Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

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Jaro Ballivòr
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#11

Beitragvon Jaro Ballivòr » Sa 11. Nov 2017, 16:28

Linu

Also stimmten Mins Geschichten. Sie waren Gäste im Heim von Gemby, dem Abenteurer, dem Affen, der die Welt erkunden wollte. Neugierig musterte Linu den alten Mann, während sie aßen. Auf dem runden Tisch standen nun hölzerne Schalen und Bretter mit verschiedenen Speisen, die Fekky, der junge Affe, auf Geheiß seines Meisters aus einer kleinen Höhlennische geholt hatte. Viele Wörter hatten sie mit ihrem Gastgeber noch nicht gewechselt. Er hatte sich mühevoll aus dem reich gepolsterten Korbstuhl gekämpft und ohne all die Decken und Kissen war er viel kleiner als erwartet.
„Kinder, Kinder! Wie schön!“, hatte er ausgerufen, als wäre es das normalste der Welt, dass sie ihn heute besuchten und die Jugend seiner Stimme schuf einen großen Kontrast zu seinem Aussehen. „Ihr seid bestimmt hungrig, nicht?“ Die Worte waren Musik in Linus Ohren gewesen, doch nun, da sie langsam gesättigt war, traten andere Gedanken in den Vordergrund. Sie hatte so viele Fragen. Gemby hingegen schien sich nicht weiter zu interessieren, wer sie waren und warum sie hergekommen waren. Genüsslich und langsam aß er von den verschiedenen Platten, schmatzte laut und summte zwischendurch fröhliche Melodien. Wann immer er den Blick von Linu oder Taal traf, lächelte er und deutete auf eine der Speisen, um sie zu einem Nachschlag zu motivieren. Er hatte den Kopf stets nach unten geneigt und musste mit den Augen nach oben schielen, um jemanden anzusehen, ganz so, als spähe er unter etwas hindurch.
„Meister Gemby?“, setzte Linu irgendwann an, als die Mahlzeit sich in die Ewigkeit zu ziehen schien. „Ihr scheint gewusst zu haben, dass wir kommen. Woher?“
„Gesehen habe ich es, ist doch klar“, sagte er fröhlich und gestikulierte in die Richtung des Höhleneingangs. „Hoch über den Bäumen schweben sie!“, bestätigte Fekky eifrig.
„Wir sind nicht ohne Grund hier“, sagte Taal.
„Nein. Ihr sucht etwas, nicht wahr?“ Gembys wässrige blaue Augen ruhten auf dem Jungen. „Ihr seid jung und ungeduldig, das spüre ich ganz deutlich. Zuerst müsst ihr lernen abzuwarten.“
Linu und Taal wechselten einen Blick. „Großvater Min“, fuhr die Aviare fort, ohne auf Gembys Worte einzugehen, „kanntet ihr ihn?“
„Min?“, er versank einen Augenblick in Gedanken. „Vielleicht kannte ich ihn, ja… aber vielleicht auch nicht. Ich erinnere mich nicht richtig.“ Linu atmete schwer. So hatte sie dich das nicht vorgestellt. Falls es Meister Gemby wirklich gab, so hatte sie gedacht, und sie ihn gefunden hätten, würden endlich all die Fragen beantwortet und sie würden wundersame Dinge über Caertol, die Menschenaffen und ihr eigenes Volk erfahren. Den alten Affen hatten sie gefunden, doch er war merkwürdig, schien verwirrt und vergesslich und es war anstrengend, sich mit ihm zu unterhalten.
„Fekky“, wandte er sich an den jungen Affen, „ich muss jetzt ruhen. Morgen ist ein aufregender Tag!“ Er zwinkerte Linu und Taal vielsagend zu.
„Was ist denn morgen?“, fragte die Aviare verwirrt.
„Na morgen gehen wir auf Forschungsreise!“ Freudig klatschte er in die Hände, dann ließ er sich von Fekky helfen und begab sich ohne weitere Erklärungen zu Bett.
„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Linu ihren Freund.
„Wir warten auf Morgen. Sei nicht verzweifelt Linu, sieh, was wir erreicht haben. Der Mann ist wahrscheinlich einfach nur sehr alt. Lass und sehen, was er uns morgen zeigt.“
„Morgen, ja. Jetzt müsst ihr schlafen!“ Fekky war wieder zu ihnen hinüber gekommen. „Kommt mit, ich zeige euch euren Platz.“
An der Höhlenwand fanden sie eine provisorische Bettstatt aus einfachen Flechtmatten und ein paar Decken und Kissen und dennoch hätte sich Linu nach der anstrengenden Reise kaum etwas Gemütlicheres vorstellen können. Taal hatte Recht, sie mussten abwarten.
„Schlaft gut, kleine Vögel“, sagte Fekky und kicherte wild über den Spitznamen, den er ihnen gegeben hatte. „Ich muss gehen.“
„Schläfst du nicht hier bei uns?“, fragte Taal, dem der nervöse Kerl leid zu tun schien.
„Nein, nie! Ich habe ein eigenes Zuhause, dort draußen.“ Er wies in Richtung des Höhleneingangs. „Aber morgen komme ich wieder, keine Sorge, ja?“

[Platzhalter 2: Kapitel wird noch fertiggestellt.]


Rak

Das Herz klopfte so wild, dass er meinte, es müsste ihm jeden Augenblick aus der Brust springen. Er sah zu Holon, der dies zu bemerken schien und den Kopf drehte. Sein Ausdruck deutete die Frage an, ob alles in Ordnung sei. Entweder hatte er den Ritter nicht bemerkt oder nicht erkannt. Konnte Lord Sarkis schon wissen, dass er einen verurteilten Verbrecher in seiner Burg beherbergte? Unruhig rutschte Rak auf seinem Stuhl hin und her und Holon legte ihm eine Hand auf die Schulter. Vermutlich dachte er, seine Nervosität wäre des Banketts wegen. Rufe hallten durch den Saal so laut und plötzlich, dass Rak zusammen zuckte. Der Lord hatte seine Rede beendet und die Gäste hoben ihrerseits die Kelche zum Gruß. „Rak, was ist?“, fragte Holon im Schutz der Geräuschkulisse. „Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“
Der Junge schluckte. „Siehst du den Ritter hinter Lord Sarkis? Ich kenne ihn. Er ist aus Krinkgard und der Leibwächter der Cousine des Prinzen.“
Holon kniff die Augen zusammen. „Sir Kartoff?“ Der Ausdruck des Begreifens erfüllte sein Gesicht und er lachte. „Nein, nein! Sir Kartoff ist ein treuer Ritter unseres Lords.“
„Das kann nicht sein!“, entgegnete Rak. „Seit ich denken kann, ist er der Begleiter von Klara!“
„Du musst lernen, dass nicht immer alles ist, wie es scheint.“ Rak wartete auf mehr, doch Holon blieb still. Fragen brannten ihm auf der Seele, doch Holon schüttelte den Kopf. Die gute Laune des Nachmittags verflog. Wieso sagte ihm eigentlich nie jemand, was Sache war?
Diener beluden die Tische mit Speisen, bis sie ächzten und jeder begann eifrig sich zu bedienen, nachdem der Lord das Mahl für eröffnet erklärt hatte. Misstrauisch blickte Rak zu Sir Kartoff, der wie eine Statue hinter der hohen Tafel stand. Der Hunger war ihm vergangen. An seiner statt hatte sich ein Knoten des Unbehagens in seinem Magen breit gemacht und widerwillig musste er sich eingestehen, dass er sich fürchtete. Halbherzig nahm er ein paar Bissen der Vorspeise und ließ sich stattdessen zum zweiten Mal nachschenken. Zu dem feinen Anlass wurde nicht das dickflüssige Bier gereicht, dass er tags zuvor bekommen hatte, sondern feiner, süßlicher Wein, etwas, wovon er noch nie in seinem Leben hatte kosten können. Schnell wurde ihm etwas schwummrig, aber das war ihm egal. Immerhin konnte dies sein letzter freier Abend sein, wenn der Ritter Lord Sarkis die Wahrheit erzählte.
Das Bankett zog sich in die Länge. Mehrfach nahm man sich Nachschlag, es wurde viel gesprochen, getrunken und gelacht und auch Holon war in eine Unterhaltung vertieft, sodass Rak nicht viel übrig blieb, als sich im Saal umzusehen und mit seinem Messer zu spielen. Der Wein machte ihn müde, ebenso die Wärme und die schweren Düfte des Raumes. Das Gemurmel stieg zu einem allumgebenden Brummen an und Rak wurden die Lider schwer. Vereinzelt drangen Gesprächsfetzen in sein umnebeltes Bewusstsein vor und der Junge konnte kaum entscheiden, ob er die Wörter wirklich hörte oder ob er bereits träumte.
Südgrenze überwacht… Nein, nein, der König… Noch Wein?... Schon immer… die Alben… Seine Lordschaft?... Gelächter schwoll an und verebbte… auch im Westen… nichts anderes verdient! … wissen wir nicht… „Rak?“ Von weiter Ferne erreichte Holons Stimme sein Bewusstsein. Er stupste ihn an. „Hey! Bist du eingeschlafen? Der Wein bekommt dir wohl nicht gut.“
Müde sah Rak den Mann an, dessen Gesicht verschwommen neben ihm wankte. Ihm war sehr schwindelig. „Der Nachtisch kommt gleich und danach kannst du zu Bett, wenn du möchtest.“
Schwach nickte der Junge und setzte sich aufrechter auf seinen Stuhl. Er erinnerte sich an Sir Kartoff und sah schnell hoch zu Tafel. Der Platz hinter dem Lord war leer. Hektisch blickte sich Rak in alle Richtungen um, aber er konnte den Mann nirgends sehen. „Mach dich nicht verrückt, vielleicht hat er sich irgendwo zu einem Gespräch nieder gelassen“, versuchte er sich selbst zu beruhigen.

Der nächste Morgen begann für Rak mit schrecklichen Kopfschmerzen, als er früh von der Dienerin geweckt wurde. Sein Gemach lag noch im Dunkeln, die Sonne war noch nicht aufgegangen. Dankbar nahm er den Kelch mit Wasser entgegen, denn er war außerordentlich durstig. Bier, so stellte er fest, war ihm wesentlich lieber als Wein.
Holon wartete mit den Pferden bereits vor der Burg und er war nicht allein. Auf einem gewaltigen grauen Streitross thronte Sir Kartoff in voller Rüstung. Rak blieb an Ort und Stelle stehen. War der Plan geändert worden? Würde er statt zu der geheimnisvollen Akademie zurück nach Krinkgard eskortiert, um seinen Prozess zu erhalten?
„Rak, komm schon“, drängte Holon. „Sir Kartoff wurde von Lord Sarkis beauftragt, uns zur Akademie zu geleiten. Was ist nur los mit dir?“
Langsam ging der Junge in Richtung von Willi, dem gutmütigen kleinen Pferd und ließ den Ritter dabei nicht aus den Augen, der ihn seinerseits nicht eines Blickes würdigte, sondern still in die Ferne blickte. Rak wurde bewusst, dass er den Mann noch nie ein Wort hatte sagen hören. Er saß auf. Ob Willi ihm gehorchen würde, wenn er versuchte, abzuhauen? Fast musste er lachen. Das kräftige Ross von Sir Kartoff war fast doppelt so groß. Er würde ihn wahrscheinlich im Trab einholen.
„Dann los“, sagt Holon und sein Pferd setzte sich in Bewegung, doch nicht in Richtung des Dorfes, sondern an der Burg vorbei auf das Gebirge zu. Willi folgte dem braunen Tier von Holon ohne, dass Rak etwas tun brauchte und Sir Kartoff bildete die Nachhut. Hinter der Festung tauchte kaum sichtbar ein kleiner Pfad auf, der zwischen zwei mächtigen Felswänden in die Berge führte. „Wir werden nicht lange brauchen“, sagte Holon zu Rak. „Ein halber Tagesritt vielleicht, wenn die Pferde den Aufstieg ohne Pause schaffen.“ Erleichterung machte sich in Rak breit. Nach Krinkgard wurde er nicht gebracht, so viel war sicher.
Der Weg ging zuerst schnurstracks gerade aus. Zu beiden Seiten ragten hoch und steil die Felsen auf. Nach einigen Metern folgte eine scharfe Kurve und fortan bewegten sie sich in Schlangenlinien hinauf. Schon bald waren sie höher als die vordersten Gipfel und ein traumhafter Blick auf das erwachende Land bot sich ihnen, als die Sonne sich direkt gegenüber langsam aus ihrem Bett erhob.
Rak vermochte weder zu sagen, wie lange sie geritten waren, noch wie weit oben sie sich befanden, als er den Rauch bemerkte. Mehrere Qualmfahnen strebten in den Himmel und hinter der nächsten Biegung kamen die Gebäude in Sicht. Umringt von kleineren und größeren Erhebungen erstreckten sich flache Steinbauten zu beiden Seiten. Nie hätte er hier oben in den Bergen Behausungen vermutet. Er hatte sich immer vorgestellt, die Gebirge beständen aus spitzen Gipfeln und tiefen Schluchten, und nicht, dass dort Platz für ganze Häuser war.
„Willkommen in der Akademie der Elemente und dem Sitz unseres Ordens“, verkündete Holon feierlich und führte sie zu den Stallungen, in denen einige Pferde und Maultiere dösten. „Dies wird von jetzt an dein Zuhause sein, Rak. Du wirst hier schlafen, essen und lernen. Keine Sorge“, fügte er lächelnd hinzu, „hier gibt es auch andere Jungen und Mädchen.“
Raks misstrauischer Gesichtsausdruck galt allerdings weiterhin dem stummen Ritter, der klirrend von seinem hohen Ross sprang und es in eine besonders große Box führte. Holon seufzte. „In Ordnung, Rak, ich erkläre es dir.“ Er nickte dem großen Ritter zu und führte den Jungen aus dem Stall und in Richtung der anderen Gebäude. Er bedeutete Rak auf einer kleinen Bank vor dem Eingang Platz zu nehmen. „Du brauchst keine Angst wegen dem Ritter zu haben. Sir Kartoff war seit Jahren der Leibwächter des Prinzen Cousine, das ist richtig, doch nicht das Mädchen war der Grund, warum er nach Krinkgard kam. Du warst es. Der Mann hat dein ganzes Leben lang über dich gewacht und dich beobachtet.“
Rak zog ungläubig die Augenbrauen zusammen. „Du kannst mir vertrauen. Warum glaubst du, hat er nicht eingegriffen, als ich dich vom Ort des Geschehens wegzerrte, während die anderen Ritter, die Prinzessin hinfort schafften? Denkst du, es war Zufall, dass ich genau an diesem Tag zugegen war?“
„Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, stellte Rak fest.
„Seit deiner Geburt hat der Signalstein Impulse ausgesandt, mal stärker, mal schwächer, also hat Lord Sarkis einen getreuen Untergebenen nach Burg Kalkstein geschickt, um das Kind zu finden, das der Auslöser ist. Unter dem Vorwand, als Leibwächter der heranwachsenden Cousine zu dienen, hat Sir Kartoff sich eine Stellung in der Hauptstadt beschafft, dich ausfindig gemacht und über dich gewacht.“
„Und warum wurde ich dann gerade jetzt weggeholt und nicht schon vor einem Jahr oder vor zwei?“
„Weil die Zeit jetzt reif ist und du das passende Alter hast, in die Geheimnisse der Elementarmagie eingeführt zu werden.“
Rak versuchte das Gehörte zu verarbeiten, als Sir Kartoff aus dem Stall trat und kurz in ihre Richtung sah. In seinem Blick lag derselbe Ernst und dasselbe Pflichtbewusstsein, mit dem er Tag ein Tag aus scheinbar nicht nur die Umgebung von Klara, sondern auch die seine nach potentiellen Gefahren abgesucht hatte. Kaum merklich nickte der Ritter, dann machte er auf dem Absatz kehrt und schritt zu einem anderen Gebäude.


Triborin

Die Rast brachte Entspannung, nicht nur für den Körper, vor allem auch für Geist und Stimmung. Irgendwo in der Nähe mussten Kräuter wachsen, denn ein angenehmer Duft lag in der Luft und die Pferde konnten ausführlich grasen. Auch Triborin und Liena stärkten sich und der Dunkelelf wusch sich gründlich in dem kleinen Bach. Nach ein wenig Schlaf fühlte er sich wie neugeboren und nahm den kleinen Tonbecher mit heißem Tee dankbar von ihr an. Die Verletzung seines Pferds und auch die seine waren ungewöhnlich gut verheilt und so konnten sie schnell wieder aufbrechen.
Sie sprachen nicht viel, doch wenn, ging es weniger um Aufträge und Ziele, um Geheimnisse und Sticheleien, sondern um alltäglichere Dinge. Nahrung, Natur und Wetter, die eigenen Vorlieben und Geschmäcker und Anekdoten und Geschichten. Immer wieder ertappte sich Triborin dabei, wie er anfing, die Zeit zu genießen und weniger über die äußerst kritische Situation nachdachte, aus der er knapp entkommen war und die trotzdem noch gefährliche Wellen schlagen konnte. Entweder wählte Liena ihren Weg äußerst durchdacht, oder in diesem Bereich des Königreiches gab es nicht viel, denn sie waren seither an keiner Menschenseele und an keiner Ortschaft vorbei gekommen. Triborin sollte das nur Recht sein. Seiner guten Stimmung zum Trotz, drängte sich von Zeit zu Zeit der Gedanke in sein Bewusstsein, dass er noch immer einen wichtigen Auftrag zu erfüllen hatte und jedes Mal erstarb sein Lächeln und ihm wurde schwer zumute. Sein Aufbruch in Xarchavas schien so fern, als sei er schon Jahre unterwegs. Manchmal meinte er bei Liena ähnliche Züge zu entdecken, denn es kam vor, dass auch ihr Lachen schlagartig verblasste und häufig sah sie stundenlang in die Ferne, ohne ein Wort mit ihm zu sprechen. Triborin wusste noch immer nichts über die Frau. Da gab es etwas, das äußerst wichtig für ihn zu wissen gewesen wäre, dessen war er sich sicher, doch er brachte es nicht über sich, erneut zu fragen. Viel zu sehr genoss er die Harmonie, die sich zwischen ihnen entwickelt hatte, als dass er sie schon wieder mit Füßen treten wollte. Geduld war angesagt. Zugegebenermaßen freute er sich sogar schon darauf, Mildir zu sehen. Mythen und Legenden rankten sich um das Land der Alben, das angeblich Heimat der Erdgöttin selbst war. Lebendige Bäume, immergrüne Wiesen, klare Flüsse und goldenes Sonnenlicht; die Natur sei so schön wie der Alb, der es bewohnt und ebenso trügerisch, so sagte man in Lacharys. Einen Besuch war es mit Sicherheit wert. Kenne deinen Feind. Auch dies war ein Grundsatz seiner Ausbildung. Er könnte einer der wenigen Gardisten sein, der jemals einen Fuß in das geheimnisvolle Nachbarland gesetzt hatte, auch wenn es nur eine Momentaufnahme wäre.
„Wir werden uns nicht lange in Mildir aufhalten“, hatte Liena einmal unvermittelt gesagt. „Es sei denn, Ihr möchtet auf Eurer geliebtes Schwarz verzichten und etwas Unauffälligeres anziehen.“ Triborin verstand; Liena wollte in Begleitung eines Dunkelelfen, noch dazu eines Leibgardisten, den sie heimlich in das Land gebracht hatte, nicht mit anderen Alben in Kontakt kommen. Ihre Erklärung in solch einem Fall wäre allerdings interessant, dachte er bei sich, während seine Worte Zustimmung zu dem Plan bekundeten. Es spielte ihm in die Karten, schnell nach Süden zu kommen. Zu viel Zeit war schon verstrichen und Lord Xyrius wartete nicht gern.

Je weiter sie in das Landesinnere kamen, desto grüner wurde die Umgebung. An Küstennähe noch rau und felsig, war Vesperion in diesem Bereich durchzogen von Bewaldung und Grashügeln, von Bächen und teilweise sogar von Sümpfen. Als sie eines Tages den Filthri überquerten, schätzte Triborin, dass Mildir nicht mehr fern war und er hatte Recht damit. Bereits am Morgen des nächsten Tages betraten sie albischen Boden. Lienas geflüsterte Worte in einer fremden Sprache und feine Schnitzereien an den umliegenden Bäumen waren das einzige, das einen Unterschied verriet.
„Ich habe Narma gegrüßt und sie gebeten, mich wieder bei sich aufzunehmen“, beantwortete sie Triborins Frage nach ihrem Gebet.
„Und was hat sie dir geantwortet?“
„Sie sagt, ich soll den Eindringling kalt machen, wenn er nicht hört.“ Die Albe lachte. „Das kannst du ja versuchen“, entgegnete Triborin und grinste zurück.
Sie bewegten sich zunächst weiter nach Westen und der Dunkelelf vermutete, dass Liena ein wenig Abstand zur Grenze gewinnen wollte, wo es wahrscheinlich in regelmäßgien Abständen immer wieder bemannte Stützpunkte gab. Die Sonne stieg höher und verströmte eine angenehme Wärme. Ob es an seiner Erwartungshaltung lag oder tatsächlich der Fall war, konnte Triborin nicht sagen, doch die Lichtstrahlen schienen Substanz zu haben und ergossen einen goldenen Schimmer auf die grünen Wiesen und die Bäume, die größtenteils bereits ihr Herbstkleid angelegt hatten. Sie erreichten ein etwas dichteres Waldstück und folgten einem erdigen, von Wurzeln durchzogenen Pfad. Vögel zwitscherten überall im Geäst und kleine Nagetiere wuselten durch die raschelnden Blätter am Boden. Einmal überquerten sie einen kleinen Bach über eine kunstvoll geschnitzte Holzbrücke und kurz darauf entdeckte Triborin ein Reh mit seinem Kitz. Alles wirkte so friedlich. Schnell könnte man sich in die Landschaft verlieben und vergessen, dass sie gefährlich ist, dachte Triborin.
Nach einer Weile verließen sie den Pfad, der weiter nach Westen führte und bogen nach rechts in den Wald ab. Lienas Stute trottete mühelos zwischen den Bäumen hindurch, doch er spürte, dass seinem Hengst unbehaglich zumute war. Die vielen Geräusche, die fremden Bäume und die schmalen Durchgänge schienen ihm zu Schaffen zu machen. „Alles gut, Großer“, flüsterte Triborin und klopfe dem Pferd die Seite. „Bald sind wir wieder auf offenem Gelände.“
„Das ist ein Nachtschatten, nicht wahr?“, fragte Liena.
„Ja“, entgegnete Triborin knapp, überrascht, dass die Albe die Rasse und auch ihren Namen kannte. „Ich habe ihn bereits als Fohlen bekommen und selbst erzogen.“
„Hat er einen Namen?“
„Wir geben unseren Pferden keine Namen.“
Liena sah auf. „Warum? Fürchtet Ihr, Ihr könntet Gefühle entwickeln?“
Der Elf antwortete nicht.
„Das ist Ilsara“, fuhr die Albe fort. „Sie ist…“ – „Ein Wildpferd“, beendete Triborin den Satz für sie. Als er die Stute in der Menschensiedlung das erste Mal gesehen hatte, hatte er es bereits vermutet und der gemeinsame Weg danach hatte ihm Gewissheit beschwert. Eine wilde Freiheit lag im Blick des Tieres und auch die Distanz, die sie zu seinem Hengst hielt, waren eindeutige Zeichen gewesen. „Reitet Ihr sie deshalb ohne Sattel?“
„Nein; weil ich es möchte. So kann ich sie besser spüren.“
Triborin beobachtete die Frau und ihr Pferd von der Seite. Gerade und anmutig saß die Albe auf dem Rücken des Tieres, das vollkommen ohne Führung zu gehen schien.
„Wollt Ihr mir nicht sagen, wer Ihr seid?“, fragte Triborin vorsichtig.
Liena seufzte. „Jede Information würde neue Fragen auslösen und unweigerlich zu einem Punkt führen, wo ich nicht mehr antworten kann. Oder würdet Ihr mir alles über Euch erzählen?“
„Ich hab das Gefühl, Ihr wisst schon alles über mich“, gab Triborin zurück.
„Ich habe lediglich die offensichtlichen Dinge zusammengezählt.“
Wieder wich sie ihm aus, doch er blieb hartnäckig. „Sagt mir wenigstens Euren vollständigen Namen.“
Sie lachte ihr schönes Lachen, an das Triborin sich schon so sehr gewöhnt hatte. „Ihr werdet nicht locker lassen, nicht wahr?“ In ihren Augen lag eine Mischung aus Amüsement und Resignation. „In Ordnung, aber nur unter einer Bedingung: Ihr dürft keine weitere Frage mehr stellen.“ Die Albe war gerissen…
„Also gut, einverstanden.“ Triborin wusste, dass es ein schlechtes Geschäft für ihn war, doch er brannte auf die Information. Liena holte noch einmal tief Luft und als sie sprach, sah sie stur geradeaus. Die Heiterkeit, die zuvor in ihrer Stimme gelegen hatte, war verschwunden. „Ich bin Liena Emira aus dem Hause Sinklar und Salisir ist meine Heimat.“
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~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~

