Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt. Die überlebenden Völker beginnen zu ahnen, dass der Schlüssel zur Herrschaft über Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. Während die Almanen auf Altbewährtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimbünde der Schatten sehen in der Magie die mächtigste Waffe und für die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

Der Fall der Agenten der Autarkie [Oneshot]

Souvagne ist politisch neutral und hat sich als einziges Großherzogtum nicht am Feldzug gegen das Chaos beteiligt. Die Souvagner sind bekannt für ihre Sturheit, vor allem aber für die Mauer, die ihr Land umschließt.
Großherzogtum Souvagne
Das almanische Großherzogtum Souvagne ist geprägt von sanfte Hügeln, auf denen Weinbau betrieben wird, fruchtbaren Feldern und weiten Obstplantagen. Souvagne hält sich aus Kriegen größtenteils heraus und hat sich als einziges Großherzogtum nicht am Feldzug gegen das Chaos beteiligt. Stattdessen setzt Duc Maximilien Rivenet de Souvagne auf politische Neutralität. Von allen Herrschern ist er der Gemäßigtste. Die Grenzen Souvagnes wurden inzwischen größtenteils durch eine Wallanlage gesichert. Nur erlesenen Personen ist die Einreise nach strengen Kriterien noch gestattet.
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Berzan Bovier
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Der Fall der Agenten der Autarkie [Oneshot]

#1

Beitrag von Berzan Bovier » Mi 4. Jul 2018, 10:22

Vom Fall der Agenten und dem Tod des Vaters von Bellamy und Boldiszàr.

Der Fall der Agenten der Autarkie

Souvagne, Jahr 168 nach der Asche. Beaufort, Palast des Großherzogs.

Die Flure des Palasts waren kein guter Ort für eine Schlacht. Und doch kämpften hier zwei souvagnische Spezialeinheiten gegeneinander, die eigentlich hätten Verbündete sein sollen. Die Bodenplatten aus geschliffenem Granit waren glatt vom Blut, kunstvoll gefertigte Sitzgruppen wurden im Gefecht umgerissen und das bemalte Geschirr zerschlagen. Diener und Zofen flüchteten vor den wirbelnden Klingen. Ein Wagen mit zusammengelegter Wäsche kippte um und die Stoffbündel wurden von rennenden Kampfstiefeln mitgerissen und im Gang verteilt.
Berzan Bovier gehörte zu jenen, die mit Einhänder und Schild kämpften und keiner Magie fähig waren. Trotz seiner neunundvierzig Jahre war er ein hervorragender Krieger, vielleicht der Beste, den die Agenten der Autarkie aufzubieten hatten. Doch heute wurden seine Fähigkeiten auf eine harte Probe gestellt. Er behielt seinen Kommandanten im Blick und unterstützte ihn beim Führen des Trupps. In seinem Visierhelm bekam er schlecht Luft. Sein Keuchen dröhnte in der Eisenverschalung, sein Atem war heiß. Der Helm war zu einer Sauna geworden, aber bei derart vielen herumwirbelnden Klingen überlegte man es sich gut, ob man das Visier öffnen wollte. Pascal war bereits verschwunden und Berzan vermutete, dass er gefallen war. Auch ihre Gegner, die magisch begabten Himmelsaugen, konnten mit einem Schwert umgehen. Doch wie alle Geistmagier waren sie einem professionellen Krieger im offenen Duell unterlegen - so lange man ihnen nicht in die Augen schaute. Das machte es schwierig, vernünftig gegen sie zu kämpfen. Berzan war nur ein Schatten dessen, was er zustande bringen könnte, wenn er nicht den Blick dauerhaft hätte gesenkt halten müssen.
Nun erfasste ihn auch noch Schwindel. Es ging nicht mehr, er brauchte eine Pause! Er ließ sich etwas zurückfallen, während die anderen Agenten sich weiter zum Ausgang hin vorkämpften. Er sank an die Wand, seine zitternden Finger schoben das Visier nach oben. Herrlich kühl strich die frische Luft über sein Gesicht.
Eine Hand schlug gegen seinen Schulterpanzer. »Alles klar?«, keuchte Mercer, sein Kommandant und Freund, der noch einmal zurückgekommen war. Sein Gesicht war ebenfalls von einem Visierhelm verborgen.
»Luft«, japste Berzan.
