Beiträge von Tazio Ferdinando di Ledvico

    Ausklang

    Der warme Wind versprach einen warmen und sonnigen Sommer für sie alle. Mit unsichtbaren Fingern strich er durch das offene braune Haar, das um das bleiche Gesicht des jungen Duca tanzte. Während Tazio von Bord der Verdesca hinaus auf die azurblaue Weite des Dhunico sah, wurde ihm bewusst, dass ein Abschnitt in der Geschichte seines Landes sich dem Ende neigte. Vielleicht spürte er die Abwesenheit von Argentocoxos, ihrem immer hungrigen Wächter, denn er fühlte sich frei und zuversichtlich. Der Tag war so wundervoll, wie die Zukunft werden würde. Seine Hand ergriff die seiner Gemahlin, während der Trimaran ohne spürbaren Widerstand über den Ozean glitt, die schwarzen Segel gebauscht.


    "Ich hoffe, die ständige Gegenwart deiner beiden Pretorianos trüben die friedliche Stimmung nicht allzusehr", begann er das Gespräch. "Falls doch, hast du dir das leider selbst zuzuschreiben."


    Es lag keinerlei Gehässigkeit in seiner Stimme, denn die beiden Wächter, die - an Bord eines Schiffes aus Sicherheitsgründen ohne Rüstung - schweigend hinter ihnen saßen, dienten dem Schutze seines ungeborenen Sohnes und dessen Mutter. Künftig würde ihre Temperament sie nicht mehr gefährden, sie schützten sie vor sich selbst. Die Gegenwart der Pretorianos war in Tazios Augen etwas Gutes.


    "Langsam fühlt es sich an, als würde Ledvico wieder erblühen. Der Almanische Bruderkrieg hat uns zu viel gekostet, aber nicht alles. Diese Ebbe hat, wie jede andere, fruchtbaren Nährschlamm hinterlassen. In jedem Untergang ruht der Same von etwas Neuem, das daraus erwachsen kann. In unserem Falle meine Regentschaft, die aus dem Tod meines Vaters gründet. Unsere Ehe und unseren Sohn.


    Ich habe resümiert die letzten Tage.


    Wir wissen nun, wer Freund und wer Feind ist. Souvagne stand uns in beispielhafter Selbstlosigkeit bei, ohne auch nur einmal danach zu fragen, was es denn zurückerhalten würde. Es wird unseren Dank erhalten, sobald die Zeit dafür reif ist. Ein Teil unserer Feinde ist nicht mehr. Firasani und Niewar wurden gereinigt, ebenso das Himmelsgebirge. Wir haben gemeinsam mit Souvagne vor unserer Haustür gekehrt und die Länder um Almanien herum gereinigt, wo es angemessen schien. Nun ist die Reinigung von Innen an der Reihe. Nach dem Tod des Großherzog Felipe von Ehveros werden wir unsere almanischen Brüder und Schwestern in Ehveros nicht im Stich lassen, so wie Souvagne uns nicht im Stich ließ."


    Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, bei dem sie seine gepflegten Zähne sah.


    "Ehveros hat etwas, das Ledvico bisher nicht besaß: Bodenschätze und urbares Land. Felder voller strahlendem Weizen und Knollen von Topinambur. Ehveros wird zahlen für seinen Verrat und es wird gleichzeitig gewinnen, den wir werden einen neuen Teil Ledvicos daraus formen und es mit dem selben Schutz und Schirm bedenken, wie auch Ledvico Vecchio*. Es wird ihnen gut gehen ohne die Natter. Wir müssen ihnen nur das letzte Gift austreiben. Das wird nicht einfach, denn der naridische Biss in das almanische Fleisch war tief. Aber wir werden es schaffen."


