Die Botschaft der Toten
Kalte Winde heulten durch die östliche Einöde, als unser Trupp sich auf den Weg machte, um die Toten zu bestatten. Die Landschaft lag wie ein welliges Meer vor uns, das von Horizont zu Horizont reichtem, getupft in Grau, Grün und Weiß. Eine Decke aus bleigrauen Wolken hing schwer über allem.
Ich war Teil dieser Kompanie. Während des schier endlosen Marsches dachte ich zu viel nach. In mir wuchs das dringende Bedürfnis, mich als Eisenfalke zu beweisen. Im Moment erfüllte ich jedes Klischee, das auf einen Halbork zutraf, war unzuverlässig und feige. Und wenn man Rex Glauben schenkte, brachte ich sogar Unglück über Garlyns Geldbeutel. Doch der Gedanke an die Orks, die ich ausspionieren sollte – die Gesichter meiner Vergangenheit – erstickte jeden Mut. Ich ballte die Fäuste, als ich mich fragte, wie war Garlyn überhaupt auf diese Idee gekommen war. Wollte er mich bloßstellen oder wollte er mich quälen? Ich konnte ihm nicht helfen! Die Erinnerung an meine Zeit bei den Skunks war wie Gift. Ich war damals aus gutem Grund geflohen, wie er sehr gut wusste. Und während ich marschierte, zitterten meine Finger nicht von der Kälte.
Für die Sicherheit unserer Kolonne waren einige Kundschafter zuständig, die ausgeschwärmt waren und das Ödland durchstreiften. Während ich neben Mauli herging, beschloss ich, das Schweigen zu beenden, das mir nicht guttat. Seit unserem kurzen Disput hatten wir beide kein Wort mehr miteinander gesprochen. Es war Zeit, etwas daran zu ändern. «Bist du noch sauer?», fragte ich mit einem vorsichtigen Grinsen.
Sie grinste breit zurück und zeigte mir die Pracht ihrer gelben Zähne. «Unsinn!»
«Gut», sagte ich erleichtert. Nicht, dass ich etwas anderes erwartet hatte. Mauli war weder zickig noch nachtragend. «Dann kannst du mir ja helfen, etwas gegen die Langeweile zu unternehmen und dich mit mir unterhalten. Was denkst du eigentlich über Orks?», wollte ich wissen.
Sie sah mich an, ihre Augen waren klar und durchdringend. «Was soll ich schon denken? Sie sind wie Tiere, genau wie wir, wenn wir uns im Kampf verbeißen. Sie haben unsere Leute getötet und waren harte Gegner. Ansonsten habe ich nichts über sie zu sagen. Warum fragst du?»
Ich überlegte, ob ich ihr wirklich antworten wollte, denn ich war der Meinung, dass ihr das klar sein müsste. Aber ich wollte nicht streiten, sondern mit ihr reden, also entschied ich mich für eine Antwort. «Sie sind Teil von mir, Mauli. Nicht nur Teil meiner Geschichte, sondern ein Teil von mir selbst, den ich nicht loswerden kann.»
«Und jetzt machst du dir Sorgen, dass ich dich mit ihnen in einen Topf werfe?»
«Rex ist dieser Meinung. Du hast viel Zeit mit ihm verbracht.»
Ihre Stirn runzelte sich unter dem Helm, während sie neben mir marschierte. «Du und ich, wir sind vom ersten Tag an Freunde gewesen. Du bist nicht wie diese Orks, denn du bist hier bei uns. Das ist deine Wahl! Abgesehen davon ist es sowieso ein anderer Stamm. Du hast uns ja erklärt, dass die Skunks nicht plündern, sondern von der Jagd und vom Handel leben.»
Der Gedanke kreiste in meinem Kopf, es klang verlockend, als Halbork bequem wählen zu können, ob man als Mensch leben wollte oder wie ein Ork, doch so einfach war es leider nicht. «Ich bin fortgelaufen, aber ich fühle trotzdem eine Zerrissenheit in mir, Mauli. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich mich hier fehl am Platz fühle. Genau wie damals bei den Orks.»
Maulis Miene blieb ernst. «Das ist doch ganz einfach, es sind deine Gedanken, die es kompliziert machen. Du gehörst weder zu den Orks noch zu den Menschen, sondern zu den Eisenfalken! So wie Cherax, so wie ich. So wie jeder hier! Unsere Herkunft ist egal. Du hast dich für dieses Leben entschieden. Garlyn zweifelt nicht an dir und ich werde auch nicht damit anfangen, bloß weil Rex es tut.»
