Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt. Die überlebenden Völker beginnen zu ahnen, dass der Schlüssel zur Herrschaft über Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. Während die Almanen auf Altbewährtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimbünde der Schatten sehen in der Magie die mächtigste Waffe und für die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

Drei Farben Rot

Die Schatten und die Beißer leben 1077 in dem unterirdischen Reich Carnac.
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Tekuro Chud

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Drei Farben Rot

#1

Beitrag von Tekuro Chud » Mi 17. Apr 2019, 16:30

Drei Farben Rot
1077 nach der Asche. Naridien, die Roten Berge.

Es fängt gerade an zu dämmern, als Tjark Stiravky sich für den Alltag in der Mine anzieht. Ein tiefes, fast schwarzes Dunkelrot zeichnet sich hinter den Bergen ab, die er aus dem kleinen Fenster des einzigen Zimmers sieht. Das Gebirge hat ein Exoskelett aus Stahl erhalten, das Förderbänder, Stromleitungen und Schienen stützt. Über die Thermounterwäsche zieht er den Overall, dessen Stoff so steif ist, dass er die Bewegungen behindert, ehe er sich daran gewöhnt hat. Dann die gepolsterten Arbeiterstiefel, die mit ihrer Panzerzung an die Kampfstiefel von Soldaten erinnern. Und zum Schluss die Handschuhe, zuerst ein paar dünne, die wärmen sollen und dann das schwere Paar Arbeitshandschuhe, gehörend zum Overall. Hinter der Sturmmaske schauen nur noch die Augen hervor, darüber kommt nun auch noch die Schutzbrille, ehe Tjark den Helm mit der Lampe aufsetzt. Kein einziges Stück Haut liegt noch frei. So stapft der Minenarbeiter aus dem Wohnheim hinaus zur Arbeit. Schnee liegt nicht, er wird regelmäßig durch eine Reinigungskolonne entfernt. Das ganze Areal stinkt nach Frostschutzmittel, damit die Maschinen funktionstüchtig bleiben und die Arbeiter nicht behindert werden.
Eine Ausnahme bildet der Gletscher, über den man mit Schneemobilen rasch den Pass überqueren kann. Man nennt ihn seiner steilen Form wegen den Eisfall. Seine Zunge reicht bis an den Eingang der Mine heran, die Ränder werden an den Markierungen entlang sorgfältig zurechtgestutzt. Die Natur hat hier keine Hoheitsgewalt, dies ist naridisches Gebiet. Kein Naridier lässt sich von Gletschern, Wäldern oder Stürmen aufhalten. Der Natur wird eine Streitmacht aus Technik entgegengeschleudert, wann immer sie das morsche Haupt erhebt. Es ist ein Krieg, den die Naridier führen und sie führen ihn, so lange wie ihre Aufzeichnungen zurückreichen. Meist gewinnen die Naridier, doch manchmal behält die im Sterben liegende Natur dennoch die Oberhand, im Hochgebirge häufiger als anderswo. Die Arbeit in den Minen der Roten Berge ist ein gefährlicher Job. Der Abschied Tjarks von seiner Frau und seinen Eltern verursachte ein entsprechendes Tränenmeer.
»Dass du mir pünktlich zur Geburt wieder zu Hause bist«, hatte Lia unter Tränen gedroht.
Er hatte ihr fest in die Augen geblickt. »Ich verspreche es dir.« Ein letzter Kuss, er streichelte ihren schon leicht gewölbten Bauch, dann stieg er in den Zug.