    Keinerlei Zweifel lag in seiner Stimme, auch wenn ihm die Schwierigkeiten bewusst waren, die ihnen bevorstanden. Sein Land war noch geschwächt, die Reihen der Soldaten ausgedünnt nach der Katastrophe vor Dunkelbruch. Die ersten Nachrichten von Widerstand gegen die ledwicker Friedenstruppen hatten ihn erreicht. Aber der Leone Marino kannte mehr als offenen Kampf und Fürsorge. Er wärmte nicht nur mit seinem Pelz oder ließ seine Gegner die Zähne spüren. Die wichtigste Waffe war sein Herz, das die almanischen Tugenden in sich trug, Eigenschaften, die seinem Volk nach dem Krieg noch immer innewohnten und durch schwere Zeiten führten wie das Feuer eines Leuchtturms: Fleiß, Geduld, Einfallsreichtum und Zusammenhalt. Letzteres war wichtiger denn je. Gemeinsam würden sie dem Samen der Hoffnung auch in Ledvico Nuovo** zu Wachstum verhelfen und ein neues, gutes Land daraus formen.


    Die Tricheco drehte bei, der Wind fuhr in die Segel und trug den Duca und seine Gemahlin, den Leone Marino und die See, hinaus in Richtung Sonne.



    ~ Ende des ersten Buches ~


    ______________

    *Alt-Ledwick

    ** Neu-Ledwick

    Der Palazzo Ducale

    Palast 1

    Palast 2


    In Monleone, der Perle des Dhunischen Ozeans, liegt auch der Palast, in welchem die Krone residiert. Erreichbar ist er über den Canale Grande, die einzige Wasserstraße der Stadt, die groß und tief genug ist, um auch durch große Schiffe befahren zu werden. Das imposante Bauwerk mit den steilen Wänden ist jedem Ledvigiano ein Begriff, auch wenn er es noch nie gesehen hat: Dies ist der Palazzo Ducale, der großherzogliche Palast. Folgen wir seiner Außenmauer nun nach Norden. Wie du siehst, ist der Weg überdacht, dies nennt man die Arkaden. Sie säumen den Palazzo zu allen Seiten, so dass man auch bei Regen geschützt von einem Eingang zum anderen gehen kann, welches für die Wachmannschaft und die Bediensteten von Vorteil ist. Im Prunkviertel gelegen ist der Palast umgeben von eindrucksvollen Gebäuden, wie der Biblioteca Nazionale oder dem Campanile, aber auch die Wohnhäuser wohlhabender Bürger sind in seiner Nachbarschaft zu finden.



    Die Arkaden

    Arkaden aus der Ferne

    Arkaden von Nahem

    Wenn wir nähergehen, sehen wir, welche Höhe die Bögen tatsächlich haben.



    Die zwei roten Säulen

    Rote Säulen

    An der Platzseite des Palazzo sieht man im ersten Geschoss, das zwei benachbarte Säulen rot gefärbt sind. Zwischen ihnen werden die Todesurteile verkündet.



    Porta della Carta

    Porta della Carta


    Das "Tor des Papiers" ist der Durchgang zum Innenhof, dem Cortile. Man schloss mit dem Tor die Baulücke zwischen Tempel und Palast. Der Name rührt daher, dass Bittsteller hier ihre Gesuche in Schriftform abgeben konnten. Audienzen werden nur selten gewährt. Das Tor kann von einem massiven kassetierten Tor verschlossen werden. In den vier Nischen der Strebepfeiler stehen die vier Kardinaltugenden Tapferkeit (fortitudo), Mäßigkeit (temperantia), Klugheit (prudentia) und Liebe (caritas). Dies sind dei Herrschertugenden, welche Ledvico für sich in Anspruch nimmt, unsere vier Eckpfeiler.



