Strahlen von Mondlicht brachen bis auf den Boden mit jedem Rauschen im Blätterdach.
„Sie werden gleich hier sein,“ murmelte der Elfenkönig und schaute den Waldweg hinab in die Finsternis.
Die Gehilfin neben ihm folgte seinem Blick in den wirbelnden Nebel hinein. „Woher wisst Ihr das? Ich kann nichts sehen.“
„Noch sind sie nicht zu sehen, aber ich kann unser Ziel spüren.“
Sie schloss die Augen, verharrte still für einige Augenblicke, schüttelte dann den Kopf. „Ich fühle auch nichts.“
„Das kommt mit der Zeit. Dafür braucht man Erfahrung.“ inzwischen war das Klappern von Hufen deutlich zu hören, und einige Sekunden später brach ein Reiter aus dem Grau hervor, um an den beiden vorbei zu galoppieren. Sie vielen neben ihm ein, flogen knapp hinter dem Mann mit.
Der war in einfache, aber hochwertige Gewänder gekleidet, vor ihm ein Bündel in Decken.
„Spürst du es jetzt?“ fragte der Elfenkönig.
„Ja. Der Körper ist am Brechen, die Seele fängt an frei zu liegen,“ antwortete die Gehilfin. Die Decken regten sich, ein junges, bleiches Gesicht kam dahinter zum Vorschein. Für einen kurzen Moment blickte es zum Elfenkönig hin, zog sich aber schleunig mit einem winseln wieder zurück.
Der Elfenkönig seufzte. „Warum nur wundert es mich nicht, das es wieder an mir ist einen von denen zu holen, die mich sehen können.“
„Sohn, was ist los?“ fragte der Reiter. „Hast du irgendwas gesehen?“
„Da, da hinter uns, da ist der Elfenkönig,“ antwortete eine schwache Stimme, begleitet von einem dünnen Arm, der sich aus dem Bündel herauswand.
Der Vater drehte sich, dem Arm folgend, um. „Keine sorge, Sohn. Da ist niemand. Bestimmt hast du im Nebel etwas gesehen,“ sagte er, die Stimme etwas tiefer als zuvor, während der Elfenkönig unbemerkt zu ihm aufschloss.
„Kind. Komm mit uns. Ich bringe dich dahin, wo du nicht weiter so leiden musst. Wo du den ganzen Tag spielen kannst was du willst,“ sprach er, seine Stimme genauso sanft wie die des Mannes.
Der Sohn drehte sich weg. „Aber Vater, da ist er doch, er spricht mit mir.“
„Ruhig. Du bildest dir das ein. Das sind die Blätter, wenn der Wind durch sie zieht, mehr nicht.“
Während der Vater so sprach, schwebte die Gehilfin auf die andere Seite neben das Pferd, woraufhin das Kind sofort in ihre Richtung zeigte. „Und da drüben, Vater. Da. Da ist nochmal eine. Da ist die Tochter vom Elfenkönig, die will mich auch mitnehmen!“ rief es jetzt.
Über ihn gebeugt sagte der Vater, „Das war ein Baum, da im Mondlicht. Eindeutig.“
Drüben zog die Gehilfin eine Grimasse, und der Elfenkönig zuckte mit den Schultern.
„Bitte. Ich kann dich verstehen. Es ist noch zu früh für dich, aber es lässt sich nichts mehr ändern. Komm mit. Komm mit, und es wird dir wieder gut gehen,“ sagte der Elfenkönig, obwohl er die Antwort des Kindes schon kannte.
„Nein! Nein, geh weg! Ich will nicht!“ krisch das Kind schwer atmend und versuchte schwach, nach der ausgestreckten Hand zu schlagen. „Lass mich in Ruhe!“
Bevor der Elfenkönig etwas erwidern konnte, trieb der Vater das Pferd an, noch einmal schneller zu laufen. Der Elfenkönig legte eine Hand auf die Schulter der Gehilfin, ehe sie weiter folgen konnte. Vor ihnen brach der Reiter durch eine letzte Nebelbank und war aus dem Wald hinaus, galoppierte auf die Lichter einer Siedlung zu. An der Grenze des Waldes blieb eine faustgroße Lichtkugel zurück.
Vater. Vater. Wo bist du hin? Hallte ein stilles Echo durch die Gedanken des Elfenkönigs, als er die Seele aufhob.
„Und jetzt gehen wir zurück auf die andere Seite.“
***
Der Reiter kam verschwitzt am heimatlichen Hof an, sprang fast vom Pferd. Seine Frau kam herausgestürmt, und sie war noch gar nicht richtig bei ihm angekommen, da drückte er ihr auch schon das Bündel Decken in die Arme, in dass ihr Sohn eingewickelt war. Anscheinend hatte er sich am Ende wieder beruhigt, nachdem sie den Wald verlassen hatten.
„Es ist schlimmer geworden, lass den Doktor rufen,“ sagte er und drehte das Bündel so, dass das Gesicht des Sohnes zum Vorschein kam. Blass. Regungslos. Die Mutter schaute entsetzt darauf, bevor sie in Tränen ausbrach.
„Warum? Mein Sohn, warum?“
Er legte seine Arme um sie, versuchte sie zu trösten.
„Ich weiß es nicht. Aber, während wir unterwegs waren, eben im Wald, da hat er die ganze Zeit einen Spuk gesehen. Er sagte etwas von einem Erlenkönig, der ihn mitnehmen wolle.“