Beiträge von Dimicus

    Foxtrot


    Dieses verdammte Stolpern und Wackeln des Transporters ging Maximilian schon immer auf die Nerven, besonders wenn es in die Außeneinsätze außerhalb urbanen Gebietes ging. Aber natürlich musste er mal wieder den Kürzeren gezogen haben und somit zu einer dieser Routinemissionen ausrücken. Doch wenn der Genosse General zu diesem monatlichen Einsatz ausrief und man einer der "Auserwählten" war, die sich diesem anschließen durften, meckerte man lieber nicht herum. Schließlich hatte man alles und sollte ein wenig Dankbarkeit zeigen. Auch wenn Maximilian den GTK Boxer am liebsten generalüberholt sehen wollte. Doch für Sonderwünsche waren die Mittel nun einmal nicht da.


    So saß er da, Foxtrot Sieben der Codename für die Mission, zwischen acht weiteren Männern auf den Bänken im Inneren des Transporters. Zum Glück haben die Ingenieure und Mechaniker Sichtluken eingebaut, sonst wäre er in dem Ding noch ganz kirre geworden. Abgesehen von der Hitze, war die stickige Luft in dem Transporter beinahe greifbar. Doch wen wunderte es, wenn acht schwerbewaffnete Männer dort saßen. Manchmal beneidetet Maximilian den Fahrer und Kommandanten vorn im Cockpit. Die hatten es ein wenig zugiger und durften sogar den Granatwerfer auf dem Dach bedienen.


    „Wir sind nur noch fünf Minuten vom Abwurfpunkt entfernt. Bereitmachen und Ausrüstung prüfen. Denjenigen, den ich mit offenen Schutzanzug oder gesicherter Waffe draußen sehe, darf die nächsten vier Wochen das Scheißhaus putzen“, ertönte es im Funkkanal durch die in die Schutzanzüge eingebauten Funkgeräte. Foxtrot 1, der Oberfeldwebel der Gruppe Foxtrot, konnte ein ziemliches Arschloch sein, aber immerhin ist unter seiner Führung noch niemand verreckt. Und weil sich niemand traut uns anzugreifen, fügte Maximilian gedanklich an.


    Ein Raunen ging durch den Transporter. An jeder Ecke raschelte und klickte es. Jeder Mann überprüfte sein Gewehr, ein serienmäßiges und gepflegtes HK416, mit Griff, Visier und Schalldämpfer. Auch Maximilian zog nach, prüfte die Kammer des Gewehres und die Füllung seiner Magazine. Als er befand, dass alles in Takt war, klemmte er sich das Gewehr zwischen die Beine und überprüfte seinen Anzug. Magazine saßen richtig am Körper, Übergänge von Handschuhen und Stiefel zum Anzug waren ordnungsgemäß verklebt und den im Anzug integrierten Helm samt Gasmaske zog er sich zuletzt über.


    Erneut durchbrach ein Funkspruch in die integrierten CommTacs: „Erwartete Ankunftszeit: eine Minute. Bereitschaftserklärung. Foxtrot Eins bereit.“ Sofort folgte „Foxtrot Zwei“, darauf die Drei und so weiter. Natürlich meldete sich Maximilian mit seinem Codenamen, worauf sich bis einschließlich die Zwölf alle gemeldet hatten. „Gut. Wir alle kennen den Auftrag, dennoch eine kurze Zusammenfassung. Wir werden inmitten einer Senke in der Wüste den Luftnachschub anfordern, sichern und zurückbringen. Es darf keine Zeugen geben. Jeder der sich dem Punkt nähert oder in Sichtweite ist, muss auf der Stelle exekutiert werden. Foxtrot Drei bis Zehn werden den Bereich sichern. Foxtrot Elf und Zwölf verladen den Nachschubabwurf. Gibt es noch Fragen?“


    Stille war das Einzige, was Foxtrot Eins zu hören bekam. „Gut. Dann bereitmachen. Waffen entsichern. In zehn Sekunden geht es los.“ Darauf erstarb das CommTac mit einem Knistern. Die Anspannung schlich sich in die Gesichter der Soldaten. Auch wenn es ein Routineeinsatz war, dennoch blieb das Risiko nie aus. Auch Maximilian verkrampfte bei dem Gedanken, da draußen könnte gleich etwas Geschehen. Das Ödland war in keiner Weise mehr mit der Welt von vor 30 Jahren vergleichbar. Die Männer erhoben sich und stellten sich in der Mitte auf. Ihre Gewehre hingen an Gurten um ihre Hälse, die Hände jedoch direkt am Griff und Abzug. Natürlich galt die Abzugsdisziplin, weshalb jeder den Finger neben dem Anzug hatte. Vor Daniel war Foxtrot Sechs. Auf seinem Schutzanzug in Wüstentarn prangte auf dem Rücken ERU. Jene Bezeichnung, die auch jeder andere auf seinem Rücken hatte. Schließlich ging ein Ruck durch den Transporter. Der Motor erstarb. Dann pumpte die Hydraulik und die Heckklappe öffnete sich. In routinierter Manier schritten sie auf die tote Erde des Ödlandes.


    Die schweren Stiefel knallten auf die Erde. Es war entsetzlich heiß in der prallen Sonne. Maximilian schwitzte, kaum hatte er den Transporter verlassen. Sein Ziel war klar. Wie die Anderen der Gruppe Foxtrot positionierte er sich in die nördliche Himmelsrichtung. Foxtrot Sechs und Acht richteten sich nach Nordwest und Nordost aus. Der Kessel in dem der der GTK Boxer und der Lastkraftwagen Multi, aus dem im nächsten Moment Foxtrot Elf und Zwölf ausstiegen. Nach vorn war nichts außer die gähnende Leere der Wüste zu sehen. Maximilian legt sich auf den Boden und blickt durch sein Visier.


    „Platziere den elektromagnetischen Rauch. Der Vogel kreist bereits und wirft das Paket ab. ETA zwei Minuten.“ Die Stimmung ist angespannt. Niemand durfte den Nachschubabwurf sehen. Ausgenommen der ERU, wusste niemand in Deutschland, dass Flugzeuge über Deutschland kreisten und die ERU über die Vorratslieferungen und Labormittel zugesandt bekam. Maximilian wollte sich gar nicht vorstellen, welche Hölle losbrach, bekämen es die Wilden des Ödlands mit, oder gar diese Fanatiker der Neuen Ordnung. Die stehen schon eine ganze Weile unter der Beobachtung der ERU, doch noch haben sie sich nicht zu einer Bedrohung klassifiziert.


    Allgemein war, wie Maximilian fand, das Ödland von Menschen durchzogen, die wie Wilde wirkten. Er musste bei dem Gedanken an einer früheren Erinnerung grinsen, als er bei einer Erkundungstour Leute entdeckte, die mit Fellbekleidung, Keulen, Speeren und Bögen ausgerüstet durch das Ödland zogen, erspäht hatte. Seltsames Volk an der Oberfläche. Dann noch diese Möchtegernregierungen und „Reiche“ die sich bildeten. Keiner hatte auch nur ansatzweise eine Ahnung, was in der Welt tatsächlich geschah.


    „Eagle One meldet Sichtkontakt mit Zielpunkt. Bereit zum Abwurf des Pakets. Bereitschaft Bestätigen, over.“ Der Funkspruch des Flugzeuges kam überraschend. Für einen kurzen Moment blickte Maximilian in den Himmel. Das Einzige, was sicher zu erkennen war, wirkte wie eine Fliege am Himmel.


    „Foxtrot Eins bestätigt Bereitschaft. Grünes Licht zum Abwurf. Wiederhole: Grünes Licht zum Abwurf. Over.“ Selbst die Stimme des Genossen Oberfeldwebels wirkte nervös. Nur ein Routineeinsatz sagte sich Maximilian und richtete seinen Blick wieder in die Wüste. Dann war Funkstille. Die Stille verstärkte die zuvor angespannte Stimmung weiter. Maximilian musste die Neugier niederkämpfen, in den Himmel zu schauen und das Paket zu erspähen. Sein Anteil an der Mission war wichtig. Konzentriere dich, du hast das schon hundert Mal gesehen. Dann erneut ein Funkspruch, allerdings von Foxtrot Eins: „Paket ist in Sicht. Geschätzte Landezeit: eine Minute. Stellung halten und verdächtige Aktivitäten melden.“ Schlagartig atmete Maximilian aus. Erst zu diesem Zeitpunkt fiel ihm auf, dass er die Luft angehalten hatte.


    Die Sekunden vergingen quälend langsam. Über sich hörte er das Flattern des Fallschirms, an dem das Paket angebracht war. Seine Ferse juckte. Langsam hob Maximilian den rechten Fuß an und kratzte sich mit diesem an der Ferse. Das Gewehr behielt er dabei fest an die Schulter gepresst. Augen gerade aus. Das Atmen nicht vergessen. Ruhig bleiben. Nur ein Routineeinsatz. Dann hörte er hinter sich einen dumpfen Aufschlag. „Paket ist angekommen und wird verladen. Stellung halten“, hallte es im Funk wieder. Dann Stille.


    Plötzlich ein Nießen.


    Maximilian streckte den Kopf nach oben. Sein Blick ging nach rechts. Nach links. Keiner der Männer hat genossen. Ihm selbst war auch nichts entglitten. Mehrere Male blinzelte er. Doch dann tat er es als eine Einbildung ab, lockerte den Körper und blickte erneut durch das Visier. Einatmen. Ausatmen. Entspannen.


    Schlagartig ein weiteres Nießen. Zwei Mal hintereinander.


    Erneut reckte sich Maximilian nach oben. Sein Blick ging in alle Richtungen, doch es war nichts zu sehen. Nur er schien es gehört zu haben. Foxtrot Elf und Zwölf beluden den Multi. Eins und Zwei unterhielten sich offenbar. Von da kam es nicht. Langsam erhob sich Maximilian, das Gewehr im Anschlag. „Foxtrot Sieben, hast du etwas gesehen?“, erklang sofort die Frage durch das CommTac. Doch blieb er stumm, wartete mit seiner Antwort. Er wagte sich einige Schritte nach vorn, ehe er abrupt stehen bleiben musste.


    Vor seinen Füßen breitete sich ein kleines Erdloch aus, welches er zuvor nicht gesehen hatte. Es wirkte natürlich. Doch die drei Augenpaare, die ihn mit offenen Mündern anstarrten, wirkten vollkommen fehl am Platz. Maximilians Hände verkrampften. Sein rechter Zeigefinger legte sich auf den Abzug. „Foxtrot Sieben, was ist da los verdammt?“ Eine Frau und zwei Kinder. Die Frau nur Haut und Knochen, die Kinder ein Gesichtsausdruck purer Angst. Ihnen wurden die Münder von den Händen der Mama zugehalten. Diese schaute Maximilian mit direktem Blickkontakt an. Wortlos flehte sie. Maximilians Blick schweifte kurz zu ein paar Rucksäcken, die kaum gefüllt waren. Er konnte gerade einmal ein paar Konserven und zwei Flaschen Wasser erkennen.


    Erneut atmete Maximilian durch. Sein Blick richtete sich auf die Frau. Ihre Lippe zitterte. Sie schüttelte mit dem Kopf. „Hier Foxtrot Sieben. Habe Zivilisten in einem Erdloch unter mir entdeckt. Frau mit zwei Kindern. Unbewaffnet.“


    „Eliminiere sie, Foxtrot Sieben. Wir wollen nach Hause“, antwortete es trocken von der Seite Foxtrot Eins‘.


    „Sie stellen keine Gefahr dar und sind vollkommen unbewaff-„ Doch weiter kam Maximilian nicht.


    „Foxtrot Sieben, führe den Befehl aus. Du hast zehn Sekunde, oder du wirst mit ihnen exekutiert.“ Die Stimme am anderen Ende wirkte kalt. Foxtrot Sechs wandte sich ihm bereits zu und richtete das Gewehr auf seinen eigenen Kameraden. Was hatte er auch anderes erwartet?


    „Ja, Genosse Feldwebel“, antwortete Maximilian stumpf. Sein Blick richtete sich auf die Frau, dann auf die Kinder, die mittlerweile zu schluchzen begonnen haben. Mit dem Daumen reichte er an die Verstellung der Feuermodi heran. Salvenfeuer. Drei Schuss pro Person. Ein schneller und schmerzloser Tod. Bevor er schoss, schluckte er schwer. Die Linke nahm er kurz vom Gewehr, streckte den Zeigefinger aus und legte ihn auf seine Lippen. Die Frau begann bitterlich zu weinen. Die Kinder folgten ihrem Beispiel.


    Darauf legte Maximilian seine Hände wieder an die Waffe. Zielte in die Gruppe hinein. Und zog den Abzug durch. Drei Mal. Drei Salven, mit je drei Kugeln peitschten durch die Luft und trafen in die Grube. Schreie ertönten und verstummten in Sekundenbruchteilen. Dann war es getan. Er atmete tief ein und wieder aus. „Ziele ausgeschaltet, Genosse Oberfeldwebel.“ Ein Routineeinsatz. Routine für den Arsch.


    „Gute Entscheidung. Wir sind hier fertig. Paket ist eingeladen und bereit für den Abtransport. Sammeln am Transporter und Abflug. Ausgezeichnete Arbeit Gentlemen.“ Augenblicklich wandte sich Maximilian ab und marschierte zurück zum Transporter. Nur nicht darüber nachdenken. Misstrauische Blicke bekam er zu spüren, als sie sich am Transporter sammelten. Nun stand er sicherlich unter Beobachtung. Mit Verweigerung von Befehlen landete man schnell auf die schwarze Liste. Selbst als sie zusammen in den Transporter einstiegen und die Luke sich schloss, klopfte sein Herz wild. Maximilian konnte sich kaum beruhigen.


    Die Transporter setzten sich im nächsten Moment in Bewegung. Auf direktem Wege zurück mit der Fracht, keine Umwege. Es sei alles glatt gegangen, sagte Foxtrot Eins. Abermals beglückwünschte er die Männer für die erfolgreiche Mission. Maximilians Hände zitterten. Er atmete tief ein und aus. Entspannen.


    Er blickte aus der Scharte hinter sich heraus. Das Erdloch war kaum zu sehen, selbst als sie beinahe parallel zu diesem fuhren. Dann reckten sich drei Köpfe heraus. Sie beobachteten das Vehikel. Zwei kleine und ein größerer Kopf. Als der Boxer schließlich weiter weg war, erhoben sich in der Entfernung drei Striche, die kaum mit bloßem Auge zu erkennen waren, und machten sich in die entgegengesetzte Richtung auf den Weg.

    Auch ich melde mich noch einmal zu Wort, weil die Frage häufiger aufkam.


    "Shattered World" war in vergangenen Zeit von mir als RPG konzipiert worden. Jedoch ist es heute nicht zwingend meine Absicht, dieses Universum als RPG zu etablieren.


    WENN jedoch die Nachfrage danach besteht und Spieler dieses RPG bespielen möchten, halte ich niemanden davon ab. Ich freue mich darüber, wenn ihr gefallen an dieser Welt findet und sie spielen wollt. :)


    Jedoch werde ich ein derartiges RPG nicht vollends betreuen, das möchte ich bitte anmerken.


    Liebe Grüße
    Dimicus

    Name: Daniel James Edburrow
    Alter: 43
    (Ehemaliger) Beruf: Soldat der alten Welt


    Aussehen:
    Ein typischer Ödländer, mit schmaler Gestalt. Mit 1,84m besitzt er eine durchschnittliche Größe. Trotz seines hageren Aussehens sieht man bei ihm ausgeprägte Muskeln. Er wirkt trotz braungebrannter Haut etwas kränklich. Seine schwarzen, schulterlangen Haare bindet er meist zu einem Pferdschwanz zusammen. Im Gesicht hat er stets einen ungepflegten Drei-Tage-Bart. Tamira spekuliert, dass Daniel so oder so keinen richtigen Bartwuchs hat. Seine Kleidung besteht aus einem vollständigen, wenn auch beschädigten Set aus Wüstencamouflage. Unter seinem Hemd trägt er stets eine kugelsichere Weste, die jedoch nur kleines Kaliber abhalten kann.


    Persönlichkeit:
    Geborener Anführertyp, der es liebt, eine Gruppe unter sich zu formieren und diese entsprechend zu leiten. Dabei geht er taktisch hervor und neigt experimentelle Taktiken anzuwenden. Ist trotz seines Mutes und Selbstsicherheit sehr loyal zu seinen Freunden, wobei er für diese durch die Hölle gehen würde. Ist Stress gewohnt, kann aber Schmerzen nicht gut ertragen. Ist überdurchschnittlich intelligent, teilweise aber arrogant und ein Besserwisser. Lässt sich nur ungern zurück- oder zurechtweisen.


    Geschichte seit der Apokalypse:
    Daniel ist einer jener Soldaten, deren Aufgabe es ist, die Zivilbevölkerung zusammenzuhalten und zu schützen, als die Apokalypse ausbricht. Ursprünglich stammen seine Eltern aus England. Als er sechs Jahre alt ist, kommen diese nach Deutschland, um ihren Businessplänen in Dresden zu folgen. Damit lernt er nicht nur die englische, sondern auch die deutsche Sprache von Kindesbeinen an. Noch vor der Apokalypse schließt er sein Abitur mit 17 Jahren ab und schlägt eine Karriere im Heer der Bunderwehr ein.


    Als die Bomben fielen, hatte Daniel bereits den Rang eines Oberfeldwebels erreicht. Seine Kompanie und er waren für die Verteidigung und den Schutz der Bevölkerung Berlins zuständig. Dabei kontrollierten sie Zugänge zu Bunkern und gewährleisteten mit Hilfe der Polizei die Ordnung in Berlin und in den in der Stadt verteilten Bunkern.


    Nach einigen Jahren und mehreren kläglichen Versuchen von ihrem Bunker nahe Charlottenburg die anderen Bunker Berlins zu erreichen, schickt man Expeditionen zu den anderen Bunkern los. Daniel soll mit seinem Trupp in den Spandauer Bunker gehen und dort nach dem Rechten sehen. Jedoch steht der Bunker leer. Die Türen sind aufgesprengt und der Bunker gleicht einem Massaker. Mit dieser Erkenntnis will die Truppe zurück, wird jedoch von den Plünderern überrascht und zum Ziel.