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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#12

Beitragvon Jaro Ballivòr » Di 14. Nov 2017, 21:38

Platzhalter 2


Mit dem Morgen kam der Regen. Tief in der Höhle war es nicht zu hören gewesen, doch der Geruch lag in der Luft und Linu, die es liebte, wenn es in Strömen goss, war davon aufgewacht und direkt hinaus zum Eingang gelaufen. In endlosen Fäden fiel das Nass vom Himmel, plätscherte auf den Fels und weiter unten auf das grüne Dach der Bäume. Hier vorne bildeten sich am Boden bereits kleine Pfützen und von der Decke tropfte es in regelmäßigen Abständen laut und tief. Linu schloss die Augen und atmete tief ein.
„Du bist ein ungewöhnliches Kind“, ertönte Gembys Stimme hinter ihr und der alte Affe stellte sich neben sie. „Die meisten mögen kein schlechtes Wetter.“
„Ich finde, es gibt kein schlechtes Wetter“, sagte Linu. „Ohne den Regen gäbe es kein Leben und auch nicht ohne die Sonne. Ohne den Winde gäbe es keine Bewegung und ohne Wolken keinen Schutz.“
Gemby nickte und lächelte. „Ein ungewöhnliches Kind, aber klug. Nicht nur das Wetter ist eine Sache unserer eigenen Einstellung, das wirst du noch merken müssen. Manchmal sind wir Lebewesen auch mit den besten Argumenten nicht von einem Standpunkt wegzubewegen, auf dem wir uns gemütlich eingerichtet haben.“ Linu sah ihn an. Er wirkte viel klarer als am Abend zuvor und blickte nachdenklich hinaus. „Jetzt komm, wir sollten etwas essen, bevor wir aufbrechen.“
Wie ausgemacht huschte in diesem Augenblick Fekky in den Höhleneingang. „Brr, sehr nass!“, sagte er und schüttelte sich das Wasser vom Fell. „Beinahe wäre ich ausgerutscht auf der Treppe, jawohl.“
Er begleitete sie hinein und auch Taal war mittlerweile erwacht, lümmelte noch schläfrig in den Decken. Sie aßen süße Fladen und tranken Kokosmilch dazu. „Wir werden heute ein wenig hinauf gehen“, erklärte Gemby unterdessen. „Wenn ich mich recht erinnere, gibt es dort eine wichtige Information.“
„Wenn Ihr euch recht erinnert?“, fragte Linu, den Becher auf halben Weg zum Mund.
„Es ist ein halbes Affenleben her, dass ich dort gewesen bin, mein Kind. Ist das nicht aufregend? Ich werde das Abenteuer noch einmal erleben.“
„Die anderen Affen“, setzte Taal an, „wissen die, dass ihr hier lebt? Immerhin suchen sie bestimmt nach uns.“
„Keine Sorge, sie werden euch nicht finden.“

Der Weg tiefer in das Gebirge war schwierig. Es ging teilweise steil bergauf oder bergab und der Weg war durch den Regen oft rutschig und voller Pfützen. Nicht wenige Male schulterten Linu oder Taal den alten Mann, um ein Stück im Flug zu überbrücken. Sie waren alle triefend nass und irgendwann konnte selbst Linu den Regen nicht mehr genießen. „Was suchen wir denn?“, rief sie Gemby irgendwann zu, in der Hoffnung, er könne sich daran noch erinnern. „Ein Denkmal“, gab er zurück und seine Augen glitzerten. „Ein altes Denkmal.“ Fekky trottete schweigend mit ihnen mit und hatte seine Freude daran, in die größten Pfützen zu stampfen.
„Er ist als kleiner Affe vom Baum gefallen“, sagte Gemby leise zu Linu. „Seither hat er es nicht leicht gehabt. Die Simearu sind grausam, was Außenseiter angeht. Alles, das anders ist, stellt eine Bedrohung für sie dar. Zum Glück hat er eines Tages zufällig den Weg zu meiner Höhle entdeckt. Wir können uns gegenseitig sehr helfen.“
Fekky sah nach hinten, als spürte er, dass sie über ihn sprachen. Kurz lächelte er nervös und drehte den Kopf wieder nach vorn. „Da ist was, ja, gleich dort vorn!“, rief er aus und rannte los. Tatsächlich. Der Weg führte auf eine kleine Ebene, gerade groß genug, dass sie zu viert dort stehen konnten. In der Mitte erhob sich eine Skulptur aus Stein, die einen Menschen und einen Vogel abbildete. „Das ist ein Aviare“, flüsterte Linu und ging eilig darauf zu. „Also waren doch schon welche im Gebirge.“ Mit den Fingern strich sie über das verwitterte Gestein und blickte hinauf in die Gesichter. „Es ist dieselbe Person“, sagte Taal, der an ihre Seite getreten war. „Sie nur, sie haben denselben Gesichtsausdruck.“
„Und er trägt eine Art… Uniform.“ Linu deutete auf die Brust des Vogels. Sie hatte noch nie gesehen, dass ein Aviare in Vogelgestalt Kleidung trug, doch dieses Abbild tat es. „Eine Rüstung, würde ich sagen.“ Gemby hatte zu den Kindern aufgeschlossen. „Das ist ein Krieger.“
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#13

Beitragvon Jaro Ballivòr » Di 14. Nov 2017, 21:55

Platzhalter 3: Linus nächstes Kapitel folgt


Rak

Sein neues Zuhause hatte selbstverständlich nicht den Standard, den er auf Grauenstein genossen hatte, doch er hatte sein eigenes Zimmer, es gab feste Mahlzeiten und er konnte sich frei durch den Komplex der Akademie bewegen. Vor dem Abendessen am Tage ihrer Ankunft war der Junge den anderen Auszubildenden und den Meistern vorgestellt worden. Außer ihm waren drei weitere Jungen und zwei Mädchen in der Akademie. Sie hatten ein ähnliches Alter, doch er war der Jüngste. Holon erklärte ihm abends, dass viele Meister nur zeitweise hier lebten, da sie andere Pflichten zu erfüllen und sich um ihre Güter zu kümmern hatten. Er würde immer wieder Männer und Frauen ein und aus gehen sehen, so auch treue Ritter, die Kunde brachten oder mit Aufträgen fortgeschickt wurden.
„Sir Kartoff wird wieder nach Krinkgard gehen“, beantwortete Holon Raks Frage nach dem schweigsamen Riesen. Fast war er etwas enttäuscht darüber. Dass der Ritter scheinbar zeitlebens über ihn gewacht hatte, löste ein merkwürdiges Gefühl in ihm aus. Er war fasziniert, wollte mehr über den Mann erfahren, mit ihm sprechen, Zeit mit ihm verbringen. Immer wieder ertappte sich Rak bei der Vorstellung, Sir Kartoff wäre auch zukünftig sein treuer Beschützer und er ein mächtiger und gefürchteter Mann.
Der Alltag in der Akademie war gewöhnlicher als er sich vorgestellt hatte. Einen Großteil ihrer Zeit verbrachten sie damit, Arbeiten in und an den Häusern zu verrichten und nur einmal am Tag saßen sie in dem großen beheizten Raum zusammen, wo verschiedene Meister ihnen etwas über die Kunst der Elementarmagie erzählten. Viele der Männer waren bereits ergraut und sprachen langsam und eintönig und Rak hatte oft Schwierigkeiten lange zu zuhören. Es drängte ihn danach, praktische Dinge auszuprobieren, er wollte all das lernen, wovon Holon ihm erzählt hatte. Stattdessen erfuhr er hauptsächlich Vergangenes, staubige Informationen über magische Kriege, über die Verfolgung und Hinrichtung der Elementare und die Gründung der ersten Geheimbunde nachdem, Norgond wieder Unabhängigkeit erlangt hatte, die das Wissen um die Magieform und deren Möglichkeiten teilweise vor dem Aussterben bewahrt hatten. Einzig die Lektionen, die von großen Magiern und deren Fähigkeiten handelten, erweckten Raks ungeteiltes Interesse. Es hatte wohl Männer und Frauen gegeben, deren Macht weit über die Kontrolle von Gestein hinausgegangen war. Die Sehnsucht danach, endlich etwas von all dem zu lernen, verstärkte sich ins Unendliche, wenn er von Helden hörte, die ganze Häuser zum Einsturz bringen konnten, oder solche, die sich neben dem Fels auch an anderen Stoffen versucht hatten, wie Metall, Holz, Wasser oder Luft. Als er eines Nachmittags zur Aufgabe hatte, den Holzboden des großen Saals zu wischen, hatte Rak versucht, auch dort hinein zu hören und zu fühlen, doch es hatte nicht geklappt und der Junge war fast ein wenig enttäuscht gewesen. Mit dem Gemäuer machte er dafür große Fortschritte. Er nutzte jede freie Minute, sein Gespür für die Geräusche im Stein zu trainieren, zu verfeinern und zu formen. Wenn sie ihm schon nichts beibringen wollten, würde er es eben selbst tun. Mittlerweile konnte er die meisten Echos zuordnen, ob etwas an der Wand entlang strich, eine Tür dagegen schlug oder jemand sprach. Wenn er nun noch die Worte würde verstehen können… er ahnte, was sich ihm für Möglichkeiten auftäten.
Holon sah er recht selten und wenn, war der Mann meist in Eile. Rak hätte ihn gerne nach so vielen Dingen gefragt. Mit den anderen Schülern hatte er noch nicht viele Worte gewechselt und er wollte auch auf keinen Fall seine selbst erarbeiteten Kenntnisse mit ihnen teilen. Wenn sie gemeinsam im Aufenthaltsraum saßen oder im Lehrraum auf den Meister warteten, schwatzte ohnehin meist das Mädchen namens Finni. Sie war schon siebzehn und stammte von der Felsenküste. Ihr Vater war der Kapitän eines Handelsschiffes und sie war selbst auch schon einige Male zur See gefahren, bevor man magische Fähigkeiten bei ihr entdeckt hatte. Finni war ein hübsches Mädchen, doch Rak mochte ihre Art nicht. Da war etwas Überhebliches in ihrem Blick und eine Aura von Wichtigtuerei. Meist unterhielt sie sich nur mit Timm, einem Jungen weit aus dem Norden und Stanna, dem zweiten Mädchen. Es sollte Rak Recht sein. Er hatte ohnehin keine Lust, sich viel zu unterhalten. Umso unangenehmer war es ihm, als Finni ihn beim nächsten Mittagessen plötzlich ansprach.
„Du“, Timm flüsterte ihr seinen Namen zu, „Rak; wo kommst du eigentlich her?“
„Aus Krinkgard“, sagte er ohne aufzusehen.
„Oh! Du bist wirklich aus des Königs Stadt?“ Ohne eine Antwort zu erwarten, sprach sie direkt weiter. „Dann kennst du die Königsfamilie, nicht?“
„Nur ein bisschen. Ich bin Bäcker gewesen, bevor ich herkam.“
„Bäcker, ja?“, warf Timm ein. „Angeblich hat ein Bäckerjunge die Prinzessin umgebracht. Warst du das?“ Er lachte laut, um zu zeigen, dass er das selber nicht glaubte.
„Was redest du da? Die Prinzessin ist doch gar nicht tot.“ Er schluckte und merkte wie sein Herz kräftig schlug. Wie viel von den Geschehnissen konnten diese Jungen und Mädchen kennen, wie viel Information konnte aus Krinkgard entschlüpft sein? Panisch stellte Rak fest, dass er überhaupt keinen Schimmer hatte, was nach seiner Flucht alles geschehen war.
„Bei uns in Rangord heißt es so“, beharrte Timm. „Wie soll der arme Warkas das nun auch noch wegsteckten, wo ihn doch schon der Selbstmord seiner Frau so aus der Bahn geworfen hat.“
„Ach was, vermutlich feiert er jeden Tag ein Fest, seit er diese Furie los ist. Stimmt es, was man über die Königin sagt?“ Sie sah Rak fordernd an.
„Was sagt man denn über sie?“, fragte dieser und Finni stöhnte. „Bist du sicher, dass du aus der Hauptstadt bist? Dass sie durchgeknallt war natürlich!“
„Ich glaube kaum, dass mit jemandem alles in Ordnung ist, der sich vom Turn einer Burg stürzt.“
„Und warum hat sie das gemacht.“
„Woher soll ich das wissen?“ Rak hatte sich tatsächlich noch nie Gedanken darüber gemacht. Es war passiert als er elf oder zwölf Jahre alt gewesen war und in Burg Kalkstein und seiner Stadt war es mehr oder weniger tot geschwiegen worden, um die Königsfamilie, vor allem die Kinder, nicht zu kränken. So zumindest die offizielle Redensart. In Wirklichkeit war jeder bestraft worden, der Gerüchte in die Welt gesetzt hatte. Von Kerker bis zum Verlust der Zunge hatte es alles gegeben. Ein einziges Mal hatte Sara etwas über den Vorfall gesagt, daran erinnerte er sich jetzt ganz deutlich. „Die Königin hat am Ende ständig davon gesprochen, dass irgendwer da sei. Manchmal wurde sie nachts in den Gängen gefunden, an die Wand gesunken und hat nur gemurmelt ‚Er ist da‘. Sie hat sich ganz oft mit dem König darüber gestritten.“
„Ich glaube, sie ist wirklich verrückt geworden“, wandte sich Rak an Finni, die ihn noch immer erwartungsvoll anblickte.
„Ich sage, es liegt ein Fluch auf der Familie. Erst die Königin, dann der König, den niemand mehr zu Gesicht bekommt und jetzt die Prinzessin.“
„Bei uns sagt man, die Prinzessin sei zu Stein erstarrt.“ Alle Köpfe fuhren herum, als Marlo das Wort erhob. Der schmächtige Junge mit den roten Haaren hatte noch kaum ein Wort gesprochen, seit sie hier waren.
„Gerüchte führen immer ein Eigenleben.“ Finni kräuselte die Lippen. „Die wundersamsten Dinge werden hinzu gedichtet und die langweiligsten weggelassen.“ Marlo schloss den Mund und lief rot an. Vermutlich hatte es ihn viel Überwindung gekostet, überhaupt etwas zu sagen. Rak hingegen traute sich wieder zu atmen. Was für ein Glück, dass Finni Marlos Einwand so verächtlich abgewimmelt hatte. „Dabei hätten sie ihre Gerüchte nur zusammensetzen müssen“, dachte Rak. Es kam ihm so offensichtlich vor, dass er kaum glauben konnte, dass sie ihn nicht genauer zu der Sache befragten.
Das Gespräch war längst in eine andere Richtung gelaufen, in der Finni nun wieder im Mittelpunkt stand und sich damit sichtlich wohl fühlte, als Rak Stannas Blick auf sich ruhen spürte. Das kleine blonde Mädchen hatte die Augen leicht zusammengekniffen, als versuchte sie ihn zu durchschauen. Schnell blickte er wieder weg und versuchte möglichst interessiert an Finnis ausschweifenden Erzählungen zu wirken.
Auf dem Weg zurück zu ihren Aufgaben gesellte sich Stanna dann zu Rak. „Du hast etwas mit der Sache zu tun, nicht wahr?“, flüsterte sie und Rak starrte angestrengt weiter nach vorne. „Nein.“
„Komm schon Rak! Ich werde nicht weiter nachbohren und auch nichts verraten, aber ich denke gerade du könntest einen Freund gebrauchen… oder eine Freundin.“
Jetzt sah Rak sie doch an, sah, dass sie schüchtern lächelte und ihren direkten Worten zum Trotz auch ein wenig rot war.


Triborin

Also war sie eine besondere Albe. Die Worte ließen Triborin so sehr zusammen fahren, dass sein Pferd stehen blieb. Er musste an den Zügeln gezogen oder plötzlich die Knie zusammen gedrückt haben. „Du wolltest es wissen, ich habe es dir gesagt.“ Liena sah ihn noch immer nicht an.
Triborin trieb sein Pferd wieder an und schloss zu der Frau auf. „Ihr lügt mich nicht an?“ Sie schloss die Augen. Der Drang, ihr weitere Fragen zu stellen, war überwältigend, doch er hatte ein Versprechen abgelegt. Wenn diese Frau in direkter Linie mit dem Lord der Alben, dem wahrscheinlich mächtigsten Mann in ganz Orchaldor, verwandt war, wieso war sie dann hier und half einem Dunkelelfen? Was, wenn alles zu einem großem Komplott gehörte und er die Marionette war? Starr blickte er sie an, den Mund zu einer schmalen Linie geschlossen, als wolle er die Wahrheit mit seinen Augen aus ihr heraus saugen. Langsam drehte Liena den Kopf. Sie sah unfassbar traurig aus und fast schämte sich Triborin für seine Gedanken. „Ihr werdet mir wirklich keine weitere Frage beantworten, oder?“, sagte er stattdessen. „Vielleicht ein anderes Mal“, gab sie zurück. „Jedoch auf keinen Fall, solange wir uns in Mildir befinden.“
„Dann werde ich wohl nie mehr erfahren. An der Grenze müssen sich unsere Wege trennen.“
„Nein. Ich komme mit Euch.“ Ihr Ausdruck war entschlossen.
„Das geht nicht“, sagte Triborin.
„Es ehrt Euch, dass Ihr mir nach wie vor nicht traut. Sollte ich je die Freude haben, Euren hohen Lord kennenzulernen, werde ich ihm von Eurem vorbildhaften Verhalten berichten. Doch es gibt noch andere Personen auf der Welt, denen etwas daran liegt, dass Ihr Euer Ziel erreicht.“ Ihre Augen funkelten stärker denn je. „Ihr werdet mich brauchen.“
„Und Ihr tätet gut daran, mich nicht zu unterschätzen.“ Sollte sie ihre Geheimnisse behalten, auch er würde ihr keine weiteren Informationen geben. Am wenigsten, dass er gar nicht wusste, wo genau er im Süden suchen sollte. Vielleicht konnte er Lienas Hilfe wirklich gebrauchen.
„Das würde ich niemals tun. Ein Gardist in Xarchavas wird man nicht eben über Nacht.“
„Ihr scheint Euch sehr für unser Volk zu interessieren.“
„Guter Versuch, Elf“, gab sie hart zurück, doch das Lächeln kehrte in ihr Gesicht zurück. „Wie dem auch sei. Ich komme mit, ob Ihr wollt oder nicht. Um mich loszuwerden, müsstet Ihr mich schon umbringen.“
Triborin fragte sich, ob er das könnte.

Ihr Aufenthalt im Land der Alben war tatsächlich kürzer, als Triborin erwartet hatte. Gerne hätte er eine Stadt oder zumindest eine Siedlung zu Gesicht bekommen, doch er wusste, dass das nicht ging. Er war hier ein Todfeind und es war besser, wenn sie das Land in den nächsten Tagen schon wieder verlassen konnten.
So fern der Küste und im Schutz der Bäume war es auch nachts relativ mild. Nicht, dass Triborin der Wind und die Kälte viel ausgemacht hätten, immerhin kam er aus dem hohen Norden, doch in Vesperion war ihm aufgefallen, dass Liena gefroren hatte. Hier schien sie sich wohl zu fühlen, denn sie lag ganz friedlich in ihren Umhang gehüllt auf dem weichen Moos des Waldbodens. Die Hauptstadt Salisir lag Triborins Kenntnissen zu Folge zwar ein ganzes Stück weiter im Osten, doch das Klima mochte ähnlich sein. Eine Haarsträhne war ihr vor das Gesicht gefallen, ansonsten lag es frei und Triborin betrachtete sie lange im zarten Licht des bleichen Mondes und der unzähligen Leuchtkäfer, die in Bodennähe umherschwirrten. Ihren Namen kannte er nun, doch er wusste noch immer nicht, wer sie war. Er würde sie aufmerksam beobachten und nach Hinweisen aller Art Ausschau halten. Irgendwann würde auch ihr einmal ein Fehler unterlaufen, darauf musste er hoffen und bis dahin würde er mit dem Bild leben müssen, das er von ihr hatte. Das Bild einer mutigen und intelligenten Frau, die wusste mit Waffe und Pferd umzugehen… und ein wunderschönes Lächeln hat, fügte er verschämt hinzu. Immer wieder kamen diese Gedanken, doch er versuchte sie zu ignorieren. Konnte es wirklich sein, dass er sich in eine Albe verliebte? „Blödsinn!“, schalt er sich im Stillen und verscheuchte die Frage aus seinem Kopf, eher er sich seufzend auf den Rücken drehte, noch einige Zeit in Grübeleien versunken auf das Blätterdach starrte und schließlich auch in einen erholsamen Schlaf versank.

Triborin erwachte vom Licht und der Wärme eines Sonnenstrahls in seinem Gesicht. Er öffnete die Augen und sah gerade noch, wie Liena schnell den Blick abwandte. Die Albe saß im Schneidersitz gegenüber und aß etwas. Bis eben musste sie ihn beobachtet haben. Ein kleines Lächeln umspielte Triborins Mundwinkel, als er sich streckte und aufsaß.
„Heute verlassen wir Mildir“, sagte Liena ohne Umschweife. „Bald werden wir den Wald hinter uns lassen und freies Gelände durchqueren. Wir müssen vorsichtig sein.“
„Guten Morgen.“ Er zwinkerte. „Werden wir die Grenze dann überhaupt unbemerkt überqueren können?“
„Wir werden nachts gehen“, sie trank einen Schluck von ihrem kleinen Tonbecher, aus dem der leicht süßliche Duft des Kräutertees drang, denn sie morgens immer kochte. „Und ich muss noch einmal in eine Siedlung. Ich muss Besorgungen machen.“
Triborin nahm sich ebenfalls von dem warmen Getränk. „Sagt es ruhig: ich werde draußen warten müssen. ‚Elfen müssen draußen bleiben?‘“ Er grinste, doch Liena erwiderte es nicht.
„Es geht nicht anders.“ Sie stand auf und kam zu Triborin hinüber, nahm einen Stock vom Boden und begann an einer erdigen Stelle etwas auf den Boden zu zeichnen.
„Hier ist die Grenze und dort das Dorf. Hier werden wir uns trennen und während ich durch das Dorf reite, werden Ihr diesen Weg nehmen. Wir können uns dann bei Einbruch der Dunkelheit hier treffen.“ Sie sah ihn an, die Stirn leicht gerunzelt, das Haar hinter die spitzen Ohren geschoben. „Werdet Ihr den Weg finden? Es gibt dort keine Straßen.“
Triborin nickte nur. „Wie finden wir uns wieder?“
„An dieser Stelle,“ sie deutete auf den als Treffpunkt markierten Ort, „gibt es eine Steinformation, die ein wenig aussieht, wie eine Frau. Hier nennt man sie Die Trauernde.“
„Was soll ich tun, wenn Ihr mit der Dämmerung nicht erscheint?“
„Dann reitet Ihr ohne mich weiter. Die Grenze ist von dort nicht mehr weit. Und wenn ihr Glück habt, wird Eure Göttin der Nacht Euch ausreichend schützen, dass Ihr es hinüber schafft.“