«Trotzdem meint Garlyn, ich könnte einfach so zu diesen Orks spazieren und sie fragen, wer sie sind. Ich habe seine Bitte abgelehnt.»
«Ach. Dein Gewissen macht dir zu schaffen!»
Ich nickte. «Er verlangt zu viel von mir. Wenn ich diese Orks sehe, dann… dann kommen all die Dinge zurück, vor denen ich davongelaufen bin, all das Unrecht, das sie mir angetan haben. Und du malst dir nicht aus, welche Methoden sie alles kennen, um Halborks umzubringen. Oder was sie sonst noch mit uns anstellen.»
Sie lächelte. «So geht es vielen von uns. Wir alle hatten ein Leben vor den Eisenfalken, das wir in der Ferne zurückgelassen haben. Wir alle tragen unsere Vergangeheit im Gepäck und sie kann schwerer Ballast sein. Hat Cherax dir mal erzählt, weshalb er hier ist?»
«Er hat angedeutet, dass er von seinem Stamm verbannt wurde. Trotzdem nennt er sich immer noch Cherax von den Sandvipern.»
«Weil er die Hoffnung nicht aufgegeben hat, eines Tages zurückzukehren. Er ist so heimatlos wie du. Auch er ist zerrissen und ich bin es auch manchmal. Du bist nicht allein.» Mauli legte mir eine Hand auf die Schulter. «Und wir stehen zusammen. Rex kann gern seine Meinung von dir haben, aber ich habe meine eigene.»
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.
«Und jetzt pack deine Sorgen und schau nach vorn», sagte sie. «Siehst du? Dort geht Alvashek auf.» Und tatsächlich: Das Grau der Wolken öffnete sich und gab den Blick auf das Morgenrot frei. Es war das erste Mal seit Langem, dass ich wieder ein Stück Himmel sah. Der Winter näherte sich dem Ende und bald würde das Eis tauen. Mauli gab mir einen freundschaftlichen Knuff und löste sich von mir. Wir marschierten nebeneinander weiter. Ich hörte das knirschende Geräusch unter meinen Stiefeln, als ich durch den vereisten Schlamm stapfte. Die Wolken zogen fort und der beginnende Tag leckte den Raureif vom Gras. Ich konnte die ersten zarten Versprechungen des Frühjahrs riechen – frische Erde, die aus dem Winterschlaf erwachte.
Der Wind blies immer noch schneidend, aber er hatte die Schärfe verloren, die er in den vergangenen Tagen hatte. Ich konnte es fast fühlen – das Leben, das sich von irgendwo tief unten, aus den Wurzeln, seinen Weg nach oben suchte. Am Rand der Wiese, die wir durchquerten, konnte ich die ersten Frühlingsblumen sehen – Blausterne, die sich aus der Erde schoben und dem Winter trotzten.
Mauli entdeckte sie ebenfalls. «Seht ihr das?», fragte sie die anderen. «Frühling. Hätten wir bei dem letzten Gefecht gedacht, dass wir das noch erleben?»
«Hier gibt es keinen Frühling», warf Cherax ein. «Nur eine Pause zwischen den Wintern.» Als Troll war er das heiße Klima des Südens gewöhnt, das keinen Winter kannte, nur Regenzeiten.
«He, Doriq», rief Mauli. «Es wird Frühling!»
Der Unteroffzier, der den verletzten Nubaru vertrat, zuckte mit den Schultern, in seinem Blick lag etwas, das ich nicht deuten konnte. Als wir uns der Region näherten, in welcher der Überfall stattgefunden hatte, verstummte auch der Letzte. Jeder versank in seinen eigenen Gedanken. Vielleicht dachten sie an die Toten, oder an die Heimat, an Frauen und Kinder. Vielleicht dachten sie an das Gold, das wir verdienen würden. Oder vielleicht an gar nichts.
Cherax zeigte nach vorn und sagte: «Dort.»
Alvashek, der jetzt hoch genug stand, tauchte alles in ein blasses, goldenes Licht, das den Schnee und den vereisten Boden zum Schimmern brachte. Doch für uns war dieser Ort kein friedlicher Anblick. Der Boden war aufgewühlt, die Blutflecken immer noch zu sehen. Eine dünne Schicht von Steinen bedeckten die Toten, nun würden sie vernünftig bestattet werden. Die letzten Schritte gingen wir langsam und andächtig.
