Nacht über Naridien
Die Großstadt verschlang mich in dem Moment, als ich mich in ihr wiederfand. Willkommen in Karczanon. Ich, der in kratzigen Wolldecken geschlafen und den Wind der Steppe geatmet hatte, war von der Sinnesflut überwältigt. Sie biss in meiner Nase, überflutete meine Ohren und überlastete meine Augen. Ich kannte sie schon, die Pracht der naridischen Städte, doch ich war ein Sohn der Wildnis. Meine Zeit in Vellingrad war lange her. Karczanon war noch größer, noch enger, noch höher, noch belebter und noch bunter. Schnee gab es hier kaum. Ich sah Häuser aus bunten Ziegeln, die sich in belebten Terrassen wie gewaltige Treppen hinauf zu den Wolken auftürmten, ich sah grün glasierte Dächer und Balkone mit vergoldeten Gittern, um die sich immergrüne Rankenpflanzen schlangen. Die Hufe der Pferde klapperten über weiß und rot gepflasterte Straßen. Neben den Hauseingängen standen Kübel mit rosa Tannenbäumen, deren Nadeln das gleiche intensive Rosa zierte, wie ich es von Kirschbäumen im Taumond kannte. Sie wirkten fast künstlich in ihrer Farbenpracht, doch es waren lebende Kirschtannen, eine teure Zuchtform der blutfarbenen Rottanne. Es gab viele derartige Kübel. Aber Bäume, die frei in der Erde wachsen durften, sah ich nicht, keinen Streifen Erde, in dem etwas wachsen konnte, keine Büsche oder wintergelbes Gras. Auch der Wind roch nicht so, wie ich es gewohnt war. Es lag etwas Falsches in der Luft – ein süßlicher Geruch von Parfüm und Räucherwerk, darunter der Gestank von verbranntem Öl und Schweiß.
Die Kleidung der Frauen und Männer unterschied sich kaum voneinander – beide Geschlechter trugen Hosen mit Hemden und Jacken – denn beide arbeiteten in Naridien von früh bis spät und die Kinder wurden in Schulen betreut, wo sie zu tüchtigen Arbeitern erzogen wurden. Der Wohlstand Naridiens wurde von seiner Bevölkerung erschaffen. Die Dinge liefen anders, als ich es aus Shakorz kannte, wo die Orkmänner und Orkfrauen getrennt voneinander lebten, und alle unbeliebten Arbeiten von Halborks erledigt wurden. Es lief auch anders als im traditionsbewussten Almanien, wo die Frauen das traute Heim verwalteten, während die Männer sich um das Einkommen und die Sicherheit kümmerten. In Naridien waren alle gleich – so lange man das nötige Kleingeld für ein anständiges Leben erwirtschaften konnte. Selbst als Halbork konnte man es hier theoretisch zu etwas bringen. Praktisch hatte mir das Bürgerrecht gefehlt, so dass mich niemand einstellen wollte. Die Probleme an der nördlichen Grenze, wo die Orks regelmäßig für Ärger sorgten, hatten vielleicht auch dazu beigetragen.
Ich fühlte die Blicke. Ein Gefangener machte neugierig. Einige Kinder zeigten mit ihren kleinen Fingern auf mich, während andere den Raubrittern zuwinkten. Meine Häscher hatten ihre Waffen beim Einreiten behalten dürfen, wurden aber eskortiert. Mit einem unguten Gefühl im Magen erkannte ich die Uniform der «Stako», der Staatskonstabler.
Unser Ziel, das Konsulat, befand sich in der Altstadt von Karczanon. Von außen sah es aus wie ein Lagerhaus aus grauem Basalt mit hochgelegenen Fenstern, die an die Schießscharten einer almanischen Burg erinnerten. Allerdings waren sie größer als solche und bunt verglast und lagen so hoch, dass niemand von außen durch sie eindringen konnte. Das rote Banner Naridiens wehte in schweren Tüchern von den Wänden und die Arme des Wappentiers, des schwarzen Krakens, bewegten sich wie lebendig. Die massive Eingangstür war doppelt so hoch wie ich, gefertigt aus dunklem Eichenholz mit schweren Beschlägen in der Form von Krakenarmen, die den Eindruck erweckten, als würden sie die schweren Balken in eiserner Umschlingung halten. Zwei Wachen mussten sie unter großer Mühe aufziehen, nachdem der Anführer der Stako uns angemeldet hatte.