Der Plan gefiel Triborin überhaupt nicht. Weshalb musste sie plötzlich in einem Ort Halt machen? Konnten die Besorgungen nicht warten, bis sie im südlichen Kaiserreich waren? Vorräte hatten sie auch noch genug. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob Liena ihm überhaupt schon ein einziges Mal die Wahrheit gesagt hatte. Am liebsten wäre er ihr heimlich in den Ort gefolgt, hätte herausgefunden, was sie dort trieb, wen sie vielleicht traf und was sie vorhatte. Doch auch dies wusste sie geschickt zu unterbinden, indem sie die Siedlung aufsuchte, solange es noch hell war. Es war nahezu unmöglich, unerkannt zu bleiben. Zähneknirschend ließ er sie ziehen und nahm die besprochene Route. Es war noch lange nicht dunkel, als er die Steinformation erreichte, die größer war, als er es erwartet hatte. In einer kleinen Höhle gab es etwas Wasser und er ließ sein Pferd trinken, während er sich stärkte. Die Kontur des Felsen ähnelte tatsächlich dem Körper einer Frau, auf der Seite liegend und mit ein bisschen Fantasie konnte man sich vorstellen, sie hätte ihren Kopf auf den Armen abgelegt. Die Trauernde…
Da er nichts Besseres zu tun hatte, sah er sich ein wenig um. Der Boden war hier bereits viel sandiger, viel rötlicher als im Bereich des Waldes. Er erreichte das Ende des Gesteins und kniff die Augen zusammen, trat näher heran. Mit der Hand wischte er etwas Sand zur Seite und atmete hörbar ein. Die Frau aus Stein hatte definierte Zehen. Das war keineswegs ein natürliches Gebilde. Eilig suchte er das Gelände ab und tatsächlich: die Trauernde war in den Fels gemeißelt worden, wenn auch vor langer Zeit, denn teilweise waren große Stücke heraus gebrochen und die Oberfläche war verwittert und rissig. Beim bloßen Vorbeireiten hätte man den Unterschied nie und nimmer erkennen können. „Wer bist du?“, fragte Triborin murmelnd. Der Kopf war durch die Jahre absolut unkenntlich geworden. Triborin beugte sich hinab, um in die düstere Lücke zu spähen, die sich unter seinen Resten auftat. Bis auf ein paar rundliche Steine war sie leer. Was hatte er erwartet? Und doch hielt er inne, griff hinein und zog einen der Steine heraus, dann noch einen und noch einen, bis die ganze Kuhle leer war. Ungläubig starrte er auf seinen Fund. Die Steine waren rund und glatt, doch auf einer Seite war auf jedem einzelnen die Gestalt eines Vogels hinein gemeißelt, den Schnabel weit aufgerissen, einen Pfeil im Hals.
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#14

Beitragvon Jaro Ballivòr » Fr 17. Nov 2017, 08:14

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Linu

„Ein Krieger“, sagte Linu fasziniert zu Taal. „Wie in Mins Geschichten!“ Neugierig inspizierten sie jedes noch so kleine Detail. Gemby hatte Recht. Der Vogel trug ein Gestell auf dem Rücken, das scheinbar zum Abschließen kleiner Pfeile verwendet werden konnte und das Element um die Brust schien eine Art Panzerung sein. Der Schnabel des mächtigen Vogels war ebenso zu einem stummen Schrei geöffnet, wie der Mund des Mannes daneben. Ihr Blick war ernst und stechend. Wie der Vogel die Flügel weit aufgespannt hatte, streckte der Mensch beide Arme weit zu den Seiten.
„Sieh nur“, sagte Taal, „um die beiden herum scheint Wasser zu sein, oder Wellen.“
„Wellen? Soll es das Meer darstellen?“
„Oder die Luft“, sagte Gemby. „Es könnten auch Winde sein und Luftwirbel.“
„Ja genau! Vielleicht soll es zeigen, wie schnell der Vogel fliegt“, überlegte Taal. „Es beginnt nämlich genau… hier.“ Er zeigte auf die Flügelspitzen des Vogels. „Hm…“, machte Linu. „Der Mensch hat das aber auch.“ Auch von den Händen der menschlichen Gestalt entsprangen Stromlinien. Linu bemerkte, dass Gemby die Augen zusammen kniff, als käme ihm ein Gedanke, doch er sagte nichts. Erinnerte sich der alte Affe nicht oder wusste er mehr, als er verriet?
„Ich glaube, hier steht etwas.“ Taal war in die Hocke gegangen und schob schlammiges Geröll zur Seite, um den gesamten Sockel frei zu legen. „Zu Ehren… das ist kaum zu erkennen… zu Ehren Is… Isikos? Egal; zu Ehren von irgendwem, dem großen… Nein, unmöglich; mehr kann ich nicht erkennen.“
Linu trat an seine Seite. Die Schrift war wirklich nahezu unleserlich. Langsam strich sie mit dem Finger darüber, im Versuch, die Buchstaben erspüren zu können, doch ab der Hälfte war der Stein sehr stark verwittert. Wie lange mochte diese Statue hier wohl schon stehen? Ehrfürchtig blickte Linu nach oben. Eines stand fest: Aviare waren in der Vergangenheit hier gewesen und sie hatten ein Denkmal für einen Krieger aufgestellt. Doch wieso? Hatte es in der Vergangenheit Kämpfe gegeben? Vielleicht mit den Affen, die sie deshalb nicht duldeten?
„Meister Gemby“, sagte sie, „Ihr habt erwähnt, dass es hier vielleicht eine wichtige Information gibt. Könnt Ihr euch jetzt an sie erinnern?“
„Nein“, Er schüttelte den Kopf. „Doch ich spüre mehr denn je, dass wir damals etwas heraus gefunden haben.“
„Wir?“, fragte Taal.
„Mein Freund Min und ich.“

„Also kannte er Min doch“, flüsterte Linu Taal zu, als sie wieder im Trockenen der Höhle waren. „Wir sollten alle Geschichten durchgehen, die Min uns je erzählt hat. Vielleicht ist irgendetwas dabei, was mit dieser Skulptur zu tun hat.“
Taal blies die Backen auf. „Min hat unendlich viel erzählt. Ich kann mich unmöglich an alles erinnern und ich befürchte nach wie vor, dass ein Großteil frei erfunden war.“
„Ja du hast natürlich Recht“, wimmelte Linu den Freund eilig ab, „aber wir haben gesehen, dass er nicht alles erfunden hat und wir müssen es versuchen. Ich bezweifle, dass Gemby uns besser helfen kann, als die Erzählungen.“
„Und an was hast du gedacht?“
„Die Krieger… ich erinnere mich an Geschichten über fliegende Helden, die für einen goldenen Herrn in die Schlacht zogen.“
Der Wind trug sie ganz alleine, welche Richtung sie auch wählten, Pfeile flogen von ihrem Rücken und fanden stets ihr Ziel“, zitierte Taal gedankenverloren.
„Ja! Genau, die Geschichte von Isiko dem Luftbeschwörer!“ Die Kinder sahen sich aufgeregt an… „Isiko“, sagte Taal, „das stand auf dem Sockel. Um was ging es in dieser Geschichte? Gemby hat gesagt, er hätte gemeinsam mit Min an diesem Denkmal irgendetwas herausgefunden. Wenn das stimmt, dann muss es in dieser Geschichte enthalten sein.“
Linus Augen juckten wild hin und her, während sie ihr Hirn zermarterte. „Er war ein großer Anführer… er hat nie ein Ziel verfehlt…“ Sie sah auf. „Er konnte die Luft steuern!“ Erkenntnis machte sich in Taals Gesicht breit. „Natürlich! Der Luftbeschwörer… deshalb sind an der Skulptur die Luftwirbel an den Händen und Flügeln dargestellt. In Mins Erzählungen, da hat er Winde erzeugt, konnte ohne Flügelschläge an Höhe gewinnen und seine Pfeile lenken.“
„Meinst du, das ist wirklich möglich?“, flüsterte Linu. Sie erinnerte sich an die Abenteuer von Isiko, an seine Heldentaten und vollbrachten Wunder. „Hat er nicht ganze Wirbelstürme erzeugt?“
„Ich weiß es nicht, Linu. Vielleicht hat es tatsächlich einmal Aviare gegeben, die sich den Wind zu Eigen machen konnten. Doch wo die Wahrheit endet und das Erfundene beginnt, kann ich nicht sagen.“
„So oder so“, seufzte Linu, „jetzt kann niemand mehr die Luft beschwören. Von solchen Fähigkeiten habe ich noch nie gehört.“
„Mins Geschichte spielte ja auch vor tausend Jahren oder so. Das ist eine lange Zeit.“
„Warum hat Isiko überhaupt gekämpft? Ich habe auch noch nie von einem Krieg gehört. Und wer soll der goldene Herr sein, dem er diente?“ Sie stand auf und ging zu Gemby, der in seinem Korbstuhl ruhte. „Darf ich etwas fragen?“
„Natürlich, mein Kind“, gähnte er.
„Hat es jemals einen Krieg zwischen den Aviaren und den Affen gegeben?“
Der alte Mann zwirbelte mit den ledrigen Fingern seinen Bart ein. „Einen Krieg? Nein. Es gab Streit, oh ja, den gab es und gibt es noch immer. Doch niemals Krieg.“ Seine Augen musterten Linu traurig. „Wisst ihr denn überhaupt, was Krieg ist?“
„Der Kampf gegen das Böse?“, überlegte Taal, der sich dazu gesellt hatte.
„Und was ist das Böse?“
„Ein jeder, der den Frieden gefährdet, der andere Leute töten und bestehlen möchte.“
„Schön… und euer Krieger? Tötet er nicht auch andere Leute?“
„Schon, aber er tut es doch nur, um sein Volk zu beschützen“, sagte Taal kopfschüttelnd, doch Linu verstand, worauf Gemby hinaus wollte. Nicht nur das Wetter ist eine Sache unserer eigenen Einstellung, das wirst du noch merken müssen, das hatte er ihr am Morgen gesagt. „Vielleicht will der Angreifer auch nur etwas schützen“, murmelte sie und sah wie Gemby sie warm anlächelte. „Richtig, mein Kind. Krieg an sich ist etwas Böses und natürlich habt ihr Recht: der Grundkonflikt ruht in einer Person, einem Volk oder eine Ideologie – das sind die gemeinsame Einstellung und gemeinsamen Werte eines Volkes oder einer Gruppe“, fügte er hinzu, als er die fragenden Gesichter der Aviare sah. „Doch einfach eine Seite als das Böse zu bezeichnen, ist nicht genug, um den Krieg zu beschreiben und erst recht nicht, um ihn zu beenden.“
„Habt Ihr je einen Krieg erlebt?“, fragte Taal.
„Nein, zum Glück nicht. Auf Caertol hat es noch nie Krieg gegeben.“
Linus Augen weiteten sich. „Aber auf diesem fremden Kontinent.“ Der Gedanke, dass es mehr auf der Welt gab, als ihre Heimatinsel, war noch immer fremd für sie. „Wenn wir doch darüber etwas herausfinden könnten…“
Gemby wirkte überrascht. „Hat Min euch nichts darüber erzählt? Lernt ihr darüber noch immer nichts in der Schule?“ Er schüttelte den Kopf. „Dabei war es doch euer Volk, das uns dieses Wissen überhaupt erst mitgebracht hat. Bevor die Aviare vor vielen, vielen Jahren auf Caeron gelandet sind, hat ein jeder Simearu geglaubt, wir wären alleine auf der Welt.“
„Also lag Min richtig. Wir stammen tatsächlich nicht von Caertol.“
Gemby lachte. „Wenn man es wörtlich nimmt, würde ich sagen, doch. Euer Volk lebt schon so lange hier, dass ihr mehr von diesen Inseln in euch tragt, als von dem fernen Kontinent, auf dem eure Vorfahren einst lebten.“
„Was wisst ihr über diesen Ort?“
„Nun“, er überlegte, schien seine Worte neu zu sortieren. „Ich muss zugegeben, dass auch von unserem Wissen viel verloren gegangen ist. Viele Simearu wollen nichts mit euch zu tun haben. Für sie seid ihr der Schrecken der Lüfte, der die Sonne verdunkelt. Unsere Gottheit ist Mana, versteht ihr? Etwas, das die Sonne verdeckt, jagt uns große Furcht ein, zumindest den meisten von uns.“ Er zwinkerte. „Kaum einer interessiert sich da für eure Vergangenheit und für ein fremdes Land.“
„Aber was ist, wenn von dort jemand hierher kommt? Dann geht es doch auch die Simari an, oder?
Simearu“, verbesserte er sie. „Warum sollte jemand kommen? Das ist bis jetzt nicht passiert, warum sollte es sich nun ändern?
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#15

Beitragvon Jaro Ballivòr » Fr 17. Nov 2017, 23:18

Linu

Gemby hatte natürlich Recht. Warum jetzt? Und doch schien Min davon überzeugt gewesen zu sein, dass es passieren könnte. War es bloß eine Spinnerei des alten Aviaren, wenn nicht gar ein stiller Wunsch oder hatte er in seinen Forschungen Anhaltspunkte entdeckt, die diesen Fall wahrscheinlich machten? Sie konnten das Rätsel nicht lösen, also erzählte Gemby ihnen stattdessen, was ihm von dem geheimnisvollen Kontinent noch in Erinnerung war. Linu und Taal erkannten einiges wieder, das auch Min in seine Geschichten hatte einfließen lassen, auch wenn er nie direkt darauf zu sprechen gekommen war. Immer neue Rätsel und Fragen formten sich in Linus Bewusstsein. Warum war ihr Volk damals hierhergekommen? Gab es womöglich noch Aviare in der alten Heimat? Und wieso gab es nirgends Aufzeichnungen über die eigene Vergangenheit, mehr noch, wieso war es gar verpönt, Forschung zu betreiben, wie Min es getan hatte?
„Das ist alles, das mir bekannt ist oder woran ich mich erinnere“, schloss Gemby schließlich seine Beschreibung einer riesigen Landmasse mit den verschiedensten Pflanzen, mit Flüssen und Seen und bevölkert von unterschiedlichen Völkern. Menschen, Zwergen und Spitzohren, die als die schönsten und anmutigsten Wesen auf der Erde galten. „Allerdings gibt es noch etwas, das ich euch zeigen kann, wenn ihr wollt.“
„Aber natürlich!“, sagte Linu und schlürfte von ihrem heißen Tee. „Wieso sollten wir nicht?“
„Weil es ein trauriger Ort ist.“

Sie flogen früh morgens los, denn laut Gemby war es ein weiter Weg. Linu erkannte schnell, dass er sie an die Küste führen würde. Gemby saß auf Taals Rücken und der junge Fekky war tags zuvor schon nach Hause gegangen, um sich um seine Haustiere zu kümmern. „Er züchtet Schmetterlinge“, erklärte Gemby den beiden Aviaren. „Der Junge hat sein Herz am rechten Fleck.“
Nach Linus Einschätzung flogen sie die Nordküste an, leicht westlich des zentralen Gebirges. Sie hatten viel Proviant dabei, denn sie würden mehrere Tage unterwegs sein. Ein trauriger Ort; Gemby hatte noch nicht mehr verraten und Linu begann sich zu fragen, ob es ihm gefiel sie auf die Folter zu spannen. Der alte Mann war sehr wankelmütig, mal bei klarem Verstand, mal verwirrt und mal kindlich überdreht. Ralon sei Dank musste sie sich nicht allzu lang gedulden, denn noch bei Tageslicht erreichten sie die Küste. Gembys Höhle musste weiter nördlich liegen, als sie geschätzt hatte. Sie überflogen die Küstenlinie und landeten auf dem weichen Sand.
„Was für ein Ort ist das hier nun?“, fragte Linu.
„Ein Friedhof. Min und ich haben ihn zufällig entdeckt, als er mir das Meer und seine Schätze gezeigt hat.“
„Und wo ist dieser Friedhof?“ Taal blickte sich um. In den Dorfgemeinschaften war es Brauch, die Körper der Verstorbenen zu verbrennen und vom Wind hinfort tragen zu lassen, damit sie den Übergang in die ewigen Himmel antreten konnten.
„Seht euch diese Klippen genau an.“ Gemby ging mit seinen typischen langsamen Schritten näher an die Wand heran und blickte nach oben. Zunächst konnte Linu nichts erkennen, dann, nach und nach, entdeckte sie ein Stück die Klippe hinauf die Bilder, wahrscheinlich gerade so hoch platziert, das auch bei einer Sturmflut das Meer nicht zu sehr an ihnen nagte. Sie waren lange nicht so detailliert und kunstfertig gearbeitet wie die Statue des Kriegers und die Witterung hatten auch sie nicht verschont, doch je länger sie den Blick über die Steilwand schleifen ließ, desto mehr konnte sie deuten. „Es ist eine Geschichte“, flüsterte Taal ehrfürchtig neben ihr. „Oder ein Gebet“, ergänzte Linu. „Siehst du hier?“ Sie deutete auf ein etwas größeres Abbild am Rand. „Das sieht aus wie Ralon. Und wenn Gemby sagt, es sei ein Friedhof…“
„Wir haben es lange studiert“, sagte der alte Simearu. „Min und ich sind zu dem Schluss gekommen, dass hier die Opfer der Reise über das Meer verewigt wurden.“
„Und weil man sie nicht verbrennen konnte, versuchte man ihnen auf diese Weise einen Weg zu Ralon zu ermöglichen“, beendete Taal den Gedanken. Gemby nickte. „Das hat Min auch geschlossen.“
Es stimme. Aus diesem Blickwinkel konnte Linu in den groben Skizzen im Stein das Meer erkennen mit Wellen und Sturm, Aviare die dagegen kämpften und solche, die fielen. Ehrfürchtig und traurig starrte sie auf die Denkmäler und erst als der Wind ihr kalt über die Wangen strich, merkte sie, dass sie weinte. Auch Taal schien es die Sprache verschlagen zu haben. Dies war der Ort, an dem ihre Vorfahren gelandet waren, um ein neues Leben zu beginnen. „Was hat sie nur dazu getrieben, diese gefährliche Reise auf sich zu nehmen?“, sagte Linu leise.
„Vermutlich werden wir es nie erfahren.“ Taal legte seiner Freundin einen Arm um die Schulter und dankbar ließ sie ihren Kopf auf seine Schulter sinken.
„Dafür wisst ihr nun doch etwas anderes, oder nicht?“ Beinahe hätte sie Gemby vergessen und zuckte ein wenig zusammen, als seine Stimme ertönte. „Ihr kennt die Richtung, aus der sie kamen. Der fremde Kontinent liegt im Norden.“
Er hatte Recht. So weit hatte Linu gar nicht gedacht. Also war sie an dem Tag, an dem Min im Sterben lag, in die falsche Richtung geflogen! Sie drehte sich um und sah auf das Meer hinaus. „Es ist endlos“, seufzte sie und ging an die Wasserkante heran. Wie lange würde es wohl dauern, hinüber zu fliegen? Und was wäre, wenn man den Kontinent verfehlte und immer weit in den Norden flog, bis man irgendwann vor Erschöpfung einfach hinab in die dunklen und kalten Tiefen stürzte? Bei dem Gedanken erschauderte sie. Hier sah das Wasser so freundlich aus und es war die meiste Zeit im Jahr auch angenehm warm, doch sie hatte gesehen, wie es sich fern der Insel veränderte. Etwas erregte ihre Aufmerksamkeit. Zuerst hatte sie es für die glitzernde Reflexion der Sonne gehalten, doch auch als sich eine Wolke vorschob, verschwand es nicht. Linu ging in die Hocke und tauchte die Hand ins Wasser.
„Was machst du?“, fragte Taal. „Hier ist etwas.“ An ihrer Hand hing eine Kette mit einem glitzernden Anhänger. Fasziniert betrachtete das Mädchen ihren Fund. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Sieh nur wie es glitzert!“ Sie zog den Anhänger zu sich heran. „Das muss Gold sein“, hauchte sie. „Genauso hat Min die Kleidung des goldenen Herrn beschrieben.“
„Wie kommt das hierher?“ Taal war neben sie getreten und begutachtete das Schmuckstück ebenfalls neugierig.
„Jemand hat es mitgebracht.“
Linu drehte sich zu Gemby um. „So lange kann das unmöglich hier liegen. Es ist doch schon tausend Jahre her.“
„Nicht damals“, sagte der Affe ernst. „Vermutlich erst heute.“ Er deutete mit seinem Stock nach unten in den Sand. „Hier sind Fußspuren.“
Mit dem Schmuckstück in der Hand eilten die Kinder zurück. Die Fußspuren waren frisch und schienen aus dem Nichts zu kommen, da die Flut wahrscheinlich einen Teil weggewaschen hatte. „Könnte ein Aviare hier gewesen sein?“, fragte Linu Taal, der mit den Schultern zuckte „Ich kenne mich hier nicht aus, weiß nicht, ob Dörfer in der Nähe sind.“
Sie folgten der Spur, die alles andere als gerade verlief. Allem Anschein nach war die Person unrund gelaufen und hin und wieder auf die Knie gefallen. Gemby hatten sie bald abgehängt, doch die Neugierde war zu groß. Wo mochten die Abdrücke hinführen? Ein ganzes Stück ging es so weiter, um einen Felsvorsprung herum und schließlich in das Dunkel einer kleinen Höhle. Die beiden stoppten und sahen sich an. Gemby war noch hinter dem Felsvorsprung verborgen. Taal nickte Linu zu und mit einem tiefen Atemzug wagten sie sich hinein.
Es dauerte einen Moment, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Die Höhle war nicht groß und sehr flach, sodass sie gebeugt gehen mussten. „Dort“, flüsterte Taal Linu zu und zeigte in eine Richtung. Am Boden lag eine Gestalt, zusammengerollt und rührte sich nicht. Mit all ihrem Mut brachten die beiden die letzten Meter hinter sich und betrachteten sie, so gut es das Zwielicht erlaubte. Alles an ihr war fremd. Sie trug Kleidung, wie sie sie noch nie gesehen hatten und zwischen den langen Haaren lugten spitze Ohren hervor. Der Sand um den Körper herum war dunkel vor Nässe. Vorsichtig streckte Linu eine Hand aus und berührte den Rücken der leblosen Person. Sie war nass und kalt. „Das ist auf jeden Fall kein Aviare“, flüsterte sie. „Ob sie noch lebt?“
„Woher weißt du, dass es eine Frau ist?“
„Sie hat lange Haare.“ Linu wurde mutiger und tastete weiter. Aus dem Mund strömte Luft – immerhin lebte sie noch. Vorsichtig drehte sie den Körper auf den Rücken. „Vielleicht ist es doch ein Mann“, sagte Linu. Das Gesicht war zwar vollkommen haarlos, doch der Kiefer war markant und die Augenbrauen dicht. Um die Hüfte trug er einen Gürtel, der ein kleines Stilett hielt. Linu sprang vor Schreck auf, als das Husten einsetzte. Der Fremde spuckte Wasser und krümmte sich, dann sah er sie mit großen Augen an.
„Wo bin ich?“


