Beiträge von Kakko Korikara

    "Mein Papa mag ein Sturkopf sein, aber er ist es auf sehr liebe Weise. Tekuro hatte ihn außerdem weggeschickt, Hector kann da nichts dafür. Garlyn ist selber Schuld, wenn er mich ärgert", gab Kakko zurück und schaffte es, dabei rundum lieb und niedlich zu klingen anstatt rotznäsig. Das verdankte er der jahrelangen Übung im Umgang mit seinem Vater.


    "Tekuro und sein Sklave haben sich gepaart, mein Bett war vollkommen schmutzig hinterher und sie hatten nicht einmal den Anstand, es neu zu beziehen. Aber Hector lag in seinem eigenen Bett. Als ich mich dazu legte, schlief er schon und roch nicht nach Tekuro oder Patti. Wobei ich glaube, dass Tekuro selber betrogen wird. Patti ist gar kein echter Sklave, der veralbert ihn nur."


    Er rutschte ein wenig tiefer, da er vor lauter Gemütlichkeit immer müder wurde.


    "Bleibst du hier? Ja, oder? Ob ich mir jemanden in Arashima suche, weiß ich noch nicht. Ich bin vielleicht noch gar nicht reif dafür und außerdem mag ich nur die Milchsklavinnen. Aber die sind nicht zum Vermehren da, weil sie nicht schwanger werden, so lange sie Milch geben. Das haben sie mir erzählt."

    Kakko lächelte breit. Nun war er sehr glücklich. "Danke, dass du an mich glaubst, obwohl ich bis jetzt so ein fauler kleiner Kuckuck war. Hector tut das auch. Es tut gut, euch bei mir zu wissen, an meiner Seite, im Herzen und im Geist. So fühlt sich Familie an. Du wirst bei uns wohnen und es wird schön sein, glaub mir, wir machen es uns richtig gemütlich.


    Wenn er mal wieder Zeit hat, werde ich Hector meine Idee vortragen. Sobald dieser Onkel Timo endlich mal wieder aufgeschlossen hat. Ob sie was Geheimes planen? Oder haben sie zugesperrt, damit Tekuro sich nicht mehr in mein Bett legt mit seinem Sklaven?"

    "Das wäre nicht geschehen, wenn dieses Nest nicht aus lauter Einzelkämpfern bestanden hätte, sondern aus einer Beißerarmee. Wenn ich einst Schlüsselmeister bin ... so werde ich mein Nest genau darauf hin formen. Eine unbezwingbare Einheit zu bilden." Er öffnete kurz die Augen. "Hört sich das gut an oder dumm? Manfredo würde ich gern kennenlernen, Hector erzählt oft von ihm, aber hält ihn irgendwo versteckt."


    Er feixte leise. "Ja, ich meinte seinen Pipimann. Das tat sicher weh."

    "Na, sie alle beide", antwortete Kakko. "Wenn schon, denn schon. Nur von weitem. Ich habe noch nie eine Armee gesehen, nur die Söldner aus Obenza, wie den ollen Garlyn, der ist langweilig. Ich will eine richtige Armee sehen, wie sie marschieren! Sie sind Gabad, die sich zu einer sehr wehrhaften Herde zusammengeschlossen haben. Wie sollte man sie aufbrechen? Vermutlich überhaupt nicht, nur einzeln, das fasziniert mich. Was wäre", er senkte die Stimme, "wenn die Beißer das tun würden? Wenn sie nicht allein auf die Jagd gingen, sondern so? Das möchte ich mir ansehen und das studieren.


    Eine Tätowierung? Aber ich brauche doch den Platz, falls ich selbst einst Schlüsselmeister werde. Wenn, dann muss Papa dabei sein, damit er mir sagen kann, wo noch Platz ist. Überall, meinst du wirklich überall?"


    Kakko kicherte.


