Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterlie├čen Relikte, deren Erforschung noch in den Anf├Ąngen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. W├Ąhrend die Urv├Âlker auf Altbew├Ąhrtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. Geheimb├╝nde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

Baxis NaNo-Texte 2018

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Baxis NaNo-Texte 2018

#1

Beitrag von Baxeda » Do 1. Nov 2018, 09:20

Noel
Souvagne, Jahr 177 nach der Asche. Lehen la Grange.

Im Jahr 177 nach der Asche erblickte im Osten des almanischen Gro├čherzogtums Souvagne, in den Ausl├Ąufern der W├╝ste Sundhi, ein Junge das Licht der Welt. Sein Haar war so hellbraun wie die trockene Erde, die gro├čen und fast m├Ądchenhaften Augen so gr├╝n wie das harte Gras seiner Heimat. Noel Blanchet sollte er in den ersten Jahren seines Lebens hei├čen. Das Meer lag nur eine Tagesreise von seinem Heimatort entfernt, doch wuchsen trotz der N├Ąhe des Wassers nur wenige Pflanzen, welche dem Salz trotzen konnten. Niederschl├Ąge gab es selten in dieser Halbw├╝stenregion und wenn, dann fielen sie als Schnee im Winter. Die Vegetation war z├Ąhbl├Ąttrig und strauchig. Die braungelbe, sandige Erde lag zwischen den Teppichen stacheligen Grases blank und der Wind schob sie vor sich her. Wo sie von Pflanzen gehalten wurde, sammelte sie sich und t├╝rmte sich zu H├╝geln auf. Die Sundhi war nur w├Ąhrend der Sommermonate hei├č, im Winter herrschte ganzt├Ągiger Frost. Im Fr├╝hling und Herbst jedoch erwachte die Halbw├╝ste zum Leben. Der Sanddorn erbl├╝hte, die Grasteppiche wurden weit und saftig. Die Viehzucht lohnte sich unter den wechselhaften Bedingungen allerdings kaum f├╝r die sesshaften Souvagner, daf├╝r gab es in Almanien geeignetere Regionen, denn w├Ąhrend der langen Trockenperioden war die Ern├Ąhrung der Tiere m├╝hsam. Daf├╝r war die Jagd mit Windhunden vielversprechend zu jenen Monaten, in denen die Wildpferde und Antilopen sich am frischen Gras labten, um weiterzuziehen, sobald es erneut verdorrte. Ganze Karawanen trugen ihre zerlegten Leiber in die Stadt hinein, damit das Volk in der kommenden Zeit gut versorgt war. Der Rest des Bedarfs wurde dem Meer abgerungen oder importiert. Das Lehen geh├Ârte aufgrund seiner Kargheit zu den ├Ąrmsten Regionen Souvagnes, war nur d├╝nn besiedelt und stellte somit einen guten Standort f├╝r das geheime Kinderheim des St├Ąhlernen Lotos dar.

Noel sah durch das Fenster die Karawane der J├Ąger auf ihren hochbeinigen Pferden im Morgennebel verschwinden, begleitet von einer Meute Windhunde. Die einzige gro├če Stadt des Lehens war La Grange, in deren Randbezirk das Heim lag. Offiziell war es ein normales Kinderheim, inoffiziell nahm es jedoch keine Kinder von au├čerhalb auf, angeblich wegen ausgesch├Âpfter Kapazit├Ąten. Versuchte jemand ihnen ein fremdes Kind aufzudr├╝cken, und lie├č nicht locker, wurde dieses angenommen und dann sofort in ein anderes Heim gebracht, ohne je die Schwelle des Ordensheimes ├╝bertreten zu haben. Den Sch├╝tzlingen des St├Ąhlernen Lotos mangelte es hier an nichts, denn dem Orden standen gen├╝gend finanzielle Mittel zur Verf├╝gung. Auch waren die Kinder keine Waisen, sondern wurden hier abgegeben, damit sie bestm├Âglich auf ihr sp├Ąteres Leben als st├Ąhlerner Lotos vorbereitet werden konnten.
Noel wurde manchmal von seinen Eltern Yann Vandeau und Myriam Blanchet besucht, die freundlich zu ihm wahren. Doch herrschte eine gewisse Distanz und sie blieben nur selten l├Ąnger bei ihm. Meist schauten sie nur, ob es ihrem Sohn gut ging, fragten ihn, was er so mache und gingen wieder. Sie kamen stets allein zu Besuch, denn sie waren weder verheiratet noch ein Paar. Noel freute sich zu ihren Besuchszeiten vor allem auf die S├╝├čigkeiten, die sie mitbrachten. Wenn seine Mutter ihn umarmen wollte, entwand er sich und ging spielen.

Die Halbw├╝stenlandschaft war der Spielplatz der Kinder zu jenen Zeiten, in denen sie unter freiem Himmel spielen durften. Man lie├č sie v├Âllig allein herumstromern, denn sie sollten fr├╝h lernen, ohne Hilfe und ohne Gesellschaft zurechtzukommen. Menschen, die den Kindern gef├Ąhrlich werden konnten, gab es in dieser entlegenen Gegend nicht. Nur selten geschah es, dass man eines von ihnen in suchen musste, das sich verirrt hatte. Das Haar vom Ostwind zerzaust erkundete Noel am liebsten einen besonders windigen Bereich, wo sich ein Labyrinth aus sandig-weichen Senken zwischen den von vergilbtem Gras bewachsenen D├╝nen gebildet hatte. Dort spielte er in Gesellschaft von Schlangen, Skorpionen und Spinnen, vergrub Sch├Ątze aus Knochen und Steinen und merkte sich jedes Einzelne seiner Verstecke. Er kontrollierte sie regelm├Ą├čig, denn irgendetwas musste er tun, wenn er allein da drau├čen spielte. Sich selbst zu gen├╝gen, hatte er von Anfang an lernen m├╝ssen, indem man ihn nur ohne seine Spielgef├Ąhrten hinausgehen lie├č.
War er im Heim, lernte Noel Arbeiten, die sonst weibliche Bedienstete aus├╝bten, wie W├Ąsche waschen, kochen, putzen und sich um die j├╝ngeren Kinder k├╝mmern. Er konnte Schuhe flicken und M├Âbel reparieren, beherrschte das N├Ąhen, Stricken und H├Ąkeln und wusste, wie man ein Kleinkind versorgt. Nichts davon konnte er sonderlich gut, daf├╝r beherrschte er von allem die Grundlagen. Man bereitete ihn darauf vor, v├Âllig ohne Diener, Knechte und M├Ągde zurechtzukommen. Ihn erwarteten, abgesehen von der Hausarbeit, viele geleitete Spiele, die eine Pflichtveranstaltung waren. Damals wusste er noch nicht, dass auch sie bereits Bestandteil seiner Ausbildung waren.
Theaterst├╝cke einzustudieren und Rollenspiele zu improvisieren war Alltag. Neben Puppen und Marionetten nannte jedes Kind einen umfangreichen Verkleidungskoffer mit unterschiedlichen Kost├╝men sein Eigen. Auch Per├╝cken und Schminke geh├Ârten dazu, so dass sie sich gegenseitig oder allein verkleiden konnten. Im Gegensatz zu anderen Haushalten durften die Jungen des St├Ąhlernen Lotos mit Puppen spielen, sie wurden sogar dazu ermutigt. Sie sollten sich M├Ąrchen um diese Figuren ausdenken, um sie zum Leben zu erwecken. Die Kinder f├╝r Tagtr├Ąumereien zu r├╝gen, kam hier niemandem in den Sinn.

