Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den AnfĂ€ngen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. WĂ€hrend die Urvölker auf AltbewĂ€hrtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. GeheimbĂŒnde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

Der Fall der Agenten der Autarkie [Oneshot]

Souvagne ist politisch neutral und hat sich als einziges Großherzogtum nicht am Feldzug gegen das Chaos beteiligt.
Großherzogtum Souvagne
Das almanische Großherzogtum Souvagne ist geprĂ€gt von sanfte HĂŒgeln, auf denen Weinbau betrieben wird, fruchtbaren Feldern und weiten Obstplantagen. Souvagne hĂ€lt sich aus Kriegen grĂ¶ĂŸtenteils heraus und hat sich als einziges Großherzogtum nicht am Feldzug gegen das Chaos beteiligt. Stattdessen setzt Duc Maximilien Rivenet de Souvagne auf politische NeutralitĂ€t. Von allen Herrschern ist er der GemĂ€ĂŸigtste. Die Grenzen Souvagnes wurden inzwischen grĂ¶ĂŸtenteils durch eine Wallanlage gesichert. Nur erlesenen Personen ist die Einreise nach strengen Kriterien noch gestattet.
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Der Fall der Agenten der Autarkie [Oneshot]

#1

Beitrag von Baxeda » Mi 4. Jul 2018, 10:22

Vom Fall der Agenten und dem Tod des Vaters von Bellamy und BoldiszĂ r.

Der Fall der Agenten der Autarkie

Souvagne, Jahr 168 nach der Asche. Beaufort, Palast des Großherzogs.

Die Flure des Palasts waren kein guter Ort fĂŒr eine Schlacht. Und doch kĂ€mpften hier zwei souvagnische Spezialeinheiten gegeneinander, die eigentlich hĂ€tten VerbĂŒndete sein sollen. Die Bodenplatten aus geschliffenem Granit waren glatt vom Blut, kunstvoll gefertigte Sitzgruppen wurden im Gefecht umgerissen und das bemalte Geschirr zerschlagen. Diener und Zofen flĂŒchteten vor den wirbelnden Klingen. Ein Wagen mit zusammengelegter WĂ€sche kippte um und die StoffbĂŒndel wurden von rennenden Kampfstiefeln mitgerissen und im Gang verteilt.
Berzan Bovier gehörte zu jenen, die mit EinhĂ€nder und Schild kĂ€mpften und keiner Magie fĂ€hig waren. Trotz seiner neunundvierzig Jahre war er ein hervorragender Krieger, vielleicht der Beste, den die Agenten der Autarkie aufzubieten hatten. Doch heute wurden seine FĂ€higkeiten auf eine harte Probe gestellt. Er behielt seinen Kommandanten im Blick und unterstĂŒtzte ihn beim FĂŒhren des Trupps. In seinem Visierhelm bekam er schlecht Luft. Sein Keuchen dröhnte in der Eisenverschalung, sein Atem war heiß. Der Helm war zu einer Sauna geworden, aber bei derart vielen herumwirbelnden Klingen ĂŒberlegte man es sich gut, ob man das Visier öffnen wollte. Pascal war bereits verschwunden und Berzan vermutete, dass er gefallen war. Auch ihre Gegner, die magisch begabten Himmelsaugen, konnten mit einem Schwert umgehen. Doch wie alle Geistmagier waren sie einem professionellen Krieger im offenen Duell unterlegen - so lange man ihnen nicht in die Augen schaute. Das machte es schwierig, vernĂŒnftig gegen sie zu kĂ€mpfen. Berzan war nur ein Schatten dessen, was er zustande bringen könnte, wenn er nicht den Blick dauerhaft hĂ€tte gesenkt halten mĂŒssen.
Nun erfasste ihn auch noch Schwindel. Es ging nicht mehr, er brauchte eine Pause! Er ließ sich etwas zurĂŒckfallen, wĂ€hrend die anderen Agenten sich weiter zum Ausgang hin vorkĂ€mpften. Er sank an die Wand, seine zitternden Finger schoben das Visier nach oben. Herrlich kĂŒhl strich die frische Luft ĂŒber sein Gesicht.
