin ich. Ihr könnt Robby zu mir sagen. Und wer seid Ihr?«
Der Mann ließ Nachsicht walten bezüglich der unkorrekten Umgangsformen. »Mein Name ist Chevalier Calvin de Dupont. Ich bin das Ober’aupt der Familie Dupont. Du `ast großes Glück, Junge. Wir ’aben entschieden, dass du fortan bei uns in der Burg arbeiten darfst. Unter vielen Kindern fiel die Wahl nach Rücksprache mit der Leitung von Saint Aumery auf dich. Es gibt in unserer Gewitterfeste viel Platz und auch einige gleichaltrige Kinder, mit denen du in der Freizeit spielen kannst.«
»Boldiszàr Boucher?«, fragte er hoffnungsvoll.
Der Chevalier schüttelte den Kopf. »Du bist der Erste, den wir aus dem ’eim zu uns in die Burg ’olen. Wolltest du diesen Jungen gern wiedertreffen? Ein Ratschlag, der dir später vieles leichter machen wird: Wenn du in deinem Leben je ’offnungen ’egtest - lass sie fahren. Das Leben ist nichts als ein endloses Jammertal, es wird nicht besser als jetzt. Optimismus etwas für Priester und Idioten. Wenn man das erst einmal verinnerlicht ’at, ist es erträglich, den man kann nicht mehr enttäuscht werden.«
Robere sah Calvin de Dupont schweigend an. So düster sich seine Worte anhörten, der Mann heuchelte nicht, sondern spielte mit offenen Karten. Robere versuchte zu ergründen, ob dies ein gutes Zeichen sei. Vielleicht waren sie beide ja wirklich verwandt, denn auch seine Weltsicht war finster. Der Mann würde ihm als Vater gefallen. Während die meisten alten Leute faulige Zähne hatten oder gar keine, war das Gebiss von Calvin vollständig und sauber. Seine Hände wirkten stark und gepflegt, nichts, vor dessen Berührung er sich ekeln musste. Ein Mann, der in Würde gealtert war. Robere würde gern spüren, wie Calvin väterlich durch sein Haar strich - etwas, was er von den Mönchen nie gewünscht hatte und diese hatten das auch zu keinem Zeitpunkt getan. Sie behüteten die Kinder, ohne sie zu lieben. Ab heute würde sein Leben ein anderes sein. Selbst wenn er Boldiszàr niemals wieder sehen mochte, hatte er ab heute vielleicht eine Familie. Er tat das, wovor Calvin ihn soeben noch gewarnt hatte - er schöpfte Hoffnung.
Bruder Marius kam gemeinsam mit dem Diener des Chevaliers aus dem Heim.
»Leb wohl, Robere«, sprach der Mönch unter seiner Kapuze hervor.
Robere sah ihn ausdruckslos an. Für ihn sahen die Mönche alle gleich aus, bei den meisten hatte er sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich ihre Namen zu merken und für sie alle empfand er das Gleiche - nichts. Und so wandte er sich ab, ohne ein Wort des Abschieds zu sagen und stieg zu Calvin in die Kutsche. Drinnen war es windgeschützt und eine Öllampe diente zum Wärmen der Hände und Füße.
„Warum habt Ihr mich ausgewählt, um bei Euch zu leben?“, fragte Robere, als die Kutsche sich in Bewegung setzte.
„Man versicherte uns, du seist kräftig und für schwere Arbeit geeignet. Einen zusätzlichen Knecht können wir gut gebrauchen. Vor allem aber sagte man uns, dass man nicht wisse, was man mit dir anfangen solle, da man dich nirgendwo’in ohne schlechtes Gewissen vermitteln könne. Du seist ein Problemkind. Stark im Körper, schwach im Geist und schwer zu erzie’en. Nun, meine Familie nennt viele Söhne ihr Eigen und davon sind auch einige nicht einfach. Ich denke da’er, dass du gut bei uns aufge’oben sein wirst, Robby.“
Und Calvin strich ihm mit den Fingern durch das Haar.
"Not all those who wander are lost."
J.R.R. Tolkien

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