Rak

Rak wachte auf, weil er Stimmen hörte. Sie waren so laut, als spräche jemand direkt neben ihm, doch als der die Augen aufschlug war sein Zimmer leer. Je klarer sein Verstand wurde, je mehr er sich aus den Schleiern des Schlafes löste, desto leiser wurden auch die Worte, die er vorher noch so klar hatte verstehen können. Hatte er geträumt? Die Morgenglocke hatte noch nicht geläutet, also drehte Rak sich noch einmal auf die Seite und schloss die Augen. Da! Ganz deutlich hörte er es; jemand sprach. Der Junge schälte sich aus seiner Decke und ging die Richtung, aus der er das Geräusch vernommen hatte. Es kam aus der Wand. Aufregung befiel ihn und er legte sein Ohr auf das kalte Gemäuer, tastete sich an die Quelle der Geräusche an und versuchte alle anderen Empfindungen und Gedanken auszuschalten.
„Bald werden wir es sehen“, ertönte eine Stimme.
„Wann werdet Ihr mit den Unterricht beginnen?“ Rak riss die Augen auf. Das war Holon! Freude machte sich in ihm breit. Sofern Holon keine private Unterredung mit Marlo im Zimmer nebenan hielt, hatte er es endlich geschafft. Er konnte Wörter durch das Gestein hindurch verstehen.
„Heute. Wieso fragt ihr?“
„Nur so. Ich bin generell der Meinung, dass es nicht klug ist, die Jungen und Mädchen zu lange warten zu lassen.“
„Warum nicht? Sie müssen bereit sein. Wenn es zu früh ist, können sie oft nicht damit umgehen.“
„Und wenn es zu spät ist, werden sie ungeduldig und wir verlieren sie vielleicht.“
„Auf was wollt ihr hinaus, Meister Brannes? Denkt Ihr, ich weiß nicht, dass ihr jener Fraktion angehört? Es ist nicht unser Interesse möglichst viele Schüler auszubilden oder gar eine Armee aufzubauen! Wir wollen nur unser Wissen erhalten. Wenn Ihr…“
Laut und schallend ertönte die Morgenglocke und Rak fuhr zusammen. Was hatte der zweite Mann noch sagen wollen? Ob er Holon danach fragen konnte? Vermutlich nicht… immerhin hätte er ihm auch erzählen müssen, dass er weit entfernte Gespräche durch die Wände belauschen konnte und diese neu entdeckte Fähigkeit wollte er keinesfalls gleich wieder aufs Spiel setzen. Widerwillig wusch und kleidete er sich, machte sein Bett und ging zum Unterricht.
Die Stimme des unterrichtenden Meisters war eine andere, als die, die er belauscht hatte, doch deren Versprechen wurde gehalten. Endlich machten sie etwas Praktisches. Auf einem jeden Tisch war ein Stück Gestein platziert und als sie eintraten, ließ ihr Meister seines vor sich schweben.
„Guten Morgen“, sagte er lächelnd, während sie sich an ihre Plätze begaben. „Ihr kennt nun die wichtigsten Hintergründe und Regeln für einen Elementar. Nun ist der Tag gekommen, da ihr euch das erste Mal an der Praxis versuchen könnt.“ Mit einer Geste ließ er sein Felsstück auf das Pult sinken. „Setzt euch.“
Rak war furchtbar aufgeregt. Endlich würde er etwas Neues lernen!
„Was seht ihr vor euch?“
„Ein Stück Gestein“, antwortete Finni schnell und der Meister lächelte ihr freundlich zu.
„Ich möchte, dass ihr es in die Hand nehmt und eure Augen schließt. Versucht euch nur auf den Stein konzentriert. Wie fühlt er sich an? Ist er rau oder glatt, kalt oder warm? Welche Form hat er? Ist er schwer oder leicht? All solche Dinge.“
Rak hob das Stück vom Tisch. „Nicht schauen!“, ermahnte der Meister. „Ihr müsst es fühlen.“
Der Klumpen war so groß, dass er die Finger nicht ganz schließen konnte und wog mehr als er erwartet hätte. Er war rau und unrund, es gab spitze Stellen und Vertiefungen und Rak ließ seine Finger darüber gleiten, in dem Versuch der Form ein Bild zuzuordnen. Schnell hatte das Material seine Körpertemperatur angenommen, doch ansonsten konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Ein Gedanke kam ihm. Ob die anderen noch ihre Augen geschlossen hatten? Ganz langsam, so als probiere er einfach etwas aus, führte Rak den Stein an sein Ohr. Dies war ein einzelnes Stück, nicht wie eine Mauer, die eine Verbindung zur Erde, zu anderen Steinen und Materialien hatten. Würde er trotzdem etwas hören können? Er erinnerte sich an Holons Worte. Alles ist lebendig, Rak. Man muss nur lernen zuzuhören. Zudem hatte der mit eigenen Augen gesehen, wie sein Lehrer genau solch ein Stück Fels vor sich hatte schweben lassen. Angestrengt presste er sein Ohr gegen das Material, konzentrierte sich nur darauf, doch er konnte nichts hören, eher schmerzte ihn der Druck der spitzen Stellen. Enttäuscht atmete Rak aus und lockerte seinen Griff. Er hatte schon solche Fortschritte gemacht! Erst heute Morgen hatte er ein Gespräch durch Gemäuer belauscht und jetzt? Dabei war er fast noch im Schlaf gewesen… „Ich war frei von Gedanken“, schoss es ihm durch den Kopf, „und entspannt!“ Das konnte des Rätsels Lösung sein; er durfte es nicht erzwingen. Rak lockerte seinen Griff um den Stein, legte sein Ohr ganz sanft auf und verlangsamte seinen Atem. Es dauerte eine ganze Zeit, bis er seine Ungeduld ausschalten, aufhören konnte, sich selbst zu drängen, doch als es ihm schließlich gelang, nahm er etwas war. Dumpf klopfte ein Herzschlag in dem Klumpen, regelmäßig und leise, dann schneller. Hörte er den Puls seines eigenen Blutes? Andere Schläge mischten sich unter, jemand strich über die Oberfläche… aber niemand stand bei ihm, da war er sich sicher. „Du nimmst die Steine der anderen wahr!“, erkannte er und hatte Mühe, die Aufregung nieder zu kämpfen. Kommunizierten sie über die Luft miteinander oder waren sie gar aus ein und demselben Fels herausgebrochen worden? Eindeutig hörte er Geräusche, die woanders im Raum gemacht wurden. Er wollte mehr; mehr hören, mehr spüren… Wenn du gelernt hast, ihnen zuzuhören, wirst du lernen mit ihnen zu sprechen und wenn du geschafft hast, dass sie dir zuhören, wirst du lernen sie zu lenken und zu formen. Wieder kamen ihm Holons Worte in den Sinn. Das würde er probieren! Aber wie sollte er mit einem Stein sprechen und was sollte er sagen? Er nahm das erste, das ihm einfiel und wiederholte es in Gedanken wieder und wieder. Werde weich. Noch immer nahm er den Herzschlag war, vereinzelte kratzende Geräusche und ein sanftes Surren. Klappte es? Rak konnte es nicht sagen. Seine Finger waren schon etwas taub vom Druck der kleinen Unebenheiten. „Wie lange sollen wir das machen?“ Finnis Stimme durchschnitt lauf seine Gedanken und Rak erschrak, ließ sein Übungsstück sinken und öffnete hastig die Augen. Hatten sie ihn schon beobachtet? Finni blickte nach vorne zum Pult, Timm inspizierte seinen Stein, doch ob die anderen hinter ihm ihn gesehen hatten, konnte Rak nicht sagen. „Solange ihr wollt. Es ist eure Übungszeit.“
Rak legte den Stein vor sich ab. Ärger machte sich in ihm breit, dass Finni ihn jäh aus der Konzentration gerissen hatte. Nun war der Klumpen vor ihm wieder einfach nur ein Stück graues Material… er sah hinunter, das Wunder des Erlebten verblasste bereits. Dann sah er es und fast wäre er aufgesprungen. Ungläubig hielt er die Luft an, während sein Herz wild klopfte. Der Stein lag still vor ihm auf dem Pult, doch er hatte sich verändert. Dort, wo er ihn gehalten hatte, war sein Handabdruck deutlich zu erkennen. Schnell drehte er ihn auf die Seite, um die Stelle zu verbergen und sah nach vorne. Der Meister blickte ihn direkt an, sein Ausdruck unleserlich.
Nervös faltete und löste Rak die Hände. Warum er seine Entdeckung so hektisch versteckt hatte, konnte er nicht sagen und schämte sich bereits dafür. Der Meister hatte es bemerkt. Er hatte gesehen, dass Rak etwas verbergen wollte. Wie dämlich! Mit Sicherheit hätte er die Steine aller Schüler ohnehin kontrolliert. Vorsichtig griff Rak sein Exemplar und hob es hoch. Er legte die Hand an die ursprüngliche Stelle und sie passte exakt in die Vertiefung. Das Material musste auf ihn gehört haben; es war kurzzeitig weich geworden. Holon hatte ihm gesagt, dass man zur vollständigen Kontrolle ein ganzes Leben bräuchte. Entweder hatte er übertrieben oder Raks Fortschritte waren ungewöhnlich. Hatte er sein Ergebnis deshalb versteckt?
„Nun“, sagte der Lehrmeister und beendet damit Raks Grübelei, „ich vermute, ihr seid fertig, da kaum einer mehr mit der Aufgabe beschäftigt ist.“ Timm, der bis eben mit Finni gesprochen hatte, drehte sich nach vorne.
„Erzählt mir, wie ist euch mit der Aufgabe ergangen?“
Rak schluckte und überlegte, was er sagen sollte, wenn er dran kam. „Ja, Stanna?“
„Ich fand die Übung sehr schwierig. Meine Augen waren geschlossen, ich habe mich an alles gehalten, doch ich konnte nichts Besonderes erkennen.“
„Es muss nichts Besonderes sein. Hast du den Stein erfühlen können?“
„Ähm, ja, natürlich. Ich fühlte Spitzen und Rundungen, kleine Kratzer und ganz glatte Stellen.“
Der Meister nickte aufmunternd. „Und mit Sicherheit hattest du schnell ein Bild von dem Felsstück im Kopf nicht wahr, ohne, dass du es vorher genau angesehen hättest?“
„Ja das schon, aber…“
„Nichts aber. Damit hast du den Sinn dieser Aufgabe schon erfüllt. Du hast dich auf den Gegenstand in deiner Hand eingelassen, hast dich darauf konzentriert und ihm all deine Aufmerksamkeit geschenkt. Das ist das Wichtigste, das ein Elementar beherrschen muss.“ Er stand auf und ging vor seinen Tisch. „Wer es nicht einmal schafft, sich in einem geschlossenen, ruhigen Raum auf ein Stück Gestein zu konzentrieren, der braucht an alles, was danach kommt, gar nicht denken.“ Er blickte in Finnis Richtung, die auf ihrem Stuhl zusammensank und eine leichte Schmolllippe zog. „Gut, wer möchte uns noch von seinen Erfahrungen berichten?“
„Mir ging es ähnlich wie Stanna“, sagte Argus.
„Ja, mir auch“, pflichtete der schüchterne Marlo bei.
„Mhm, mhm, sehr gut. Und bei euch? Timm, Finni, Rak? Wollt ihr etwas erzählen?“
Das Mädchen wurde rot und blickte nach unten. Es war das erste Mal, dass Finni die Worte fehlten, dachte Rak. „Mir ging es auch wie den anderen, nichts Spezielles, aber ein gutes Gefühl für den Stein.“ Timm nickte eifrig beim Sprechen, vielleicht um sich selbst von der Wahrheit seiner Worte zu überzeugen.
„Es ist nicht schlimm, wenn diese Übung schwierig für euch war oder ihr nicht das gemacht habt, was ihr solltet. Es war immerhin euer erster Versuch und wenn man nicht weiß worauf man zu achten hat, sind Fehler nur natürlich. Beim nächsten Mal wisst ihr Bescheid und könnt es besser machen.“
„Rak hat auch nicht gemacht, was wir sollten“, sagte Timm plötzlich. „Ich habe gesehen wie er an dem Stein gehört hat.“
Wie Messerspitzen spürte Rak nun alle Blicke auf sich, bis der Lehrmeister das Wort ergriff und die unangenehme Stille auflöste.
„Es war nicht verboten, sein Gehör einzusetzen. Das war eine gute Idee. Hast du denn auch etwas gehört?“
Er schluckte. „Ja. Ich habe meinen eigenen Herzschlag gehört.“
„Und wie bist du darauf gekommen, an dem Stein zu lauschen? War es eine plötzliche Eingebung?“ Rak nickte zögerlich. „Konntest du sonst noch etwas hören oder gar spüren?“
„Ich… ich meinte auch Geräusche der anderen zu hören.“
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Finni und Timm einen Blick wechselten und abfällig die Luft ausstießen. „Das stimmt! Ich erfinde das nicht!“, sagte Rak und merkte, wie er wütend wurde. „Aber, aber“, beschwichtigte der Meister. „Natürlich erfindest du das nicht, es ist durchaus möglich, Derartiges wahrzunehmen… doch nach so kurzer Zeit…“ Sein Blick durchbohrte Rak, als prüfe er ihn und der Junge hatte Schwierigkeiten standzuhalten, war mehr als froh, als sein Lehrer schließlich lächelte. „Gut gemacht, Rak!“ Er wandte sich wieder an die ganze Runde. „Ihr werdet dieses Mal eine Aufgabe bis zur nächsten Stunde bekommen: ich möchte, dass ihr jedes Stück Gestein, an dem ihr vorbei kommt, untersucht, es ertastet und, auch, wenn ich das eigentlich erst später mit euch üben wollte, versucht zu lauschen, etwas in einer Mauer oder einem Felsbrocken zu hören. Wenn wir dieses Thema heute schon angesprochen haben, können wir es auch gleich drannehmen.“
Rak hielt noch immer seinen Übungsstein in der Hand. Vielleicht konnte er ihn mitnehmen und den Abdruck doch vertuschen. Die Art, wie der Meister reagiert hatte, sein Ton und sein Ausdruck und auch das Gespräch von Holon und dem Unbekannten am Morgen, sagten ihm, dass derart schnelle Fortschritte nicht normal waren und dass er besonders beobachtet werden würde, fänden sie es heraus.
„Nun denn, ich entlasse euch in den Nachmittagsdienst, ihr könnt gehen.“ Stühle quietschten auf dem Boden, als die fünf sich auf den Weg nach außen machten. Rak drehte sich in Richtung Türe, da hörte er noch einmal des Meisters Stimme, ganz leise und direkt hinter sich. „Du nicht, Rak. Du bleibst.“


Triborin

„Also habe ich das Vogelvolk doch gefunden“, dachte Triborin, auch wenn sein Lord vermutlich eine lebendigere Version gemeint hatte. Er strich mit dem Finger über die Bilder der Vögel. Sie sahen aus wie Junge. Es war unmöglich zu sagen, ob sie schon immer versteckt unter der Brust der Frau gelegen hatten oder ob sie nachträglich dort abgelegt worden waren. Hatte Liena ihn absichtlich hierhin geschickt? Ihn befiel das Gefühl, dass er eine große Entdeckung gemacht hatte. Gedankenverloren blickte er in Richtung des Ortes.
Die Dämmerung setzte ein, doch von Liena keine Spur. Triborin wurde nervös. Egal ob ihr nun etwas zugestoßen war oder ob sie beschlossen hatte, ihn sitzen zu lassen, beides schnürte sein Innerstes zusammen. Zu gut wusste er, was ihr Plan für diesen Fall vorsah: es sollte alleine über die Grenze reiten und doch weilte er noch immer an Ort und Stelle, in der Hoffnung, die Albe werde noch erscheinen.
Die Siedlung war so nah und das Gelände so flach, dass der die Umrisse der Häuser und die vereinzelten Lichter sehen konnte. Die Dunkelheit war seine Verbündete, die Nacht sein Revier und Heimat der Göttin, zu der er betete. Jetzt brauchte er sich vor nichts mehr zu fürchten und zu verstecken. „Warte hier; ganz ruhig.“ Das Pferd schnaubte leise und Triborin schlüpfte aus der kleinen Höhle. Im letzten Rest Dämmerlicht suchte er die Ebene nach Alben und Tieren ab, dann rannte er los. Seine Füße verursachten kaum einen Laut auf dem trockenen Boden, als er leichtfüßig auf die Siedlung zustürmte. Das letzte Tageslicht wurde vom Horizont verschluckt und der Schatten umfing Triborin, machte ihn beinahe unsichtbar, als er die Kapuze seines Umhangs überwarf.
Der Ort war nicht groß. Es gab eine Hauptstraße, von der ein paar Seitengassen abzweigten sowie einige freistehende Häuser. Die Gebäude waren allesamt aus rötlichem Stein gemeißelt und kunstvoll verziert. Überall gab es Ornamente, kleine Säulen und Skulpturen. Vor einem großen Gebäude war Lienas Stute angebunden. Also war die Albe noch hier… was hielt sie auf? Triborin verharrte in der dunklen Seitengasse. Das Licht, das in einigen Häusern brannte, erhellte die Hauptstraße ein wenig. Sie zu überqueren war riskant, ohne ein Zeichen von Liena würde er dieses Wagnis nicht eingehen. Triborin schloss die Augen und konzentrierte sich einzig auf sein Gehör, schärfte die Sinne bis auf das Äußerste. Er hörte wie der Wind über den sandigen Boden strich, wie irgendwo eine Tür knarzte… und Stimmen. Die Worte wurden mit Nachdruck gesprochen und obwohl er sie nicht verstand, wusste er, dass ein Streit im Gange war. Es kam von einer Parallelstraße. Triborin öffnete die Augen und sah sich um. Die Häuser boten viele Tritt- und Haltemöglichkeiten. Anstelle auf die gut einsehbare Hauptstraße zu treten, würde er nach oben klettern und sich über das Dach heranpirschen. Schnell und vollkommen geräuschlos zog sich der Dunkelelf nach oben, packte ein kleine Säule mit der einen und ein Sims mit der anderen Hand. Den halben Weg hatte er schon geschafft, da brach plötzlich eine kleine Skulptur ab, an der er sich hatte festhalten wollen. Triborin drohte nach hinten zu fallen und konnte sich gerade so mit der anderen Hand halten. Den Rest der steinernen Figur hielt er noch umklammert und seufzte vor Erleichterung, dass weder er, noch das kleine Steinelement laut auf dem Boden aufgeschlagen waren. Eilig erklomm er die letzten Meter, zog sich auf das Dach und robbte auf dem Bauch zur anderen Seite. Unter ihm tat sich eine Sackgasse auf und trotz der immer dichter werdenden Dunkelheit erkannte er sie – Liena. Sie stand mit dem Rücken an der Wand, vor ihr ein Alb. „Ich frage dich noch einmal! Was tust du hier?“ Also waren die drängenden Worte von ihm gekommen. Es klirrte leicht, wenn er sich bewegte. „Das sagte ich bereits, Ralir!“, flüsterte Liena gepresst.
„Du solltest eigentlich gerade in Vesperion sein! Ich musste dir den ganzen Weg hierher folgen.“
„Ich habe einen neuen Auftrag.“
Er lachte leise. „Denkst du, ich weiß nicht, wen du begleitest? Ich konnte seinen Gestank noch Meilen zurückverfolgen.“
„Albenpack“, dachte Triborin wütend, doch er harrte noch aus. Vielleicht konnte er etwas erfahren.
„Das geht dich nichts an!“
„Denk nicht, du wärst etwas Besonderes. Ich weiß, dass du nicht länger unantastbar bist. Komm mit mir, so wie es immer vorgesehen war!“
„Vergiss es, Ralir.“
„Soll ich stattdessen allen erzählen, was du hier treibst? Oder soll ich deinen Freund zur Strecke bringen?“, er spuckte auf den Boden.
Triborin grinste verächtlich. „Das wäre ein interessanter Versuch“, dachte er.
Liena hatte nicht geantwortet und Triborin konnte ihr Gesicht nicht sehen. Ganz anders als der Alb Ralir, der darin scheinbar etwas gelesen hatte. „Du… magst ihn…“, sagte er kaum zu hören. Dann packte er in einer blitzschnellen Bewegung Liena am Hals und hob die Frau mit einem Arm an. „Er ist ein verdammter Dunkelelf, Liena! Was glaubst du, was du hier tust!“
Liena wollte etwas sagen, doch er drückte zu fest zu. Sie brachte keinen Ton heraus. Hart schlug er sie gegen die Wand. „Was tust du hier? Sag es mir!“, fauchte er, als Triborin federleicht hinter ihm landete, das Krummschwert in der Hand und ihm den Griff seitlich in den Hals rammte.
Der Alb sank bewusstlos zu Boden und auch Liena rutsche an der Wand hinab. „Alles in Ordnung? Wer war das?“, Triborin eilte zu der Frau, die nach ihrem Hals tastete und sich auf die Beine kämpfte.
„Niemand.“ „Liena…“, noch nie zuvor hatte er sie beim Namen genannt. „Er hat dich angegriffen.“ Sie erstarrte und legte einen Finger auf die Lippen. „Psst“, da draußen ist noch jemand“, flüsterte sie, packte Triborin am Handgelenk und zog ihn zu sich an die Hauswand in den Schatten. In der Nähe des Gasseneinganges waren Schritte zu hören. Sie standen dicht an dicht und er war einen ganzen Kopf größer als sie, sodass sie seinen beschleunigten Herzschlag würde hören können und hoffentlich für das Ergebnis der Verfolgungsjagd hielt. Keiner von beiden traute sich zu rühren. Dann entfernten sich die Schritte und Liena seufzte erleichtert. Triborin trat zurück, den Blick weiter auf die Albe geheftet, die langsam den Kopf hob. Einen Moment lang verharrten sie und er suchte in ihren Augen nach den Anzeichen, die der Alb zuvor darin gesehen haben wollte. Ihr Ausdruck war unleserlich und so riss er sich los. „Ich vermute, ich soll den hier am Leben lassen?“ Er gab sich keine Mühe, die Verachtung in seiner Stimme zu verbergen. „Er ist keine Gefahr für uns.“
„Auch nicht für dich?“, fragte Triborin und fuhr mit der Spitze des Krummschwertes über seinen Haaransatz im Nacken.
„Lass uns gehen.“ Liena schob sich an ihm vorbei in Richtung der Hauptstraße. „Wenn wir hier raus sind, wirst du mir sagen, wer das war“, sagte der Elf kalt und verstaute sein Krummschwert wieder auf dem Rücken. Dieses Mal würde er sie nicht davon kommen lassen. Nach einem letzten Blick auf den bewusstlosen Alb auf dem Boden, folgte er Liena. Er wäre so einfach gewesen, den Kerl umzubringen. Allerdings hatte er sich gerade schon als hilfreich erwiesen und ihm erste Bruchstücke von Lienas Rätsel beschert. Wer konnte schon wissen, ob er nicht noch von Nutzen wäre?

Gemeinsam ritten sie auf Ilsara aus dem Ort und zu der trauernden Frau, um Triborins Pferd zu holen.
„Wer ist dieser Ralir, Liena? Warum wart Ihr in diesem Ort?“
Liena sah ihn überrascht an. „Wie lange habt Ihr schon auf dem Dach gelauert?“
„Beantwortet meine Frage!“, drängte der Elf. „Nun habe ich auch Euer Leben gerettet. Gestattet mir eine Antwort.“
„Ihr habt mein Leben nicht gerettet. Er hätte mich nicht getötet.“
„Warum seid ihr da so sicher?“
„Wir kennen uns so lange wir leben. Er ist der Sohn eines reichen Mannes und ein hochrangiger Hauptmann. Schon von Kindesbeinen an sind wir einander versprochen.“
„Habt Ihr keine Angst, dass er Euch verrät?“
„Nein“, Liena lächelte bitter. „Ich kenne ihn. Er ist ein riesen Schisser. Niemals würde er ohne Beweise eine Thronerbin beschuldigen.“
„Also seid Ihr wirklich die Thronerbin von Mildir?“
„Nein; ich bin eine Thronerbin.“
„Und sie anzugreifen traut er sich?“
Liena hob die Augenbrauen und zog die Mundwinkel leicht nach oben. „Ralir war schon immer aufbrausend und… eifersüchtig.“
Die Worte ließen den Elf innehalten. Wollte sie herausfinden, wie viel er gehört hatte oder bloß seine Reaktion testen? „Eifersüchtig auf Euren Auftrag? Oder auch mich?“
„Auf beides vermute ich.“ Sie lächelte und sah wieder nach vorne, während ihre Pferde sie Schritt für Schritt in Richtung der Grenze führten. Auch in Triborins Gesicht schlich sich ein Lächeln und sein Fund bei der trauernden Frau geriet zur Nebensächlichkeit.
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Jaro Ballivòr
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#16

Beitragvon Jaro Ballivòr » Mo 20. Nov 2017, 18:04

Linu

Die beiden Aviare waren im ersten Augenblick zu perplex, um zu antworten. Der Fremde geriet unterdessen in Panik, setzte sich auf, begann sich wild umzublicken und versuchte auf die Beine zu kommen, was ihm aber nicht gelang. Linu löste sich aus ihrer Starre.
„Schon gut, ganz ruhig! Ihr seid in einer kleinen Höhle am nördlichen Strand.“ Die weit aufgerissenen Augen fixierten das Mädchen. „Nörd… nördlicher Strand?“, stammelte er. „Ja, von der Insel Caeron, der größten Insel von Caertol.“ Sein Kopf sank auf die Brust und er sah zu Boden, murmelte die Wörter nach. „Das kommt mir bekannt vor, doch ich weiß nicht woher“, sagte er schließlich. „Mir ist so kalt.“
„Wir müssen ihn von hier wegbringen“, sagte Taal an Linu gewandt. „Wir werden ihn mit in meine Höhle nehmen.“ Gemby hatte die Gruppe erreicht und stand im Eingang. „Er braucht Wärme und Nahrung, vielleicht sogar ein wenig Arznei.“
„Wer seid ihr alle?“ Seine Stimme war schwach und voller Angst und Verwirrung. „Ich bin Linu und das ist Taal“, sagte Linu und lächelte aufmunternd. „Wir sind Aviare, Vogelwandler, und das dort ist Gemby, ein weiser Simari. Wer seid Ihr?“
„All die Worte, die Ihr sprecht, sind mir fremd. Ich bin Halldor aus dem Hause Nimari und ich stamme aus Salisir, der strahlenden Hauptstadt.“ Linu zuckte mit den Schultern. „Diese Stadt kenne ich dafür nicht.“ Er sah überrascht drein. „Ein jeder kennt die Hauptstadt, den Ort reiner Schönheit, wo das Licht wie flüssiges Gold über die Gebäude fließt und der Wind ein süßes Lied auf ihnen spielt. Mit Sicherheit habt Ihr davon gehört, auch wenn der Name Euch vielleicht entfallen ist.“ Linu merkte, dass von seiner Heimat zu sprechen dem Mann neue Lebensgeister zu geben schien und so verzichtete sie darauf, ihn zu berichtigen und ihm zu sagen, dass sie tatsächlich noch nie von diesem Ort gehört hatte. „Würdet Ihr uns begleiten?“, fragte sie stattdessen. „Wir bringen Euch ins Warme und Ihr könnt etwas essen.“
Er willigte dankbar ein; kaum zu sagen, wie lange er hier schon bewusstlos gelegen hatte. „Und wie er überhaupt hier gekommen ist“, dachte Linu.
Gemby nahm auf Linus Rücken Platz, da er leichter war als der Neuankömmling, der nicht schlecht staunte, als die beiden Aviare in ihre zweite Gestalt wechselten und sich in die Lüfte erhoben. Es dämmerte bereits stark und sie würden Gembys zu Hause erst mitten in der Nacht erreichen. An Schlaf war aber ohnehin nicht zu denken. Unzählige Fragen machten sich in Linus Geist breit. Noch tags zuvor hatten sie darüber gesprochen, wie unwahrscheinlich es war, dass jemand vom großen Kontinent hierher reiste und nun war tatsächlich ein Mann angekommen. Linu hegte nicht den geringsten Zweifel, dass er aus diesem mysteriösen Land stammte. Merkwürdig war hingegen, dass er die Namen der Inseln nicht richtig hatte zuordnen können und wirkte, als wisse er nicht, wo er war. Linu flog so nahe an Taal, wie möglich, um hören zu können, was der Mann sagte. Die meiste Zeit gab er Ausrufe des Staunens von sich, als die über die Klippen stiegen und das Gebirge in Sicht kam, als sie eine Flughöhe erreichten, von der aus Teile der Grasebenen zu erkennen waren und als er sich umdrehte und die ewige Weite des Meeres betrachtete. Spätestens jetzt war klar: dieser Mann hatte nicht die geringste Ahnung wo er war.
„Er hat einen Teil seiner Erinnerungen verloren“, sagte Gemby, als hätte er Linus Gedanken gelesen. „Ich habe gehört, dass so etwas bei großen körperlichen Belastungen passieren kann.“
„Körperliche Belastung?“, fragte Linu.
„Eine Verletzung oder eine Krankheit. Wahrscheinlich ist dieser Mann beinahe ertrunken. Immerhin ist seine Kleidung vollkommen durchnässt“ Sie sah hinüber. „Wie ist er überhaupt hierhergekommen? Fliegen kann er scheinbar nicht.“
Darauf wusste Gemby auch keine Antwort.

