Beiträge von Vendelin von Wigberg

    Vendelin blieb der Bissen im Hals stecken, als Nicodemus von Amias´ scheinbar offensichtlicher Männlichkeit sprach. Er selbst hatte beim Tanz angewidert von der Obszönität beiseitegeschaut, so war ihm dieses wichtige Detail entgangen. Hatte Irving ihn also belogen? Oder hatte irgendjemand dem Burschen mit alter Magie geholfen? Keine moderne Magieform war imstande, abgetrennte Körperteile nachwachsen zu lassen. Vendelin würde nachforschen, sobald er mit Irving unter vier Augen war.


    Er spülte den steckengebliebenen Bissen mit einem Schluck Blut herunter, den er sich von einem Sklaven einschenken ließ und beobachtete nun, wie die Dornenschwinge hineingeführt wurde. So alt wie die Zeit selbst, so alt wie Indutiomarus, so alt wie Nicodemus.


    "Das Reittier deines ehrwürdigen Vaters. Imposant. Es haben mehr Dinge aus Asa Karane die Zeit überdauert, als man glaubt. Willkommen in der Gegenwart, Flarinar."


    Er war gespannt, ob das Geschöpf antworten würde. Für Vendelin und Hector hingegen war es eine Reise in die Vergangenheit. Vendelin war gespannt, was sich noch alles offenbaren würde, wenn Nicodemus den Schleier der Zeit lüftete. Und wie weit er gewillt war, ihn zu heben.

    "Du hast Recht, was du über die Rasiermesser sagst ... das Auftreten von Amias ist mir schlichtweg peinlich. Es ist das Gegenteil von dem, was ich als 'guten Stil' bezeichne. Zum Glück ist er ein Eunuch."


    Vendelin fuhr fort zu speisen, während Nicodemus Zeit hatte, ausführlich seine Sicht darzulegen. Beim Essen sprach es sich immer noch am besten.


    "Es müsste sich doch über das Archiv im Melderegister herausfinden lassen, ob der Name Schwarzfels im Stammbaum von Souvagne auftaucht. Welche Gemeinsamkeiten von Vampiren und Bluthexern meinst du genau? Und natürlich möchte ich die Taudisschwinge sehen. Ist diese Pantherfledermaus ein Tier oder eine Person?"

    "Amias ist was?", ächzte Vendelin, der sich gerade eben noch über den gedeckten Tisch gefreut hatte.


    Schlagartig wurde ihm die Ähnlichkeit des Tänzers zu seinem Vater Wenzel bewusst, optisch wie charakterlich. Herrje, sein Vater war ein regelrechter Wolkenhaimer gewesen, wenn das stimmte. Wenn er diesen Faden weitersponn, war Amias brandgefährlich. Bislang hatte er ihn für einen einfachen Handlanger von Irving gehalten, insgeheim auch für dessen Lustknaben. Vermutlich war er aber dessen Dolch! War Alexandre in Lebensgefahr oder auf wen war er wirklich angesetzt worden? Dass Irving selbst mit ihm verwandt war, fand er hingegen angenehm, er war eine respektable Persönlichkeit. Und es erklärte, warum sie sich so gut verstanden.


    "Die Souvagnes sind, wie Horatio, bereit, für das Gute den Weg der Dunkelheit zu gehen. Teils offen, wie Prince Ciel, der Dunwolf seinen Körper als Gefäß zur Verfügung stellte, teils unbewusst, wie sein Vater, der sein eigen Fleisch und Blut richten wollte, anstatt zuzuhören. Für mich klingen sie wie Hohenfeldes, die nicht merken, dass sie welche sind. Und wüssten sie es, würden sie es vehement verleugnen und genau so weitermachen wie zuvor."


    Nach dem ersten Schock offnete Vendelin den Rücken des Sklaven und trennte sich einige Rückenmuskeln heraus. Er arrangierte sie optisch ansprechend auf dem Teller. Dann stopfte Vendelin sich eins der Tücher wie eine Serviette in den Kragen, legte die zweite auf den Schoß und begann, das blutleere Fleisch in hauchzarte Streifen zu schneiden, die man auch mit stumpfen Zähnen gut kauen konnte.


    "Almanien", sprach Vendelin, nachdem er ein paar Bissen gespeist hatte. "Darunter versteht man mehrere Länder, welche die selben Werte teilen. Heimatliebe, Stolz, Fleiß, Familiensinn, Traditionalismus, um nur einige zu nennen. Alle almanischen Länder werden zudem feudal regiert. Kulturell sind sie trotz ähnlicher Grundwerte recht verschieden. Während Souvagne defensiv orientiert ist und eine starke Luftflotte aufbaut, ist Ledwick eine alte Piratennation und neigt zu Angriffen auf dem Seeweg. Naridien, das ehemalige Ghena, hingegen führte seine Kriege seit jeher am liebsten auf wirtschaftlicher Ebene. Bis sie die Demokratie erfanden und sich vom restlichen Almanien abspalteten. Ich könnte sehr lange erzählen. Möchtest du noch etwas bestimmtes wissen?


    Über die Bluthexer weiß ich beschämend wenig, ich kann nur sagen, dass es Fanatiker sind, Sonderlinge, die sich gern selbst geißeln. In ihrem Umfeld stoßen sie auf wenig Verständnis, selbst in der eigenen Familie. Auch ich verstehe nur bedingt, wozu das alles gut sein soll, was sie so tun. Allerdings scheinen sie eine extreme magische Macht über Vampire und Ghule sowie Besessene zu haben.


