Das Licht von Khilar - Für Horatio

  • Das Licht von Khilar

    für Horatio


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    [legend]

    Mein lieber Horatio,


    diese Briefe hältst du in deinen Händen zu einer Zeit, da ich nicht mehr anders zu dir sprechen kann als durch das geschriebene Wort. Alvashek hat gewollt, dass nach meinem Augenlicht nun auch das Lebenslicht diesen Körper verlässt, damit es aufsteigt und ich als Sonnenhund die Winde treibe, andernfalls wären diese meine letzten Worte nicht zu dir gelangt. Hätte ich noch einen Wunsch frei, so würde ich wünschen, dass unsere Heilige Flamme in deinem Herzen weiterbrennt, auch wenn der Leuchtturm in Trümmern liegt, damit sie dir Licht und Wärme ist in dieser sterbenden Welt.


    Damit du im Dunkel nicht vor deiner Zeit verloren gehst, konserviere ich einige unserer besonderen Momente auf den letzten Blättern Papier, die seit dem Verschwinden der Pflanzen noch von meinem Vater verwahrt wurden. Er wünschte, ich würde unsere Wissenschaft auf diese Weise unsterblich machen, doch mir ist es wichtiger, dass du überlebst. Diese Briefe sollen dich daran erinnern, wofür wir einst mit ganzem Herzen kämpften, und weniger an das, wogegen wir es mussten.


    Mögen diese Erinnerungen dein Leuchtturm sein, wenn du den Weg ohne mich weitergehst.


    In unsterblicher Liebe,

    Turhalo[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    erinnerst du dich an den Tag, an dem wir uns das erste Mal begegnet sind?


    Ich für weiß noch um jedes Detail und wenn ich daran zurückdenke, glaube ich fast, die schwere, schmutzige Luft erneut auf der Zunge zu schmecken. Die Winde auf Khilar sind heiß, wenn sie von Süden wehen und eisig, wenn sie von Norden her über die Insel fegen. Sie bestimmen unsere beiden Jahreszeiten: Nordwind und Südwind. Der Nordwind bringt Kälte und Schnee, der Südwind Hitze und Asche. Zwischen diesen Extremen herrschen nur wenige Tage der Stille, an denen kein einziges Lüftchen weht. Dann setzt die Asche sich nieder, die unsere gesamte Insel bedeckt und dann erscheint ein Mysterium, welches man nur noch auf Khilar kennt. Ich halte es für Alvasheks Willen, dass du genau zu dieser Zeit als Bote deines Hauses nach Schwarzfels kamst, nicht ahnend, was der Tag noch für dich bereithalten würde.


    Stolz und finster bist du bei uns einmarschiert, als würde unsere Insel schon euch gehören. Was du mit meinem Vater besprochen hast, weiß ich nicht, denn meine Aufgabe war geistlicher Natur und nicht politischer. Dies war ein Festtag, ich hatte meine weiße Robe angelegt und einen Rucksack gepackt, um eines unserer Heiligtümer aufzusuchen. Einer Eingebung folgend, beschloss ich, dich mitzunehmen, um ein Verständnis in dir zu wecken für das, was Ettainarar zerstören würde, käme es zum Krieg. Der Kampf mit Waffen und schädigender Magie war noch nie das Mittel unserer Wahl gewesen. Stattdessen appellierten wir an Herz und Verstand. Weit weg von den Kriegen der großen Häuser hatten wir gehofft, auf unserer Insel niemandem im Weg zu sein. Doch offenbar lag sie noch zu nahe und ob Vaters Worte dich hatten überzeugen können, war fraglich.


    Nachdem er mit dir gesprochen hatte, brachen wir auf. Wir beide trugen knöchellange, leichte Gewänder und stabiles Schuhwerk. Der Saum meiner weißen Robe war bis zu den Knien grau von der Asche, durch die wir gingen, du hattest mit Schwarz eine praktischere Farbe gewählt. Wir müssen gewirkt haben wie Tag und Nacht, als wir nebeneinander gingen, ich frohen Mutes und du das Misstrauen als deine ewige Bürde im Gepäck. Auf dem Rücken trug ich stattdessen einen Rucksack, auf das Mitnehmen eines Sklaven hatte ich zu deinem Unverständnis verzichtet. Ach, mein lieber Horatio, du konntest ja nicht wissen, dass es eine spirituelle Reise war, auf der wir uns befanden! Für das, was ich dir zeigen wollte, benötigte es keine Bequemlichkeit, sondern Stille. Immer steiler wurde der Pfad. Der Leuchtturm und die Stadt schienen geschrumpft zu sein und lagen winzig an der Küste. Selbst das Meer schwieg an jenem Tage und lag da wie ein glatter Spiegel. In all dem schweigenden Grau sah man nur das Licht des Leuchtturms deutlich und all die Fenster, in denen Ableger von seinem Licht jedes Haus erhellten.


    Schwarzfels im Zwielicht


    Unser Ziel war der höchste Berg der Insel, der von einer Krone aus Monolithen gesäumt wurde. Der Berg Meru, ein schlafender, nicht immer schweigender Vulkan. Doch auch er hielt heute den Atem an. Der Blick über die Insel während der Wanderung war atemberaubend. Du sahst das freilich ein wenig anders.


    »Hübsch«, sagtest du höflich an einem Aussichtspunkt, als dein Blick über den schwarzen Karst glitt, die Basaltsäulen und die Aschefelder, welche das schroffe Ödland bildeten, welches ganz Khilar ausmachte. In diesem Wort lag keine Ironie, sondern der aufrichtige Versuch, etwas Freundliches über ein Land zu sagen, indem es augenscheinlich nichts Schönes gab. Der unbeholfene Versuch der Konversation brachte mich zum Schmunzeln.


    »Dabei sind wir noch gar nicht am Ziel. Heute ist ein besonderer Tag für uns auf Khilar. Wir feiern den Wechsel der Jahreszeiten, es ist das Fest, welches heute in Schwarzfels zelebriert wird. Aber wenn ich Euch richtig einschätze, sind der Lärm und die Menschenmassen nichts, womit man Euch eine Freude bereiten könnte.«


    Du blicktest mich an, deine Augen musterten mich von Kopf bis Fuß. Scheinbar war es dir unangenehm, ertappt worden zu sein. »Ihr seid sehr vornehm gekleidet für eine Wanderung«, stelltest du fest, um von dir selbst abzulenken.


    »Für eine Wanderung mag das zutreffen«, antwortete ich dir. »Aber wie steht es um ein Opfer für den Höchsten?«


    Diesen kleinen Scherz hast du mir übel genommen. Ich wusste damals nicht, welche Sitten in deiner Heimat geherrscht haben, dass es für dich kein Spaß sein konnte, so etwas zu sagen. Um ein Haar hätte ich damit alles zunichte gemacht, die Verhandlung, die Wanderung, unsere Zukunft. Mit Samtzunge musste ich auf dich einreden, ehe ich dir endlich versichern konnte, dass nicht du das Opfer sein solltest, sondern ich alles bei mir am Leibe trug, was ich oben benötigte. Noch schlechter gelaunt als zuvor bestandest du darauf, fortan hinter mir zu gehen, um mich im Auge zu behalten. So folgten wir dem schmalen Pfad, der den Grad der steinernen Haifischfinne folgte, auf deren Gipfel der höchste Punkt der Insel lag.


    Der Krater von Meru war im Moment verschüttet und vom weißen Dampf abgesehen, der aus dem Grund stieg, erinnerte nichts daran, dass wir auf dem Gipfel eines zur Hälfte gesprengten Vulkans standen. Die turmhohen Monolithen bildeten seine Krone. In ihrer Mitte ruhte eine in den Grund eingelassene reich verzierte Schale, jener in der Spitze des Leuchtturms nicht unähnlich.


    »Mit welchem Material entfacht Ihr Eure Feuer?«, fragtest du schließlich, als du auf den Feuerplatz starrtest. Es war der erneute Versuch einer Kontaktaufnahme und ich ging gern darauf ein. Die Frage war berechtigt, denn es gab auf Khilar schon seit Jahrzehnten keine Bäume mehr.