Eine Hand schlug gegen seinen Schulterpanzer. »Alles klar?«, keuchte Mercer, sein Kommandant und Freund, der noch einmal zurĂŒckgekommen war. Sein Gesicht war ebenfalls von einem Visierhelm verborgen.
»Luft«, japste Berzan.
»Wir decken dich.« Mercer brĂŒllte Befehle. Die Agenten unterbrachen ihren Vorstoß. Der Ausgang war schon in Sichtweite, doch Berzan war nicht der Einzige, dessen KrĂ€fte sich dem Ende neigten. Die RĂŒstungen und Waffen besaßen ein hohes Eigengewicht und einen Ernstkampf hielt man nicht lange durch, ohne Pause zu machen. Weitere Agenten drĂŒckten sich zu ihm an die Wand und die anderen stellten sich davor, so dass sie einen Verteidigungsring bildeten. Die Hinteren konnten zu Atem kommen, die Vorderen zogen Kommoden heran und gingen mit geladenen ArmbrĂŒsten dahinter in Stellung. Es war grotesk, wie sich die Errungenschaften der Zivilisation innerhalb kĂŒrzester Zeit in einen Schauplatz archaischster ZustĂ€nde verwandelt hatten. Möbel wurden zu Barrikaden, ein Palast zum Schlachtfeld. Der berĂŒhmte SĂ€ulengang war ĂŒbersĂ€t von umgerissenen StĂŒhlen, zersplittertem Porzellan und breitgetretenen Blutschlieren. Jahrhundertealte GemĂ€lde hingen von Armbrustbolzen durchlöchert an den WĂ€nden und in all der VerwĂŒstung lagen ungezĂ€hlte Leichen. Im Kampf wurde auch der zivilisierteste Mensch wieder zum Wilden.
Berzan sank auf den Hintern. Hochsommer und VollrĂŒstung, das war keine gute Kombination, aber es war auch nicht geplant gewesen, dass sich der Kampf derart in die LĂ€nge zog. Er entschied sich nun doch, den Helm und die darunter liegende Polsterhaube abzunehmen. Sein Gesicht war knallrot, das graue Haar klatschnass. Mercer betrachtete ihn besorgt durch den Sehschlitz. Er selbst beließ den Helm auf seinem Kopf und das Visier vollstĂ€ndig geschlossen. Er steckte die Hitze offenbar besser weg, aber er war auch zehn Jahre jĂŒnger.
Warum ihr Putschversuch aufgeflogen war, entzog sich Berzans Kenntnis, wahrscheinlich hatte es einen Maulwurf gegeben. Die Agenten der Autarkie arbeiteten fĂŒr gewöhnlich in Gruppen von zwei bis drei Mann, ermittelten offen oder verdeckt in der Bevölkerung. Wenn eine Bedrohung der Krone identifiziert wurde, handelten sie, ohne dass es einen Gerichtsprozess gab, was im Klartext bedeutete, dass sie Zivilisten exekutierten. Nicht jeder Agent hatte seine Befugnisse nur zum Schutz des Landes eingesetzt und auch Berzan Bovier, der seiner Familie auf diese Weise ein hĂŒbsches Landhaus samt Weinberg hatte schenken können, bildete keine Ausnahme. Nun kĂ€mpften die Mörder selbst um ihr Leben. Sie waren nicht gewillt, den verdienten Preis zu zahlen, nachdem ihre Taten ans Licht gekommen waren. Der Putsch wĂ€re ihre letzte Chance gewesen, einem Prozess zu entgehen und somit der sicheren Hinrichtung.