    Prince Ciel wird wegen seiner Zierlichkeit auch gern der Kleine Prince genannt. Er ist ein Gerechtigkeits...freund mit schwer vorhersehbaren Methoden. Obwohl er Bluthexer ist, scheint er sowohl Vampire als auch Beißer gern um sich zu scharen."

    "Ein Filetiermesser, eine Bratengabel, Essbesteck, ein Teller und zwei Tücher wären sehr freundlich", antwortete Vendelin. "Woher stammen diese köstlich anmutenden Sklaven? Die Amarthar sind in der Tat neues Wissen für mich. Lebten diese auf Caltharnae? Was du über Horatio berichtet, kommt mir bekannt vor, wenn man bedenkt, über wessen Land er seine Hand hält. Tragen die Souvagnes sein Erbe in sich?"


    Er streckte die Hand aus, die Handfläche nach oben gewandt, so dass die Pantherfledermaus schnuppern konnte, wenn sie wollte, ehe er ihren Hals berührte und die Fingerkuppen durch den dicken Pelz gleiten ließ.


    "Stammen wir Wigbergs allesamt von Harubold ab oder auch von seinen Brüdern? Gibt es weitere Seitenlinien, von denen wir bislang nichts wissen? Und wenn wir schon dabei sind, ist mir natürlich bewusst, dass man Wissen stets tauschen und nicht freimütig verschenken sollte. Welches Wissen wünschst du zum Tausch, hast du eine Frage an mich?"

    "Hm, dann werde ich meinen Körper künftig mit parfumierten Dufölen pflegen müssen, statt wie bisher mit geruchlosen. Dass dein Vater ein Wigberg war, wusste ich natürlich, deine präzise Wahrnehmung verdankst du seinem Erbe, genau wie den Hang, unterirdisch zu Hausen. Wigbergs lieben tiefe Keller, man sagt, das sei schon auf Asa Karane so gewesen. Sie sind praktisch und wohnlich, wenn die Belüftung gut geplant wurde. Was ist dies für ein Wesen an deiner Seite? Und von wo stammen diese Sklaven?"


    Seine Beine hatte er vornehm übereinander geschlagen, um seine Erregung zu verbergen. Zwar war er ein beherrschter Mensch, doch der Genuss von Menschenfleisch in Beißeratmosphäre hatte eine unwiderstehliche Wirkung auf ihn. Nachdem Hector wieder zur Verfügung stand, griff Vendelin erneut nach dessen kalter Hand, die er hielt.


    "Mein Verlobter hat Recht. Die Art und Weise, wie Dunwolf über die Hohenfeldes herrscht, ist nicht mit den Werten der Sippe vereinbar. Gegenseitiges Meucheln der Hohenfeldes untereinander wird als eine Form des Duells im gewissen Rahmen akzeptiert. Aber das Ausmaß ist schädigend und ist ein Angriff auf unsere Sicherheit. Es schwächt mehr, als dass es die Hohenfeldes stärkt und damit schwächt es alle drei Familien. Ich sehe keinen Sinn in einer solchen Selektion, die erfolgt von ganz allein durch das Leben selbst und durch gezielte Auswahl der Elternpartner."

    "Meine kleine Maskerade ist wohl aufgefallen", antwortete Vendelin mit einem herzlichen Gesichtsausdruck. "Vendelin von Wigberg ist mein Name."


    Er war jemand, der niemals rot wurde, wenn man ihn beim Lügen ertappte, denn zu lügen war schließlich nichts Schamvolles, sondern eine Kunst. Man verwob die Unwahrheit zu einer perfekten Illusion und daran zu werkeln, machte ihm Spaß. Allenfalls wurde er wütend, wenn eine Tarnung drohte, aufzufallen, doch nicht in diesem Umfeld, wo es sich doch um ein Familientreffen handelte.


    "Die Einrichtung ist ausgesprochen geschmackvoll, Nicodemus. Ist sie authentisch oder an moderne Bedürfnisse angeglichen?"


    Bei dem Biss in die Kehle des Sklaven ging ein Ruck der Erregung durch Vendelin, seine Hand griff hinüber zu der von Hector, um sie zu liebkosen, ehe er sie wieder freigab, damit sein Verlobter speisen konnte.

    Auch Vendelin verneigte sich. "Erzhexer Nicodemus von Hohenfelde, auch ich grüße Euch. Wir hatten noch nicht das Vergnügen, mein Name ist Timothèe Mauchelin."


    Ihm gefiel, was er sah. Es war neuartig und entsprechend interessant, vor allem aber war es konservierte Vergangenheit, Familienhistorie, die lebte. Hier war er im Prinzip an einem Ort, der dem, wie man zur Zeit der Magierkriege lebte, sehr nahe kam. Nur diese Fledermauskreatur vermochte er nicht zuzuordnen. Ein Vampir in Gestalt eines sogenannten Fledermausmonsters, der Zwischenform beider Gestalten?

    Verhör

    Beaufort, Keller unterhalb des Palasts. Verlies.


    Timothèe saß nackt auf einem Nagelstuhl. Breite Lederriemen mit Schnallen pressten seinen Körper vom Rücken bis zu den Fußgelenken auf die rostigen Eisenspitzen. Er saß da, aufrecht wie ein Asket, dem der Schmerz nichts anhaben konnte. Unter den halbgeschlossenen Lidern hervor beobachtete er die auf Hochglanz polierten Stiefel, die langsam um den Stuhl schritten.