    "Was dich nach Arashima zieht, das weiß ich. Das Gleiche wie mich, wie du es sagtest, unser Blut singt. Und unseres singt im gleichen Ton. Diesmal wird die Reise keine Enttäuschung, versprochen!"

    Kakko verwunderte es immer wieder, was andere durchgemacht hatten, während er selbst wie eine Prinzessin auf der Erbse gelebt hatte. "Aber nun ist das vorbei und du hast uns", beharrte er freundlich, ohne die Augen zu öffnen. Er konnte sich nicht vorstellen, warum die Vergangenheit den Blick auf die Zukunft trüben sollte, schließlich war sie vorbei und jetzt war jetzt.


    "Angst ist nichts Schlimmes, sie warnt uns vor Gefahren und davor, uns selbst zu überschätzen. So viel weiß ich bereits. Hector wurde übel mitgespielt während seiner Weihe ... sie ist sehr gefährlich, viele sterben, nur die machtvollsten Schlüsselmeister überleben sie. Er hat sie überlebt.


    Ich würde in Arashima außer meinem Vater auch gern den Kaiser sehen. Nur von weitem vielleicht, aber das würde ich mir wünschen, und die Armee. Und was möchtest du dort?"

    "Na doch, ein bisschen kann ich was dafür. Ich war sehr faul, es war einfach zu schön, so verwöhnt zu werden." Kakko schmunzelte und schloss die Augen, während er sich pudelwohl fühlte. "Aber künftig werde ich anders leben, ich möchte Schwertmeister werden wie Hector und du.


    Schade, dass du mir nicht mehr über deine Eltern erzählen kannst. Vielleicht dann, wenn unsere Füße auf dem gefrorenen Boden von Arashima stehen und der Wind durch die Kleider bis in unsere Seelen hinab fährt. Und du hast immer Hector und mich. Wir werden zu dritt in ein wunderschönes Quartier ziehen, entweder in der Röhre oder anderswo. Wir sind doch eine Familie. Und ich werde nicht nur zwei Väter haben, sondern auch einen großen Bruder - dich."


    Er schob Kirimar einen der Fleischstreifen in den Mund.


    "Ich wusste nicht, dass Hector so viele Ängste durchleben muss. Ich dachte immer, er wäre vollkommen furchtlos."

    Kakko betrachtete gerührt die Tätowierung, die das Gesicht von Hector zeigte. "Das wird ihn sicher freuen. Ein Liebesbeweis, der unter die Haut geht."


    Als Kirimar erzählte, wie er behandelt worden war, legte Kakko beide Hände auf Kirimars Ohren und betrachtete sein Gesicht. "Wenn wir sie dir rund schneiden, dann fällst du überhaupt nicht mehr auf. Oder wenn du einfach die Haare derüber trägst oder ein Stirnband oder eine Mütze? Wer war es? Weißt du seinen Namen? Wir könnten sie beide suchen ... Karasu und ihn."


    Er ließ Kirimar wieder los, stopfte seinen Rucksack hinter sie beide als weiche Lehne und kuschelte sich im Sitzen an ihn. Seine Wolljacke zog er über sie beide. "Hector muss keine Angst haben. Er ist mein Papa und der wird er bleiben."

    Dankbar nahm Kakko die Fleischstreifen entgegen. "Ich möchte nicht hoch, von dort komme ich gerade. Es ist zu laut und immer ist irgendjemand in Spielstimmung. Dabei bin ich so müde, ich würde gern ein wenig ruhen. Darum wäre ein Platz bei den Vorräten schön, wenn du einen kennst."


    Er folgte Kirimar durch den Rumpf der Tordalk. Dunkel war es hier unten, warm und der herzhaft-süßliche Duft von Holz schwebte in der stehenden Luft. Je tiefer sie kamen, umso mehr gesellte sich der stechende Geruch von Teer hinzu, wie in einer Suppe, in die man zu viel Pfeffer gab. Im Gehen aß Kakko einen Fleischstreifen.