    Nach dem verlustreichen Kampf wollen sie zu ihrem Bunker zurückkehren, doch dieser wurde in der Zwischenzeit ebenfalls angegriffen und von einer Übermacht aus Hungernden gestürmt. Daniel entschließt sich mit dem letzten Überlebenden seines Zuges nach Dresden zu fliehen. Sein Kamerad stirbt jedoch auf dem Weg. Auf sich alleingestellt, fährt er nach Dresden, trifft dort auf die Neue Ordnung und wird von diesen sofort verfolgt. Knapp entkommt er einer Verfolgungsjagd und landet schließlich zufluchtssuchend an den Bunkertüren des alten Löwen. Dieser nimmt ihn auf und gibt ihm Schutz, als Gegenleistung muss er seine Waffe dem Löwen schwören.

    Name: Michael „Rex“ Neubauer
    Alter: 32
    (Ehemaliger) Beruf: Schüler/Soldat der Neuen Ordnung


    Aussehen:
    Kräftiger Körperbau und stark ausgeprägte Muskeln, die für die Verhältnisse des Ödlands unüblich sind. Mit 2,08m ein wahrer Riese, der die meisten Menschen überragt. Hat kaum noch Wachstum seines Haupthaares, daher trägt er seine Haare kurzgeschoren. Nur noch schwarze Stoppeln zeugen von seiner Haarpracht. Anzutreffen ist er stets mit seinem schwarzen Hemd und weiten, schwarzen Hosen, sowie seinen Springerstiefeln. Darüber trägt er eine schwere Schutzweste, wozu auch Arm- und Beinschutz gehören. Er scheint sich damit zu bewegen, als ob diese gar nicht da wären.


    Persönlichkeit:
    Ein ruhiger Typ, der sich aus den Meisten Streitigkeiten und Konflikten heraushält. Jedoch pflegt er einen großen Hass gegenüber der Neuen Ordnung und geht ohne zu zögern auf deren Soldaten und Mitglieder los. Ist eine treue Seele und durchaus intelligent, lässt sich davon aber kaum etwas anmerken. Nur die Wenigsten kommen in den Genuss dieser Seite von ihm. Er widersteht großen Schmerzen mit Leichtigkeit, scheint aber manchmal emotional instabil zu sein.


    Geschichte seit der Apokalypse:
    Als die Apokalypse ausbrach, war Michael nicht mehr als ein Schüler an einer Realschule nahe Dresden. Als jedoch die Naturkatastrophen hereinbrachen und die Bomben fielen, flüchtete sich seine Familie und er in einen unterirdischen Bunkerkomplex. Der Schwerpunkt des Komplexes lag auf der Erhaltung und Weiterentwicklung der menschlichen Spezies. Ein Großteil des Komplexes wurde zur Genforschung und Forschung am menschlichen Körper genutzt.


    Während die Erwachsenen arbeiten, werden Kinder in die Forschungseinrichtung gebracht – angeblich für medizinische Zwecke. Schnell stellt sich heraus, dass an den Kindern Experimente durchgeführt werden. Es wird argumentiert, dass es zum Wohl der Menschheit geschieht. Jeder Protest wird niedergeschlagen und Kinder wie Michael müssen darunter leiden.


    Harte, körperliche Sportprogramme, genverändernde Bestrahlung und chemische Substanzen stimulieren die Körper Michael, weshalb er überdurchschnittlich groß und stark wird, zudem seine Intelligenz heranreift. Darunter leidet emotionale Stabilität, was in immer häufigere Wutanfälle und Aussetzer gipfelt. Schließlich wird er mit Beruhigungsmitteln emotional kastriert und zu einem Soldaten herangezüchtet, der ohne mit der Wimper zu zucken töten kann.


    Nach dem Aufbruch an die Oberfläche und dem Wiederaufbau Dresdens, gelingt es Michael die Mittel abzusetzen und schließlich wieder zu fühlen. Darauf entkommt er aus Dresden, wenn auch mit Gewalt, um endgültig aus der Neuen Ordnung zu fliehen. Dabei tötet er die einzigen Zeugen, die seine Flucht bemerkt hatten und über ihn mehr wussten.


    Nach ein paar Tagen im Ödland wird er von Wolfgang Ziegler aufgegriffen. Da Michael wertvolle Informationen über die Neue Ordnung preisgeben kann, wird er aufgenommen und Teil der Bunkerbewohner. Er wird mit Skepsis betrachtet, da er so viel über die Neue Ordnung weiß. Er erzählt, er sei ein Gefangener gewesen und habe aus diesem Grund die Informationen. Wenige Zweifler bleiben, doch es ist Grund genug für die Meisten, ihm weitestgehend zu vertrauen.

    Name: Sebastian „Doc“ Pierre
    Alter: 46
    (Ehemaliger) Beruf: Arzt


    Aussehen:
    Eine schmale Gestalt, die eher wie ein „Nerd“ wirkt. Mit 1,80m ist er ein Mensch durchschnittlicher Größe im Ödland. Seine körperliche Verfassung und fehlenden Kraft sieht man ihm an. Besitzt braunes, wüstes Haar, welches er kurzhält. Er trägt meist eine sandfarbene Cargohose, schwarze Stiefel, ein beiges Hemd. Über dem Hemd zieht er eine Weste an, an der zahlreiche Taschen angebracht sind, unter anderem für Magazine seiner Waffe, aber vorrangig für medizinische Vorräte.


    Persönlichkeit:
    Eher zurückhaltende Person, die den Kontakt zu anderen Menschen im Normalfall meidet. Ist dennoch äußerst zugänglich, wenn man ihm Kontakt hat. Stressresistenz und generelle Ruhe zeichnen ihn aus. Ist nur schwer aus der Fassung zu bringen.


    Geschichte seit der Apokalypse:
    Hat die Apokalypse in einem unterirdischen Bunker nahe Hamburg überlebt. War Medizinstudent zu diesem Zeitpunkt und seine Prüfung fast abgeschlossen, da kam ihm dieses lästige Übel des Endes der Welt in den Weg. Hat seitdem seine medizinischen Kenntnisse eingesetzt, um den Bunkerbewohnern, aber auch fremden Menschen aus dem Ödland zu helfen. Dies brachte ihm schnell Dankbarkeit der Gemeinschaft ein, jedoch hatte es schnell seinen Preis.


    Die gute Behandlung sprach sich herum und auch Gruppen von Plünderern wurden auf diese Dienste und die damit verbundenen Schätze aufmerksam. Letzten Endes wurde der Bunker infiltriert, angegriffen und geplündert. Nur wenige überlebten und Doc wurde stark durch die Geschehnisse und Grausamkeiten traumatisiert. Er schaffte es zu fliehen, war seitdem jedoch auf sich allein gestellt.


    Wenige Monate, die er mit dem Nötigsten auskommen musste, traf er auf eine junge Frau namens Tamira. Sie litt an schweren Verletzungen und sein Ehrenkodex verhinderte es, sie einfach zurück zu lassen. Er zog sie mit in sein Versteck und pflegte sie. Nachdem sie genesen war, schlossen sie sich zusammen und er gewann etwas von seiner Sicherheit zurück. Gemeinsam zogen sie in das Ödland hinaus, um weiter zu überleben.


    Sie lernten sich genauer kennen und bildeten eine Freundschaft. Neben eines kurzen Funken der zwischen ihn herrschte, bildete sich jedoch keine weitere Beziehung. Sie behandelten einander gut und das erste Mal seit langem fasst Doc wieder Mut, auch sich seiner Vergangenheit zu stellen und sich gedanklich mit ihr auseinanderzusetzen.


    Letztlich trafen sie auf Daniel, welcher mit einer Gruppe Überlebender in einem Bunker hauste. Sie hatten einige Verletzte, die einer Behandlung bedurften. Im Gegenzug für Docs Behandlung, boten sie ihm ein Dach, Ausbildung im Kampf und einen festen Wohnsitz. Er willigte mit Tamira ein und gehörte zu den Bewohner des Bunkers.

    Die Höhle der Löwen


    Es war einmal wieder einer dieser Tage, welche nur vor Ruhe und Langeweile strotzten. Im Lager „Sonnenschein“ brannte die Hitze wie jeden gottverdammten Tag im Ödland. Die Gefangenen wurden über den Hof gerieben, gequält und zu den widrigsten Arbeiten eingesetzt. Eigene, wertvolle Männer- und Frauenleben auf das Spiel zu setzen, um Materialien aus Ruinen zu fördern oder aber neue Granaten zu bauen, kam niemanden in den Sinn. Letzten Endes hatte es das Dreckspack nicht anders verdient. Eine allgemeingültige Meinung, die sich bei der Neuen Ordnung durchgesetzt hat. Eine Philosophie, die das Recht des stärkeren und reinen Blutes bewahrte.


    Mitten in einem Büro, zwischen den geschundenen Seelen die in diesem Lager auf ihren Tod warteten, saß Oberst Alexander Reitzik. Höchster Befehlshaber des Lagers und für alle Belange zuständig. Das bedeutete meist viel bürokratische Scheiße, kaum Entspannung und unzählige Überstunden. Sein Leben war das Lager. Das Lager war sein Leben. Kaum zu denken, dass er noch vor zwei Jahren ein normaler Soldat der Aufklärungseinheit war. Seine Frau war zwar kaum begeistert von seiner Versetzung, aber er hatte keine andere Wahl gehabt. Wenn die Ordnung rief, beugte man sich ihr oder trug die Konsequenzen davon.


    So saß Alexander mal wieder sinnlos hinter seinem Schreibtisch und füllte den Papierkram aus. Neben ihm eine Flasche Schnaps, die einem der Gefangenen abgenommen und eigentlich vernichtet werden sollte. „Scheiß auf das Alkoholverbot“, hatte er zu sich gemurmelt, als er die Flasche von den Listen verschwinden und in seine Tasche hat gleiten lassen. Die Ordnung konnte einem nicht alles verbieten. Auch wenn Alexander ihnen treu war, Gesetze und Regeln waren durchaus sehr dehnbar.


    Plötzlich durchbrach ein verheißungsvolles Klopfen an seiner Tür die Stille seines Raumes. Schnell verstaute er den Schnaps und dazugehörige Glas in einer seiner Schublade. „Herein!“, befahl er, blickte auf und schaute, wie sich einer der Gefreiten zum Vorschein trat. Der Bube war sicherlich nicht älter als 25, stellte aber das perfekte Ideal eines Soldaten der neuen Ordnung dar. Groß, muskulös und athletisch. Obendrein ordentlich.


    „Oberst! Ich bitte zum Vortreten und Abgeben eines außerplanmäßigen Berichtes!“ Der junge Kerl hatte Feuer und Disziplin in sich. Alexander musterte ihn von Kopf bis Fuß, ehe er mit einer kreisenden Handbewegung den Soldaten zum Sprechen aufrief. „Soeben ist ein Transporter mit drei Gefangenen an den Toren erschienen. Sie erwarten auf Ihren Befehl zum Einlass und der Inspektion der Gefangenen.“ Ein Gefangenentransporter, zu diesem Tag? Es war nichts vorgesehen gewesen. Kurz blickte Alexander die Dokumente durch und sah keinen Termin für die Überlieferungen von Gefangenen. So viel zur Ruhe.


    Alexander nickte nur, worauf der Gefreite salutierte und wegtrat. Schnell die Mütze und Pistole gegriffen, rückte Alexander ebenso aus, um diesen unerwarteten Besuch in Augenschein zu nehmen. Entlang durch kalte Betongänge, vorbei an schweren Stahltüren, zur großen Tür über der „Ausgang“ in roten Lettern prangte. Direkt hinaus in die Stahlröhre, welche aus einem Stahlgeflecht bestand. Rechts und links beobachtete Alexander Gefangene durch das Stahlgeflecht, wie sie sich sammelten oder arbeiteten. Die meisten von ihnen waren schmutzige Ödländer, die es gewagt hatten, sich der neuen Ordnung zu widersetzen. Wenn sie an diesen Ort kamen, bedeutete das immer ihr Tod. Dafür sorgte Alexander höchstpersönlich. Zumindest hatten sie aber vor ihrem Ableben einen Nutzen.


    Schon aus der Entfernung erblickte Alexander den geparkten Lastwagen am Torhaus des Lagers. Umringt von ein paar Soldaten der Ordnung, wurden drei Gefangene von der Ladefläche des Trucks gestoßen und auf ihre Knie gezwungen. Man bereitete sie für Alexanders Ankunft vor. Dieser hatte die Röhre durchquert und die Gittertür zum Torabschnitt des Lagers überwunden. Bewusst ließ er seine Schritte streng auf den Boden knallen, präsentierte sich von seiner strengsten Seite. Rücken gerade, Brust heraus, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Das übliche Prozedere. Den Meisten machte es Angst, doch die drei Gefangenen wirkten völlig desinteressiert. Sie blickten ihn nicht an, sondern starrten in der Umgebung umher, als ob dieser Ort einen Freizeitpark darstellte.


    Augenblicklich trat einer der Soldaten an ihn heran, salutierte und erstattete Bericht: „Wir haben diese drei Ödländer in der Nähe aufgegriffen und gefangen genommen. Ihre Gegenwehr erfolgte durch Beschuss. Wurde erfolgreich und ohne Verluste niedergeschlagen. Keine Verletzten.“ Keine Verletzten? Das schien ungewöhnlich. Offenbar hatten diese Männer nicht getroffen, weshalb die Soldaten der Ordnung die Gefangenen einfach im Nahkampf überrumpeln konnte. Doch einer von denen war ein Riese! Wie hatten seine Männer das geschafft?


    „Oberst Reitzik?“, sprach einer der jüngeren Soldaten, der an Alexander herantrat. Einen Moment musste dieser überlegen, wer der Soldat war, doch die Erinnerung kehrte sofort wieder zurück. Landolf war sein Name. Vor ein paar Wochen hatte man ihn in der Nähe des Lagers aufgegriffen, ohne Wasser, Bewaffnung oder seiner Gruppe. Er hatte von einem Angriff berichtet, bei dem diese getötet worden war. Knapp nickte Alexander auf die Anwesenheit Landolfs und erlaubte ihm das sprechen. „Diese Männer sind für den Tod von guten Soldaten verantwortlich, ebenso wie für den Verlust wertvoller Ausrüstung. Sie waren diejenigen, die meine Gruppe ausgelöscht hatten.“ Plötzlich ging ein Raunen durch die Reihen der Soldaten. Die Männer vor ihnen auf dem Boden grinsten, wurden aber im nächsten Moment auf den Boden geprügelt.


    Deren Anwesenheit und einfache Gefangennahme stellten ein Paradoxon dar. Wie waren diese Männer in der Lage, einen Transporter voll mit trainierten und ausgebildeten Männern zu überfallen, wenn sie nicht einmal richtig treffen konnten? „Holt sie auf die Knie hoch“, befahl Alexander schließlich, worauf die Gefangenen im Nacken gepackt und ihr Blick auf Alexander forciert wurde. „Wie sind eure Namen?“, fragte er fordernd. Seine Stimme bebte. Im Hintergrund zuckte einer seiner Männer zusammen. Darauf folgte Stille. Alle Anwesenden verharrten am Fleck, niemand wagte es die Ruhe zu brechen, die unregelmäßig von Brüllen und Schüssen im Hintergrund untermalt wurde.


    Alexander hob seinen Kopf leicht, ohne jedoch den Blick von den Gefangenen abzuwenden. Seine Hände ballten sich zu Fäuste. Diese Art von Abschaum, welche nicht sprechen wollte. Das Warten hatte Alexander schnell satt. Mit geballter Faust verpasste er aus dem Nichts dem schlaksigen Typen einen Haken. Unter seiner Kraft hörte Alexander etwas Knacken. Blut spritzte. Es folgte ein schmerzerfülltes Stöhnen. Sofort sackte der Körper regungslos zusammen. Bewusstlos. Auch das noch. „Landolf?“, fragte Alexander, jedoch ohne seinen Blick von den Gefangenen abzuwenden.


    „Ja Oberst?“, ertönte es von seiner linken Seite.


    „Kannst du dich an den Kerl erinnern, der die Truppe anführte, welche du beschrieben hast?“ Nun blickte Alexander dem jungen und treuen Mann entgegen. Dessen Fokus legte sich auf die Gefangenen, welche alle nun wesentlich finsterer dreinblickten. Nach nur wenigen Sekunden zeigte er auf den eher durchschnittlichen Kerl von den Dreien.


    „Der da, Oberst Reitzik“, ertönte es schließlich aus Landolfs Mund. Darauf musterte Reitzik den Mann von Kopf bis Fuß. Seine Ausrüstung war nicht auf einen offenen Kampf ausgelegt. Offensichtlich jemand, der sich zurückhielt. Im Gegensatz zum Bullen zu seiner Rechten trug er ausschließlich eine leichte Schutzweste. Der Bewusstlose hatte viele Taschen an seiner Weste, einige davon trugen das Zeichen eines roten Kreuzes. Offenbar der Sanitäter.


    Nachdem Alexander seine Musterung abgeschlossen hatte, blickte er zu seinen Soldaten auf. Ein Nicken genügte um zu signalisieren, dass sie die Gefangenen auf ihre Beine heben und abführen sollten. Den bewusstlosen Sanitäter nahmen zwei Soldaten an jeweils Kopf und Füße. „Gut. Den da“, Reitzik deutete auf den Mann in leichter Schutzweste, „bringt jemand in den Verhörraum. Der Rest kommt in die vorübergehende Gewahrsam, bis wir mehr wissen. Landolf, du kommst mit.“ Ohne ein weiteres Wort setzte sich Alexander in Bewegung, dicht gefolgt von Landolf, dem Gefangenen der verhört werden sollte und der Soldat der Ordnung, der diesen begleitete. Den Rest brachte man auf direktem Wege ins Lager. Sie wurden gesondert von allen anderen Gefangenen in eine Baracke gebracht, um dort später untersucht und auf ihre Tauglichkeit untersucht werden. Besonders aus dem Hünen konnte man sicherlich eine gute Arbeitskraft machen.


    Eisiges Schweigen herrschte zwischen den Vieren, während sie nun durch die kalten Gänge des Verwaltungsgebäudes schritten. Zu gut erinnerte sich Alexander noch daran, wie diese Anlage einst ein Militärlager war, welches als Umschlagpunkt genutzt wurde. Kurz bevor alles kollabierte und die Hölle losbrach.


    „Oberst?“, riss ihn eine Frage aus seinen Gedanken. Landolf, der Gefangene und Soldat blickten ihn irritiert an. Er war wohl ganz automatisch vor ihrem Ziel zum Stillstand gekommen, hatte sich aber nicht mehr geregt.


    Für einen Moment kreiste Alexander mit seinen Schultern und räusperte sich. Mal wieder waren die Erinnerungen von früher hochgekommen. Schließlich kramte Reitzik einen Schlüsselbund aus seiner Tasche, ehe er den richtigen Schlüssel zu suchen begann. „Wird's mal“, ertönte es plötzlich in einer fremden Stimme. Alexander blickte den Gefangenen an, der schon im nächsten Moment einen schlag mit dem Gewehrkolben von in die Magengruben von Landolf kassierte. Unter Stöhnen sackte er zusammen, wurde jedoch von dem Soldaten hinter ihm aufrecht gehalten.


