Der Schatten von Catarsia

  • Der Schatten von Catarsia

    Ein Klicken der Zunge – und meine Hörner fingen das Echo ein wie ein unsichtbares Garn. Vor mir lag ein Geflecht aus Stein, die Eingeweide der Welt, deren Abbild sich in meinem Schädel entfaltete. Ich brauche keine Augen, um zu sehen. Ich bin ein Yakan, ein Sohn der Tiefe. Modriger Wind, Feuchtigkeit. Ein Oberirdischer hätte längst gewürgt; ich sog den Moder ein, der sich auf die Zunge legte. Doch da war noch ein anderer Geruch. Leder, das nach Schweiß und billigem Fett stank.


    Du. Wieder du.


    Serak. Oder welche Maske du heute tragen mochtest. Klick. Dein Umriss in meinem Geist. Ich hörte ein Kettenhemd, das bei jedem Atemzug leise klirrte. Zu nah. Viel zu nah warst du. Mein Schwanz peitschte einmal über den Fels, prüfte die Unebenheit des Bodens, maß die Distanz zur Wand hinter mir.


    Mein Yakani-Blut verachtet dich. Unrein bist du. Plump. Ein Geschöpf, das das Licht braucht, um zu existieren. Und doch schleichst du seit Monden um mich herum – nicht wie ein Rivale, der Beute wittert, sondern wie etwas, das die Einsamkeit fürchtet, die mir heilig ist.


    Catarsia.


    Der Name brennt noch immer, ein weißer Phosphor in den Windungen meines Hirns. Meine Stadt. Mein Volk. Arrogant bis ins Mark, Herren der Tiefe, Sklavenhalter mit Silber in den Haaren und Gift in jedem Wort. Die Meister der Falschheit. Ausgelöscht. Nicht von Krieg, nicht von Schwert – einfach fort. Giftnebel? Fremde Klingen? Die Götter, an die niemand mehr glaubte? Ich wusste es nicht. Was blieb, waren leere Hallen und in mir eine Leere, die tiefer reicht als die Höhlen selbst.


    Ich bin übrig. Dantai Nageltod. Ein Name, der einmal Furcht bedeutete und heute nur noch ein Fluch ist, den ich mir selbst ins Genick ramme. Sprich, Halbork. Suchst du die gleiche Beute, von der die Bastarde im Ofenrohr geflüstert hatten ? War ich nicht der Einzige, der die Worte verstand? Oder warum bist du hier? Dein Atem stockt. Du willst Nähe. Alle wollen sie, diese oberirdischen Narren, die keine Stille ertragen.


    Ich nicht.


    Komm näher, wenn du den Mut hast. Der Taudis verschlingt die Schwachen. Und ich… ich bin immer noch hier.


    Ahnungslos kommst du in meine Richtung, der Lichtschein deiner Laterne verdrängt die Schatten. Geblendet schließe ich die Augen, ducke mich. Siehst du mich? Siehst du meine Falle? Deine Bewegungen ändern sich nicht, kraftvoll in deinen schweren Kampfstiefeln. Dir fehlt die Eleganz der Yakani. Auch wenn du als einer der besten giltst, bleibst du nur ein Oberweltler.


    Klick.


    Mein Schall tastet die Falle ab, die ich gebaut habe, um mein Revier zu schützen. Eine Fallgrube, die jeden Knochen in deinem Leib zerschmettern wird.


    Deine Bewegungen... sie sind grob, oberirdisch. Du tappst vorwärts, tastest mit der Hand an der Wand entlang, als wärst du blind in deinem eigenen Licht. Dein Stiefel tritt auf den Rand. Was geht in mir vor? Hass, purer Yakani-Hass auf dein halborkisches Blut, unrein, oberirdisch, ein Fleck in der reinen Dunkelheit des Taudis. Du gehörst nicht hierher, Serak der Lügner, mit deinen Lügen über Funde in Tamarant, deinen Blicken, die zu lange verweilen. Du stiehlst meinen Atem, meinen Raum, und ich sollte dich stürzen lassen.


    Endlich allein, wie es sein soll. Catarsia hat mich das gelehrt – Einsamkeit ist der Weg des Yakan. Kein Platz für deine plumpe Nähe, dein Grunzen, das in meinen Ohren widerhallt wie ein Echo, das nicht vergeht.