    Sie gehörten nicht Dominique Dubois. Der Henker hatte darum gebeten, die Folter verschärfen zu dürfen, doch zum Glück des Delinquenten ging man in Souvagne nicht leichtfertig damit um, so lange die Schuld nicht bewiesen war. So war zunächst ein Adliger gekommen, um zu sehen, ob eine Folter angebracht wäre, die eine dauerhafte Beeinträchtigung der Gesundheit nach sich ziehen konnte. Dass es ausgerechnet dieser Marquis war, war kein Zufall. Timothèe ahnte, warum Dijon de la Grange sich zu ihm ins Verlies bequemt hatte.

    Der Henker erklärte ihm den momentanen Stand, welche Methoden er schon angewandt und dass keine davon ein Ergebnis nach sich gezogen hatte. »Diese Renitenz ist nicht normal«, brummte Dominique. »Ich habe ihm alle Finger- und Zehennägel gezogen und er hat nicht einmal gezuckt.«

    »Beileibe nicht normal. Es deutet auf einen Profi hin«, erwiderte der Marquis. »Nicht wahr, Timotheè?«

    Er blieb vor dem Gefangenen stehen und blickte arrogant auf ihn hinab. Ruhig erwiderte Timothèe den Blick.

    Dijon de la Grange war Ende fünfzig, doch seine hochgewachsene und durchtrainierte Gestalt strafte sein fortgeschrittenes Alter Lügen. Die Mitglieder des Hochadels trugen in der Regel das Haar lang, nicht so die Mitglieder der Familie la Grange, die Wächter der Morgenröte. Männer wie Frauen waren allein aufgrund ihrer Körpergröße respekteinflößende Erscheinungen. Der Stolz auf die Leistungen ihrer Familie während der Ära des Chaos, als sie Souvagnes Osten gegen die Rakshaner verteidigt hatten, hatte sich dauerhaft in ihr Verhalten gebrannt, ihr Selbstbewusstsein grenzte an Arroganz und war landesweit legendär. Auf seinem Wappenrock prangte der rote Hahn.

    Dem Marquis missfiel ganz offensichtlich, dass der Delinquent ihm ohne Furcht entgegenblickte. Er schickte den Henker hinaus und packte Timothèe mit Daumen und Zeigefinger hart am Kinn.

    »Du weißt, warum ich hier bin. Du erinnerst mich an jemanden. Hilf mir auf die Sprünge, an wen.«

    »Wir sind uns nie begegnet, ich weiß nicht, worauf ihr hinauswollt.«

    Der Griff wurde fester. »Ich schätze es nicht, wenn man mich belügt.«

    Timothèe ließ nicht erkennnen, wie viel Angst er davor hatte, dass der Marquis bluffte und in Wahrheit längst wusste, wen er hier vor sich hatte. Doch wie viel Furcht er auch verspüren mochte, seine Mimik blieb davon unberührt. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos.

    Dijon drückte hart zu, ehe er mit einem groben Ruck losließ und sich wieder aufrichtete. »Wenn du Dominique unnötige Arbeit machst, werden die Himmelsaugen die Informationen aus deinem Gehirn ziehen. Hast du schon einmal eine Auslesung erlebt? Weißt du, wie sich das anfühlt, wenn deine schmutzigsten Fantasien, deine perversesten Gedanken ans Tageslicht gezerrt werden? Wovon träumst du, wenn du abends allein bist und an dir herumspielst?« Er ließ eine Pause, aber Timothèe antwortete wieder nicht. »Ich werde es gleich erfahren, wenn du nicht redest. Ich werde ein Himmelsauge rufen lassen und nicht nur aus deinem Hirn extrahieren lassen, woher wir uns kennen, sondern auch all die Dinge, von denen du dir wünschen würdest, dass nie ein Mensch davon erfahren hätte!«

    Noch immer ließ Timothèe keine Reaktion erkennen. Der Marquis verpasste ihm eine Ohrfeige, die seinen Kopf herumriss. Schmerz explodierte in seinem Ohr.

    »Dominique vermutet, du stehst auf kleine Mädchen«, sagte Dijon. »Oder sind es nicht eher kleine Jungs? Hast du selbst Kinder?«

    Timothèe drehte den Kopf wieder nach vorn und machte sich auf weitere Schmerzen gefasst. Als er nicht antwortete, verlor Dijon die Geduld. Der Marquis marschierte nach draußen, um nach dem angedrohten Himmelsauge zu schicken. Vermutlich freute er sich nun diebisch darauf, ihm eins auswischen zu können.

    Eine Stunde verging, die Timothèe nutzte, um ein wenig zu dösen. Der Marquis trank mit Dominique und den beiden Henkersknechten nebenan ein Glas Wein.

    Das leise, gleichmäßige Klirren eines Kettenhemdes näherte sich, untermalt vom Poltern harter Absätze. Dann betrat der Kampfmagier die Folterkammer. Unter der schwarzen Robe lag ein hageres Gesicht im Schatten. Chevalier Jules de Mireault. Vermutlich kannte der Mann Timothèe nicht, doch Timothèe kannte ihn. Er kannte viele Leute beim Namen und wusste über ihre Biografie und ihre Person Bescheid.

    Ohne ein Wort packte Jules ihn am Haar. Brutal riss er Timothèes Kopf ins Genick und starrte ihm in die Augen. Schräg hinter ihm stand der Marquis de la Grange und wartete gespannt auf die peinlichen Ergebnisse. Jules` Starren wurde durchdringend, um mit einem Mal einer tiefen Irritation platz zu machen.