»Wir decken dich.« Mercer brüllte Befehle. Die Agenten unterbrachen ihren Vorstoß. Der Ausgang war schon in Sichtweite, doch Berzan war nicht der Einzige, dessen Kräfte sich dem Ende neigten. Die Rüstungen und Waffen besaßen ein hohes Eigengewicht und einen Ernstkampf hielt man nicht lange durch, ohne Pause zu machen. Weitere Agenten drückten sich zu ihm an die Wand und die anderen stellten sich davor, so dass sie einen Verteidigungsring bildeten. Die Hinteren konnten zu Atem kommen, die Vorderen zogen Kommoden heran und gingen mit geladenen Armbrüsten dahinter in Stellung. Es war grotesk, wie sich die Errungenschaften der Zivilisation innerhalb kürzester Zeit in einen Schauplatz archaischster Zustände verwandelt hatten. Möbel wurden zu Barrikaden, ein Palast zum Schlachtfeld. Der berühmte Säulengang war übersät von umgerissenen Stühlen, zersplittertem Porzellan und breitgetretenen Blutschlieren. Jahrhundertealte Gemälde hingen von Armbrustbolzen durchlöchert an den Wänden und in all der Verwüstung lagen ungezählte Leichen. Im Kampf wurde auch der zivilisierteste Mensch wieder zum Wilden.
Berzan sank auf den Hintern. Hochsommer und Vollrüstung, das war keine gute Kombination, aber es war auch nicht geplant gewesen, dass sich der Kampf derart in die Länge zog. Er entschied sich nun doch, den Helm und die darunter liegende Polsterhaube abzunehmen. Sein Gesicht war knallrot, das graue Haar klatschnass. Mercer betrachtete ihn besorgt durch den Sehschlitz. Er selbst beließ den Helm auf seinem Kopf und das Visier vollständig geschlossen. Er steckte die Hitze offenbar besser weg, aber er war auch zehn Jahre jünger.
Warum ihr Putschversuch aufgeflogen war, entzog sich Berzans Kenntnis, wahrscheinlich hatte es einen Maulwurf gegeben. Die Agenten der Autarkie arbeiteten für gewöhnlich in Gruppen von zwei bis drei Mann, ermittelten offen oder verdeckt in der Bevölkerung. Wenn eine Bedrohung der Krone identifiziert wurde, handelten sie, ohne dass es einen Gerichtsprozess gab, was im Klartext bedeutete, dass sie Zivilisten exekutierten. Nicht jeder Agent hatte seine Befugnisse nur zum Schutz des Landes eingesetzt und auch Berzan Bovier, der seiner Familie auf diese Weise ein hübsches Landhaus samt Weinberg hatte schenken können, bildete keine Ausnahme. Nun kämpften die Mörder selbst um ihr Leben. Sie waren nicht gewillt, den verdienten Preis zu zahlen, nachdem ihre Taten ans Licht gekommen waren. Der Putsch wäre ihre letzte Chance gewesen, einem Prozess zu entgehen und somit der sicheren Hinrichtung.
Das rasche Klicken von Armbrüsten riss ihn aus seinen Gedanken. Es waren Repetierarmbrüste mit Bolzentrommeln, bei denen die Munition automatisch nachrutschte. Ganze Salven konnten damit abgefeuert werden. Die Himmelsaugen zogen sich unter dem Beschuss zurück und es wurde still. Vermutlich legten sie ebenfalls eine Pause ein. Sie lauerten jedoch mit Sicherheit an den strategisch wichtigen Punkten. Auch wenn der Fluchtweg frei zu sein schien - er war es nicht. Aber für den Moment kehrte die Illusion von Frieden zurück.
Mercer setzte sich neben ihn.
Berzan ließ den Kopf an die gepanzerte Schulter seines Kameraden sinken. »Wir schaffen es nicht.«
Mercer sagte nichts und das war Antwort genug.
»Ich hätte nicht auf meine alten Tage noch heiraten sollen«, stöhnte Berzan. »Wenn wir scheitern, sind nicht nur wir tot, sondern auch unsere Familien.«
»Denk an deine Söhne«, empfahl Mercer. »Das gibt dir Kraft.«
»Im Gegenteil, es macht mich fertig. Der Kleine ist erst vier.«
»Ein Krieger sollte nicht heiraten«, befand Mercer knapp.