Sie aßen gemeinsam. Nach dem langen Flug war auch Linu sehr hungrig, doch es war nicht ansatzweise ein Vergleich zum Appetit des Fremden. Schüssel für Schüssel verdrückte er und aß noch immer weiter, als die anderen schon lange fertig waren. „Vielen Dank“, sagte er schließlich. „Das war wundervoll, auch wenn ich so etwas noch nie gegessen habe.“
„Wie seid Ihr hierhergekommen, Halldor? Wie seid Ihr über das Meer gekommen?“, fragte Linu, die nur gewartet hatte, bis er sein Mahl beendete.
„Über das Meer?“, er sah wieder verwirrt aus. „Wir sind hier auf einer Insel, Caertol, erinnert Ihr Euch? Wir haben darüber gesprochen. Irgendwie müsst Ihr über das Meer gekommen sein.“
„Ich würde mich niemals freiwillig auf ein Schiff begeben.“
„Ein Schiff?“, fragte Taal. „Was ist das? Kann man damit über das Meer gelangen?“
„Aber ja. Ihr kennt keine Schiffe? Es sind Gefährte aus Holz, mit denen man auf dem Wasser fahren kann. Doch nur ein Narr betritt aus freien Stücken Nēns Reich.“
„Der Gott des Wassers“, sagte Gemby, worauf der Mann nickte.
„Am Ende verschlingt er uns alle.“
„Aber Ihr müsst irgendwie über das Meer gekommen sein! Caertol ist umringt davon, es gibt keinen anderen Weg, außer zu fliegen.“
Der Mann fuhr sich durch das hellbraune Haar. „Bis heute bin ich noch nie in meinen Leben geflogen.“
Das machte keinen Sinn. Wenn er weder auf dem Wasser gefahren, noch durch die Luft geflogen war, wie war er dann nach Caertol gekommen?
„Nehmen wir an, Ihr seid mit einem dieser Schiffe gefahren“, sagte Gemby, „wo wäre es jetzt?“
„Ich… ich weiß es nicht.“ Nachdenklich starrte er auf den Tisch. „Es ist zwecklos. Ich kann mich nicht erinnern gesegelt zu sein. Vor allem, wenn das stimmt… nein, nein, es kann nicht sein!“
Fragend wechselte Linu Blicke mit Taal und Gemby.
„Was kann nicht sein?“, fragte Taal.
„Seid Ihr sicher, dass wir uns auf einer Insel befinden und nicht auf dem Festland?“ Alle drei nickten. „Falls ich wirklich auf einem Meeresschiff war, so kann ich auf keinen Fall alleine gewesen sein. Mindestens dreißig Mann sind nötig, um ein mittelgroßes Frachtschiff auf einer längeren Fahrt zu handhaben.“
„Und doch haben wir nur eine Spur im Sand entdeckt“, sagte Taal.
„Vielleicht hat man mich nur hier abgesetzt“, schlug Halldor mit müder Stimme vor.
„Ich denke, wir sollten alle zu Bett gehen“, ergriff Gemby das Wort. „Morgen können wir wieder an die Küste fliegen und nach dem Schiff suchen.“ Der Affe bereitete ihnen noch einen Trunk, der ihnen einen ruhigen Schlaf schenken sollte und gemeinsam richteten sie einen Schlafplatz für Halldor.
Linu wälzte sich in ihrer Bettstatt von einer Seite auf die andere. Immer wieder blickte sie zu dem Fremden hinüber, der sofort eingeschlafen war. Sie zog die Halskette hervor, die sie am Strand gefunden hatte und betrachtete den goldenen Anhänger. Er hatte die Form einen Baumes.
Irgendwann musste Linu doch weggenickt sein. Sie erwachte von dem Geklapper von Geschirr und sah, dass Gemby und Taal ein kleines Frühstück bereiteten. Halldor schlief noch und das Mädchen ging, um ihn zu wecken. Im ersten Moment schreckte er hoch und griff nach dem Stilett an seiner Hüfte, dann schien er sich zu erinnern, wo er war. „Oh“, entfuhr es ihm. „Entschuldigt, ich habe mich nur erschreckt.“ Linu lächelte, doch sie wurde den Gedanken nicht los, dass er sie gerade genauso gut hätte töten können. Auch wenn sie bis auf das Denkmal noch nie zuvor einen gesehen hatte, sagte ihr ihr Gefühl, dass dieser Mann ein Krieger war.
Nach dem Frühstück flogen sie zu der Stelle, an der sie die Fußstapfen entdeckt hatten, wo der Mann aus dem Wasser gekommen sein musste. Weit und breit war nichts zu sehen. „Wenn ein Schiff hier wäre, müsste es ein Stück weiter außen vor Anker liegen“, sagte Halldor. „Sie können nicht in zu flachem Gewässer fahren.“
Weil niemand eine bessere Idee hatte, gingen sie den Strand in beide Richtungen ein Stück ab, doch nirgends war ein Zeichen von dem Gefährt. „Falls ich tatsächlich auf einem Schiff war, müssen sie mich nur abgesetzt haben“, meinte Halldor schließlich Schulter zuckend und sie wollten sich schon auf den Rückflug machen, da erspähte Linu ein gutes Stück weiter östlich etwas im Wasser. Erst langsam, dann immer schneller ging sie darauf zu. Das Meer spülte es auf den Strand, holte es sich wieder und schob es wieder hinauf. „Es ist ein Stück Holz“, rief Linu den anderen zu. Eilig suchte sie den Strand und das Wasser ab. Es war bei weitem nicht das einzige. Die anderen hatten sie erreicht und halfen die am nächsten liegenden Teile einzusammeln. Da waren gebogenen Planken, runde Stangen, die aussahen wie glatte Äste und Taal fand sogar ein großes Stück Stoff, das er alleine gar nicht tragen konnte. Sie zogen es auseinander. In seiner Mitte war mit roter Farbe ein großes Symbol aufgemalt. Halldor sog hörbar Luft ein. „Der rote Turm Vesperions… Da haben wir das Schiff.“


Rak

„Zeig mir deinen Stein.“
Zögern reichte Rak dem Meister sein Übungsstück.
„Wo hast du das gelernt?“ Er sah Rak in die Augen.
„Nirgendwo. Es ist einfach passiert.“ Der Meister schüttelte den Kopf. „So etwas passiert nicht einfach, Rak. Man braucht Jahre, bis man einen Stein verformen kann. Also beantworte meine Frage: wo hast du das gelernt?“
Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. „Ich sage die Wahrheit. Als ich an dem Stein hörte, kam mir die Idee und erst habe ich gar nicht gemerkt, dass es geklappt hat.“ Prüfend kniff sein Lehrer die Augen zusammen. „Und wer hat dir gesagt, dass du an Steinen hören sollst?“
„Ich bin von ganz allein darauf gekommen“, antwortete Rak und es stimmte. Immerhin war es seine Idee gewesen, es zu versuchen, Holon hatte ihm nur gezeigt, dass es funktionierte.
„Seit vielen Jahren bilde ich Jungen und Mädchen zu Elementaren aus und noch nie hat eines der Kinder von alleine an dem Übungsstück gehört. Und selbst wenn, dürfte es niemals funktionieren. Die Steine sind voneinander getrennt worden. Geräusche von anderen Teilen wahrnehmen zu können, ist ebenfalls etwas, wofür man eine lange Zeit braucht und viel Übung.“
Rak wusste nicht, was er sagen sollte, also blieb er still.
„Hast du zuvor schon versucht, etwas im Gestein zu hören?“
Langsam nickte er mit dem Kopf. „Und ist es dir gelungen?“
Wieder nickte er. „Was hast du gehört?“
„Verschiedenes. Das Zuschlagen von Türen, entfernte Hammerschläge, Schritte… solche Dinge.“ Weiterhin konnte Rak das Misstrauen im Gesicht des Meisters sehen.
„Auch Stimmen?“
Der Junge zögerte. „Nein.“
„Hat Holon dir gesagt, du sollst an Gemäuer lauschen?“ Tapfer hielt Rak dem Blick stand. „Nein.“
„Hast du ihm erzählt, dass du es tust?“
Rak schluckte. Wie viel konnte er preisgeben? Worauf wollte der Lehrer hinaus? „Er hat mich bei einem Versuch erwischt und hat mir gesagt, dass es wirklich funktioniert.“
„Was hat er dir noch gesagt?“ Fragen über Fragen… Rak wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich gehen zu dürfen.
„Dass Geräusche im Gestein hören zu können, der erste Schritt bei der Ausbildung zum Elementar ist.“
Der Meister kräuselte die Lippen. „Und der zweite Schritt?“
Rak schüttelte langsam den Kopf. Mit einem Seufzen nahm sein Lehrer endlich den bohrenden Blick von ihm.
„Also gut Rak. Du kannst gehen, auch wenn du mir nicht alles sagst, das sehe ich genau. Trainiere weiterhin dein Gehör und versuche nicht, die Steine zu verformen. Die Zeit ist nicht reif. Ein unerfahrener Elementar kann schlimme Dinge anrichten, wenn er keine volle Kontrolle hat und wir haben Gründe dafür, dass wir euch langsam an die verborgenen Kräfte heranführen. Zumindest die meisten von uns.“

Mit einem furchtbar mulmigen Gefühl ging Rak zur Nachmittagsarbeit. Hatte er Holon womöglich in eine unangenehme Position gebracht? Hätte er anders antworten sollen? Es kam ihm so vor, als hätte sein Lehrer ohnehin schon alles gewusst.
Dieses Mal war er zum Wäsche waschen eingeteilt, eine Tätigkeit, die er sowieso schon überhaupt nicht mochte und als er Timm am Wäschetrog vorfand, trug das nicht gerade zu einer Besserung seiner Laune bei. „Da bist du ja endlich“, schnauzte dieser direkt los. „Ich dachte schon, ich muss die ganze Arbeit alleine machen, während dir noch der Hintern gepudert wird.“
Rak überging ihn einfach und schnappte sich das erste Bettlaken aus dem Waschkessel.
„Sag schon, was wollte der Alte? Hat er dir geheime Tricks gezeigt? Dinge, die zu hoch sind für Trottel wie uns?“
Mit großer Mühe schloss Rak die Augen und atmete tief durch. „Nein, Timm. Ich wurde dafür gescholten, dass ich mehr ausprobiert habe, als wir sollten.“ Der andere Junge prustete verächtlich. „Das glaubst du ja selber nicht! Ich habe doch genau gehört, wie er dich gelobt hat.“ Seine kleinen Augen fixierten Rak, während er immer und immer wieder dieselbe Stelle an seinem Laken schruppte.
„Er wollte wissen, woher ich wusste, dass man etwas im Gestein hören kann.“ Rak merkte wie er wütend wurde und sich zugleich um jeden Preis verteidigen wollte. Immerhin war er es gewesen, der eben in einem unangenehmen Kreuzverhör verhaftet gewesen war und nicht dieser dumme Junge. „Du hast doch eh nur so getan! Wieso sollte man in so einem kleinen Brocken etwas hören können?“
„Hast du nicht gesehen, wie der Meister seinen kleinen Brocken hat schweben lassen?“, konterte Rak.
„Das ist ja wohl etwas anderes. Das ist Magie! Deshalb sind wir hier, um so etwas zu lernen.“ Timm begann sein Laken auszuwringen.
Rak konnte sich ein ironisches Grinsen nicht verkneifen. „Du hast gehört, was der Meister gesagt hat: wer nicht sich einmal auf ein Stück Stein konzentrieren kann, der kann es gleich lassen. Vielleicht solltest du freiwillig gehen.“ Zornesröte trat in Timms Gesicht. „Und nur weil du dein Ohr an irgendeinen Klumpen hältst, denkst du, du bist schon ein großer Elementar?“
„Du kapierst es nicht, oder? Das hängt alles zusammen! Fühlen, hören, steuern.“ Er wusste, dass er prahlte und zu viel verriet, doch er konnte nicht anders. Der Drang, den älteren Jungen vorzuführen, war zu groß. In der Tat zögerte Timm kurz bevor er etwas entgegen setzte.
„Das hat dir jemand verraten. Der Typ mit dem du her gekommen bist! Ein dummer Bäckersohn weiß so etwas nicht, auch nicht, wenn er aus der hohen Hauptstadt kommt.“
Der Kiefer zuckte Rak, als er die Zähne aufeinander biss. „Man sagt, ein Bäcker hat so viel Grips, wie die Brötchen, die er backt“, fuhr Timm fort, der offensichtlich gemerkt hatte, dass er Rak damit wütend machen konnte. „Ein Wunder, dass dein Vater überhaupt das richtige Loch in der Mutter gefunden hat, um dich zu zeugen.“
Eher er sich versah, hatte Rak die kurze Distanz zwischen ihnen überbrückt und den größeren Timm am Hals gepackt. „Spinnst du, oder was?“, presste Timm hervor, doch Rak drückte nur noch fester zu. „Sprech – nie – wieder – von – meinen Eltern!“, sagte er zwar leise, doch mit bedrohlichem Unterton, bevor er von Timm abließ, der sofort seinen Hals abtastete. Wütend starrte er Rak an, dann ging er auf ihn los, versuchte ihm mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, doch verfehlte sein Ziel. Timm war größer und stärker als Rak und eben hatte dem Bäckerjungen bloß das Überraschungsmoment geholfen, das wussten sie beide. „Ich werde dir die Fresse polieren!“, knurrte Timm. „Dann überlegst du dir das nächste Mal zwei Mal, ob du dir einen Gesteinsklumpen an die Backe pressen willst, um die Meister zu beeindrucken.“
„Versuchs doch!“, gab Rak zurück. Keinesfalls wollte er Schwäche zeigen. Ein Hieb Timms traf ihn im Bauch, doch konnte er mit dem Fuß einen Treffer landen. Die Jungen zerrten sich an den Kleidern und versuchten jeweils des anderen Gesicht zu erwischen. „Ich soll nicht von deinen Eltern sprechen, ja?“, presste Timm im Gerangel hervor. „Warum nicht? Weil ich Recht habe und sie dumm wie Brot sind? Oder hast du vielleicht gar keine Eltern? Haben sie dich ausgesetzt wie einen räudigen Hund?“ „Halt den Mund!“, brüllte Rak. Die schrecklichen Szenen, die seit ein paar Tagen endlich aus seinem Geist verschwunden waren, traten wieder aus der Versenkung. Seine Mutter und sein Vater auf Knien hoch oben auf der Holzplattform, darunter das johlende Volk und dahinter der Schafrichter mit der riesigen Axt. So hatte sich sein gnadenloses Unterbewusstsein das Ende der beiden ausgemalt und ihn immer wieder damit gequält. Er würde nicht erlauben, dass Timm so von ihnen sprach. Rak konnte sich keine besseren und gütigeren Menschen als seine Eltern vorstellen, auch wenn sie freilich einfache Leute gewesen waren. Noch nie da gewesener Zorn erfüllte ihn heiß. „Du sollst nicht von ihnen sprechen, weil ich dich sonst umbringe.“ Rak hatte die Worte ganz leise gesprochen, doch sein Atem ging schnell und schwer. Er war so wütend, dass ihm schwindelig wurde und er wollte nur eines: dem anderen weh tun. Mit zusammengekniffenen Augen sah er Timm an, dessen Gesichtsausdruck sich plötzlich änderte. War das Furcht? Dann geschah alles sehr schnell. Von allen Seiten flogen Gesteinsbrocken herbei und schlugen hart auf Timms Körper auf. Einer davon traf den Jungen am Kopf, worauf er bewusstlos zu Boden ging. Raks Zorn war Entsetzen gewichen. Er blickte sich um. Sie waren allein. Begreifen machte sich in ihm breit und er schlug die Hand vor den Mund. Es gab nur eine Erklärung: er hatte die Steine beschworen.
Nervös raufte er sich die Haare. Was sollte er tun? Er ging zu Timm und beugte sich zu ihm hinab. Blut sickerte aus einer üblen Platzwunde auf den Boden, doch immerhin atmete er noch. Gerade wollte Rak zum Waschbecken eilen, um das Blut wegzuwaschen, da hörte er schon eilige Schritte auf dem Gang und kurz darauf des Lehrmeisters Stimme. „Was ist hier los?“
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#17

Beitragvon Jaro Ballivòr » Mi 22. Nov 2017, 20:44

Triborin

Eine Zeit lang waren sie schweigend nebeneinander her geritten, bis Triborin wieder das Wort ergriff. „Ihr sagtet, Ihr seid eine der Thronerben. Seid Ihr also nicht die älteste Tochter des Lords?“
Liena sah ihn mit leicht erhobenen Brauen an. „Nein, bin ich nicht.“
Also hatte sie mindestens einen älteren Bruder und eine ältere Schwester, dachte Triborin. So zumindest der Informationsstand seines Lords. „Seid Ihr deshalb diesem Ralir versprochen?“
„Wieso sollte das eine etwas mit dem andere zu tun haben?“
Triborin lächelte. „Weil ein Lord der Alben seinen Nachfolger nicht nach der Alterslinie bestimmen muss, sondern nach seiner persönlichen Einschätzung.“
„Ihr wisst viel über unser Volk.“ Stolz und aufrecht saß sie auf ihrer Stute und blickte in die Ferne.
„Ich wüsste gern mehr über Euch“, gab Triborin zurück. „Warum seid Ihr hier? Ralir meinte, Ihr müsstet in Vesperion sein.“
„Ich bin hier, weil Ihr sonst niemals nach Solterra gelangt, sondern zum Gefangenen der Westmänner geworden wäret.“
„Und in wie fern hätte Euch das geschadet?“
„Ein Krieg wäre ausgebrochen“, sagte Liena ernst.
„Das mag sein, doch auf welcher Seite hätten die Alben wohl gestanden? Kaum auf der unseren, möchte ich behaupten.“
Als Liena den Kopf wieder zu ihm wandte, erkannte er Kälte in ihrem Ausdruck. „Ist es nicht egal, wer auf wessen Seite steht? Ein Krieg ist in jedem Fall grausam und leidbringend für Unzählige auf allen Seiten.“ Triborins Lächeln verblasste. „Ich versuche nur zu verstehen, denn Antworten erhalte ich keine. Keineswegs bin ich ein Freund des Krieges. Doch ich habe bewaffnete Alben in Vesperion gesehen und frage mich wie das zusammenpasst mit Euch, deren Auftrag wohl ist, den Konflikt zu umgehen.“
Liena seufzte. „Es gibt Dinge über die können wir einfach nicht sprechen.“
„Sagt mir wenigstens für wen Ihr“, eine Geste Lienas unterbrach ihn. Mit einem Kopfnicken wies sie in eine Richtung und Triborin sah, was sie meinte. Staubwolken zierten den Horizont, vom Mondlicht geisterhaft erhellt.
„Gibt es normalerweise Grenzkontrollen nach Solterra?“, flüsterte er und die Albe nickte. „Aber nur auf den Straßen und Wegen, nicht hier. Wir müssen hoffen, dass sie uns noch nicht gesehen haben“, flüsterte sie zurück. „Es gibt noch einen anderen Weg.“
„Und was, wenn sie uns erspäht haben?“
„Dann werden wir uns durchkämpfen müssen.“