    Timothèe lächelte ein wenig. »Du vergeudest deine Zeit, Himmelsauge.«

    Jules antwortete nicht, er ließ ihn los und fuhr herum. »Herr, hier ist nichts. Ich kann seinen Geist nicht spüren.«

    »Was heißt das?«, wollte Dijon wissen.

    »Dass kein Lebensgeist vorhanden ist. Dieser Mann muss ein Untoter sein.«

    Dijon trat wieder an Timothèe heran, packte erneut seinen Unterkiefer und drückte ihm die Wangen zwischen die Zähne, so dass er seinen Mund öffnen musste. Der Marquis besah sich gründlich das Gebiss. »Kein Vampir, aber er könnte ein Ghul sein.«

    »Es ist ein strittiges Thema, aber ich finde, wir sollten zur Überprüfung einen Nekromanten verständigen, Herr. Um ganz sicherzugehen.«

    Dijon schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Freund dieser Kunst. Zum anderen kann kein Nekromant einen Ghul beeinflussen. Sie beziehen ihre Lebensenergie nicht von ihrem Meister, sondern aus dem Verzehr von Leichenfleisch. Das macht sie unabhängig von Nekromanten. Ein Totenbeschwörer würde uns hier nichts nützen.«

    »Wenn Mauchelin tatsächlich ein Ghul ist, erklärt das seine reduzierte Schmerzwahrnehmung. Ich denke, hier haben wir des Rätsels Lösung.«

    Dijon schien nicht zufrieden zu sein, er blickte nach wie vor misstrauisch. »Man muss kein Magier sein, um die Lebendigkeit eines Probanten zu überprüfen, erst Recht kein Nekromant. Das kann jeder Normalsterbliche. Auf das X mit ihm.«

    Timothèe hatte geahnt, dass ihm früher oder später eine derartige Untersuchung blühte. In dieser Art lief es fast immer ab, wenn ein Lotos ins Visier der Obrigkeit geriet. Während Dominique der Aufforderung nachkam und den Delinquenten auf das große Holzkreuz schnallte, das auf einem Gestell lag, schickte Dijon einen der Henkersknechte los, um beim Heiler eine Besorgung zu machen. Was das war, konnte Timothèe sich denken. Die Stämme kreuzten sich in Höhe seiner Lendenwirbelsäule. Das machte es sehr schmerzhaft, rücklings darauf zu liegen, weil dies der Punkt war, auf dem sein ganzes Körpergewicht lastete. Indem er die festgeschnallten Arme und Beine nach unten drückte, versuchte er, seine Wirbelsäule zu entlasten.

    Dijon registrierte voller Genugtuung, dass der Delinquent nun endlich eine Reaktion auf die ihm zugefügten Schmerzen zeigte. Er fasste unter Timothèes Achseln. Sie waren schweißnass, doch der Marquis war nicht von der zimperlichen Sorte. Nein, das war er wahrlich nicht, wie Timothèe wusste. Die Hand drückte die Finger tief in das weiche Fleisch. Anschließend glitt sie tiefer, fasste an seine Leiste und fühlte dort in gleicher Weise. Es war schon fast amüsant zu sehen, wie er lehrbuchmäßig allen falschen Spuren folgte.

    »Die Körpertemperatur scheint sogar erhöht zu sein«, murrte Dijon, als der Henkersknecht zurückkehrte und ihm das Quecksilberthermometer reichte. Er schob es dem Delinquenten ins Gesäß und schaute auf den roten Balken. Einige Minuten wartete er. »Fieber!«, rief er. »Das ergibt keinen Sinn. Wäre er ein Ghul, dann läge seine Körpertemperatur deutlich unter dem Durchschnitt. Ein Ghul wäre nur so stark zu erhitzen, indem man ihn in einen entsprechend warmen Raum sperrt, hier aber sind kaum fünfzehn Grad.«

    Jules rieb nachdenklich sein markantes Kinn. »Aber das ist die einzige plausible Lösung. Er muss untot sein.«

    Dijon stützte die Hände rechts und links neben Timothèes Kopf auf die Arme, was ihm enorme Schmerzen zufügte. Der Marquis starrte ihm aus nächster Nähe ins Gesicht.

    »Nein, das ist er nicht. Er ist kein Untoter. Der Kerl kommt mir bekannt vor und ich werde herausfinden, warum. Eine Vermutung habe ich, wenn ich mir sein Gesicht ansehe. Die Wangenknochen und die Kieferpartie. An meinem Hof war einst eine Mätresse, vor der mein persönliches Himmelsauge mich warnte. Ganz wie Ihr es heute tut, Jules, vermutete mein Magier, diese Frau sei ein Ghul. Kurz darauf verschwand sie allerdings, so dass ich nicht dazu kam, mir ein Urteil zu bilden und eine Entscheidung zu fällen. Das Problem hatte sich auf bequeme Weise selbst gelöst. Dennoch ging mir die Sache all die Jahre über nicht aus dem Kopf. Mein Sohn Alexandre ist ebenfalls Magier, doch er hat eine ganz besondere Begabung, die ihn von anderen Magiern unterscheidet. Geistmagier spüren die Lebenden, Nekromanten die Toten. Alexandre aber spürt den Untod. Ich könnte ihn zur Überprüfung herholen, aber das Fieberthermometer lügt nicht. Entscheidend ist in dem Zusammenhang, was ich von Alexandre über Mallaury erfuhr. Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, die hier nicht bedacht wird.«

    Dijon entschied sich dafür, nach seinem Sohn schicken zu lassen. Einer der Henkersknechte entfernte sich und wenig später kehrte er mit Alexandre im Schlepptau zurück. Er war ein jüngeres Ebenbild seines Vaters, das raspelkurze Haar dunkelblond statt grau. Er hatte sogar das gleiche Grübchen im Kinn. Statt Wams und Hose war er jedoch in eine dunkelrote Magierrobe gehüllt.