    Innenhof mit zwei Brunnen und Park

    Grüne Ecke des Innenhofs des Palazzo Ducale


    Nur der vordere Teil des Palazzo ist vom Piazza aus zu sehen, der Großteil befindet sich hinter dem Prunktor. Normalerweise steht es offen. Darum kennst vielleicht auch du den Innenhof. Innenhof hörte sich sehr klein an, dabei hatte er das Ausmaß einen großen Platzes mit einer palmenbewachsenen Parkinsel in der Mitte. Ein Prunkbrunnen mit dem Abbild von irgendjemandem befand sich darin. Gesäumt ist der Innenhof, wie auch die Außenseite des Palazzo Ducale, von Arkaden, welche Schatten spendeten oder bei Regen ermöglichen, trockenen Fußes von einem Eingang zum Nächsten zu gehen.Er wird für Amtshandlungen, Versammlungen, Feste und Turniere genutzt, einmal im Jahr gibt es eine Büffelhatz, für die männliche Wasserbüffeln verwendet werden. Hier findet auch das Zeremoniell der Krönung des Duca statt. Unterhalb des Pflasters liegen zwei riesige Zisternen, die der Wasserversorgung von Palast und Bevölkerung dienen. Sie sind über zwei Brunnenbecken nutzbar und die Bevölkerung kann sich aus einem der beiden nach Belieben bedienen.



    Scala dei Giganti

    Scala dei Giganti


    Die Scala dei Giganti ist eine Treppe, die aus dem Innehof hinauf ins Obergeschoss führt. Sie hat ihren Namen von den beiden kolossalen Statuen. Die zwei Männer stellen die Personifikationen von Wasser und Krieg dar und weisen unmissverständlich auf unsere militärische Stärke hin. Sie ist ein bedeutender Ort für den Staatsakt der Inthronisation.


    Gefängnis - Piombi und Piozzi

    Piombi und Piozzi


    Ein prominenter Bauteil des Palazzo ist das Gefängnis direkt unter dem bleibedeckten Dach, weshalb man die Zellen auch die sieben Bleikammern (piombi) nennt. Der Trakt ist durch einen Gang direkt mit dem Amtszimmer verbunden. Die Bleikammern sind ausschließlich für Verräter, Spione und politische Gefangene bestimmt. Da sie nur durch ein kleines Gitterfenster in der Tür belüftet werden, wird die Hitze im Sommer unerträglich.


    Für die anderen gibt es die neunzehn Piozzi ("die Brunnen") im Keller, die oft unter Wasser stehen.


    Weder die Piombi noch die Piozzi erreicht das Tageslicht. Da sie nur durch ein kleines Gitterfenster in der Tür belüftet werden, wird die Hitze im Sommer unerträglich. Wenn es sich um wohlhabende Gäste handelt, haben sie für ihre Möblierung und ihre Verpflegung selbst aufzukommen.



    Folterkammer für Verhöre

    Folterkammer



    Geheimgang des Palasts

    Geheimgang

    Wie jeder Palast verfügt auch dieser über zahlreiche Geheimgänge, der nur einem kleinen Kreis Eingeweihter bekannt ist.

    "Amias ist der Ruspante, von dem du sprichst. Die Frage ist, ob er Alexandre wirklich schätzt oder ob Irving ihn auf ihn angesetzt hat, was ich ihm zutraue. Ich finde deine Idee sehr gut. Vielleicht sollte ich mich genau dessen besinnen ... dass auch in meinen Adern zu einem Sechzehntel das Blut eines Wigbergs fließt. Und dieses Blut, für das ich mich sonst schämte, wecken."


    Er schenkte Maximilien, nunmehr beruhigt, ein freundliches Schmunzeln.


    "Danke, Max. Für alles."

    "Ich könnte die Ruspanti auch alle versenken", fauchte Tazio leise. "Sie wurden schon einmal fast ausgerottet und nun sind sie wieder da. Aber ich habe die Gründe nicht vergessen. Diese bunten Kasper, ich ertrage ihre Gegenwart nur Irving zuliebe, auch wenn das Volk sie mag. Einen Experten möchtet ihr, lasst mich überlegen."

    Tazio musterte die Erscheinung von Thabit verärgert. Er hatte Antworten erhalten und sie doch nicht erhalten. Jedes Wort ließ der Mann sich aus der Nase ziehen und oft antwortete er ausweichend. Wie man ein Phylakterium herstellte, hatte er noch immer nicht offenbart. Wenn er so weitermachte, würde Tazio, wie Verrill das bereits tat, Irving als Druckmittel einsetzen. Das tat er nicht gern, der Mann war ihm trotz seiner Zwielichtigkeit wichtig als Freund und Berater und nicht zuletzt brauchte er ihn als Augur. Aber langsam neigte Tazios Geduld sich dem Ende.


