Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterlie√üen Relikte, deren Erforschung noch in den Anf√§ngen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. W√§hrend die Urv√∂lker auf Altbew√§hrtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. Geheimb√ľnde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

Eisbrecher [Oneshot]

So erbarmungslos wie die Natur sind auch die Bewohner der n√∂rdlichen Reiche. Die dunklen Meere und die von Packeis starrenden K√ľsten werden beherrscht von den Norkara und Shezem. Den Nordwesten kontrollieren die Frostalben.
Der Norden
So erbarmungslos wie die Natur sind auch die Bewohner der n√∂rdlichen Reiche. Die dunklen Meere und die von Packeis starrenden K√ľsten werden beherrscht von den Norkara und Shezem. Den Nordwesten kontrollieren die Frostalben.
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Durukin Gletscherblut
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Eisbrecher [Oneshot]

#1

Beitrag von Durukin Gletscherblut » Mo 10. Apr 2017, 13:28

Eisbrecher

‚ÄěDunkelheit kann man nicht sehen. Sie ist.‚Äú
Erhard Blanck

Wir schreiben das Jahr 201 nach der Asche. Heute habe ich den Befehl gegeben, die Toten zu essen. Es ist der erste Tag des neuen Jahres, doch zum Feiern ist keinem von uns zumute. Unser Festmahl bilden jene, die von der Skorbut dahingerafft wurden. Bisher haben sie tiefgefroren √ľber Deck gelagert, nun holen wir sie nacheinander wieder herein. Wenig mehr wissen wir √ľber das √úbel, als dass man von innen nach au√üen verblutet. Wir haben alles versucht, es gibt nichts mehr, was wir den G√∂ttern noch opfern k√∂nnten. Indem wir das Fleisch auf den Maschinen im Rumpf unseres Eisbrechers fast zu Kohle erhitzen, hoffen wir, den Tod mit dem Verzehr nicht auch in unsere eigenen K√∂rper zu tragen. Ob das helfen wird, wei√ü niemand. Die Ungewissheit frisst sich durch unsere m√ľrben Seelen. Es hei√üt warten und die Hoffnung nicht g√§nzlich zu verlieren. Es ist die gro√üe Aufgabe f√ľr jeden weiteren Tag und mir als Kapit√§n obliegt die Verantwortung √ľber alles, was uns zusehends schwindet: Vorr√§te, Treibstoff, Zuversicht.
Es ist unsagbar kalt, selbst f√ľr einen Frostalben. Milat Sil ist weit entfernt und wir haben kaum noch Treibstoff. Die Maschinen laufen auf Reserve. Der seit Wochen anhaltende Sturm verhindert, dass wir die Segel hissen k√∂nnen und das Packeis wird dichter. Warten, wie den Gro√üteil unserer Zeit, die Maschinen nur dann anwerfen, wenn Aussicht besteht, auch wirklich vorw√§rts zu kommen. Beten, dass wir bis dahin nicht endg√ľltig festfrieren. Die Kartenspiele und W√ľrfel liegen ungenutzt im Schrank, die Flaschen sind so leer wie unsere Seelen.