Wir traten ein – ein Raubritter und ich. Der Rest wartete draußen. Ich wurde rechts und links wie ein Schwerverbrecher eskortiert. Unter meinen unfassbar dreckigen Kampfstiefeln hallte poliertes Parkett, dessen Sauberkeit unter jedem Schritt litt. Im Inneren war das Konsulat riesig und zahlreiche Säulen stützten das Dach und begrenzten die aus grauem Basalt gemauerten Trennwände, die das Innere in ein Labyrinth verwandelten. Man führte mich vor eine Amtsstube. Dann öffnete sich die Tür und ein Sekretär bat die so genannten «Herrschaften» hinein.
Ich atmete tief durch. Was auch immer mich dort drin erwartete, es würde nichts Gutes sein.
«Geh», knurrte der Raubritter.
Ich kontrollierte gedanklich meine Körperhaltung, um aufrecht zu stehen, dann trat ich ein.
Hinter dem Schreibtisch stand ein mit gelbem Samt gepolsterter Stuhl, der nur geringe Unterschiede zu einem Thron aufwies. Und darauf saß er. Sein Gesicht war älter geworden, die Züge schärfer. Das kurze Haar war blond wie das seiner Mutter, die Augen braun, doch in ihnen lag keine Wärme. Sein Blick war kalt wie der eines Falken. Neben ihm standen zwei seiner Männer, die Hände an den Schwertgriffen ruhend. Auf dem Schreibtisch dampfte eine Tasse Tee, die nach Orangen und Nelken duftete und einen seltsamen Kontrast zu der bedrohlichen Stimmung bildete. Auch der Vater dieses Mannes hatte guten Tee zu schätzen gewusst.
Solwin von Niederau war ein Machtmensch, im Spiel der Intrigen und des Verrats geübt. Nur selten zeigte er, was in ihm vorging. Doch als er mich sah, wirkte er aufrichtig bestürzt. Wen auch immer man ihm angekündigt hatte, anscheinend war mein Name dabei nicht gefallen, und er hatte mit irgendeinem beliebigen Eisenfalken gerechnet.
«Ja, ich bin es wirklich», sagte ich ruhig. «Ich bin Serak der Lügner. Einer, der unter eben jenem Banner kämpfte, dass ihr auf eurem Waffenrock tragt. Ich kämpfte unter der Kahlen Weide.»
Solwins Gesichtsausdruck wandelte sich langsam, als er die Überraschung verarbeitete und seine neutrale Maske wiederfand. «Serak der Lügner, soso. Die Götter beweisen manchmal einen seltsamen Sinn für Humor. Von den letzten verbliebenen Getreuen meines Vaters, die noch in der Wildnis hausen wie wildes Getier, schicken sie mir ausgerechnet dich. Du, der ihm eine Treue erwies, wie man sie heute nur selten findet. Ich bin nicht sicher, ob man dich dafür verabscheuen oder achten soll.»
Seine Stimme klang fast freundlich, doch darunter lag Stahl. Er erhob sich, kam gemessenen Schrittes hinter dem Tisch hervor und trat vor mich, um mich in Ruhe zu betrachten und an meinem demolierten Zustand zu erfreuen. Sein Blick blieb auf den beiden Ketten um meinen Hals haften, dem Eisenfalken und dem Kleinod, dass Valtiri mir geschenkt hatte. «Wie ich sehe, ist es nicht mehr die Weide aus den Niederauen, unter der du kämpfst. Du trägst das Zeichen der Eisenfalken, aber auch ein Wappen, dessen Macht größer ist. Eines, das man dereinst einem anderen Mann anvertraut hatte. Keine Ausflüchte, ich weiß, wem man es gab, und das warst nicht du. Warum also liegt es heute um deinen Hals?»
Ich lächelte ein wenig. Es war ein spöttisches Lächeln. «Es würde euch eine Freude sein, mir einen Mord anzuhängen, nicht wahr? Vermutlich war der Wappenträger wichtig, sonst würde er es nicht so weit gebracht haben. Es würde euch gefallen, mich dafür hängen zu sehen, bin ich doch ein lebendes Mahnmal für das, was ihr getan habt. Ich bin der Spiegel eures Verrats an dem Mann, der euch das Leben schenkte. Aber ich muss euch enttäuschen. Der ursprüngliche Träger hat mir diese Kette gegeben, weil er die Gegend verlassen musste. Man hat ihn verfolgt. Sucht ihn, fragt ihn, er ist quicklebendig. Bevor er Unwrain verließ, schenkte er mir die Kette und das, was an ihr befestigt ist.»