    Und doch... klick. Mein Schwanz zuckt, peitscht den Boden, als die Platte knirscht. Diese Kraft in deinen Schritten, die Art, wie du dich umschaust, als wolltest du den Taudis erobern. Hitze erwacht in mir. Deine Hand greift nach dem Felsvorsprung, Finger spreizend, als spürst du es fast. Ich könnte rufen.


    Catarsia dröhnt in meinem Kopf – tot, leer, ein Loch in der Welt. Ruinen, wo einst Paläste waren. Sie könnten meine Gedanken sein. Ein Schritt noch, und du bist Vergangenheit. Ich könnte zusehen. Diesmal wirklich. Lass den Taudis dich fressen, Serak. Du bist nur ein Rivale, ein Lügner, der meine Funde stehlen will. Nichts bedeutet etwas. Du am wenigsten. Weißt du's schon, dass ich hier bin? Spürst du meinen Schatten, der dich umkreist wie ein Echo, das nicht stirbt?


    Ein Schritt. Dein Gewicht verlagert sich. Ich bewege mich. "Serak! Runter!" Meine Stimme hallt, die Felsen werfen das Echo vielfach zurück. Mein Schwanz peitscht, schlägt gegen die Wand und der Fels reißt die Haut auf. Die Falle schnappt zu mit einem gewaltigen Knall – aber du bist daneben. Gerettet. Wieder.


    Komm näher, Rivale. Lass uns streiten. Mein Lieblingsfeind muss leben, um besiegt zu werden. "Nächstes Mal stirbst du wirklich." Komm her, du Idiot. Lass mich dich hassen. Lass mich dich ... behalten. Der Taudis lacht leise. Oder bin das ich?


    „Verdammter Yakani-Bastard“, knurrst du, drehst dich langsam zu mir um. Deine Augen glühen im Schein der Laterne wie zwei Kohlen in der Finsternis, fixieren den Schemen im Schatten, der ich bin. „Wieder eine von deinen Spielereien?“


    Ich antworte nicht sofort. Stattdessen klicke ich einmal mit der Zunge – prüfe, ob die Falle sauber zurückgeschnappt ist, ob kein Draht mehr gespannt hängt, ob du wirklich unverletzt bist. Mein verletzter Schwanz streicht einmal über den Boden, wischt durch den Staub, als wäre das alles unwichtig. Ich sehe, wie deine Nase arbeitet, weil du mein Blut witterst.


    „Du trampelst wie ein Ochse durch mein Revier, Serak“, sage ich schließlich. „Was erwartest du? Blumen und ein Willkommenstrunk?“


    Ich trete einen Schritt näher. Dein Gestank wird stärker – Leder, Schweiß, ein Hauch von billigem Schnaps aus dem Riss. Es ekelt mich. Es zieht mich an.


    „Der Kristall“, sage ich, als wäre das der einzige Grund. „Der glühende Splitter. Du suchst ihn auch, oder? Die Bastarde im Ofenrohr reden schon seit mehreren Monden davon. Das hier ist mein Revier. Wenn du ihn willst, musst du an mir vorbei.“


    Lüge. Halbwahrheit. Der Kristall interessiert mich kaum. Was mich interessiert, ist, dass du hier bist. Dass du wieder in meinen Gängen herumschleichst. Dass du fast gestorben wärst.


    Du lachst kurz, bellend. „Du hättest mich einfach sterben lassen können, Dantai. Wär einfacher gewesen.“


    „Wär’s“, gebe ich zu. „Also“, sage ich, die Stimme jetzt leise. „Gehst du weiter? Oder bleibst du hier stehen und lässt mich dich anstarren, bis einer von uns beiden kotzt?“


    Dein Schwert gleitet zurück in die Scheide. Langsam. Bedacht. Du kommst näher. Schritt für Schritt. Dein Stiefel scharrt über den Stein, ein Geräusch, das in meinen Hörnern vibriert wie ein zweiter Herzschlag. Zu laut. Zu nah. Und doch nicht nah genug.


    Komm her, du Narr. Lass mich dich schlagen. Lass mich dich spüren. Der Taudis wartet auf unser Blut. Der Schwanz liegt still, endlich mal still, als hätte er begriffen. Meine Augen tränen vom Licht deiner verdammten Laterne. Dein Gestank mischt sich mit meinem: Schweiß, Leder, Moder, und darunter etwas Warmes, Lebendiges. Und ich hasse dich dafür. Und ich hasse mich mehr dafür, dass ich es zulasse.


    Alles Lüge. Ich hasse dich.