Das rasche Klicken von ArmbrĂŒsten riss ihn aus seinen Gedanken. Es waren RepetierarmbrĂŒste mit Bolzentrommeln, bei denen die Munition automatisch nachrutschte. Ganze Salven konnten damit abgefeuert werden. Die Himmelsaugen zogen sich unter dem Beschuss zurĂŒck und es wurde still. Vermutlich legten sie ebenfalls eine Pause ein. Sie lauerten jedoch mit Sicherheit an den strategisch wichtigen Punkten. Auch wenn der Fluchtweg frei zu sein schien - er war es nicht. Aber fĂŒr den Moment kehrte die Illusion von Frieden zurĂŒck.
Mercer setzte sich neben ihn.
Berzan ließ den Kopf an die gepanzerte Schulter seines Kameraden sinken. »Wir schaffen es nicht.«
Mercer sagte nichts und das war Antwort genug.
»Ich hÀtte nicht auf meine alten Tage noch heiraten sollen«, stöhnte Berzan. »Wenn wir scheitern, sind nicht nur wir tot, sondern auch unsere Familien.«
»Denk an deine Söhne«, empfahl Mercer. »Das gibt dir Kraft.«
»Im Gegenteil, es macht mich fertig. Der Kleine ist erst vier.«
»Ein Krieger sollte nicht heiraten«, befand Mercer knapp.
»Es war nicht der einzige Fehler, den ich begangen habe«, keuchte Berzan. Seine Nerven lagen blank. »Alles war ein Fehler. Erst eine Frau, dann sofort Kinder, ein grĂ¶ĂŸeres Haus ... alles auf einmal, weil ich das GefĂŒhl hatte, mir laufen die Jahre davon. Ich hĂ€tte mich eher entscheiden oder es lassen sollen.«
»Mach dir keine VorwĂŒrfe. Es liegt nicht in der Natur des Menschen, sich mit dem zufriedenzugeben, was er hat. Zumindest nicht in der Natur derer, welche die Bezeichnung Mensch verdienen, sonst wĂŒrden wir heute noch wie die Rakshaner in Zelten hausen. Der zivilisierte Mensch strebt nach Höherem. Wir haben mit unserer Arbeit entscheidend dazu beigetragen, dass Souvagne das werden konnte, was es heute ist. Da ist es nur rechtens, wenn wir uns hier und da eine Extrabelohnung sichern. Der Duc hĂ€tte uns weiterhin freie Hand lassen sollen, dann wĂ€ren wir nicht zum Gegenschlag gezwungen gewesen. Nein, ich fĂŒhle keine Reue und du solltest es auch nicht.«
»Trotzdem hocken wir jetzt hinter Möbeln verschanzt wie die Ratten! Wir haben es ĂŒbertrieben, das ist das Problem. Wir mĂŒssen hier irgendwie rauskommen und mit unseren Familien ĂŒber die Grenze fliehen. Lass uns versuchen, durchzubrechen, sobald ich wieder stehen kann. Nur noch eine Minute.«
»Ganz ruhig.« Mercer legte seinen Arm um ihn. »Du weißt, dass es zu spĂ€t ist. Aber es ist nicht ganz vorbei. Hör zu. Ich hab Pascal vor dem Kampf fortgeschickt. Er soll zusehen, dass er hier lebend herauskommt und dann Brieftauben und Boten in alle Richtungen entsenden. Wenn wir GlĂŒck haben, schafft er es, unsere Familien zu warnen. Wir beide haben nur noch eine letzte Aufgabe - ihm Zeit zu verschaffen.«
Ein plötzliches Zittern schĂŒttelte Berzan durch.
»Psch.« Mercer zog ihn an sich. »Es ist in Ordnung.«
Berzan atmete tief durch und ließ das Wissen in seinem Bewusstsein ankommen, dass er heute sterben wĂŒrde. Die Familien von HochverrĂ€tern wurden traditionell mit Stumpf und Stiel ausgerottet, aber seine wĂŒrde fliehen. Ein wenig musste er noch durchalten. Er nickte, entspannte sich und ihm fielen die Augen zu. Sie schliefen aneinandergelehnt, bis ein Kamerad sie weckte. Berzan zog Haube und Helm ĂŒber, nahm die Armbrust des Kameraden entgegen und ĂŒbernahm dessen Wachposten hinter einer Kommode. Mercer unterhielt sich leise mit einem Agenten, gab Anweisungen, beratschlagte sich.