»Es war nicht der einzige Fehler, den ich begangen habe«, keuchte Berzan. Seine Nerven lagen blank. »Alles war ein Fehler. Erst eine Frau, dann sofort Kinder, ein größeres Haus ... alles auf einmal, weil ich das Gefühl hatte, mir laufen die Jahre davon. Ich hätte mich eher entscheiden oder es lassen sollen.«
»Mach dir keine Vorwürfe. Es liegt nicht in der Natur des Menschen, sich mit dem zufriedenzugeben, was er hat. Zumindest nicht in der Natur derer, welche die Bezeichnung Mensch verdienen, sonst würden wir heute noch wie die Rakshaner in Zelten hausen. Der zivilisierte Mensch strebt nach Höherem. Wir haben mit unserer Arbeit entscheidend dazu beigetragen, dass Souvagne das werden konnte, was es heute ist. Da ist es nur rechtens, wenn wir uns hier und da eine Extrabelohnung sichern. Der Duc hätte uns weiterhin freie Hand lassen sollen, dann wären wir nicht zum Gegenschlag gezwungen gewesen. Nein, ich fühle keine Reue und du solltest es auch nicht.«
»Trotzdem hocken wir jetzt hinter Möbeln verschanzt wie die Ratten! Wir haben es übertrieben, das ist das Problem. Wir müssen hier irgendwie rauskommen und mit unseren Familien über die Grenze fliehen. Lass uns versuchen, durchzubrechen, sobald ich wieder stehen kann. Nur noch eine Minute.«
»Ganz ruhig.« Mercer legte seinen Arm um ihn. »Du weißt, dass es zu spät ist. Aber es ist nicht ganz vorbei. Hör zu. Ich hab Pascal vor dem Kampf fortgeschickt. Er soll zusehen, dass er hier lebend herauskommt und dann Brieftauben und Boten in alle Richtungen entsenden. Wenn wir Glück haben, schafft er es, unsere Familien zu warnen. Wir beide haben nur noch eine letzte Aufgabe - ihm Zeit zu verschaffen.«
Ein plötzliches Zittern schüttelte Berzan durch.
»Psch.« Mercer zog ihn an sich. »Es ist in Ordnung.«
Berzan atmete tief durch und ließ das Wissen in seinem Bewusstsein ankommen, dass er heute sterben würde. Die Familien von Hochverrätern wurden traditionell mit Stumpf und Stiel ausgerottet, aber seine würde fliehen. Ein wenig musste er noch durchalten. Er nickte, entspannte sich und ihm fielen die Augen zu. Sie schliefen aneinandergelehnt, bis ein Kamerad sie weckte. Berzan zog Haube und Helm über, nahm die Armbrust des Kameraden entgegen und übernahm dessen Wachposten hinter einer Kommode. Mercer unterhielt sich leise mit einem Agenten, gab Anweisungen, beratschlagte sich.
»Ganz schön ruhig«, fand Berzan.
Mercer hockte sich zu ihm. »Taktik. Sie wollen, dass wir unsere Stellung aufgeben. Schau dir den Eingang an, ist das nicht verlockend? Zweihundert Meter freie Bahn. Aber ich geb dir Brief und Siegel, dass wir ihnen in die Falle laufen, wenn wir jetzt versuchen, bis dahin durchzukommen. Wahrscheinlich haben sie inzwischen Verstärkung organisiert, ich tippe auf die Hofgarde. Oder sie haben spitzgekriegt, dass Pascal herum schleicht und konzentrieren sich nun auf ihn. In so was sind Geistmagier gut.«
»Scheiße, hoffentlich nicht!«
»Ich denke, wir sollten vorstoßen, um sie von ihm abzulenken. Es bringt nichts, hier länger als nötig zu warten«, sagte Mercer. »Aber wir brechen anders durch, als sie vermuten. Nicht auf dem Weg, den sie uns so schön vorbereitet haben, sondern durch die Seitengänge. Wir teilen uns in so viele Gruppen, wie möglich. Ich gebe den Männern den letzten Befehl, ich hebe ihren Treueeid auf. Danach ist sich jeder selbst der Nächste. Jeder soll versuchen, allein nach draußen zu kommen, und dann mag er laufen, wohin seine Füße ihn tragen. Du warst ein guter Kamerad, Berzan, und ein guter Freund. Möge der Abgrund dich noch ein Weilchen verschonen.«
»Das gebe ich zurück. Ich werde die Hohe Mark anvisieren, Wolfsfels. Ich hinterlasse dir im Rathaus einen verschlüsselten Aushang, aber du wirst ihn zu deuten wissen. Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder. Spätestens auf der anderen Seite. Ich sage schon mal leb wohl.«
»Nicht leb wohl, Berzan. Bis bald.«
Mercer erhob sich, um seinen letzten Befehl auszusprechen, da griff ihm Berzan an die Schulter. Bei den Himmelsaugen regte sich etwas.