    »Mit Waltran«, erklärte ich. »Darum brennt unser Licht stets in Feuerschalen oder Öllampen.«


    »Sind wir hier, um ein rituelles Feuer zu entfachen?«


    »Heute nicht, bitte habt noch ein wenig Geduld. Man kann nicht erzwingen, was ich Euch zeigen möchte, wir müssen warten.«


    Passivität war nicht das, was ein Ettainarar gern mochte. Du nahmst das Schicksal lieber in die eigene Hand, doch ich war dankbar, dass du mir eine Chance gabst und dich daran übtest. Wir setzten uns auf einen der vielen Steine, die wie Bänke im Inneren des Kreises lagen. Ich packte das Essen aus meinem Rucksack und gab dir davon. Es war zarter Fisch, fest eingerollt in Seetang und sanft geröstet.


    »Räucherröllchen«, erklärte ich schmunzelnd. »Eine regionale Spezialität. Es ist nicht vergiftet.«


    So etwas musste man bei dir ja dazu sagen. Eigentlich wolltest du nicht essen, aber dass dein Widerstand beim Geruch der Köstlichkeit langsam bröckelte, nahm ich als ein gutes Zeichen. Insbesondere, weil Fisch und Tang nicht zu dem gehörte, was du aus deiner Heimat gewohnt warst. Wir aßen gemeinsam und sprachen über dies und das, vermieden aber das Thema der Diplomatie. Der lange Aufstieg auf die Finne Merus hatte dich deinen Zorn gekostet und in angenehme Erschöpfung verwandelt. Der weiße, lautlose Atem des schlafenden Vulkans trug sein Übriges dazu bei.


    Nach dem Essen schlugen wir beide die Kapuzen zurück, denn wir waren ins Schwitzen geraten und auf dem Gipfel war es warm, der Stein unter uns heiß. Kein Lüftchen bewegte unser langes Haar, nicht dein schattenschwarzes noch meines, das braun war wie das Fell eines Seelöwen. Doch unser beider Augen verrieten, dass unsere Familien vielleicht einst verwandt gewesen waren, wie alle großen Häuser, denn sie leuchteten blau. Über uns begannen die schweren, unbewegten Wolken langsam in Bewegung zu kommen. Ein zähes Kreisen um einen Punkt, der sich genau über uns befand.


    »Gleich ist es so weit«, sprach ich, während ich den Himmel beobachtete.


    Ich erhob mich, als es intensiver wurde, und mit gemessenem Schritt folgte ich dem Innenkreis der Steinbänke in gleicher Richtung wie die Wolken zogen Als ich dem Rund einmal gefolgt war, reckte ich dir meine Hand entgegen, damit du dich mir anschlossest. Skeptisch ob der Geste war ein Zögern zu spüren, bevor du - vermutlich aus reiner Höflichkeit - deine Finger um meine legtest und ich dich in unseren heiligen Zirkel führen konnte. Es bedurfte eines Lichtbringers, um jemanden in den Zirkel einzuladen, alles andere wäre Frevel gewesen, und so habe ich es getan, ohne dir zu sagen, dass nie zuvor einem Fremden diese Ehre erwiesen worden war. Verstehen brauchtest du es zu diesem Zeitpunkt nicht, an deinem scharfen, doch in engen Bahnen kreisenden Verstand war schon mein Vater gescheitert und ich versuchte mich nun an deinem Herzen. Ich glaubte daran, dass es größer war, als du zeigen mochtest. Wichtig war, dass du nun bei mir warst, als das Ritual begann. Gemeinsam folgten wir dem Zyklus, Runde um Runde, die Steine erzählten mit jedem Passieren ihre Geschichte vom Werden und Vergehen, die du nicht kanntest, doch jetzt war nicht der Zeitpunkt, sie dir zu erzählen.


    Ein kaum hörbares Brummen störte alsbald die Stille. Die Richtung war nicht zu orten, doch ich kannte sie. Die aufgerichteten Steinwesen besaßen jeder ein geschnitztes Gesicht und dort, wo ihre Münder waren, klaffte ein Loch im Stein. Als der Nordwind erwachte und mit jeder Runde, die wir zurücklegten, weiter anschwoll, waren sie wie Flöten, wie Hörner und wie Posaunen, die brummende, klagende und singende Töne von sich gaben, ein vielstimmiges Konzert aus einer anderen Welt, hörbar gemacht durch Stein. Wir hätten brüllen müssen, um einander zu verstehen, die Roben und Haare peitschten um unsere Leiber und Gesichter.


    Im Süden blieb ich nun stehen, dem Nordwind entgegenblickend und riss die Arme hinauf in den Himmel. Das gleiche tatest du im Norden, mir entgegenblickend. Mit feierlichem Gesicht legte ich den Kopf ins Genick und blickte hinauf in das Spektakel, was sich nun bot, wo die Winde quirlten: Die Wolkendecke riss in ihrem Herzen auf. Im Herzen des Zyklons erstrahlte ein Stück blauer Himmel und eine Säule gleißenden Lichtes fiel genau auf unseren Kreis. Zwei mal im Jahr sahen wir auf Khilar Alvasheks weißes Antlitz über uns erstrahlen, nur du, der du von Caltharnae stammtest, hattest die Sonne noch nie gesehen.


    Dein Gesicht war in diesem Moment das eines Kindes und nicht länger das eines Mannes. Kein Hexer stand mehr vor mir, kein Bote eines anderen Reiches, keine finstere Magie verdunkelte mehr deinen Geist, du warst frei und niemand anderes stand vor mir als Horatio, wie er einst geboren worden war und wie er hätte sein können. Horatio, den ich in diesem Moment das erste Mal wirklich sah. Mit offenem Mund blicktest du hinauf in das Licht, das auf deine fahlen Wangen schien, das seine Haut berührte und warm darunter drang. Du strecktest die Finger aus in dem Versuch, die Strahlenbündel zu spüren, während der Wind von hinten immer schärfer blies.


    »Ist das«, riefst du mit einer Stimme, die sich vor Fassungslosigkeit überschlug, »ist das ...« Du konntest es nicht sagen und Tränen rannen deine eingefallenen Wangen hinab, vielleicht weil du so starrtest. Die Antwort lieferte mein Gebet, denn nun nahm ich meine Aufgabe als Lichtbringer wahr.


    »O wie erhaben du bist, Alvashek«, rief ich feierlich hinauf zu dem Göttlichen.

    »Du hast den Himmel emporgehoben, um auf uns zu scheinen!

    O wie gütig du bist, Alvashek!

    Du hast die Unterwelt verhüllt, damit wir über ihr wandeln!

    O wie stark du bist, Alvashek!

    Die Nacht erzittert, wenn deine Jagd beginnt!


    Jüngling, den kein Fleisch je entehrte,

    Jäger, dem die Sonnenhunde folgen,

    Krieger, der das Zwielicht verteidigt,

    Göttlicher, der uns das Leben schenkt!


    Alvashek ist groß!

    Alvashek ist gütig!

    Alvashek ist stark!


    Alvashek!

    Alvashek!«


    Du warst wie im Trance, während ich den Lobgesang hinaufrief, begleitet von den Stimmen der Steinernen Wächter. Blitze flammten auf, ohne dass man sie sah, Donnertrommeln erklangen am Firmament und dann sahen wir die Sonnenhunde. Reines Licht zuckte über die grauen Wolken, so hell, dass man die eigentliche Form der Wesen nicht erkannte. Einer sprang in eine Wolke hinein, so dass nur noch sein Schweif zu sehen war, mit dem er wedelte. Das Licht tobte und tanzte, ich war erhört worden. Das kommende Halbjahr würde gut werden.


    Wer die zeitlose Dunkelheit und das triste Zwielicht kennt, weiß, was sich in diesem Moment in dir abgespielt haben muss. Erstmalig Alvashek zu sehen, entsprach einem einsamen Kind, welches das erste Mal seinem Vater begegnet. Das Gefühl ist von den besten Poeten nicht erfolgreich beschrieben worden, sondern bestenfalls in der Sprache der Musik. Für uns sangen in diesem Augenblick die Altvorderen, die Caltharnae haben in Asche versinken sehen und vielleicht auch das Land zuvor, sie sangen für uns aus steinernen Mündern das Lied des Windes und des Lichts und die Sonnenhunde heulten dazu und die Donnertrommeln tobten.