«Ein Wappen kann man nicht verschenken, nur überreichen», entgegnete Solwin trocken. «Wie heißt der Mann, der dir die Kette überließ? Ich möchte seinen Namen hören.»
«Er heißt Valtiri. Die Kette schien ihm sehr wichtig zu sein. Er wollte nicht, dass etwas so Wertvolles in die falschen Hände fällt. Er sagte mir, der eine Anhänger sei ein Schlüssel für ein Relikt.»
Solwin nickte. «Sie ist von nicht unbeträchtlichem Wert. Kennst du die Bedeutung des Wappens, das gemeinsam mit dem Schlüssel an der Kette hängt?»
«Es gibt so viele Adelshäuser. Ich kenne nur wenige Wappen. Jenes gehört nicht dazu.»
«Als Gefolgsmann meines Vaters weißt du allerdings, was es heißt, ein Wappen anvertraut zu bekommen.»
«Der Träger eines Wappens wird ermächtigt, im Namen des Besitzers zu sprechen und zu handeln.»
Solwin wandte sich ab, ging ein paar Schritte und betrachtete ein Wandbild. Es zeigte eine Burg, die mir bekannt vorkam. Sie war mir für einige Jahre ein Zuhause gewesen. Auf dem Ölgemälde war sie noch intakt. Es musste aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg stammen. «Du hast ganz recht damit, dass ich gern über dich Recht sprechen würde, Serak. Ginge es nach mir, würdest du hängen. Das Wappen um deinen Hals gehört jedoch einem anderen, dessen Einfluss ich respektiere. Für den Moment ist es ein Schild, der dein Leben schützt. Ich kann es dir nicht abnehmen, das steht mir nicht zu, doch ich kann dich auch nicht ermächtigen, es zu behalten. Schließlich weiß ich, dass du nicht befugt wurdest, es zu tragen. Wir bringen dich also zu jenem Mann, dem es gehört. Er wird entscheiden, was mit dir geschieht. Und wenn die Götter es wollen, wird er entscheiden, dich für deine Verbrechen in Vellingrad vor dem Blutgericht zu verantworten.»
Der kurze Moment meiner Hoffnung platzte.
Von hinten warf man mir einen schwarzen Sack über den Kopf. Zu beiden Seiten griff man mir um die Oberarme. «Komm!»
Widerwillig folgte ich der Aufforderung. Was hätte es gebracht, jetzt zu toben? Man hatte mir meine Waffen genommen und ich war von Kriegern umgeben. Sie hätten mich in wenigen Augenblicken niedergestochen. Meiner Sicht beraubt, konzentrierte ich mich auf die übrigen Sinne, um mich zu orientieren. Sie drehten mich mehrmals um meine Achse, damit ich die Richtung vergaß. Hatte es mehr als eine Tür im Raum gegeben? War mir eine entgangen? Ich hörte am Hall, dass sie mich durch enge Gänge führten. An Kreuzungen wurde ich erneut gedreht. Ich gab mir alle Mühe, doch ich verlor bald jedes Gefühl, wo ich war. Es ging nun eine Treppe hinunter. Es wurde merklich kühler. Plötzlich erklang ein Rattern, ein Ruck ging durch meinen Körper, und der Boden unter meinen Füßen rauschte in die Tiefe. Ich strauchelte und versuchte, auf den Füßen zu bleiben, als ich mitsamt des Bodens hinab raste. Was war das?! Es klapperte und krachte während der rasanten Fahrt. Der Fall endete mit einem überraschend sanften Bremsen. Fast hatte ich das Gefühl, in einem Käfig herabgelassen worden zu sein. Konnte das sein? Gab es so etwas? Ich strauchelte und mir war schlecht, doch ich war unverletzt. Anscheinend war dieser Mechanismus normal.
«Weiter.» Ich folgte den führenden Händen. Die Luft strich kühl über meine Haut, sie roch nach Seide und Kerzenwachs. Wo auch immer ich hingebracht wurde, es war kein finsteres Kellerloch. Es duftete nach Räucherwerk und etwas, das ich sehr lange nicht gewittert hatte – nach Alchemie. Ich erkannte Seife, Salpeter und Vitriol, Lösungsmittel und den öligigen Geruch von Umbracyn. Ein Labor, hier gab es ein alchemistisches Labor!
Man zog den Sack von meinem Kopf. Blinzelnd sah ich mich um. Ich stand in einem düsteren Saal mit Wänden aus schwarzem, blau geäderten Marmor. Kerzen in silbernen Haltern tauchten die Umgebung in ein Dämmerlicht. Der blaue Teppich, auf dem ich stand, führte zu einem Thron aus dunklem Holz. Keinem hohen Stuhl, sondern einem echten Thron!