Sie schlugen eine östliche Richtung ein. Dass die Grenze belagert war, ließ zwei Rückschlüsse zu: entweder die Männer aus Vesperion hatten Alarm geschlagen oder dieser Ralir hatte eine Truppe im Schlepptau, die versuchte ihnen den Weg abzuschneiden. „Von beiden Varianten kennt nur Ralir unseren genauen Standort“, dachte Triborin und äußerte seine Vermutung gegenüber Liena, die den Kopf schüttelte. „Nein. Er wird sich alleine auf die Suche nach uns machen.“ Ihr Ton war bestimmt. „Ihr habt gesehen, dass mein Volk in Vesperion zugegen war. Das wird der Grund für die Patrouille sein.“
Der Elf dachte zurück an die Szene in dem Ort, wie die Menschen vor dem Alben mit der Mondklinge zurückgewichen waren, wie sie ihn gefürchtet hatten. Das Machtverhältnis zwischen den beiden Völkern war klar und auch wenn die Alben ihn in dem Ort nicht gesehen hatten, war ihnen mit Sicherheit alles sofort von den Menschen berichtet worden; was auch bedeutete, dass sie wissen mussten, wer ihn gerettet hatte. Triborin blickte Liena an. Für wen arbeitete die Frau? Wofür gab sie ihre Heimat auf, betrog ihren eigenen Vater? Sie würde sich nie wieder in Mildir blicken lassen können. Außer… andere Zweifel kamen ihm. Die Stimme, auf die er nicht hören wollte, deren Worte ihm wie Gift bitter auf der Zunge lagen, meldete sich erneut. Alles gehört zu einem Plan. Sie benutzt dich. Mühsam verdrängte er sie. Selbst wenn? Hatte er eine andere Wahl, als mitzuspielen? Überhaupt, wer wusste, was er auf diese Weise alles würde herausfinden können? Am Ende konnte er seinem Lord weit mehr vorweisen, als Informationen über dieses mysteriöse Vogelvolk. Es hieß lediglich wachsam zu sein.
Um unauffällig zu bleiben, ritten sie in einem langsamen Schritttempo nebeneinander und Triborins schwarzer Hengst verdeckte die helle Stute der Albe in Richtung der Grenze. Die Dämmerung war nicht allzu fern und das Land endlos weit und offen. Ihre einzige Deckung durch die Schwärze der Nacht würde sie nicht mehr lange schützen. Aufregung machte sich in Triborin breit, nicht, weil er sich fürchtete, sondern der üblichen Anspannung wegen, wenn die Dauer, bis ein erwartetes Ereignis eintritt, sich mehr und mehr in die Länge streckt. Fast hätte er es begrüßt, wenn sie auf direkte Konfrontation gegangen wären, anstatt das Unvermeidliche hinaus zu zögern, doch entweder war Liena überzeugt, dass sie es schafften oder sie wollte das Zusammentreffen so lange wie möglich meiden. Immerhin war es mehr als wahrscheinlich, dass sie dort auf Alben trafen. Würde sie ihre eigenen Brüder und Schwestern niederstrecken, wenn es darauf ankäme? Sie kamen so langsam voran, dass Triborin bald damit rechnete, Ralir würde sie einholen. „Sollten wir nicht lieber hindurch preschen? Es wird bald hell“, fragte er Liena schließlich leise. „Gleich“, antwortete diese nur, während sich das Zwielicht des anbrechenden Tages Meter um Meter hinauf schob und die Nacht verdrängte. Nun wurde Triborin doch nervös. Er konnte sich lebhaft vorstellen, welch gutes Ziel ein schwarzer Fleck vor einem hellen Sandsteinhintergrund abgab, auch ohne das die tiefstehende Sonne ihn direkt anstrahlte. Ein einzelner Langbogenschütze wäre ausreichend und seine Tage wären gezählt. Es war nicht so, dass Triborin den Tod fürchtete, doch er hatte eine sehr genaue Vorstellung davon, wie es geschehen sollte. Hilflos niedergestreckt zu werden, passte nicht dazu. Sein Blick glitt nach Süden. Noch immer waren vereinzelt Staubwolken auszumachen, was darauf schließen ließ, dass sie sich fort bewegten; das war deutlich besser als eine Barrikade. Rund herum war das Land weiterhin eben, es gab keine erhöhten Plätze für Bogenschützen oder Verstecke für einen Hinterhalt. Triborin sah zurück zu Liena. Vielleicht war das, was sie dort erwartete tatsächlich für die Albe ein Problem und nicht für ihn. Er musste nur nach Solterra gelangen, dann könnten sie ihn nicht mehr ungestraft vom Pferd schießen. Die südlichen Lande waren viel zu stolz und mächtig, um dem Albenlord die Stiefel zu lecken, wie Vesperion das tat. Kalt breitete sich die Entscheidung in seinem Innern aus. „Ich weiß nicht, worauf Ihr wartet“, sagte Triborin mit einem leichten Zittern in der Stimme, „aber ich reite jetzt.“ Seine Fersen hieben in die Flanken des Nachtschattens und das Pferd reagierte sofort. „Nein!“, rief Liena, doch Triborin donnerte bereits auf die Grenze zu. Wenn sie ihn bis jetzt noch nicht bemerkt hatten, würden sie es jetzt tun. Das Gewitter der Hufe war nicht zu überhören. Tief senkte er den Körper hinab, legte sich fast auf den Hals des Rosses ab, zog das Krummschwert mit einer Hand und hielt mit der anderen die Zügel, die kleine Armbrust bereit zum tödlichen Schuss. Von weitem erkannte er Banner mit dem roten Turm Vesperions um dem goldenen Baum Mildirs. Zumindest diesbezüglich hatte Liena die Wahrheit gesagt: sie mussten aus dem westlichen Königreich kommen. Ein paar waren beritten, doch die meisten gingen zu Fuß und es sah so aus, als patrouillierten sie tatsächlich das Grenzgebiet. Triborin fletschte die Zähne. Er würde leichtes Spiel haben. In aller Eile versuchten die Krieger verzweifelt eine Formation anzunehmen, während das Unheil in schwarz auf sie zustürmte. Ein Pfeil verfehlte ihn nur knapp und der Dunkelelf trieb sein Pferd nochmals an. In vollem Galopp traf er auf die kleine Gruppe. Männer wurden einfach niedergetrampelt, der Bogenschütze fiel wie von Geisterhand von seinem Ross und ein anderer Alb ging mit aufgerissener Kehle auf die Knie. Dann war er auch schon hindurch. Im Osten hievte sich die Sonne gerade mühsam über den Horizont und warf ein rotes Licht über das Land. Triborin verlangsamte sein Pferd ein wenig und sah sich um. Weitere Krieger eilten herbei, nach Westen und Osten hin hatte die Bewegung gestoppt. Die Nachricht, dass der schwarze Reiter erneut entkommen war, würde sich nun die Reihen entlang arbeiten. Sein Blick suchte allerdings etwas anderes. Der Dunkelelf ertappte sich dabei, wie sehr er sich wünschte, die cremefarbene Stute würde angeflogen kommen, doch von dem Tier und seiner Reiterin war keine Spur.
Was hatte er erwartet? Er hatte diesen Entschluss gefasst, weil es Zeit war, die Zügel wieder an sich zu reißen. Sein Lord hatte ihm einen wichtigen Auftrag gegeben, der nicht beinhaltete, mit einer schönen Frau durch die Landschaft zu spazieren und sich von ihr bevormunden, ja am Ende sogar in eine Falle locken zu lassen. Ein Zurück gab es nun wohl ohnehin nicht mehr. Mindestens zwei Alben waren unter seinen Opfern gewesen. Könnte Liena ihm das verzeihen? Krampfhaft schüttelte er den Gedanken ab. Allein, sich solch eine Frage zu stellen, glich Hochverrat in Lacharys. Seiner Träumereien zum Trotz war nie Hoffnung bestanden. Er war ein Dunkelelf, sie eine Albe, es war als versuche man Feuer und Wasser miteinander zu verbinden. Nun, da er den Schritt gewagt hatte, merkte er aber, dass es ihm doch mehr nachhing als gedacht. Der törichte Impuls zurück zu reiten durchfuhr ihn und er lachte zynisch auf. „Sie hätte dich nie genommen“, sagte er sich. „Du bist ein verdammter Dunkelelf, schon vergessen?“
Für einige Tage mochte sie sein Leben erhellt haben, nun war es Zeit, sich wieder den wichtigen Dingen zu zuwenden.
Mit großer Anstrengung nahm er den Blick nach vorne und versuchte die Gedanken und Gefühle wegzusperren.
In seinem Geiste predigte er, wie um sich selbst zu überzeugen, seinen Schwur rauf und runter.

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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#18

Beitragvon Jaro Ballivòr » Do 23. Nov 2017, 13:12

Linu

Halldor war wie vom Blitz getroffen und starrte auf die Überreste des Schiffes. „Könnt Ihr Euch erinnern?“, fragte Linu vorsichtig, doch der Mann schüttelte langsam, ohne den Blick zu lösen, den Kopf. „Nein; das heißt, als ich den Turm sah, blitzten kurz Bilder einer steinernen Stadt in meinem Geist auf, doch es war sofort wieder weg…“ Gedankenverloren bewegte er erneut den Kopf von Seite zu Seite, als zermartere er sich das Hirn, doch er blieb still.
„Wir sollten die Küste absuchen“, flüsterte Taal. „Vielleicht gibt es noch weitere Überlebende, die unsere Hilfe benötigen.“ Ihr Gefühl sagte Linu, dass sie niemanden finden würden, zumindest nicht lebendig, doch sie nickte und auch Gemby hielt es für eine gute Idee. Wenigstens einen Versuch war es wert. Sie vereinbarten, dass die beiden Aviare ein größeres Areal aus der Luft kontrollieren, während Gemby und Halldor sich den Strand mit all den Hinterschnitten und Einbuchtungen in den Klippen vornehmen würden.
Aus der Höhe erkannte Linu noch vereinzelt weitere Teile des Wracks, die über eine große Distanz verteilt auf den Sand gespült wurden, doch von einem Menschen war keine Spur. Sie suchten den ganzen Nachmittag und gaben schließlich auf. Halldor schien der einzige Überlebende der Schiffskatastrophe zu sein.
„Das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man Nēns Reich beansprucht“, sagte Halldor ernst. „Möge er sie in Frieden ruhen lassen, wer auch immer sie waren.“ Sie schwiegen einen Augenblick und blickten gen Horizont. Das Meer war ruhig und friedlich und Linu fragte sich, wie es zugleich derart zerstörerische Kraft haben konnte. „Wir sollten heim kehren“, sagte Gemby schließlich. „Lasst uns ein Abendmahl zu uns nehmen und Halldor kann uns von diesem roten Turm berichten. Vielleicht fällt Euch wieder etwas ein, wenn Ihr darüber sprecht.“

„Es ist das Wappen des Könighauses Krinkar, dem Herrscher von Vesperion“, begann der Mann, nachdem sie sich gestärkt hatten. „Was ist das für ein Ort?“, fragte Taal. „Wir kennen Eure Heimat nicht, nur diese Inseln.“ Halldor wirkte erneut überrascht, doch er fuhr fort. „Vesperion ist ein Land westlich meiner Heimat, das von Menschen bewohnt und beherrscht wird. Ich weiß, dass sie Schiffe haben und zur See fahren, doch ich bin noch nie dort gewesen.“
„Vielleicht könnt Ihr Euch nur nicht daran erinnern“, sagte Gemby. „Offensichtlich habt Ihr einen beträchtlichen Teil Eures Gedächtnisses verloren.“
„Aber das müsste ja schon… Wochen her sein. Wie weit sind diese Inseln vom Festland entfernt?“ Als Antwort erhielt er nicht mehr, als fragende Gesichter und zuckende Schultern. „Selbst für kurze Strecken auf dem Wasser braucht man eine lange Zeit.“
„Es verwundert mich nicht, dass Ihr das nicht mehr wisst. Denn immerhin könnt Ihr Euch an Euren Auftrag und an den Namen dieser Inseln auch nicht mehr erinnern und das muss auf jeden Fall zuvor passiert sein oder nicht?“, sagte Gemby lächelnd.
Halldor schien kurz zu überlegen. „Vielleicht… es sei denn, das hier war gar nicht mein Ziel. Wir könnten zufällig hier gelandet sein.“
„Wo wolltet Ihr dann hin?“ Linu war überrascht über Gembys Spitzfindigkeit. Man konnte den alten Affen leicht unterschätzen. Halldor nickte resignierend. Auch ein anderes Ziel müsste ihm nach dieser Argumentation bekannt sein. „Ach, das macht alles keinen Sinn! Wenn ich nicht entführt worden bin und auch daran keinerlei Erinnerung habe, wollte ich diese Inseln wirklich erreichen, wie nennt Ihr sie?“ – „Caertol“, sagte Linu schnell. „Richtig, Caertol…“ Es klang seltsam fremd, wenn Halldor es aussprach. Der Ausdruck des Erkennens trat auf sein Gesicht. „Ist Euch etwas eingefallen?“, fragte Linu aufgeregt, doch er schüttelte schnell den Kopf. „Ich weiß wie ich heiße, wie alt ich bin und wo ich herkomme, nur die kurzfristigen Ereignisse fehlen mir vollkommen. Das heißt“, er hob einen schlanken Zeigefinger, „dass ich von der Existenz C… Caertols, von dieser Inselgruppe, erst vor Kurzem erfahren habe!“ Die Freude über die Schlussfolgerung hielt nicht lange, denn wieder waren sie in einer Sackgasse gelandet. „Erzählt uns über Eure Heimat“, sagte Gemby schließlich. „Im besten Fall könnt Ihr so Euer Gedächtnis weiter anregen.“
„Nun ja… wo soll ich anfangen?“
„Wie wäre es mit dieser Hauptstadt, die Ihr erwähnt habt?“, schlug Taal vor. „Salisir? In Ordnung.“ Kurz sammelte er seine Gedanken, dann fuhr er fort. „Ich habe nicht immer dort gelebt, erst als junger Mann bin ich dorthin gezogen, denn ich wollte mich für eine Stellung bei seiner Lordschaft anbieten. Ich kam vom Land, wisst ihr? Wir hatten ein kleines, einfaches Haus, da war die Stadt natürlich eine Offenbarung für mich. Helles Gestein, kunstvoll verzierte Gebäude, überall Brunnen und trotzdem so natürlich, als gehöre sie zur Umgebung, wäre schon immer da gewesen. Die Lage alleine… eine Reise wert! Zu beiden Seiten der Mangalklamm wächst Salisir in die Höhe und streckt sich den Sonnenstrahlen entgegen. Schön und sauber und tugendhaft“, er lächelte ob dieser Erinnerungen in sich hinein und Linu, die nichts als einfache Dorfhütten kannte, versuchte sich etwas Derartiges vorzustellen. „Ganz oben thront des Lords Palast. Säulengänge flankieren die Gebäude auf allen Seiten, es gibt Zimmer über Zimmer für die hohe Familie und ihre Gefolgschaft, und in der Mitte steht der Sansarbaum, der erste Baum der Welt, den Narma persönlich gesät hat. Bei schönem Wetter scheint die Sonne von früh bis spät auf das Anwesen und es erstrahlt so hell, dass man es auch den goldenen Palast nennt - mana milsara.“ Gebannt hing Linu an Halldors Lippen. Der goldene Palast… wenn nicht dort, wo sollte der goldene Herr aus Mins Geschichten dann gehaust haben? „Dieser Lord“, fragte sie mutig, „ist er ein goldener Herr?“ Halldor lachte bei dieser Frage. „Nein. Er ist ein Alb aus Fleisch und Blut, auch wenn er gerne und viel Schmuck trägt. Ansonsten kleidet er sich recht gewöhnlich.“ Linu tastete nach der Kette, die sie seit dem Fund stets bei sich getragen hatte. Goldene Städte, heilige Bäume und Schmuck? Konnte das ein Zufall sein? Langsam holte sie den Anhänger hervor. „Schmuck wie dieser?“, fragte sie.
„Woher habt Ihr das?“ Von einer Sekunde auf die andere wich der amüsierte Ausdruck aus Halldors Gesicht, es wurde ernst und seine Augen kalt. „Ich habe es am Strand gefunden, kurz bevor wir Euch entdeckten“, entgegnete Linu etwas verschüchtert. „Nein…“, hauchte Halldor und fasste sich an die Stirn. „Das kann nicht, das darf nicht…“ Linu wechselte einen Blick mit Taal und Gemby. „Halldor“, sagte sie sanft und legte dem Mann vorsichtig eine Hand auf die Schulter. „Was ist?“
Er sah auf, seine Augen voll Entsetzen. „Der goldene Baum ist das Symbol des Hauses Sinklar, meiner Lordschaft. Nur ein Angehöriger seiner Familie ist befugt es am Körper zu tragen.“ Tiefe Bestürzung lag in seinem Blick. „Versteht ihr nicht? Ein hoher Herr oder eine hohe Lady muss ebenfalls auf diesem Schiff gewesen sein und jetzt…“ Ihm versagte die Stimme. „Auf ewig in den Fängen Nēns… Möge Narma ihn um Gnade bitten.“
Der Alb versank in ein geflüstertes Gebet und keiner der anderen wusste, was es Aufbauendes zu sagen gegeben hätte. Als er das nächste Mal den Kopf hob, war Entschlossenheit in seinem Ausdruck. „Ich muss mich erinnern. Ich muss wissen, warum mich ein Lord oder eine Lady begleitet hat, warum ich hierhergekommen bin. Erzählt mir über diesen Ort und über euch. Vielleicht hilft das.“
Nach einem kurzen Blickkontakt mit den anderen, übernahm Linu das Wort. Sie erzählte alles, was sie wusste, von den Dorfgemeinschaften, von ihrem Volk, von den Inseln, dem Wald und dem Gebirge. Schnell musste sie feststellen, dass es nicht viel zu berichten gab. Das Leben der Aviare war einfach und einfarbig, ruhig und harmonisch. „Wir haben aber erst kürzlich herausgefunden, dass wir ursprünglich gar nicht von hier stammen“, warf Taal ein, der merkte, dass Linu nicht weiter wusste. „Vor vielen Jahren sind wir nach Caertol gekommen, während die Affen schon immer hier waren. Vermutlich lebte auch unser Volk zuvor auf dem Kontinent, von dem Ihr kommt.“
„Ihr habt das erst vor kurzem heraus gefunden? Wieso das?“, hakte Halldor nach. Beide Aviare zuckten mit den Schultern. „In unserer Gemeinschaft ist dieses Wissen nicht mehr verbreitet. Warum, weiß ich auch nicht. Wir haben es selbst herausgefunden, mit Gembys Hilfe.“ Er wies auf den alten Affen. „Er hat uns nämlich ein Denkmal gezeigt, dass schon Tausend Jahre alt sein muss.“ Linu lächelte ihren Freund an. Das hatte sie schon immer sehr an ihm gemocht, dass er sich ebenso wie sie für Geheimnisse und Abenteuer begeistern konnte. „Die Skulptur zeigt einen Krieger… Isiko war sein Name.“
Beim Klang des Namens weiteten sich Halldors Augen. „Ist Euch dieser Namen bekannt?“, fragte Gemby.
„Ja“, antwortete der Alb geistesabwesend. „Ich kenne ihn, aber ich finde keine Verbindung… und doch fühle ich, dass er bedeutsam ist. Isiko…“ Mehrfach sprach er den Namen vor sich hin, dann sah er ruckartig auf. „Wisst Ihr es wieder?“, fragte Linu hoffnungsvoll. Langsam nickte Halldor. „Der Name hängt auf jeden Fall mit meinem Auftrag zusammen. Ich kann mich erinnern, dass mein Lord ihn erwähnt hat.“ Das war nicht viel. Die junge Aviare blickte enttäuscht zu Taal und dann zu Gemby. Der alte Affe hatte die Augen leicht zusammen gekniffen und grübelte offensichtlich über etwas. Er ließ Halldor dabei nicht aus den Augen. Linu verstand: Halldor hatte ihnen nicht alles gesagt.


Rak

Schon eine gefühlte Ewigkeit saß Rak in dem kleinen Raum auf einem der schweren Stühle, die den runden Tisch in seiner Mitte flankierten. Die Eichentüre war abgeschlossen, doch er wäre ohnehin nicht weggelaufen. Wo sollte er schon hin? Meister Lanon hatte Timm in sein Zimmer bringen lassen und alle möglichen Anweisungen gegeben, die Rak kaum wahrgenommen hatte. Wie paralysiert war er in der Waschküche gestanden, hatte die Blutlache und die Steinbrocken am Boden und die Löcher in der Wand angestarrt und versucht zu verstehen, was gerade passiert war. Dann war Holon aufgetaucht. „Ihr wolltet mich sehen, Meister Lanon?“, dann: „Oh.“ Er hatte einen der Brocken aufgehoben und betrachtet, ebenso die Wände und dann hatte Rak seinen Blick auf sich gespürt und sich mühsam aus seiner Trance befreit. Das Gesicht des jungen Meisters war unleserlich gewesen, doch immerhin hatte er keine Wut darin erkennen können. „Wir müssen reden“, war Lanons Stimmt ertönt und ehe Rak sich versah, war er in das kleine Ratszimmer gesperrt worden und die beiden Meister waren irgendwo anderes hingegangen, um zu reden. Die Mühe hätten sie sich auch sparen können, denn Rak hörte jedes Wort. Dabei war er sich gar nicht sicher, ob er das wirklich wollte, es flog ihm einfach so zu, er musste sich nicht einmal mehr anstrengen, die Geräusche aus der Wand wahrzunehmen.
„Der Junge ist eine Gefahr für sich und die anderen.“ Meister Lanons Stimme war fest und bestimmt. „Was habt Ihr ihm alles gezeigt, Meister Brannes?“
„Gar nichts. Ich habe ihn nur ermutigt, weiter zu üben, als er nach einem gescheiterten Hörversuch aufgeben wollte – bei dem ich ihn im Übrigen zufällig erwischt habe.“ Holon hingegen klang fast ein wenig amüsiert oder sogar spöttisch.
„Das hat mir der Junge auch gesagt!“
„Habt Ihr ihn ausgequetscht?“ Nun mischte sich Ärger mit hinein. „Ich musste ihn fragen! Er hat seinen Übungsstein verformt!“
„Wirklich?“ – „Holon! Das ist kein Spiel! Ich weiß nicht, ob wir ihn weiter ausbilden sollten.“ Etwas klatschte, als schlage jemand mit der Hand auf einen Tisch. „Und was sonst? Wollt Ihr ihn etwa auf die Straße setzen und seinem Schicksal überlassen? Was glaubt Ihr denn, dass er dann keine Gefahr für sich und die Umwelt ist, wenn ihm keiner sagt, wie er es beherrschen kann?“ Holon war laut geworden.
„Aber noch nie… niemals hat jemand so schnell so viel beherrscht…“
„Das stimmt nicht. Es gab schon einmal jemanden.“ Kurz war es still, dann sprach wieder Holon. „Ihr wisst von wem ich spreche. Der Junge bleibt hier und wir werden ihn weiter ausbilden.“ Ruhe kehrte ein. „Er muss eine Strafe erhalten; für das, was er dem anderen Jungen angetan hat.“
„Jungen prügeln sich nun einmal… Schon gut, schon gut! Dann soll er bestraft werden.“ Rak hörte, wie sie zur Tür gingen und die Klinge gedrückt wurde. „Ich werde ihn nicht aus den Augen lassen und Euch ebenso wenig“, sagte Meister Lanon. „Großmeister Hangol hat mir von Eurer Unterredung heute Morgen berichtet.“ Mit einem Klicken fiel die Türe ins Schloss. „Wir werden nicht zulassen, dass Ihr und die Euren diesen Ort als Rekrutenschule missbraucht.“

Zusammengesunken wartete Rak, wie die Schritte die beiden Stück für Stück näher brachten. Sein Kopf dröhnte, die allgegenwärtigen Geräusche vermischten sich mit seinen eigenen lauten Gedanken. Vielleicht hatte Meister Lanon Recht und er konnte all das, was aus ihm hinaus strömte noch nicht kontrollieren und weil er sich trotzdem zu weit hinausgewagt hatte, ergriff es nun Besitz von ihm. Holon hingegen, schien alles nicht sonderlich tragisch zu sehen. Die Meinungsverschiedenheiten waren unverkennbar. Seine Gedanken wanderten zu Timm und er merkte, dass er es ihm nicht einmal leid tat. Der Junge hatte keine Ahnung, was Rak durchgemacht hatte und war schlicht und ergreifend neidisch. Niemals würde er zulassen, dass jemand schlecht über seine Eltern sprach, das war das Mindeste, das er ihnen schuldig war, wenn er schon die Schuld an ihrem Schicksal trug. Doch was machte das aus ihm, wenn es ihn kalt ließ, einen anderen Menschen böse verletzt zu haben? Ein wenig schämte sich Rak für seine Wut. War er vor nicht allzu langer Zeit nicht selbst neidisch auf andere gewesen, die bessere Voraussetzungen hatten, als er? „Nein!“, sagte er sich im Versuch den Kreisel der Gedanken zu unterbrechen. Das war etwas anderes gewesen. Der Junge ließ den Blick auf das Gemäuer schweifen. In dem Moment in der Waschküche hatte sich etwas in ihm verändert. Selbst jetzt aus der Ferne konnte er die Struktur der Steine auf seinen Händen spüren, ihren Kontakt zur Erde und eben auch all die Geräusche hören. Es war, als wäre die Verbindung zwischen ihm und dem Element in dem Augenblick eingerastet, in dem die Wandstücke seiner Wut gefolgt und auf Timm geflogen waren. Rak rieb die Finger aneinander. Schwach regte sich noch die Furcht in ihm, von seiner eigenen Macht beherrscht zu werden, doch sie wurde bereits von etwas anderem verdrängt. Stolz.

Noch am selben Abend begann Raks Strafe, doch eigentlich war er ganz froh darum, da er dadurch das gemeinsame Abendessen verpasste und den Moment, in dem er den anderen gegenüber treten musste, noch vertagen konnte. Selbst den bissigen Geruch des Pferdestalls, den er nun tagtäglich ausmisten musste, stellte er sich angenehmer vor, als die Blicke seiner Mitschüler und vor allem die Gegenwart von Timm, falls er sein Zimmer schon verlassen konnte. Rak hätte gerne noch mit Holon gesprochen, doch es hatte keine Möglichkeit gegeben und der Mann hatte Rak seither auch nicht aufgesucht. Verwundern tat das den Jungen nicht. Holon war nicht der fürsorgliche Typ, auch wenn er ihn vor Meister Lanon verteidigt hatte.
Ein weiterer Vorteil seiner Strafe, so stellte sich ein paar Tage später heraus, war, dass Rak einen guten Überblick hatte, wer aus und ein ging. Die Pferde wechselten fast täglich. Es gab große, stolze Schlachtrösser und kleine rundliche Packtiere und jedes einzelne trug mit einer Ladung dampfender Äpfel dazu bei, dass er nicht arbeitslos wurde. Rak machte es sich zum Spiel zu raten, wie viele Boxen besetzt waren, bevor er den Stall betrat. Als er dann eines Tages den grauen Riesen von Sir Kartoff entdeckte, war er sofort aufgeregt und freute sich darauf, den Ritter wieder zu sehen. Gut gelaunt schnappte er sich die Mistgabel und ging in Richtung des Hengstes, der ihn mit seinen kleinen schwarzen Augen musterte.
„Ich an deiner Stelle, würde nicht dort hinein gehen.“ Die Stimme klang tief und grollend, wie ein Erdrutsch. „Er kann ungemütlich werden.“ Mit klirrender Rüstung überbrückte Sir Kartoff die Meter zwischen dem Eingangstor und dem Jungen. Rak konnte ihn nur anstarren. Das war das erste Mal, dass er die Stimme des Ritters hörte. Der große Mann griff die Zügel des riesigen Tieres und führte es aus der Box hinaus. Mit einer Geste bedeutete er Rak, dass er nun sauber machen konnte. „Reist Ihr schon wieder ab?“, fand der Junge seine Stimme wieder. Zur Antworte schüttelte Kartoff bloß den Kopf und blieb mit dem Ross an Ort und Stelle stehen. Zögernd begann Rak die Box auszumisten. Es kam ihm komisch vor, dass der Hüne ihn schweigend dabei beobachte. Als er fertig war, nahm Rak seinen ganzen Mut zusammen. „Ich wollte noch sagen… danke“, stammelte er. „D-dass Ihr über mich gewacht habt.“ Der Ritter führte das Pferd zurück und klopfte ihm hart auf die Flanke. „Ich tue, was man mir aufträgt, Junge“, grollte er und verließ ohne ein weiteres Wort oder einen weiteren Blick den Stall. Ehrfürchtig blickte Rak ihm nach und fragte sich, warum Sir Kartoff gekommen war. Lächeln stellte er sich vor, dass es seinetwegen war.