    Wie verloren du wirktest! Nicht nur dein Herz, sondern auch mein eigenes war es, was sich nun erweichte. Ich beendete an dieser Stelle den Lobgesang, der eigentlich noch viel länger hätte ausfallen müssen. Wichtiger erschien mir, den schwachen Funken zu nähren, der soeben von Alvashek in dich gepflanzt worden war. Du, ein Sohn der Dunkelheit aus Caltharnae, hattest das Licht erblickt. Ich trat zu dir, um dich sanft zurück in unsere Sphäre zu holen, bevor du dich am Ende gleich entschiedest, Alvashek als Sonnenhund hinauf zu folgen. Dafür war es viel zu früh!


    »Dies ist der Gott, den wir auf Khilar verehren«, erklärte ich daher bewusst sachlich und mit deinen Formulierungen. »Was Ihr seht, ist das, was Ihr in Euren Mythen die Sonne nennt. Vielleicht kennt Euer Vater sie noch. Für Euch muss ihr Anblick unbekannt sein. Geht es Euch wieder besser?«


    Es war zu viel für dich, viel zu viel. Überfordert und aller schützenden Masken beraubt, brach das Gefühl sich seinen Weg. Und so war ich nicht länger Lichtbringer, sondern wurde Freund, der dich in den Arm nahm, während du an meiner Schulter weintest und Alvashek inmitten des Wärmegewitters gütig auf uns hinab lächelte.[/legend]


    Veränderliche Halo-Erscheinung: Crown Flash

    Springende Sonnenhunde: Jumping Sundogs

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    stolz, wie du warst, konntest du die vermeintliche Schmach nicht auf dir sitzen lassen. Dabei war das , was dir gewährt worden war, eine Ehre, doch du empfandest das anders. Deinem Vater, Andogius Carantoc sa Ettainarar, hast du aus Scham vermutlich nur die Hälfte berichtet, so dass er dich wütend erneut vorschickte, um die Verhandlungen fortzusetzen, denn noch während des gleichen Nordwinds kehrtest du nach Schwarzfels zurück, entschlossen, diesmal dein Gesicht zu wahren und die Interessen deines Hauses mit eiserner Faust durchzusetzen.


    Dein Blick war finsterer als zuvor und du schienst abgenommen zu haben. Doch freundlich wie eh und je bat Vater dich und deinen Begleiter durch das Stadtor hinein nach Schwarzfels. Diesmal war Verstärkung an deiner Seite in Gestalt eines eurer Verbündeten, der darauf bestand, den Verhandlungen bezuwohnen. Angeblich wären sie auch im Interesse des Hauses Mejitai, so zumindest begründete der kleine dünne Hexer in der altbackenen smaragdgrünen Robe seine ungebetene Gegenwart. Die Wachen hatten ihre liebe Not, den vor Verhandlungsbeginn überall herumspionierenden Kyashar sa Mejitai im Auge zu behalten, der sogar versuchte, die Nase ins Gemach meiner Schwester zu stecken und auch seine magischen Fühler waren überall, bis er höflich gebeten wurde, sie einzuziehen, da er sonst ein Messingjoch umgelegt bekäme, bis er seine Magie zu beherrschen gelernt habe.


    Warum du ihn mitgebracht hattest, erwies sich während der eigentlichen Verhandlung, denn Vater berichtete mir später, dass er trotz seiner unbotmäßigen Neugier charmant und seine Worte äußerst geschickt gewählt waren. Er appellierte daran, dass wir von Khilar kampflos die Vasallen von Ettainarar werden sollten, wobei er uns die Vorzüge einer solchen Symbiose, wie er es nannte, in schillernden Farben ausmalte. Er sprach vom Wert menschlichen Lebens, das nicht vergeudet werden dürfe, vom Schutz des mächtigen Hauses Ettainarar, das eine Familie wahrer Wohltäter zu sein schien. Du, mein lieber Horatio, brauchtest nur daneben zu sitzen, zu nicken und seine Ausführungen zu bestätigen. Siegesgewiss war deine Miene, die von Kyashar so freundlich, als wäre er ein lange verschollener Onkel. Natürlich glaubte Vater euch beiden kein Wort, aber er war zu höflich, das zu sagen.


    Ich bekam von alldem nichts mit, denn ich war mit der täglichen energetischen Reinigung beschäftigt. Mit einem weißen Federwedel, der den mannshohen Stabe aus Walbein krönte, feudelte ich symbolisch die Knotenpunkte der Stadt, während meine Gehilfen mit Glöckchen die magischen Blockaden lösten und sie als freie Energien aufsteigen ließen.


    Als du des Abends wieder zu deinem Schiff gehen wolltest, fing ich dich ab. Kyashar, den du hattest vorneweg gehen lassen, merkte davon nichts und er sprach mit der Luft weiter, während du notgedrungen bei mir innehalten musstest. Als Kyashar außer Hörweite war, übergab ich den Federstab meinen Gehilfen und bat dich, mich auf einen Spaziergang zu begleiten. Du stimmtest unter der Bedingung zu, dass er nicht wieder in eine Wanderung ausarten solle. Du konntest einfach keine Bitte erfüllen, ohne sie gleichzeitig an eine Bedingung zu koppeln, die sicherstellte, dass du einen Teil der Kontrolle behieltest.


    "Ich habe nicht mit Eurer so raschen Wiederkehr gerechnet", sprach ich im Gehen. "Ich würde gern meine Freude ausdrücken, aber ich vermute, Ihr seid nicht zurückgekehrt, weil Ihr Schwarzfels und seine Bewohner vermisst habt."


    Aus dem Schatten deiner Kapuze hervor funkeltest du mich mit einem Auge an.


    "Mein Besuch hier bedeutet, dass Ettainarar und seine Verbündeten Khilar nicht sofort mit Waffengewalt unterwerfen möchten, sondern dass uns an einer friedlichen Einigung gelegen ist."


    Mit dieser Drohung fühltest du dich vermutlich gleich viel besser. Mir war beigebracht worden, auf Angriffe nie mit einem Gegenangriff zu reagieren, sondern zu deeskalieren. Nur so durchbrach man die Spirale der Gewalt.


    "Eine Einigung würde voraussetzen, dass unsere Häuser in einem Konflikt stehen. Wie kann das sein, wo wir doch hier wohnen und ihr dort?", fragte ich daher, an deine Vernunft appellierend.


    "Nennt es einen Interessenkonflikt", sagtest du und deine Stimme troff vor Arroganz. Jetzt warst du ganz in deinem Element. "Die Gründe sind hinlänglich bekannt. Essenz ist Leben, das Land ist tot. Die Essenz, welche zum Wirken von Magie notwendig ist, geht mit jedem Toten weiter zur Neige. Magische Kraft ist Zeit mal Essenz im Quadrat, so lautet der Essenzerhaltungssatz. Er besagt, vereinfacht beschrieben, dass je stärker der Zauber ist, der Essenzverbrauch unverhältnismäßig steigt, in Abhängigkeit von der aufgewendeten Zeit. Jemand, der einen doppelt so starken Zauber in der gleichen Zeit wirkt, verbraucht nicht etwa doppelt so viel Essenz, sondern vier mal so viel. Die Erzhexer allein verbrauchen zusammen siebenundachzig Prozent. Die Essenz, die ein Erzhexer benötigt, um die Interessen seines Hauses durchsetzen zu können, sind längst nicht mehr durch landeseigene Reserven zu decken."


    Ich blieb ruhig. "Das ist bekannt, doch was hat das mit Khilar zu tun?" Natürlich kannte ich die Antwort, doch ich wollte sie aus deinem Munde hören.


    "Wir schlagen Eurem Haus ein Handelsabkommen vor."


    Ah, so nannte man das heutzutage. Ich nickte wissend. "Verstehe. Wir können unsere Reserven entweder freiwillig zur Verfügung stellen oder Ettainarar holt sie sich mit Gewalt?"


    Nach kurzem Zögern sagtest du: "Im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, ja."


    "Und das Einzige, was Euch daran hindert, sie gleich zu nehmen, ist die Vergeudung der Essenz, die für einen gewaltsamen Schlag notwendig wäre?"


    Verärgert bliebst du stehen. "Seid Ihr das Oberhaupt Eures Hauses? Warum spreche ich überhaupt mit Euch? Hört auf, mich zu löchern oder bittet um eine formelle Unterredung."