Darauf saß ein Mann und Solwin legte die Faust aufs Herz und verneigte sich vor ihm. «Fürst Irving von Kaltenburg, ich bringe euch einen Träger eures Wappens. Seht ihr den Schlüssel? Es handelt sich um jene Kette, die ihr aus der Hand gegeben habt, um den Reliktjäger Valtiri für eure persönliche Suche zu beauftragen.»
Ein Fürst? Ich riss erschrocken die Augen auf. Das war die höchstmögliche Anrede für einen Naridier, vergleichbar mit einem almanischen König! Aber Naridien hatte doch gar keine Fürsten mehr – es war eine Republik geworden! Ihr Ahnen, wo war ich hier hineingeschlittert? Meine Knie wurden weich.
Solwin erzählte, was ich berichtet hatte, wie ich an den Schlüssel und das Wappen geraten war. Zudem verwies er darauf, dass ich ein gesuchter Schwerkrimineller war, ein Spießgeselle seines Vaters, an dessen Hinrichtung er ein persönliches Interesse hätte.
Der sogenannte Fürst sah mich aus gletscherblauen Augen an. Sein breites Gesicht war im mittleren Alter und so bleich und glatt, wie es bei den meisten Adligen der Fall war, die ihr Leben in geschützten Räumen verbrachten und nicht unter dem Licht Alvasheks schuften mussten. Sein Haar war kurz und so schwarz wie das Alldunkel. Derart dunkles Haar gab es selten in Naridien. Wenn jemand schwarzes Haar hatte, dann war es meist eher ein sehr dunkles Braun.
«Ich hatte große Hoffnungen in Valtiri gesetzt.» Die Stimme des Mannes klang tief und klar. Er sprach recht langsam und setzte seine Worte mit Bedacht. Ich vermochte nicht, seinen Dialekt zuzuordnen. Auch wenn er Uncàri sprach, klang die Aussprache weder naridisch noch almanisch. Insgesamt wirkte er für mich wie ein Fremdländer. Doch warum sprach ihn Solwin dann als Fürst an? Vielleicht war er Fürst eines anderen Landes? Immerhin befanden wir uns im Konsulat.
«Bedauerlich, dass Valtiri den Auftrag abbrach», fuhr er fort. «Es ist schwer, einen Reliktjäger zu finden, der bereit ist, so weit im Norden zu arbeiten, besonders im Winter. Das Relikt liegt zudem recht weit abseits, fern der Zivilisation. Es hätte ihn zu einem reichen Mann gemacht, der in Zukunft keine Sorgen zu haben bräuchte.» Sein Blick fühlte sich an, als würde die Kälte seiner Gedanken mir bis auf die Knochen dringen. Es war schwer zu sagen, was dieses Gefühl verursachte, doch es konnte nicht allein die Farbe seiner Augen sein. Auch Dolwin hatte blaue Augen gehabt, und sie waren mir so warm und freundlich wie der Sommerhimmel erschienen. «Du bist ein Halbork, nicht wahr?»
«So ist es.»
«Es ist lange her, dass ich mit einem wie dir sprach. Deiner Aussprache entnehme ich, dass du nicht unter Menschen, sondern in Shakorz aufgewachsen bist. Liege ich richtig?»
«Ja.»
«Interessant. Die meisten Halborks, die man in Naridien trifft, haben nie einen Ork gesehen und nie einen Fuß in die Jagdgründe des Hochlands gesetzt. Shakorz, wo der Frühling die Tundra in rote Blüten taucht, als wäre das Blut der gefallenen Krieger wieder warm und frisch.»
Ich holte tief Luft. «Ihr ... dichtet?»
Sein beinahe ausdrucksloses Gesicht – das unverbindliche Fischgesicht des naridischen Adels – offenbarte eine gewisse Nachdenklichkeit. «Nicht mehr. Aber der ermüdende Kreis von Werden und Vergehen mutet weniger trist an, wenn man ihn in klangvolle Worte kleidet. Von dieser makabren Poesie leben Heldenlieder. Sie geben dem Tod eine Schönheit, die er nicht verdient. Verwandeln Sinnlosigkeit in Erinnerungswürdigkeit, erheben das Triviale zur Kunst. Wie wenn man ein nichtssagendes Gesicht mit einem modischen Hut so verändern kann, dass der Anblick das Auge erfreut, obwohl der Mensch darunter so sterbenslangweilig ist wie zuvor. Nein, Serak, die Zeit, da ich Balladen schrieb, ist vorbei.»