«Hier haben sie unsere Leute überfallen», sagte Doriq.
«Und jetzt kommen wir zurück, um das zu holen, was uns gehört», knurrte Garlyn, der uns heute höchstpersönlich begleitete «Dort drüben errichten wir die Hügelgräber für unsere gefallenen Kameraden, den Kopf eines jeden in Richtung seiner Heimat ausgerichtet, ihre Füße zur Mitte hin, so dass sie einen Stern bilden.»
Wir nahmen die Spaten zur Hand und verteilten uns, um Steine aus dem gefrorenen Boden auszugraben, denn ein naridisches Hügelgrab bestand nur aus Steinen und sonst nichts. Wir schwiegen. Nur das Stechen der Spaten und das Schmatzen der Schritte war zu hören.
«Serak, du kommst zu mir», sagte Doriq.
Ich rammte meinen Spaten in die Erde und begab mich zu ihm. «Ja?»
«Dort hinten liegen die gefallenen Orks. Ich möchte sie ebenfalls bestatten, um keinen zornigen Hauch auf uns zu ziehen.» Der Hauch war das, was einem Körper sein Leben verlieh. Wer lebte, der atmete. Wer nicht lebte, der atmete nicht. Wer starb, hauchte sein Leben aus. Der Lebenshauch flog mit dem Wind davon, konnte aber auch zurückkehren. So glaubten es die Naridier und viele andere Völker. «Wie sind die Bestattungsriten der Orks, Serak?»
«Das ist bei jedem Stamm unterschiedlich, so wie es bei den Menschen von Volk zu Volk anders ist. Naridier haben Hügelgräber für die Helden, Almanen verbuddeln ihre Toten grundsätzlich in der Erde und Rakshaner bauen ihnen Häuser. Bei den Orks ist es genau so kompliziert.»
«Kannst du herausfinden, welchem Stamm sie angehören, damit wir nicht heimgesucht werden?»
Ich sah ihn scharf an, denn ich war sicher, dass diese Frage mit Garlyn abgesprochen war. «Du meinst, ich soll sie mir ansehen?»
«Du würdest uns helfen.»
Ich ballte die Fäuste und atmete tief durch. Alvashek stieg höher und malte Schatten über die verwüstete Landschaft, als wollte er die Gräuel, die hier geschehen waren, mit einem goldenen Schleier bedecken. Der Wind war angenehm mild. Ich freute mich über die Botschaft des Frühlings, doch sie konnte die Situation nicht erträglicher machen. Ich dachte daran, dass ich Garlyn schon einmal enttäuscht hatte und an die Vorwürfe von Rex. Und letztlich waren diese Orks ja schon tot. «Also gut», knurrte ich.
Doriq wirkte sichtlich erleichtert. «Soll dich jemand begleiten?»
«Nein, ich mach das schon.»
«In Ordnung. Dann Ausführung.»
«Ja, ja. Jawohl.»
Ich stapfte mit grimmigem Gesicht über die Hügelkuppe, der Boden war schmierig unter meinen Füßen. Im kalten Schlamm lagen die gefallenen Orks. Ich zögerte nicht, das hätte es nur schlimmer gemacht, sondern ging rasch zu ihnen, um möglichst wenig Zeit zum Nachdenken zu finden. Sie trugen Fellkleidung und von ihren Gürteln hingen verschiedene Trophäen, Tierschwänze, Klauen, Zähne. Mir wurde schwindlig bei dem Anblick, denn die Art, wie sie die Trophäen um die Hüfte trugen, war so vertraut. Ich nahm meinen Mut zusammen und drehte einen von ihnen auf den Rücken, so dass sein Kopf zurückfiel und ich mir seinen Hals besehen konnte.
«Das kann nicht sein», keuchte ich, während ich seinen nassen Fellkragen nach unten drückte. «Das ist unmöglich!»
Rechts, unterhalb des Ohres, trug der Tote die beiden Schnittnarben, die auch mich zu einem Mitglied dieser Rotte machten.
Es war, als hätte meine Vergangenheit mich verfolgt, eingeholt und als ob sie nur darauf warten würde, mich zu überwältigen und zu Fall zu bringen. Ich kehrte zu Doriq zurück und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. «Diese Orks können wir nicht gemäß ihren Stammesriten bestatten», sagte ich.
Doriq mahlte mit dem Kiefer. «Warum nicht?»
