Kapitel 04 - Verrills Frage

  • Verrills Frage


    Verrill hatte am Morgen am Fenster ihres gemeinsamen Gemachs gestanden. Ihr Blick war auf die See gerichtet. Ebbe und Flut, die Gezeiten, die Tide, das Spiel der Wellen die unaufhörlich an den Strand brandeten. Das was sie heute sah, hatten andere Augen bereits vor Jahren und Jahrhunderten erblickt. Das Meer war ewiglich und dennoch barg es jeden Tag Neuerungen. Die See war ihre Heimat geworden und sie selbst wurde als Ducachessa von Ledvico als See bezeichnet. Vor fast einem Jahr war ihr gemeinsamer Sohn Delfio geboren worden. Tazio und ihr Kind, der Kronprince von Ledwick.


    Lange Zeit in ihrem Leben hatte Verrill geglaubt, dass sie die Welt nur versteckt hinter Buchdeckeln bereisen konnte. Ihre Welt beschränkte sich auf den Hof von Souvagne und ihr Thronsaal war die Bibliothek gewesen. Dort hatte sie als Gregoire gelebt oder besser gesagt sich vor der Welt und allen voran von Benito dem Heiler versteckt. Ciel war es gewesen, der ihr Leid erkannte und sich ihrer angenommen hatte.


    Als Gregoire hatte sie Linhard geheiratet, aber er hatte keinen Platz mehr in ihrem Leben. Er konnte ein guter Mann sein, aber zwischen Tazio und ihr war kein Platz für einen dritten Mann. Weder für Linhard, noch für Ciel. Tazio hatte Linhard die Hand gereicht, er hatte es versucht so wie er vieles in seiner stoischen, ruhigen und gutmütigen Art versuchte. Auch in ihm wohnte die Seele der See. Ruhig war die Seele Tazios, blau wie der Himmel und tief wie der Abgrund. Aber wehe dem, der das Meer herausforderte. Eben noch in glatten Wogen vor sich hintreibend, konnte der Ozean die mächtigsten Stürme entfesseln denen Mann und Maus schutzlos ausgeliefert waren. Gütig und gnadenlos dass waren die Seiten der See und das waren auch die Seiten die Tazio innewohnten.


    Nicht nur ihm, denn auch ihr wohnen zwei Seiten inne und sie hatte einst einem der mächtigsten Geschöpfe der Meere die Stirn geboten. Niemals zuvor hatte sie derartige Angst gehabt. Nicht um sich selbst, nein, sondern um ihren Mann Tazio. Nur deshalb stand sie auf den Zinnen ihres Palastes, eine Geisel in der Hand und forderte das Schicksal samt einem Ältesten heraus um jenen Mann zu schützen den sie aus tiefstem Herzen liebte.


    Dem Herausgeforderten erging es ähnlich, auch er liebte wie die bodenlose See und zwar jenen Mann den sie in ihrer Gewalt gehabt hatte. Und so standen sie beide dort und kämpften für jene Männer die sie liebten. Am Ende hatte der Älteste nachgegeben und dadurch hatten sie beide gewonnen und zwar ihre Liebsten zurück und sie selbst eine große Erkenntnis.


    Manchmal musste man bereit sein zurückzuweichen, einen Schritt zurück zu machen, denn oft machte man damit einen Schritt auf andere zu. Verrill hatte verstanden und sie hatte begriffen wie innig die Liebe zu Irving sein musste, wenn Thabit alles bereit war aufzugeben. Ihr erging es nicht anders. Sie hatte auf den Zinnen gestanden und mit dem letzten Atemzug ihren Mann verteidigt.


    Heute wusste sie, dass dies nicht nötig war. Das Irving nicht das war, was sie befürchtet hatte. Denn auch dies stand fest, manchmal machte Liebe blind und sie war blind vor Sorge gewesen.


    Verrill hatte in Tazio und Ledwick ein Zuhause und eine Heimat gefunden. Sie gehört zu ihm und diesem Land. Nichts und niemand sonst hatte ein Anrecht auf sie. Das hieß auch, dass sie die alten Bande trennen musste. Sie band ihre Haare zusammen, die ihr mittlerweile weit über den Rücken reichten und betrat die Amtsstube von Tazio. Mit einem freundlichen Lächeln setzte sie sich ihrem Mann gegenüber.


    "Guten Morgen mein Seestern. Heute benötigt die See ihren Seelöwen. Tazio Du bist mein Mann. Der Mann den ich liebe, Du bist mein Zuhause, der Vater unseres Sohnes und Du hast mir die Welt zu Füßen gelegt. Du hast mir gezeigt, dass ich als Verrill leben kann und Du mich genauso so liebst. Gleich wie ich mich kleide oder gebe, für Dich bin ich immer Deine bessere Hälfte und das mit meinen beiden Seiten. Für andere ist in unserer Ehe kein Platz Taz. Es gibt nur Dich und mich, den Seelöwen und seine See. Ich wünsche mir die Scheidung von Linhard. Er ist im Grunde seines Herzens ein guter Mann, aber er ist nicht mein Mann. Das bist ausschließlich Du. Würdest Du mir dabei bitte helfen?", bat Verrill, beugte sich über den Tisch und küsste Tazio zärtlich auf den Mund.