    Du bleibst stehen. Eine Armlänge entfernt. Genug, dass ich die Hitze spüre, die von deiner Brust aufsteigt, wie Dampf aus einem Riss im Fels. Deine Rüstung klirrt leise, als du einatmest.


    „Du hast mir eine Spur gelegt“, sagst du. Kein Vorwurf. Keine Frage. Nur Feststellung. Deine Stimme ist rau, wie immer, aber da ist ein Riss drin, ein winziger, den nur ich höre. Weil ich zuhöre. Weil ich immer zuhöre, wenn du redest.


    „Hab ich“, antworte ich. Flach. Als wär’s egal. Ist es nicht.


    Schweigen. Nur Tropfen.


    Mein Blick gleitet über dich – die breiten Schultern, die Art, wie du nach oben schaust, wenn du nachdenkst.


    „Der Kristall“, sage ich schließlich, weil ich irgendwas sagen muss, bevor die Stille uns beide erstickt. „Wenn wir ihn finden… teilen wir ihn. Halbe-halbe. Keine Fallen mehr. Kein Stehlen.“ Lüge. Halbe Lüge. Ich will den Kristall nicht teilen. Ich will, dass du bleibst. Dass du weiter in meinen Gängen herumschleichst. Dass du weiter fast stirbst, damit ich dich weiter retten kann. Dass du weiter atmest, riechst, fluchst, lebst – hier, in meiner Nähe, wo niemand sonst hinkommt.


    Du lachst leise. Einmal nur.


    „Halbe-halbe“, wiederholst du, als wär’s ein Schwur. „Aber wenn du mich nochmal in so ’ne Scheißfalle lockst, Dantai… dann ramme ich dir dein eigenes Horn in den Arsch.“


    Ich zeige die Zähne. „Versuch’s."


    Du machst einen Schritt vorwärts. Nicht bedrohlich. Nur … näher.


    Ich atme ein. Dein Geruch. Deine Wärme. Dein verdammtes, störrisches Wesen. „Weiter“, sage ich. „Oder willst du hier Wurzeln schlagen, bis der Taudis uns beide frisst?“


    Du schüttelst den Kopf. Langsam. Und dann gehst du an mir vorbei.


    Ich folge dir.


    Wir gehen gemeinsam. Zum ersten Mal. Und ich sage nichts dazu. Weil Worte das kaputtmachen würden. Weil der Taudis sowieso alles kaputtmacht. Aber heute Nacht… heute Nacht macht er eine Ausnahme. Oder wir machen sie.


    Wir gehen weiter, zusammen. Dein Schritt schwer und sicher, meiner weicher, tastender. Der Gang wird enger, die Decke drückt herab, als wollte der Taudis uns beide zerquetschen, wenn wir zu viel wagen. Ich höre deinen Atem – gleichmäßig jetzt, nicht mehr stoßweise. Dein Herz schlägt laut genug, dass meine Hörner es aufnehmen wie ein fernes Trommeln.


    Der glühende Kristall liegt noch vor uns, irgendwo in den tieferen Schichten. Ich kenne seinen Namen und weiß, er ist ein Stück von Catarsias alchemistischem Herz, bevor alles starb. Bevor die Nebel kamen. Bevor die Schreie verstummten und nur noch Stille blieb. Ich ahne, was passiert ist. Nicht alles. Aber genug. Es war kein Giftnebel. Keine Eindringlinge. Keine Götter, die endlich aufwachten. Es war Verrat von innen.


    Und ich war nicht da. Verbannter. Verstoßener. Catarsia starb, weil wir dachten, wir wären unbesiegbar. Und ich lebe, weil ich zu feige war, mit ihnen zu sterben.


    Du weißt nichts davon. Ich erzähle es dir nie. Manche Wahrheiten sind wie Klingen – man zieht sie nur, wenn man bluten will.

    Wir gehen weiter. Deine Hand streift einmal meine – Zufall, vielleicht.


    Der Gang teilt sich. Links hinunter, wo der Kristall liegen soll. Rechts ein alter Schacht, der nach oben führt – nach Drakenstein, nach Licht, nach dem Ofenrohr, wo man sich betrinkt und so tut, als hätte man keine Vergangenheit.


    Je länger wir nebeneinander laufen, desto lauter schlägt dein Herz in meinen Hörnern.

    Ich bleibe stehen.


    Du merkst es sofort. Drehst dich um. Deine Augen suchen meine in der Dunkelheit. „Was ist?“, fragst du.