»Ganz schön ruhig«, fand Berzan.
Mercer hockte sich zu ihm. »Taktik. Sie wollen, dass wir unsere Stellung aufgeben. Schau dir den Eingang an, ist das nicht verlockend? Zweihundert Meter freie Bahn. Aber ich geb dir Brief und Siegel, dass wir ihnen in die Falle laufen, wenn wir jetzt versuchen, bis dahin durchzukommen. Wahrscheinlich haben sie inzwischen VerstÀrkung organisiert, ich tippe auf die Hofgarde. Oder sie haben spitzgekriegt, dass Pascal herum schleicht und konzentrieren sich nun auf ihn. In so was sind Geistmagier gut.«
»Scheiße, hoffentlich nicht!«
»Ich denke, wir sollten vorstoßen, um sie von ihm abzulenken. Es bringt nichts, hier lĂ€nger als nötig zu warten«, sagte Mercer. »Aber wir brechen anders durch, als sie vermuten. Nicht auf dem Weg, den sie uns so schön vorbereitet haben, sondern durch die SeitengĂ€nge. Wir teilen uns in so viele Gruppen, wie möglich. Ich gebe den MĂ€nnern den letzten Befehl, ich hebe ihren Treueeid auf. Danach ist sich jeder selbst der NĂ€chste. Jeder soll versuchen, allein nach draußen zu kommen, und dann mag er laufen, wohin seine FĂŒĂŸe ihn tragen. Du warst ein guter Kamerad, Berzan, und ein guter Freund. Möge der Abgrund dich noch ein Weilchen verschonen.«
»Das gebe ich zurĂŒck. Ich werde die Hohe Mark anvisieren, Wolfsfels. Ich hinterlasse dir im Rathaus einen verschlĂŒsselten Aushang, aber du wirst ihn zu deuten wissen. Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder. SpĂ€testens auf der anderen Seite. Ich sage schon mal leb wohl.«
»Nicht leb wohl, Berzan. Bis bald.«
Mercer erhob sich, um seinen letzten Befehl auszusprechen, da griff ihm Berzan an die Schulter. Bei den Himmelsaugen regte sich etwas.
Ohne RĂŒstung, nur in UnterwĂ€sche kam ein junger Bursche den Flur entlang. Seine Augen waren angstvoll aufgerissen und er hielt die HĂ€nde erhoben. Hinter ihm gingen drei Himmelsaugen, die schwarzen Wappenröcke ĂŒber dem Kettenhemd, die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen. Der Mittlere drĂŒckte ihm eine Repetierarmbrust ins Kreuz.
Mercer knurrte. »Da verlÀsst man sich einmal auf Pascal.«
»Ich hab von Anfang an gesagt, er ist eine Niete! Und dass es Zeitverschendung ist, ihn auszubilden«, schrie Berzan. »Siehst du, er hat es verpatzt! Jetzt war alles umsonst!«
Pascal hob die HÀnde noch weiter. »Bitte hört mir zu. Die Himmelsaugen erweisen uns Gnade, wenn wir uns ergeben. Die Gnade einer schnellen und sauberen Hinrichtung.«
»Und wenn wir nicht aufgeben?«, brĂŒllte Berzan, dessen Temperament mit ihm durchging.
Sein Kommandant nahm es gelassen, dass er vor ihm das Wort ergriff. »Uns interessiert solch ein Angebot nicht«, pflichtete er ihm bei. »Wir fĂŒrchten den Tod nicht, sie sollen ein anderes Angebot unterbreiten! Was ist mit unseren Kindern?« Mercer selber hatte keine, aber viele seiner Agenten waren VĂ€ter.