«Weil wir die Toten in ein bestimmtes Moor bringen müssten, hoch oben in der Tundra von Shakorz. Dort werden sie traditionell in die Tiefe gelassen. An manchen Tagen zünden die Toten Lichter an, die gelblich über das Moor züngeln, um die Lebenden zu grüßen oder zu warnen.»
«Ein anderes Moor geht nicht? Oder ein Sumpf?»
Ich schüttelte den Kopf.
«Und wenn wir sie stattdessen in der Erde bestatten?», hakte Doriq nach.
«Es ist ein besonderes Moor, ein heiliges Moor, in dem schon der Gründer des Stammes seine ewige Ruhe gefunden hat.»
«Wir müssen trotzdem eine andere Möglichkeit finden. Es steht außer Frage, extra mit einer Fuhre Leichen zu diesem fernen Moor zu reisen! Welche Alternative schlägst du vor?»
Ich brauchte nicht lange, um zu antworten. Von Berichten über Kämpfe zwischen den Rotten wusste ich, wie man mit toten Orks verfuhr, deren Bestattungsriten man nicht kannte oder nicht umsetzen konnte. «Wir sollten Betten aus Stein bauen und die Toten offen darauf niederlegen. Eine Einladung an die Überlebenden, ihre Gefallenen abzuholen und mitzunehmen. Falls sie das nicht tun, ist es nicht unsere Schuld, und der zornige Hauch kann irgendwen anderes heimsuchen.» Es war ein Trick, den sich wahrscheinlich ein Schamane ausgedacht hatte.
«In Ordnung. Männer!» Er rief sich eine Hand voll Leute zusammen, die sich darum kümmern sollten. Mich sparte er aus.
Ich stand sinnlos herum, unsicher, was ich fühlen sollte. Ohne Vorwarnung war die alte Wunde wieder aufgerissen worden, die Erinnerung an meine glücklose Jugend, an all die Ungerechtigkeit, und an Katax. Alles war wieder so gegenwärtig wie am Tag nach meiner Flucht.
Doriq gesellte sich zu mir, den Blick in die Ferne gerichtet, und bot mir wortlos eine Rauchstange an. Ich schüttelte den Kopf. Mir war gerade nicht nach dem Geschmack von Feuer im Mund. Er blieb bei mir und rauchte. Vielleicht nachdenklich, vielleicht resigniert, aber vielleicht fühlte er auch gar nichts. Der Mann war für mich schwer einzuschätzen. Garlyn, so schwierig und hinterlistig der Fuchs auch sein mochte, war mir lieber, weil ich ihn lesen konnte. Doriq blieb mir, wie die meisten Menschen, auf ewig ein Fremder.
Apropos Fuchs ...
«Unser Kommandant streunt über das Schlachtfeld. Warum ist er nicht in seiner Schreibstube geblieben?»
«Er kommt immer mit», sagte Doriq. «Um sich zu verabschieden.»
«Sicher? Er wirkt angespannt.»
Doriq ließ den Rauch zwischen seinen Zähnen entweichen. «Er hat gute Männer verloren.»
«Und somit gutes Geld», knurrte ich. Meine miese Laune machte mich vielleicht ungerecht. Doriq nahm die Rauchstange aus seinem Mund und starrte mich an. «Hüte deine Zunge.»
«Ist doch die Wahrheit», fauchte ich. «Er sitzt sich den Arsch breit und verdient an unserem Blut.»
«Willst du wieder Latrinen schrubben? Was ist los mit dir?»
Ich fletschte kurz die Zähne, wandte mich ab und schluckte unter größter Willensanstrengung ein animalisches Knurren herunter. «Die Orks.»
Als ich nicht gleich fortfuhr, sagte er:«Ja?»
Einige Male musste ich durchatmen, ehe ich wieder halbwegs klar im Kopf war. «Es sind Skunks. Meine alte Rotte.»
«Ah.» Doriq war ein unsensibler Klotz, der nun etwas beschämt die Rauchstange zwischen seinen Fingern musterte, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Ich nahm es ihm nicht übel, ich war selbst nur selten besser. Dass er keine Beileidsbekundungen aussprach im Angesicht toter Feinde war darüber hinaus wenig verwunderlich. Diese Orks hatten unsere Kameraden getötet. Das nahm ich ihnen genau so übel wie Doriq. Was mir zu schaffen machte, war die Frage nach dem Warum. Dass die Skunks hier waren, um Menschen anzugreifen, ergab keinen Sinn. Das hätte zu den Daraz’gord gepasst oder zu den Krokodilen, aber doch nicht die hinterwäldlerischen Skunks, deren Streitmacht geradezu lächerlich war. Wer hatte sie angeführt? Wer hatte sie in den Tod geschickt?