Und in einer weiteren Besonderheit unterschied sich die Erziehung der Ordenskinder in der von anderen Kindern. L├╝gen wurde nicht bestraft, sondern durch reichhaltige Verlockungen herausgefordert. Man sorgte daf├╝r, dass es sich lohnte, wenn man die Kinder nicht erwischte. Mit dem L├╝gen aufzuh├Âren kam ihm nicht in den Sinn, denn er erlebte, dass jeder in diesem Heim den anderen andauernd belog. Die Ammen logen genau so wie die Erzieher. Es schien, als taten sie es absichtlich in einer Weise, dass die Kinder herausfinden konnten, ob jemand ihnen eine Unwahrheit auftischte. Es geh├Ârte zum Alltag dazu, L├╝gengeschichten zum Besten zu geben und wenn Noel von der Klapperschlange erz├Ąhlte, mit der er sich in der Sundhi angefreundet hatte, tat sein Erzieher so, als w├╝rde er es glauben - nicht wissend, dass der Junge unter dem Ger├Ąteschuppen tats├Ąchlich eine Klapperschlange hielt, die er mit selbst gefangenen M├Ąusen f├╝tterte. Und nicht ahnend, dass Noel die Geschichte bewusst so erz├Ąhlte, dass sie wie erfunden klang, damit man ihm sein Haustier nicht erschlug.

Mit sechs Jahren wurde jedes Kind des Heimes von einem Mitglied des Ordens adoptiert, das war etwas, worauf Noel sich freute. Er w├╝rde reiten und k├Ąmpfen lernen. Die Hausarbeiten und die Schauspielerei langweilten ihn immer mehr, je ├Ąlter er wurde und er sehnte sich nach Spielen, die wilder waren und gef├Ąhrlicher. Neben der Klapperschlange unter dem Ger├Ąteschuppen hielt Noel verschiedene Giftspinnen und Skorpione in h├Âlzernen Dosen, die er unter seinem Bett versteckte, bis sie starben. Nur seine Klapperschlange, die nach wie vor frei wohnte, ├╝berlebte seine F├╝rsorge.

So vertrieb er sich seine Freizeit bis zu dem Tag, an dem er seinen Mentor kennenlernen w├╝rde. Man sagte Noel, er w├╝rde bei dem Mann, der ihn einst adoptierte, Dinge lernen, mit denen er sp├Ąter sehr viel Geld verdienen konnte, ohne dass man ihm offenbarte, welche dies sein w├╝rden. Noel wollte von seinem Geld eine Meute der braunen, stehohrigen Windhunde kaufen und mit ihnen in der Sundhi jagen gehen. Er wusste damals noch nicht, dass diese edlen Gesch├Âpfe dem Adel vorbehalten waren, genau wie die Hochwildjagd und dass er in seinem Leben nie auch nur einen einzigen Windhund besitzen w├╝rde.
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Re: Baxis NaNo-Texte 2018

#2

Beitrag von Baxeda » Fr 2. Nov 2018, 10:26

Der Mentor
Souvagne, Jahr 183 nach der Asche. Lehen la Grange.

An seinem sechsten Geburtstag bekam Noel einen seiner sehnlichsten W├╝nsche erf├╝llt. Er hatte die Nacht kaum schlafen k├Ânnen und sich in Vorfreude in seinem Bettzeug hin und her gew├Ąlzt. Als endlich die ersten Sonnenstrahlen durch die Luftschlitze der h├Âlzernen Fensterl├Ąden fielen, stand er auf, wusch sich und zog sich an. Als sein Erzieher in wecken wollte, war Noel bereits fertig angezogen. Im Speiseraum gab es ein gro├čes Geburtstagsfr├╝hst├╝ck mit frischem Brot, gekochten Eiern, einer gro├čen Sch├╝ssel Weintrauben und exotischen Fr├╝chten, die es auf keinem Markt zu kaufen gab. Das beste war die gro├če Schokoladentorte, denn Schokolade war ein Luxus, den sich sonst nur Adlige leisten konnten. Als Noel durch die T├╝r trat, sangen die Kinder im Chor. Ihr Gesang wurde untermalt von den Musikinstrumenten der Erzieher und Ammen, von denen jeder mehrere Instrumente beherrschte. Danach wurde zusammen gegessen und jedes Kind erhielt einen Sahnekakao. Es war nicht nur eine Geburtstagsfeier, sondern auch ein Abschied. Es flossen keine Tr├Ąnen, es wurde gescherzt und gelacht, denn alle wussten, dass sie sich wieder sehen w├╝rden.

Timoth├ęe Mauchelin wartete bereits im Arbeitszimmer des Heimleiters. Noel war die Treppe hinaufgerannt, weil er es nicht mehr aushalten konnte, den Mann zu sehen, bei dem er fortan wohnen w├╝rde. Bei dem er reiten und k├Ąmpfen lernte. Er stellte ihn sich vor als einen edlen Recken, so wie die Chevaliers, die durch den Morgennebel auf die Jagd ritten in ihren schicken Jagdr├Âcken. Als Noel in den Raum st├╝rmte, sa├č sein Mentor auf einem Stuhl und wartete auf ihn. Der Heimleiter Valentin Rignon erhob sich hinter seinem Schreibtisch.

┬╗Ich lasse euch beide allein, damit ihr euch in Ruhe kennenlernen k├Ânnt. Wenn alles passt, setzen wir nachher den Ausbildungsvertrag auf und die Adoptionsurkunde.┬ź Er nickte beiden freundlich zu und verlie├č das Arbeitszimmer.