    Alexandre grüßte seinen Vater ausgesprochen respektvoll. Ein Detail, welches Timothèe für wichtig genug hielt, es sich zu merken. Der Magier warf einen kurzen Blick auf das Thermometer, dann trat er an das Kopfende des X heran, um sich den Delinquenten zu betrachten.

    »Ihr liegt richtig, Vater, dieser Mann ist kein Untoter. Wenn der Chevalier de Mireault parallel keine Lebensgeister spürt, lässt dies nur einen Schluss zu. Es scheint das selbe Phänomen vorzuliegen wie vermutlich damals bei Eurer Mätresse. Ich habe sie nie kennengelernt, aber Eure Beschreibungen und die Worte Eures damaligen Himmelsauges deuten stark in diese Richtung. Es gibt ein Phänomen, welches sich Antimagie nennt. Es bezeichnet die vollständige Immunität gegen jegliche magische Beeinflussung. Das wird hier vorliegen. Timothèe ist ein Antimagier, ein Stumpfer, ein Blunt.«

    Noch immer lag Timothèe ruhig auf dem X, die Augen halb geschlossen. Man folgte der Fährte weiter, als er erwartet hatte. Dass sie auf diesen Schluss kommen würden, damit hatte er nicht gerechnet. Dass Dijon nun von der Gabe wusste, war nicht gut. Es brachte ihn der Wahrheit nahe, viel zu nahe. Auf dem Boden klimperte es, als es ihm gelang, das Fieberthermometer herauszupressen.

    »Das Phänomen ist so selten«, fuhr Alexandre ungerührt fort, »dass ich davon ausgehe, dass die beiden miteinander verwandt waren, Timothèe Mauchelin und die Mätresse.«

    Dijon grinste unziemlich breit. Sein Sohn machte Platz, als das Oberhaupt der Familie la Grange sich erneut das Gesicht des Delinquenten betrachten wollte.

    »Du und die schöne Mallaury seid vom selben Blut? Aber ja. Darum kommt mir auch dein Gesicht so bekannt vor. Du bist der Sohn meiner Mätresse! Ich hatte viel Freude mit deiner Mutter. Bist du ein genau so nimmersattes Gör wie sie? Magst du es genau so gern dreckig?«

    Timothèe antwortete nicht.

    »Ich hatte mit ihrem Leib viel Freude. Vielleicht entstand ja eine Frucht daraus? Du könntest der Sohn von mir und ihr sein.«

    »Ich bin nicht Euer Sohn«, erwiderte Timothèe kalt. »Oder habt Ihr sie je schwanger erlebt? Sie bekam mich, bevor sie an Euren Hof kam. Und was Ihr in ihren Leib sätest, tötete sie mit Alraune und Mutterkorn.«

    Sowohl über Dijons als auch Alexandres Gesicht zog ein Schatten. Die la Granges wurden unangenehm, wenn man ihren Stolz verletzte. Der Gockel in ihrem Wappen stand für mehr als nur die aufgehende Sonne, sondern auch für ihre Eitelkeit. Und wer emotional wurde, begann Fehler zu machen.

    »Jetzt ist die Katze aus dem Sack, du die Brut meiner Mätresse und irgendeines Abschaums«, höhnte Dijon. »Darum also das hartnäckige Schweigen. Ist dir deine Abstammung so peinlich?«, fragte Dijon amüsiert und schob ihm das Fieberthermometer erneut hinein. »Zu Recht, will ich meinen, wenn man bedenkt, womit sie mir zu Willen war. Möchtest du noch ein wenig mehr über Mama erfahren? Hast du Lust, nachzuempfinden, wie es war, mir zu dienen?«

    Timothèe starrte schweigend an die Decke, während das Fieberthermometer immer tiefer wanderte. Er hatte Dijion nicht umsonst diesen Brocken hingeworfen. Es war gut, wenn der Marquis sich an diesem Thema festbiss. Das in dem Kerl ein Sadist schlummerte, wusste er von Marilou und auch jetzt konnte Timothèe die mit dem Zorn wachsende Erregung riechen. Sie hatte es nie erzählt, aber jedes Mal, wenn sie längere Zeit am Hof gewesen war, war sie anschließend unausstehlich gewesen.

    Die Erinnerung daran, welchen Spaß er mit seiner Mätresse gehabt hatte, ließ Dijon nun an ihrem Sohn aus. Er beugte sich an sein Ohr und raunte allerlei Gemeinheiten, die Timothèe klaglos über sich ergehen ließ. Sollte Dijon nur. Es sorgte dafür, dass er den Fokus auf Unwesentliches richtete - darauf, ihn zu demütigen. Es funktionierte. Dijon machte so lange weiter, bis er sich selbst dermaßen angeheizt hatte, dass er das Verhör als Erfolg verbuchte und die Folterkammer verließ, vermutlich um sich nun seiner aktuellen Mätresse zu widmen, die diesen Mix aus Zorn und Wollust auf eine Weise zu spüren bekommen würden, gegen die selbst Timothèe froh sein konnte, im Verlies unter der Obhut der Krone zu sein.

    Alexandre sprach noch kurz mit Jules, dann verließen auch die beiden Magier das Verlies.