«Willst du es Garlyn berichten, oder soll ich?», fragte Doriq. Ich nahm den Versuch, fürsorglich zu klingen, zur Kenntnis. Er machte keine schlechte Arbeit, er gab auf seine Weise Acht. Nicht umsonst leitete er Trupp eins, unsere Sturmtruppe. Wahrscheinlich war er das wertvollste Pferdchen im Stall unseres Kommandanten, aber ich wünschte mir Nubaru her, der gerade im Lazarett herumlag und litt wie ein Hund. Hoffentlich war er bald wieder auf den Beinen.
«Ich sage es ihm selbst.» Besser, ich brachte es möglichst schnell hinter mich. So stapfte ich durch den Schnee, wobei ich es vermied, den Toten ins Gesicht zu blicken. Eine Anweisung, die Garlyn jedem Neuling gab. Er behauptete, ansonsten würden die Toten ein Stück von einem mit hinüber nehmen. In gewisser Weise hatte er Recht, denn der Blick eines Toten verfolgt einen oft sehr lange, manchmal für immer. Das muss niemand haben, und es fiel mir nicht schwer, diesen Rat zu beherzigen.
«Kommandant.»
Er fuhr herum, schneller, als angemessen schien.
Reflexartig nahm ich Haltung an, um ihn zu beschwichtigen. «Ich will Meldung machen zu meinen Beobachtungen.»
Er nickte gereizt.
«Es sind Skunks.»
«Deine alte Rotte?»
«Ja.»
«Das habe ich mir gedacht. Sie tragen die gleichen Narben unter dem rechten Ohr wie du.»
«Darf ich eine Frage stellen, Kommandant?»
Er wirkte nicht begeistert, aber nickte.
«Ist alles in Ordnung? Du wirkst angespannt. Kann ich irgendwas helfen?»
Er rang sich ein verkrampftes Grinsen ab, was wohl ein Lächeln darstellen sollte. «Die Tage sind kurz um diese Jahreszeit und die verdammte Erde ist gefroren, was uns viel Zeit kostet. Alvashek geht bald unter.»
Mit dem naridischem Glauben kannte ich mich nicht sonderlich gut aus. Ich wusste nur, dass sie – wenn sie überhaupt einem Gott gewogen waren – oft Ainuwar bevorzugten. Es war der Gott der Rationalität, ein kalter, berechnender Gott, dem man mathematische Gesetze und Formeln zuschrieb, aber auch alle anderen Naturgesetze. Dass die Natur einer gewissen Logik folgte, nahmen seine Anhänger als Beweis für Ainuwars Existenz. Seine Tempel waren ehrfurchtgebietend hoch, schmucklos und düster. Allerlei düstere Kulte waren aus ihren Gewölben gekrochen, aber auch geniale Gelehrte. Wenn ich mich recht entsann, hatte Garlyn nie über seinen persönlichen Glauben gesprochen. Vielleicht gehörte er auch zur Fraktion der Gottlosen, wenn man seine fürchterlichen Fähigkeiten im Rechnungswesen als Maßstab nahm.
«Wir könnten die Sturmlaternen aufstellen.» Wir hatten zu dieser Jahreszeit immer welche dabei, für den Fall, dass wir in einen Schneesturm gerieten, damit wir einander Orientierungspunkte setzen konnten.
«Licht wird niemanden schützen.»
Fragend legte ich den Kopf schief.
Er schüttelte den Kopf. «Ich habe zu viel gesagt. Belassen wir es dabei, dass man sich nach Sonnenuntergang nicht auf einem Schlachtfeld herumtreiben sollte.»
«Warum? Die Toten sind tot. Und wir sind allein in der Wildnis. Fürchtest du, dass einer von uns ein Nekromant sein könnte?» Ich grinste mit einem Mundwinkel, um den Scherz anzuzeigen.
«Es tut nichts zur Sache.»
«Ich wollte nicht hierher. Ich wollte keine Orks sehen und keine alten Wunden aufgerissen bekommen. Trotzdem bin ich deinem Befehl fast ohne Widerspruch gefolgt. Du schuldest mir was. Und damit meine ich nicht nur den ausstehenden Sold.»
