Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterlie├čen Relikte, deren Erforschung noch in den Anf├Ąngen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. W├Ąhrend die Urv├Âlker auf Altbew├Ąhrtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. Geheimb├╝nde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

Die Zw├Âlf Apostel

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Baldur
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Die Zw├Âlf Apostel

#1

Beitrag von Baldur » Di 10. Jul 2018, 00:50

Die letzten Schneeflocken trieben damals durch die d├╝rren Zweige der zw├Âlf Pappeln, die gemeinhin als die Zw├Âlf Apostel bezeichnet werden. Den B├Ąumen vertraute ich meine Geschichte an, da ich nicht wei├č, ob der liebe Gott mir noch zuh├Ârt. Im Jahr 1945 stand ich schon einmal hier an diesem Ort und wusste nicht, ob die B├Ąume das sein w├╝rden, was ich als letztes sehen durfte. Lauschen sie ruhig den B├Ąumen im Park, sie werden ihnen sicherlich meine Geschichte erz├Ąhlen, wenn sie ruhig verharren und Geduld zeigen.

Im April 1945 war ich einer von tausenden Kriegsgefangenen, die von den Alliierten brutal gequ├Ąlt wurden. Sicher, ich war f├╝r die Amis eine Ausgeburt der H├Âlle, denn als Soldat einer SS-Einheit musste ich ein mieser Mensch oder ein Untier sein. Doch mich fragte nie jemand, ob ich zur SS wollte. Als Waisenkind wurde man mit 16 Jahren in die Obhut der SS gegeben, ob man wollte oder nicht. Wir wurden gedrillt, bis wir glaubten, der Feldwebel sei der leibhaftige Satan und der Leutnant der liebe Gott. Sp├Ąter wurden wir in Schlachten eines gr├Â├čenwahnsinnigen F├╝hrers geworfen und k├Ąmpften. Ja, ich k├Ąmpfte um zu ├╝berleben und nicht um mir Orden zu verdienen. Ich t├Âtete Menschen in einem wahnsinnigen Krieg, in dem es zu viele Opfer gab. Ich wusste als junger Mann nichts von Politik, sondern ich kannte nur blutige Schlachtfelder, Waffen und sah Kameraden und get├Âtete Menschen, die auf jede erdenkliche Art starben. Als Soldat denkt man stets nur eines: Hoffentlich erwischt es dich gleich richtig, damit du nicht leidest. Zu oft erlebten wir die Qualen von sterbenden Kameraden und Zivilisten mit. Ich kann zumindest f├╝r mich sagen, dass Kriege nichts Heroisches an sich haben, sondern nur Dreck, Blut und entsetzliches Elend. Den Parolen konnte man nicht trauen. Angeblich siegten wir in Charkow, Orel und zig weiteren Schlachten. Ich sah als Soldat immer nur die Kameraden, die grausam im Dreck der Schlachtfelder verreckten. Oft sammelten wir die Erkennungsmarken der Gefallenen ein. Nur selten schafften wir es, die Gefallenen halbwegs w├╝rdig zu beerdigen. Zumeist blieb nicht einmal daf├╝r Zeit, die blutigen Reste der Kameraden irgendwie in dem gefrorenen Boden oder einem Schlammloch w├╝rdelos zu verscharren.

Im Februar 1945 wurde ich gefangen, wir hatten uns der ├ťbermacht ergeben. Seit diesem Tag wurde ich verh├Ârt und fast t├Ąglich gepr├╝gelt, denn ich geh├Ârte zu den Verlierern. Viele von uns waren bereits an Entkr├Ąftung gestorben, verhungert, an den nicht versorgten Wunden verreckt oder begingen in einer stillen Minute Selbstmord, um diesem Elend zu entfliehen. Wir wurden allen erdenklichen Qualen und Dem├╝tigungen dieser Erde ausgesetzt. Ob es gerecht war, kann ich nicht sagen, aber wir wurden systematisch von den Siegern ausgel├Âscht. Bei Oldenburg wurden wir befreiten Polen ausgeliefert, die uns stundenlang mit Brettern und Dachlatten durchpr├╝geln und sogar erschlagen durften. Wer sich wehrte, wurde erschossen. Ich ├╝berlebte und wurde geschunden, wie ich war, nach Bremen getrieben. Von viertausend M├Ąnnern lebten noch etwa achthundert. Dort gerieten wir in die H├Ąnde eines Statistikers, der an uns Wahrscheinlichkeitsrechnung ausprobierte. Jeden Morgen wurden wir von Grohn in den Knoops Park getrieben, um das Urnenspiel dieses Sadisten zu spielen. In einer Urne lagen f├╝nf Kugeln, zwei wei├če und drei schwarze. Die Wei├čen bedeuteten, man durfte weiter Leben und die Schwarzen bedeuteten die sofortige Erschie├čung. Zweimal bereits hatte ich Gl├╝ck gehabt und eine wei├če Kugel gezogen. Sie m├Âgen denken, es w├╝rde einen gl├╝cklich machen zu ├╝berleben. Nein, es war mir mittlerweile egal, ob ich lebte oder erschossen wurde, da ich schon l├Ąngst vollends abgestumpft war.