    „Es kann ja doch sprechen“, lächelte Alexander, während er die Tür zum Raum aufstieß. Seine Hand griff links an einen Lichtschalter, welcher nach sanftem Druck nachgab. Die Leuchtstoffröhren erwachten mit einem Schluckauf zum Leben und tauchten den Raum vor ihnen in ein kaltes Weiß. „Landolf, du übernimmst. Du, wegtreten.“ Augenblicklich wechselten der Soldat und Landolf die Position, ehe der Soldat salutierte und sich von ihnen entfernte. Nun zu dritt betraten sie den Raum, in dem Alexander bereits einige Männer sitzen und beobachtet hatte. Ganz zu schweigen von der schmutzigen Arbeit, die er jedoch zu gern verdrängte.


    Spartanisch eingerichtet wäre für diesen Raum ein Kompliment gewesen. Kalte, graue Wände wie der Komplex auch. Ein zentraler Stahltisch, auf dem Handfesseln angebracht waren. Stühle standen um diesen. Trockene Blutflecken auf Boden und Tisch zeugten von den Dingen, die in diesem Raum geschahen. Was dort passierte, blieb auch dort. Doch die Menschen die hinein und wieder heraustraten, waren stets eine andere Person. „Mach ihn fest. Löse seine Arme und fessle sie auf dem Tisch.“


    „Jawohl Oberst!“ Sofort ging Landolf ans Werk. Alexander hielt sich ein Stück zurück, sah dem jungen Soldaten bei seiner Aufgabe zu. Der Gefangene leistete keinerlei Widerstand. Brav ließ er sich fesseln. Kein Zeichen von Beißen, Schlagen, Treten, Kratzen. Irgendwas schien faul. Selbst Landolf machte den Eindruck, dass die Ruhe, welche dieser Gefangene ausstrahlte, ihn selbst verunsicherte.


    Kaum war der Gefangene gefesselt, trat Landolf von seinem Werk zurück und schaute zu Alexander. Dieser nickte zur Bestätigung. Der Kerl konnte nun weder Aufstehen, seine Gliedmaßen bewegen noch sich in irgend einer Art und Weise wehren. Und doch strahlte er so eine Entspannung aus, während jeder Andere vor ihm mit Flehen, Jammern und Panik geantwortet hatte. Auch Alexander wurde diese Situation unangenehm, auch wenn er es besser zu verbergen wusste als Landolf. Diesem hingegen wies er mit einem Deut an, auf einem der gegenüberliegenden Stühle vom Gefangenen Platz zu nehmen, worauf er selbst folgte. Sie konnten nun Beide in die stahlgrauen Augen des Gefangenen blicken. Dieser erwiderte ihre Blicke mit ausgewachsener Ruhe. Hatte er sich mit seinem Schicksal abgefunden?


    Neben ihm spürte er, wie Landolf mit seinen Fingern spielte. Er schien nervös. Ein Gedanke hatte ihm heimgesucht. Man konnte ihm ansehen, dass er am gesamten Leib zitterte. Doch bevor Alexander nur ein Wort sagen könnte, schmiss Landolf seinen Stuhl nach hinten und brüllte: „Du elendes Stück Scheiße aus dem Ödland! Was du und dein Zirkus mit meinen Männern gemacht haben ist eine Gräueltat! Und jetzt sitzt du hier und schaust uns mit aller Seelenruhe an?!“ Gerade noch erkannte Alexander ein Blitzen aus seinem Augenwinkel, da schossen seine Arme aus Reflex nach vorn. Im letzten Moment hielt er Landolfs Klinge auf, die nur wenige Millimeter vom Arm des Gefangenen entfernt war.


    „Soldat! Reiß dich zusammen und setze dich!“, befahl Alexander. Dabei ließ er seine Stimme ruhig und dennoch bedrohend klingen. Sein Blick traf sich mit Landolfs, dessen Augen Hass und Wut ausdrückten. Ein Mundwinkel des Gefangenen zog sich nach oben.


    „Warum? Damit ich diesem Hurensohn in die Augen sehen muss? Jenes Arschloch, dass meine Männer auf dem Gewissen hat?!“ Der Druck unter Alexanders Hand wurde stärker, doch hielt er diesem mit Leichtigkeit stand. Dennoch erhob auch er sich und kam in Augenhöhe mit Landolf.


    Langsam schüttelte Alexander mit dem Kopf. „Dieser Mann wird für seine Verbrechen bezahlen. Jetzt setze dich und halte deine Klappe.“


    Augenblicklich verzog sich die Miene Landolfs. Er presste seine Zähne zusammen. Seine Kiefermuskulatur trat hervor, jedoch wurde der Druck unter Alexanders Händen schwächer. Schließlich ließ Landolf davon ab und steckte sein Messer weg. Doch war es nicht seine Stimme, die die Stille brach. „Verbrechen die ich begangen haben soll? Habt ihr euch einmal umgeschaut?“ Ein angedeutetes, sarkastisches Lachen kam von der gegenüberliegenden Seite des Tisches.


    Sowohl Alexander als auch Landolf richtete ihren Blick auf den Mann vor sich. „Du hältst dein Maul. Du hast nur auf meine Fragen zu antworten. Und du Landolf setzt dich auf deinen Arsch.“ Zumindest waren sie einer Meinung und setzten sich. Der Gefangene gab kein weiteres Wort von sich. Stattdessen durchbohrte sein Blick die Beiden erneut.


    „Wie heißt du?“, fragte Alexander letztlich, als die Situation abgekühlt war.


    Der Gefangene schien einen Moment zu zögern. „Daniel“, ertönte es aber dann. Ein klassischer Name.


    „Nun Daniel, du bist in Konflikt mit einer unseren Patrouillen geraten und wurdest gefangen genommen. Doch mich stört da ein kleines Detail an der Geschichte.“ Alexanders Blick richtete sich auf Landolf, der auf seinem Stuhl herumrutschte. Für einen Moment überlegte er, ihn herauszuschicken, doch er war zu wichtig für das Verhör.


    Mit einem Schulterzucken kommentierte Daniel die Aussage. Sicherlich wartete er auf dessen Fortführung. „Wie kommt es, dass jemand wie deine Gruppe einen schwer bewachten Transport von Gütern knacken kann, sicher aber von unserer leichten Patrouille fassen lässt?“ Alexander konnte sehen, wie das Feuer in Daniels Augen entfacht wurde. Seine Lippen verzogen sich zu einem gehässigem Grinsen. Doch nicht einmal eine Sekunde später verhärtete sich sein Gesicht wieder.


    „Ich schätze, da hatten meine Jungs und ich schlichtweg Pech. Passiert.“ Sofort meldete sich Alexanders Bauchgefühl, dass etwas mit dieser Aussage nicht stimmte.


    „Ihr wart zu fünft. Wo sind die anderen Beiden?“, fragte wie aus dem Nichts Landolf, der ohne Alexanders Erlaubnis gesprochen hatte. Doch die Dynamik zwischen den Männern war seltsam zu beobachten. Landolf war aufgebracht über den Verlust seiner Männer, während Daniel seine Tat mit Richtigkeit rechtfertigte. So ließ Reitzik Landolf gewähren.


    Doch die Antwort Daniels blieb unbefriedigend: „Welche anderen Beiden? Keine Ahnung wovon du redest. Wir müssen dir wohl ziemlich eins über den Schädel gezogen haben.“ Instinktiv legte Alexander eine Hand auf Landolfs Schulter. Darunter spürte er große Anspannung der Muskeln, die sich unter seiner Berührung jedoch auflöste. Aber auch Alexander merkte, dass Daniel offensichtlich log. Allerdings war diese Lüge so salopp formuliert, dass sie gar kein Versuch war, die wahre Information zu verschleiern. Sie diente einem anderen Grund.


    „Ihr werdet wohl kaum zu dritt einen schwer bewachten Transport erfolgreich überfallen und nur Landolf als Nachricht am Leben gelassen haben. Wir können gern der Wahrheit nachhelfen, wenn dir das lieber ist“, entgegnete Alexander, zog dabei sein Messer aus der Scheide und legte dieses auf den Tisch. Landolf tat es ihm gleich, auch wenn er den Griff seiner Klinge umklammert hielt. Doch davon ließ sich Daniel offensichtlich nicht beirren. Wie ein vergnügtes Schulmädchen kicherte er Alexander und Landolf entgegen.


    Langsam beugte sich Daniel nach vorn, zumindest so weit es ging und drehte den Kopf etwas zur Seite. Dabei funkelte er Alexander direkt an. „Die Wahrheit? Keine Sorge, die werdet ihr kleinen Schweinchen von der neuen Ordnung noch früh genug erfahren. Ich bin mir sicher, dass sie sehr bald an eurer Tür klopfen wird.“


    Irritiert blickten sich Landolf und Alexander an. Das schwummrige Bauchgefühl in Reitziks Magen breitete sich über seinen gesamten Körper aus. Die Wahrheit, welche an der Tür klopfen sollte.


    Plötzlich riss Alexander die Augen weit auf. Er hatte verstanden was Daniel vor hatte. Die gesamte Zeit! Dieser verdammte Hurensohn! „Landolf, laufe schnell zu-“


    Ein plötzliches Beben erschütterte den Boden, als gedämpft der Knall einer Explosion zu hören war, welche gigantisch sein musste. Das Licht flackerte über ihren Köpfen. Die Geräusche von Schüssen drangen schlagartig im Sekundentakt durch die Wände des Verwaltungsgebäudes.


    Dieser clevere Mistkerl. Daniel setzte ein breites Grinsen auf, offensichtlich wissend, dass Alexander es verstanden hatte. Der Ödländer hatte mit seinen Freunden Zeit geschunden. Eine Spur gelegt. Direkt zum Lager. Und niemand hatte darauf geachtet. Eine weitere Explosion dröhnte durch die Wände. Der Putz fiel von der Decke. Was für ein hirnrissiger Bastard. In diesem Moment hatte Alexander Respekt vor Daniel.


    „Landolf, nimm den nächsten Buggy und fahre zur Hauptstadt. Drehe nicht um und gehe jedem Feind aus dem Weg. Verstanden?“ Alexander blickte nach oben zu Landolf, der bereits aufgesprungen und sich seine Waffe geschnappt hatte. Knapp nickte dieser nur, warf Daniel einen letzten Blick des Hasses zu, während er durch die Tür verschwand.


    Eine dritte Explosion erschütterte das Lager. Es hatte exakt drei Funkmasten, um mit der Außenwelt zu kommunizieren. Was für ein schlauer Bastard.

    Blut und Asche


    Der heiße Wind der Wüste fegte über den Kamm hinweg, welcher sich aus der Ebene schälte. Weit und breit war nichts anderes als Sand zu sehen. Die einzige Abwechslung die dieses Land bot, war das trockene Gras, was hier und dort am Boden zu finden war. Fürchterlich depremierend manchmal. Wenn es nicht der Wille zu überleben wäre, oder der Wunsch etwas aufzubauen, so würde jeder Mensch sicherlich auf dieser neuen Welt verenden. Fraglich blieb nur zu jeder Zeit, ob nicht der Überlebenswille eines Anderen stärker war und das eigene Leben ausknipste. Seltsam, wie sich die Welt verändert hatte. Die Bücher hatten von lebendigen Städten an der Oberfläche gesprochen. Wälder, die grüner nicht hätten sein können. Weite Wiesen und Felder. Nun war alles zunichte.


    Schlagartig regte sich etwas am Fuße des Kamms. Ein Zucken. Staub wirbelte auf. Für einen kurzen Moment war der Körper eines schlaksigen Mannes durch das Fernglas zu sehen. Dieser zupfte schnell den Tarnmantel unter dem er lag zurecht und er verschmolz gerade zu wieder mit der Umgebung. Nur ein kleines Häufchen erkannte man, wenn man nicht ganz genau hinsah.


    Es knisterte im Funk. "Sorry Boss. Der verdammte Staub."


    Wolf musste geahnt haben, wie die Augen Daniels auf seiner Position ruhten und ihn strafend anblickten. "Ist gut. Reiß' dich weiter zusammen. Es sollte nicht mehr lang dauern", antwortete Daniel, als er mit dem Fernglas wieder in die Ferne blickte. Neben ihm presste sich ein Körper an seine Seite, ein leiser Atem war zu hören. Er konnte nicht anders, als für einen Moment seinen Blick zur Seite weichen zu lassen. Tamira hatte sich eng an ihn geschmiegt und kuschelte gleichzeitig mit ihrem getreuen Remington Scharfschützengewehr. Diese Frau manchmal wirklich anhänglich.


    "Du weißt, dass so nahe an mir zu liegen deinen Schuss verwackeln könnte?", hakte Daniel nach, als er wieder durch das Fernglas blickte. Den Funk ließ er bewusst aus. Der Rest seines Squads stand an vorderster Front, während er Beobachter und Taktiker zugleich war. Das er auch nur mit Tamira so nah beieinander lag musste wirklich nicht jemand mitbekommen.


    "Ach, halt die Klappe. Ich weiß schon wie ich schießen muss. Obendrein bist du eh zu schwächlich, um mich wirklich wegzureißen." Sie zuckte mit keinem Muskel während sie sprach und ihrem ruhigen Atem tat es auch keinen Abbruch. "Außerdem bin ich direkt neben dir am ruhigsten. Das weißt du. Jetzt konzentriere dich."


    Ein weiterer Beweis für ihre gespielte Härte. Wie dem auch sei. Es gab Wichtigeres zu tun. Sein Blick schaute weiter gen Horizont. Dort erblickte er ihr Ziel. Wie geplant rollte der Konvoi der neuen Ordnung an. Der Typ den sie verhört hatten, schien doch die Wahrheit gesagt zu haben. Zu schade, dass er den Verhör nicht überlebt hatte.


    "Okay, Konvoi rollt an. Zwölf Uhr. Alle bereit machen. Rex, du greifst erst unter dem Feuerschutz von den anderen an. Wolf, Doc. Auf die beiden Räder des Trucks schießen. Tamira, du schaltest den Fahrer des Buggys davor aus. Sekundäres Ziel ist der Schütze an dessen MG. Vergiss nicht, es muss schnell gehen. Habt ihr alle verstanden?"


    "Verstanden", ertönte es in vier verschiedene Stimmen.


    "Rex, wirf die Granate, wenn die ersten Schüsse ertönen. Der Buggy ist dein Ziel. Der muss um jeden Preis weg."


    "Alles klar."


    "Dann Funkstille. Ich gebe das Kommando zum Schießen."


    Nun galt es Geduld zu bewahren. Das war stets das Schlimmste an diese Art von Hinterhalt. Daniel musste nun ganz präzise abschätzen, wenn der Konvoi nah genug für ihr Feuer war, aber weit weg genug um sie nicht direkt auf's Korn nehmen zu können. Behutsam und ohne sich zu viel zu bewegen nahm er das Fernglas beiseite und sein Sturmgewehr zur Hand. Er legte es auf den Boden vor sich auf, legte die Wange auf die Schulstützte und presste diese gegen seine Schulter. Die ersten Schüsse mussten sitzen.


    In der Entfernung waren bereits die ersten Motorengeräusche zu hören. Der Konvoi mittlerweile mit bloßem Auge erkennbar. Es sollte die Hölle losbrechen, besonders für die Typen der neuen Ordnung. Wie Daniel es immer genoss, wenn er ein paar von ihnen erschießen konnte. Sie machten es ja nicht anders bei denen, die sie "unreine Wesen" nannten.


    Daniel kniff seine Augen zusammen und schätzte die Entfernung. Als der Konvoi eine bestimmte Stelle erreichte, schaltete er den Funk ein und begann zu zählen: "Fünf, vier, drei, zwei, eins ... Feuer!"


    Sofort knallte es gewaltig um ihn herum, sein rechtes Ohr klingelte vom Schuss Tamiras. Aus dem Buggy stob eine gewaltiger Blutspritzer und augenblicklich veriss das Fahrzeug und geriet ins Schleudern. Der Schütze am Maschinengewehr hatte keien Chance auf Stabilität. Im nächsten Moment schallten schon die nächsten Salven durch die Luft. Der Truck wackelte wild umher und schlingerte, dank seines Gewichts blieb doch auf allen Rädern. Der Fahrer hatte aber sichtlich Mühe das Fahrzeug zu kontrollieren.


    "Rex, Granate!"


    Der Buggy war zum Stehen gekommen, der Schütze richtete sich und schwenkte auf die Richtung aus der die Schüsse kamen. Im selben Augenblick flog ein kleines Ei in Richtung des Fahrzeugs. Eine laute Salve ertönte als das Mündungsfeuer des schweren Maschinengewehrs aufbitzte. Schüsse zersiebten den Kamm und flogen wild umher. Ein lauter Knall zu Daniels seiner Rechten beendete allerdings das Feuer, ehe die Granate explodierte. Eine Druckwelle erfasste den Kamm, riss die Tarnnetze von den Leibern an der Front. Schrapnelle surrten durch die Luft.


    Der Truck kam zum stehen, die Insassen fingen sich und stiegen aus. Sowohl Fahrer als auch Beifahrer schmissen sich auf den Boden und eröffneten das Feuer auf Rex, Wolf und Doc. Tamira schoss ein drittes Mal. Eine weitere Blutfontäne stob in die Luft. Daniel selbst visierte auf den Beifahrer an. Er drückte ohne zu Zögern seinen Finger durch und entließ eine Salve in Richtung des Schützen. Sie schlugen knapp neben ihm ein. Wirbelten Staub auf. Er schoss weiter zurück. Im Funk hörte Daniel einen Schmerzensschrei.


    Rex sprang auf und spurtete mit lautem Gebrüll auf den Truck zu. Doc erwiderte das Feuer, gab ihm Rückendeckung. Plötzlich kamen hinter dem Fahrzeug mehrere Gestalten hervor. Sie mussten dort gesessen haben. Sie suchten Deckung hinter dem Truck. Automatisches Waffen spcukten ihnen ihr Blei entgegen. Tamira schaltete den Beifahrer aus.


    "Rex, weiter vorrücken. Wir geben Sperrfeuer. Doc, linke Seite."


    Todesmutig rückte Rex vor. Doc hielt die Männer links hinter dem Truck in Schach. Daniel gab Salve für Salve auf die rechte Seite. So schaffte es Rex vor den Truck in Sicherheit.


    "Nachladen!", ertönte es im Funk. Doc lud nach. "Wolf ist schwer verletzt. Wir müssen des hinter uns bringen."