Er kaute auf der Innenseite seiner Wange herum, während er zum Horizont sah, der sich langsam rosa färbte. «Du weißt vielleicht, dass ich über viele Jahre einer almanischen Strafkompanie zugeteilt war. Es ist in Almanien die übliche Art, mit Kriegsgefangenen und Sträflingen umzugehen. Anstatt sie in Gefängnissen einzupferchen, wo sie nur Geld kosten, müssen sie die gefährlichsten Aufgaben der Armee übernehmen. Als ich meine Strafe abgesessen hatte, bot man mir an, als freier Mann die Strafkompanie zu leiten. Ich stimmte zu, weil ich die Überlebenschancen meiner alten Kameraden erhöhen wollte. Und ich wusste, offen gestanden, auch gar nicht, wo ich sonst hätte hingehen sollen.»
«Warum nicht? Hattest du keine Familie, keine Freunde?»
Er stieß einen Laut aus, der vielleicht ein freudloses Lachen war. «Ich war in Naridien kein freier Mann, Serak. Ich war ein Waisenjunge, der als junger Mann eine harte Zeit durchlebte und schlussendlich in die Sklaverei geriet.»
Er zog sich den Schal vom Hals und zeigte mir seinen eisernen Halsreif. Ich wusste, dass er ihn trug, hatte ihn aber für ein Schmuckstück gehalten.
«Das Werk meines Herrn.» Er knurrte. «Ich habe bisher keinen Schmied gefunden, der dieses alchemistisch gehärtete Metall brechen oder durchfeilen konnte.»
Ich fuhr zusammen, als ich die Marke aus der Nähe sah. Darauf war das gleiche Wappen geprägt wie auf Valtiris Kette! Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Möglichst beifläufig fragte ich: «Wer war dein Herr? Und wie konnte er dich einfach zu seinem Sklaven machen?»
«Das ist in Naridien gar nicht so schwer. Besonders, wenn man Schulden hat.» Er lächelte gequält. «Doch es gibt zahlreiche Gründe, warum man seine Freiheit verlieren kann. Vielleicht erzähle ich dir irgendwann einmal die ganze Geschichte, aber jetzt ist mir nicht danach. Für den Moment genügt es, zu wissen, dass ich als Kommandant der Strafkompanie das erste Mal die Luft der Freiheit schnuppern durfte. So sammelte ich meine ersten Erfahrungen als Ausbilder und Kommandant. Aber ich lernte neben normalen naridischen Soldaten, die gefangen genommen worden waren, auch almanische Verbrecher der übelsten Sorte kennen. Man mischte sie bewusst durcheinander, in der Absicht, dass die Kriminellen von den Soldaten schon Disziplin beigebracht bekommen würden. Das klappte auch ganz gut, doch der Lernprozess ging in beide Richtungen. Die Strafkompanie war bis in die letzte Faser verroht und für ihre Skrupellosigkeit gefürchtet.»
«Das alles unter deinem Kommando.»
Er grinste selbstgefällig. «So ist es. Wir hatten auch einige Schwarzbuddler in unseren Reihen. Und das ist es, worauf ich hinaus will.»
«Was ist ein Schwarzbuddler?»
«Ein Leichenfledderer. Einer, der die Schlachtfelder aufsucht, um nach wertvolle Stücken zu graben.»
«Das machen wir auch.»
Er schüttelte den Kopf. «Wir nehmen nur das, was uns als Kombattanten von Rechtswegen zusteht. Wir haben selbst an den Schlachten teilgenommen, wir sind Wölfe. Aber Schwarzbuddler sind Hyänen. Sie suchen selten frische Schlachtfelder auf, dafür sind sie zu feige, sondern forschen nach historischen Kriegsschauplätzen. Mit alchemistischen Suchstäben, die fiepen, wenn sie auf kaltes Metall stoßen, wühlen sie dort, wo die Heere Almaniens und Naridiens einander in Stücke rissen. Sie stehlen Helme, am liebsten mit berühmten Schädeln darin, Siegelringe der Blutadmiräle oder Ehrendolche, Auf den schwarzen Märkten von Port Kadath, in den Hinterzimmern der Händlergilden von Daijian und sogar auf den scheinbar ehrbaren Auktionen der almanischen Hauptstädte wechseln diese Totenschätze dann ihren Besitzer. Und irgendwo innerhalb der Mauern von Vellingrad sitzt ein bleicher Sammler in seinem Herrenhaus, umgeben von Vitrinen voller Fingerknochen, Orden und Erkennungsplaketten, und nennt das stolz seine Privatsammlung der Ewigen Treue.»