Noel schaute sich seinen Mentor an - und war entt├Ąuscht. H├Ątte er ihn auf der Stra├če getroffen, w├Ąre er vermutlich an ihm vorbeigegangen, ohne ihn eines zweiten Blickes zu w├╝rdigen. Der Mann war etwa 30 Jahre alt, sein Haar unter einem Hut verborgen. Er besa├č ein ebenm├Ą├čiges, aber nichtssagendes Gesicht mit gro├čen grauen Augen. Seine Kleidung war ordentlich und unauff├Ąllig, so wie man sie von einem Buchhalter erwarten w├╝rde. Auf dem Scho├č hatte er eine Ledertasche f├╝r Akten, die mit einer Schnalle verschlossen wurde. Und das, wo sie doch w├Ąhrend ihrer Ausbildung derart fantasiereiche Rollenspiele durchf├╝hrten. Sollte das seine Zukunft sein, als Z├Âgling eines Buchhalters in einer muffigen Schreibstube zu versauern? War es das, worauf sie ihn vorbereitet hatten?

┬╗Hallo Noel. Ich bin Timoth├ęe Mauchelin. Du kannst Timo zu mir sagen und mich mit Du ansprechen.┬ź Der langweilige Mann reichte dem Jungen die Hand. Der nahm sie und dr├╝ckte sie. Sie f├╝hlte sich weich und kalt an, wie seine Klapperschlange.

┬╗Hallo Timo┬ź, sagte Noel.

Es klopfte, die Haush├Ąlterin stellte ihnen ein Tablett mit Tee hin, schenkte ihnen ein L├Ącheln und lie├č sie wieder allein. Timoth├Ęe wartete, bis sie das Arbeitszimmer verlassen hatte, ehe er das sich gerade anbahnende Gespr├Ąch fortsetzte.

┬╗Dein Heimleiter Monsieur Rignon hat mir berichtet, dass du ein guter L├╝gner w├Ąrst.┬ź Weder seiner Stimme seinem Blick war zu entnehmen, was er von dieser Information hielt.

Noel nickte. ┬╗Das stimmt┬ź, sagte er stolz.

┬╗Warum gibst du das so freim├╝tig zu? Nun wei├č ich es und du wirst es k├╝nftig schwer haben, mich an der Nase herumzuf├╝hren. Du hast dir damit keinen Gefallen erwiesen.┬ź

Der Junge zuckte mit den Schultern. ┬╗Du hast es ja sowieso schon gewusst. Du hast nur gefragt, um zu schauen, was ich sage. H├Ątte ich gelogen, h├Ąttest du es mir ja doch nicht geglaubt.┬ź

Sein Mentor nickte kaum merklich. ┬╗Ich m├Âchte, dass du es trotzdem weiterhin versuchst. Es ist wichtig. Was bedeutet L├╝gen f├╝r dich?┬ź

┬╗Es ist n├╝tzlich┬ź, antwortete Noel, nachdem er eine Weile ├╝berlegt hatte.

┬╗Mehr als das┬ź, antwortete Timoth├Ęe ernst. ┬╗L├╝gen ist die wichtigste F├Ąhigkeit eines St├Ąhlernen Lotos. Das wird k├╝nftig mehr sein als nur ein Spiel, um S├╝├čigkeiten zu ergaunern oder sich vor der Hausarbeit zu dr├╝cken. L├╝gen sind Grundlage deiner Arbeit als erwachsener Mann und deine sp├Ątere Lebensversicherung. Wie gut du es beherrschst, wird dar├╝ber entscheiden, ob du lebst oder stirbst. Wenn man dich beim L├╝gen erwischt, wird das in einigen Jahren in deinem Tod enden. Darum werde ich sehr streng mit dir sein. Ich werde es dir viel schwerer machen, als du es bisher gewohnt bist. Wenn ich dich beim L├╝gen erwische, werde ich dich hart bestrafen. Also sorge daf├╝r, dass du nicht erwischt wirst.┬ź

Noel besah sich seinen Mentor. Er fand nicht, dass Timoth├Ęe aussah, als w├╝rde er einer gef├Ąhrlichen Arbeit nachgehen. Er nickte. ┬╗Ich habe keine Angst┬ź, sprach er mit seiner piepsigen Kinderstimme.

┬╗Ich werde daf├╝r sorgen, dass sich das ├Ąndert, Noel┬ź, sprach sein Mentor k├╝hl. ┬╗Nicht sofort, du darfst dich erst einmal eingew├Âhnen, aber bald. Du musst lernen, in Furcht zu leben und trotzdem klar zu denken. Immer handlungsf├Ąhig zu bleiben und nie in kopflose Panik zu verfallen. Denn der Tag wird kommen, da Angst dein Leben bestimmt.┬ź

┬╗Kannst du k├Ąmpfen?┬ź, fragte Noel, der das, was sein Mentor erz├Ąhlte, weder verstand noch sonderlich ernst nahm.

┬╗Ja┬ź, antwortete Timoth├Ęe. ┬╗Und du wirst es auch lernen. Du hast die beste Veranlagung dazu. Der Heiler hat dich untersucht, du bist gesund, schnell und stark. Auch bist du bereits in der Lage, die unterschiedlichsten Personas darzustellen. Du bist ein guter Schauspieler. Nur die Abgrenzung deiner Rollen voneinander muss noch sch├Ąrfer werden, habe ich deiner Akte entnommen. Einige Personas ├Ąhneln sich zu sehr, das solltest du vermeiden. Insgesamt stehen jedoch die Chancen gut f├╝r dich, dass du sp├Ąter als St├Ąhlerner Lotos in vorderster Front arbeiten wirst.┬ź

┬╗Hei├čt das, ich darf k├Ąmpfen?┬ź, fragte Noel mit kindlicher Begeisterung.

┬╗Mein lieber Noel┬ź, antwortete Timoth├Ęe. ┬╗Als Krieger k├Ąmpfen zu wollen bedeutet, jemanden t├Âten zu wollen. Ist dir das bewusst? Wei├čt du, was die Chevaliers im Kampf tun, von denen ich wei├č, dass du gern einer von ihnen w├Ąrst? Wei├čt du, wof├╝r sie ausgebildet werden? Daf├╝r, Menschen zu t├Âten, um unser Land zu besch├╝tzen. Familien ihre M├Ąnner zu rauben, ihre geliebten S├Âhne, Br├╝der oder Onkel. Die Kunst eines Chevaliers ist die Kunst eines professionellen M├Ârders, ist dir das klar?┬ź

┬╗Die Chevaliers lernen noch viele andere Dinge┬ź, wandte Noel spitzfindig ein, der immer gern die Rolle eines Chevaliers in ihren Theaterst├╝cken ├╝bernommen hatte. Seinem Erzieher hatte er dazu L├Âcher in den Bauch gefragt. ┬╗Sie sind auch Gelehrte und beherrschen die sch├Ânen K├╝nste. Sie haben einen Kodex, damit sie keine M├Ârder werden, sondern Chevaliers bleiben. Und sie kenne sich mit B├╝chern aus, mit Rechnen und Schreiben.┬ź