Ohne Rüstung, nur in Unterwäsche kam ein junger Bursche den Flur entlang. Seine Augen waren angstvoll aufgerissen und er hielt die Hände erhoben. Hinter ihm gingen drei Himmelsaugen, die schwarzen Wappenröcke über dem Kettenhemd, die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen. Der Mittlere drückte ihm eine Repetierarmbrust ins Kreuz.
Mercer knurrte. »Da verlässt man sich einmal auf Pascal.«
»Ich hab von Anfang an gesagt, er ist eine Niete! Und dass es Zeitverschendung ist, ihn auszubilden«, schrie Berzan. »Siehst du, er hat es verpatzt! Jetzt war alles umsonst!«
Pascal hob die Hände noch weiter. »Bitte hört mir zu. Die Himmelsaugen erweisen uns Gnade, wenn wir uns ergeben. Die Gnade einer schnellen und sauberen Hinrichtung.«
»Und wenn wir nicht aufgeben?«, brüllte Berzan, dessen Temperament mit ihm durchging.
Sein Kommandant nahm es gelassen, dass er vor ihm das Wort ergriff. »Uns interessiert solch ein Angebot nicht«, pflichtete er ihm bei. »Wir fürchten den Tod nicht, sie sollen ein anderes Angebot unterbreiten! Was ist mit unseren Kindern?« Mercer selber hatte keine, aber viele seiner Agenten waren Väter.
Pascal blickte nach hinten zu den Himmelsaugen, um mit ihnen zu sprechen. »Senkt die Waffen und schickt einen Unterhändler«, bat er dann. »Man wird mit uns darüber verhandeln, was mit den Kindern geschieht. Über den Rest der Familien und über uns selbst wird es allerdings keine Verhandlung geben. Unser Schicksal steht fest. Verhaltet euch bitte friedlich, sonst ist unser letztes Recht auf ein Entgegenkommen verwirkt.«
Mercer senkte die Armbrust, ohne sie aus der Hand zu legen. »Ich gehe«, murrte er. »Ich geb mein Bestes für deine Buben. Ruhig bleiben, Berzan, ja?«
Er erhob sich und schob sein Visier zurück, wie es zu Verhandlungen üblich war, um friedliche Absichten zu demonstrieren. In dem Moment, als er mit ungeschützten Augen nach vorn blickte, gefror sein Gesicht zu Eis.
Im ersten Augenblick begriff Berzan nicht, was geschah. Nach kurzem Suchen entdeckte er das Spiegelbild von Mercers Mimik bei einem Mann mit Kapuze. Entsetzt erkannte Berzan, dass das Himmelsauge seinem Freund genau in die Augen starrte. Ihre Mimik glich sich aufs Haar, doch dann drehte Mercer sich wie eine Marionette um die eigene Achse. Er hob die Repetierarmbrust und drückte den Abzug. Mit ausdrucksloser Miene ballerte auf seine eigenen Leute und zog die Salve einmal quer durch ihre Reihen. Die Agenten stoben auseinander, mehrere Männer sanken getroffen zu Boden. Die Rüstungen schützten sie vor Schwerthieben, aber nicht vor Armbrustbolzen. Diejenigen, denen die Flucht vor der Salve gelang, stürmten panisch in Richtung Ausgang. Sie kamen nicht weit. Unter einem Bolzenhagel sanken sie zusammen. Dieser Weg war, wie Mercer gesagt hatte, eine Todesfalle gewesen, die von verborgenen Schützen gesichert wurde. In Anbetracht der Menge an Geschossen musste das die Hofgarde sein, die dort wartete.
Berzan war einer der Wenigen, die einen klaren Kopf bewahrten. Er zog den Abzug. Ein Bolzen durchschlug Wappenrock und Kettenhemd des verantwortlichen Himmelsauges. Der Magier brach zusammen, die Verbindung riss ab und auch Mercer fiel betäubt zu Boden. Hilflos lag er auf der Seite. Die verbliebenen Agenten stürzten sich wie ein Schwarm Piranhas auf den vermeintlichen Verräter.