    "Ich unterstütze die Forschungsreise", sprach Tazio. "Wenn ihr mit einem Schiff fahren wollt, kann ich euch einen unserer Trimarane anbieten, dann seid ihr in kürzester Zeit dort. Allerdings passt nicht viel Gepäck hinein und nur eine kleine Mannschaft."

    "Ich möchte verstehen, wie es funktioniert", gab Tazio zur Antwort, "um Älteste zerstören zu können. Nein, ich möchte kein Seelenfresser werden, der um sein eigenes geliebtes Land stets einen Bogen machen muss, um niemandem zu schaden. Ein Seelenfresser hier genügt. Und gäbe es global keine anderen Ältesten, wäre auch dieser überflüssig. Das weißt du, Thabit. Und darum habe ich Bedenken, dass du mir wirklich alles offenbart hast. Denn welches Interesse hättest du daran, deinen eigenen Ast abzusägen? Du weißt, wir brauchen dich, so lange es Älteste da draußen gibt, so dass man dich als kleinstes Übel wählt. Und über diesen erpressten Schutz funktionieren vermutlich alle Bündnisse mit deinesgleichen in ganz Asamura."

    "Dieses Phylakterium interessiert mich." Tazio wusste nicht, wie lange Thabit noch die Geduld haben würde, ihm in dieser Ausführlichkeit zu antworten, darum versuchte er, sich auf das zu konzentrieren, was er bislang für das Wichtigste hielt. "Was genau ist es? Ein Kristall, eine Flüssigkeit? Wo bekommt man es her, oder muss es alchemistisch gewonnen werden? Und wo ist deines?"

    Tazio freute sich über die Versöhnung. Ein Schritt zurück - in eine bessere Richtung, wenn man sich dabei vom Abgrund fortbewegte. Ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel, ehe sein Blick wieder ernst wurde und er Thabit lauschte.


    "Was ist ein Phylakterium? Wie ist es als Schwachstelle zu nutzen? Und wie lautet die Schwachstelle der benannten Ältesten? Was den Begriff der Trinität anbelangt, so war es Irving, der diesen synonym für das Dreiergespann der Sippe verwendete - dies nannte er die wahre Trinität."

    »Wohl gesprochen«, bestätigte Tazio. »Den Fragen von Maximilien schließe ich mich an. Wo liegt denn diese Schwachstelle, ist sie bei jedem Ältesten gleich? Auf welche Ältesten muss man sich noch einstellen? Und von nicht minderer Bedeutsamkeit ist, ob sie alle mit euch verwandt sind, mit der sogenannten Trinität?«

    "Nein, hast du nicht, Thabit", sprach Tazio mürrisch. "Denn letztlich hat jedes Staatsoberhaupt, ob Duca, Duc oder naridischer Ratsherr, noch einen über sich - einen Ältesten. Jemanden, der die Geschicke der Sterblichen lenkt, ohne selbst noch Teil ihrer Welt zu sein. Ihr lebt in einer anderen. Warum ihr seid, was ihr seid, ist für mich eine interessante Information am Rande, aber sie ist nicht maßgeblich. Letztlich fühlt es sich gerade so an, als ob die almanischen Kronen keinerlei Bedeutung haben. Ich bin es nicht gewohnt, irgendjemandem Rechenschaft abzulegen über mein Denken und Handeln, es sei denn, ich wünsche ein reflektierendes Gespräch. Letztlich ist das aber der Entscheidende Punkt. Dies ist nicht mehr die Welt der Almanen. Sondern die der Ältesten! Und ich denke, ich verstehe nun, was Ciel trieb.


    Das bezieht sich nicht speziell auf dich, Thabit, es bezieht sich auf die gesamte vermaledeite Situation und genau darum wurden die sechsten Magiergrade verboten. Beim fünften schon hätte es beginnen sollen.


    Max, was ist mit dir? Was sagst du dazu?"