  • Die Sonne schickte die ersten rosafarbenen Strahlen waagerecht durch das Fensterglas, als sie über dem Dhunico aufging. Das Schlafgemach der Krone lag mit Blick in Richtung Osten, so dass das Glas das erste Licht einfing. Hinter den Scheiben glitzerten sogenannte Sonnenfänger, Windspiele aus Kristallen, welche das Licht als bunte Sprenkel über alle Wände schickten. Das Licht spielte in Ledvico gleich nach dem Seelöwen und der See die wichtigste Rolle und war das dritte Element im Wappen. Die Gestirne halfen den Seeleuten bei der Navigation - das Licht wies den Weg nach Hause.


    Tazio, der noch im Bett saß und hinausblickte, während durch das leicht geöffnete Fenster frische Morgenluft wehte, wandte sich von dem erhebenden Anblick ab und drehte sich zu seiner Gemahlin.


    "Wenn dies dein Wunsch ist, so soll er dir gewährt werden."


    Das folgende Schweigen kündete davon, dass der Duca unzufrieden war mit der förmlichen Wahl seiner Worte. Er blickte Verrill in die Augen, sein Blick war sanft und klug, ihrer entschlossen und nicht minder intelligent, vielleicht übertraf ihre Geistesschärfe sogar die seine. Er war sicher, dass es so war und es erfüllte ihn mit Stolz.


    "Ich habe meine Gefühle ausgeklammert, aber du weißt, dass die Wahrheit auf diese Weise verzerrt  wiedergegeben wird. Für dich habe ich Linhard bis heute geduldet, da er dein erster Mann war, doch Zuneigung herrscht keine mehr zwischen ihm und mir nach den bekannten Ereignissen. Der Gedanke, dich mit diesem Mann zu teilen, ob deinen Körper oder dein Herz, behagt mir nicht. Wenn du die See bist, ich der Seelöwe und unsere Ahnen das Licht - was ist Linhard? Und was hat dich dazu gebracht, deine Meinung zu ändern?"

  • Verrill lehnte sich zurück und betrachtete Tazio voller Liebe.


    "Das weiß ich Tazio und einst habe ich Linhard geliebt. Aber es war keine Liebe wie sie zwischen uns beiden geherrscht hat. Ich habe als Gregoire Linhard einen Antrag gemacht und als Gregoire hat er mich geheiratet. Wir waren Gefährten und Liebende, er war ein Stück Freiheit und er war mein Beschützer. Er stammt aus einer dunklen Familie und brachte dennoch Licht in meine Welt. Er kann wie gesagt ein guter Mann sein und ist es sogar oft. Aber er ist nicht mein Mann.


    Ich weiß, dass Du keine Zuneigung mehr für ihn empfindest. Das ist völlig in Ordnung. Du hast alles gegeben was Du konntest, mehr kann keiner von Dir verlangen. Überhaupt kann niemand etwas von Dir verlangen. Bezüglich Deiner Angst Tazio, es gab keinen Grund dazu. Vor und erst Recht nicht nach der Geburt von Laurie am 01.04.204 hat es keinen Kontakt zwischen mir und Linhard gegeben. Er hat verstanden, dass wir beide ein Kind zeugen werden. Dass Du einen Thronfolger benötigst und sicher sein musst, dass dies auch Dein Kind ist.


    Aber war es nur dass? Habe ich mich deshalb zurückgezogen? Oder habe ich schon damals tief in mir gespürt, dass wir beide zusammengehören und es keinem dritten bedarf? Ich denke es war all die Zeit so Tazio. In dem Moment wo Du in mein Leben getreten bist, war es rund. Wir beide haben uns geliebt. Wir beide haben einander gewollt und das war eine ganz andere Ebene, als es jene zwischen mir und Linhard je gewesen ist. Wir beide das war von Anfang an etwas anderes.


    Einst und das sollst Du ruhig wissen, habe ich auch meinen Bruder Ciel von ganzem Herzen geliebt. Und als Linhard mein Mann war, war Ciel ebenso in meinem Herzen. Heute habe ich beide noch gern, aber der Platz in meinem Herzen gehört Dir und Delfio. Also warum sollte ich an der Ehe mit Linhard festhalten? Wir gehören zusammen Tazi und er soll sich frei wen anderes suchen. Du hast Dich immer stets offen und völlig frei für mich entschieden. Ohne wenn und aber, ohne jede Beifrau. Was hat Linhard dann an meiner Seite zu suchen?

    Wenn ich Dich liebe, gehört es dazu, dass ich auch Deine Gefühle achte.


    In solchen Dingen mag ich nicht die Schnellste sein, vielleicht überlege ich zu oft und zu lange, aber ich überlege und ich bin zu diesem Entschluss gekommen. Du und ich und unser Kind und vielleicht eines Tages unsere Kinder Tazi. Denn wenn so ein großes Wesen wie Thabit für seinen Mann alles zurücksteckt und sich zurückzieht, wer wäre ich dann es ihm nicht gleich zu tun?


    Ich lasse jemanden los um Dich vollständig in meine Arme schließen zu können.

    Es geht bei der Entscheidung nicht um Linhard, es geht um Dich und uns", antwortete Verrill offen und ehrlich.

  • Davard von Hohenfelde

    Hat den Titel des Themas von „Verrills Frage“ zu „Kapitel 04 - Verrills Frage“ geändert.