    Dijon de la Grange glaubte in seiner Selbstgefälligkeit vermutlich nun, besser als der Henker zu sein und Kraft seiner Autorität und Intelligenz herausgefunden zu haben, dass Timothèe der Sohn seiner Mätresse war und ihre Antimagie geerbt hatte. Dabei ließ er außer Acht, dass der Delinquent es gewesen war, der aus freien Stücken entschieden hatte, ihn dies wissen zu lassen. Arroganz war eine gewaltige Schwäche, sie machte blind. Diese belanglosen Informationen hielt der Marquis nun für das Ende des Verhörs, für das grandiose Finale, weswegen der Delinquent sich so stur gestellt hatte. Doch weder ahnte er, dass Mallaury einen falschen Namen getragen hatte, noch, dass die Antimagier viel mehr waren als ein zufälliges Phänomen - sie waren ein jahrhundertealtes Projekt der berüchtigten Familie Wigberg. Und weder hatte Dijon das erraten, noch war er auf die Idee gekommen, dass Timothèes Name nur ein Deckname sein könnte, genau wie der von Mallaury. Die Fährte, die er aufgenommen hatte, dass der Delinquent ein Profi sein müsse, ließ er aus purer Nachlässigkeit wieder fallen - sein Stolz war verletzt worden und die Fleischeslust rief. Wie einfach der Wächter der Morgenröte doch gestrickt war. Sein Sohn machte Timothèe mehr Sorgen. Er konnte sich vermutlich glücklich schätzen, dass nicht Alexandre das Verhör geleitet hatte und dass er unter der Fuchtel des Vaters stand.

    Dominique befreite Timothèe von den Lederbandagen und dem Thermometer, zog ihm ein langes Leinenhemd über und brachte ihn zurück in seine Zelle, nicht ahnend, wie wertlos die Informationen waren, die Dijon aus dem störrischen Delinquenten herausgepresst zu haben glaubte und mit deren Erfolg er fortan prahlte.

    "Mach dir wegen dem Kurzen keine Gedanken. Du hast ja meinen Jungen erlebt, der ist auch nicht immer einfach. Wobei ich denke, dass es nun langsam besser wird, jetzt, wo er selbst Vater wird und sich nicht mehr mit den Sorgen von Patrice herumschlagen muss. Hmmm, einen Moment kam mir der Gedanke, dass Patrice für Kakko sicher eine gute Beschäftigung wäre, aber dann würde auch Tekuro bei uns einziehen oder vor unserer Türe greinen, bis wir sein Spielzeug wieder herausgeben. Aber generell wäre es einen Gedanken wert. Kakko klammert so an dir, weil er keine Alternative sieht. Für ihn bist du alles. Heißt, man muss ihm Perspektiven aufzeigen. Seine Freundschaft und Treue zu Kirimar ist ein guter Anfang, in Arashima wird er womöglich noch mehr zu sich selbst finden.


    So eine Seeschrecke wäre natürlich ein extravagantes Reittier - vor allem extrem auffällig! Im Alltag ist sie vermutlich nicht zu gebrauchen, aber privat und als Haustier würde sie mir gefallen. Was für eine freundliche Idee von dir."

    "Eine Seeschrecke? Ich habe mal ein Gemälde gesehen von einem Tier, das deiner Beschreibung gleicht, aber mir ist noch nie eines leibhaftig begegnet. Für welche Art von Spaß sind sie denn gut? Da ich Insekten liebe, finde ich allein ihre Form spannend."


    Er kraulte Hectors Kopf mit langsamen, kreisenden Bewegungen.


    "Wie weit du gehen willst bei der Entfernung dieser Male kannst nur du entscheiden. Wie auch immer die Entscheidung ausfallen mag, ich bin an deiner Seite, auch wenn sie besagen sollte, dass du sie behalten möchtest."

    "Du wirst bestimmt die schönsten Falten tragen, die ich mir vorstellen kann", gab Vendelin zurück. Wenigstens war an Hectors Frisur durch keinen Schlaf der Welt etwas zu verschandeln. Vendelin genoss den Kuss und erwiderte ihn mit der gleichen Leidenschaft. Der Schmerz in Lippen und Zunge schreckte ihn dabei nicht. Dies waren gute Schmerzen und keine Gewalt.


    "Du würdest eine zeitlang hautlos darniederliegen und von mir behütet und gepflegt werden. Mit der Zeit würde sie erneut wachsen. Wäre es nicht möglich, die abgezogene Haut zu gerben und so weiterhin als Schlüssel zu verwenden?", erkundigte Vendelin sich hernach. "Unser Zeichen würde ich auch gern tragen, doch es ist mir nicht möglich, dies unter der Haut zu tun. Schmuck wäre denkbar."

    "Hm, eine gute Idee, das hört sich angenehm an", antwortete Vendelin schmunzelnd. "Warum sollte ich aufspringen, wo es doch jetzt gerade so schön sind? Im Gegensatz zu meinem Körper werfen meine Kleider Falten, wenn sie falsch liegen und ich möchte auch morgen noch ordentlich aussehen und nicht wie ein Schludrian."


    Vendelin schmiegte sich noch dichter an Hector an, falls das überhaupt möglich war, sie bildeten ein fest verschränktes Knäuel. "Ich bin auch froh ... besonders darüber, dass du nicht locker gelassen hast, als ich noch zauderte. Dass du um uns gekämpft hast, als ich den Kampf gar nicht erst beginnen wollte."