Timoth├Ęes strenger Blick verwandelte sich in Zufriedenheit, er lehnte sich in seinem Stuhl zur├╝ck und l├Ąchelte das erste Mal.
┬╗Schau einer an. Monsieur Rignon hat nicht ├╝bertrieben. Du bist schlau und l├Ąsst dich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Du hast dich gut ├╝ber deine Lieblingsrolle informiert. Zu allererst muss ich dir sagen, dass du nie ein Chevalier sein wirst. Es sei denn, der Duc beschlie├čt, dich zu adeln, was sehr selten vorkommt, oder ein Chevalier m├Âchte dich aus irgendeinem Grund heiraten. Ansonsten ist man in seinen Stand hineingeboren und bleibt dort bis zu seinem Tod. Wir vom Orden des St├Ąhlernen Lotos sind dem Stand nach Freie und tragen damit mehr Verantwortung f├╝r uns als ein Leibeigener, genie├čen andere Privilegien, haben aber auch andere Verpflichtungen. Dem Adel, wie die Chevaliers, geh├Âren wir aber nicht an. Ein Freier wirst du bleiben, wenn du keinen fatalen Fehltritt begehst, doch ein Chevalier wirst du niemals werden. Das musst du realistisch sehen und ich mache dir keine falschen Hoffnungen.
Aber ich w├Ąre nicht hier, w├Ąre mir nicht ein Z├Âgling angeboten worden, der das Zeug zu einem Krieger hat. Auch als Freier kannst du dich im Kampf verdient machen. Du k├Ânntest zum Beispiel B├╝ttel werden und f├╝r die Sicherheit in den St├Ądten sorgen, Soldat oder Gardist. Das w├Ąre eine Persona, die zu dir passen w├╝rde. Doch zu allererst m├Âchte ich dir etwas Grundlegendes ├╝ber das K├Ąmpfen erkl├Ąren, damit wir uns nicht falsch verstehen. H├Ârst du mir zu?┬ź

Noel nickte eifrig und Timoth├Ęe fuhr fort.

┬╗Der beste Kampf ist der, den du vermeiden kannst. Du wei├čt noch nicht, welche Besonderheit in dir schlummert, die dich so wertvoll macht, dass du die Ausbildung zu einem St├Ąhlernen Lotos der vordersten Front genie├čen darfst. Es ist auch noch nicht an der Zeit, dich dar├╝ber in Kenntnis zu setzen, das w├Ąre zu viel auf einmal. Aber ich verrate dir, wie deine Taktik k├╝nftig funktionieren wird. Wei├čt du, was ein Lotos ist?┬ź

┬╗Eine rosa Blume┬ź, antwortete Noel.

┬╗Es ist genau genommen eine Wasserpflanze mit herrlichen Bl├╝ten. Sie l├Ądt zum Pfl├╝cken ein, doch sollte man genau hinschauen, bevor man das tut. Denn in einigen Bl├╝ten lauert der Tod. Die Lotosspinne ist wundersch├Ân, mit einem glatten, rosa schimmernden K├Ârper. Sie duftet sogar, weil sie sich ihr Leben lang in Bl├╝ten aufh├Ąlt. Sie kann Netze bauen, tut dies jedoch nur zum Formen eines Nestes f├╝r den Nachwuchs. Dar├╝ber hinaus ist sie eine schnelle Lauerj├Ągerin, die ihre Beute mit einem Sprung aus dem Verborgenen heraus packt. Sogar ihre Ausscheidungen sehen aus wie Nektar und riechen s├╝├člich und sie setzt sie dorthin, wo es ihr passend erscheint. Alles an diesem Tier ist perfekt. Sie bewegt sich wippend, wenn der Wind die Bl├Ątter ihrer Bl├╝te bewegt, so dass man sie nur sieht, wenn man gezielt nach ihr sucht. Wenn sich Falter und Schmetterlinge in der Bl├╝te niederlassen, um vom falschen Nektar zu naschen, zeigt die Spinne ihre wahre Natur. Sie geh├Ârt zu den gef├Ąhrlichsten Giftspinnen ├╝berhaupt. Ihr Biss t├Âtet kleine Tiere augenblicklich und einen Menschen innerhalb von Minuten. Wir nehmen uns dieses wunderbare Tier zum Vorbild.
Nach au├čen hin zeigen wir eine harmlos wirkende Fassade, in der unerkannt der Tod lauert. Wir bewegen uns unter den Menschen, als w├Ąren wir einer von ihnen, so wie die Lotosspinne sich als Teil einer Bl├╝te ausgibt. Mimikry nennt man das. Wir beobachten, was sie tun, lernen ihre St├Ąrken und Schw├Ąchen kennen, ihre ├ängste und Sehns├╝chte, gaukeln Freundschaften vor und nutzen diese aus, um noch mehr herauszufinden. Und wenn das, was wir herausfinden, uns geeignet erscheint, einen Menschen als Beute zu betrachten, halten wir zun├Ąchst alles wie immer. Wir spielen das Schauspiel weiter. Tun so, als seien wir Buchhalter, Schneider oder, wie es dir gefallen w├╝rde, ein Krieger. Jedoch ist dein wahrer Gegner nicht auf der anderen Seite der Schlachtlinie zu finden, sondern auf deiner eigenen. Wir warten geduldig, manchmal Monate, auf einen g├╝nstigen Augenblick, bis es so weit ist, zuzuschlagen. Der Zeitpunkt, zu dem jemand begreift, wer wir wirklich sind, ist der Augenblick seines Todes.
Das ist die Art wie wir k├Ąmpfen - die Form des Kampfes, die ich dich lehren werde. Wir spielen unsere Rollen, l├╝gen und l├Ącheln. Das ist die Natur eines St├Ąhlernen Lotos. Aber┬ź, Thimoth├Ęe l├Ąchelte, ┬╗den Kampf mit Schild und Schwert wirst du dennoch erlernen, genau wie den Umgang mit weiteren Waffen zu Fu├č und zu Pferd. Denn vielleicht werden die Umst├Ąnde es einmal erfordern, dass du eine Persona anlegst, welche diese Kunst beherrscht. Momentan spricht ja alles daf├╝r, dass du eine solche Persona erw├Ąhlen wirst. Bist du bereit, deine richtige Ausbildung anzutreten?┬ź

Das war sehr viel auf einmal und Noel war traurig, dass er kein Chevalier sein konnte. Auch verstand er nur einen Teil von den vielen Erkl├Ąrungen. Aber er w├╝rde zu k├Ąmpfen lernen und zu reiten, so wie er es sich immer gew├╝nscht hatte. Und darauf freute er sich. Er nickte eifrig.
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Re: Baxis NaNo-Texte 2018