    Nur mühsam konnte ich ein Schmunzeln unterdrücken. Mein Amusement war nicht böswilliger Natur, ich fand deine Reaktion einfach drollig. Kaum war dein kleiner redegewandter Begleiter fort, war die alte Unsicherheit wieder da. In meinen Augen wusstest im Inneren, dass das Anliegen von Ettainarar falsch war. Du wolltest nicht, dass es so endet, wie es enden sollte, aber die Macht deines Vaters im Hintergrund ließ dir keine andere Wahl.


    "Habt Ihr noch ein wenig Zeit?", fragte ich freundlich. "Ich möchte Euch zu einem Geheimnis führen."


    Die aufsteigende Verzweiflung konntest du nicht verbergen. Warum antwortete ich nicht mit Gehässigkeiten oder Drohungen? Du wolltest nicht, dass ich freundlich zu dir war, du wolltest diese Insel nicht mögen oder seine Bewohner. In dieser Welt, die von der Gier nach Essenz schier verzehrt wurde und die keinen Frieden kannte, konntest du es nicht ertragen, dass jemand dich mit offenem Herzen betrachtete. Aber die Aussicht, ein Geheimnis offenbart zu bekommen, war dann doch Anreiz genug, dich breitschlagen zu lassen.


    Mit abweisender Miene gingst du neben mir, als wir zurück zu dem gewaltigen Leuchtturm schritten, der unsere Zitadelle bildete. Neben mir - nicht hinter mir. Diesen kleinen Patzer fand ich sympathisch und so stiegen wir gemeinsam die Wendeltreppe hinauf, Etage um Etage, bis wir in jener angelangten, die sich direkt unter dem ewigen Feuer befand. Die Wachen gaben den Weg frei in unser Biolabor. Die Luft war hier sehr heiß und feucht, Kondenswasser tropfte von den Wänden und es roch muffig, so dass du die Nase rümpftest. Die hier arbeitenden Naturwissenschaftler schickte ich mit einer Geste weg, so dass wir zu zweit blieben.


    "Was tun wir hier?", fragtest du voll Argwohn, während dein Blick über die kreisrunden Regale an den Wänden und in der Mitte strich, über die Arbeitstische und Gerätschaften.


    "Ich möchte Euch etwas zeigen. Kommt."


    Ich führte dich zu einem der Regale. Dort, in der heißen Dunkelheit, wuchs in tausenden Töpfen etwas weißes, knorriges, das wie Totenhände aus dem Substrat ragte.


    "Sind das ...", keuchtest du und schon wieder versagte deine Stimme.


    Horatio, der Dünnhäutige, Horatio, der Sensible. Die harte Hand deines Vaters hatte dir nicht die Seele zu rauben vermocht. Wenn die Maske des arroganten Hexers fiel, warst du ein aufrichtiger, gefühlvoller Mann, den der Anblick gesunder Natur zu Tränen rührte. Wie blumig müssen dir die Erzählungen aus grünen Tagen erschienen sein, wenn der Anblick eines gesunden kleinen Lebens dich so tief ergriff? Wie sehr musstest du dich danach sehnen, dass es überall so sei, wie es früher gewesen war, vor deiner Geburt und den Jahren der Asche? Ohne Alvasheks Licht auf der Haut auf totem Grund wandelnd, das ließ niemanden unberührt, die Menschen wurden davon krank und bösartig. Du aber warst nur traurig und versuchtest verzweifelt, bösartig zu sein. Ich trat neben dich und wir betrachteten den winzigen Wald.


    "Sie sehen aus wie kahle Bäumchen, aber es sind essbare Pilze der Art Clavulina corinata, Kronenkorallen. Unter guten Bedingungen werden sie mehrere Meter hoch. Sie benötigen allerdings Erde, um zu wachsen, wir mussten tief graben, um geeignetes Substrat zu finden und noch sind die Ergebnisse kümmerlich. Im Gegensatz zu echten Bäumen haben Kronenkorallen drei Vorteile.


    Erstens, sie benötigen kein Licht.

    Zweitens, sie nehmen Gift aus dem Boden auf und reinigen ihn so.

    Drittens, mit ihren feinen Fäden, mit denen sie das Erdreich durchziehen, bringen sie das Leben in den Boden zurück.


    Der Nachteil liegt in ihrer schwierigen Kultivierung unter Freilandbedingungen. Wir forschen mit Nachdruck daran und erste Felder wurden angelegt. Unser Plan sieht vor, Khilar mit Kronenkorallen zu bewalden und das Land mit ihrer Hilfe wieder urbar zu machen. Auch, wenn die Zeit der Pflanzen vorbei sein mag, so ist Khilar vielleicht mit entsprechender Vorbereitung irgendwann für Pilze geeignet, die unser Volk ernähren und unsere Hexer, wenn man sorgfältig mit den Reserven haushält, auch mit Essenz versorgen. Regenerativer Essenz, wohlgemerkt! Ganz ohne, dass Menschen oder Tiere dafür leiden müssen."


    Ich nahm einen der Töpfe mit einem besonders kräftigen Pilz und drückte ihn vorsichtig in deine Hände.


    "Zeigt dies Eurem ehrenwerten Vater, Horatio. Essenz muss nicht geraubt werden. Es gibt andere Wege als jenen, den er einzuschlagen gedenkt. Schwarzfels ist gern bereit, Ettainarar zu unterstützen, damit auch Caltharnae wieder ein lebenswerter Ort wird."


    Ich ging davon aus, dass eine Umkehr vom Weg der Gewalt möglich war. Eine unendliche Reserve an Essenz musste in meinen Augen dafür sorgen, dass niemand mehr Kriege um sie führte. Essenz wäre für jeden in unbegrenzter Menge frei verfügbar, wenn Caltharnae und die Inseln mit Kronenkorallen bewaldet wären. Und mit den Pilzen würde vielleicht Stück für Stück die übrige Natur zurückkehren, einige Tiere vielleicht, die von dem weißen Fruchtfleisch leben konnten oder weitere Pilzarten


    Als ich dir das kleine Wesen in seinem Behältnis übergab, umschloss ich deine Hände mit meinen in einer behütenden Geste und deine umschlossen den Topf. Einige Augenblicke verharrten wir so, ehe wir den Leuchtturm verließen. Den Weg hinab zum Schiff gingen wir gemeinsam und du brachtest kein Wort zum Abschied heraus. Ich stand am Hafen und sah dir nach. Und du blicktest zurück von der Reling, in tiefem Schweigen versunken, den Pilz schützend unter deinem Mantel verborgen.[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    wenn du wüsstest, wie oft ich nach deiner Abreise an dich denken musste. Was für ein ungeschliffener Rohdiamant. In dir hat so viel mehr geschlummert, als du damals glaubten mochtest. Dass du dich selbst in einem so schlechten Lichte sahst, war nicht dein Verschulden, sondern das von Andogius Carantoc sa Ettainarar, der keine Gelegenheit ausließ, dich glauben zu machen, dass du unwert seist. Dort wo er Schwäche wähnte, sah ich dein großes Herz. Wie gern hätte ich es dir gewärmt.


    Es war der nächste Nordwind, als dein Schiff erneut unseren Hafen ansteuerte. Diesmal war ich es, der dich am Pier empfing. Kyashar war heute nicht dabei, was ich als gutes Zeichen nahm, denn die Gegenwart von jemandem, der Grausamkeit in solch schöne Worte kleiden konnte, machte mir Angst. Da waren mir deine gelegentlichen Drohungen schierer Gewalt lieber, denn sie waren ehrlich. Vermutlich war genau das der Grund, warum dein Vater dir den Mejitai an die Seite gestellt hatte. Er wollte nicht, dass du mit offenen Karten spielst. Warum aber war er diesmal nicht dabei?


    "Hat die Kronenkoralle heil ihr Ziel erreicht?", fragte ich unverfänglich und umfasste dir zum Gruß beide Hände, wie es bei uns üblich war. Deine Finger fühlten sich kalt und hart an.


    Du nicktest düster, während du den Gruß über dich ergehen ließest. "Das hat sie. Mein Vater verbrachte sie eigenhändig in sein Laboratorium. Seither habe ich nichts mehr von ihr gehört noch gesehen."