    "Gib mir Deckung", wies Daniel Tamira neben sich an und sprang selbst aus der Deckung hinaus. Im Lauf schoss er auf die rechte Flanke seine letzten Kugeln. Während des Laufs ließ er das leere Magazin fallen, lud nach. Rex kletterte auf die Fahrerekabine. Einer von den Soldaten steckte den Kopf aus der Deckung. Ein lauter Schuss hinter Daniel ertönte und er konnte im Nahen erkennen, wie das große Kaliber Tamiras Scharfschützengewehrs den Kopf vom Körper trennte. Wobei das noch schöngeredet war, so wie dieser abgerissen wurde.


    Für einen Moment war plötzlich Stille, nur die Schreie von Wolf drangen hindurch. Daniel blickte Doc an, nickte bestimmt zu Wolf. Dieser nickte nur zurück und kümmerte sich augenblicklich. Wolf verlor viel Blut. Wo er getroffen wurde, erkannte Daniel nicht. Rex schritt mittlerweile auf dem Truck und war fast hinten angekommen. Trotz seiner Größe versuchte er zu schleichen. Das sah unterhaltsam aus.


    Immer noch Stille. Dann kam Rex ans Ende des Trucks an. Sehr zum Leidweisen der armen Soldaten. Ein spitzer Schrei ertönte, als Rex sich fallen ließ. Was sich hinter dem Truck abspielte, überließ man der Fantasie. Schreie und Schüsse ertönten. Ein Soldat dem ein Arm fehlte stolperte hinter dem Truck hervor, schrie wie am Spieß und ging zu Boden. Ein Oberkörper, getrennt von seinen Beinen, fiel von der anderen Seite hervor. Blut war massig vorhanden. Wieso durfte nur Rex seinen Spaß haben?


    Zu guter Letzt stolperte ein tatsächlich noch heiler Soldat hinter dem Truck hervor, allerdings ohne Waffe und mit erhobenen Händen. Sein Gesicht war kreidebleich. Hinter ihm stand Rex. Zwei Einschüsse. Einer unter Brust, ein anderer an der Hüfte. Ihn kümmerte es nicht. Er humpelte nicht einmal. Seine Machete war bedrohlich in das Kreuz des blonden Soldaten gedrückt. Daniel winkte die Beiden zu sich. Wolfs Schreien war mittlerweile verstummt. Nur das Schreien des einarmigen Banditen war noch zu vernehmen. Daniels Blick ging zur Seite. Doc hockte über Wolf und gab sein Bestes. Das wusste Daniel.


    Der Anführer stand auf, seine Zähne knirschten und er spürte, wie sein Puls stieg. Daniel stapfte auf den Gefangenen zu und rammte ihn augenblicklich den Gewehkolben in die Magengrube. "Du verdammtes Arschloch und deine verdammte Truppe an Hurensöhnen!" Der blonde Kerl mit markanten Gesichtszügen und blauen Augen sackte in sich zusammen, ging auf die Knie. Im Hintergrund schrie noch immer der Einarmige. "Rex, kümmere dich um den Schreihals", meinte Daniel nur trocken und trat den Gefangenen zu Boden. Rex schritt von dannen und keine Minute später waren die Schreie erstickt. Daniel schaute gar nicht nach, was Rex getan hatte.


    Mit der Waffe im Anschlag brüllte Daniel drauf los: "Auf den Bauch legen und Hände hinter den Kopf Arschloch, sofort!" Der Soldat der neuen Ordnung gehorchte wortlos. Daniel stellte seinen Stiefel in dessen Kreuz und presste fest zu. "Ihr habt einen meiner Männer schwer verwundet. Was denkst du wie du da rauskommen willst, hm?" Weiterhing keine Regung von dem jungen Mann unter seinem Stiefel. "Wie ist dein Name?"


    "Lando", ertönte es trocken. Keine einzige Regung am Körper des Gefangenen.


    Wissend nickte Daniel. Was für ein hässlicher Name. "So nennt man sich also in eurer großartigen, reinen Rasse? Lächerlich. Ich habe mir etwas Heroischeres vorgestellt." Daniel blickte sich um. Rex überprüfte die anderen Körper. Doc versorgte noch immer Wolf. Tamira saß am vereinbarten Punkt. "Pass auf du kleiner Wichser. Du wirst dich jetzt erheben und in Richtung deines Paradieses aufmachen. Dann erzählst du hiervon und wie viel Gnade wir dir zu Teil kommen ließen. Hast du verstanden?"


    Ein Nicken unter Daniels Stiefel.


    "Dann kannst du deiner Obrigkeit berichten, dass sie einen Scheiß können und wir hier draußen die Kontrolle haben. Noch einmal werdet ihr so schnell kein unschuldiges Dorf überfallen. Jetzt steh auf, langsam. Eine falsche Bewegung und dein Kopf ist weg. Laufe in die Richtung deiner Stadt. Solltest du Haken schlagen oder auch nur einen Moment an etwas Dummes denken, bist du einen Kopf kürzer. Verstanden?"


    Ein erneutes Nicken.


    "Gut. Hoch mit dir und schön langsam." Damit schritt Daniel einen Schritt zurück und richtete den Lauf seiner Waffe auf Lando. Dieser erhob sich langsam, wie ihm befohlen und beließ die Hände hinter dem Kopf. Mit größter Vorsicht schritt der junge Soldat am Truck vorbei und in die Richtung davon, die ihm aufgetragen wurde. Auf ihn gerichtet waren zwei Waffenläufe.


    Daniel senkte die Waffe und schaltete den Funk ein: "Tamira, behalte den Kerl im Auge. Eine falsche Bewegung die nicht nach Dresden führt und er braucht keinen Kopf mehr."


    "Verstanden."


    "Doc, kümmere du dich um Wolf. Mache ihn reisefertig. Rex, du durchsuchst mit mir die Beute. Alles was tragbar ist, wird mitgenommen. Der Rest wird mit deiner letzten Granate vernichtet. Wir räumen hier auf und hauen ab."


    "Verstanden", ertönte im Chor.


    Die schlechte Laune legte sich über das gesamte Team. Wolf würde sehr lang brauchen, um sich zu erholen. Doch das Opfer war es wert und die Beute reichlich. Wasser,Nahrung, Munition, neue Waffen. Sprengstoffe, die für die Zerstörung des Trucks und zukünftige Operationen verwendet werden konnten. Jeder kam seiner Aufgabe nach. Niemand ahnte, dass dies der Anfang von etwas Großem war.

    Die Höhle der Löwen


    Es war einmal wieder einer dieser Tage, welche nur vor Ruhe und Langeweile strotzten. Im Lager „Sonnenschein“ brannte die Hitze wie jeden gottverdammten Tag im Ödland. Die Gefangenen wurden über den Hof gerieben, gequält und zu den widrigsten Arbeiten eingesetzt. Eigene, wertvolle Männer- und Frauenleben auf das Spiel zu setzen, um Materialien aus Ruinen zu fördern oder aber neue Granaten zu bauen, kam niemanden in den Sinn. Letzten Endes hatte es das Dreckspack nicht anders verdient. Eine allgemeingültige Meinung, die sich bei der Neuen Ordnung durchgesetzt hat. Eine Philosophie, die das Recht des stärkeren und reinen Blutes bewahrte.


    Mitten in einem Büro, zwischen den geschundenen Seelen die in diesem Lager auf ihren Tod warteten, saß Oberst Alexander Reitzik. Höchster Befehlshaber des Lagers und für alle Belange zuständig. Das bedeutete meist viel bürokratische Scheiße, kaum Entspannung und unzählige Überstunden. Sein Leben war das Lager. Das Lager war sein Leben. Kaum zu denken, dass er noch vor zwei Jahren ein normaler Soldat der Aufklärungseinheit war. Seine Frau war zwar kaum begeistert von seiner Versetzung, aber er hatte keine andere Wahl gehabt. Wenn die Ordnung rief, beugte man sich ihr oder trug die Konsequenzen davon.


    So saß Alexander mal wieder sinnlos hinter seinem Schreibtisch und füllte den Papierkram aus. Neben ihm eine Flasche Schnaps, die einem der Gefangenen abgenommen und eigentlich vernichtet werden sollte. „Scheiß auf das Alkoholverbot“, hatte er zu sich gemurmelt, als er die Flasche von den Listen verschwinden und in seine Tasche hat gleiten lassen. Die Ordnung konnte einem nicht alles verbieten. Auch wenn Alexander ihnen treu war, Gesetze und Regeln waren durchaus sehr dehnbar.


    Plötzlich durchbrach ein verheißungsvolles Klopfen an seiner Tür die Stille seines Raumes. Schnell verstaute er den Schnaps und dazugehörige Glas in einer seiner Schublade. „Herein!“, befahl er, blickte auf und schaute, wie sich einer der Gefreiten zum Vorschein trat. Der Bube war sicherlich nicht älter als 25, stellte aber das perfekte Ideal eines Soldaten der neuen Ordnung dar. Groß, muskulös und athletisch. Obendrein ordentlich.


    „Oberst! Ich bitte zum Vortreten und Abgeben eines außerplanmäßigen Berichtes!“ Der junge Kerl hatte Feuer und Disziplin in sich. Alexander musterte ihn von Kopf bis Fuß, ehe er mit einer kreisenden Handbewegung den Soldaten zum Sprechen aufrief. „Soeben ist ein Transporter mit drei Gefangenen an den Toren erschienen. Sie erwarten auf Ihren Befehl zum Einlass und der Inspektion der Gefangenen.“ Ein Gefangenentransporter, zu diesem Tag? Es war nichts vorgesehen gewesen. Kurz blickte Alexander die Dokumente durch und sah keinen Termin für die Überlieferungen von Gefangenen. So viel zur Ruhe.


    Alexander nickte nur, worauf der Gefreite salutierte und wegtrat. Schnell die Mütze und Pistole gegriffen, rückte Alexander ebenso aus, um diesen unerwarteten Besuch in Augenschein zu nehmen. Entlang durch kalte Betongänge, vorbei an schweren Stahltüren, zur großen Tür über der „Ausgang“ in roten Lettern prangte. Direkt hinaus in die Stahlröhre, welche aus einem Stahlgeflecht bestand. Rechts und links beobachtete Alexander Gefangene durch das Stahlgeflecht, wie sie sich sammelten oder arbeiteten. Die meisten von ihnen waren schmutzige Ödländer, die es gewagt hatten, sich der neuen Ordnung zu widersetzen. Wenn sie an diesen Ort kamen, bedeutete das immer ihr Tod. Dafür sorgte Alexander höchstpersönlich. Zumindest hatten sie aber vor ihrem Ableben einen Nutzen.


    Schon aus der Entfernung erblickte Alexander den geparkten Lastwagen am Torhaus des Lagers. Umringt von ein paar Soldaten der Ordnung, wurden drei Gefangene von der Ladefläche des Trucks gestoßen und auf ihre Knie gezwungen. Man bereitete sie für Alexanders Ankunft vor. Dieser hatte die Röhre durchquert und die Gittertür zum Torabschnitt des Lagers überwunden. Bewusst ließ er seine Schritte streng auf den Boden knallen, präsentierte sich von seiner strengsten Seite. Rücken gerade, Brust heraus, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Das übliche Prozedere. Den Meisten machte es Angst, doch die drei Gefangenen wirkten völlig desinteressiert. Sie blickten ihn nicht an, sondern starrten in der Umgebung umher, als ob dieser Ort einen Freizeitpark darstellte.


    Augenblicklich trat einer der Soldaten an ihn heran, salutierte und erstattete Bericht: „Wir haben diese drei Ödländer in der Nähe aufgegriffen und gefangen genommen. Ihre Gegenwehr erfolgte durch Beschuss. Wurde erfolgreich und ohne Verluste niedergeschlagen. Keine Verletzten.“ Keine Verletzten? Das schien ungewöhnlich. Offenbar hatten diese Männer nicht getroffen, weshalb die Soldaten der Ordnung die Gefangenen einfach im Nahkampf überrumpeln konnte. Doch einer von denen war ein Riese! Wie hatten seine Männer das geschafft?


    „Oberst Reitzik?“, sprach einer der jüngeren Soldaten, der an Alexander herantrat. Einen Moment musste dieser überlegen, wer der Soldat war, doch die Erinnerung kehrte sofort wieder zurück. Landolf war sein Name. Vor ein paar Wochen hatte man ihn in der Nähe des Lagers aufgegriffen, ohne Wasser, Bewaffnung oder seiner Gruppe. Er hatte von einem Angriff berichtet, bei dem diese getötet worden war. Knapp nickte Alexander auf die Anwesenheit Landolfs und erlaubte ihm das sprechen. „Diese Männer sind für den Tod von guten Soldaten verantwortlich, ebenso wie für den Verlust wertvoller Ausrüstung. Sie waren diejenigen, die meine Gruppe ausgelöscht hatten.“ Plötzlich ging ein Raunen durch die Reihen der Soldaten. Die Männer vor ihnen auf dem Boden grinsten, wurden aber im nächsten Moment auf den Boden geprügelt.


    Deren Anwesenheit und einfache Gefangennahme stellten ein Paradoxon dar. Wie waren diese Männer in der Lage, einen Transporter voll mit trainierten und ausgebildeten Männern zu überfallen, wenn sie nicht einmal richtig treffen konnten? „Holt sie auf die Knie hoch“, befahl Alexander schließlich, worauf die Gefangenen im Nacken gepackt und ihr Blick auf Alexander forciert wurde. „Wie sind eure Namen?“, fragte er fordernd. Seine Stimme bebte. Im Hintergrund zuckte einer seiner Männer zusammen. Darauf folgte Stille. Alle Anwesenden verharrten am Fleck, niemand wagte es die Ruhe zu brechen, die unregelmäßig von Brüllen und Schüssen im Hintergrund untermalt wurde.


    Alexander hob seinen Kopf leicht, ohne jedoch den Blick von den Gefangenen abzuwenden. Seine Hände ballten sich zu Fäuste. Diese Art von Abschaum, welche nicht sprechen wollte. Das Warten hatte Alexander schnell satt. Mit geballter Faust verpasste er aus dem Nichts dem schlaksigen Typen einen Haken. Unter seiner Kraft hörte Alexander etwas Knacken. Blut spritzte. Es folgte ein schmerzerfülltes Stöhnen. Sofort sackte der Körper regungslos zusammen. Bewusstlos. Auch das noch. „Landolf?“, fragte Alexander, jedoch ohne seinen Blick von den Gefangenen abzuwenden.


    „Ja Oberst?“, ertönte es von seiner linken Seite.


    „Kannst du dich an den Kerl erinnern, der die Truppe anführte, welche du beschrieben hast?“ Nun blickte Alexander dem jungen und treuen Mann entgegen. Dessen Fokus legte sich auf die Gefangenen, welche alle nun wesentlich finsterer dreinblickten. Nach nur wenigen Sekunden zeigte er auf den eher durchschnittlichen Kerl von den Dreien.


    „Der da, Oberst Reitzik“, ertönte es schließlich aus Landolfs Mund. Darauf musterte Reitzik den Mann von Kopf bis Fuß. Seine Ausrüstung war nicht auf einen offenen Kampf ausgelegt. Offensichtlich jemand, der sich zurückhielt. Im Gegensatz zum Bullen zu seiner Rechten trug er ausschließlich eine leichte Schutzweste. Der Bewusstlose hatte viele Taschen an seiner Weste, einige davon trugen das Zeichen eines roten Kreuzes. Offenbar der Sanitäter.


    Nachdem Alexander seine Musterung abgeschlossen hatte, blickte er zu seinen Soldaten auf. Ein Nicken genügte um zu signalisieren, dass sie die Gefangenen auf ihre Beine heben und abführen sollten. Den bewusstlosen Sanitäter nahmen zwei Soldaten an jeweils Kopf und Füße. „Gut. Den da“, Reitzik deutete auf den Mann in leichter Schutzweste, „bringt jemand in den Verhörraum. Der Rest kommt in die vorübergehende Gewahrsam, bis wir mehr wissen. Landolf, du kommst mit.“ Ohne ein weiteres Wort setzte sich Alexander in Bewegung, dicht gefolgt von Landolf, dem Gefangenen der verhört werden sollte und der Soldat der Ordnung, der diesen begleitete. Den Rest brachte man auf direktem Wege ins Lager. Sie wurden gesondert von allen anderen Gefangenen in eine Baracke gebracht, um dort später untersucht und auf ihre Tauglichkeit untersucht werden. Besonders aus dem Hünen konnte man sicherlich eine gute Arbeitskraft machen.


    Eisiges Schweigen herrschte zwischen den Vieren, während sie nun durch die kalten Gänge des Verwaltungsgebäudes schritten. Zu gut erinnerte sich Alexander noch daran, wie diese Anlage einst ein Militärlager war, welches als Umschlagpunkt genutzt wurde. Kurz bevor alles kollabierte und die Hölle losbrach.


    „Oberst?“, riss ihn eine Frage aus seinen Gedanken. Landolf, der Gefangene und Soldat blickten ihn irritiert an. Er war wohl ganz automatisch vor ihrem Ziel zum Stillstand gekommen, hatte sich aber nicht mehr geregt.


    Für einen Moment kreiste Alexander mit seinen Schultern und räusperte sich. Mal wieder waren die Erinnerungen von früher hochgekommen. Schließlich kramte Reitzik einen Schlüsselbund aus seiner Tasche, ehe er den richtigen Schlüssel zu suchen begann. „Wird's mal“, ertönte es plötzlich in einer fremden Stimme. Alexander blickte den Gefangenen an, der schon im nächsten Moment einen schlag mit dem Gewehrkolben von in die Magengruben von Landolf kassierte. Unter Stöhnen sackte er zusammen, wurde jedoch von dem Soldaten hinter ihm aufrecht gehalten.


    „Es kann ja doch sprechen“, lächelte Alexander, während er die Tür zum Raum aufstieß. Seine Hand griff links an einen Lichtschalter, welcher nach sanftem Druck nachgab. Die Leuchtstoffröhren erwachten mit einem Schluckauf zum Leben und tauchten den Raum vor ihnen in ein kaltes Weiß. „Landolf, du übernimmst. Du, wegtreten.“ Augenblicklich wechselten der Soldat und Landolf die Position, ehe der Soldat salutierte und sich von ihnen entfernte. Nun zu dritt betraten sie den Raum, in dem Alexander bereits einige Männer sitzen und beobachtet hatte. Ganz zu schweigen von der schmutzigen Arbeit, die er jedoch zu gern verdrängte.