#3

Beitrag von Baxeda » Sa 3. Nov 2018, 13:33

Das Ende von Noel

Valentin Rignon war zur├╝ckgekehrt und bereitete die Dokumente auf seinem Arbeitstisch vor.
┬╗Hast du dir einen Namen f├╝r dich ├╝berlegt?┬ź, fragte Timoth├Ęe w├Ąhrenddessen. ┬╗Es ist ├╝blich, dass der Lotos ihn selbst w├Ąhlt, um eine reibungslose Immersion zu gew├Ąhrleisten. Ich kann ihn dir darum nicht geben. Es muss sich auch im Herzen wie dein Name anf├╝hlen.┬ź
Der Junge blickte ihn verst├Ąndnislos an. ┬╗Na, ich hei├če doch Noel.┬ź
┬╗Aha┬ź, gab sein Mentor von sich.
┬╗Oder nicht?┬ź, fragte der Junge nach.
Timoth├Ęe sah ihn mit einem schwer zu deutenden Blick an. Noel konnte Mimik sehr gut deuten, doch nicht die dieses Mannes, es sei denn, dieser lie├č es zu und das war momentan nicht der Fall. Das Gesicht war so ausdruckslos wie das eines Fisches und die grauen Augen wirkten wie leblose Steine. Dann l├Ąchelte er unvermittelt. ┬╗Du trittst nun einen neuen Lebensabschnitt an, mein Kleiner. Du bist kein Kleinkind mehr, sondern ein gro├čer Junge. Deine Ausbildung als St├Ąhlerner Lotos beginnt. Das, was du hier intuitiv an Schauspielkunst und Manipulationstechniken erlernt hast, war nur Vorgepl├Ąnkel, damit es dir von Anfang an in Fleisch und Blut ├╝bergeht, fest in deinem Sein verankert ist und du sp├Ąter keine Hemmungen hast, das Gelernte umzusetzen. Nun aber erfolgt die bewusste Aneignung dieser Techniken auf Basis der Verhaltenslehre. Hinzu kommt eine medizinische Ausbildung, damit du lernst, einen Organismus pr├Ązise auszuschalten. Du erh├Ąltst bald die ersten einfachen Auftr├Ąge, mit denen du dir Taschengeld verdienen kannst. Ich werde deine Fortschritte ├╝berwachen, dich zur Perfektion bringen und ich bilde dich nicht nur aus, sondern ich habe dich adoptiert. Du bist rechtlich mein Sohn, wir geh├Âren zusammen. Ist das nicht Anlass genug, die alte Haut abzustreifen und zu schauen, welche neue, gl├Ąnzende H├╝lle sich darunter verbirgt?┬ź
┬╗Aber ich bin doch immer noch ich?┬ź, wandte Noel ein.
┬╗Nein. Ab heute bist du ein v├Âllig anderer Mensch, mit einem anderen zu Hause, einem neuen Vater. Ein neuer Name geh├Ârt auch dazu. Noel ist Geschichte, es gibt ihn nicht mehr, verstehst du das?┬ź
Noel nickte, damit Timoth├Ęe zufrieden war. ┬╗Noel gibt es nicht mehr┬ź, best├Ątigte er. ┬╗Und ich bin bald ein Krieger.┬ź
┬╗Und der junge Krieger braucht einen Namen┬ź, fuhr Timoth├Ęe fort. ┬╗Irgendetwas muss schlie├člich in die Adoptionsurkunde eingetragen werden.┬ź
┬╗Steht da nicht Noel?┬ź, fragte der Junge irritiert.
Timoth├Ęe gab ein ver├Ąchtliches Ger├Ąusch von sich. ┬╗Ich adoptiere kein Kleinkind, das mit P├╝ppchen spielt und die Babys des Ordens bespa├čt. Das sind Tugenden, die jemand wie du nun wahrlich nicht braucht. Das m├Âgen die schlafenden Lotos ├╝bernehmen, die sich nie entfalten werden. F├╝r dich w├Ąre es nichts anderes als Vergeudung und wenn es nach mir ginge, w├Ąrst du viel eher schon in deinen wahren St├Ąrken gef├Ârdert worden. Es gibt keine Puppen mehr, keine Kindereien, sondern ich bereite dich schrittweise auf das Leben als erwachsener Mann im Einsatz f├╝r die Krone vor. Du bist nicht mehr Noel, keine Knospe mehr, sondern der Lotos, der seine Bl├Ątter zu entfalten beginnt. Und eines Tages wird sich die Spinne darin offenbaren. Was ich adoptiere, ist ein Werkzeug des Todes. Ein junger Todbringer.┬ź
Noel fand das ├╝bertrieben. Au├čerdem mochte er seinen Namen. Er verstand nicht, warum Timoth├Ęe derma├čen darauf pochte. Aus seiner Sicht war er immer noch der Selbe. Warum durfte er seinen Namen nicht behalten?
┬╗Wenn ich ein junger Todbringer bin┬ź, sprach der Junge, ┬╗dann will ich Pascal hei├čen.┬ź
Timoth├Ęe zuckte zusammen. Er erschrak derma├čen, dass sein Gesicht kreidebleich wurde. Dann verzogen sich seine Brauen. ┬╗Oh, das findest du witzig?┬ź, fragte er b├Âse.
Noel fragte sich, woher sein Adoptivvater von der Klapperschlange wusste, die so hie├č. Er hatte geglaubt, niemand w├Ąre dahintergekommen, welch Haustier er sich unter dem Ger├Ąteschuppen hielt. Den Namen hatte er sch├Ân gefunden f├╝r die Schlange und wenn er sich schon umbenennen musste, dann wollte er genau so hei├čen wie sie.
┬╗Was stimmt nicht mit dem Namen?┬ź, fragte er vorsichtig zur├╝ck.