Pascal blickte nach hinten zu den Himmelsaugen, um mit ihnen zu sprechen. »Senkt die Waffen und schickt einen UnterhĂ€ndler«, bat er dann. »Man wird mit uns darĂŒber verhandeln, was mit den Kindern geschieht. Über den Rest der Familien und ĂŒber uns selbst wird es allerdings keine Verhandlung geben. Unser Schicksal steht fest. Verhaltet euch bitte friedlich, sonst ist unser letztes Recht auf ein Entgegenkommen verwirkt.«
Mercer senkte die Armbrust, ohne sie aus der Hand zu legen. »Ich gehe«, murrte er. »Ich geb mein Bestes fĂŒr deine Buben. Ruhig bleiben, Berzan, ja?«
Er erhob sich und schob sein Visier zurĂŒck, wie es zu Verhandlungen ĂŒblich war, um friedliche Absichten zu demonstrieren. In dem Moment, als er mit ungeschĂŒtzten Augen nach vorn blickte, gefror sein Gesicht zu Eis.
Im ersten Augenblick begriff Berzan nicht, was geschah. Nach kurzem Suchen entdeckte er das Spiegelbild von Mercers Mimik bei einem Mann mit Kapuze. Entsetzt erkannte Berzan, dass das Himmelsauge seinem Freund genau in die Augen starrte. Ihre Mimik glich sich aufs Haar, doch dann drehte Mercer sich wie eine Marionette um die eigene Achse. Er hob die Repetierarmbrust und drĂŒckte den Abzug. Mit ausdrucksloser Miene ballerte auf seine eigenen Leute und zog die Salve einmal quer durch ihre Reihen. Die Agenten stoben auseinander, mehrere MĂ€nner sanken getroffen zu Boden. Die RĂŒstungen schĂŒtzten sie vor Schwerthieben, aber nicht vor Armbrustbolzen. Diejenigen, denen die Flucht vor der Salve gelang, stĂŒrmten panisch in Richtung Ausgang. Sie kamen nicht weit. Unter einem Bolzenhagel sanken sie zusammen. Dieser Weg war, wie Mercer gesagt hatte, eine Todesfalle gewesen, die von verborgenen SchĂŒtzen gesichert wurde. In Anbetracht der Menge an Geschossen musste das die Hofgarde sein, die dort wartete.
Berzan war einer der Wenigen, die einen klaren Kopf bewahrten. Er zog den Abzug. Ein Bolzen durchschlug Wappenrock und Kettenhemd des verantwortlichen Himmelsauges. Der Magier brach zusammen, die Verbindung riss ab und auch Mercer fiel betĂ€ubt zu Boden. Hilflos lag er auf der Seite. Die verbliebenen Agenten stĂŒrzten sich wie ein Schwarm Piranhas auf den vermeintlichen VerrĂ€ter.
»Stop«, brĂŒllte Berzan. Niemand gehorchte ihm. Sie ließen erst von Mercer ab, als er sich nicht mehr regte.
WĂŒtend riss Berzan die Repetierarmbrust herum. Eine Bolzensalve ratterte in die Himmelsaugen, aber wegen Pascal, der immer noch unnĂŒtz bei ihnen herumstand, konnte er nicht ordentlich zielen. Zwei Kampfmagier traf er, die restlichen zerrten Pascal zu einer SĂ€ule, versteckten sich dahinter und nutzten ihn als zusĂ€tzlichen Schild. Als das Bolzenmagazin leer war, ließ Berzan sich in Deckung fallen, um nachzuladen. Die Antwort prasselte auf die Kommode ein. Neben ihm lag reglos Mercers Körpers. Berzan war ein erfahrener Krieger und kannte den Tod. Zeit fĂŒr Trauer war spĂ€ter, sofern es ein SpĂ€ter gab.
Pascal wurde wieder nach vorn geschubst. »Stellt den Beschuss ein, bitte«, rief er hilflos und fuchtelte mit den HÀnden. »Es ist unsere letzte Chance zur Kapitulation!«
Berzan biss die ZĂ€hne zusammen und blickte auf seinen toten Kameraden. Seine Augen wurden heiß. Diesen Kampf konnten sie nicht gewinnen. Sie hatten ihn lĂ€ngst verloren und Zeit zu schinden brachte auch nichts mehr. Der Bote war abgefangen worden und stand nun in UnterwĂ€sche zwischen den Fronten. Was blieb, war Schadensbegrenzung. Seinen Kindern konnte er vielleicht noch helfen, selbst wenn er den Rest seiner Familie nicht mehr in Sicherheit bringen konnte.