Man verdient gut in den Minen und das ganz ohne Bildung. Für jemanden wie Tjark, der aus den untersten Schichten stammt, ist es eine gute Möglichkeit, seiner Familie einen besseren Lebensstandard zu ermöglichen. Noch leben sie in einer winzigen Mietswohnung im Elendsviertel von Trux, doch noch vor der Geburt will er ein Häuslein in Daijian kaufen. Wenn sie erstmal den Absprung geschafft haben, würde ihnen der Weg in eine goldene Zukunft offen stehen. In der südlichen Handelsmetropole ist es nicht nur warm und man hat das Meer vor der Haustür, es gibt auch reichlich gut bezahlte Arbeit, anders als in ihrer jetzigen Heimatstadt, in der er wegen Geldmangel seit seiner Kindheit feststeckt, so wie auch schon seine Eltern. Seine Mutter ist nach zwei Jahrzehnten in der Kleiderfärberei an Krebs gestorben, der Vater bei einem Arbeitsunfall auf dem Bau. Sie sind so mittellos von Asamura geschieden wie auch schon die Großeltern. Den Kreis der Armut gedenkt Tjark in den Minen zu durchbrechen. Die Arbeit ist hart und er vermisst seine Frau, aber er ist zäh und fleißig. Er weiß, wofür er es tut. Ein Freund, der aus der Immobilienbranche kommt, hat zugesichert, ihm einen Kontakt nach Daijian zu vermitteln, wenn es soweit ist. Doch vorher braucht Tjark Geld. Sechs Monate in den Bergen, hunderttausend Taler. Dann ist er ein gemachter Mann.
Als Tjark sein Schneemobil erreicht, steigt die Sonne als kalter rosa Ball über die Gipfel. Die im Gestein eingeschlossenen Quarze demonstrieren anschaulich, woher die roten Berge ihren Namen haben. Von hier oben aus wirkt die Weite des Gebirges wie ein Glutbett. Karminrot. Tjark schwingt das Bein über das Gefährt und hackt auf den Anlasser. Nichts. Er versucht es ein zweites und drittes Mal, mit dem selben Ergebnis. Fluchend steigt er wieder ab, um das Schneemobil zu untersuchen.
»Suchst du das hier?«
Tjark blickt zur Seite. Zu seiner Linken hockt auf einem Stein ein Mann, der vorher noch nicht da gewesen war und hält die Zündkerze zwischen seinen Fingern. Seine schwarze Funktionskleidung sieht hochwertig aus, ein Schlauchschal schützt Mund und Nase. Das Haar wird von einer schmucklosen Fleecemütze verdeckt. Man sieht nur seine schmalen dunklen Augen und die dichten schwarzen Brauen.
»Was soll die Scheiße, ich muss zur Arbeit«, schnauzt Tjark. »Her damit!« Er war vor seiner Zeit in der Mine Stahlarbeiter gewesen und die Jahre hatten ihn stark und furchtlos gemacht. Er lässt sich nicht so leicht einschüchtern. Er tritt auf den Mann zu, um ihm die Zündkerze abzunehmen, notfalls mit Gewalt. Kurz bevor er ihn erreicht, katapultiert der Dieb sich plötzlich mehrere Meter in die Luft, als wäre er ein Grashüpfer, fliegt einen haushohen Bogen und landet ein Stück abseits auf einem Knie im Schnee.
›Kybernetik‹, schießt es Tjark durch den Kopf. Doch wenn sich jemand solche Aufwertungen leisten kann, die sonst den Superreichen vorbehalten ist, warum klaut er dann Zündkerzen wie ein lausiger Kleinkrimineller?
»Was willst du?«, fragt Tjark, als er merkt, dass er nicht weiterkommt.
Der Mann richtet sich wieder auf und klopft sich den Schnee von den Knien, eine Herabwürdigung von Tjarks Zorn. Dann zieht er seinen Gesichtsschutz unter das Kinn. Sein Grinsen offenbart zwei Reihen Zähne, bei denen Tjark auf den ersten Blick sieht, dass sie künstlich sein müssen. Sie bestehen vollständig aus einem silbern glänzenden Metall und sind spitz wie Dornen, leicht gekrümmt, die Eckzähne ragen wie Sicheln über die untere Zahnreihe hinweg. Auch das sieht teuer aus, vor allem aber erscheint es Tjark als eine grässliche Verirrung des Modegeschmacks.
Der Mann lässt sein Grinsen erlöschen. Er hat es nur zu Schau getragen, damit Tjark seine Zähne sieht. »Ich will dein Blut«, sagt er nun ohne jede Emotion.