Auch wenn er es leugnete, so war er anscheinend nicht nur Dichter, sondern auch Philosoph. Was er wohl zu dem Tagebuch sagen würde, dass in Gestalt eines zerfallenden Notizheftes in meiner Truhe lag?
«Interessant, dass jemand wie du, Serak, Poesie zu erkennen vermag. Ich muss gestehen, dass mir noch nie ein Halbork mit Sinn für Kunst begegnet ist.»
«Prägung», murrte ich. «Meine Rotte ist für ihr Kunsthandwerk bekannt. Neben Schnitzkram und Schrumpfköpfen gehören auch Lieder dazu. Aber warum interessiert ihr euch für mich oder meine Herkunft? Ein Halbork ist ein Halbork, ob er nun in Naridien geboren wurde oder anderswo.»
«Für meine Belange ist deine Herkunft durchaus für Interesse.» Er sah mich durchdringend an. «Das Relikt liegt in deiner Heimat, in Shakorz. Hat Valtiri dir diesen Umstand mitgeteilt?»
«Nein, ich ...» Bei den Ahnen! Die Erkenntnis traf mich wie ein Faustschlag in den Magen. Ich kannte das Relikt! Ich hatte es in der Schlucht Malakarmorya gesehen! «Valtiri hat mir nichts darüber erzählt, aber ich ... ich weiß, wo das Relikt liegt. Wollt ihr darauf hinaus? Ich kann es euch beschreiben, der Ort ist kein Geheimnis. Lasst ihr mich dafür gehen? Davon haben wir beide etwas. Niemandem wird aus meinem Mund erfahren, wer ihr seid oder wo ihr euch aufhaltet. Ich werde darauf einen Blutschwur leisten! Euer Wappen und euren Schlüssel bekommt ihr natürlich auch zurück.»
Ich zog die Kette über meinen Kopf und hielt sie dem Fürsten in der Faust entgegen. Schlüssel und Wappen klingelten leise, weil mein Arm zitterte. Der Mann sprach wie ein Dichter, doch ich war sicher, dass dies nicht sein einziger oder gar vorherrschender Charakterzug war. Er unterhielt ein unterirdisches Alchemielabor, sprach einen fremdländischen Dialekt und war eine Art von Fürst. Er kannte den niederträchtigen Solwin von Niederau. Vielleicht waren sie sogar Freunde, zumindest aber Verbündete. So jemand konnte kein freundlicher Mensch sein. Ich fühlte mich wie ein Mader, der in eine Grube von Giftschlangen gefallen war. Ich wollte so schnell wie möglich hier weg!
Irving von Kaltenburg rieb sein glatt rasiertes Kinn, ohne eine Miene zu verziehen. «Dass du den Ruheort des Relikts kennst, ist ja fabelhaft.» Wenn er überrascht war, hielt er seine Regungen gut im Zaum. «Begleite mich nach nebenan. Wir wollen uns dem Kartentisch widmen und sehen, was er uns mit deiner Hilfe offenbart.»
Ein Diener, genau so schwarz gekleidet wie sein Herr, öffnete eine Tür. Sie war aus gleichen dunklem Holz gefertigt wie der Thron und mit Kristallen besetzt, die blau glühten. Der Kartentisch füllte den Großteil des angrenzenden Raumes aus. Darauf lag die größte Landkarte, die ich je gesehen hatte, groß wie ein kleines Zimmer, versehen mit tausenden Beschriftungen von Orten, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Blau leuchtende alchemistische Lampen erhellten das Ganze.
«Tritt näher.» Er winkte mich heran und ich trat neben ihn, wobei ich darauf achtete, ihm nicht zu nahe zu kommen und meine Hände immer gut sichtbar zu halten, um seine Wächter nicht zu alarmieren. «Wir sind hier.» Er zeigte auf einen Punkt, der mit Karczanon beschriftet war. «Und dieser ganze Bereich hier ist Shakorz. Weit entfernt, nur dünn besiedelt und kaum erforscht. Ist das Konzept der Draufsicht für dich verständlich? Kannst du eine Karte lesen?»
«Ich bin Kundschafter der Eisenfalken. Klar kann ich das.»
«Gut. In welchem Bereich liegt das Stammesgebiet deiner Rotte?»