    Ich klicke einmal mit der Zunge. Das Echo malt dir unsere Silhouette scharf in den Kopf: die Art, wie meine Schultern sich anspannen, wie mein Schwanz sich einrollt, als wollte er sich verstecken. Ein dreidimensionales Abbild, das sich heiß in mein Gedächtnis senkt wie ein Brandmal.


    „Ich geh nicht weiter“, sage ich.


    Du lachst nicht. Du fluchst auch nicht. Du stehst einfach da. „Warum?“


    „Weil es nicht hält.“ Ich sehe dich an, obwohl ich kaum mehr als einen Schemen sehe. „Weil Yakani nicht teilen. Weil ich nicht teilen kann. Und dann gehst du. Oder ich schmeiß dich raus. Oder der Taudis frisst einen von uns. So oder so – es endet.“


    Schweigen. Tropfen fallen. Verstehst du, was ich gesagt habe? Was ich sagen wollte? Einer trifft deine Rüstung, ein leises Pling.


    „Und wenn ich bleibe?“, fragst du schließlich.


    „Dann hasse ich dich dafür.“ Meine Stimme klingt schroff. Fast. „Und du wirst mich hassen, wenn du siehst, was übrig ist, wenn der Kristall gefunden ist."


    Ich drehe mich um. Der Schacht nach oben riecht nach feuchtem Stein und ferner Nachtluft. „Geh und hol dir den Splitter, Serak. Verkauf ihn. Trink davon im Riss. Erzähl den anderen, wie du den Yakan ausgetrickst hast.“ Ich gehe los. Nicht schnell. Nicht rennend. Nur weg.


    Deine Stimme hallt hinter mir her. Rau. Verletzt. „Dantai.“


    Ich bleibe nicht stehen. Weil wenn ich stehen bleibe, drehe ich mich um. Und wenn ich mich umdrehe, bleibe ich. Und das darf nicht sein. Nicht bei mir. Und die Dunkelheit schließt sich um mich wie ein Sargdeckel. Leise. Endgültig. Wie immer.


    Wenn du bleibst, wenn du tiefer mit mir kommst, dann siehst du irgendwann, was der Untergang von Catarsia wirklich aus mir gemacht hat.


    Die Wahrheit, die ich nie laut sage, die ich kaum denke, weil sie wie Gift schmeckt: Ich hab nie wirklich allein sein wollen. Ich hab’s mir nur so lange eingeredet, bis es zur Gewohnheit wurde. Bis es zur Rüstung wurde. Besser kalt als verbrannt.


    Aber du... du hast das Loch in mir gesehen, ohne es je auszusprechen. Und jedes Mal, wenn du in meinen Gängen auftauchst, wenn du fluchst, wenn du lachst, wenn du fast stirbst und ich dich rausziehe – dann spür ich’s: Ich gehe daran zugrunde, wenn du gehst. Und ich gehe noch schneller zugrunde, wenn du bleibst.


    Weil dann würde ich’s nicht mehr leugnen können.


    Dass ich nachts im Riss sitze und auf deine Schritte warte. Dass ich den Taudis verfluche und gleichzeitig danke, weil er uns immer wieder zusammenwirft.


    Wenn du das erkennst – wenn du siehst, dass all mein Gift, all meine Arroganz, all die großen Worte nur Panzer sind, weil ich Angst hab, dass du mich ansiehst und sagst: „Du willst gar nicht allein sein, oder? Du stirbst dran.“


    Dann ist’s vorbei. Dann hab ich verloren.


    Ich steige den Schacht hinab, Stufe für Stufe, das Echo meiner Schritte hallt. „Weil Yakani nicht teilen“, hatte ich gesagt. Als ob es um den Kristall ginge. Als ob es je um irgendeinen verdammten Splitter gegangen wäre.


    Nein.


    Es geht um dich. Plump, stur, lebendig – und ich das nicht aushalte. weil es sich anfühlt wie etwas, das mir gehört. Etwas, das niemand sonst anfassen darf.


    Das lasse ich nicht zu.


    Deshalb geh ich jetzt. Weil „nicht teilen“ in Wahrheit heißt: Ich will dich ganz.

    Weil es heißt: Du gehörst mir. Und ich teile nicht, was mir gehört


    Und wenn ich umdrehe, wenn ich zurückgehe, wenn ich sage: „Bleib. Bitte.“ Dann erkennst du’s. Und dann bist du nicht mehr nur mein Rivale. Sondern das Einzige, was mich noch am Leben hält. Und das ... das darf ich nicht riskieren.


    Nicht mal für dich.