Vor tausend Jahren versank Tiamor zusammen mit den Hochkulturen. Die G√∂tter haben den Kontinent entzweigerissen, der wirbelnde Abgrund tat sich auf und Nyels kaltes Reich verschluckte das Zentrum der Weisheit. Nun ruht sie in lichtloser Finsternis auf dem Meeresgrund. Mit ihr versank das Bewusstsein um Moral, um technischen und gesellschaftlichen Fortschritt und die Herzen wurden zu Eis so wie das Land. Viele glauben, dass dieses Ereignis Schuld an allem ist, das gro√üe Versinken, der Untergang von allem was wir liebten und allem, das zu Liebe f√§hig war. Was blieb, war der Rest. Oft genug fragen wir uns, was unsere Ahnen verbrochen haben, doch nicht einmal die Legenden kennen die Antwort. Ungewissheit, einmal mehr. Was blieb von der einstigen Gr√∂√üe? Selten noch pendeln dampfgetriebene Tauchschiffe zwischen den versunkenen Ruinen Tiamors und der √∂den Eisw√ľste an der Oberfl√§che hin und her, um etwas von seinem alchemistischen Licht in ihrem Herzen nach oben zu tragen. Mir aber ist dieser Weg verwehrt. Ich geh√∂re nicht zu den Gl√ľcklichen, die noch von der Weisheit kosten, die vergessen werden sollte. Nicht zu jenen, die Magie erlernen k√∂nnen, das Privileg der Untersseefahrt genie√üen d√ľrfen und hernach ein Leben in Reichtum f√ľhren, in Pal√§sten aus Eis, sch√∂n wie Glas und frei von Hunger.
Mit gefrorenen Wimpern blicke ich hinaus, die Augen tr√§nen vom eisigen Wind. Der Eisbrecher, zwischen schwarzem Ozean und sonnenlosem Winterhimmel ein flackerndes Licht, das versucht alles zu geben, was es hat, bis die Maschinen versagen. Unser Tod unbemerkt, nur besungen vom heulenden Wind. Das Schiff ein weiteres nie gefundenes Wrack, vom Schnee zugedeckt f√ľr den ewigen Schlaf. Noch ist es nicht so weit, aber bald, wenn sich nichts tut.

Ein Ruck geht durch den Rumpf, als h√§tte der Dunkle mein Flehen erh√∂rt. Es knirscht, kracht und knackt, der Stahl √§chzt und der Wind jault auf. Ein St√ľck freier Fahrt, vorw√§rts, ein weiteres St√ľck Hoffnung voran. Mit dem Eisbrecher bahnen wir uns seit einem Jahrzehnt den Weg durch das Packeis zwischen Skille und Frostk√∂nigreich, zwischen Skallion und Thogrim, in der Hoffnung, irgendein Gesch√§ft zu machen. Von guten Gesch√§ften redet schon lange niemand mehr, Hauptsache, es reicht, um dem Tod ein paar Wochen l√§nger zu entkommen. Nur wenig mehr als das ist uns geblieben. Warum man auf das Meer hinausf√§hrt, daf√ľr hat jeder andere Gr√ľnde. Die meisten untersch√§tzen schlichtweg, was sie hier drau√üen erwartet. Die einen suchen nach Abenteuer, die anderen nach Reichtum, wieder andere nach einer neuen Heimat. Nur wenige finden, was sie suchten. Ihr Schreien und Weinen sind hier drau√üen kaum zu h√∂ren. Und wenn es doch auf Ohren st√∂√üt, sind diese taub. Jeder hat genug mit sich selbst zu tun.

Es sind die Ereignisse zwischen der ewigen Warterei, welche diese Reisen trotz allem lohnenswert machen. Es sind die silbernen Leiber der Sandj√§ger, die man an guten Stellen zu Gesicht bekommt und die einem f√ľr ein Entgelt aus Perlen die Schw√§rme in die Netze treiben. Es ist der Schwarzmarkt auf der schwimmenden Eisinsel Skille, wo die Norkara Felle gegen Waffen tauschen, Rentierfleisch gegen gefrorenen Kohl, Eisen gegen verbotene magische Artefakte und wo die Sandj√§ger die schlaffen Leiber von erlegten Riesenkalmaren gemeinsam an Land zerren, um die St√ľcken sp√§ter zu horrenden Preisen an verhungernde Seefahrer zu verkaufen, die ihm Packeis feststecken. Und die sie, wenn der Preis nicht stimmt, ihrem Schicksal √ľberlassen. Skille ist der Ort, wo man tiefgefrorene Ghule handelte, um sie im Maschinenraum eines verhassten Rivalen wieder auftauen zu lassen, damit sie sich an dessen Mannschaft g√ľtlich tun. Es gibt viele M√∂glichkeiten, das Schicksal im Norden gegen bare M√ľnze noch bitterer zu machen.