Auf dem Weg zu den Waschräumen, kam Stanna ihm nachgerannt. Das Mädchen war seit dem Vorfall die einzige, die Kontakt zu ihm suchte und mit ihm sprach. Alle andern stellten sofort die Gespräche ein, wenn er den Raum betrat oder begannen zu tuscheln und warfen ihm argwöhnische Blicke zu. In Timms Zügen saß blanker Hass, doch Rak vermutete, dass er ihn fürchtete und deshalb nicht wagte, auf Konfrontation zu gehen. In den Unterrichtsstunden bemühte er sich, nur das zu tun, was Meister Lanon und die anderen Lehrer ihnen auftrugen, auch wenn jede Übung ihn unterforderte und langweilte. Die anderen machten nur langsam Fortschritte. Mehr freute sich Rak auf die freie Zeit, in der er heimlich selbst übte.
„Rak!“, rief Stanna, als sie ihn fast erreicht hatte. „Meister Brannes möchte dich sehen. Du sollst in sein Studierzimmer kommen, wenn du fertig bist.“ Sie lächelte ihn an. „Alles in Ordnung?“
Rak nickte. „Ja, alles wunderbar.“ Unsicher sah er sie an, da sie keine Anstalten machte, gleich wieder zu gehen. „Du, äh, du hast heute gut geübt“, sagte er, da er das Gefühl hatte, sie wartete darauf.
„Oh, danke!“, rief sie aus. „Es war das erste Mal, dass ich etwas gehört habe. Ein wunderbares Gefühl.“ Unangenehmes Schweigen folgte. „Also gut“, sagte sie schließlich. „Du willst hier rein, nicht?“ Sie waren bei den Waschräumen angelangt. „Ja, ich… ich rieche noch nach Pferd.“ Stanna lachte. „Dann lasse ich dich alleine. Denk an Meister Brannes!“ Kurz fasst sie ihm an die Schulter, dann ging sie schnellen Schrittes zurück.
Auf keinen Fall würde er Holon vergessen, dafür war er viel zu aufgeregt. Er hatte den Meister seit Timms Verletzung nicht mehr gesehen. Was konnte er nun von ihm wollen?


Triborin

Seit dem Vorfall an der Grenze war nicht viel passiert. Der Dunkelelf ritt seit einigen Wochen durch das große südliche Kaiserreich und versuchte Informationen zusammen zu treiben. Wegen der Hitze, die hier auch zu dieser Jahreszeit noch allgegenwärtig war, reiste er viel in der Nacht. Weder sein Körper noch seine Kleidung waren für solch ein Klima gemacht. Die Motivation, die er bei der Trennung von Liena noch verspürt hatte, war schon lange verebbt, als ihm bewusst wurde, dass er wirklich gar keinen Anhaltspunkt für seine Suche hatte. Solterra war riesig und ein großer Teil des Landes bestand aus Wüste. Der Dunkelelf hatte sich an die Küste gekämpft, doch weniger, weil er sich dort mehr Informationen erhoffte, sondern der größeren Dichte von Städten und Ortschaften und der milderen Luft wegen. Die Südmenschen waren freundlich und großzügig und so kam er zumindest jede Nacht an ein weiches Bett und gute Verpflegung. Seine Vorstellung von Solterra war nicht falsch gewesen. Die Luft in den Orten war würzig und süß zugleich, denn überall gab es große Märkte und die Frauen waren schön. Irgendwann war der Elf schwach geworden und hatte eines der Tanzhäuser aufgesucht. Noch immer beherrschte Liena seine Gedanken. Er hatte gehofft, sich so ein wenig Ablenkung zu ermöglichen, doch selbst als die dunkle Schönheit auf ihm saß, hatte er nur ihr Gesicht gesehen. Es blieb ihm nichts übrig, als die Augen zu schließen und sich damit abzufinden.
Noch mehr nagte ihn der Gedanke an Lord Xyrius. Ob sein Herr ihm bereits jemanden hinterher geschickt hatte? Ob er noch überzeugt war, Triborin würde den Auftrag wie gewünscht erfüllen? Höchstwahrscheinlich nicht. Xyrius vertraute und schätzte nur eine einzige Person auf der Welt und das war selbst.
Seine letzte Chance war die Hauptstadt. Duwalara lag ziemlich im Osten und verfügte über eine der umfangreichsten Bibliotheken auf dem Kontinent, womöglich nur übertroffen von der der Alben. Insgeheim war man sich sogar in Lacharys einig, dass kein Volk mehr Wissen gesammelt und erhalten hatte als sie, die es in den Tiefen Salisirs verwahrten wie einen heiligen Schatz. Es gab nicht wenige auf der Welt, die alles für einen Blick hinein gegeben oder sich am besten gleich über Jahre dort eingeschlossen hätten. Unwahrscheinlich gering war hingegen die Anzahl Leute, die dieses Privileg jemals ihr Eigen nennen durften. Triborin musste sich mit den Geheimnissen Duwalaras begnügen und hoffen, dort etwas zu finden. Falls nicht, würde er mit leeren Händen nach Hause zurückkehren müssen, falls er überhaupt so weit kam. Kein Weg konnte ihn mehr nach Lacharys bringen, ohne dass Jagd auf ihn gemacht würde. Vermutlich war es gar besser, in solch einem Fall hier zu bleiben. Er könnte sich eine Frau nehmen und sesshaft werden. Sonderlich schwierig wäre das nicht, da er ein besonderes Interesse beim hiesigen weiblichen Geschlecht zu erwecken schien. Sie liebten seine helle Haut, sein Haar und vor allem die spitzen Ohren. In seinen Tagträumen war es allerdings wieder keine der ihren, die an seiner Seite auf der hauseigenen Terrasse stand und auf das Meer hinausblickte. Liena… So weit unten im Süden würde sich niemand über ihre Verbindung scheren. Auf den langen Ritten ersann er sich ihr gemeinsames Leben. Zuerst hatte er sich noch gegen die Gedanken gesträubt, doch sie erfüllten sein Herz mit Wärme und etwas anderes hatte er ohnehin nicht zu tun, sodass er ihnen schließlich freien Lauf ließ. Er stellte sich vor, wie er morgens die Augen aufschlug und Liena nur mit einem dünnen Nachthemd bekleidet am großen Fenster ihres Schlafzimmers stehen sah. Zu beiden Seiten wurden die seidenen Vorhänge in das Zimmer geweht und die Albe blickte hinaus auf das Meer, ihren Kopf wie immer stolz erhoben und aufrecht, wie eine Königin. Seine Königin… Er ließ sie den Kopf drehen und sah direkt in die grünen Augen. Das Haar fiel ihr locker über eine entblößte Schulter, sie lächelte und ging mit langsamen Schritten zurück ins Bett. Triborin spürte fast ihre schlanke Hüfte, auf die er in seiner Fantasie seine Hände legte, während sie sich über ihn beugte und ihre Lippen sich trafen, bevor sie sich erneut zärtlich und langsam liebten. Hundertfach, tausendhaft malte er sich Szenen wie diese aus und bald wurden sie zum wichtigsten Teil seines Tages. Alles, was ihn davon abhielt, machte ihn unruhig und fahrig. Der Elf ging so sehr in seinen Hirngespinsten auf, dass er, als er in der Hauptstadt angekommen war, selbst den Besuch der großen Bibliothek noch drei Tage hinauszögerte. Am Morgen des vierten Tages erwachte er mit einem besonders schweren Kopf, denn die Abende verbrachte er immer häufiger in Tavernen, um das innere Chaos zu beschwichtigen. Mit der Übelkeit kam endlich das schlechte Gewissen. Mühsam quälte er sich aus dem Bett und als er sein Spiegelbild in der Waschschüssel erblickte, erschrak er. Das Gesicht auf der Wasseroberfläche sah furchtbar aus! Wo war der stolze und kühle Elf, der in Xarchavas voller Tatendrang los geritten war? „Du bist eine Schande für Lacharys“, schalt er sich. „Reiß dich gefälligst am Riemen, du Narr!“ Sorgfältig wusch er sich, ölte sein Haar und pflegte sein Leder. Es war Zeit zu prüfen, was die Schriften Duwalaras über dieses verfluchte Vogelvolk hergaben.

Die Bibliothek befand sich in einem großen, stolzen Gebäudekomplex unweit des Kaiserpalastes und war wie die meisten Bauwerke weiß gestrichen. Zusätzlich war die Fassade überall mit vergoldeten Stuckleisten und anderen Strukturen verziert und zu skulpturhaftem Aussehen gezüchtete Palmen säumten die Wege. Am Empfang musste der Elf einige Fragen beantworten und wurde von einem stämmigen Mann mit kupferfarbener Haut und dichter Körperbehaarung durchsucht, doch anschließend gewährte man ihm Einlass. Die Stille in der großen Halle wurde nur durch das Geflüster von Papier unterbrochen, wenn jemand eine Seite umblätterte oder ein Pergament entrollte. Die Aura war so anders als in den dunklen Gewölben von Xarchavas‘ Schriftenkeller, wenn auch nicht weniger mystisch. Die Luft flirrte golden und es war warm und trocken. Man hatte Triborin eine kleine Karte mit einer groben Übersicht der Bestände gegeben. Schnell überflog er die Kategorien. Geschichte Solterras, Geschichte Orchaldors, Astronomie und Sternenforschung, Architektur und Kunst, Götter und Mythen, Märchen und Sagen und noch vielerlei mehr. Wo sollte er anfangen? In der Geschichte wühlen? Einer Sage vertrauen? Es war einerlei. Er würde viele Stunden hier verbringen müssen, zumal er sich nicht traute, jemanden nach dem Gegenstand seiner Recherche zu fragen. Lord Xyrius hütete sein Wissen über das begehrte Volk wie seinen Augapfel und verlangte dasselbe von ihm. Irgendetwas Wichtiges musste an dieser Legende hängen, etwas, dass nicht in die falschen Hände geraten durfte. Er schlenderte die Regale entlang, die historische Berichte und Chroniken führten. Der Bestand war sehr gut katalogisiert und beschriftet worden. Neugierig flog Triborins Blick über die Titel und Bereiche. Das ein oder andere Mal zog er ein Exemplar heraus. Viele waren unsagbar alt, das Pergament knisterte und roch staubig. Er erreichte die Ära der großen magischen Kriege. Xyrius, sparsam mit Information wie eh und je, hatte ihm zumindest gesagt, wo die Legenden zeitlich zugeschrieben wurden. Nach und nach durchblätterte er einige Berichte, zog einen dicken Wälzer aus den Reihen und entrollte die ein oder andere Landkarte. Leider gab es nicht viel. Solterra war kaum in die Schlachten involviert gewesen, lediglich auf Gebietserhaltung bedacht, sodass auch die Aufzeichnungen eher oberflächlich waren. Triborin fand wenig, was er nicht schon wusste. Der Überfall der Nordmänner auf Mildir, die Entwicklung zum Zweifrontenkrieg, als sein Volk die Gunst der Stunde nutzte, um frühere Gebiete von den südlichen Nachbarn zurück zu gewinnen, und schließlich der Sieg Mildirs über Norgond, nachdem die Zwerge den Alben zur Hilfe geeilt waren. Alles wurde grob umrissen, besonders hervorgehoben wurde nur Solterras Beitrag zu den Friedensverhandlungen, die man in die richtigen Bahnen gelenkt hatte, obwohl man selbst gar nicht direkt beteiligt war. In allen Berichten, die er je gelesen hatte, war die führende Rolle beim Friedensschluss den Alben zugerechnet worden. Entweder sprachen sich die Südmenschen hier mehr von den Lorbeeren zu als sie verdienten oder auch dieses Wissen war über die Jahre verwischt worden. Er wollte das Buch schon zuklappen, da erweckte etwas seine Aufmerksamkeit.
Ein Ende des Krieges war nicht abzusehen, alle Seiten verzeichneten weiterhin große Verluste und als die Streitmacht der Alben ihrer stärksten Waffe beraubt wurde und der Himmel wieder sicher war, glich es einem Einschreiten der Götter persönlich und die Gunst der Stunde war da, um endlich die Waffen nieder zu legen und Frieden zu schließen. Doch war es der große Kaiser Ephrasian, der sie zur Vernunft bewegen musste…
Und so führte der Text die Rolle der Südmenschen fort, während Triborins Augen weiterhin dem vorherigen Satz anhafteten. … und der Himmel wieder sicher war… ihrer stärksten Waffe beraubt … War dieses Vogelvolk womöglich ein Teil der Alben gewesen? Den Kopf schüttelnd kniff er die Augen zusammen. Die stärkste Waffe im schlimmsten und grausamsten Krieg, den die Geschichtsschreibung hergab, konnte doch unmöglich in Vergessenheit geraten sein. Selbst wenn jemand gewollt hätte, dass sie in der Versenkung verschwanden, es war ein Ding der Unmöglichkeit. Die Menschen aus West und Nord mochten keine großen Geschichtenschreiber sein, doch mit Sicherheit gab es auch hier Mythen im Volksmund und spätestens in Lacharys und Mildir musste es Informationen darüber geben. Ein Elf vergaß ebenso wenig die Verbrechen eines Alben wie umgekehrt. Er dachte an Xyrius‘ private Aufzeichnungen. Warum hatte man diesen Teil der Geschichte weggesperrt, hatte zugelassen, dass er wirklich zu Mythen und Legenden wurde? Das Buch konnte ihm dabei nicht weiter helfen und er stellte es zurück. Womöglich hatte er in dem Drang unbedingt etwas über das Vogelvolk zu finden zu viel hinein interpretiert und der Text sprach gar von etwas gänzlich anderem.
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#19

Beitragvon Jaro Ballivòr » So 26. Nov 2017, 22:37

Triborin

Triborin schlenderte durch Duwalaras Straßen. Sein Kopf rauchte und er hatte frische Luft gebraucht und deshalb beschlossen die Suche für den heutigen Tag zu beenden. Er konnte jederzeit wieder kommen, da machte es keinen Sinn, sich nun noch weiter zu mühen. Die Anzahl der Bücher und Schriften, die er aus den Regalen gezogen hatte, hatte er längst nicht mehr verfolgt gehabt und weitere Hinweise waren nicht darunter gewesen. Auch in anderen Bereichen, wie dem der Sagen und Mythen hatte er nichts Handfestes finden können. In Solterra schien sich der Volksmund hauptsächlich mit Sandgnomen und Windgeistern, vergrabenen Schätzen und entlegenen Inseln mitten im Meer zu beschäftigen. Viele der Geschichten ließen die Vermutung zu, dass die Welt nördlich der großen Ebene des Landes endete. Der Elf kam ins Grübeln. Was, wenn er hier wirklich zu weit im Süden suchte? Der Blick der Alben mochte sich nach Süden richten, ja, doch wie weit? Sein Fund bei der Steinformation der trauernden Frau kam ihm in den Sinn. Auch dies war ein südlicher Ort, wenn man ihn relativ sah, es war der äußerste Süden von Mildir. Und letztlich war dies die erste und einzige Entdeckung gewesen, die direkt mit dem vergessenen Volk zu tun hatte. Seine heutige Recherche hatte den Verdacht nahegelegt, dass das Vogelvolk ein Teil des albischen Heeres gewesen und dass es von einem auf den anderen Tag verschwunden war. All das hatte während der magischen Kriege stattgefunden, die das Ende der Magieformen in Orchaldor besiegelt hatten, ein Krieg, in den die Südmenschen nicht involviert gewesen waren. „Ich bin am falschen Ort“, schoss es ihm durch den Kopf. War Xyrius‘ Misstrauen und seine Abneigung gegen die Alben am Ende so groß, dass er für diese Möglichkeit blind gewesen war? „Wenn ich doch nur wüsste, was er weiß“, dachte Triborin. Konnte es wirklich sein, dass die Aufzeichnungen der Dunkelelfen unerwähnt ließen, dass das Vogelvolk zu den Alben gehört hatte? Der Elf grinste gequält. Wenn einem nicht mal der eigenen Auftraggeber alles sagte, wie konnte man das dann von einer mysteriösen Albe erwarten. Seine Gedanken waren wieder bei Liena gelandet, wie sie es immer taten, egal, was ihm zuvor durch den Kopf gegangen war. Ob sie gewusst hätte, war zu tun war? Ob sie womöglich schon alle Informationen hatte? Als Tochter des Lords war es durchaus möglich, dass sie Zugang zu Salisirs Bibliothek hatte. Die Grübelei strengte Triborin an und er war dankbar, dass seine Füße ihn zu seiner Unterkunft getragen hatten, vor der er sich unvermittelt wieder fand. Trotz der heutigen Bewölkung begann die Wärme ihm zuzusetzen, eine kleine Ruhepause wäre nicht schlecht. Er ging auf die Eingangstüre zu, da löste sich eine Person, die zuvor an der Hauswand gelehnt hatte, aus ihrer Starre und ging auf ihn zu. Möglicherweise lag es daran, dass sie ihn in seinen Gedanken ohnehin ständig begleitet hatte, dass das Erstaunen nicht sofort einsetzte und er sie zunächst einen Augenblick ansah, als sei es das Normalste auf der Welt, dass sie hier auf ihn wartete. „Was treibt ein Elf so weit im Süden?“, fragte Liena. Wider seinen Willen breitete sich Freude in Triborin aus und er kämpfte den Drang nieder, die Frau in seine Arme zu schließen. Er durfte nicht so schwach sein! Viel wichtiger war doch zu wissen, wie sie ihn erneut gefunden hatte und warum sie ihn noch immer verfolgte. „Ich sehnte mich nach einem wärmeren Klima“, scherzte er, „doch auch Alben sieht man hier nicht oft.“ Die Frau erwiderte sein Lächeln, doch er erkannte die Kälte in ihrem Blick. Es war nicht echt. „Ich verfolge die Spur eines Mörders“, sagte sie ernst. Triborin atmete hörbar aus. „Liena, ich…“
Nennt mich nicht so! Die richtige Anrede ist Mylady oder Euer Hoheit.“ Sie versuchte es zu verbergen, doch er bemerkte das Zittern in ihrer Stimme, sah die leichten Rötungen auf ihren Wangen. Liena war wütend und aufgewühlt. Letztlich hatte er ihr also doch eine Gefühlsregung entlocken können. „Ich bin weder Euch noch Eurem Lord zur Treue verpflichtet. Ich bin kein Untergebener.“
„Wieso habt Ihr Euch mir widersetzt? Wieso konntet Ihr nicht abwarten, bis es so weit war?“ Ohne Umschweife kam sie auf den Moment ihrer Trennung zu sprechen. „Ich bin kein Untergebener! Wie kann ich mich da widersetzen? Was hattet Ihr überhaupt vor? Wir waren kurz davor entdeckt zu werden.“ Triborin blickte ihr direkt in die Augen und versuchte darin zu lesen. Ihr Ausdruck und ihre Worte waren wütend, doch die Augen passten nicht dazu. Er meinte dort eine tiefe Traurigkeit zu erkennen. „Können wir woanders sprechen?“, fragte die Frau und er nickte, führte sie in sein Zimmer. Als er die Türe aufsperrte, fielen ihm die leeren Weinflaschen wieder ein und er versuchte sie unauffällig zu verstecken, während Liena ans Fenster ging und hinaus spähte. „Das ist eine schöne Unterkunft. Führt Ihr so viel Geld mit Euch?“ Sie drehte sich um und hastig schob Triborin die letzte Flasche unter das Bett. Liena zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. „Die Preise sind nicht sonderlich hoch“, sagte er. Der Wunsch nach Antworten war bereits am Abklingen. Wochenlang hatte er es sich ausgemalt, nun stand sie tatsächlich am Fenster seines Zimmers. Der Drang sich an sich zu ziehen war überwältigend. „Ihr habt drei gute Männer auf dem Gewissen“, sagte Liena. „Wisst Ihr, dass das ausreicht, um Lacharys den Krieg zu erklären?“
„Was – und all die armen Westmänner sind es nicht?“, gab Triborin zurück. Vorwurfsvoll sah sie ihn an. Natürlich wussten sie beide, dass Vesperion sich niemals alleine trauen würde, einen Angriff zu starten und dass sie sich ebenso scheuten, Mildir ohne handfeste Beweise um Beistand zu ersuchen. Dass die Alben aber keine großen Gründe brauchten, um einen Konflikt mit den Dunkelelfen vom Zaun zu brechen, das wollte Triborin Liena zu gern vorhalten. So gern er sie hatte, nie würde er die Arroganz ihres Volkes vergessen und deren Selbstverständnis der eigenen Vorherrschaft. „Und ist der Angriff auf meine Heimat bereits erfolgt?“
„Nein. Obwohl sich schon ein jeder fragt, was ihr dort oben im Norden treibt. Euer Lord ignoriert den Aufruf zur Ratssitzung und schickt stattdessen einen törichten Mörder in die Welt hinaus?“ Triborin konnte nicht umhin, sie zu bewundern, selbst in dem Moment, in dem sie ihn bis aufs Mark beleidigte. Diese Beherrschtheit, die sie ausstrahlte, und ihre selbstsichere, ja fast ein wenig arrogante Art zu sprechen, da sie sich allem Anschein nach auf einen umfassenden Wissensstand stützen konnte, fachten seine Zuneigung ironischerweise nur noch mehr an. „Sieh an, nach Wochen, nein gar schon Monaten kommen wir doch auf das Wesentliche zu sprechen“, sagte er und grinste. Nie hatte er angezweifelt, dass sie damals zufällig in Kaachor war. Alles musste mit Xyrius‘ bewusstem Fernbleiben bei der Ratssitzung zu tun haben. „Doch wieso gab es diese Ratssitzung überhaupt? Die Einberufung war absolut willkürlich. Ist es wirklich der Norden, der die Konflikte vorantreibt? Ihr sitzt an der Quelle, Eure Hoheit, was bezweckt Euer ehrenwerter Vater wirklich?“ Er sah wie sie seines Sarkasmus‘ wegen die Lippen kräuselte. „Lasst mich raten“, setzte er nach, bevor die Albe sich eine Antwort zurechtgelegt hatte. „Es ist die Magie, die Ihr fürchtet. Wie Ihr es schon immer getan habt. Feuer, Tod und Sturm, nichts vermag einem Alben die Fassung zu rauben, doch das kleinste Anzeichen von magischem Wirken lässt Euch in Panik verfallen.“ Es war ihm erst mit der Zeit gekommen, als die Ereignisse sich langsam gesetzt hatten. Die an einen Bürgerkrieg anmutenden Verhältnisse in Vesperion und die wenigen Aussagen, die er dort aufgeschnappt hatte, ließen eigentlich keinen anderen Schluss zu. Sinklar musste fürchten, dass die alten Magieformen sich von Neuem regten und er versuchte sie im Keim zu unterdrücken. Dass er Liena dies nun an den Kopf warf, war einer spontanen Regung geschuldet. Er hatte das erste Mal das Gefühl, dass sie angreifbar war, dass er ihr womöglich etwas entlocken konnte. Hinzu kam, dass ihm die Auseinandersetzung mit ihr auf seltsame Art und Weise gefiel. Er begehrte sie und dagegen anzukämpfen war er leid. Was hatte er noch zu verlieren? Vielleicht konnte er sie durch seine Stichelei und indem er ihr zeigte, dass auch er mit einer guten Auffassungsgabe und dem nötigen Bisschen Intellekt gesegnet war, in eine Position bringen, die ihm erlaubte, sie endlich zu durchschauen. „Für einen Dunkelelfen seid Ihr gar nicht so dumm“, sagte Liena schließlich. „Und doch seid Ihr mit allem was Ihr sagt immer auf der Suche nach Konflikten, nach Kriegstreiberei. Ist Euch je in den Sinn gekommen, dass Frieden zu erhalten auch drastische Maßnahmen erfordern kann?“
„Dann kann man aber doch kaum mehr von Frieden sprechen“, sagte Triborin. Lange sahen sie sich in die Augen und schwiegen. Die aufgeladene Atmosphäre entspannte sich langsam „Warum musstet Ihr die Männer an der Grenze niederstrecken?“, sagte Liena schließlich leise. „Das war dumm.“
„Ich konnte Euch nicht vertrauen. Ihr habt mir von Anfang an zu wenig gesagt.“ Seine Stimme war sanfter. Er ging einen Schritt auf sie zu und instinktiv wich die Frau zurück. Ganz kurz blitzte Erstaunen in ihrem Gesicht auf, als wäre ihr Handeln vollkommen unwillkürlich geschehen. Triborin nahm all seinen Mut zusammen und überbrückte fest entschlossen die kurze Distanz zu ihr. Wenn er alles zusammen nahm, ihr Handeln, die Worte von Ralir und das, was ihm ihre Augen verrieten, war er nicht der einzige, der mit einer verbotenen Zuneigung zu kämpfen hatte. Sie versteifte sich, als er dicht vor ihr stehen blieb, doch wich nicht zurück. Sanft legte er ihr die Hände auf die Hüften und zog sie ganz an sich heran. Er war ein gutes Stück größer als er und sie musste zu ihm aufblicken. Noch immer haftete ihren Augen diese tiefe Traurigkeit an, die er darin zu erkennen meinte. Die Zeit schien still zu stehen, der Raum um sie herum, sich in Luft aufzulösen, als der gemeinsame Gedanke zwischen ihnen Form annahm. Zu lange waren sie in der Position verharrt, zu auffällig hatten sie auf den Mund des anderen geblickt und zu deutlich die Lippen leicht geöffnet, als dass noch ein Zweifel an ihrem geteilten Wunsch bestehen konnte. Als Liena dann endlich ihre Hände an seine Wangen legte, seinen Kopf ein Stück hinunter zog und ihre Lippen zu einander fanden, entlud sich die ganze Spannung in Triborin und er zog sie fest an sich, steckte die ganze Leidenschaft, die ihn seit ihrer Trennung verfolgt hatte in den Kuss und wünschte sich, er müsse sie nie wieder loslassen.
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#20