Timoth├Ęe funkelte ihn an. ┬╗F├╝r solche Spielchen bist du eigentlich zu jung und wenn du sie schon beginnst, dann mit Gegnern deiner Kragenweite. Aber gut. Wenn du spielen willst, sei es so. Ich nehme die Herausforderung an. Aber ├╝berlege dir gut, wie weit du es treibst. Denn ich werde das Spiel bis zum bitteren Ende mit dir mitspielen, Pascal.┬ź Er sprach den Namen voller Ironie aus, spie ihn regelrecht in das Gesicht des Jungen. ┬╗Valentin, darf ich bitten.┬ź
Monsieur Rignon griff nach der Feder und trug den Namen in die Adoptionsurkunde ein. Der Junge las mit. Pascal Mauchelin. Auch der Heimleiter schien wenig begeistert von seiner Wahl, sagte jedoch nichts dazu. Da ohnehin scheinbar jeder von seinem Haustier wusste, obwohl er niemandem davon erz├Ąhlt hatte, fragte er: ┬╗Darf ich meine Klapperschlange mitnehmen?┬ź
┬╗Was, eine echte?┬ź, wollte Timoth├Ęe wissen.
┬╗Ja. Sie wohnt unter dem Ger├Ąteschuppen. Ich habe sie immer gef├╝ttert und wei├č, was sie gerne isst. Ich w├╝rde mich gut um sie k├╝mmern.┬ź
Pascal rechnete mit einem Nein und einer langen Moralpredigt. Mit noch mehr Schimpfe. Stattdessen legte sein neuer Vater die Maske der Feindseligkeit ab und grinste. ┬╗Wenn du sie allein in einen Transportbeh├Ąlter verfrachten kannst, sei sie dein. Du hast dich oft genug mit ihr besch├Ąftigt, du wirst wissen, wie du mit ihr umzugehen hast, ohne dass ihr Biss dich trifft.┬ź
Das hatte Pascal nicht erwartet. So unangenehm Thimoth├Ęe im ersten Moment gewesen war, diese Geste fand er sehr nett von ihm. Vielleicht w├╝rden sie sich doch noch miteinander anfreunden und nicht nur auf dem Papier Vater und Sohn sein, sondern eine richtige Familie bilden. W├Ąhrend die beiden M├Ąnner die Unterlagen fertig ausf├╝llten, begab der Junge sich mit zwei gegabelten St├Âcken und einem geflochtenen Transportkorb f├╝r H├╝hner auf die Jagd nach seinem geschuppten Namensvettern. Es dauerte nicht lange, und der Korb mit der Klapperschlange war transportfertig. Timoth├Ęe sah nun richtig gl├╝cklich aus, seinen Sch├╝tzling zu sich nach Hause holen zu d├╝rfen und fand dessen geheimes Haustier offenbar witzig. Sein Zorn war verflogen. Er strich ihm mit seiner kalten, weichen Hand durch das wuschelige Haar, als sie sich vor der Schreibstube trafen.
┬╗Nun sind wir offiziell Vater und Sohn. Du wirst ein guter Lotos, mein Kleiner. Bevor wir fahren, m├Âchte ich dir etwas zeigen, damit du mich besser verstehst. Folge mir noch ein letztes Mal hinein.┬ź
Der Heimleiter war noch dabei, die Papiere einzur├Ąumen. Timoth├Ęe nahm eines der Dokumente und hielt es Pascal hin, der schon lesen konnte. Es war eine Sterbeurkunde, fertig ausgef├╝llt mit Datum und mehreren Unterschriften. Eine davon erkannte er als die des Heilers, bei dem er manchmal gewesen war. In der Zeile mit dem Namen stand ÔÇ║Noel BlanchetÔÇ╣ eingetragen. Als Sterbeursache Typhus, weswegen der Leichnam zur Verbrennung vorgesehen war. Pascal sah seinen Vater entsetzt an.
Timoth├Ęe dr├╝ckte seine Schulter. ┬╗Siehst du, Noel ist tot. In meinem Koffer trage ich alle Dokumente von Pascal, der als Waisenjunge auf der Stra├če aufgegriffen und an mich vermittelt wurde, da ich, selbst kinderlos, schon lange darauf warte, ein Kind aus dem Heim zu mir nehmen zu d├╝rfen.┬ź
Gemeinsam gingen sie zu der wartenden Kutsche. Pascals Klapperschlange wurde zusammen mit seinem Koffer eingeladen und dann stiegen sie in das Innere. Die Fensterscheiben waren aufgeraut, so dass er nicht hinausschauen konnte. Die Peitsche knallte und das Gef├Ąhrt setzte sich in Bewegung. Das Klappern der Pferdehufe drang ged├Ąmpft hinein.
┬╗Nun beginnt das Leben, dass du dir immer gew├╝nscht hast. Die Ausbildung zu einem Krieger. Freust du dich?┬ź, fragte Timoth├Ęe, der seinem Sohn im Inneren der Kutsche gegen├╝ber sa├č.
┬╗Und wie ich mich freue┬ź, antwortete Pascal gl├╝cklich und umklammerte den Korb mit der Klapperschlange, ├╝ber dem ein Tuch hing, damit das Tier sich nicht unn├Âtig aufregte. Er hielt sie ganz fest, so als ob er sie besch├╝tzen w├╝rde. Ein Rasseln drang unter dem Tuch hervor.
"Die Menschen bauen zu viele Br├╝cken und zu wenige Mauern."
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Re: Baxis NaNo-Texte 2018