Tjark erschrickt einen Moment, dann fängt er sich wieder. »Vampire können bei Frost nicht lange überleben. Sie werden zu harten Statuen aus Eis und dann braucht man sie nur mit einem Hammer zu zerschlagen. Und dass deine Zähne nur Attrappen sind, ist ja wohl offensichtlich. Du bist kein Vampir, du bist nur ein Spinner.«
»Die echten Zähne habe ich verloren«, antwortet der Möchtegern-Vampir gekränkt. »Und ich trage einen Thermoanzug mit Heizfasern. So lange er Energie hat, macht Frost mir gar nichts. Mach deinen Arm frei, damit ich dich abzapfen kann, sonst beiß ich dir in den Hals.«
Was für eine Ausrede. Tjark lacht ihn aus. »Versuch`s doch!« Ihm wird bewusst, dass es tatsächlich möglich sein könnte, dass es sich hier um einen echten Vampir handelt - denn einige von ihnen können ganz ohne Aufwertungen derart hoch springen. Im nächsten Moment blickt er in die Mündung einer Waffe. Sein Lachen erstirbt und er hebt langsam die Hände.
»Mach den Arm frei«, wiederholt der Vampir und hebt die Waffe noch weiter, so dass sie genau auf seine Stirn gerichtet ist.
»Mein Gott, lass mich leben«, keucht Tjark. »Meine Frau erwartet ein Kind! Sie sind auf mein Einkommen angewiesen, ohne mich ist sie verloren. Bitte hab ein Herz!« Langsam, um sein Gegenüber nicht noch weiter zu reizen, zieht Tjark die Handschuhe aus, erst die schweren, dann die leichten. Er versucht, den Ärmel des Overalls hochzukrempeln, doch sein Unterarm ist zu dick. Er öffnet den Reißverschluss, schält seinen Oberkörper und schiebt das lange Unterhemd über den Ellbogen. »Hier!« Er hält dem Vampir gehorsam seinen Unterarm hin.
»Zieh das Unterhemd aus«, befielt der Vampir.
»Aber es rei-«
Ein Knall, das Projektil reißt ein Stück von Tjarks Ohr ab.
Der Vampir sieht zu, wie Tjark hektisch seinen Oberkörper entkleidet. Tjark zittert vor Kälte, als der Wind über seine nackte Haut fährt, heiße Flüssigkeit tropft seinen Hals hinab und auf seine Brust. Ein Fleckenmuster in Blutrot. Mit erhobenen Händen wartet er.
Der Vampir schlendert zu ihm und riecht an seinem blutenden Ohr. Dabei blähen sich seine Nasenlöcher und er saugt die Luft mehrmals kurz hintereinander ein, wie ein schnüffelnder Hund. Dann steckt er seine Waffe ins Holster hinter der Hüfte, er hält sie offenbar nicht länger für erforderlich und zieht eine kleine elektische Pumpe mit einem angeschlossenen Gefäß aus der Gürteltasche. Dort dürfte vielleicht ein halber Liter Flüssigkeit hineinpassen, nicht mehr. Das gibt Tjark zu hoffen. Ein solcher Blutverlust wird ihn schwächen, vielleicht bewusstlos machen, aber er wird nicht umbringen. Der Vampir sucht mit dem Finger eine schöne Ader in Tjarks Ellbogenbeuge. Als er sie findet, zucken seine Mundwinkel zufrieden. Das eiserne Ende des Schlauchs schiebt er dort hinein. Tjark spürt, wie ihm das Blut herausgesaugt wird, die Pumpe brummt. Der Vampir leckt sich langsam die Unterlippe, während er wartet.