    Tazio lauschte angestrengt, aber er würde lügen, würde er behaupten, dass ihm irgendetwas von dem gefiel. Es beunruhigte ihn zutiefst, denn er traute Horatio nicht, aber er hatte bislang dem Schutz von Thabit vertraut. Offenbar umsonst. Momentan schien es, als ob Horatio allein über Werden und Vergehen auf Asamura entschied, ganz gleich, wie neutral oder auch nobel seine Absichten sein mochten. Um diese ging es nicht. Jetzt ging es Tazio um die Sicherheit seines eigenen Landes. In diesem Moment meinte er, Ciel zu verstehen und die Bluthexer, welche die Ältesten ebenso wie alle anderen Nekromanten behandelten, sie verabscheuten und bekämpften, anstatt sie zu verehren. Tazios Herz wurde düster und er vergrub sich in seine Gedankenwelt. Es dauerte, bis er sagte:

    "Es gibt Tage, da fühlt man sich nicht mehr als Herr im eigenen Land. Tage, an denen man alles hinwerfen möchte, da alle Bemühungen am Ende doch keine Rolle spielen, da sie doch nur von der Gnade irgendwelcher Kreaturen abhängen, die ihre Zeit als Lebende längst hinter sich gelassen haben sollten."


    "Wie du richtig vermutet hast, benötige ich deine Hilfe in Form eines Rats, Thabit", sprach Tazio in einem ehrfürchtigen Ton, der nicht so ganz dazu passte, dass er mit Maximilien auf einem Ecksofa lümmelte, eine Kaffeetasse in der Hand. "Wusstest du, dass Horatio Rochenoir aus der Familie der Hohenfelde stammt? Wenn ja - ist es möglich, dass das, was geschehen ist, nichts weiter als die Fortführung einer alten Fehde war? Ich bin sicher, du hast mitbekommen, was los war."


    Schließlich war ein Ruspante im Schlepptau von Alexandre in den Palast gekommen und diese waren die Augen und Ohren von Thabit.


    "Ich dachte mir, vielleicht war es nicht die Schuld von Ciel und Verrill, dass es eskalierte, denn zweifelsohne waren sie beide zumindest zeitweise besessen von diesen beiden Ältesten. Waren sie überhaupt Herr ihrer Sinne oder hat man sie benutzt wie Marionetten als Waffen der beiden Hohenfeldes?"

    "Wirklich neutral bin ich nicht in Familiendingen, Max. Es ist eher so, dass ich alles, was ich fühle, jeden Tag aufs Neue tief am Grunde meines Herzens einschließen muss. Sirios Tod ist gerade einmal ein Jahr her, ich habe meinen Vater sehr geliebt. Würde ich herauslassen, was ich fühle, würde ich den ganzen Tag weinen und Sirio anflehen, von den ewigen Inseln zu mir zurückzukehren. Vielleicht würde ich sogar einen Nekromanten darum bitten, ihn zurückzurufen. Aber wem wäre damit geholfen? Weder meinem Land, noch meiner Familie, noch nicht einmal mir selbst. Wenn ich nun versuche, mir vorzustellen, dass Sirio mich je hätte verraten können ..." Tazio blickte eine Weile ins Nichts. Dann schüttelte er den Kopf. "Das kann ich nicht einmal. Es muss dir wirklich den Boden unter den Füßen weggerissen haben. Aber bist du denn verraten worden? Das gilt es zu überprüfen."


    Er ließ Maximiliens Hand wieder los, legte sie auf sein Herz und konzentrierte sich.


    'Thabit Argentocoxos, ich bitte dich um deinen Rat. Bitte komm zu mir.'

    Tazio griff nach Maximiliens Hand. "Das ist möglich, Max. Wir sind eine Familie. Lass uns gemeinsam nach einer Lösung suchen. Vielleicht finden wir eine, an die wir bislang noch nicht gedacht haben. Mein Vater starb, weil er an ein vereintes Almanien glaubte. Er starb für die Falschen und viel zu jung, doch ich will nicht daran glauben, dass es völlig umsonst war! Wir haben daran angeknüpft, Souvagne hat Ledvico geholfen nach dieser Katastrophe und eine Hochzeit festigte dieses Band. Gemeinsam tilgten wir die Bedrohung der Farisin und übten Rache an den verräterischen Zwergen. Dann holten wir die Toten Heim. Gibt es nicht viel mehr, das uns eint, als das uns trennt? Wenn du einverstanden bist, rufe ich Thabit."