»Beschuss einstellen«, brĂŒllte Berzan, da Mercer es nicht mehr vermochte. Einige Bolzen knallten noch gegen die MarmorsĂ€ulen, ehe der Beschuss widerwillig verebbte. Die letztmögliche Alternative wĂ€re, nach vorn zu stĂŒrmen und zu versuchen, so viele Himmelsaugen wie möglich mit sich in den Tod zu reißen. Doch der Gedanke an seine Söhne hielt ihn zurĂŒck. »Wir stimmen der Kapitulation zu, wenn unsere Kinder verschont werden.«
»Wir stimmen der Bedingung zu«, bestĂ€tigte ein WortfĂŒhrer der Himmelsaugen. »Ergebt euch und ihnen wird nichts geschehen.«
»Waffen niederlegen«, befahl Berzan.
Nicht sofort gehorchten alle der Überlebenden. Im Namen der Gerechtigkeit waren von ihrer Einheit ganze Familien ausgelöscht oder von ihrem Anwesen vertrieben worden. Eine BegrĂŒndung ließ sich immer finden, wenn man nur wollte. Eine gnĂ€dige Behandlung hatten diese MĂ€nner nicht zu erwarten und das wussten sie. Er musste den Befehl noch ein zweites Mal schnauzen, ehe die letzten Agenten der Autarkie endlich ihre Waffen niederlegten. Langsam und mit erhobenen HĂ€nden verließen die erschöpften und verwundeten Krieger ihre Deckung.
»Danke, Berzan«, sagte Pascal. »Stellt euch nebeneinander in einer Reihe auf.«
Die Art, wie er das sagte, gefiel Berzan nicht. Misstrauisch verzog er die Brauen. »Sag mal, seit wann gibst du hier eigentlich Befehle fĂŒr die Himmelsaugen, Pascal?«
Der Mund des jungen Mannes verzog sich zu einem LĂ€cheln. »Schon lĂ€nger. Ich heiße ĂŒbrigens nicht Pascal.«
Berzans Augen weiteten sich, als er begriff. »Du elender VerrĂ€ter!«, brĂŒllte er. »Von dir wussten die Himmelsaugen von dem geplanten Putsch! Du Ratte hast uns verraten!«
»Man kann nicht verraten, wofĂŒr man niemals einstand. Ich war nie einer von euch. Habt ihr nicht einen Eid geschworen, eure FĂ€higkeiten zum Wohle Souvagnes einzusetzen? Und habt ihr das getan? Seine MajestĂ€t hat euch vertraut und euch nahezu freie Hand gelassen. Ihr wart Agenten zur Sicherung des Friedens, doch stattdessen habt ihr den Tod gebracht, um eure eigenen Taschen zu fĂŒllen. Die wahren VerrĂ€ter aller souvagnischen Ideale und der Krone, das seid ihr. Doch das hat nun ein Ende. Mercer Desnoyer, der grĂ¶ĂŸte aller Verbrecher, ist nicht mehr. Fortan werden die Himmelsaugen unter Magistral Parcival de Coubertin fĂŒr die innere Sicherheit sorgen. Und der Amtsantritt des Magistrals beginnt mit der SĂ€uberung von altem Schmutz.«
Damit eröffneten die Kampfmagier das Feuer. Bolzen zischten durch die Luft, das Klacken der RepetierarmbrĂŒste hallte hundertfach durch die GĂ€nge, zusammen mit dem Geschrei der Sterbenden. Geschosse prallten pfeifend von den Marmorverkleidungen und schossen in wahnwitzigen Winkeln durch die Luft. Die meisten Agenten sanken tödlich getroffen zu Boden. Auch Berzan spĂŒrte mehrere EinschlĂ€ge in seinen Körper. Doch sie waren nicht tödlich, nicht sofort. Er riss seine letzte Waffe hervor, den Dolch, und stĂŒrzte sich auf den VerrĂ€ter. Den wĂŒrde er mitnehmen! Der junge Mann wollte flĂŒchten, doch die SchĂŒtzen der Himmelsaugen standen ihm im Weg. Keiner von ihnen reagierte schnell genug, als der Agent auf Pascal zu gestĂŒrmt kam. Sie waren eben nur Magier, Berzan war Krieger. Er brauchte nur einen Wimpernschlag, um bei dem VerrĂ€ter zu sein, griff nach ihm und packte zu. Als zwei weitere Armbrustbolzen in seine Organe einschlugen, steckte der Dolch bereits bis zum Heft im Herzen des falschen Pascals. Eine bleierne Schwere ergriff Berzan und seine Muskeln erschlafften. Er konnte nicht mehr stehen, genau so wenig wie sein Gegner. Im Tode umarmt sanken sie auf den Boden des Palastes und blieben zusammen liegen, als wĂ€ren sie tatsĂ€chlich einst Kameraden gewesen.