Wieder das freudlose Lachen. Ich war sicher, dass er nicht nur einige Schwarzbuddler kennengelernt hatte, sondern auch den Sammler kannte, von dem er sprach. «So verabscheuungswürdig die Schwarzbuddler auch sind, Serak, gerade aufgrund ihres ständigen Ringens zwischen Gier und Feigheit tut man gut daran, ihnen zuzuhören. Egal, wie verlockend die Beute aussieht, ein erfahrener Schwarzbuddler verschwindet, sobald die Sonne untergeht. Ihre Regeln sind keine netten Empfehlungen. Das sind uralte Regeln, die Schwarzbuddler sich gegenseitig am Feuer weitergeben. Die meisten, die sie befolgen, kommen zurück. Manche kommen verändert zurück. Und ein paar kommen gar nicht mehr.»
Ich blickte besorgt zu den Männern, die sich an der gefrorenen Erde abmühten. «Wir können unsere Kameraden nicht unbestattet lassen, Garlyn.» Nachdem wir uns so persönlich unterhalten hatten, war ich unterbewusst wieder zur üblichen Anrede gewechselt, obwohl wir uns auf einem Einsatz befanden.
«So ist es. Wir werden über Nacht hierbleiben und morgen weitergraben.»
Mir fielen fast die Augen aus. «Bei dieser Kälte? Wir haben keinen Unterschlupf geraben und können das bei er gefrorenen Erde auch nicht.»
«Heute ist es verhältnismäßig warm. Die Zelte, die wir für den Fall eines Schneesturms mitgenommen haben, werden genügen. Ich möchte dir nicht zumuten, dich noch einmal den toten Orks zu nähern, aber du kannst den Aufbau des Nachtlagers organisieren.»
«Jawohl, Kommandant.» Ich salutierte und ließ ihn stehen, um meine Arbeit zu machen.
Zwischen den Gräbern
Das Nachtlager war schnell aufgebaut, ein paar Zelte aus grobem Leinen und Fell. Weil der Wind auffrischte, ließ ich Sturmleinen spannen, um dem Gestänge zusätzlichen Halt zu geben. In einem Lagerfeuer aus Gestrüpp erhitzten wir Steine, die uns beim Schlafen Wärme spenden würden, schmolzen Schnee zum Trinken und kochten unsere Rationen. Als die Sonne unterging, krochen wir in die Zelte. Wir drängten uns dicht an dicht hinein, so eng, dass man zu beiden Seiten den Körper des Nebenmanns spürte. Jeder hatte einen heißen Stein an den Füßen, so dass es sich trotz der nächtlichen Kälte aushalten ließ. Ich konnte nicht schlafen, dachte über die Orks nach und über die Worte von Garlyn. Wovor fürchtete er sich? Der Wind rüttelte an der Plane, ein ständiges Klatschen und Reißen, als wollte etwas herein. Ich lag zwischen Cherax und Mauli eingekeilt, und lauschte dem tiefen Stöhnen im Wind. War es Einbildung? Es klang mal lang gezogen, mal wie ein Seufzer, mal wie der Ruf einer fremden Kreatur, deren behäbige Zunge in fremden Worten tastend nach meinen Namen suchte, ohne ihn je ganz zu finden.
Ich presste mich fester zwischen die beiden, die Pranke um den Glücksbringer geklammert. Daneben war Valtiris Kette, die kalt an meiner Brust lag wie ein Stück Eis, das nicht schmelzen wollte. War es der Hauch der Toten, die da draußen heulten? Der Anhänger drückte sich hart in meine Haut, und der Wind klang plötzlich, als ob ein Mann klagte. Bei den Ahnen, was, wenn einer von denen, die wir für tot gehalten hatten, noch lebte, und um Hilfe rief? Dieser Gedanke drückte meine Angst beiseite und die Warnung der Schwarzbuddler. Falls jemand überlebt hatte, würde er spätestens morgen erfroren sein, wenn ihm niemand half!