#4

Beitrag von Baxeda » So 4. Nov 2018, 19:17

Beaufort

Die Kutschfahrt dauerte mehrere Tage. Pascal und Timoth├Ęe ├╝bernachteten in guten Gasth├Ąusern, wobei dem Jungen auffiel, dass sein Vater einen v├Âllig anderen Namen angab, als er die Zimmer mietete.
┬╗Alte Gewohnheit┬ź, antwortete er, als sein Z├Âgling nachfragte und blinzelte ihm zu.
┬╗Wohin fahren wir ├╝berhaupt?┬ź, wollte Pascal wissen.
┬╗Nach Beaufort, in die Hauptstadt von Souvagne. Dort habe ich Arbeit und eine Wohnung.┬ź
Pascal fiel auf, dass Timoth├Ęe nicht von einem zu Hause, sondern nur von einer Wohnung gesprochen hatte. Er fragte sich, ob das eine willk├╝rliche Wortwahl war oder ob mehr dahinter steckte.
Beaufort k├╝ndigte sich schon lange vor der Stadtmauer an. Die Geh├Âfte standen in immer k├╝rzeren Abst├Ąnden zueinander. Wenn Pascal zum Fluss hinab blickte, war dieser von Feldern ges├Ąumt wie von einem Kachelmuster. Auf den H├╝geln, die er aus dem anderen Fenster der Kutsche erblickte, sah er Weinberge und Obsthaine, zu denen mit flachen Mauern begrenzte Wege f├╝hrten. Pascal, der aus der Halbw├╝ste des Lehens La Grange stammte, war begeistert von so vielen Pflanzen. Ackerbau gab es in La Grange so gut wie gar nicht, nur die kargen G├Ąrten f├╝r den Eigenbedarf um die Geh├Âfte herum. Es war zu m├╝hsam, der Sundhi das N├Âtige abzuringen, damit die Pflanzen gut gediehen und ertragreicher waren die Jagd und der Fischfang an der K├╝ste.
┬╗Wie eine riesige Oase┬ź, schmachtete Pascal, w├Ąhrend er sein Gesicht durch das offene Kutschenfenster hinaus streckte. Die Luft duftete nach Fr├╝hling. Und was f├╝r ein frischer und s├╝├čer Fr├╝hlingsduft es war!
┬╗Beaufort ist eine Oase der Fruchtbarkeit, aber auch der Bildung und Zivilisation. Sie ist nur leicht befestigt, das wirst du bald sehen. Der Fluss tr├Ągt die fruchtbare Erde aus den B├Ąrenbergen hinab zu uns ins Tal┬ź, erkl├Ąrte Timoth├Ęe. ┬╗Es ist der Draken. Im Fr├╝hling und Herbst tritt er ├╝ber die Ufer und hinterl├Ąsst fruchtbaren Schlamm. Nahe seiner Quelle liegt die ber├╝hmte Stadt Drakenstein. Vielleicht hast du schon von ihr geh├Ârt. Innerhalb ihrer Mauern steht die gr├Â├čte Magierakademie von Souvagne.┬ź
┬╗Kann ich dort auch lernen?┬ź, fragte Pascal, w├Ąhrend er sich den Wind um die Nase wehen lie├č.
Timoth├Ęe lachte. Warum er das tat, verstand Pascal nicht. ┬╗Nein┬ź, antwortete sein Vater. ┬╗Unsereins beherrscht keine Magie.┬ź
┬╗K├Ânnten wir es nicht lernen, wenn wir uns genug anstrengen?┬ź, bohrte Pascal nach, der immer alles ganz genau wissen wollte, damit er verstand, wie die Welt funktionierte.
┬╗Also sch├Ân┬ź, antwortete Timoth├Ęe. ┬╗Ich wollte es dir erst sp├Ąter erkl├Ąren, aber wenn du so neugierig bist, warum nicht gleich? Du bist etwas Besonderes, Pascal. In dir schlummert eine Gabe, die dich sehr viel wertvoller macht als einen Magier - von denen gibt es ungef├Ąhr 10% der Bev├Âlkerung, jene mitgerechnet, die nichts davon wissen, dass sie ├╝berhaupt den Funken in sich tragen. Sagen wir, 5% der Bev├Âlkerung sind aktive Magier, 10% k├Ânnten es sein, wenn sie ausgebildet werden w├╝rden. Du und ich aber - wir sind Menschen, die nicht in das Schema von Magier und Nichtmagiern hineinpassen.┬ź
Er lie├č eine bedeutungsschwere Pause, damit Pascal sich vom Fenster losriss und wieder ordentlich hinsetzte, den Blick aufmerksam auf seinen Mentor gerichtet.
┬╗Was ich dir nun sage, unterliegt absoluter Geheimhaltung. Dass du niemandem von der Existenz des St├Ąhlernen Lotos erz├Ąhlen darfst, wei├čt du bereits. Im Heim war das einfach, nun aber gehen wir unter Menschen. Wenn dir auch nur ein falsches Wort herausrutscht, dass auf die Existenz unseres Ordens verweist, wirst du in ein Sanatorium gebracht, einer Heilanstalt f├╝r Geisteskranke. Und dort wirst du nicht geheilt, sondern du wirst sterben. Den Orden zu verraten, bedeutet deinen Tod. Und nun verrate ich dir auch, warum.┬ź
Pascal nickte aufgeregt. Angst hatte er keine, er versp├╝rte nur unendliche Neugier, um zu verstehen, warum er dieses Leben f├╝hrte, was sich so von dem Leben anderer Kinder unterschied.
┬╗Unser Orden hei├čt nicht nur wegen der Giftspinne, die in der Bl├╝te lauert, St├Ąhlerner Lotos┬ź, fuhr Timoth├Ęe fort, ┬╗sondern auch wegen der Eigenschaft der Laubbl├Ątter, Wasser und Schmutz von sich abperlen zu lassen. Nichts bleibt daran haften. Und das ist der entscheidende Punkt. Nicht nur, dass wir keine Magie beherrschen, wie sie jedem normalen Menschen verschlossen bleibt, uns hat es noch viel besser getroffen: Wir sind gegen Magie vollkommen immun. Sie perlt von uns ab, ohne unser Inneres zu erreichen. Kein Magier kann uns beeinflussen. Und das macht uns zur effektivsten Waffe gegen die Verseuchten. Wir sind Antimagier. Wir bringen Magiern den Tod. Wir sind die Spinnen des Duc, die sich im Gewand gew├Âhnlicher Menschen verbergen, um ihn vor der magischen Brut zu sch├╝tzen, auf die deren Dienste er angewiesen ist. Der St├Ąhlerne Lotos ist vor ihm die letzte Instanz. Wir sind jene, die ├╝ber die W├Ąchter wachen - ├╝ber uns wacht niemand mehr, als Duc Maximilien Rivenet de Souvagne H├Âchstselbst. Der Tag wird kommen, da du vor ihm kniest und ihm deine Treue schw├Ârst.┬ź
Pascal dachte eine Weile dar├╝ber nach, w├Ąhrend ein bl├╝hender Apfelhain an dem Fenster der Kutsche vorbeizog. Er warf einen verstohlenen Blick nach drau├čen. Ein Meer von duftendem Rosa und Wei├č. Unter den Kronen standen Bienenst├Âcke und ├╝berall summte und brummte es.
Timoth├Ęe schlug das Kutschenfenster zu. ┬╗Du hast gefragt, jetzt h├Âre mir auch zu!┬ź
┬╗Ja, Timo┬ź, antwortete Pascal vers├Âhnlich. ┬╗Darf ich dich was fragen? Sind alle St├Ąhlernen Lotosse Antimagier?┬ź