»Stop«, brüllte Berzan. Niemand gehorchte ihm. Sie ließen erst von Mercer ab, als er sich nicht mehr regte.
Wütend riss Berzan die Repetierarmbrust herum. Eine Bolzensalve ratterte in die Himmelsaugen, aber wegen Pascal, der immer noch unnütz bei ihnen herumstand, konnte er nicht ordentlich zielen. Zwei Kampfmagier traf er, die restlichen zerrten Pascal zu einer Säule, versteckten sich dahinter und nutzten ihn als zusätzlichen Schild. Als das Bolzenmagazin leer war, ließ Berzan sich in Deckung fallen, um nachzuladen. Die Antwort prasselte auf die Kommode ein. Neben ihm lag reglos Mercers Körpers. Berzan war ein erfahrener Krieger und kannte den Tod. Zeit für Trauer war später, sofern es ein Später gab.
Pascal wurde wieder nach vorn geschubst. »Stellt den Beschuss ein, bitte«, rief er hilflos und fuchtelte mit den Händen. »Es ist unsere letzte Chance zur Kapitulation!«
Berzan biss die Zähne zusammen und blickte auf seinen toten Kameraden. Seine Augen wurden heiß. Diesen Kampf konnten sie nicht gewinnen. Sie hatten ihn längst verloren und Zeit zu schinden brachte auch nichts mehr. Der Bote war abgefangen worden und stand nun in Unterwäsche zwischen den Fronten. Was blieb, war Schadensbegrenzung. Seinen Kindern konnte er vielleicht noch helfen, selbst wenn er den Rest seiner Familie nicht mehr in Sicherheit bringen konnte.
»Beschuss einstellen«, brüllte Berzan, da Mercer es nicht mehr vermochte. Einige Bolzen knallten noch gegen die Marmorsäulen, ehe der Beschuss widerwillig verebbte. Die letztmögliche Alternative wäre, nach vorn zu stürmen und zu versuchen, so viele Himmelsaugen wie möglich mit sich in den Tod zu reißen. Doch der Gedanke an seine Söhne hielt ihn zurück. »Wir stimmen der Kapitulation zu, wenn unsere Kinder verschont werden.«
»Wir stimmen der Bedingung zu«, bestätigte ein Wortführer der Himmelsaugen. »Ergebt euch und ihnen wird nichts geschehen.«
»Waffen niederlegen«, befahl Berzan.
Nicht sofort gehorchten alle der Überlebenden. Im Namen der Gerechtigkeit waren von ihrer Einheit ganze Familien ausgelöscht oder von ihrem Anwesen vertrieben worden. Eine Begründung ließ sich immer finden, wenn man nur wollte. Eine gnädige Behandlung hatten diese Männer nicht zu erwarten und das wussten sie. Er musste den Befehl noch ein zweites Mal schnauzen, ehe die letzten Agenten der Autarkie endlich ihre Waffen niederlegten. Langsam und mit erhobenen Händen verließen die erschöpften und verwundeten Krieger ihre Deckung.