    Tazio löste die Umarmung wieder, nachdem Maximilien fertig gesprochen hatte, hielt ihn jedoch noch am Arm fest, um ihn zu einer gemütlicheren Sitzecke zu führen als jener, an der er mit Ciel gesessen hatte. Ein gepolstertes Ecksofa sorgte dafür, dass sie in entspannter Haltung saßen. Wenn der Körper gezwungen war, sich zu entspannen, half es auch, die Seele zu beruhigen. Zudem saß man über Eck in einer weniger offensiven Haltung als wenn man einander frontal anblickte. Tazio ließ sich also schräg gegenüber von Maximilien nieder, nicht sonderlich weit von ihm entfernt, um nicht die Stimme erheben zu müssen, damit der andere ihn verstand. Er wurde nicht gerne lauter als gerade eben nötig.


    "Ich bin nicht sicher, inwieweit überhaupt eine Strafe für irgendjemanden angebracht wäre", sprach Tazio vorsichtig. "Sowohl Ciel als auch Verrill waren zeitweise von Ältesten besessen. Verrill zog aus, um Horatio zu schützen. Ciel zog aus, um ihn mit Dunwolf zu vernichten. Oder lockte Horatio Dunwolf nicht vielmehr in einem sicheren Gefäß hinein nach Souvagne? Was auch immer im Detail geschah - für mich hört sich das Ganze an, wie ein Krieg der Ältesten. Einen Krieg uralter Nekromanten, welche die beiden Sterblichen lediglich als ihre willigen Werkzeuge benutzten. Inwieweit war diese Auseinandersetzung denn die freie Entscheidung von Ciel oder Verrill? Waren die Fehler, die sie begingen, wirklich ihre Fehler - oder waren sie Kalkül dieser alten Macht, die so viel mehr Ehrfahrung hat als diese beiden jungen Menschen?"

    Tazio saß in seiner ledwicker Tracht ohne Ornat mit Ciel an einem Tisch. Sie hatten privat gesprochen und nicht von Duca zu gefallenem Prince. Beide jungen Männer sahen blass aus und sehr gefasst - ein untrügliches Zeichen, wie es ihnen wirklich erging. Ein Versuch, die aufgewühlten Gemüter unter einer Maske zu verbergen, damit niemand etwas Falsches sagte oder tat. Fehler waren genug gemacht worden. Als nun Maximilien eintrat, verneigte Ciel sich eilig und verschwand, vermutlich, um seine Sachen zu packen, wie er es angekündigt hatte. Zurück blieben Tazio und Maximilien. Niemand war außer ihren beiden Leibdienern sonst noch hier, die beiden Staatsoberhäupter waren allein. Tazio erhob sich und trat seinem Schwiegervater entgegen.


    Sanft fasste er ihn bei den Oberarmen und versuchte, in seinen Augen zu lesen. War es wirklich das, was Maximilien wollte - die Trennung dessen, was sie gerade erst geeint hatten? Eine Entzweihung von Ledvico und Souvagne? All das, aufgrund eines einzigen Fehlers, ganz gleich, an welcher Stelle er lag? War das ihrer aller Wunsch? War es das, wofür sie gekämpft hatten, wofür ihre Soldaten gefallen waren?


    "Lass uns ganz privat sprechen", bat Tazio. "Von Schwiegersohn zu Schwiegervater und von Freund zu Freund." Er legte die Arme um Maximilien. Es war eine zarte Geste, aus der Maximilien sich ohne Kraftaufwand hätte entwinden können. Eine von Tazios Händen ruhte zwischen Maximiliens Schulterblättern, die andere an seinem Hinterkopf, um ihn sanft an sich zu drücken, Herz an Herz. Nein, Tazio mochte nicht daran glauben, dass Maximilien wirklich wollte, dass ihre Wege sich entzweiten.