    "Das ist gut", fand ich, noch immer deine Hände haltend, "je mehr Leute daran forschen, desto eher wird man herausfinden, wie diese Pilze erfolgreich in der freien Natur angesiedelt werden können. Und wie geht es Euch selbst, Horatio?"


    "Mir?" Du fragtest dies so überrascht, als hättest du die Frage noch nie zuvor gehört. "Ganz gut, schätze ich. Ja, es geht mir gut." Später hast du mir verraten, dass deine gedankliche Ergänzung lautete: 'Weil ich hier sein darf.'


    Dieses Geständnis hat mich zum glücklichsten Mensch der Welt gemacht. Und ich verrate dir, dass es mir im Moment der Begrüßung genau so ging, auch ich freute mich sehr darüber, dich wieder zu sehen, auch wenn es bedeutete, dass meinem Vater erneute Verhandlungen und Drohungen bevorstanden. Nichts davon war deine Schuld. Sowohl Vater als auch ich wusten, dass du nicht der Kopf dahinter warst, sondern nur der Bote und so trugen wir dafür Sorge, dass du ein glücklicher Bote warst, dem es an nichts mangelte.


    Wir verbrachten ein paar angenehme Tage. Als du und ich nach Abschluss der Verhandlungen gemeinsam in der Thermalquelle saßen, die sonst allein den Fürsten von Schwarzfels vorbehalten war, warst du so entspannt, dass du unter freiem Himmel eingeschlafen bist. Eine Last schien von deiner Seele gewichen zu sein. Diesmal bist du nicht sogleich abgereist, sondern bliebst noch einige Zeit. Du hast mich die Seelöwenjagd mit dem Speer gelehrt, in solchen Dingen warst du sehr gut. Gleich welche Waffe man dir aus dem Arsenal in die Hand drückte, sie war für dich wie eine Verlängerung deines Armes. Bogen, Degen, Armbrust, Axt, du hast sie alle beherrscht wie ein Meister. Die Seelöwen gab es zum Abendbrot, über offenem Feuer gegrillt und mit Salz und getrockneten Algen abgeschmeckt.


    Als ich einst beim Spaziergang durch die Stadt um eine Demonstration deiner Lieblingswaffe bat, weil ich den Anblick deines fast schon tänzerischen Geschicks so liebte, wähltest du aus deinen selbst mitgebrachten Waffen einen Langstab mit doppeltem Ende an einer Seite. Mit diesem gingen wir hinaus in die karge Natur.


    "Eine Stimmgabel?", fragte ich im Scherz.


    Du antwortetest mit einem herzlichen Lachen. Es war das erste Lachen, was ich bei dir hörte. Den Hellebardenstab hast du geschwungen, wie keine andere Waffe zuvor. Sicherheitshalber wich ich zurück, doch du tratest nicht einmal fehl. Leichtfüßig drehtest du dich, stachst zu, schwangst die Waffe in großem Bogen in die entgegengesetze Richtung und ließest eine Pirouette folgen, am Ende sogar mehrer Saltos. Im Kampf brauchte man diese Bewegungen sicher selten, doch zum Üben waren sie effektiv und für Zuschauer beeindruckend. Ich hätte nicht dein Gegner sein wollen.


    Ich klatschte am Ende Applaus und rief Dinge wie: "Famos, fabelhaft!"

    Eine solche Kunstfertigkeit im Umgang mit Waffen gab es auf Khilar nicht.


    Du beendetest deine Übung mit einem eleganten Knicks bei ausgebreiteten Armen. Im nächsten Moment flog die Waffe achtlos in die Ferne, wo sie im Boden stecken blieb, du machtest einen Schritt nach vorn und deine ausgebreiteten Arme schlossen sich um mich. Ich spürte dein Ohr an meiner Wange und roch den Duft deines schweißnassen Haares, als du dich an mich drücktest. Dass die Hexenmeister die Welt verzehrten, war mir in diesem Moment gleichgültig. Alles, was zählte, spürte ich in meinen Armen. Das hier war nichts, was Zerfall und Verderbnis hieß, sondern etwas, das wachsen und gedeihen wollte. Liebevoll erwiderte ich die Geste und wir wärmten einander, während der Nordwind mit eisigem Atem fauchte, doch wir beachteten ihn nicht.


    Als erneut der Tag des Abschieds gekommen war, trugst du wieder eine kleine Kronenkoralle mit dir. Diesmal sollte sie für dich allein bestimmt sein. An der Reling stehend lächltest du mir zu und ich lächelte zurück, bis der Nebel dich verschluckte.


    Dann weinte ich.[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    ich musste nicht lange warten, bis du zurückkehrtest, um meine Tränen zu trocknen! Schon beim nächsten Südwind sollten wir uns wiedersehen.


    Als das Nebelhorn von deiner Ankünft kündete, saß ich gerade mit meiner Familie bei Tisch. Ich ließ alles stehen und liegen und rannte die Treppe hinab. Im grauen Nebel zeichneten sich schemenhaft die Segel ab, deren Form ich erkannte, es warst wirklich du, der da nahte! Beim Aussteigen war dein Gesicht nicht das des finsteren Boten, sondern das des Horatio, der lächelte. Du trugst keine offizielle Kleidung, sondern private. Für einen Ettainarar war sie farbenfroh und freundlich. Als ich deine Hände zum Gruß umfassen wollte, schobst du dich zwischen meinen Händen hindurch und umarmtest mich. Dein Atem strich über mein Ohr, als du mich leise batst, dich zu meinem Vater zu begleiten. Das tat ich gern, wir saßen ohnehin noch bei Tisch und so wurdest du unser persönlicher Gast.


    Sharant Malkar Schwarzfels ist der Name meines Vaters, der an der Stirnseite des Tisches saß. Im Vergleich zu den anderen Hexenmeistern wirkte er unspektakulär mit seiner schlichten, weißen Robe und seine Krone war nur ein goldener Reif, den er gerade nicht trug. Er hätte auch der Hexer eines kleinen Hauses sein können. Der Platz auf der anderen Stirnseite war meiner. Zu Vaters Linken saß meine Mutter, Arvdawie Paeha, die er liebte. Er hatte keinen Anlass gesehen, politisch vorteilhaft zu heiraten, sondern eine Tochter aus dem unbedeutenden Geschlecht Ledvico vom anderen Ende der Insel gewählt, das seit der Verbindung einen rasanten Aufschwung erlebte, denn plötzlich wollte jeder ihre aus Seetang geflochtenen Boote kaufen. Das einzige verbliebene Holzschiff befand sich im Besitz der Krone. Und weil Sharant kein Kind von Traurigkeit war, hatte er Arvdawies Zwillingsbruder gleich mitgeheiratet. Cinazi, der mein Erzieher gewesen war und den ich sehr mochte, saß zu seiner Rechten. Vater alberte immer herum, er hätte sie beide geheiratet, damit es sich symmetrisch anfühlt und in der Tat waren sie ein harmonisches Trio. Cinazi winkte gern ab und behauptete, Sharant hätte ihn damals nur aus Mitleid mitgenommen. Aber wir alle wussten, dass das nicht stimmte. Meine Schwester Balierie Aldarall saß an der Flanke neben meiner Mutter. Du nahmst zwichen mir und Cinazi platz.


    Nachdem wir gespeist hatten - es gab gesottene Muscheln mit Pilzbeilage, beides aus eigener Zucht - hast du, mein Liebster, uns in den Salon begleitet, wo man im vertrauten Rahmen beieinander sitzen, heißes Seelöwenblut trinken (gesiebt, gegen die Flöckchen) und knusprig geröstete Speckstreifen knabbern konnte. Als wir alle in guter Stimmung waren, hast du bei meinem Vater um meine Hand angehalten. Stille senkte sich auf die Anwesenden. Jeder im Raum hielt den Atem an, am meisten wohl ich.


    Obwohl Sharant wusste, was uns beide verband, kam der Antrag für ihn wie auch für mich überraschend, denn Ettainarar war ein bedeutendes Haus, sehr viel machtvoller als Schwarzfels. Eine der goldenen Regeln lautete, dass man niemals nach unten heiratete, so dass die Partnerwahl stets auf das Haus eines Erzhexers fiel. Nun war mein Vater zwar einer, aber so zurückgezogen, wie wir auf unserer Insel lebten, waren wir schwerlich mit einer Kriegsmacht aus Caltharnae zu vergleichen.