»Danke, Berzan«, sagte Pascal. »Stellt euch nebeneinander in einer Reihe auf.«
Die Art, wie er das sagte, gefiel Berzan nicht. Misstrauisch verzog er die Brauen. »Sag mal, seit wann gibst du hier eigentlich Befehle für die Himmelsaugen, Pascal?«
Der Mund des jungen Mannes verzog sich zu einem Lächeln. »Schon länger. Ich heiße übrigens nicht Pascal.«
Berzans Augen weiteten sich, als er begriff. »Du elender Verräter!«, brüllte er. »Von dir wussten die Himmelsaugen von dem geplanten Putsch! Du Ratte hast uns verraten!«
»Man kann nicht verraten, wofür man niemals einstand. Ich war nie einer von euch. Habt ihr nicht einen Eid geschworen, eure Fähigkeiten zum Wohle Souvagnes einzusetzen? Und habt ihr das getan? Seine Majestät hat euch vertraut und euch nahezu freie Hand gelassen. Ihr wart Agenten zur Sicherung des Friedens, doch stattdessen habt ihr den Tod gebracht, um eure eigenen Taschen zu füllen. Die wahren Verräter aller souvagnischen Ideale und der Krone, das seid ihr. Doch das hat nun ein Ende. Mercer Desnoyer, der größte aller Verbrecher, ist nicht mehr. Fortan werden die Himmelsaugen unter Magistral Parcival de Coubertin für die innere Sicherheit sorgen. Und der Amtsantritt des Magistrals beginnt mit der Säuberung von altem Schmutz.«
Damit eröffneten die Kampfmagier das Feuer. Bolzen zischten durch die Luft, das Klacken der Repetierarmbrüste hallte hundertfach durch die Gänge, zusammen mit dem Geschrei der Sterbenden. Geschosse prallten pfeifend von den Marmorverkleidungen und schossen in wahnwitzigen Winkeln durch die Luft. Die meisten Agenten sanken tödlich getroffen zu Boden. Auch Berzan spürte mehrere Einschläge in seinen Körper. Doch sie waren nicht tödlich, nicht sofort. Er riss seine letzte Waffe hervor, den Dolch, und stürzte sich auf den Verräter. Den würde er mitnehmen! Der junge Mann wollte flüchten, doch die Schützen der Himmelsaugen standen ihm im Weg. Keiner von ihnen reagierte schnell genug, als der Agent auf Pascal zu gestürmt kam. Sie waren eben nur Magier, Berzan war Krieger. Er brauchte nur einen Wimpernschlag, um bei dem Verräter zu sein, griff nach ihm und packte zu. Als zwei weitere Armbrustbolzen in seine Organe einschlugen, steckte der Dolch bereits bis zum Heft im Herzen des falschen Pascals. Eine bleierne Schwere ergriff Berzan und seine Muskeln erschlafften. Er konnte nicht mehr stehen, genau so wenig wie sein Gegner. Im Tode umarmt sanken sie auf den Boden des Palastes und blieben zusammen liegen, als wären sie tatsächlich einst Kameraden gewesen.
Nach dieser Schlacht war es nur eine Frage der Zeit, bis die letzten Agenten aufgegriffen wurden, die es noch geschafft hatten, in die Gänge des Palasts oder in den Garten hinaus zu fliehen. Sie starben an diesem Tage bis auf den letzten Mann.
Die Namen der gefallenen Himmelsaugen und der Gardisten des Hofes, die ihnen zur Hilfe geeilt waren, wurden in Stein verewigt. Man setzte ihnen ein Denkmal, das zugleich ein Mahnmal war an alle Feinde der Krone. Aus weißem Stein gehauen ragte die Säule in den blauen Himmel, strahlend hell, wenn die Sonne darauf schien. Auf ihrer Spitze saß, die Schwingen ausgebreitet und in Gold gekleidet, der souvagnische Schreiadler.
Die Namen der Agenten der Autarkie waren hingegen auf keinem Denkmal zu finden. Man tilgte sie aus allen Schriften, richtete ihre Familien hin und löschte ihre Einträge in den Wappenrollen, als hätten sie nie gelebt. Sämtliche Stammbücher samt Heirats-, Geburts- und Sterbeurkunden, alle Nachweise, dass die Agenten und ihre Angehörigen je existiert hatten, fielen dem Brennofen der Stadtverwaltung zum Opfer, welcher der nachweislosen Vernichtung von Dokumenten diente.
Doch ein letzter Akt der Gnade wurde den Besiegten zuteil: Die Himmelsaugen hielten ihr Versprechen. Eine Geste des Danks für die jahrelangen Dienste, bevor die Eigensucht in den Herzen der Agenten Einzug gehalten hatte.
Die Waisenhäuser waren wenig später einer Flut von scheinbar geisteskranken Kindern ausgesetzt, die stumm und verwirrt vor ihren Türen aufkreuzten. Innerhalb weniger Monate lernten sie überraschend das Sprechen. Nach einem Jahr war kein Unterschied zu gesunden Kindern mehr feststellbar. Ihr Gedächtnis aber gab niemals eine Erinnerung preis an die Zeit davor. Für dieses Phänomen hatten weder Heiler noch Priester eine befriedigende Erklärung. Man einigte sich schließlich auf eine Folge ungünstiger Sternkonstellationen. Die Geistmagier machten sich ihre eigenen Gedanken dazu, doch sie behielten sie für sich.
Berzans und Mercers Gebeine verrotteten zu dieser Zeit längst in einem anonymen Massengrab.

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