    Die Schleuse war noch offen. Dies merkten sie daran, dass hinter Verrill weitere Gestalten aus den Schatten traten. Duca Tazio Ferdinando di Ledvico, der weiße Löwe der See, betrat den Schauplatz. Seine Schritte waren nicht forsch, das war nicht seine Art, sondern gemessen und ruhig. Einmal mehr war er hier, um seine Gemahlin zu retten, die Zukunft ihrer beiden Länder und die diplomatischen Beziehungen, die nicht einfacher werden würden, wenn einer von ihnen zu Schaden kam. Bei ihm waren Paladino Ambrogio di Caldera samt der Pretorianos, das Himmelsauge Aurelien und ein einziger Ruspante, der in seiner bunten Tracht vollkommen fehl am Platz wirkte. Dieser erfüllte keine andere Funktion, als mit seinen Augen und Ohren das Geschehen an Thabit und Irving weiterzuleiten, um es für mögliche künftige politische Verstrickungen als Beweismittel zu archivieren und auch um notfalls handeln zu können.


    Ciel sah schlimm aus im gegenwärtigen Zustand, die Nekromantie verzerrte sein aristokratisches Erscheinungsbild hin zu einer grotesken Kreatur der Dunkelheit. Wie viel von seiner Seele noch Ciel selbst war, wusste Tazio nicht.


    "Regent von Souvagne ist und bleibt Duc Maximilien de Souvagne", sagte Tazio ruhig. "Wenn er wünscht, einen Ältesten zu seinem Schutz unter dem Palast einzuquartieren, ist daran durch niemanden zu rütteln. Ihr hattet die Chance, in Evalon ein eigenes Land aufzubauen, bar aller Nekromantie, die Gelegenheit, es besser zu machen als Euer Vater, dessen Entscheidungen Euch allzu sehr grämen. Ihr könnt nicht retten, was nicht gerettet werden will. Und vielleicht muss es das auch gar nicht. Das Land Souvagne gedieh sehr gut in den letzten Jahren unter der Obhut des derzeitigen Ducs, so scheint es mir. Ein wenig Vertrauen stünde Euch gut zu Gesicht, Ihr seid nicht der Einzige, der es gut meint mit diesem Land, das Ihr liebt. Nehmt Vernunft an. Ihr könnt hier nichts ausrichten."


    Tazio war neben seine Frau getreten und bot ihr den Arm an. Es war eine einladende Geste, doch sie kam gleichwohl einem Befehl gleich. Er würde nicht zulassen, dass sie ihr leben riskierte im Kampf gegen diesen anderen Ältesten namens Dunwolf und das Leben seines ungeborenen Sohnes. Tazio war im Gegenteil mächtig wütend, dass sie es ein zweites Mal getan hatte und ihre Handlung würde nicht ohne Konsequenzen für sie bleiben, doch gingen diese Dinge den wildgewordenen Prince nichts an. Hier demonstrierte er Einheit mit seiner Gemahlin und das waren sie auch und würden sie bleiben.


    "Paladino, kümmert Euch um die Sicherheit der Ducachessa", befahl er. Im Klartext hieß dies, er sollte darauf achtgeben, dass sie kein drittes Mal verschwand, notfalls würde er sie gewaltsam an einem Entrinnen hindern.

    "Ein guter Gedanke", bestätigte Tazio. "Und die für Alexandre. Und sollte alles nichts nützen - könnte er daran erinnert werden, dass eines seiner Kinder in diesem Augenblick abseits von seinem Schutz ist. Wenn Ciel nicht völlig ohne Skrupel ist, sollte ihn das zumindest gesprächsbereit machen." Tazio überlegte, ob noch jemand infrage kam. Dann fiel ihm etwas ein. "Was ist mit dem kleinen rosa Kerl, der draußen herumirrt? Der aussieht wie ein souvagnischer Ruspante? War das nicht auch ein Mann von Ciel?"