    Spartanisch eingerichtet wäre für diesen Raum ein Kompliment gewesen. Kalte, graue Wände wie der Komplex auch. Ein zentraler Stahltisch, auf dem Handfesseln angebracht waren. Stühle standen um diesen. Trockene Blutflecken auf Boden und Tisch zeugten von den Dingen, die in diesem Raum geschahen. Was dort passierte, blieb auch dort. Doch die Menschen die hinein und wieder heraustraten, waren stets eine andere Person. „Mach ihn fest. Löse seine Arme und fessle sie auf dem Tisch.“


    „Jawohl Oberst!“ Sofort ging Landolf ans Werk. Alexander hielt sich ein Stück zurück, sah dem jungen Soldaten bei seiner Aufgabe zu. Der Gefangene leistete keinerlei Widerstand. Brav ließ er sich fesseln. Kein Zeichen von Beißen, Schlagen, Treten, Kratzen. Irgendwas schien faul. Selbst Landolf machte den Eindruck, dass die Ruhe, welche dieser Gefangene ausstrahlte, ihn selbst verunsicherte.


    Kaum war der Gefangene gefesselt, trat Landolf von seinem Werk zurück und schaute zu Alexander. Dieser nickte zur Bestätigung. Der Kerl konnte nun weder Aufstehen, seine Gliedmaßen bewegen noch sich in irgend einer Art und Weise wehren. Und doch strahlte er so eine Entspannung aus, während jeder Andere vor ihm mit Flehen, Jammern und Panik geantwortet hatte. Auch Alexander wurde diese Situation unangenehm, auch wenn er es besser zu verbergen wusste als Landolf. Diesem hingegen wies er mit einem Deut an, auf einem der gegenüberliegenden Stühle vom Gefangenen Platz zu nehmen, worauf er selbst folgte. Sie konnten nun Beide in die stahlgrauen Augen des Gefangenen blicken. Dieser erwiderte ihre Blicke mit ausgewachsener Ruhe. Hatte er sich mit seinem Schicksal abgefunden?


    Neben ihm spürte er, wie Landolf mit seinen Fingern spielte. Er schien nervös. Ein Gedanke hatte ihm heimgesucht. Man konnte ihm ansehen, dass er am gesamten Leib zitterte. Doch bevor Alexander nur ein Wort sagen könnte, schmiss Landolf seinen Stuhl nach hinten und brüllte: „Du elendes Stück Scheiße aus dem Ödland! Was du und dein Zirkus mit meinen Männern gemacht haben ist eine Gräueltat! Und jetzt sitzt du hier und schaust uns mit aller Seelenruhe an?!“ Gerade noch erkannte Alexander ein Blitzen aus seinem Augenwinkel, da schossen seine Arme aus Reflex nach vorn. Im letzten Moment hielt er Landolfs Klinge auf, die nur wenige Millimeter vom Arm des Gefangenen entfernt war.


    „Soldat! Reiß dich zusammen und setze dich!“, befahl Alexander. Dabei ließ er seine Stimme ruhig und dennoch bedrohend klingen. Sein Blick traf sich mit Landolfs, dessen Augen Hass und Wut ausdrückten. Ein Mundwinkel des Gefangenen zog sich nach oben.


    „Warum? Damit ich diesem Hurensohn in die Augen sehen muss? Jenes Arschloch, dass meine Männer auf dem Gewissen hat?!“ Der Druck unter Alexanders Hand wurde stärker, doch hielt er diesem mit Leichtigkeit stand. Dennoch erhob auch er sich und kam in Augenhöhe mit Landolf.


    Langsam schüttelte Alexander mit dem Kopf. „Dieser Mann wird für seine Verbrechen bezahlen. Jetzt setze dich und halte deine Klappe.“


    Augenblicklich verzog sich die Miene Landolfs. Er presste seine Zähne zusammen. Seine Kiefermuskulatur trat hervor, jedoch wurde der Druck unter Alexanders Händen schwächer. Schließlich ließ Landolf davon ab und steckte sein Messer weg. Doch war es nicht seine Stimme, die die Stille brach. „Verbrechen die ich begangen haben soll? Habt ihr euch einmal umgeschaut?“ Ein angedeutetes, sarkastisches Lachen kam von der gegenüberliegenden Seite des Tisches.


    Sowohl Alexander als auch Landolf richtete ihren Blick auf den Mann vor sich. „Du hältst dein Maul. Du hast nur auf meine Fragen zu antworten. Und du Landolf setzt dich auf deinen Arsch.“ Zumindest waren sie einer Meinung und setzten sich. Der Gefangene gab kein weiteres Wort von sich. Stattdessen durchbohrte sein Blick die Beiden erneut.


    „Wie heißt du?“, fragte Alexander letztlich, als die Situation abgekühlt war.


    Der Gefangene schien einen Moment zu zögern. „Daniel“, ertönte es aber dann. Ein klassischer Name.


    „Nun Daniel, du bist in Konflikt mit einer unseren Patrouillen geraten und wurdest gefangen genommen. Doch mich stört da ein kleines Detail an der Geschichte.“ Alexanders Blick richtete sich auf Landolf, der auf seinem Stuhl herumrutschte. Für einen Moment überlegte er, ihn herauszuschicken, doch er war zu wichtig für das Verhör.


    Mit einem Schulterzucken kommentierte Daniel die Aussage. Sicherlich wartete er auf dessen Fortführung. „Wie kommt es, dass jemand wie deine Gruppe einen schwer bewachten Transport von Gütern knacken kann, sicher aber von unserer leichten Patrouille fassen lässt?“ Alexander konnte sehen, wie das Feuer in Daniels Augen entfacht wurde. Seine Lippen verzogen sich zu einem gehässigem Grinsen. Doch nicht einmal eine Sekunde später verhärtete sich sein Gesicht wieder.


    „Ich schätze, da hatten meine Jungs und ich schlichtweg Pech. Passiert.“ Sofort meldete sich Alexanders Bauchgefühl, dass etwas mit dieser Aussage nicht stimmte.


    „Ihr wart zu fünft. Wo sind die anderen Beiden?“, fragte wie aus dem Nichts Landolf, der ohne Alexanders Erlaubnis gesprochen hatte. Doch die Dynamik zwischen den Männern war seltsam zu beobachten. Landolf war aufgebracht über den Verlust seiner Männer, während Daniel seine Tat mit Richtigkeit rechtfertigte. So ließ Reitzik Landolf gewähren.


    Doch die Antwort Daniels blieb unbefriedigend: „Welche anderen Beiden? Keine Ahnung wovon du redest. Wir müssen dir wohl ziemlich eins über den Schädel gezogen haben.“ Instinktiv legte Alexander eine Hand auf Landolfs Schulter. Darunter spürte er große Anspannung der Muskeln, die sich unter seiner Berührung jedoch auflöste. Aber auch Alexander merkte, dass Daniel offensichtlich log. Allerdings war diese Lüge so salopp formuliert, dass sie gar kein Versuch war, die wahre Information zu verschleiern. Sie diente einem anderen Grund.


    „Ihr werdet wohl kaum zu dritt einen schwer bewachten Transport erfolgreich überfallen und nur Landolf als Nachricht am Leben gelassen haben. Wir können gern der Wahrheit nachhelfen, wenn dir das lieber ist“, entgegnete Alexander, zog dabei sein Messer aus der Scheide und legte dieses auf den Tisch. Landolf tat es ihm gleich, auch wenn er den Griff seiner Klinge umklammert hielt. Doch davon ließ sich Daniel offensichtlich nicht beirren. Wie ein vergnügtes Schulmädchen kicherte er Alexander und Landolf entgegen.


    Langsam beugte sich Daniel nach vorn, zumindest so weit es ging und drehte den Kopf etwas zur Seite. Dabei funkelte er Alexander direkt an. „Die Wahrheit? Keine Sorge, die werdet ihr kleinen Schweinchen von der neuen Ordnung noch früh genug erfahren. Ich bin mir sicher, dass sie sehr bald an eurer Tür klopfen wird.“


    Irritiert blickten sich Landolf und Alexander an. Das schwummrige Bauchgefühl in Reitziks Magen breitete sich über seinen gesamten Körper aus. Die Wahrheit, welche an der Tür klopfen sollte.


    Plötzlich riss Alexander die Augen weit auf. Er hatte verstanden was Daniel vor hatte. Die gesamte Zeit! Dieser verdammte Hurensohn! „Landolf, laufe schnell zu-“


    Ein plötzliches Beben erschütterte den Boden, als gedämpft der Knall einer Explosion zu hören war, welche gigantisch sein musste. Das Licht flackerte über ihren Köpfen. Die Geräusche von Schüssen drangen schlagartig im Sekundentakt durch die Wände des Verwaltungsgebäudes.


    Dieser clevere Mistkerl. Daniel setzte ein breites Grinsen auf, offensichtlich wissend, dass Alexander es verstanden hatte. Der Ödländer hatte mit seinen Freunden Zeit geschunden. Eine Spur gelegt. Direkt zum Lager. Und niemand hatte darauf geachtet. Eine weitere Explosion dröhnte durch die Wände. Der Putz fiel von der Decke. Was für ein hirnrissiger Bastard. In diesem Moment hatte Alexander Respekt vor Daniel.


    „Landolf, nimm den nächsten Buggy und fahre zur Hauptstadt. Drehe nicht um und gehe jedem Feind aus dem Weg. Verstanden?“ Alexander blickte nach oben zu Landolf, der bereits aufgesprungen und sich seine Waffe geschnappt hatte. Knapp nickte dieser nur, warf Daniel einen letzten Blick des Hasses zu, während er durch die Tür verschwand.


    Eine dritte Explosion erschütterte das Lager. Es hatte exakt drei Funkmasten, um mit der Außenwelt zu kommunizieren. Was für ein schlauer Bastard.

    Uff, Levi.


    Das ist harter Tobak für deine Nächsten und dich. Das tut mir leid, dass es so gekommen ist. :/


    Auch wenn es wohl eher lapidar klingt, aber auch von mir mein aufrichtiges Mitgefühl, für alles. Wenn ich auch nicht die Situation so erlebt habe, ich kann mit dir fühlen, was passiert und wie du dich fühlen musst.


    Tut mir leid. Ich hoffe aufrichtig, dass es bald wieder besser wird.


    Liebe Grüße und ein Knuddeln
    Basti


    :)

    Die Jagd


    Die Sonne brannte auf das Maisfeld, dessen Pflanzen selbst den größten Mann überragen konnten. Darüber zogen die Krähen bereits ihre Kreise, beobachteten das Geschehen unter sich. Sicherlich warteten sie bereits auf ihre nächste Mahlzeit. Es war nicht selten, das an diesem Ort ein weiterer Jäger sein Leben verlor. Viele waren an diesen Ort gekommen, doch niemand war zurückgekehrt. In deren Fußstapfen wollte James aber nicht treten.


    Die Schrotflinte fest in der rechten Hand umklammert, kämpfte er sich durch die hohen Gewächse. Seine Sicht war eingeschränkt. Er war gewachsen, doch es reichte nicht, um über die Spitzen hinausragen zu können. Aus diesem Umstand heraus galt es, besonders vorsichtig zu sein. Die Vögel über ihm kreisten. Für einen Moment hatte er gehofft, dass einer von ihnen auf seinen Hut scheißen würde. Zumindest etwas Glück für die bevorstehende Jagd. Doch in diesem Feld brachte Glück niemanden weiter.


    Plötzlich schreckten Vögel auf. Links von ihm. James sah nicht mehr, als die Biester gen Himmel empor aufsteigen. Augenblicklich stoppte er. Sein Blick ging nach links. Schließlich nach rechts. Es war nichts zu hören. Und auch nichts zu sehen. Sein Zeigefinger legte sich auf den Abzug. Ein Windstoß zog durch das Feld, welcher die Blätter rascheln ließ. Doch weder Schritte, noch umknickende Halme waren zu hören. „Nur der Wind“, sprach sich James beruhigend zu. Niemand wäre verrückt genug, an diesen Ort zu kommen. Abgesehen von ihm.


    Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, setzte James seinen Weg fort. Sein Ziel war klar. Der Auftrag auch. Er musste nur noch finden, wonach er suchte. Gefühlt war er bereits eine Stunde gelaufen. Sein Schweiß lief ihm bereits an der Schläfe hinab, bahnte sich seinen Weg über die Wange, um am Ende von seinem Kinn zu tropfen. Umso eher fertig wurde, desto schneller konnte er von diesem Ort verschwinden. Nicht, dass er die Möglichkeit zum Umkehren gehabt hätte. Dieses Feld verschluckte die Menschen.


    Dann dort, in der Entfernung sich über den Wipfeln des Maises abhebend, die Spitze eines Daches. Schwarzer Schiefer, der auf rotem Holz thronte. Klischeehaft für einige. Das Tor zur Hölle für andere. Tief atmete James durch. Das Herz – es war extrem nah. Sorgen krochen durch seinen Kopf. Was, wenn er sich übernahm? Wenn er es wie die unzähligen Menschen ebenfalls nicht schaffte? Nicht, dass es noch eine Rolle spielen würde. Das Beste, worauf er im schlimmsten Fall hoffen konnte, war ein schneller Tod. Doch wem wurde diese Ehre schon zuteil?


    Überraschend durchbrach James den Mais und stand inmitten einer Schneise, die in das Feld geschlagen wurde. Sein Blick eilte zu allen Seiten. Der Lauf seiner Flinte folgte. Doch es war nicht zu sehen. In die eine Richtung eine Sackgasse, ein Weg zurück ins Feld. Die andere Richtung jedoch, sie wollte ihn seinem Ziel näher bringen. Sein Blick fiel auf das Ende des Weges, wo sie stand. Unschuldig und den Ahnungslosen in den Tod lockend.


    Die Tore der Scheune waren weit geöffnet. Dem Betrachter zeigte sich ein schwarzes Maul ohne Zähne. Über ihm zwei kleine Fenster, die wie kümmerliche Augen in einem deformierten Gesicht wirkten. Aus dieser Entfernung konnte er etwas blitzen sehen. James kniff seine Augen zusammen, doch konnte nicht mehr erkennen, als das es aus einem der Fenster gekommen sein musste. Was war es gewesen? Er richtete seine Waffe auf das Tor und schritt voran. Es gab keinen Grund mehr zu zögern. Angst wollte sich in ihm einnisten, doch war sie sein größter Feind.


    Unter seinen Stiefeln knirschte die trockene Erde, etwas unter ihm gab plötzlich nach. James schaute nach unten hob den Fuß an, die Waffe weiterhin nach vorn gerichtet. Er war auf einen Teddybären getreten? Ungläubig schaute er auf das Stofftier hinab, welchem bereits ein Auge fehlte. Neben ihm kleine Schuhabdrücke. Für einen Moment ließ James seine Flinte sinken und kniete sich nieder. Er führte seine Finger vorsichtig an der trockenen Spur entlang. Die Größe war nichts im Vergleich zu seinen Stiefeln. Und doch erinnerte er sich.


    Zu oft war er diesen Pfad entlanggelaufen. Zuvor noch hatte er ziellos in diesem Feld umhergeirrt. Die qualvolle Suche nach seiner Mutter. Nach Geborgenheit und Sicherheit. Stets hatte er diesen Pfad gefunden, beobachtete wie andere Kinder ihm folgten und in die Schwärze der Scheune verschwanden. Doch jedes Mal wenn er sich genähert hatte, nur ein Funkeln, ein Klacken und schließlich Dunkelheit. Dann begann alles von vorn.


    Sein Blick richtet sich wieder auf. James war zurückgekehrt. Doch er war kein Kind mehr – und doch spürte er, wie ihn die Schwärze zu sich rief. Ein weiteres Mal wollte er folgen. Ein letztes Mal wollte er folgen.


    Augenblicklich setzte sich James in Bewegung. Ein Fuß vor den anderen, seine Waffe fest in der Hand und entschlossen es zu Ende zu bringen. Durch die Fenster sah er es wieder. Das Blitzen, welches jedoch nicht verschwand. Es beobachtete ihn. Und umso näher er kam, desto deutlich wurde die Reflexion. Rot in ihrer Farbe, bedrohlich und dennoch anziehend. Die Rechte fest an der Waffe, die Linke kramte aus seinem Mantel eine Leuchtfackel hervor. Es musste schnell gehen. Er durfte ihr keine Chance geben.


    Nur noch wenige Schritte vor dem Maul der Scheune entfernt. Er hockte sich hin, legte seine Waffe auf den Boden und öffnete den Verschluss der Fackel. Zischend entbrannte ihr Feuer. Im hohen Bogen warf er das Licht in den Innenraum und zum Vorschein kam das Innere einer normalen Scheune. Doch er konnte sie hören. Er wusste, dass sie da war. Das Klacken, welches er auf dem Holz hörte. Er war gekommen um sie zu holen.


    Er schnappte sich seine Flinte und sprang auf. Jetzt oder nie. Sofort stürmte er hinein, die Flinte im Anschlag und sein erster Blick ging nach oben. Ihre Blicke trafen sich. Das erste Mal, dass er sie sehen konnte. Sie konnte sich nicht mehr verstecken. Ihre Zeit war abgelaufen. Der gewaltige Körper einer Spinne sprang von dem Dachgebälk ab und landete vor James. Sofort legte er an und drückte den Abzug durch.


    Der Knall hallte laut durch die Scheune. Ein fürchterliches Kreischen. Die Arachnida bäumte sich auf und setzte völlig unbeeindruckt von seiner Verletzung zum Sprung an. James lud durch. Doch zu einem Schuss kam es nicht. Sie sprang los, James wich mit einer Hechtrolle aus. Ihr gewaltiger Körper kam auf dem Boden auf und erschütterte ihn. Ungelenk schoss James noch einmal und traf das Vieh in die Seite. Ein erneutes Kreischen. Doch die Verletzung schien nicht weitreichend genug.


    Zu James Entsetzen musste er feststellen, dass sie sofort umschwenkte und wieder zum Sprung ansetzte. Er lud durch. Doch sie sprang und fixierte ihn unter sich. Ihre Zangen waren seinem Gesicht nah. Er stemmte den Fuß gegen ihr Mittelstück, riss die Flinte hoch und entließ eine weitere Ladung in den Bauch des Monster. Sie schreckte zurück, in ihren Bewegungen konnte man ein Taumeln erkennen.


    Augenblicklich erhob sich James, lud durch und legte erneut an. Doch sie war verschwunden. Er ließ blitzartige seinen Blick in alle Richtungen gleiten. Er suchte die Decke ab. Nichts. Die Wände. Dann das widerliche Klacken. Es huschte in seinem Augenwinkel. Dann eine schnelle, gradlinige Bewegung. James riss herum und drückte ab. Erneut ein Knall. Die Wucht riss die Spinne aus der Luft und ließ sie auf ihren Rücken landen. Ihre acht Beine zappelten in der Luft herum. In ihrer Unterseite war der Schaden mehr als deutlich. Doch so konnte James es nicht stehen lassen.