Aus einem mir unbekannten Grund hatte ich Angst vor diesem Tag, denn wieder wurden wir aus den Zelten getrieben, um unseren Marsch zu dem Hinrichtungsplatz zu machen. Ich hatte an diesem Morgen gro├čes Gl├╝ck, ich bekam nur zwei Mal einen Schlag mit einem Gewehrkolben ab. Meine Stirn war aufgeplatzt und Blut rann mir in die Augen. Auf das Kommando eines Soldaten begannen wir zu marschieren, so wie leblose Puppen. Alle, die umfielen, wurden mitleidlos von den uniformierten Sklaventreibern erschossen. Neben mir marschierte ein Ukrainer, der m├Ąchtig stolz auf seine vielen Orden war und trotzig den Amis widerstand. Vor mir starb ein Kamerad, und so gelangte ich neben einen jungen Leutnant. Dem Mann fehlte ein Arm, ich wei├č nicht mehr, ob es der rechte oder linke Arm war, aber dieser Mann war offenbar der einzige Christ im Umkreis von zig Kilometern. Unterwegs forderte mich der Mann auf zu beten. Ich weinte, denn ich wusste nicht, wie das ging. Ich hatte noch nie zuvor gebetet, weil es so etwas bei der SS nicht gab. Ruhig sprachen wir auf dem Marsch ein Gebet, welches mir eigenartig vertraut und doch fremd war. Wir gelangten schlie├člich wieder auf die Wiese bei dem ehemaligen Flak-Leitstand. R├╝de trieb man uns in Glieder zu f├╝nf M├Ąnnern zusammen und wir warteten darauf, zur Urne gepr├╝gelt zu werden. Ich sah einige Schneeflocken, zertretenes Gras und einige Kameraden. Ich versuchte, nach oben zu schauen, in der Hoffnung Gott zu sehen, aber ich sah ihn nicht. Es waren zu viele Wolken am Himmel, und die Schneeflocken machten es noch schwerer, einen Blick gen Himmel zu werfen. Wieder n├Ąherten wir uns der vordersten Reihe und erst jetzt nahm ich die zynischen Befehle wahr. Immer wieder zerfetzten Sch├╝sse die kalte Luft und danach herrschte eine kalte und beunruhigende Stille. Ich wusste, eigentlich hatte ich keine Chance diesen Tag zu ├╝berleben. Aber ich hatte daf├╝r gelernt zu beten.

Dann wurden auch wir f├╝nf Fragmente von menschlichen Seelen r├╝de zur Urne gepr├╝gelt, die schmucklos auf einem Tisch stand. Der Ami-Captain, der das zu verantworten hatte, sa├č wie ├╝blich in seinem Jeep und f├╝hrte akribisch Buch. An diesem Tag war sogar noch ein Britischer Offizier dabei und be├Ąugte die perfide Prozedur skeptisch. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die beiden Offiziere eine diabolische Wette abgeschlossen hatten.