Ich versuchte, mich an der Salzstraße und den Bergen zu orientieren, doch ich hatte noch nie eine Karte mit solch einem gewaltigen Maßstab gesehen, geschweige denn, damit gearbeitet. Meine Orientierung innerhalb von Shakorz war damals vor allem anhand der Gestirne erfolgt. Orks hatten ihre Landkarte am Himmel, wo die Ahnen mit ihren Leuchtfeuern den Weg wiesen. Wenn sie sich orientieren wollten, blickten sie nach oben und nicht nach unten. Die Arbeit mit Karten hatte ich als neuer Eisenfalke entsprechend mühsam lernen müssen. Damals aber war meine Gedankenwelt noch rein orkisch gewesen. Hinzu kam, dass die Tundra einfach eine riesengroße Fläche war, die im Norden auf breiter Front langsam ins Hochgebirge überging, ohne dass die östlichen Regionen sich sonderlich von den westlichen unterschieden, während dazwischen etliche Tagesmärsche lagen. Wie sehr ich mich auch mühte, mein Gedächtnis konnte keine Übereinstimmung mit dem, was ich in meiner früheren Heimat gesehen hatte, und dieser Karte herstellen. Shakorz behielt sein Geheimnis für sich. «Ich weiß es nicht.» Gestresst runzelte ich die Stirn. «Zu Fuß würde ich die Bruthöhlen problemlos wiederfinden, aber so?» Ich zeigte eine unbestimmte Region östlich der Kandoren. «Irgendwo hier muss es sein. Genauer kann ich das Gebiet nicht eingrenzen. Dafür fehlen Flüsse, Pfade, Sümpfe und Seen. Vor allem fehlen die Sterne.»
Irving von Kaltenburg ließ eine kleinere Karte bringen, die er über der ersten ausbreitete. Sie hatte nur sehr wenige Markierungen. Der Großteil ihrer Fläche war leer. «Das ist eine Karte vom Nordosten von Asamura. Eine Karte von Shakorz, wenn man so will, auch wenn Shakorz kein Land im Sinne eines Staates ist und keine festen Grenzen hat. Wie du siehst, ist das gesamte Gebiet noch weitestgehend unerforscht. Ein grauer Fleck auf Asamura.»
«Asamura? Ihr meint die Welt, ja?»
«Genau genommen ist das der Name des größten Kontinents. Nach ihm ist auch die Sprachfamilie Asami benannt, die auch heute noch von den Urvölkern gesprochen wird. Wir Menschen gehören nicht dazu, auch wenn wir uns gern so aufspielen, als seien wir die Herren der Welt. Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, sind wir Invasoren. Man muss uns jedoch zugutehalten, dass diese Zeit so lange her ist, dass nur wenige Gelehrte überhaupt davon wissen. Da den wenigsten Menschen bekannt ist, dass es noch weitere Kontinente gibt, wie meine alte Heimat Caltharnae, ist Asamura heute der geläufige Begriff für die gesamte Welt. Denn Asamura ist alles, was sie je von dieser Welt sehen werden. Als Gelehrter bevorzuge ich jedoch den alten Weltennamen Tasmeron, den man nur noch in sehr frühen Aufzeichnungen findet, und der die gesamte Welt einschließt, nicht nur diesen Kontinent, sondern alle. Aber ich schweife ab. Hilft dir diese Karte, den Standort des Relikts näher einzugrenzen?»
Angestrengt betrachtete ich die Karte, aber es waren derart wenige Landmarken eingezeichnet, dass es mir unmöglich war, die Bruthöhlen zu orten. «Malakarmorya ist eine riesige Schlucht, an deren nördlichem Ende unsere Bruthöhlen liegen. Da sie nicht eingezeichnet ist und auch sonst kaum irgendetwas, wäre jede Angabe ein Rätselraten. Ich kann durchaus mit Karten umgehen und ich kann auch selbst kartieren, aber mit einem leeren Blatt Papier kann niemand arbeiten.»
«Da du selbst kartieren kannst, lässt sich das Problem elegant lösen. Ich hatte eine andere Lösung im Sinn, doch diese wird genau so gut sein, auch wenn sie uns etwas mehr Zeit kostet.» Er trat vom Kartentisch zurück. Sein schwarzes Gewand floss lautlos um seinen Körper, als er sich umwandte. «Solwin.»
«Mein Fürst.»
«Serak der Lügner trug mein Wappen, als er hierher kam, und er wird es weiterhin tragen dürfen. Er wird hiermit persönlich beauftragt, den Ruheort des Relikts und seine nähere Umgebung zu kartieren, damit ein Reliktjäger es später aufsuchen und bergen kann.»