    Er nutzte die Gelegenheit und lud seine Schrotflinte nach. Die drei geschossenen Schrotpatronen wurden ersetzt. Er lud eine in den Lauf. Schob noch eine nach. Die Spinne stellte sich wieder auf. Doch ohne Gnade ging James auf sie zu. Ein Schuss jagte den nächsten. Die Ohren James klingelten. Die lauten Schüsse gepaart mit dem entsetzlichen Schreien des Monsters mussten durch das gesamte Feld hallen.


    Dann kehrte Ruhe ein. Das Zappeln der Spinne hatte aufgehört. Vor James lag ein durchlöcherter Leib eines Wesens, welches diese Erde niemals hätte betreten dürfen. Seine Flinte war leer. Die Hände zitterten und sein Herz klopfte wild. Der Atem ging schwer und James schaffte es kaum, sein Gewehr zu halten. Der Lauf zitterte umher. Hatte er es geschafft? War es wirklich vorbei? Der tote Körper vor ihm sprach eindeutig von seinem Sieg. Er konnte es kaum glauben. Das, ohne eine einzige Verletzung. Was unterschied ihn von den anderen Jägern? Doch auf all diese Fragen konnte er keine Antwort finden. Er konnte nur sicher gehen und es ganz beenden.


    James warf sich seine Waffe über die Schulter und zog eine zweite Leuchtfackel aus seinem Mantel hervor. Sein Blick suchte den Raum ab und fand einige Ballen an getrockneten Gräsern. Seine Aufgabe und was er nun zu tun hatte, war klar. James zündete die Fackel und warf sie in die Gräser, die augenblicklich Feuer fingen. Die Flammen explodierten in die Höhe und lösten eine Kettenreaktion aus. In nur wenigen Sekunden sammelte sich der Rauch in der Scheune.


    Dies war kein Ort, an dem er weiter verweilen sollte. Sein Ziel war erreicht. Mit Abstand umrundete er den Leichnam der Spinne, schaute ihr ein letztes Mal in die toten Augen. Auch wenn er sich sicher war, dass das Leben aus ihr verflossen sein musste, so erkannte er noch die Seele in diesem Wesen. Die Trauer, mit dem ihn die acht Augen der Spinne anblickten, obwohl sie das gar nicht mehr tun konnten. Doch es war getan. Für Reue war es zu spät. James hatte sich gerächt.


    Er trat vor die Tür der Scheune. Die Spuren in der Erde waren verschwunden. Der Teddybär ebenso. Ein letzter Blick zurück. Das Gemäuer stand in Flammen und inmitten der Tür der Körper der Spinne, die ihm mit gebrochenen Blick anschaute. Als ob er sich schlecht dafür fühlen musste, was er getan hatte.


    Um ihn herum begann sich das Feld zu verfärben. Wo der Mais bei seiner Ankunft noch grün war und Früchte trug, verfaulte er binnen Sekunden zu unwirtlichem Kompost. Die Spitzen neigten sich in Richtung des Bodens. Die Kolben wurden ungenießbar. James trat in die Gewächse ein und entfernte sich auf direktem Wege von der Scheune, deren Struktur in sich zusammenfiel. Nach nicht einmal fünf Minuten fand er sich auf der Straße vor dem Feld wieder, über der er zum Anfang seiner Jagd gekommen war. Doch hinter ihm lag statt des Feldes Brachland, in dessen Mitte das korrupte Leben verbrannte.


    James lebte, um an einem anderen Tag zu sterben.

    Zunächst war die Reaktion Emilias das genaue Gegenteil von dem, womit Dimicus gerechnet hatte. Sie schien in Panik zu verfallen, die neuen Eindrücke waren wohl zu viel und zu plötzlich auf einmal! Sie wirkte plötzlich wie ein verstörtes Kind, welches die Umwelt ausblenden und einfach nur nichts mehr hören wollte. In dem Moment bekam Dimicus Angst! Hatte er doch einen Fehler begangen?


    Mit besorgter Miene beugte er sich zu Emilia herüber, in ihrer Mimik lag der Ausdruck purer Überraschung. In welcher Hinsicht jedoch, war sogar Dimicus zum Deuten verwehrt. Seine Hände legten sich auf den Armreif, es sollte wohl besser sein, wenn sie ihn erst einmal nicht trug. Sie sollte auf keinen Fall einen bleibenden Schaden erfahren!


    Plötzlich öffnete Emilia wieder ihre Augen und in ihnen war weder Entsetzen noch Angst zu sehen. Nur Neugierde und Überraschung. Dimicus hielt in seiner Bewegung inne, war jedoch bereit den Armreif doch noch schnell zu entfernen, wenn es die Situation erforderte. Emilia zeigte aber nicht mehr die Scheu und Angst von zuvor. Sie hatte sich beruhigt. Dem Negativ folgte nun das Positiv, als ihre Augen zu leuchten begann und sie verstand, was vor sich ging. Beruhigt atmete Dimicus aus und nahm seine Hände von ihrem Arm.


    Das Lachen welches aus dem Halse Emilias drang, klang vielleicht etwas schief, doch ehrlich und voller Freude. Dimicus hätte es nie gedacht, doch eine Wärme umfasste seinen Körper und ein angenehmes Kribbeln durchzog seinen Bauch. So fühlte es sich also an. Einem geliebten Menschen den größten Wunsch wahr zu machen, welchen er sich nur erträumen konnte. Lieben. Was war das schon für ein Wort für das Gefühl welches er gerade empfand.


    Aufgrund der Unbeschreiblichkeit seines Gefühles, erwiderte er den Kuss Emilias. Ganz zu schweigen davon, dass es ihr erster Kuss war, welchen sie wie zwei Liebende austrugen. Der Überraschung zum Trotz genoss Dimicus dieses plötzliche Gefühl. Auch als sie ihn mit der Kraft ihrer inneren Löwin beinahe zerdrückte, hielt er inne und umfasste ihren Körper. Die feste Umarmung erwiderte er und genoss die heiseren, aber deutlichen Worte einer neuen, aber dennoch vertrauten Stimme.


    „Ich habe zu danken, meine Löwin. Du hast keinerlei Ahnung, was du in mir auszulösen vermagst“, erklärte Dimicus sanft und behutsam. Seine Stimme versuchte Ruhe auszudrücken, doch er selbst merkte, dass sie ein wenig zitterte und die Freude über dieses Ereignis kaum selbst unterdrücken konnte. Emilia dieses Geschenk zu machen, war das kostbarste was den Beiden hätte passieren können. Noch ließ sich nicht abschätzen, welche Auswirkung das auf ihre gemeinsame Zukunft haben würde, doch für den Moment war das ein unwichtiger Fakt.


    Schließlich lösten sie sich aus ihrer Umarmung, einige der Gäste schauten schon skeptisch und auch der Wirt blickte verdutzt zum ungleichen Paar. „Nun kannst du alles hören und jedes Geräusch nachholen. Angefangen mit meiner Stimme und dieser Umgebung. Doch du wirst staunen, wie vielfältig die Welt mit Tönen sein kann. Dazu musst du nur den Armreif tragen oder in deiner Nähe behalten. Mehr braucht es nicht.“


    Ein warmes Lächeln spiegelte sich auf Dimicus Lippen, als er sich vor Emilia verbeugte und ihr darauf in die Augen schaute. „Nun meine Löwin, was ist dein Wunsch? Was sind deine Worte? Wohin willst du zuerst gehen?“, fragte Dimicus. Emilia sollte die Möglichkeit haben, auszutesten wie die Welt mit einem intakten Gehör war.

    Anscheinend musste Dimicus erneut genauestens abwägen, ob er wirklich in dieser „Familie“ bleiben wollte oder nicht. Letzten Endes verhielten sie sich im genauen Gegensatz zu dem, wovon sie sprachen. Er sollte ein neuer Teil der Familie sein? Doch stattdessen wurde über sein Gesagtes nicht ansatzweise nachgedacht, noch wurde es verstanden. Im Gegenteil. Er wurde gedemütigt und bevormundet, wurde auf Kleinigkeiten hingewiesen, die für den Sachverhalt keinerlei Belang hatten. Sie nahmen ihn nicht ernst und wieso sollte er dann ihnen entsprechenden Respekt entgegenbringen?


    „Wie Ihr wünscht, Davard von Hohenfelde“, erwiderte Dimicus höflich auf die Worte des Geistmagiers, wobei er eine höfliche Verneigung vor der gesamten Gruppe vollführte. Zumindest das konnte er ihnen entgegenbringen, auch wenn er es am liebsten nicht getan und sie wie jeden anderen auf der Straße behandelt hätte. Doch dies stand nicht zur Debatte, im Gegenteil. Jetzt hatte er keinerlei Möglichkeit einen Streit anzufangen, der mit Sicherheit für ihn tödlich enden würde. Diese Grollen in seinem Bauch drückte mehr als genug aus, was er in diesem Moment hätte tun wollen. Doch spätestens nach zwei Toten durch seine Wurfmesser wäre er übermannt und abgeschlachtet wurden. Das wäre es nicht wert. Also schluckte Dimicus seine Wut herunter und blieb höflich.


    Ehe Dimicus jedoch ging, blickte er allem voran Davard an. Mit ruhigen und höflichen Ton fügte er schließlich noch an: „Mit Verlaub, aber ich werde auf die Versammlung verzichten. Zu Eurer Kenntnis werde ich in die Stadt gehen und sie auf eigene Faust erkunden. Wenn Ihr mich ausfindig machen möchtet – Ihr seid im Besitz meines Blutes. Ich empfehle mich.“ Eine erneute Verbeugung fand seitens Dimicus statt, ehe er aus der Tür hinaus ging und keinerlei Anstalten machte, in die Richtung des Versammlungsraumes zu gehen. Stattdessen nahm er seine restlichen Sachen und verließ ohne Umschweife das Gelände der Geister. Sein Ziel sollte die Stadt sein.


    Kaum dort angekommen, erwartete ihn eine Großstadt, wie sie mit Drakenstein vergleichbar war. Reges Treiben in den Straßen, Händler die ihre Waren an jeder Ecke feilboten und die übliche Teilung von Arm und Reich. Bettler, Arbeiter und Leibeigene wandelten durch die Straßen, nur wenige Adlige oder Reiche waren zu sehen, zumeist mit bewaffneten Eskorten. Zu schade. Dann musste Dimicus mit den Mittelständlern Vorlieb nehmen, die keine Eskorte besaßen.


    Ohne Umschweife erleichterte er ein paar Kaufmännern des mittleren Standes um ihre Geldsäckel und schob sich das Geld selbst zu, nachdem er es dummerweise versoffen hatte. Das Dimicus einmal so tief fallen würde – damit hätte er nie gerechnet. Doch die Zeiten waren grausam. Zuerst verlor er seine Liebste, dann seine Arbeit und schließlich seine Seele an diese Gilde. Soweit wollte er es nicht kommen lassen. Entweder nahm man ihn ernst oder er musste gehen. Letzteres würde nur mit Vorkehrungen möglich sein.


    Mit dem beschafften Geld setzte sich Dimicus vorerst in eine Taverne, orderte Speis' und Trank, woraufhin er sich zu stärken begann. Er musste seine Wege gänzlich neu planen und vorsichtig bleiben. Das Blut, welches die Geister von ihm hatten, machte ihn verwundbar. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. Was war nur aus ihm geworden? Für einen kurzen Moment atmete er tief durch, schloss die Augen und hatte schließlich nur einen Gedanken im Kopf: Sein Genie musste wiederauferstehen.

    Mit aller Ruhe hörte sich Dimicus die gesagten Worte an und beobachtete jede einzelnen Person im Raum genau. Sie alle hatten ihre Eigenarten und waren fast so leicht zu lesen, wie ein offenes Buch für einen Gelehrten lesbar war. Ihre Reaktionen und Ansprüche spiegelten sich in ihren Gesichtern wieder. Auch wenn die Anwesenden Dimicus kaum interessierten, so kannte er sie nicht einmal einen Tag, so interessant war es dennoch sie zu beobachten.In jedem von ihnen spiegelten sich Eigenschaft wieder, die ihren individuellen Reiz aber auch eine große Gefahr darstellen konnten.


    Zuerst wollten die Zentauren bleiben und drückten dies auch offen aus. Zu schade. Dimicus hätte zu gern gezeigt, was er konnte. Besonders an einem Ort wie diesen wäre es sicherlich ein leichtes gewesen sie zu erlegen. Doch sie dann zu ihrer letzten Form zu vollenden – das wäre die wahre Herausforderung gewesen. Ein Humanoide war kein Problem, doch ein halbes Pferd? Das hätte seine Tücken gehabt. Wie dem auch sei, sie blieben und durften weiter leben. Nichts, was Dimicus hinterfragen oder ablehnen würde. Sie sollten tun, was sie wollten.


    Schließlich aber wurde das Thema auf eine ganz andere Problematik gelenkt, die auch Dimicus betraf. Ob Zwangsrekrutierungen sinnvoll seien oder nicht, dies blieb wohl eine Debatte. Der Erste der sich diesbezüglich zu Wort meldete, war Davard höchstpersönlich. Derjenige, der ihn ausgelesen und mit der Wahl gelassen hatte, ob er beitreten wollte oder nicht. Doch die Wahl stellte einen Zwang dar, denn eine wirkliche Alternative als die Zustimmung hatte Dimicus nicht gehabt. Hätte er abgelehnt, wäre er über kurz oder lang zu Schaden gekommen. Das ahnte er.


    Darauf folgte Urakos Meinung, die vor Gefühl und Zugehörigkeit nur triefte. Allein wie sein Charakter aufgebaut schien und wie er Dimicus bei der ersten Begegnung behandeln wollte, würde Dimicus diesem Tiefling kein Wort glauben. Zumindest nicht, wenn diese Worte auf Fakten und Wissen basieren sollten. So wie er es richtig verstanden hatte, musste er aber niemals mit ihm zusammen arbeiten und er verweigerte sogar die Arbeit die eigentlich für das Einkommen der Geister verantwortlich war. In diesem Augenblick wusste Dimicus, dass er vor diesem Mann niemals Respekt haben würde. Vielleicht Höflichkeit, aber keinen Respekt. Jedenfalls nicht, wenn er nicht zu Sinnen fand und sich so verhielt, wie er es tat.


    Kurz nachdem Urakos „Rede“ endete, herrschte eine kurze Stille vor. In diesem Moment musterte Dimicus jeden im Raum erneut und achtete auf ihre Gesichtszüge, wie sie auf die Worte des Tieflings reagierten. Nach dieser herzzerreißenden Rede, erkannte Dimicus nun seine Möglichkeit. Ein ernstes Wort und Vernunft in diese Ansammlung zu bringen, die augenscheinlich von Gefühl und Emotion beherrscht wurde. Zumindest in diesem Moment.


    Dimicus stieß sich von der Wand ab und verschränkte die Hände hinter seinem Rücken. Er hasste es, eine Vorführung vor Personen geben zu müssen. Doch sie war wohl bitter nötig, wenn er diese Diskussion betrachtete. Ohne ein Wort zu sagen, trat er mit festen Schritten vor zum Schreibtisch, jeder Blick musste nun auf ihn ruhen. Dimicus verbarg jede Emotion hinter einer Maske, welche sein Gesicht darstellte. „Nun denn, auch wenn ich weder viele Rechte in dieser Organisation besitze, noch in den ersten Minuten meiner Anwesenheit für Frieden gesorgt habe, werde auch ich meine bescheidene Meinung zu dieser Thematik beitragen. Und Ihr alle solltet wissen, dass ich politische und organisatorische Plänkeleien nicht schätze. Das aber nur am Rande“, begann er mit großer Ruhe und ließ seinen Blick über die Anwesenden gleiten.


    „Vorab, bevor ich meine Gedanken zu dem Thema an sich kundtue, so sollt Ihr alle wissen, dass ich mich nach gründlichen Abwegen bereits dazu entschlossen habe, ein Mitglied der Geister zu bleiben. Die Details habe ich mit Davard bereits geklärt und von daher sehe ich bereits eine Übereinkunft, welche auf meiner Freiwilligkeit basiert. Also dieses Thema ist für mich bereits abgeschlossen und bedarf in meinem Fall keines neuen Aufrollens“, erklärte Dimicus mit kühler Stimme und sichtlicher Distanz zur Familie. „Ich habe mich bereits der Auslese unterzogen und von daher das Recht erworben, vor Euch stehen zu können.“


    „Wie dem auch sei, wir sind auch wegen einer anderen Thematik hier versammelt. Gänzlich abgesehen von dem unglücklichen Vorfall mit Distel und Enzian. An dieser Stelle möchte ich meine tiefste Entschuldigung dafür ausdrücken, was passiert und wie es passiert ist.“ Dimicus lehnte sich gegen den Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nun, da alle in diesem Raum unser Handwerk kennen, werde ich kein Blatt vor den Mund nehmen. Wir gehen alle einer Zunft nach. Einige nennen es Söldner, andere Auftragsmörder und wieder andere Assassinen. Ich persönlich bin Künstler und stehe über diese Dinge. Das ist aber für Euch nicht von Belang.“


    Mit einer kurzen Sprechpause bedachte er alle Anwesenden und mit seinen Augen versuchte er dessen Stimmung einzufangen. Schließlich sprach er weiter: „Jedenfalls spreche ich mich hiermit gegen eine Zwangsrekrutierung aus. Eine Zwangsrekrutierung kann in manchen Fällen positiv sein, so sagen manche Philosophen, man müsse die Anderen zu ihrem Glück zwingen. Doch das ist der falsche Weg. Nur wer sich für sein Glück entscheidet, ist imstande sich selbst und Anderen zu dienen. Wir alle sind hier, weil wir bleiben wollten. Urako ist ein Beispiel, wie es im Idealfall ablaufen kann. Er bleibt, weil er ihn überzeugen konnte. Stellt Euch vor, jemand würde zwangsrekrutiert werden und es schaffen, sich vor den prüfenden Blicken Davards verstecken können. Oder zumindest die Gedanken für ihn anders sichtbar erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich sind. Jemand der zwangsrekrutiert wird und niemals in die Gilde einfindet, wird über kurz oder lang ein Sicherheitsrisiko. Er wird entweder versuchen zu fliehen – oder aber unter Vorwand und Vertrauen der Familie gegen diese handeln. Und das ist nur eine Frage der Zeit, bis das vor dem aktuellen Verfahren passiert.“


    „Tatsächlich schwebt mir ein Lösungsansatz vor, der vielleicht mehr Verwaltungs- und Organisationsaufwand benötigt, aber sich auf Dauer als verlässlicher herausstellen wird.“ Dimicus ließ seine Arme zu seinen Seiten sinken und stützte sich mit ihnen auf dem Schreibtisch ab. „Ihr könnt – wenn Ihr es wünscht – weiter Eure Auswahlverfahren beibehalten und sie nur an Freiwilligen ausprobieren. Das hat jedoch einen Haken – Freiwillige müssen von unserer Existenz wissen und das ist eine große Gefahr für uns alle. Damit wird der Sinn der Gilde ad absurdum geführt. Dann können wir auch gleich über der Tür hineinschreiben, dass es an diesem Ort genug Arbeit für die Stadtbüttel ist.“


    „Aus diesem Grund, mein bescheidener Vorschlag. Großangelegte Organisationen oder aber auch in der Schattenkunst versierte Vereinigungen nutzen Deckmäntel. Leider kenne ich die Bücher nicht gut genug, als dass ich die genauen Verfahren der Geister abschätzen könnte, doch ich denke einen solchen besitzt Ihr nicht zur Gänze. Wie wäre es mit einer einfachen und doch lukrativen Methode? Ihr eröffnet ein Unternehmen, eine Firma oder ähnliches. Zum Beispiel ein offizielles Söldnerlager. Unter diesem versteckt ihr die Geister. Ihr werdet Rekruten bekommen, die für Euch Geld aus normaler Söldnerarbeit beziehen können. Zeitgleich bewähren sie sich damit und je nachdem, wie sie sich schlagen, ihre Persönlichkeiten hervortun oder aber gewisse Tendenzen zeigen, unterzieht Ihr sie einer 'medizinischen' Untersuchung, bei der es schließlich um das Auslesen und -fragen der potentiellen Geister handelt. So gewinnt Ihr zuverlässige Rekruten die auch Stillschweigen halten und loyal sind. Dazu werden die Prüfungen stattfinden. Details, Regeln und Organisation müssten natürlich im Detail ausgearbeitet werden, allerdings ist dieses nur exemplarisches Beispiel einer Möglichkeit, einen Nebenverdienst zu erlangen und zudem wertvolle Neuzugänge zu gewinnen, die auch tatsächlich zu den Geistern passen.“


    Damit endeten Dimicus' Worte und mehr wollte er auch nicht sagen. Mit einem tiefen Nicken deutete er eine Verbeugung wie nach einer Vorstellung an, ehe er sich wieder zurück an die Wand neben der Tür zog. Gemächlich lehnte er sich dagegen und verschränkte die Arme vor der Brust.