    "Was für eine Überraschung ist es denn?", erkundigte er sich, nachdem er heruntergekaut hatte. "In der Kajüte von Papa ist jetzt der Onkel Timo mit drin. Ich habe durchs Schlüsselloch schauen wollen, aber es war verhangen. Du bist der Erste, der mir sagt, dass meine Herkunft wichtig ist ... Hector lehrte mich stets, sie sei vollkommen egal. Aber es fühlt sich anders an. Ein Teil von mir sehnt sich nach Karasu, nach Arashima ... warum hat dich dort niemand gewollt? Warum störte es sie, dass du ein halber Alb bist? Oder war es, weil du jagst?"

    Ein Gespräch unter Freunden

    Kakko rieb sich die müden Augen, während er über das Schiff schlenderte. In einer Hand hielt er seine Wolljacke, auf dem Rücken trug er seinen Rucksack. Die Tordalk war groß genug, dass man sich auf ihr verirren konnte, eine schwimmende Stadt. Und doch war es ihm unmöglich, einen ruhigen Ort zum Schlafen zu finden. Zuerst hatte es sich Tekuro samt seinem Sklaven in Kakkos Bett gemütlich gemacht. Und kaum waren die beiden wieder fort, betrat Onkel Timo die Kajüte und schloss sie hinter sich ab, als wäre es seine eigene. Seit etlichen Stunden nun war er dort, um mit Hector zu reden und Kakko konnte kaum noch die Augen offenhalten.


    Sein Weg führte ihn zur Spielwiese. Dort lagen immer etliche Kissen und Decken, dazwischen wechselnde Leute. Doch als er dort ankam, vergnügten sich gerade zwei Pärchen und eins davon lud ihn ein, mitzumachen, als er sich dazulegen wollte. Dankend flüchtete Kakko, danach war ihm nun wirklich nicht. Auf der Suche nach Ruhe führten ihn seine Schritte die hölzerne Treppe hinab in die Unterdecks. Je weiter er nach unten ging, umso ruhiger wurde die Umgebung. Vielleicht würde er im Frachtraum eine Ecke finden, wo er seine Jacke ausbreiten und den Rucksack als Kopfkissen benutzen konnte, um ein Weilchen zu schlafen.


    Doch selbst in den untersten Tiefen der gewaltigen Riesendschunke gab es außer ihm noch Streuner! Als er näher ging, erkannte er den Mann. Das war doch Kirimar. Was machte der hier unten allein?


    "Hallo, Kiri", grüßte Kakko freundlich. "Hast du auch keinen Schlafplatz?"

    "Wie du wünschst, Papa."


    Kakko ging an seinem Vater vorbei, drückte kurz seine Schulter, nahm die beiden Teller mit und verschwand. Mit etwas Mühe schaffte er es, wieder mit dem Ellbogen die Klinke herunterzudrücken und die Tür mit dem Hinterteil zuzuschieben.

    Kakko hatte längst seinen Teller leergegessen und abgeleckt. Sogar die Orangenscheiben hatte er samt Schale verzehrt. Während des Gesprächs verhielt er sich mucksmäuschenstill, war aber so aufmerksam, wie ein Meister das von seinem Schüler erwartete, dem die Ehre zuteilwurde, einer solchen Audienz beizuwohnen. Dies hier war ein Kriegsrat. Hier sollten Kräfte mobilisiert werden, um Kakkos Welt, so wie er sie kannte, zu vernichten. Da Hector diese Kräfte selbst in Bewegung zu setzen gedachte, war Kakko nicht schwer ums Herz, denn er vertraute seinem Meister. Doch nun, als dieser die ganze Wahrheit beichtete, wurde ihm bang.


    "Wolltest du mich auch ... von den sechs Männern schänden lassen, bis ich fast tot bin? Auch von deinem anderen Sohn schänden lassen?", fragte Kakko leise. "Und du selbst hättest auch...?" Seine Stimme versagte. Hector war der Mensch, dem er bedingungslos vertraut hatte, in dessen Hände er sein Leben legte und dem gegenüber er nie etwas anderes als Liebe empfunden hatte. Hector hatte ihn stets behütet, bei all seinen kleinen Untaten geschützt. Nun offenbahrte Hector sich als jemand, der bereit war, ihn für den Ältesten umzubringen.