Doch oft genug kommt die Gefahr nicht von au√üen. Ich bin auf meine Mannschaft angewiesen und die st√§ndige Angst hat schon manch einen wahnsinnig gemacht. Eine Meuterei w√§re das Ende. Wenn die Stimmung endg√ľltig zu kippen droht, muss ich entscheiden, ob ich eine handvoll wertvoller Perlen, die eigentlich f√ľr die Sandj√§ger bestimmt sind, ins Packeis werfe, um die abgerl√§ubischen Gem√ľter meiner M√§nner zu beruhigen oder ob ich das Gleiche mit meinem einzigen verbleibenden Maschinisten mache, um Nyel, dem Immerhungrigen, ein Opfer zu gew√§hren. Soll ich die √Ėllampe entz√ľnden, um die verbitterten Gem√ľter etwas zu erw√§rmen, oder das √Ėl besser in die Maschinen kippen? Man kann es hier drau√üen nur falsch machen. Jede Handlung, um ein √úbel zu lindern, zieht ein anderes √úbel nach sich. Oft denke ich daran, wie es w√§re, mich von der Reling zu st√ľrzen und vom malmenden Eis zerquetschen zu lassen, um der wei√üen W√ľste zu entkommen, von der manch einer sagt, dass sie nur ein Spiegel des Abgrunds sei.

Seit ich den Eisbrecher mit der st√§rkeren Maschine ausger√ľstet habe, ist der Kampf allerdings nicht mehr ganz so hoffnungslos. Wir sind schneller und k√∂nnen unseren Rivalen oftmals davonfahren, ohne wertvolle Energie zu vergeuden und unsere Gesundheit und unser Leben zu riskieren. Wir k√∂nnen uns in Regionen vorwagen, die unser Eisbrecher vorher nicht schaffte. Skilles Verlockungen scheinen nicht mehr ganz so weit entfernt f√ľr uns zu sein. Doch die neu gewonnene Freiheit hat ihren Preis, so wie alles hier. Die Maschine verbraucht noch mehr Treibstoff als die Alte. Sie ist lauter und man h√∂rt uns durch den Sturm schon von weitem. Und schon sind da die Rufe der Mannschaft, wieder die alte Maschine auszur√ľsten und die Neue gegen Treibstoff und Proviant einzutauschen sowie Medikamente gegen Skorbut. Vielleicht k√∂nnten wir davon auch einen neuen Maschinisten anheuern.

Die wenigen Handelsst√§dte sind die einzigen Ruhepunkte, ob Skille unter dem Mantel des Zwielichts, Selsborg im Nebel der Fremde oder Mital Sil, die ich als einzige je Heimat nennen konnte, bevor ich an Bord des Eisbrechers stieg. Die Landg√§nge lindern den Wahnsinn der Mannschaft und auf den M√§rkten kann man das Eine gegen das Andere tauschen, so dass man vielleicht etwas l√§nger √ľberlebt.
Das wertvollste Gut aber sind immer noch die Geschichten. Man lauscht ihnen und kann sich einmal zur√ľcklehnen und muss sie nicht selbst durchleben, ein anderes Mal erz√§hlt man die eigene Geschichte weiter und erh√§lt zum Dank ein Kleinod oder erf√§hrt beim Gespr√§ch etwas, das auf einen m√∂glichen Handel hinweist. N√ľtzliche Warnungen, unterhaltsame M√§rchen, aber vor allem Tr√§ume - Geschichten sind die W√§hrung f√ľr alles, was unbezahlbar ist.

Diesmal rufen uns weder Skille noch Selsborg. Wir sind in umgekehrter Richtung unterwegs, s√ľdlich, nach Milat Sil. Nach Hause. Alles, was mich damals von sich stie√ü, zieht mich nun an wie eine warme Verhei√üung. Ich sp√ľre, dass ich alt werde. Die Fahrt wird noch einige Wochen dauern, vorausgesetzt, wir frieren nicht endg√ľltig fest. Ich kehre ich den Abenteuern im Norden auf ewig den R√ľcken, setze niemals mehr einen Fu√ü auf den Eisbrecher. Genug ist genug und alles, wonach ich noch suche, ist heimzukommen.
Ich bohre mit der Zunge an meinem Zahnfleisch herum, taste nach, ob alles in Ordnung ist - und schmecke Blut.

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