    Anfangs war dieses sprachliche Kräftemessen nicht mehr als eine kleine Spielerei, eine minimale Provokation um die Grenzen besser abzustecken. Dimicus hatte alles im Griff, er wäre nicht weiter gegangen als diese eine Frage trotz des Verbotes von Urako. Mit der Antwort die er von Gasmi bekam, wäre er auch völlig zufrieden gewesen und hätte sich einen Lehrmeister an anderer Stelle gesucht. Er willigte, wenn auch nicht ganz freiwillig in die Bedingungen ein. Kommentiert mit einem knappen Nicken und somit dem Akzeptieren des Gesagt.


    Doch plötzlich eskalierte die komplette Situation. Vermutlich war dies nicht das Ziel einer anwesender Partei, doch mit einer simplen und höflichen Frage hatte Dimicus etwas losgetreten, was in einem Wortduell zwischen Jeelen, Urako und Gasmi endete. Er selbst sprach kein Wort mehr und beobachtete das Schauspiel vor ihn. Zwar rückte Urako mit jedem Wort weiter hinab in Dimicus' Gunst, doch vermutlich legte es der Tiefling nicht darauf an, dass Dimicus ihn mögen lernen könnte.


    Der Konflikt erreichte im nächsten Augenblick seinen nächsten Höhepunkt. Dimicus blickte neugierig auf, als er die beiden Zentauren sah, wie sie feststellten, was für eine Art von Organisation eigentlich waren. Ein offensichtliches Sicherheitsrisiko und obendrein eine Gefährdung des Gildengeheimnisses. Mit den Zentauren gingen die Pferde durch und sie flohen in Richtung der Stadt. Dimicus witterte eine Möglichkeit, sich auszutoben und seit langer Zeit wieder Blut zu vergießen. Im Namen der Kunst und seines eigenen Wohles. Es juckte ihn bereits in den Fingern.


    Was dann geschah, war abzusehen. Jeelen beklagte sich und warf Urako als auch Dimicus einen gewollten Schaden vor. Dimicus selbst blieb gelassen, denn in Panik zu verfallen wäre ein tödlicher Fehler für die Gilde. Ein seltsamer Haufen voller Wesen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Fraglich blieb, was nun geschehen würde. Vorerst folgte Dimicus seinem „Leitwolf“ und schritt mit ins Büro. Dort wurde seine Anwesenheit jedoch kaum gewürdigt und der Befehl war schließlich eindeutig. Die beiden Zentauren mussten zum Schweigen gebracht werden.


    Allerdings fiel diese Aufgabe vollends Urako zu. Ein wenig enttäuscht musterte Dimicus den Tiefling, ließ ihn aber ohne ein Wort oder Blick ziehen. Zu gern hätte er diese Aufgabe übernommen, allerdings sah er auch die Vorteile eines Tieflings. Urako war schneller bei den beiden Zentauren, als es Dimicus in die Stadt geschafft hätte. Offengestanden hätte sich Dimicus zuerst einen Plan zurechtlegen müssen, wie er einen von ihnen zu Fall bringen könnte. Von Zentauren wusste er beinahe nichts und noch weniger hatte er eine Ahnung, wie er mit ihnen umspringen sollte. So war es eindeutig die bessere Wahl, Urako zu schicken.


    Stattdessen verließ Dimicus die Schreibstube und widmete sich an Jeelen. Seine Bitte war einfach: Er wollte seine Ausrüstung bekommen und sich anständig ankleiden. Vielleicht missmutig kam der Goblin dem nach, brachte Dimicus zu seiner Ausrüstung und ließ ihn darauf wieder allein. Als Jeelen außer Sicht- und Hörreichweite war, begann Dimicus seine Ausrüstung auf Vollständigkeit zu prüfen. Zum Glück fehlte nichts. Auch die Kiste mit seinem Ensemble wurde nicht angerührt. Mit diesem Wissen, welches sein Gewissen beruhigte, kleidete er sich an. Seine eigentliche Kleidung fand ihren Platz an seinem Körper. Darüber die Rüstung und die Waffen. Wurfmesser und Dolche waren griffbereit, falls es ein Notstand erfordern sollten.


    Sein Blick glitt darauf auf die Kiste am Boden. Vielleicht eine Armlänge lang, eine Hand hoch und eine Elle breit, wirkte sie wie eine einfaches Stück zum Transportieren von einfachem Gut. Behutsam nahm Dimicus diese Kiste auf seinen Schoß und überprüfte das Schloss. Den Schlüssel zog aus einer seiner Rüstungstaschen und schloss sie auf. Ein Augenblick der ihn mit einem Momentum der Erhabenheit füllte. Es war noch alles da. Ordentlich angeordnet und zusammengelegt, wie er es aus Drakenstein mitgebracht hatte. Es war wunderschön.


    Lang konnte er in diesen Gedanken aber nicht schwelgen. Schon bald hörte er Hufgetrappel durch die Gänge und offensichtlich hatte Urako bei seinem Auftrag Erfolg gehabt. Jedoch ohne Blutvergießen? Dimicus überzeugte sich selbst, nachdem er die Kiste verschlossen und verstaut hatte. Selbstredend verschwand der Schlüssel wieder in einer seiner Taschen, worauf er sich zur Schreibstube aufmachte. Er sah gerade noch das Hinterteil eines Pferdes in die Stube verschwinden, worauf er eifrig folgte und mit in den Raum trat. Leise schloss er die Tür hinter sich.


    Die Stimmung im Raum war eisig und angespannt. Mit Interesse folgte er den Gesprächen im Raum. Nach außen hin entspannt wirkend, lehnte er sich mit dem Rücken an der Wand neben der Tür und verschränkte die Arme vor der Brust. Dieses Drama das sich vor seinen Augen abspielte – er liebte es. Ohne Drama wäre das Leben nichts und das Drama gäbe es nicht ohne Ereignisse. Zwar hatte er nicht ein Zusammenkommen oder eine Entscheidung dieser Art herbeiführen wollen, doch geschehen war geschehen. Ohnehin hatte er als „Welpe“ in der Gilde keine Kontrolle. Jetzt blieb es dem Schicksal und des Willens der Zentauren, was nun geschehen sollte.

    Dankbar nahm Dimicus die Kleidung entgegen und zog sich sofort an. Nackt oder halbnackt durch die Räume zu laufen, war für ihn eine absolute Schmach und eine Unkultur noch dazu. Menschen die sich nicht vernünftig kleiden und den Anblick ihres Körpers für sich behalten konnten, zeugten nicht gerade von Manieren oder Etikette. Ob man das an diesem Ort überhaupt achtete? Noch konnte Dimicus das nicht richtig einschätzen, doch sein Bild sollte schon bald vollständig entstehen können.


    So folgte Dimicus dem Goblin durch die Gänge und zu ihrer ersten Station. Eine Schreibstube, ein Raum der sich für ihn schon vom Namen her allein lohnend anhörte. Dort wurde er von drei Personen begrüßt, wobei er eine davon bereits kannte. Seine Antwort belief sich auf ein knappes Nicken, seine Aufmerksamkeit richtete sich vorwiegend auf die Einrichtung des Raumes. Jedoch nichts Besonderes, was er letzten Endes als interessant einstufen konnte. Also war dieser Raum für Recherchen wohl nicht geeignet und um Finanzen wollte er sich ohnehin nicht kümmern.


    Die nächste Station war die Heilstube, in der ihn ein weiterer Goblin erwartete. Offenbar war er der Arzt der Gilde und flickte alle zusammen, was ihm auch als nächstes erklärt wurde. Auch hier nickte Dimicus nur knapp und blieb distanziert, besah sich jedoch mit großem Interesse den Raum. Ein Kabinett mit diversen Fläschchen und Ingredienzien erweckte seine Neugierde. Darin befanden sich sicherlich so einige wertvolle und nützliche Mittel, die man für den ein oder anderen Zweck gebrauchen konnte. Das merkte sich Dimicus vor, zugleich merkte er sich Pavo als Anlaufstelle für Fragen vor.


    Dann führte der Weg auch schon weiter und sie kamen in den Gemächern einer Frau namens Aino an. Die Anführerin, der große Kopf, hatte gerade die Gemeinschaft einer Lydia, Jeelens Frau. Seltsame Kombination. Alles in allem wirkte diese Organisation einer strikten Ordnung zu unterliegen, die keinen Raum für einen gewissen Aufstieg und Freiraum ließ. Drei Köpfe der Leitung, der Rest in einer strengen Hierarchie untergeordnet, aber dennoch einer festen Rolle zugewiesen. Beinahe wie im Militär. Dimicus hasste jede Art von militante Organisation. Doch damit würde er vorerst zurechtkommen müssen. Sie nannten ihn bis zu diesem Zeitpunkt Welpe und er war offensichtlich ganz unten in der Nahrungskette.


    Auch diese Beiden hatte er knapp aber höflich mit einem Nicken begrüßt. Anders machte er es anschließend nicht bei den Personen, die sich im Wohnzimmer aufhielten. Die Aussagen, allem voran seitens Seddik, nahm er schlichtweg hin und ignorierte er vorerst. Natürlich ohne es seinen Gegenüber wissen oder spüren zu lassen. Was allerdings das Wohnzimmer für ihn bot, war eine wahre Pracht an Büchern zu den verschiedensten Themen. An diesem Ort wollte er noch mehrere Male vorbeischauen, um die Literatur zu studieren.


    Wobei jedoch das noch das Interesse an den einzelnen Personen fehlte, erweckte der Anblick des Greifes im Hof seine Neugierde. Zugegeben, verhaltene Neugier, aber es war mehr als bei den Anderen. Einen Greif hatte Dimicus noch nie in seinem Leben sehen können, geschweige denn mit ihm sprechen. Nur Erzählungen und Geschichten hatten ihm davon berichtet, doch einen zu treffen stellte etwas gänzlich Anderes dar. Bei ihm verbeugte sich Dimicus gar, denn dieses Geschöpf war etwas Außergewöhnliches und in den Augen Dimicus' etwas Anmutiges. Er war sich absolut sicher, dass er bei Kariakin noch einmal öfter vorbeischauen werden würde.


    Schließlich führte sie ihr Weg zum Hinterhof, wo Dimicus sehr illustre Gestalten antraf. Einen Tiefling, definitiv nicht aus dem schönsten Holz geschnitzt, welcher sich als Urako vorstellte und ungefragt Dimicus' Hand packte. Jedoch ließ sich dieser davon gar nicht beeindrucken und zuckte kein Stück zurück, auch wenn er ihm nur ein höfliches Nicken zukommen ließ. Offenbar waren er und dieser Gasmi verbandelt. Einen anderen Grund für seine Aussage und seine Blicke waren unwahrscheinlich. Scheinbar jemand der eifersüchtigen Sorte, der sich selbst kaum leiden konnte und aus dem Grund seine Unsicherheit auf seinen Partner übertrug. Das wurde mit ihm sicherlich noch lustig.


    Schon im nächsten Augenblick kamen zwei Zentauren herbei. Einer wesentlich größer und kräftiger als der Andere. Über Zentauren hatte Dimicus kaum etwas erfahren, auch wohl aufgrund des wohl fehlenden Anlasses. Dennoch musste er zugeben, dass diese Wesen durchaus faszinierend waren. Allein schon, dass mit ihnen der Geruch eines Pferdes die Bühne betrat, war auf seltsame Art und Weise komisch. Wirklich genau erklären konnte sich das Dimicus nicht, wobei ein logischer Grund bestand.


    Jedoch fanden sich im nächsten Moment ein Huf vor seiner Nase, der andere des kleineren Zentauren auf seiner Brusthöhe. Dimicus blinzelte nur und machte einen höflichen Schritt zurück, um nicht schon im nächsten Moment umgeworfen zu werden. Interessantes Zusammensetzung dieser Gilde, wahrlich. Auch wenn die Zentauren nicht direkt dazu gehörten.


    Plötzlich wendete sich der halbnackte Tiefling mit einer Frage an Dimicus, welcher zuerst abwägte, ob er ihn wirklich mit einer Antwort bedachte. Des Friedens Willen, rang er sich letzten Endes doch dazu durch. „Ich mich nützlich machen? Wie jeder Andere auch, der sich als ein Geist zählt. Allerdings lasse ich meine Taten sprechen, denn selbst die besten Poeten könnten mit ihren Worten nicht die Frucht meiner Arbeit einfangen. Allerdings...“


    Dimicus Blick glitt zu Gasmi, welcher ihm als bester Nahkämpfer und Schlössknacker vorgestellt wurde. Ihm war es bewusst, was es vermutlich in Urako auslösen konnte, doch war ihm das für den Moment egal. „Würde ich Euch, Gasmi, um ein zeitnahes Gespräch bitten. Da ich ein frischer Teil der Geister bin, könnte ich ein Training gebrauchen. Ich muss meinen Horizont erweitern.“

    Shazeem und Dimicus unterhielten sich noch eine Weile über ein paar Pläne und wie es von nun an weitergehen sollte. Dimicus war totgeglaubt, jedoch würde ein Auftauchen seines Gesichtes in der Öffentlichkeit für Unruhe, Angst und wenn nicht sogar sofort einen Angriff nach sich ziehen. Sie besprachen, dass er sich nun bedeckt halten und wenn möglich nur nachts auf die Straßen gehen sollte. Überhaupt durh die Straßen zu wandern, war ein zu großes Risiko. Wenn er nicht geschnappt oder gar getötet werden wollte, musste er von nun an noch vorsichtiger sein. Dieser Zustand kam ihm aber auch gelegen, denn so suchte man nicht nach ihm. Aus langer Sicht gesehen, würden die Menschen sein Gesicht vergessen und er sich ohne Angst bewegen können.


    Im nächsten Moment betrat Emilia den Raum, dich gefolgt von dem schwarzen Kater des Wirtes. Er hing auf ungewöhnliche Art und Weise sehr an ihren Fersen und umkreiste ihre Beine, als ob er sie beschützen wollte. Seltsam. Zu keiner Minute ließ er ab, als Emilia sich nun auch zu Shazeem und Dimicus an den Tisch setzte. Als Dimicus seine Gefährtin mit einem liebevollen Lächeln bedachte und er zu einem ihr gebührenden Handkuss ansetzte, ging der Katzer plötzlich auf ihn los! Ein lautes Fauchen ertönte und schon punktierten scharfe Krallen sein Bein. Vor Schmerz stöhnte Dimicus auf, Shazeem begann zu lachen. Umliegende Köpfe drehten sich zu dem Spektakel, zu gleichen Teilen verwundert und belustigt. Um sich dieser Attacke zu erwehren, blieb Dimicus nichts Anderes übrig, als den Kater an seinen Flanken zu packen und von sich zu ziehen. Gregorius schlug mit seinen Pfoten nach ihn aus, fauchte und knurrte wie es sein kleiner Körper nur zuließ.


    Dimicu versuchte seinen Kopf von den Krallen fernzuhalten und den Kater nicht entwischen zu lassen. Was von außen vielleicht einfach aussah, bildete für ihn eine wahre Herausforderung. Jemand umzubringen war dagegen ein Klacks. Mit großer Mühe und Not bugsierte er den Kater zum Wirt, der ihn fragend anschaute. "Was ist denn in den gefahren?", fragte er selbst verwundert und nahm Dimicus den Kater ab. Allerdings hörte Gregorius nicht auf, sondern versuchte weiter auf Dimicus loszugehen. "Entschuldige, ich weiß echt nicht was in ihn gefahren ist", erklärte der Wirt und brachte den Kater weg. Womöglich in sein Zimmer oder zumindest weit weg. Mit einem Nicken bedankte sich Dimicus und kehrte zurück zum Tisch, an dem Shazeem Emilia wohl gerade mit seinen Worten beglückte.