»Warum beißt du mich eigentlich nicht?«, fragt Tjark. »Deine Zähne mögen künstlich sein, aber sie sehen scharf genug dafür aus.«
»Das sind sie«, schnurrt der Vampir. Er schnurrt! »Aber wenn ich dich beiße, dringt mein Gift in deine Blutbahn. Dann stirbst du. Oder du wirst einer von uns. Nichts von beidem will ich. Warum die Kuh schlachten, wenn ich sie doch melken kann? Ich lasse dich danach laufen und wenn ich das nächste Mal in der Gegend hier bin, wirst du mir den Arm zeigen, ohne dass ich deutlich werden muss.«
»Einer von euch?« In Tjarks Kopf erwacht die Idee einer ganz neuen Möglichkeit, sein Leben zu gestalten. Er wäre ein Jäger der Nacht, der nichts und niemanden mehr fürchten muss. Seine Zeit wäre unbegrenzt, er würde niemals altern. Er ist noch nicht einmal dreißig, doch sein Körper zeigt ihm bereits deutlich die Folgen der schweren Arbeit. Wenn er mit vierzig nicht mehr kann, muss seine Familie ausgesorgt haben oder sie sind verloren. Als Vampir wäre dieses Problem null und nichtig. Er hätte alle Zeit der Welt und das bei ewiger Gesundheit.
»Ich bin einverstanden.« Tjarks Stimme bebt vor Nervosität und weil er so zittert. »Du darfst mich beißen und zu einem von euch machen.«
»Ich darf?« Der Vampir schnaubt, es soll wohl ein Lachen sein. »Mein Lieber. Jemanden zu einem der unseren zu machen, ist eine Ehre und ein Geschenk, das nur die wenigsten erhalten. Wir melken euch oder bringen euch um, aber wir erzeugen nicht dauernd neue Vampire. Meine leiblichen Nachkommen sind zahlreich und hungrig und ich werde keine unnötigen Beißer in meinem Revier dulden. Einen Vampir, der nicht zu uns gehört, jagen und töten wir. Niemand schätzt Konkurrenz. Du als Naridier solltest die Gesetze von Angebot und Nachfrage verstehen.«
»Aber ich könnte euch helfen«, beharrt Tjark. »Ich bin stark, gesund und fleißig. Sag mir, was ich dafür tun muss, damit du mich beißt!«
»Wenn du es sooo gerne willst ...« Der Vampir sieht ihm in die Augen, prüft seinen Blick, doch Tjark meint es aufrichtig. Ohne die Pumpe loszulassen, tritt der Vampir ganz nah an ihn heran und streichelt seine Hüfte über der Unterhose. »Bedarf gäbe es schon an dir. Wenn du arbeiten willst. Nicht als Vampir, sondern als Mensch. Die Gesellschaft von Carnac basiert auf zwei Klassen. Auf Vampiren und Sklaven. Die Sklaven melken wir, andere züchten wir, um sie zu verkaufen. Die besonders Zuverlässigen dürfen frei in Carnac herumlaufen, sie erledigen alle unangenehmen Arbeiten. Fügsam müssen sie sein und lieb. Wer gehorcht, dem geht es bis zu seinem Tod gut. Ich wollte dich eigentlich wieder laufen lassen. Aber wenn du so gern mitkommen möchtest ...«
»Gibt es Sklaven, die später zum Vampir aufsteigen?« Tjark ist nun sehr nervös. Trotz der Eiseskälte glänzt seine nackte Brust von Schweiß. Was er alles für seine Familie erreichen könnte mit dem Geschenk der Unsterblichkeit! Sie hätten ein für alle mal ausgesorgt und Lia würde mit ihm gemeinsam unsterblich werden.
Der Vampir streicht hinauf, fährt ihm mit den Fingerkuppen über das Brusthaar und betrachtet sich unverholen die in der Kälte versteiften Brustwarzen. »Selten. Aber ja. Manchmal kommt das vor. Wenn einem ein Sklave besonders ans Herz wächst, vielleicht einer von zehntausend. Der wird dann auch gesegnet.«
»Du willst mir sagen, ihr habt Zehntausend Sklaven in Carnac?«, keucht Tjark.