Beitragvon Jaro Ballivòr » Di 19. Dez 2017, 21:44

Einschub vor das zuletzt gepostete Triborin-Kapitel


Linu

„Könnt Ihr mir dieses Denkmal zeigen?“, fragte Halldor und sah sie auffordernd an. Linu vermochte den Mann noch nicht richtig einzuschätzen. Stets versuchte er freundlich und zuvorkommend zu sein und lächelte häufig, machte kleine Scherze, doch mehr und mehr beschlich die junge Aviare das Gefühl, dass das nicht echt war. Immer wieder blitzte Kälte in seinem Blick auf und eine Dringlichkeit stahl sich in seine Stimme, die ihn berechnend erscheinen ließ. Ihre Gedanken wanderten zum ersten gemeinsamen Morgen, als er instinktiv seine Waffe hatte greifen wollen. Sie würde vorsichtig sein.
Das Denkmal würden sie ihm auf jeden Fall zeigen. Nicht nur, dass es keinen offensichtlichen Grund gab, es nicht zu tun, vielleicht konnte Halldor auch ihren Kenntnisstand erweitern. Bislang wussten sie nur, dass es früher Krieger in ihren Reihen gegeben hatte, dass sie nicht von hier kamen und dass viele Aviare bei der Übersiedlung ihr Leben gelassen hatte. Durch den Alben hatten sie etwas über das ferne Land erfahren, doch warum sie damals die gefährliche Reise auf sich genommen und ein neues Zuhause gesucht hatten, lag weiter im Dunkeln. Linu ließ die Gedanken schweifen, während sie sich an den Aufstieg machten. Plötzlich fiel ihr etwas ein. „Halldor, darf ich etwas fragen?“ Der Mann nickte. „Gibt es in Eurer Heimat keine Aviare? Ihr sagtet, dass Ihr den Namen nicht kennt, als wir uns trafen.“ Seine grünlichen Augen musterten sie. „Nein, nicht dass ich wüsste. Noch nie habe ich einen der Euren gesehen, ja ich habe noch nicht einmal von Euch gehört. Mir fällt kein Märchen, keine Geschichte ein, die von einem Aviaren handelt.“ Linu nickte. Das musste bedeuten, dass damals ihre gesamte Sippe aufgebrochen war oder nur so wenige zurück geblieben waren, dass sie schließlich ausgestorben waren. „Oder umgebracht wurden“, fuhr es ihr in den Kopf. Was konnte ein gesamtes Volk dazu bringen, seine Heimat zu verlassen, wenn nicht die Angst vor Verfolgung oder gar einer vollkommenen Auslöschung? Sie riss die Augen auf. Wieso war ihr dieser Gedanke zuvor nie gekommen? Sie musste mit Gemby und Taal darüber sprechen und sie wollte nicht, das Halldor es hörte. Womöglich war er geschickt worden, um das Werk zu vollenden? War sein Gedächtnisschwund das einzige, das sie am Leben hielt? Sie spürte Halldors Blick. Dieses Mal war es an ihm, jemanden mit zusammengekniffenen Augen abzuschätzen. Schnell lächelte sie. „Das ist erstaunlich, nicht?“, sagte sie nervös. „Als hätte man uns komplett vergessen, wenn wir tatsächlich auch einmal dort gelebt haben.“
„Erstaunlich, ja“, murmelte er, doch seine Augen bohrten sich weiter in das Mädchen. Linu ärgerte sich über ihre auffällige Reaktion. Er wusste, dass ihr ein Gedanke gekommen war.

Ausführlich untersuchte Halldor das Denkmal, fuhr mit dem Finger darüber und legte sich das ein oder andere Mal die Hand auf das Kinn, tief in Gedanken versunken. Keiner wagte ihn zu unterbrechen und so nahm Linu nach einiger Zeit die Umgebung in Augenschein, um auch etwas zu tun zu haben. Im Gegensatz zu ihrem letzten Besuch, erstreckte sich heute ein strahlend blauer Himmel über ihnen und der Blick war frei bis zum Meer und den fernen Grasebenen. Das Mädchen erklomm einen kleinen Felsen am Rande des Plateaus und blickte nach Norden. Wasser über Wasser, mehr gab es nicht zu sehen, bis Himmel und Meer schließlich zueinander fanden und die dünne Linie des Horizontes bildeten. Die Sonne schien hell auf das Gestein hinab und an manchen Stellen glitzerte es regelrecht. Langsam ging Linu ein bisschen auf und ab und suchte den Boden nach besonders schönen Stellen ab, als sie plötzlich etwas entdeckte. Sie ging in die Hocke. Auf einer ungewöhnlich ebenen Steinplatte waren zarte Linien zu erkennen, die vielleicht vor langer Zeit einmal tief gewesen waren, bis Wind und Wetter Stück für Stück das Material abgetragen hatten. Vor Ehrfrucht stockte Linu der Atem. Es war Schrift. Auch hier war vieles unleserlich, doch es gelang ihr ein paar Zeilen zu entziffern. Das waren nicht bloß irgendwelche Wörter, es war ein Gebet. Mit einem kurzen Blick vergewisserte sich Linu, dass Halldor noch an dem Denkmal zugange war und sah, dass er in eine Diskussion mit Gemby vertieft war, während Taal sich zum Sockel der Statue hinab gebeugt hatte.

An Isikos Grab, ehrenwerter Ralon
Übergebe – den Rest der Zeile konnte sie nicht erkennen,
unseres großen Leids
mögest Du, oh Herr
- die nächste Reihe war vollkommen unleserlich
endlich in Frieden leben.

In Linus Kopf hämmerte es. Sie erhob sich eilig und schritt weiter auf und ab, suchte möglichst unauffällig den Boden ab und blickte dabei immer wieder in die Ferne, um eine Ausrede für ihr Tun zu haben. Also war dies nicht bloß ein Denkmal, dies war der Ort, an dem man Isikos Asche in die ewigen Himmel geleitet hatte. Er musste ein großer Mann gewesen sein, dass man sich die Mühe gemacht hatte, hier hinauf zu gehen und ihn näher an Ralons Reich zu bringen. Doch nicht nur Körper und Geist des Kriegers hatte man in die Hände des Gottes gegeben. Um hundert prozentig sicher zu sein, war nicht genug erhalten, doch Linu meinte trotzdem zu wissen, um was es sich handelte. Hier oben hatte ein Aviare vor langer Zeit das Wissen um die eigene Vergangenheit begraben, um seinem Volk Frieden zu schenken.
„Ich würde gerne mit Eurem Lord sprechen“, sagte Halldor unvermittelt. „Ist das möglich?“
Linu sah auf und sprang eilig vom Felsen, um sich zu den anderen zu gesellen. „Bei uns gibt es keinen Lord“, sagte Taal. „Es gibt nur den Dorfrat.“
„Und hat der das Sagen?“
„Gewissermaßen. Er entscheidet, welche Felder bestellt werden und was angepflanzt wird, wo ein Brunnen ausgehoben wird und wie viel Holz wir schlagen sollen.“
Linu musterte Halldor. „An was habt Ihr Euch erinnert?“, fragte sie mit zusammen gekniffenen Augen, doch der Mann überging sie.
„Dann möchte ich zu diesem Rat gebracht werden, sofern Euch das möglich ist.“
„Jetzt sofort?“, fragte Taal etwas überrumpelt. „Wir werden mehrere Tage brauchen.“
„Dann sollten wir nicht zu lange warten, bis wir aufbrechen.“
„Bevor Ihr uns nicht sagt, was Ihr herausgefunden habt und warum Ihr zum Dorfrat wollt, werden wir gar nichts tun!“ Überrascht stellte Linu fest, dass es ihre Stimme war, die bestimmt und stark ertönte.
Halldors Kopf schwang herum und einen kurzen Augenblick stand ihm der Zorn ins Gesicht geschrieben, bevor es ihm gelang eine gelassene Miene aufzusetzen. „Natürlich“, sagte er, neigte leicht das Haupt in Linus Richtung, und bedeutete allen, sich zu setzen. „Ich habe mich an Euer Volk erinnert oder besser: an das, was mein Lord mir berichtet hat. Meinen Auftrag habe ich von ihm persönlich erhalten, das ist ungewöhnlich. Es muss ihm ein äußerst wichtiges Anliegen sein. Und vielleicht hat mich aus diesem Grund auch jemand aus seiner hohen Familie begleitet, wegen der Dringlichkeit des Auftrages. Wer das war, davon fehlt mir noch immer jede Kenntnis…“ Einen Moment lang hielt er inne und sah zu Boden. Das Verhältnis von Halldor zu dieser Lordfamilie erschien Linu zusehends wie eine Vergötterung. Sie verstand nicht viel von Herrschern und hohen Leuten wie diesen. Das gab es hier nicht und Linu fragte sich auch, warum es nötig war. Das Miteinander, mit dem in ihrem Dorf und den umliegenden wichtige Fragen geklärt wurden, funktionierte wunderbar und die einzige Person, die über allem stand und verehrt und beschenkt wurde war Ralon, ihr Gott. Dieser Lord musste ein sehr mächtiger Mann sein.
„Doch ich weiß nun wieder um Euch“, griff Halldor seinen Faden auf. „Tatsächlich seid Ihr vor vielen, vielen Jahren von Orchaldor verschwunden und lange war nicht klar wohin. Meinem Lord ist es nun gelungen, das herauszufinden und deshalb bin ich hier. Wusstet Ihr, dass Ihr einst eine Kriegerelite wart?“ Er wies aus Isiko. „Wie dieser Mann. Gewaltig, loyal und stark.“ Kurz blickte Linu zu Taal und Gemby. Vor ein paar Wochen hätte sie vermutlich noch alles angezweifelt, was dieser Fremde da erzählte, doch nun fügte sich alles nahtlos in ihrer eigenen Funde. „Krieger? Warum?“, fragte sie leise. „Es hat früher viel Krieg gegeben. Und Ihr wart schon seit je her ein Teil unserer Streitkräfte, unsere Geheimwaffe. Im Gegenzug gaben wir Euch einen zurückgezogenen Ort zum Leben, wo Ihr Euch vor der Welt verstecken konntet.“
„Wieso?“, hakte Linu nach. „Ihr bevorzugtet es, abgeschieden und versteckt zu leben. Nur wenige Fremde haben Euch zu Gesicht bekommen und wenn, dann war es oft das letzte, das sie sahen.“ Ein freudloses Lächeln breitete sich auf Halldors Gesicht aus. Auch die Information über die Abgeschiedenheit fügte sich wundersam in das große Ganze. Nicht nur ihr eigener Vater war sehr bedacht auf Sicherheit gewesen und misstrauisch gegenüber allem, was jenseits des eigenen Dorfes lag. Es war gewissermaßen eine Charaktereigenschaft ihres Volkes. „Mich ausgeschlossen“, dachte Linu, als sich Taal zu Wort meldete. „Aber was ist dann passiert? Warum haben wir diese Heimat aufgegeben?“ Halldor blickte sie ernst an. „Man hat Euch betrogen."


Rak

Rak fand Holon am Schreibtisch sitzend. Als die Türe ins Schloss fiel, sah der Mann auf und lächelte. „Rak! Schön, dass du kommst. Wie kommst du mit dem Üben voran?“ Rak öffnete den Mund, aber stockte dann. „Komm schon, Rak“, sagte Holon. „Denkst du, du bist der einzige, dem unser liebes Gemäuer Informationen liefert?“
„Du kannst durch die Wände sehen?“, fragte Rak erstaunt. Holon lachte. „Natürlich nicht, aber fühlen. Hast du im Unterricht etwa nicht aufgepasst? Die Grundlage der Elementarmagie ist doch, sich die Bilder zu erfühlen.“ Machte sich der Mann lustig über ihn oder nahm er den Unterricht aufs Korn? Rak entschied sich, es nicht zu kommentieren. „Du wolltest mich sehen?“, sagte er stattdessen. „Ja. Wie ergeht es dir mit deiner Strafe?“
„Ganz gut. Ich bin gern allein.“ Rak sah sich im Raum um. Bis auf den großen Holzschreibtisch gab es nur zwei kleine Regale mit in Leder gebundenen Büchern und Stapeln loser Zettel.
„Du kannst nicht auf ewig den Kontakt zu allen andern scheuen. Ein Einzelgänger hat es nicht leicht.“
„Aber ich mag die anderen nicht.“ Wieder brachte er Holon zum Lachen. „Es wird der Tag kommen, da wirst du eine Freundschaft noch wertschätzen. Aber ich wollte dich nicht sehen, um über solche Dinge zu sprechen. Setz dich bitte.“ Er wies auf den Stuhl vor dem Tisch. „Ab morgen wirst du nicht mehr abends im Stall arbeiten. Stattdessen kommst du zu mir. Es wurde beschlossen, dass ich dich zusätzlich zu den normalen Stunden unterrichte.“
Ein Grinsen stahl sich auf Raks Gesicht, ohne, dass er es hätte verhindern können. „Von wem wurde es beschlossen?“, fragte er. Kaum konnte er sich vorstellen, dass Meister Lanon und die anderen auf einmal ihre Meinung geändert hatten.
„Das soll dir egal sein. Und ich möchte auch nicht, dass du mit den anderen darüber sprichst.“
„Werden sie es nicht sowieso wissen?“ Mit Sicherheit waren die Fähigkeiten der anderen Meister ebenso ausreichend, um solche Dinger herauszufinden.
„Natürlich, Rak. Aber es ist nicht deine Aufgabe, das zu klären und die anderen Schüler sollen nicht wissen, dass du eine Sonderbehandlung erhältst. Das streut nur böses Blut.“
„Werden Meister Lanon und dieser Großmeister es denn überhaupt erlauben?“ Die anfängliche Freude wich der Sorge, dass es ebenso schnell wieder vorbei sein könnte.
„Sie müssen. Es gibt immer eine Meinung, die sticht und das soll für heute genügen. Geh zu Bett.“
„Hat es mit der Ankunft von Sir Kartoff zu tun?“, fragte Rak neugierig.
„Wir treffen uns morgen nach Sonnenuntergang vor den Stallungen“, überging Holon die Frage und Rak wusste, dass das letzte Wort gesprochen war, zumindest für den Moment.

Der kommende Tag zog sich unendlich in die Länge. Rak war so gespannt auf den Unterricht mit Holon, dass ihm alles andere noch langweiliger und grauer erschien als sonst und als die Sonne endlich hinter den Gipfeln verschwand, eilte er sofort hinaus zum vereinbarten Treffpunkt. Der Meister traf kurz nach ihm ein. „Guten Abend, Rak, Sir Kartoff“, er nickte in Raks Richtung und ein zweites Mal leicht zur Seite. Schnell drehte der Junge den Kopf und tatsächlich kam der hünenhafte Ritter mit großen Schritten auf sie zugelaufen. Er trug keine Rüstung, hatte sein Schwert jedoch trotzdem um die Hüfte geschnallt und auch ohne das schwere Metall war seine Statur massig. „Schön, wir sind vollzählig. Lasst uns gehen.“ Holon warf sich die Kapuze seines dunklen Umhangs über den Kopf und führte sie an den Gebäuden vorbei auf einen Pfad, der tiefer ins Gebirge führte. Eine Weile gingen sie schweigend. Bis auf das Mondlicht war es bald stockfinster und als die Gebäude aus dem Blickfeld waren, entzündete Holon eine Fackel. „Keine Sorge, wir gehen nicht weit.“
Rak widerstand dem Drang, sich zu Sir Kartoff umzudrehen, dessen Blick er im Rücken zu spüren meinte. Er fragte sich, warum der Ritter sie begleitete. „Womöglich nur, um uns vor Berglöwen oder sonstigen Nachtjägern zu schützen“, dachte er. Oder konnte Holon gar fürchten, sie würden verfolgt?
Nach der nächsten Wegbiegung blieb Holon stehen. „Hier sind wir“, sagte er. Erstaunt sah Rak, dass in der kleinen Felsenbucht eine flache Holztribüne aufgebaut war, auf der ein länglicher Tisch stand. Mehrere Gegenstände waren dort drapiert. Es gab verschiedene Gesteinsbrocken, eine Holzleiste, einen kleinen eingetopften Baum und dreierlei verschieden Waffen aus Metall. „Schließ die Augen, Rak“, sagte der Meister. „Was siehst du?“
Augenblicklich baute sie die Szene um Rak herum auf. Er nahm die umliegenden Felsen, den Weg und sogar den Druck wahr, den die Holzplattform durch ihr Gewicht auf den Boden ausübte. „Ich sehe das Gebirge“, sagte der Junge, „und die Unterbrechung durch das Holzgerüst.“
„Was noch?“ Langsam tastete Rak sich weiter. „Ich spüre die Regung der Steinklumpen auf dem Tisch… und daneben… daneben ist Leben.“ Er drehte den Kopf. „Es fühlt sich warm an.“
„Sehr gut“, sagte Holon leise. „Was erkennst du noch?“
Rak strengte sich an, versuchte die gesamte Umgebung abzutasten, doch es zog ihn immer wieder zurück zu der Quelle des warmen Flusses. „Es ist der kleine Baum, oder? Ich kann sehen, wie Energie in ihm fließt.“
Holon antwortete nicht gleich, also öffnete Rak die Augen, um zu sehen, was sein Meister tat. Der Mann stand rechts neben ihm und blickte auf ihn herab. Von Sir Kartoff war nichts zu sehen. Das Licht der Fackel tauchte Holons Gesicht in rote Farbe und in seinem Ausdruck meinte Rak etwas wie Stolz zu erkennen, Staunen und vielleicht sogar ein wenig Furcht. „Verstehst du, wozu diese Übung gut war?“ Der Junge nickte. „Du wolltest testen, ob ich ebenso das Holz und das Metall erspüren kann.“ Ein Lächeln huschte über Holons Gesicht. „Exakt.“
„Werden alle Schüler auf diese Weise getestet?“, fragte Rak, obwohl er die Antwort schon kannte. „Dieser Test ist soweit ich weiß seit hunderten von Jahren nicht mehr durchgeführt worden. Und du darfst niemandem davon erzählen. Es ist streng verboten.“
„Warum ist er verboten?“ Deshalb hatte sie der Ritter also begleitet. „Aus Furcht“, entgegnete Holon. „Mit Sicherheit haben Meister Lanon und die anderen euch von den Multielementaren erzählt? Gut. Doch es gibt Einiges, was nicht gelehrt wird.“ Gespannt folgte Rak Holons Worten. „Multielementarismus bedeutet vor allem eines: Macht. Und wo Macht ist, da entstehen bald Konflikte. Sie ist wie eine bösartige Krankheit, die sich langsam durch den Körper frisst und auch alle anderen im Umkreis ansteckt. Irgendwann bricht sie durch und der Mensch geht zugrunde. Multielementare strebten häufig nach der Vorherrschaft, während die anderen Elementare sie eindämmen wollten und so bekriegte man sich Jahrhunderte lang gegenseitig, bis in der Zeit der großen Schlachten schließlich alle Multielementare ausgelöscht wurden. Seither ist keiner mehr aufgetaucht und aus Angst, es käme zu neuen Konflikten, hat man auch nicht nach Kindern mit diesen Veranlagungen gesucht.“
„Und ich habe diese Veranlagungen?“
Holon lachte. „Offensichtlich!“
Grübelnd blickte Rak zu dem Tisch. „Ich habe aber nur das Bäumchen wahrgenommen. Weder das Stück Holz noch die Waffen konnte ich erspüren.“
„Das hast erst einmal nichts zu sagen. Selbstverständlich brauchst du auch dafür Übung wie beim Gestein. Diese Holzplanke wurde schon vor längerer Zeit aus ihrem Baum geschlagen. Natürlich ist es viel schwieriger, sie zu ertasten. Und was das Metall angeht, kann es durchaus sein, dass dir dafür die Veranlagung gänzlich fehlt. Wer weiß…“
Rak verstand. Deshalb war sein kläglicher Versuch, etwas im Holzfußboden zu hören, vor ein paar Wochen fehlgeschlagen. Die Bodenleisten waren viel schwächer als lebendiges Holz, das noch Kontakt zur Erde hatte. „Kannst du das Metall fühlen?“, fragte er Holon, der den Kopf schüttelte. „Ich kann nichts dergleichen und ich kenne auch niemanden, der es kann.“
„Woher weißt du dann so viel darüber?“
„Ich habe darüber gelesen und in der Schule aufgepasst.“ Er zwinkerte.
„Warum hast du den Test mit mir gemacht, obwohl er verboten ist?“
Holon seufzte. „Ich hatte befürchtet, dass du das fragst. Mit Sicherheit hast du schon gemerkt, dass nicht alle Meister der gleichen Meinung sind, wenn es um die Richtung und Geschwindigkeit der Ausbildung geht. Dieser Streit bezieht sich nicht natürlich nicht nur darauf, sondern auch auf die Stellung der Elementare in der Gesellschaft allgemein. Nun ja und ich gehöre jenen an, die der Meinung sind, wir sollten mutiger und präsenter sein, aufhören uns zu verstecken und uns den Stellenwert sichern, der uns zusteht. Dazu gehört auch, junge Talente zu finden und zu fördern.“
Alles, was Holon sagte, klang gut in Raks Ohren. Eine besondere Position inne zu haben, angesehen und gefürchtet zugleich, das stellte er sich auch geeigneter für Leute mit derartigen Fähigkeiten vor. „Warum erst jetzt?“
„Mein Herr wollte sichergehen, dass du der Richtige bist.“
Offenbar war die Frage ihm derart deutlich im Gesicht gestanden, dass er sie noch nicht einmal stellen brauchte, denn Holon schmunzelte und fügte an: „Der Multielementar auf den wir schon lange warten, mit dessen Hilfe wir endlich etwas bewegen können.“
Nun war sich Rak doch nicht mehr so sicher, ob er alles verstand oder zumindest konnte er nicht gänzlich verarbeiten, was er hörte. „In meinem Orden hat man nie daran gezweifelt, dass diese Fähigkeiten eines Tages zu uns zurück kehren“, fuhr Holon fort, seine Stimme gewichtig und entschlossen. „Dann können wir die Spielregeln in Norgond endlich neu schreiben und wenn das erst vollbracht ist, unsere Brüder und Schwestern rächen. Viel zu lange warten wir bereits darauf.“
„Ich verstehe nicht so recht…“, gab Rak zu. „Du wirst es. Und bis dahin, halte dir einfach Folgendes immer vor Augen, Rak: ist es gerecht, dass unsereins hier in dem Land, das auch wir unsere Heimat nennen, gejagt, geächtet und beim kleinsten Verdacht hingerichtet wird? Ist es gerecht, dass man in der Hauptstadt schon seit jeher lieber den fremden Alben glaubt, als uns, den eigenen Leuten? Ist es gerecht, dass Verräter auf dem Thron sitzen und ehrliche Leute mit Füßen getreten und für nichts und wieder nichts verurteilt werden? Denk an deine Eltern. Das ist nicht gerecht, ganz und gar nicht. Wenn du diese Überzeugung teilst, kannst du ein Mitglied unseres Ordens werden. Überleg es dir und bis dahin, übe fleißig. Fang gleich jetzt damit an.“
Dann drehte er ab, marschierte von der Plattform und ließ einen aufgewühlten und verwirrten Rak zurück.
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Laotse