    Die Klinke wackelte, ehe sie mit dem Ellbogen heruntergedrückt wurde. Kakko kam mit einem Tablett hinein, das er auf den Tisch stellte. Er servierte beiden Männern einen Teller mit rohen Filetstreifen, dazu gab es Orangenscheiben und Basilikumblätter. Eine kleine Karaffe mit Zitronensaft sowie Salz und Pfeffer rundeten das Ensemble ab.


    "Ich habe hier Rosèwein und Wasser, ich hoffe, das ist so in Ordnung?" Fragend schaute Kakko seinen Vater an, während er das Besteck austeilte.

    Kakko öffnete den Mund. Genüsslich kaute er auf dem dargebotenen Fleischbrocken herum, aber so ohne scharfe Zähne war das Kauen mehr ein Zerdrücken. Aber das war er gewohnt. Er würgte das Stück hinunter.


    "Verzeih, Meister, ich wollte nicht unhöflich sein. Es ist nur, dass ich bislang nur totes Fleisch gegessen habe", räumte Kakko leise ein. Er merkte, wie Tekuros Blick sich gerade zu bohrend auf ihn richtete, als er so unterwürfig mit Hector sprach. Und er musste zugeben, dass ihm das Angst machte, auch wenn der Vampir ihn sicher nicht anrühren würde. "Aber ich bin bereit, zu lernen", fügte er darum hinzu, kniete sich bei der Beute nieder und begann, sie mit den Händen abzutasten. Er suchte weiches Fleisch, wobei er Haut nicht gerne aß. "Was empfiehlst du?" Zerlegt hatte er auch noch niemanden ... "Haben wir einen Sklaven, der entbeinen kann dabei?"

    Kakko hielt sich im Gehen dicht neben seinem Vater. "Da bin ich beruhigt. Ich werde versuchen, dir alles nachzumachen, aber ich bin nicht sicher, ob das genügt, denn wie soll man Alleinsein üben, wenn man zu zweit ist? Vielleicht sollten wir klein anfangen, auch wenn mich der Gedanke ängstigt.


    29 Tage ist die Krähe aus dem Eis entfernt. 29 Tage, die mich von meinem leiblichen Vater trennen. Es ist auf der einen Seite ein schöner Gedanke, diese Entfernung zu kennen, auf der anderen Seite traurig, da sie nun größer ist als je zu vor." Er beobachtete interessiert, wie Hector den Opak auf dem Finger kreiseln ließ.


    "Du könntest Tekuro und Kirimar voneinander lösen, indem du deinerseits Interesse an denen zeigst, die Tekuro liebt. Bellamy oder Patti, einer von ihnen muss Kirimars leeren Platz einnehmen, damit er versteht, was in dir vorgeht, kommt, um ihn zurückzuholen, Kirimar dabei liegen lässt und künftig damit aufhören."


    Grübelnd und über mögliche und unmögliche Pläne sinnierend, stiegen sie Seite an Seite hinauf zu den anderen, um sich nach der Möglichkeit einer Mahlzeit zu erkundigen.

    "Das sind keine schönen Gedanken. Aber du hast Recht, es ist wichtig für mich, auch die Kunst, allein zu überleben, zu beherrschen. Wie hast du geplant, sie mich zu lehren? Bitte setz mich nicht ohne mein Wissen in der Wildnis aus oder auf einer Insel", sagte Kakko mit leichter Panik. "Ich möchte darauf vorbereitet sein beim ersten Mal ohne dich und die anderen."


    Kakko zog im Gehen die schwarze Kugel aus der Tasche seiner ausgebeulten Wolljacke. "Schau. Was sagt er?"