    "Ich bleibe bei dir", versprach Vendelin. Es tat gut, nicht lügen zu müssen, die Wahrheit sprechen zu dürfen. Was an ihnen klebte, das war mitnichten Schmutz, der abgewaschen werden musste, das waren die Spuren körperlicher Liebe, die sich zu denen ihrer Seelen gesellt hatten. Unter der Decke breitete sich rasch Wärme aus. Leise fügte er hinzu: "Das war sehr schön. Alles hat sich richtig angefühlt. Alles fügt sich. Ich denke, das ist ein gutes Zeichen für die Zukunft. Für die unsere und die von uns allen."


    Zufrieden strich er über die klebrige Nässe auf Hectors Bauch. Dass sein Verlobter gekommen war, das gefiel ihm besonders gut. Er hatte Angst gehabt, dass er zu schnell war oder manche kamen auf diese Weise auch einfach nicht.


    "Schön, dass es dir auch gefallen hat"
    , sprach er schmunzelnd.

    "Ich dich auch", gab Vendelin glücklich zurück. Dass er das einmal gesagt bekommen würde ... Vittorio jedenfalls hatte das nie behauptet und wenngleich Vendelin ihm das viele Jahre krumm genommen hatte, war er genau dafür nun dankbar, denn sein Schweigen war eine ehrliche Aussage gewesen. Nun war alles anders. Alles war gut, würde gut bleiben und was noch nicht gut war, würde gut werden, dafür würden sie beide sorgen. Dass er anfangs Hectors Gefühle nicht hatte erwidert - nicht hatte erwidern wollen - erschien ihm in diesem Moment hirnrissig, engstirnig, feige und vollkommen unsinnig. Was sie beide alles bewirken würden war mehr, als all das, wovor Vendelin sich sonst fürchtete und wogegen er nahezu allein kämpfte. Sie gehörte zusammen, das spürte er nun ganz deutlich.


    Ein Ziehen ging durch seinen ganzen Körper. Er wollte es aufhalten, wollte es noch zurückhalten, wollte Hector bitten, noch mit ihm die Position zu tauschen, doch sein Körper wollte nicht länger warten. Das Ziehen verdichtete sich zu einem Sturz ins Innere ihrer beiden Seelen, einem Rausch wirbelnder Farben und pure Extase, als er Hector als seinen Mann zeichnete. Nicht mit Tinte, nicht mit einem Biss, sondern mit dem heißen, weißen Saft, der Leben schuf.

    Vendelins Gesicht war inzwischen ein wenig ziemlich blutverschmiert, doch man sah, wie seine Wangen sich färbten bei dieser Einladung. So innig hatte ihn noch nie jemand zu sich gerufen. Vendelin antwortete mit einem Lächeln und setzte sich auf. Mit viel Speichel und Blut benetzte er seine Finger, um Hectors Körper sanft an das zu gewöhnen, was kommen würde. Hector erlebte, dass Vendelin auf kleinste Nuancen seiner Körperreaktionen mit überwältigender Zärtlichkeit antwortete, bis seine Finger ihn angenehm geweitet und bis kurz vor den Höhepunkt massiert hatten, ohne sein Glied zu berühren. Dann beugte Vendelin sich über ihn. Er brauchte nicht lange, um sich ganz in Hector hinein zu schieben. Einen Moment verharrte er, als er in ihm war, um das Gefühl des Einnseins zu genießen. Für ihn war es sehr lange her, dass er jemanden so hatte spüren können. Und es war das erste Mal überhaupt, dass er das Gefühl hatte, er werde zurückgeliebt.


    Vendelin begann. Als er Hector verwöhnte, war es kein Stoßen, sondern fast schon ein Tanz, in dem sie sich ineinander verschränkt wiegten. Vendelin zwang keine Lust in Hector hinein, sondern kitzelte sie aus ihm heraus, so wie Hector das bei ihm geschafft hatte. Am Ende hatte Vendelin sogar vom Beischlaf mit Hector geträumt, vor lauter Sehnen nach seiner Nähe, ohne dass Hector viel dafür hatte tun müssen. Diese wenigen Handlungen und das folgende Fehlen waren es gewesen, die ihre Lockwirkung entfaltet hatten. Nun aber wurde der Traum Wirklichkeit.

    Vendelin befreite Hector auch von seiner Hose und dann sich selbst. Nein, für seinen Körper schämen musste sich keiner von ihnen. Nur Hector tat es trotzdem, da er die Male des Ältesten darauf trug. Er konnte erahnen, an welche Extreme ihn die Weihe getrieben haben musste, denn all die Tinte war während eines einzigen Ereignisses in seine Haut gebracht worden. Und Vendelin wusste, dass dieser Schmerz nicht alles gewesen war. Die Heilung mussten sehr lange angehalten gedauert haben und sie war an vielen Stellen gescheitert. Besonders dort, wo man keine Wunden mit dem Auge sah.


    "Jetzt, wo du nicht mehr lebst, könntest du sie entfernen. Keine Entzündung wird dich plagen und mit genügend Blut sollte die Heilung rasch erfolgen. Man könnte dir, unumwunden ausgedrückt, die Haut abziehen und es würde dich nicht umbringen. Die neue Haut wäre rein."


    Vendelin streichelte ihn, als würden die Muster nicht existieren, er fuhr sie nicht nach und schenkte ihnen keine besondere Beachtung, auch wenn sie natürlich aufgrund ihrer Komplexität dazu einluden, sie zu ergründen. Vendelin wollte nur eines - den Mann ergründen, der sie trug. Vendelins Hände hatten Kraft, doch sie waren ganz weich, frei von Hornhaut und mit sehr kurzen, wohlgefeilten Nägeln. Damit waren sie das Gegenteil der Klauenhände von Hector. Vendelin strich mit der flachen Hand über Hectors Flanken und bis in die Nähe seiner Lenden.