┬╗Zun├Ąchst eine Korrektur deiner Sprache. Ich will nicht, dass du sprichst wie ein Bauer. Die Mehrzahl hei├čt nicht Lotosse, sondern Lotos. Ein Lotos - viele Lotos. Ganz einfach zu merken. Nun zu deiner Frage. Nur ein Drittel aus unserem Orden sind Antimagier. Die anderen sind Tr├Ąger dieser wunderbaren Eigenschaft, ohne dass sie sich in ihnen entfaltet. Sie sind die Frauen und M├Ąnner, mit denen wir Nachwuchs zeugen. Denn wenn zwei Antimagier ein Kind bekommen, stirbt dieses noch im Mutterleib, sp├Ątestens aber nach der Geburt. Zu verhindern, dass wir aussterben, ist ein schwieriges Unterfangen. Das aber ist nichts, womit du dich schon besch├Ąftigen musst. Es ist ein Thema f├╝r Erwachsene.┬ź
Er ├Âffnete das Fenster wieder, was wohl bedeutete, dass der geheime Teil des Gespr├Ąchs vor├╝ber war. Die Fassaden mehrgeschossiger Stadth├Ąuser zogen vorbei. Nun waren sie wirklich in Beaufort angelangt. Pascal streckte erneut den Kopf hinaus. Der Untergrund war ├╝berall mit viereckigen Steinen gepflastert, auf dem die R├Ąder der Kutsche ratterten und die Pferdehufe unangenehm laut klapperten. Er sah weder Gras noch Erde. Die Fachwerkh├Ąuser standen eng beieinander, die D├Ącher waren mit roten Dachschindeln gedeckt und ragten wie spitze Zacken in den Himmel.
┬╗Die D├Ącher sind so steil, damit der Schnee im Winter herunter rutschen kann. Sonst w├╝rde sein Gewicht den Dachstuhl eindr├╝cken. In La Grange f├Ąllt auch im Winter nur wenig Schnee, so dass die D├Ącher flacher gebaut werden k├Ânnen, so dass die obere Etage besser nutzbar ist┬ź, erkl├Ąrte Timoth├Ęe.
Er zeigte Pascal auch den Palast des Ducs, dessen wei├če Mauern sie im Vorbeifahren von weitem sahen, den botanischen Garten, den Stadtpark und benannte seinem Z├Âgling die wichtigsten Stra├čennamen.
┬╗Wir folgen gerade der Hauptstra├če nach Norden. W├╝rden wir sie in entgegengesetzter Richtung fahren, w├╝rden wir Beaufort wieder verlassen und irgendwann auf die Salzstra├če sto├čen. Die Salzstra├če ist die weltweit gr├Â├čte und l├Ąngste Handelsstra├če. Sie f├╝hrt quer durch gesamt Asamura. Sie reicht von Naridien ├╝ber Almanien bis nach Rakshanistan. Wenn du dich irgendwann einmal verirrst, wo auf der Welt du auch sein wirst, frage nach dem Weg zur Salzstra├če und du wirst den Weg nach Hause finden - egal, wo der Ort sein wird, den du einst zu Hause nennst. Souvagne selbst hat keinen direkten Anschluss an die Salzstra├če, aber im S├╝den von Almanien f├╝hrt sie durch Drakenstein und das Gro├čherzogtum Ledwick, von wo aus sie in die W├╝ste Rakshanistans f├╝hrt.┬ź
┬╗Ledwick kenne ich┬ź, rief Pascal stolz. ┬╗Das liegt auf der Karte unter La Grange.┬ź
┬╗Du bist ein schlauer Kopf und sehr wissbegierig. Es wird Spa├č machen, dich auszubilden.┬ź
Die Kutsche hielt. Timoth├Ęe bedankte sich beim Kutscher, bezahlte ihn und sie trugen ihr Gep├Ąck eigenh├Ąndig noch einige Nebenstra├čen weiter.
┬╗Er muss nicht die genaue Adresse wissen┬ź, beantwortete Timoth├Ęe die unausgesprochene Frage. Vor einem Haus, das Pascal zwischen den Baumkronen einer verwilderten Hecke und dem wuchernden Efeu fast ├╝bersehen h├Ątte, kramte sein Mentor den Schl├╝ssel heraus. Der Garten war vollst├Ąndig zugewuchert wie ein kleines St├╝ck Wald. Als sie eintraten, quietschte die T├╝r. Das Haus war eng und dunkel, mit sehr alten M├Âbeln best├╝ckt und das Haus verschwand hinter dem ganzen Gr├╝n. Pascal gefiel es. Als er zum Fenster in den Hinterhof blickte, ersp├Ąhte er hinter der Gartenmauer den Friedhof. Jetzt bei Tag sah er aus wie ein Park, mit alten B├Ąumen, im Schatten verborgenen Steinb├Ąnken und vielen Blumen.
┬╗Hier st├Ârt uns niemand, die meisten halten das Haus f├╝r verlassen. Das ist Absicht, darum ist der Garten auch so verwildert. Achte darauf, dass die Fensterl├Ąden vorn zur Stra├če hin stets verschlossen bleiben. Nach hinten zum Friedhof hin kannst du sie auch mal ├Âffnen, aber nur bei Nacht, wenn niemand mehr auf dem Friedhof unterwegs ist. Heute machen wir eine Ausnahme, damit du alles gut siehst.┬ź
Timoth├Ęe f├╝hrte ihn herum. Der Boden war bedeckt von einem dicken, braun gemusterten Teppich, der die Schritte d├Ąmpfte. Darunter knarrten alte Dielen.
┬╗Hier ist meine Schreibstube.┬ź
Eine Vielzahl von Kerzen sorgte f├╝r Licht, wenn die Fensterl├Ąden geschlossen waren. Momentan waren sie nat├╝rlich nicht entz├╝ndet. Auf dem Schreibtisch stand eine ├ľllampe mit einem drehbaren Helligkeitsregler, der die Dochtl├Ąnge einstellte. An der Wand prangte ein ├ľlgem├Ąlde. Es zeigte einen Mann in Kettenhemd, der ein breites Gesicht besa├č, das trotz des jungen Alters schon zerbeult und vernarbt wirkte. Ein Krieger, stellte Pascal begeistert fest. Das Kettenhemd war nicht nur Zier. Der wei├če Wappenrock zeigte auf seiner Brust eine stilisierte Lotosbl├╝te, die mit Silbergarn gestickt war.
┬╗Wer ist das?┬ź, wollte der Junge wissen und musste sich zusammenrei├čen, das Bild nicht anzufassen. Gem├Ąlde litten, wenn man sie ber├╝hrte, das wusste er von den kleinen Landschaftsbildern im Heim.
┬╗Das┬ź, antwortete Timoth├Ęe, w├Ąhrend er seinen Koffer vor dem Schrank abstellte und die Kleider einzur├Ąumen begann, ┬╗ist Pascal. Dein Zimmer ist ganz oben im Dachstuhl. Der Schl├╝ssel steckt in der T├╝r.┬ź
Pascal stutzte, traute sich aber im Moment nicht, weiterzufragen. Er f├╝hlte sich abserviert, wollte aber nicht mit seinem Meister streiten. Er wuchtete den Koffer mit seinen Habseligkeiten in den Spitzboden, wo er seine Kammer hatte. Dann holte er auch seine Schlange hinauf. Sie hatte sich zu einem festen Knoten zusammengedr├╝ckt und war mit Ausscheidungen beschmiert. In dem Korb konnte sie nicht ewig bleiben. Pascal w├╝rde morgen nach einem Versteck im Garten Ausschau halten, wo sie k├╝nftig wohnen konnte. Sein Namensvetter auf dem Gem├Ąlde ging ihm in all der Zeit nicht aus dem Kopf.
"Die Menschen bauen zu viele Br├╝cken und zu wenige Mauern."
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