    "Welchen Vorteil sollte eine solche Verbindung für dein Haus bringen?", fragte mein Vater daher offen.


    Inzwischen waren wir in diesem Rahmen zum Du übergegangen. Die Verhandlungen würden weiter in der formalen Form abgehalten werden, doch dies war ein familiärer Kreis. Natürlich sah mein Vater den Antrag durch die Augen eines Erzhexers und fragte nach dem Vorteil. Auch wenn er selbst nicht nach politischen Gesichtspunkten geheiratet hatte, so ging er doch nicht davon aus, dass Ettainarar seine Ansichten plötzlich ebenfalls über den Haufen zu werfen gedachte.


    "Möchte Ettainarar vielleicht den Konflikt auf diese Weise beenden? Mir ist aufgefallen, dass unsere letzte Verhandlung sich noch mehr im Kreis drehte als sonst", fügte Vater hinzu.


    "Ich stelle den Antrag nicht aus Kalkül", antwortetest du leise. "Ich liebe Turhalo und möchte mein Leben an seiner Seite verbringen. Wenn du es also wünschst und Turhalo auch, bitte ich darum, mir diesen Wunsch zu gewähren. Er kommt von Herzen."


    Wie gern hätte ich in diesem Moment erwidert, dass ich dich ebenfalls liebte! Dich umarmt, geküsst und nie mehr losgelassen. Vater blickte fragend in meine Richtung und sah mein strahlendes Gesicht. Dann blickte er zu Mutter, die lächelte, und Cinazi, der die Schultern zuckte. Sogar meine Schwester bat er durch einen Blick um ihre Meinung und sie nickte. Der Entschluss muss Vater trotz der recht einstimmigen Meinung nicht leicht gefallen sein. Letztlich lag die Entscheidung allein bei ihm. Selbst wenn alle für die Hochzeit waren, konnte er sie ablehnen. Deinen Worten vermochte er offenbar nicht so richtig Glauben zu schenken.


    "Ich habe dich erst heute zum ersten Mal als Privatmann kennengelernt, Horatio", sagte er und gab sich keine Mühe, zu verbergen, dass ihm das alles etwas schnell ging. "Aber ich habe beobachtet, wie ihr beide miteinander umgegangen seid während der letzten Treffen. Ihr wart so glücklich zusammen und tatet einander gut. Also schön. Ihr habt meinen Segen. Allerdings muss auch Fürst Andogius Carantoc sa Ettainarar zustimmen und ein Vertrag muss aufgesetzt werden, wessen Name angenommen wird und wer die Mitgift zahlt. Nun aber wollen wir dieses Thema beenden, bis wir seine Antwort haben und sprechen noch ein wenig miteinander über andere Dinge. Erzähle mir von deinem zu Hause, Horatio. Wo wohnst du, wie lebt man dort?"


    Und du hast berichtet von den finsteren Hallen eurer Burg, von der eisernen Regentschaft deines Vaters, der die Tradition hochhielt, dass nur einer seiner Söhne überleben durfte. Thronerbe wurde jener, der seine Brüder samt des Vaters beseitigte, so war sichergestellt, dass stets der Skrupelloseste auf dem Thron saß. Diesem Machtkampf hattest du dich entzogen, indem du deinen Namen abgelegt und auf dein Erbe verzichtet hast, so wie Schwarzfels sich einst dem Krieg der Hexenmeister entzog. Du warst nun ein wahrer Schwarzfels geworden, du lebtest seit dem Antrag bei uns und wir waren glücklich.


    Wie du weißt, hat Andogius unserer Verbindung zugestimmt, so dass wir uns wenige Wochen später zur Wechselsonne das Ja-Wort gaben. Wir heirateten beide in Weiß unter den segnenden Strahlen von Alvashek. Alle Vorzeichen waren gut, doch sie haben uns getrogen.[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    die folgende Zeit war die schönste meines Lebens. Als frisch verheiratetes Paar ließen wir beide es uns gut gehen. Ich nahm Urlaub von meinen Pflichten als Lichtbringer und übertrug die Aufgaben an meinen Gehilfen Celestian. Ich zeigte dir während unserer zwölftägigen Hochzeitsreise alles, was es auf Khilar zu sehen gab. Wenngleich die Insel nicht groß und vollkommen kahl ist, so bot sie doch genügend Anreiz für gemeinsame Unternehmungen.


    Zu Fuß brachen wir auf, nur einen Rucksack und unsere Liebe im Gepäck. Heiß röhrte der Südwind über das Land und trieb uns den Schweiß auf die Haut. Wir schliefen unter freiem Himmel und aßen, was wir dabei hatten oder was die See uns schenkte. Meru ließ sein Herz Feuer bluten, als wir auf seinen Felspfaden bis fast hinauf zu den Wolken wanderten, wo der Zirkel im Feuerschein aus dem Krater von unten erstrahlte. Der Anblick der rot leuchtenden Lava in der schwarzen Einöde war wundervoll. Als wir auf der anderen Seite abstiegen, erkaltete dort die Oberfläche des Magmas schollenweise, so dass wir darüber springen konnten, während um uns herum der Boden glühte.


    Ich zeigte dir auch den in die Klippen gehauenen Küstenort Ledvico, von welchem meine Mutter und ihr Bruder stammten. Hier erntete man unter den wachsamen Augen ihres Vaters den Seetang, der unter der Wasseroberfläche trieb und flocht dickwandige Boote daraus. Nirgendwo sonst ging man so verwegen mit der Macht der Wellen um und auch wir beide versuchten unser Glück, stürzten vom Boot aus in die See und mussten prustend und triefend von den Tangtauchern gerettet werden. Mit dem Boot brachte man uns schließlich den ganzen Weg zurück zum Leuchtturm.


    In den Thermalquellen ganz in der Nähe zu Schwarzfels, die vom feurigen Herzen Merus beheizt wurden, entspannten wir unsere vom Wandern müden Glieder. Der glattgewaschene Grund formte unser Bett, der weiße Dampf unsere Decke, als wir Arm in Arm schliefen, bis wir in der Nacht erwachten und wieder heimkehrten. Müde und froh waren wir bei unserer Ankunft.


    Doch in Schwarzfels erwartete uns ein Gast, auf dessen Gegenwart ich überhaupt keine Lust verspürte. Besonders nicht unmittelbar nach unserer Hochzeitsreise, während ich noch ein wenig Ruhe genießen wollte. Doch Kyashar sa Mejitai war von meinem Vater empfangen worden und wartete bereits darauf, mit mir zu sprechen. Wenig begeistert stimmte ich der Audienz zu, nachdem ich mich gewaschen und umgezogen hatte. Allein mit dem kleinen Mann saß ich im Konferenzsaal. Das erste Mal machte ich mir die Mühe, Kyashar genauer zu betrachten. Er war zierlich, sein Gesicht mit den großen, schrägstehenden Augen erinnerte mich an das eines Katzenhais. Sein Haar war kurz und aschblond. Sein Alter war schwer zu schätzen, aber vermutlich war er etwa zehn Jahre älter als wir


    »Der werte Turhalo von Schwarzfels«, hauchte er und rieb seine Hände. »Persönlich!«


    Innerlich ging ich auf Distanz bei dieser Schmeichelei. Ich nickte höflich, ohne zu lächeln. »Was kann ich für Euch tun, Prinz sa Mejitai?«


    »Nennt mich doch Kyashar«, sagte er munter. »Wo wir doch bald verwandt sind.«


    »Wie meint Ihr das?«, fragte ich.


    Was wollte dieser Kerl? Hatte er um die Hand meiner Schwester angehalten? Das erschien mir unglaubwürdig, denn die Mejitai waren nicht weniger machthungrig als die Ettainarar, nur zeigten sie es nicht so offensichtlich, sondern wählten den Pfad der Intrige anstelle des Schwertes. Es war eine Sippe von Schlangenzugen, das hatte Horatio mir erzählt und mein Eindruck von dem einzigen mir bekannten Exemplar war ganz ähnlich. Kyashar würde nicht nach unten heiraten, oh nein.