    "Ich bin nicht sauberer als du. Wenn ich den Mund aufmache, sickern schmutzige Worte heraus, dreiste Lügen, selbst von meiner Familie kennt mich kaum jemand. Mir gelingt es lediglich ein wenig besser, so zu tun, als wären meine Seele und meine Weste rein. Du bist der erste, der mir das Gefühl gibt, unter all den Gespinsten noch mich zu sehen und ich zu sein. Ich liebe dich, Hector von Wigberg."


    Vendelin küsste ihn so leidenschaftlich, wie er empfand. Hector schmeckte Blut, doch Vendelin kümmerte es nicht, welche Wunden die seine Zähne seines Verlobten schlugen. Und als er noch näher an Hector heran rückte, spürte dieser an der heißen Härte, die sich sanft an ihn drückte, dass der Blutgeschmack Vendelin im Gegenteil ausgesprochen gut gefiel.

    Vendelin entledigte sich seiner Weste und des Hemdes. Beides war ihm schon geöffnet worden und schlackerte nur störend herum. Er drappierte die Kleider sorgfältig über der Lehne des Stuhls. Es folgten die Schuhe, ordentlich paarweise darunter gestellt. Hectorhatte so erstmalig die Gelegenheit, den halbnackten Vendelin zu betrachten. Sein Körperbau war schlank und elegant, weder war er ein guter Kämpfer noch wollte er wie einer aussehen, wo er doch offiziell in einer Schreibstube arbeitete. Seine Haut war nicht mehr so straff und makellos wie in jungen Jahren. Obgleich er sich sehr gut um seinen Körper kümmerte und jünger erschien, als er war, konnte auch er das Alter nicht aufhalten.


    Nur in Hosen kroch er nun zu Hector ins Bett, ganz dicht an ihn heran. Unter endlosen Küssen auf Gesicht und Hals begann Vendelin ihn nun ebenfalls zu befreien. Die Berührung zwischen seinen Beinen klang noch immer angenehm nach. Er war ein zurückhaltender Mann, doch sie hatten es langsam angehen lassen und irgendwann war selbst ein beherrschter Mensch wie Vendelin an dem Punkt, wo er gern mehr wollte.

    Vendelin stand da mit offenem Hemd, rücklings an die Wand gedrückt. Hectors Hand fuhr seinen nackten Bauch hinab, während sein Mund Vendelins Hals mit Zärtlichkeiten verwöhnte. Hector konnte spüren, dass Vendelins gesamter Körper sorgfältig rasiert war. Vandelin stellte die Beine etwas weiter auseinander, damit Hector tiefer fasen konnte und es wurde ihm gedankt mit einer Massage, von der ihm ganz anders wurde.


    "Ich will auch nicht, dass es endet", keuchte Vendelin. "Hector." Er zog ihn fest an sich heran, so dass sein nackter Bauch vor den Blicken geschützt war, ebenso die Hand in seiner Hose, die ihn in andere Sphären massierte. "Lass uns zu zweit ein Zimmer nehmen. Lass die beiden, sie werden sich beruhigen. Wir tun das auch, auf unsere Weise. Ich will dich ganz dicht bei mir spüren, ich wünsche mir die größtmögliche körperliche Nähe. Lass uns den Tag zu zweit verbringen, ungestört und nur für uns. Lass es unsere Zeit sein."


    Auch seine Finger glitten nun nervös über die Flanken von Hector. Nein, Kirimar hatte hierauf kein Anrecht mehr. Sein Andenken würde bald verblassen, denn es gab Dinge, die spürte man nicht nur Körperlich, sondern bis auf den Grund seiner Seele.

    Vendelin sah, wie Kakko zur Seite fuhr und sich nun an Kirimar festkrallte. Er war wirklich ein Klammeräffchen. Vendelin würde es nicht verwundern, wenn die Nachforschungen ergaben, dass Chudblut in den Adern des Eiskuckucks flossen. Die Fäden der großen Familien trafen sich stets eines Tages wieder, sogar Kaltenburg war aus den Fluten der Gezeiten wieder aufgetaucht und wer wusste schon, wer sich eines Tages noch zu erkennen geben würde?


    Er wandte sich ab und folgte Hector nach draußen. "Gib mir noch ein wenig Zeit, die beiden näher kennenzulernen, bevor ich über unsere künftigen Wohnverhältnisse nachdenke", bat er. "Auch für mich ist das alles viel, es kam sehr plötzlich, aber ich möchte nicht, dass es auch plötzlich wieder endet."

    Vendelin hatte sich aus dem Konflikt herausgehalten. Er sah keinen Anlass dazu, Energie in eine Schlacht zu investieren, die von vornherein gewonnen war. Alles, was er tun musste, war zu warten und es ergab sich genau so, wie es sehr einfach vorherzusehen gewesen war. Er war selbst Vater eines Sohnes, gegen dessen Launen Kakko harmlos anmutete.


    "Ich sitze hier gerade sehr bequem", antwortete Vendelin. Gruppenkuscheln war nicht sein Ding, er würde warten, bis Hector wieder Zeit für ihn hatte und sie allein waren. Die Tätowierung auf Kirimars Arm hatte er allerdings nicht vorhergesehen. Das Symbol war sehr stark und machte ihm nun doch ein wenig Sorge.