Nach dieser Schlacht war es nur eine Frage der Zeit, bis die letzten Agenten aufgegriffen wurden, die es noch geschafft hatten, in die GĂ€nge des Palasts oder in den Garten hinaus zu fliehen. Sie starben an diesem Tage bis auf den letzten Mann.
Die Namen der gefallenen Himmelsaugen und der Gardisten des Hofes, die ihnen zur Hilfe geeilt waren, wurden in Stein verewigt. Man setzte ihnen ein Denkmal, das zugleich ein Mahnmal war an alle Feinde der Krone. Aus weißem Stein gehauen ragte die SĂ€ule in den blauen Himmel, strahlend hell, wenn die Sonne darauf schien. Auf ihrer Spitze saß, die Schwingen ausgebreitet und in Gold gekleidet, der souvagnische Schreiadler.
Die Namen der Agenten der Autarkie waren hingegen auf keinem Denkmal zu finden. Man tilgte sie aus allen Schriften, richtete ihre Familien hin und löschte ihre EintrĂ€ge in den Wappenrollen, als hĂ€tten sie nie gelebt. SĂ€mtliche StammbĂŒcher samt Heirats-, Geburts- und Sterbeurkunden, alle Nachweise, dass die Agenten und ihre Angehörigen je existiert hatten, fielen dem Brennofen der Stadtverwaltung zum Opfer, welcher der nachweislosen Vernichtung von Dokumenten diente.
Doch ein letzter Akt der Gnade wurde den Besiegten zuteil: Die Himmelsaugen hielten ihr Versprechen. Eine Geste des Danks fĂŒr die jahrelangen Dienste, bevor die Eigensucht in den Herzen der Agenten Einzug gehalten hatte.
Die WaisenhĂ€user waren wenig spĂ€ter einer Flut von scheinbar geisteskranken Kindern ausgesetzt, die stumm und verwirrt vor ihren TĂŒren aufkreuzten. Innerhalb weniger Monate lernten sie ĂŒberraschend das Sprechen. Nach einem Jahr war kein Unterschied zu gesunden Kindern mehr feststellbar. Ihr GedĂ€chtnis aber gab niemals eine Erinnerung preis an die Zeit davor. FĂŒr dieses PhĂ€nomen hatten weder Heiler noch Priester eine befriedigende ErklĂ€rung. Man einigte sich schließlich auf eine Folge ungĂŒnstiger Sternkonstellationen. Die Geistmagier machten sich ihre eigenen Gedanken dazu, doch sie behielten sie fĂŒr sich.
Berzans und Mercers Gebeine verrotteten zu dieser Zeit lÀngst in einem anonymen Massengrab.
"Die Menschen bauen zu viele BrĂŒcken und zu wenige Mauern."
Avatar mit freundlicher Genehmigung von: http://direwrath.deviantart.com/

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