    »Ach, davon wisst Ihr gar nicht?«, fragte er ganz verwundert. »Horatio war mir von kleinauf versprochen. Er hätte mein Mann werden sollen. Aber glücklicherweise ist die Vielehe hier genau so verbreitet wie in Caltharnae, so dass es keine ... Differenzen geben sollte.«


    »Davon wusste ich nichts«, sagte ich abweisend. »Horatio war es, der seine Entscheidung getroffen hat und in unserem Ehevertrag kommt Euer Name nicht vor. Es war seine Wahl, Eure Verlobung zu verschweigen, so dass sie hier keine Berücksichtigung finden kann.«


    Die Vorstellung, den Mejitai als Zweitmann im Bett liegen zu haben, war nicht dazu geeignet, mein Wohlgefallen zu erwecken. Die Ehe mit dir war von allein erwachsen, keine Planung hatte dabei eine Rolle gespielt, keine politischen Hintergedanken und kein Zwang durch unsere Väter. Wir liebten uns, das war alles. Kyhashar passte nicht in mein Bild von unserer Ehe. Und in dein Bild, Horatio? In meiner Kehle formte sich ein Kloß. Ich musste schlucken.


    »So, meint Ihr«, fuhr Kyashar fort. »Manche sehen das freilich anders, denn in unseren Archiven liegen seit unserer Kindheit die entsprächenden Verträge vor. Alles ist von langer Hand geplant und ich habe mich auf den Tag gefreut, da wir einander das Ja-Wort geben würden. Ich liebe Horatio nicht weniger als Ihr, Turhalo. Und ohne Euch angreifen zu wollen: Ich wäre, mit Verlaub, eine bessere Partie. Eure Insel ist klein und karg, die Bevölkerung besteht aus einfachen Handwerkern, Fischern und Robbenjägern und ihr seid so etwas wie ein Priester.«


    Er rümpfte die Nase. In seiner Welt konnten Prinzen offenbar keine religiösen Aufgaben wahrnehmen und Geistliche rangierten in den untersten Stufen der Hierarchie.


    »Auf Caltharnae hätte Horatio keinen Leuchtturm, sondern ein Schloss, keine Insel, sondern einen Kontinent, keine Handwerker, sondern Künstler. Anstelle eines annähernd namenlosen Priesters stünde der Erstgeborene eines der machtvollsten Erzhexer an seiner Seite. Sollte Liebe nicht selbstlos sein? Wäre es nicht im Interesse von Horatio, dass er möglichst vorteilhaft heiratet? Habt Ihr ihn überhaupt gefragt, ob Ihr sein alleiniger Mann werden sollt? Zwei Frauen müssen früher oder später schließlich auch dazu kommen, um die Linien zu sichern. Warum nicht auch ein weiterer Mann? Auch Euer Vater hat einen Eunuchen oder so etwas an seiner Seite. Mein Anspruch auf Horatios Hand besteht unvermindert fort, Eure Ehe ändert daran nichts.«


    Die Worte von Kyashar machten mich traurig und wütend. Eine Ecke in meinem Herzen sagte mir, dass er recht hatte, wenn der Vertrag wirklich bestand. Und dass ich dich, den Mann, den ich liebte, auf dieser kleinen und bescheidenen Insel festnagelte, nur weil ich dich unbedingt für mich beanspruchen musste. Obendrein spürte ich einen durchaus egoistischen Widerwillen bei dem Gedanken, dich mit Kyashar zu teilen. Konnte man eine solche Sicht überhaupt Liebe nennen, troff sie nicht vor Eigensucht? Geboren und ausgebildet warst du für Höheres als das Leben, das ich dir bieten konnte. Ich war nur ein kleiner Schwarzfels von Khilar.


    »Ich verstehe, worauf Ihr hinauswollt, Prinz Kyashar«, antwortete ich leise. »Eure Ansprüche sind legitim. Lasst mich mit Horatio sprechen. Bitte wartet einen Augenblick hier.«


    Als ich dich in unseren gemeinsamen Gemächern aufsuchte, warst du gerade dabei, deinen Rucksack zu leeren. Der Anblick dieser friedlichen Tätigkeit zerriss mir fast das Herz.


    »Liebster«, sagte ich voll Trauer, »hast du ein wenig Zeit für mich? Wir müssen miteinander sprechen.«


    Du legtest den schmutzigen Kleiderstapel, den du in der Hand hieltest, auf den Rucksack und standest auf, um mich sanft bei den Händen zu greifen, wie du es von mir gelernt hattest. »Was ist los, meine Sonne?«, fragtest du besorgt. Dann wurde dein Gesicht finster. »Es ist Vater, nicht wahr?«


    »Es ist dein Verlobter. Kyashar macht seinen Anspruch geltend, der älter ist als unsere Liebe. Wenn du es wünschst, bin ich bereit, dich ohne Streit ziehen zu lassen oder auch, dir einen Zweitmann zu erlauben. Nur bitte vergiss mich nicht ganz und wenn du die Zeit erübrigen kannst, so besuche mich ab und zu. Ganz ohne dich zu leben, würde ich nicht verkraften.«


    Oh wie bösartig du schauen konntest! Aus deinen Augen sprach die Dunkelheit deines Hauses. Mordlust und Hass loderten wie schwarze Flammen, doch sie galten nicht mir. »Wo ist diese Kakerlake, die es wagt, sich meinen Verlobten zu nennen?«, verlangtest du zu erfahren und dein Griff um meine Hände wurde fester. »Du bist mein Mann, Vater hat unserer Ehe zugestimmt und was das Haus Mejitai davon hält, spielt für mich keine Rolle. Alle früheren Vereinbarungen sind null und nichtig. Wer es wagt, unsere Ehe zu besudeln durch solche Äußerungen, wird sie mit seinem Blut wieder reinwaschen.«


    Nie war ich froher, solch harsche Worte aus deinem Munde zu hören. »Aber bitte töte den Prinzen nicht«, bat ich leise. »Kyashar hat aus Liebe gesprochen und nicht aus Gier. Und hat er nicht auch Recht mit seinen Bedenken, wie selbstsüchtig es von mir ist, dich auf Khilar gefangen zu halten durch die Fesseln der Ehe?«


    Du zerrtest mich an dich. Mit beiden Armen umschlangst du meinen Leib und hieltest mich in deinen Armen, als würde ich drohen, in einen Abgrund zu stürzen, wenn du mich losließest. Und genau so fühlte es sich für mich an. Meine Umarmung war kaum schwächer als deine und mir kamen die Tränen, bei der Vorstellung, dich nie wieder im Arm halten zu dürfen. Der Gedanke, dass du mich verlassen könntest, riss mir schier das Herz aus der Brust.


    »Turhalo«, sprachst du ruhig in mein Ohr. »Die Mejitai sind Lügner und Heuchler, glaube ihnen kein Wort. Ein Leben an deiner Seite zu wählen war mein innigster Wunsch. Wenn das hier eine Fessel ist und Khilar mein Gefängnis, so bin ich gern dein Gefangener. Gib mich nie wieder frei, hörst du?«


    Deine Küsse waren heiß und dein Verlangen ließ mich mit dir zu Boden sinken. Du ließest keinen Zweifel daran, dass in deinem Herzen kein Platz war für Kyashar, ganz gleich, was die Verträge sagten. Als ich in den Konferenzsaal zurückkehrte, sah Kyashar mir wohl an, was geschehen war, denn meine Wangen glühten heiß und mein Haar war durcheinander. Er legte die Hände auf seine Augen und weinte lautlos. Seine Zukunft würde nicht die deine sein und es gab nichts, was er tun konnte, um das zu ändern. Ich reichte ihm als Geste der Versöhnung ein frisches Stofftaschentuch, gewebt aus den Fasern von Seetang, das er dankbar annahm, um Augen und Nase zu tupfen.


    »Was ist es«, fragte er schließlich, »was Horatio hier bei dir findet, das er nicht auch bei mir haben könnte? Auch bei mir würde er geliebt werden und ich würde ihn auf Händen tragen. Ich bin doch kein schlechter Mensch. Oder doch? Bin ich ein schlechter Mensch, Turhalo?«


    Nun tat der kleine Mann mir leid, denn so falsch er auch sein mochte, seine Tränen wirkten ehrlich. Und so verspürte ich den Wunsch, ihn zu trösten. Ich wollte nicht, dass er wie ein geprügeltes Tier, gedemütigt und einsam, Khilar verließ, denn ich stellte mir vor, wie ich mich gefühlt hätte, wäre deine Wahl auf ihn gefallen und nicht auf mich. Nein, er war kein Rivale sondern ein Spiegel, er war ein Mann, dessen Herz in Scherben lag, weil er dich nicht haben konnte.