«Mit Verlaub, mein Fürst, aber gestattet mir einen Vorschlag. Es würde Zeit sparen, würdet ihr Serak erlauben, das Relikt gleich zu bergen und mitzubringen, sollte er tatsächlich seinen Ruheort kennen. Ihr wisst so gut wie ich, dass die Zeit knapp ist. Die Raubritter dringen weiter nach Westen vor und wir benötigen eine Wunderwaffe besser früher als später.»
Irving von Kaltenburg schüttelte den Kopf. «Bei dem Relikt handelt es sich um eine Venturia-Klasse und sie ist zu groß, als dass jemand wie Serak sie einfach mitbringen könnte. Es bedarf aufwändiger Bergung und einen fachlichen Hintergrund. Ihr werdet erfahren, was ich damit meine, wenn es soweit ist. Ihr, mein lieber Solwin, werdet bis dahin dafür Sorge tragen, dass Serak für seine Reise mit allem ausgestattet wird, was er benötigt. Lasst gut für seine Gesundheit sorgen. Fürderhin soll er bis zum Tag seiner Abreise mein Gast sein und Zugriff auf die Bibliothek erhalten.»
«Es wird geschehen, wie ihr wünscht, mein Fürst.» Solwin von Niederau würde mich lieber hängen sehen, doch er fügte sich ohne Widerworte in die Entscheidung des Fürsten. Es war erstaunlich, diesen Mann, den ich für eigensinnig und egoistisch hielt, derart stoischen Gehorsam leisten zu sehen.
«Aber warum ich?», rief ich heiser. «Ich bin nur ein einfacher Halbork. Ein Eisenfalke, ein stinknormaler Söldner. Ihr könntet mich bequem hinrichten lassen und jemand Besserem den Auftrag überantworten. Einem Reliktjäger wie Valtiri. Jemandem, der eures Vertrauens würdiger wäre als ich. Wer garantiert euch, dass ich nicht einfach weglaufe?»
Der Fürst lächelte. «Drei Gründe sprechen dafür, ausgerechnet dich zu schicken und keinen anderen. Erstens: Weil du den Ort kennst, an dem das Relikt schläft. Zweitens: Weil Valtiri mein Wappen dir überreicht hat. Er war sich der Bedeutsamkeit dieser Geste durchaus bewusst und musste gute Gründe für seine Wahl haben. Drittens: Du bist in Shakorz ein Einheimischer. Du weißt, wo du Nahrung findest und wie der Witterung zu begegnen ist. Niemand wird einen Halbork verdächtigen, wenn er durch die Tundra streift. Einem Menschen könnte Übles widerfahren, wie man hört. Und falls du wider Erwarten auf einen Reliktjäger treffen solltest, der ebenfalls von dem Relikt erfahren hat, wird er nicht ahnen, dass du danach suchst und wird für dich keine Gefahr darstellen.»
Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Irving von Kaltenburg hob die Hand und ich verstummte. «Ich erkläre dir nur pro forma, was dich erwarten könnte. Ja, ich habe einen Aufruf in den entsprechenden Kreisen getätigt, doch trotz hoher Belohnung habe ich mehrere Monde benötigt, bis ich jemanden fand, der sich zu diesem Schritt bereit erklärte. Nein, du wirst wahrscheinlich keinem Reliktjäger begegnen, sondern mit dem Relikt völlig allein in Shakorz sein. Und ich werde keinen besseren Mann als dich für diesen Auftrag finden, denn ich suche schon sehr lange nach einem. Dass der Ort nicht bekannt ist, trägt sicher dazu bei. Wer will schon in der Wildnis fernab jeder Zivilisation auf gut Glück im Trüben fischen, bedroht von herumstreifenden Orks? Bezahlt wird schließlich nur im Falle eines Erfolgs, und der ist ohne Kartierung fraglich. Ist das Relikt aber erst einmal kartiert, werden sich hoffentlich jene Reliktjäger melden, die sich mit Venturia-Klassen auskennen und zur Bergung bereit sind. Der Lohn ist», er lächelte, «fürstlich.»
«Ja, ich kenne mich dort aus. Das Kartieren ist trotzdem keine angenehme Aufgabe», murrte ich. «Sie ist gefährlicher, als es scheint, weil ich den Häuptling der Skunks auf dem Gewissen habe. Ich habe ihn vergiftet. Und ausgerechnet im Stammesgebiet meiner Rotte liegt das Relikt. Gory Gierschlund war beliebt. Man hasst mich dort!»