Ich hielt die Luft an, das Herz hämmerte gegen meine Rippen, dann riss ich mich zusammen, schob die Decke weg und kroch hinaus. Die Kälte schlug mir ins Gesicht, der rote Schein von Daibos lag über allem, färbte den Schnee blutig und die Schatten waren schwarz wie Tinte. Selbst meine Augen, die im Dämmerlicht so gut sahen, spielten mir Streiche. Ich hatte für einen Moment geglaubt, da würde jemand auf allen vieren zwischen den Gräbern entlangkriechen wie ein Tier. Ich nahm die Sturmlaterne vom Eingang mit, die Flamme flackerte wild, warf zitternde Muster aus Licht auf den Boden, und ging zu den Gräbern, wo die steifgefrorenen Toten lagen, die wir noch nicht ganz zugedeckt hatten.
Zumindest sollten sie da liegen. Doch ich entdeckte keinen. Zwischen den Grabhügeln hockte eine Gestalt, dunkel, als wäre sie ein nachtaktives Tier. Aber die Form war eindeutig menschlich! Das war ein Mann. Er wiegte sich hin und her, tief stöhnend, und umklammerte etwas mit seinen Händen, das er sich ins Gesicht zu drücken schien.
«He, du!» Ich hob die Laterne.
Das Stöhnen verstummte, die Gestalt fuhr herum. Das Licht meiner Laterne traf auf ein bleiches Gesicht mit schmalen Fuchsaugen, der Bart leuchtete rot wie Blut.
«Garlyn?!», rief ich fassungslos. «Bist du unter die Schwarzbuddler gegangen oder was ist hier los?»
Der Kommandant kniete da, mit schmutzigen Händen, die Augen starr, als wäre er nicht bei Sinnen, und zutiefst feindselig. Er knurrte mich an, murmelte, leise, abgehackt, Worte, die ich nicht verstand, und als ich näher kam und das Licht ihn voll traf, fuhr er hoch, die Zähne gefletscht, die Augen irre glänzend im roten Licht von Daibos.
«Verschwinde!», brüllte er. Seine Stimme klang fremd, als käme sie nicht aus seinem Mund. «Das ist nicht dein Platz! Das ist meiner! Meiner!»
Ich taumelte rückwärts, die Laterne schwankte, das Licht tanzte über ihn und über die Totenhügel, und Garlyn sank im Schutz des Schattens wieder in sich zusammen, drehte mir den Rücken zu, murmelte weiter vor sich hin, und hob erneut die Hände zum Gesicht. Ich stapfte eilig zurück zum Zelt, das Herz schlug mir bis zum Hals. Dort rüttelte ich an Doriqs Schulter. «Wach auf! Garlyn ist draußen bei den Toten. Er wirkt nicht ganz klar im Kopf. Er brabbelt vor sich hin wie ein Verrückter.»
Doriq blinzelte langsam. «Alles in Ordnung», murmelte er und zog die Decke höher.
«Aber das ist doch nicht normal. Er braucht einen Feldscher.»
«Der kommt bei ihm um einige Jahre zu spät. Schlaf weiter, Serak. Morgen ist genug Zeit.»
Ich starrte ihn an, die Worte steckten fest, und legte mich wieder hin. Es fühlte sich nicht gut an. Ich spürte die Kälte jetzt nicht mehr nur draußen, sondern tief drinnen. Der Wind heulte, Garlyn klagte, und ich presste meine Glückskette mit den Fluchplättchen an meine Brust, bis das Metall warm wurde von meiner Haut.
Am Morgen war der Himmel klar, kalt und blau, als hätte der frühlingshafte Tag zuvor nicht existiert. Wir traten hinaus, die Zelte dampften im ersten Licht. Die Gräber waren fertiggestellt worden, die Steinhügel sauber aufgetürmt, die Toten darunter verborgen. Garlyn stand – wenig überraschend – bereits am Feuer, die Hände in den Taschen vergraben, das Gesicht ruhig, fast friedlich. Vom nächtlichen Wahnsinn war nichts zu sehen. Die gefallenen Orks lagen, wie ich es empfohlen hatte, offen auf Steinbetten – eine Einladung an ihre überlebenden Gefährten, sie abzuholen. Wahrscheinlich warteten sie, bis wir fort waren.
Cherax betrachtete die Gräber erstaunt. «Was zum ...?!»
«Wir wollen nicht darüber sprechen», entschied Doriq. «Es wurde getan, was getan werden musste, und wir können bei Tageslicht zurück ins Lager marschieren.
Und so geschah es. Niemand sprach darüber und Garlyn war wieder ganz der Alte. Wir aßen eine Ration, räumten die Zelte zusammen und löschten das Feuer. Als wir abrückten, warf ich keinen Blick zurück. Ich wollte die toten Orks nicht noch einmal sehen.