»Zehntausende. Ungefähr hundert je Beißer, plus die im Verkauf. Fünfzig braucht man mindestens nur allein dafür, um sich über einen längeren Zeitraum zu ernähren, weil man sie bloß einmal im Monat abzapfen darf. Wenn sie nicht krank werden sollen. Und dann hier und da noch ein paar zur Reserve und die Sammlerstücken. Im Laufe der Jahre sammelt sich da einiges an. Gelegentlich muss man ausmisten, sonst wird das zu viel. Bei hundert ist man ganz schnell angelangt. Dann schieb ich einen Riegel vor, weil die ja alle ernährt werden müssen. So ist das Gesetz, so hab ich das aufgeschrieben. Nicht mehr als hundert für den Privatgebrauch, egal ob er sie nur sammelt oder züchtet oder sie den Haushalt für einen schmeißen.«
»Dann solltest du deine eigenen Regeln auch langsam zu beherzigen beginnen, Tekuro«, tönt eine andere Stimme. Tjark und der Vampir sehen sich um. Da ist nicht nur ein, sondern gleich zwei Spießgesellen aufgetaucht. Sie tragen den gleichen beheizten Anzug. Der Vampir namens Tekuro wirkt erschrocken und verschämt. »Wir haben nur geredet«, faucht er und nimmt die Hand von seiner Brust. »Ich hab nur laut nachgedacht.«
Der kleinere und bulligere der beiden Neuankömmlinge legt einen Arm um Tekuro und küsst ihn innig. Er markiert sein Revier vor Tjark und erinnert den anderen daran, zu wem er gehört. »Keine zusätzlichen Sklaven, Teku. Wenn du den Kerl hier mitnimmst, muss ein anderer weg. Das solltest du dir gut überlegen. Erst vor wenigen Tagen hast du mir erklärt, wie zufrieden du mit deinem derzeitigen Besatz bist.«
»Morjas könnte weg«, überlegt Tekuro, während er die Pumpe ausschaltet, den Schlauch aus Tjarks Arm zieht, ihn ablutscht und die Gerätschaft wieder einpackt. »Inabel brauch ich auch nicht mehr, die hat schon neun Würfe hinter sich. Ob ich sie nun gleich aussortiere oder einen Wurf später, ist auch egal.«
Der dritte Vampir hält es nun auch für erforderlich, seine Meinung kundzutun. Von der Größe her steht er zwischen den beiden, aber er ist der zierlichste. »Er würde als Arbeitssklave gutes Geld bringen«, gibt er zu bedenken. »Seine Muskulatur ist gut entwickelt und er hat eine passende Größe. Ich würde ihn an deiner Stelle nicht behalten, sondern ihn mitnehmen und weiterverkaufen.«
»Ach, Patti«, meint Tekuro nachsichtig. »Du magst keine Sklaven, aber man muss auch dann etwas zu trinken haben, wenn die Jagd keinen Erfolg bringt. Es ist nicht jeder so kooperativ wie er hier.«
»Manche stellen sich bei der Jagd einfach dämlich an«, formulierte Bellamy es weniger schonend. »Du bist fertig mit Abpumpen und wir haben dann noch eine Verhandlung, entscheide dich.«
»Hab mich schon entschieden. Ich nehm ihn mit.«
Patrice seufzt und schaut in die Ferne.
Tjark kommt in dem Moment in den Sinn, dass das vielleicht doch keine gute Idee ist. Falls er nicht der eine Lieblingssklave unter den zehntausend ist, wird seine Frau in Schwierigkeiten geraten. Sie wird umsonst warten, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Sie wird zurück zu ihren Eltern ziehen müssen und wenn diese eines Tages sterben, ist sie mit dem Kind allein auf sich gestellt.
»Warte, Tekuro«, sagt er, vor Kälte inzwischen bis zu den Knien schlotternd. Sein Oberkörper ist taub geworden und rot wie ein gekochter Krebs. »Ich habe es mir noch einmal überlegt. Ich möchte doch lieber hier bleiben, aber wenn wir uns wieder treffen, gebe ich dir gern erneut von meinem Blut zu trinken. Ich habe es dir ja erzählt, ich habe Familie.« Er lächelt entschuldigend.
Dann blickt er erneut in die Mündung der Waffe. »Anziehen und mitkommen«, donnert Tekuro und entsichert sie mit einem Klicken.
"Not all those who wander are lost."
J.R.R. Tolkien

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