Ich war der Letzte in der Reihe und hatte somit keine Wahl, was f├╝r eine Kugel ich zog. Wie durch einen Schleier der Ohnmacht nahm ich alles wahr, denn eigentlich war ich schon tot. Der Erste griff in die Urne und zog eine schwarze Kugel. Der Zweite zog eine wei├če Kugel und der Dritte zog eine schwarze Kugel. Ich hatte inzwischen rasende Angst und ahnte, dass kein Mensch so viel Gl├╝ck haben k├Ânnte, um diesem satanischen Spiel zu entrinnen. Neben mir der Leutnant stupste mich an. ÔÇ×Zieh beide Kugeln, die schwarze ist f├╝r mich. Du bist jung und ich bin schon seit Jahren tot. Nimm diesen Brief und gebe ihn meinen Eltern.ÔÇť Ich zog zwei Kugeln und der Leutnant nahm die schwarze Kugel. Es gab lautes Geschrei, und Gewehrkolben maltr├Ątierten unsere R├╝cken. Der Ami und der Brite kamen auf uns zugelaufen. Ich h├Ârte den US - Offizier. ÔÇ×ItÔÇÖs impossible!ÔÇť Doch der Brite lachte nur. ÔÇ×Pure Boy, where is my money and the bottle Whiskey!ÔÇť Die beiden Herren stritten noch eine Zeit lang, bis sie sich geeinigt hatten. Der Leutnant betete ein letztes Mal und wurde dann fort getrieben. Ich bekam eine Schaufel ins Gesicht geschlagen und wurde auch in das Tal neben den zw├Âlf Aposteln getrieben. Als ich die B├Ąume sah, liefen mir Tr├Ąnen aus den Augen, nicht weil ich Angst hatte, sondern weil sich ein fremder Mensch f├╝r mich opferte. Auf halbem Weg h├Ârte ich das Erschie├čungskommando. Es waren zig Sch├╝sse. Im Tal angelangt mussten wir die erschossenen Kameraden aufsammeln und auf Lkw laden. Ich kniete mich neben den Leutnant und schloss ihm die Augen. Bei dem Versuch, ihm die Arme auf dem Oberk├Ârper zu legen, scheiterte ich. Ich heulte, denn nicht einmal das gelang mir. Wir verluden die Toten rasch auf den Lkw und kurz darauf wurde ich dem Briten ├╝bergeben. Erst bei diesen Tr├Ąnen merkte ich, dass ich ein Mensch war, der immer noch Gef├╝hle in sich trug. Jahre sp├Ąter erfuhr ich zuf├Ąllig, dass ich einer von nur drei ├ťberlebenden von diesem systematischen Massenmord war. Der Ami wurde Chefstatistiker f├╝r eine Versicherungsfirma, der sich einzig mit dem Ableben von Menschen bei Flugzeugabst├╝rzen auseinandersetzte.

Nach der Kriegsgefangenschaft versuchte ich, den Brief an die Eltern zu ├╝bergeben, aber es gelang mir nicht. Die Eltern von dem Leutnant waren ausgebombt worden, und die Schwester hatte ein noch schlimmeres Schicksal ereilt. Ich erfuhr immerhin, dass der Leutnant der Sohn eines Pastors war und genauso wie sein Vater Pastor werden wollte. Ich ├Âffnete daher den Brief und erkannte, dass der Brief an Gott gerichtet war. Der Leutnant hatte nur geschrieben. ÔÇ×Herrgott vergib mir meine Schuld und vergebe auch meinen Peinigern.ÔÇť Der Rest in dem Brief war scheinbar an mich gerichtet. Ich befolgte die Ratschl├Ąge. Immerhin wusste ich nun, wohin ich mich wenden sollte. Als Waisenkind hatte ich keine Heimat, also ging ich zum Priesterseminar, um das zu lernen, was dem Leutnant verwehrt blieb. Erst sp├Ąter erkannte ich, dass Gott um jede Seele weint, die geschunden bei ihm erscheint. Erst viele Jahre sp├Ąter fand ich meinen Frieden. Und immer, wenn ich Schneeflocken vom Himmel fallen sehe, dann bete ich still f├╝r mich alleine, denn jede Schneeflocke verk├Ârpert f├╝r mich die Seele eines Menschen, der w├Ąhrend des Krieges unschuldig starb und als Schneeflocke noch einmal auf eine friedliche Welt schauen darf.

Fragt nicht, ob ich mich als T├Ąter f├╝hle und meine Taten bereue. Ich kann darauf keine Antwort geben, weil ich niemals eine Wahl hatte. Ich wei├č nur, dass ich im Krieg jederzeit wie ein dressierter Hund handelte - und schoss, weil feindliche Soldaten auf mich schossen. Schossen wir nicht auf die Gegner, so schossen unsere Vorgesetzten auf uns, da wir angeblich Feiglinge waren. W├Ąre ich mutiger gewesen, dann w├Ąre ich fr├╝her zu einem Mann mit einem Gewissen geworden, der mutig gehandelt h├Ątte. Und noch ein Gedanke: Bei der Erschie├čung wusste ich nicht einmal mehr, ob ich ein Mensch mit einer Seele war. Heute wei├č ich, dass die Amis und Russen keine besseren Menschen waren, sondern nur Sieger eines blutigen und unn├Âtigen Krieges.

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