    " ... legt sich ganz schön ins Zeug für dich. Hat er dir schon Avancen gemacht?", hakte er bei ihr nach und grinste verschmitzt. Was Shazeem wohl lustig fand und stets aufbohrte, war für Dimicus nicht mehr als eine unangenehme Fragerei. Gerade als sich Dimicus wieder an den Tisch setzte und Shazeem mit einem bösen Blick anfunkelte, hob dieser unschuldig die Hände. "Ist ja gut, ist ja gut. War nur 'ne Frage. Mein Gott bist du verklemmt. Ich lass euch beiden Täubchen ja schon allein", erklärte er beschwichtigend und erhob sich von seinem Platz. "Zu viel Zeit solltest du dir aber nicht lassen, scheinst ja Konkurrenz zu haben." Mit diesen äußerst schlagfertigen Worten verabschiedete er sich mit einem Salut und zog sich in Richtung der Quartiere zurück.


    Als der Tamjid endlich weg war und sie ihre Ruhe hatten, fiel der Blick Dimicus auf den silbernen Armreif, der auf dem Tisch lag. "Mir ist klar, dass du das eigentlich nicht so magst, aber ich habe etwas Besonderes für dich." Damit deutete Dimicus auf den Armreif und die dort eingravierten Worte. Die Katze die mit der Rose spielte. "Hoffentlich gefällt dir das Stück optisch, denn es ist einzigartig, auf eine Weise, die du noch nicht erkennen kannst", sprach er langsam, damit Emilia seine Lippen lesen konnte. Sein Herz schlug schnell in der Hoffnung, es würde funktionieren und Emilia wäre nie wieder auf dieses Talent angewiesen. Mit einem zögerlichen Nicken griff er ihre Hand und lächelte sie dabei an. Ein schüchterner Bube mit fünfzehn Jahren hätte es nicht besser gekonnt.


    Darauf griff er mit der Anderen den Armreif und begann, diesen Emilia anzulegen. Er war für den Oberarm gedacht und zu seinem Glück hatte er sich auch nicht in den Maßen verschätzt. Kaum saß der Reif an der gewünschten Stelle, umschloss Dimicus die Hand Emilias und blickte ihr neugierig entgegen. Er versuchte jeden einzelnen Zug und jede Regung zu erfahren, welche vom Erfolg oder Misserfolg des Artefakts sprechen sollte.

    Noch immer brummte der Kopf Dimicus', als er aus seinem Schlaf erwachte. Das Auslesen seiner Gedanken und die Mühen der vergangenen Tage hatten ihren Tribut gefordert. Obendrein war er nun an einem völlig fremden Ort, den er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz einschätzen konnte. Fraglich blieb es nur, wie lang er dort bleiben würde und was nun geschehen würde. In seinem Hinterkopf schwante ihm seine Aufgabe, für die er überhaupt aus Drakenstein geflohen war. Damit Bilder vom geliebten Blut und seiner Hand, an dem es klebte.


    Nachdem sich Dimicus aufgerafft und auf die Bettkante gesetzt hatte, vergrub er sein Gesicht in seine Hände und summte leise eine Melodie vor sich her. Diese ganzen Ereignisse waren zu viel auf einmal und wie er alles bewerkstelligen sollte, blieb ihm zu diesem Zeitpunkt ein Rätsel.


    Jedoch wurden seine Gedanken und sein Summen sofort unterbrochen, als sich die Tür öffnete und ein Goblin durch die Tür schritt. Grün in seiner Farbe und üblich klein für sein Volk, stapfte er durch das Zimmer und grüßte ihm zum Morgen. "Morgen", entgegnete Dimicus und besah sich das Tablet und das Wesen welches sich als Jeelen vorstellte. Eines musste man dieser Gilde lassen - sie waren vielfältig ausfgestellt und jeder schien Zuflucht finden zu können.


    Die restlichen Worte des Goblins nickte Dimicus vorerst noch ab, sein Magen knurrte und er verlangte nach etwas Essbarem. Aus diesem Grund kam ihm das Frühstück mehr als gelegen und er langte sofort zu. Die geschmierten Brote, das Ei und der Kaffee verschwand unglaublich schnell in Dimicus. Kaum hatte Jeelen sie auf das Bett abgestellt, war Dimicus darüber hergefallen.


    Erst als er die wohlwollende Fülle in seinem Bauch wahrnahm, dicht gefolgt von der Wärme des Kaffees, fühlte er sich in der Lage, auf die Worte Jeelens einzugehen. Dieser schien geduldig gewartet zu haben und keine Antwort zu verlangen. Stattdessen stand er seelenruhig daneben und schaute ihn an. Nun schaute Dimicus allerdings zurück und antwortete auf die letzte Frage Jeelens: "Mein Name ist Dimicus. Und danke für das Frühstück. Es hat gut geschmeckt. Zu gern würde ich Euch durch die Hallen und in die Stadt folgen, allerdings gibt es da ein kleines Problem." Damit deutete er auf seinen halbnackten Körper.

    Aufmerksam hörte Dimicus den Worten der alten Hexe zu. Allerdings wurde er herb enttäuscht, als sie davon berichtete, nicht zu wissen wie man einen Fluch umkehrte. Wobei Dimicus durchaus bemerkte, dass etwas nicht stimme und sie vor ihm verbarg. Doch so wie er sie einschätzte, brachte Bohren und Betteln bei ihr nichts, weswegen er dieses Thema auch fallen ließ. Dafür wurde er mit erfreulicher Kunde überrascht, was seine zweite Bitte anbelangte. Also gab es zumindest einen Hoffnungsschimmer für Emilia, welcher ihr einen Großteil der Lebensfreude wiedergeben könnte.


    Zwar zuerst zögerlich stimmte er den Bedingungen der Hexe zu, doch eine andere Wahl hatte er nicht. Zudem war es für das Wohl Emilias und sie würde sicherlich verstehen, wenn er ihr im Nachhinein alles berichtete. Um die Untersuchung kümmerte sich die Hexe, alles Andere musste Dimicus selbst erledigen. Das sollte kein Problem darstellen, Vermögen besaß er noch ausreichend. Zudem die Überbleibsel Rakshors, um die die Hexe bat. Damit formte sich bereits ein Plan in seinem Kopf, welcher hoffentlich nach allem erfolgreich sein würde.


    „Einverstanden“, erklärte er also gegenüber der Hexe. „Lasst mich alle Materialien besorgen, wenn Ihr in einer Woche da seid, solltet Ihr alles von mir bekommen können. Währenddessen nehmt Euch Emilia ruhig genauer vor. Sie wird wohl nichts dagegen haben. Vielleicht hilft es, wenn Ihr ihr sagt, dass ich die Untersuchung erbeten habe, um ihre Gesundheit zu überprüfen. Dann wird sie sicherlich auf Euch hören.“


    Mit diesen abschließenden Worten verließ die Hexe den Raum und ließ Dimicus allein zurück. Er selbst stand auf und kleidete sich in voller Montur. Dabei schritt er letzten Endes zu der Kommode, auf der das Glas Rakshors lag. Da fehlte doch ein großes Stück! Sofort kam ihm Emilia in den Kopf, welche zuvor schon nach dem Glas gegriffen und es neugierig umfasst hatte. Das Stück musste wieder zurück in seinen Besitz und an die Hexe gelangen. Damit würde sie sich zufrieden geben. Doch bevor er sich darum kümmerte, Emilia das Stück abzuluchsen, schnappte er sich einer der kleineren Splitter und ließ ihn in seine Tasche verschwinden.


    Danach ging er zum Bett und untersuchte die Stelle, an der Emilia als Katze gelegen hatte. Die Katzenhaare zu finden, war also kein Problem. Sorgsam klaubte er sie auf und ging sicher, dass kein anderes Haar dazwischen gelangte – was im Übrigen eine Präzisionsarbeit war. Diese verstaute er sicher in einer seiner Taschen, die er zuvor leer räumte. Dann begann der schwierige Teil seines Auftrages.


    Zuerst brachte Dimicus den Splitter zu einem Goldschmied der Stadt. Dieser begutachtete das Stück und zog einer seiner Augenbrauen nach oben, als Dimicus sein Anliegen vortrug. Es sollte in einem silbernen Armband eingearbeitet werden, welches sich um den Oberarm Emilias schmiegen sollte. Zudem sollten eingravierte Worte das Band zieren. „Die Katze die mit der Rose spielte“, erbat Dimicus, worauf die Augenbraue des Goldschmiedes gen Decke ging. Doch nachdem er die durchaus großzügige Bezahlung für das Stück sah, verstummte seinen Zweifel und er nahm den Auftrag an. Als er nach einem Namen fragte, legte Dimicus ein paar zusätzliche Münzen drauf, um seine Neugierde zu stillen.


    Der Schmied versprach von einer Fertigstellung innerhalb der nächsten Tage, weswegen Dimicus zu seiner nächsten und durchaus schwierigeren Aufgabe kam. Die Löwenhaare. Drei Tage brütete er an der Idee, wie er sie der Löwin abnehmen konnte, ohne selbst dabei gefressen werden oder einen fragwürdigen Blick zu bekommen. Mit dieser Frage richtete er sich an Shazeem, der zwar etwas perplex schaute und nachfragte, wie er denn auf diese hirnrissige Idee käme, aber Dimicus dann doch sein Werk verrichten ließ. Er kam sogar mit der rettenden Idee. Ein geplanter und gespielter Überfall, bei dem er Männer nutzte, die durchaus entbehrlich waren. Dafür schuldete Dimicus Shazeem aber eine Runde, was ihm ganz recht kam. Also wurden die Details geklärt und eine Abmachung getroffen, am nächsten Tag sollte es losgehen. Vorher besorgte Dimicus noch einige neue Kleidungsstücke für Emilia, die leichter waren und ruhig zerschlissen werden konnten.


    Am darauffolgenden Tage lud er sie ein, mal wieder etwas außerhalb der Stadt zu unternehmen. In den Wald zu gehen und die frische Natur zu genießen. Von Emilia wurde das offensichtlich mit großer Begeisterung aufgenommen, schließlich war es schon lang her, dass sie in die Wälder kommen konnte und versprach hoch und heilig, dieses Mal besser auf sich aufzupassen. Mit einem Grinsen streichelte er ihr über das Haupt und gab ihr die Kleidung die er ihr zuvor besorgt hatte. Die könne ruhig schmutzig werden und wäre für sie angenehmer zum tragen, erklärte er. Sie zuerst misstrauisch, schlug dann aber ein und zog sich um.


    Sie machten sich dann auf den Weg durch die Stadt und wie Emilia es gewohnt war, mehr durch Gassen und abgelegene Teile der Stadt Drakenstein. Was sie nicht wissen konnte war, dass Dimicus sie direkt in eine Gasse führte, in dem Shazeems Männer bereits warteten. Kaum waren sie in der Mitte der Gasse angekommen, traten sie sowohl vor als auch hinter ihnen aus den Schatten. Verkleidet als schmutzige Banditen und mit dreckigem Grinsen im Gesicht, schnitten sie ihnen den Weg ab. Sie rissen dreckige Witze, erklärten sie wollten ihren Besitzt und Emilia als Objekt ihrer Lust haben.


    Dimicus wandte sich an Emilia und blickte sie an. Stumm bewegte er seine Lippen, erklärte dass es zu viele waren und sie nicht entkommen könnten. Auch wenn es ihm leid täte, dass er ihre Löwengestalt bräuchte, um aus dieser Situation heraus zu können. Diese war völlig verunsichert, gab darauf aber nach und verwandelte sich vor den Augen der vermeintlichen Banditen in eine Löwin. Perfekt für Dimicus. Die Männer wichen zurück, als die Löwin zu knurren begann. Auch Dimicus hatte Respekt davor, und machte anfangs ein paar Schritte zurück. Doch das war seine Gelegenheit. Mit einem festen und doch zugleich zärtlichen Griff strich er ihr durch das Fell auf dem Rücken, worauf er ein ganzes Büschel an Löwenhaar in der Hand hielt. Dieses ließ er gleich in einer seiner Taschen verschwinden. Dabei sprach er zu den Männern, das es offensichtlich eine schlechte Idee wäre, sie anzugreifen. Emilia schritt währenddessen langsam auf sie zu. Sie ließen es sich nicht zwei Mal sagen und flohen auf der Stelle.


    Darauf hatte Dimicus Mühen, Emilia zu besänftigen und erst recht den Respekt vor dem Hunger, welcher sich in ihren Augen spiegelte. Offensichtlich bekam sie bereits die ersten Gedanken und nur mit besänftigenden Worten, zudem Abstand zu Emilia halfen, sie wieder auf klare Gedanken zu bringen. Die Situation hätte ihm das Leben kosten können, doch war sie notwendig. Die Fetzen der Kleidung Emilias lagen auf dem Boden und so blieb ihr nichts Anderes übrig, als sich in eine Katze zu verwandeln und zu ihrem Zuhause zurückzukehren. Offensichtlich betrübt folgte Emilia Dimicus zurück, wobei sie selbst bei der Ankunft keine Worte übrig hatte. Statt mit ihm zu sprechen, begann sie wieder einmal als Katze durch die Gänge des Untergrundgasthauses zu streifen.


    Innerlich tat es Dimicus leid, doch manchmal musste man Opfer bringen, um Großes zu erreichen. Und wenn er Emilia erst das Artefakt geben würde, verstand sie es sicherlich. Ab da waren es zwei Tage warten und weitere Vorkehrungen treffen. In der Zwischenzeit besorgte er das Armband vom Schmied, welches tatsächlich ein wahrlich schönes Stück geworden war. Dankend hatte sich Dimicus verabschiedet und kaum in der gemeinsamen Unterkunft angekommen, legte er alle für die Hexe benötigten Sachen zusammen in einen Beutel.


    Ab diesem Zeitpunkt hieß es warten. Kurz bevor die Hexe zwei Tage später erschien, stahl Dimicus den großen Glassplitter aus Emilias Kleidung, als sie als Katze herumschlich. Damit waren die geforderten Materialien beisammen und für die Hexe bereit. Als diese dann auch kam, überreichte er ihr die Gegenstände. Sie nickte zufrieden und wies darauf hin, mit ihrer freundlichen Art und Weise, dass die Fertigstellung bis zu einer Woche dauern könnte. Zum Abschluss ihres Besuchs untersuchte sie ihn erneut und verließ schließlich wieder das Zimmer.


    Darauf begann für die Verhältnisse Dimicus' eine ruhige Woche. Während er wartete und sich noch von den Nachwehen seiner eigentlichen Hinrichtung erholte, versuchte er mit wenig Erfolg Bücher und Informationen über die Flüche der Götter aufzutreiben. In einer Stadt wie Drakenstein wurde sich mit solchen Dingen offensichtlich kaum befasst und selbst die Bibliothek der hiesigen Akademie bot kaum das Material was er brauchte. Zu seinem Bedauern. Also musste er mögliche Quellen finden, in denen er die nötigen Informationen zusammentragen konnte.


    In der Zwischenzeit ging Dimicus mit Emilia aus. Der versprochene Waldspaziergang musste noch wiederholt werden, wenn auch mit Misstrauen und Angst seitens Emilia. Doch kaum waren sie dieses Mal aus der Stadt heraus, genoss sie scheinbar die Landluft und tollte wie gewohnt über die Felder und durch den Wald. Glücklicherweise kam es zu keinen Vorfällen und sie konnten alles in Ruhe ihre Zweisamkeit genießen. Auf dem Rückweg musste er zudem mal wieder einer ihrer begehrten Süßigkeiten kaufen, weil sie einfach zu einem Stand gelaufen war und sich ein Stück der dargebotenen Naschereien in den Mund gesteckt hatte. Mit den größten Augen die er je zu Gesicht bekommen hatte, schaffte es Emilia ihn zu überzeugen und er kaufte ihr eine Tüte von dem Süßkram.


    Auf diesem Wege verging die Woche schnell und Dimicus fand zu seiner alten Stärke zurück. Die Zeit mit Emilia war schön und sie tat auch viel dafür, dass er sich regenerieren konnte. Mit einiger Zeit, was auch anfangs etwas befremdlich wirkte, schlief sie in ihrer menschlichen Gestalt neben ihm. Ein seltsames und doch wohliges Gefühl. Sie schien ihn immer mehr zu vertrauen und seine Nähe zu genießen. Ein wahrlich unbekanntes Gefühl für ihn, allerdings auch Etwas, was ihm Wärme lehrte und sie immer mehr in seine Seele führte.


    Vor einem Tag hatte die Hexe Dimicus das Artefakt mit einem zufriedenen Lächeln vorbeigebracht und zugesichert, dass alles funktionieren würde wie geplant. Emilia müsse es nur einmal anlegen und schon würde sich der Effekt zeigen. Sie müsse es dann nicht dauerhaft tragen, sondern es reiche dann auch, wenn sie es in ihrer Nähe behält. Mit Freude die Dimicus nicht verbergen konnte, hatte er sich bei ihr bedankt und verabschiedet.


    Nun saß er nachdenklich und mit einem gewissen Gefühl der Vorfreude an einem Tisch des Gasthauses. Ihm Gegenüber saß Shazeem, der genüsslich sein Bier trank, welches er von Dimicus ausgegeben bekommen hatte. „Und du bist dir sicher, dieses magische Zeugs funktioniert? Nicht dass sie sich dann, sobald sie es anlegt, in ein rasendes Monster verwandelt und jeden hier drin umbringt“, merkte Shazeem an, welcher Dimicus mit einem unsicheren Blick betraute.


    Dimicus hingegen nahm es gelassen und vertraute der Hexe, die Shazeem schließlich auch angeheuert hatte. „Du hast sie dafür bezahlt, dass sie herkommt und mich behandelt. Letztendlich hast du ihr das Vertrauen gegeben keinen Schaden anzurichten. Was soll ich sagen? Sie ist ihrer Arbeit zur Gänze nachgekommen.“


    „Ja, natürlich. Sie sollte dich heilen und wieder auf die Beine bringen. Es war aber nie die Rede davon, für dich ein Artefakt anzufertigen! Wir werden sehen. Wenn es Tote gibt, geht das auf deine Kappe. Ich hoffe für dich, dass diese Hexe keinen Mist gebaut hat, Kleiner.“ Der Tamjid prostete Dimicus zu und trank einen großen Schluck seines Bieres.


    Natürlich war es für Dimicus auch nicht einfach, dieser Hexe zu vertrauen, doch es war einen Versuch wert. Seinen Recherchen nac, sollte das Artefakt, sofern richtig hergestellt, keinerlei Nebenwirkungen besitzen. Für ihn war es wichtig, dass einer der größten Wünsche Emilias in Erfüllung ging.


    Allerdings hieß es warten, bis Emilia wieder zurückkehrte. Dimicus hatte ihr etwas zu ihren Verdiensten als Kellnerin dazugegeben. Sie wollte damit in die Stadt etwas einkaufen gehen, hatte aber verschwiegen was genau sie besorgen wollte. Geduld war nun angebracht, auch wenn es Dimicus gar nicht früh genug ausprobieren konnte, ob das Artefakt seine Wirkung entfalten würde.