Irvings Lächeln wurde breit und schmal wie eine Messerklinge. «Du hast vernünftige Prioritäten, wenn du deinen Häuptling getötet hast. Nur an der Umsetzung solltest du arbeiten, damit dir solch kühne Taten nicht zum Nachteil gereichen, sondern allein deinem Vorankommen dienen. Bei dieser Angelegenheit könnte ich dir helfen, wenn die Zeit dafür reif ist. Zunächst aber kartiere für mich das Relikt und im Gegenzug mag Solwin von Niederau deinen Namen von der Liste der Vogelfreien in Naridien tilgen. Als Mörder seiner Agentin, als Dieb, als Räuber und Aufständischer wirst du gesucht, doch das muss nicht länger so sein. Die Angelegenheit könnte vergessen werden, als sei sie nie geschehen. Wie hört sich das an? Nicht mehr Gejagter zweier Welten zu sein, jener der Menschen und jener der Orks, von allen gehasst und gejagt. Du wärst auf naridischem Gebiet wieder ein unbescholtener Mann, Serak. Vielleicht könnten wir sogar über das Bürgerrecht sprechen, wenn ich mit deiner Leistung zufrieden bin.»
Ich schnaufte, während der Angstschweiß meine Schläfe hinab sickerte. Wer auch immer Irving von Kaltenburg sein mochte und so entgegenkommend er sich gab, er war kein Mann, in dessen Gewalt ich mich gern befand. Er tat freundlich, er reichte mir die Hand, doch das lag nur daran, dass ich ihm etwas bieten konnte, das er unbedingt haben wollte. Etwas, das er für den Krieg brauchte. Wunderwaffe hatte Solwin von Niederau das Relikt genannt. «Wenn ihr einem bedeutungslosen Halbork solch einen Lohn in Aussicht stellt, muss das Relikt euch sehr wichtig sein.»
«Das ist es.» Das Gesicht des Fürsten war kalt und hart wie ein gefrorener See. Sein Angebot lehnte ich besser nicht ab.
«Ich bin einverstanden.»
Er richtete sich noch etwas weiter auf. «Gut.» Sein Gesicht verriet keine Regung.
Die Kette hing schwer um meinen Hals, sie erschien mir fast wie ein Joch, und ich spürte, wie die Welt sich wieder drehte. Das Schicksal wob hier und heute seine Fäden, spann mich ein, zwang mich auf neue Pfade und die alten lösten sich auf. Mein Leben stand Kopf, fernab der Eisenfalken, fernab meiner alten Pläne, die verblassten wie Tinte eines Pergaments, das ins Wasser fiel.
«Aber was ist mit den Eisenfalken?», fragte ich leise. «Ich werde mehrere Wochen unterwegs sein. Vielleicht mehrere Monde bei diesem Wetter. Wenn ich die Truppe ohne Erlaubnis verlasse, bin ich fahnenflüchtig. Was nützt es mir dann, in Naridien kein Vogelfreier mehr zu sein, wenn meine eigene Truppe mich jagt?»
«Ah, nein, Serak. Es wird ganz anders sein.» Irving von Kaltenburg wirkte ungehalten. «Der Kommandant der Eisenfalken darf dich ruhig eine Weile für tot halten. Umso sicherer gestaltet sich deine Reise, je weniger von ihr wissen. Darum wollen wir sie als unser Geheimnis betrachten, so wie unsere Begegnung. Und umso größer wird die Freude deiner Kameraden sein, solltest du eines Tages lebend zu ihnen zurückkehren. Zweifel an meinen Ideen sind unangebracht. Es wird sich alles fügen, Serak. Darauf solltest du vertrauen.»
Was blieb mir auch anderes übrig? Einem Fürsten widersprach man nicht. Besonders diesem. «Verstanden, Fürst.»
Er betrachtete seine Finger, die in hautengen schwarzen Lederhandschuhen steckten. «Das Vorgehen ist hiermit entschieden. Damit haben wir für heute alles besprochen. Du wirst dich einige Tage erholen und die beste medizinische Versorgung genießen, die man in Naridien erhalten kann. Immerhin möchte ich, dass du schnellstmöglich gesundest. Sobald du wieder bei Kräften bist, wirst du aufbrechen. Mein Wappen wird dich schützen, doch zeige es nur, wenn der Erfolg der Expedition ansonsten gefährdet wäre. Falls wir uns bis zu deiner Abreise nicht mehr sehen, wünsche ich dir schon einmal viel Erfolg.»
Der Sack wurde ohne Vorwarnung wieder über meinen Kopf gezogen, man ergriff meine Arme und führte mich hinaus.