    So bat ich ihn, mir zu folgen. Kyashar erhob sich und ging, noch immer stumm weinend, hinter mir her. Immer wieder tupfte er seine geröteten und tränenden Augen. Ich führte ihn in das Laboratorium, in welchem die Korallenkronen wuchsen. Dabei berührte ich seinen Ellbogen, um ihm das Gefühl des Verlorenseins zu nehmen. Ich führte ihn langsam herum und zeigte ihm die kleinen Setzlinge. Ich erklärte, welche Hoffnung ich mit den Pilzen verband, die den Weg in eine friedliche Zukunft ohne Essenzkriege ebnen sollten. Und dann bat ich ihn, sich eine auszusuchen, damit er etwas in der Hand hatte, was er zurück in seine Heimat nehmen konnte. Ein Stück Hoffnung für Mejitai, ein Stück Trost.


    »Wie freundlich Ihr seid«, sagte Kyashar und er klang dabei fast neidisch. Langsam schritt Kyashar zwischen den Regalreihen entlang. »Eure Gegenwart muss für Horatio wie ein Kissen aus Samt und Seide anmuten. Schmeichelhaft für einen Ettainarar, zweifelsohne. Und diese Fruchtkörper sind alles Essenzspeicher, sagt Ihr?«


    »Das sind sie. Und das Schöne ist, sie können diese Essenz selbst synthetisieren. Sie müssen dafür keine anderen Lebewesen anzapfen, sie bilden ihre Reserven von allein. Jede einzelne Kronenkoralle ist bis in die Spitzen gesättigt mit bester Essenz. So hätten alle Häuser einen unbegrenzten Vorrat, auf den die Magier stets zugreifen können, ohne dass dafür Menschen leiden müssen, denen man ihre Lebensenergie entreißt. Die Kriege um die letzten verbliebenden Essenzvorkommen hätten ein Ende und das Leben hätte wieder eine Zukunft. Nicht nur für das mächtigste überlebende Haus, sondern für alle.«


    Ich spürte, wie Kyashar seine Macht entfaltete und seine Präsenz sich in dem gesamten Raum ausbreitete. Die Luft begann zu knistern.


    »Zweifelsohne ein schöner Gedanke«, sagte er geistesabwesend. »Eine Welt ohne Kriege inmitten einer blühenden Natur, in der jeder seinen Platz findet, auch die Schwächsten. Worte eines Träumers. Was seid Ihr für ein erbärmlicher Narr, Turhalo.«


    Seine gesammelte Macht griff nach den Kronenkorallen. Das Letzte, was ich sah, waren Kyashars Katzenhaiaugen, grün und kalt. Als er auf alle Essenzspeicher gleichzeitig zugriff, riss mich eine Explosion von den Füßen. Es war, als würde ich in Alvasheks Licht stürzen, ehe Dunkelheit mich verschlang.[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    Alvashek ist groß.

    Alvaeshek ist gütig.

    Alvashek ist stark.


    Ich war in sein Licht gestürzt, ich war eins mit ihm. Doch als ich von der Seelenreise wiederkehrte und die Augen aufschlug, umfing mich Finsternis. Mehrmals blinzelte ich, doch in der vollständigen Schwärze wurden keine Schemen sichtbar. Wo war ich? Selbst in der Nacht sah man doch in der Regel einen Rest von Gegenständlichkeit. Befand ich mich in einem abgeschotteten, fensterlosen Raum? Wo sollte dies sein?


    Unfähig, etwas mit den Augen zu erkennen, konzentrierte ich mich auf die übrigen Sinne. Die Luft legte sich heiß und feucht auf meine Haut. Durch Basaltmauern gedämpfte Stimmen drangen an mein Ohr, der scharfe Geruch verbrannter Magie lag in der Luft. Außerdem roch es muffig nach Pilzen. Ich war offenbar noch im Laboratorium, aber die Öllampen mussten erloschen sein. Langsam stand ich auf und ging sehr langsam mit ausgestreckten Fingern durch den Raum, bis ich an eine Wand stoßen würde. Der Boden änderte sich, als ich auf etwas Weiches trat, das ich für Stoff hielt, dann stieß mein Fuß gegen etwas Schweres.


    Kyashar?


    Erneut ging ich in die Knie, befühlte den reglosen Körper, bis ich das Gesicht fand. Keine Regung war zu spüren. Meine Magie glitt durch meine Finger, um ihn wiederzubeleben, doch sie fuhr nicht in Kyashar hinein, sondern über ihn hinweg, wie Regen, der an gefettetem Leder abperlt. Er war doch nicht etwa tot? Doch in seinem Körper spürte ich Wärme. Schwacher Atem war zu vernehmen, als ich das Ohr über seinen Mund hielt. Da meine Magie hier nicht half, sprach ich ein Gebet für ihn. Mochte es Alvasheks Güte geschuldet sein oder dem gleichmäßigen Raunen meiner Worte, Kyashar kam wieder zu Bewusstsein.


    »Ihr?«, fragte er schwach.


    »Ich«, gab ich zur Antwort.


    »Helft mir, Turhalo«, flehte er. »Ich bin verletzt. Etwas stimmt nicht mit mir. Ich kann ...« Er begann vor Verzweiflung zu weinen. »Ich kann meinen Vater nicht erreichen!«


    Magie war das übliche Kommunikationsmittel der Fürstenfamilien über große Distanzen. Offenbar hatte Kyashar versucht, einen Hilferuf abzusetzen, war aber gescheitert. Fürst Yarigo sa Mejitai würde nicht kommen, um seinen erstgeborenen Sohn zu retten. Vielleicht wusste er nicht einmal, dass er hier war. Ich könnte den verlogenen kleinen Mann verschwinden lassen. Wenn man sein Schiff samt Besatzung gegen die Klippen manövrieren ließ, den Leichnam mit versenkte, gäbe es keine politischen Verstrickungen. Ich könnte Kyashar bezahlen lassen für seinen feigen Anschlag auf mein Leben.


    Schnelle Schritte erklangen auf der Treppe, jemand kam hinaufgerannt. »Turhalo!« Ich erkannte deine Stimme. Rasch kamst du zu mir, schleudertest Kyashar beiseite, um niederzuknien und mein Gesicht zu berühren. »Beim kalten Herz der See, wie siehst du nur aus?«


    »Was ist denn mit meinem Äußeren nicht in Ordnung? Und wie kannst du bei dieser Dunkelheit etwas erkennen?«, fragte ich irritiert.


    Einige Windhauche spürte ich auf meinem Gesicht und deine Robe raschelte, als würdest du vor meinem Gesicht winken. »Turhalo, es ist nicht dunkel! Siehst du nichts?«


    Begreifen stellte sich ein. »Nein«, sprach ich verzweifelt. »Überhaupt nichts!«


    »Und dein Haar ist völlig weiß! Was ist hier passiert? Ich habe einen Knall gehört.«


    Kyashar rief schnell dazwischen: »Es war ein Unfall!« In seiner Stimme schwang Panik mit.


    Du ließest meine Robe los, ein abgewürgter Schrei des Mejitais verriet mir, dass du ihn gepackt hattest. Ich spürte die Macht deiner Magie, doch das geräuschvolle Zappeln offenbarte, dass du genau so wenig Erfolg damit hattest, ihn zu töten, wie ich damit, ihn zu heilen.


    »Schön«, knurrtest du. »Dann auf die altmodische Weise.«


    »Steckt den Dolch Weg, Prinz sa Ettainarar«, flehte Kyashar. »Euer Haus und mein Haus sind Verbündete!«


    »Mein Name ist Horatio von Schwarzfels«, brülltest du. »Ich habe mit Ettainarar nichts mehr zu schaffen, genau so wenig wie mit Mejitai. Ich will mit dem, was sich in Caltharnae abspielt, nichts mehr zu tun haben! Turhalo hat mir erzählt, was ihr beide besprochen habt und dass du den uralten Vertrag ins Spiel gebracht hast. Das hier ist ein fehlgeschlagener Mordversuch von dir, deine Rache für die geplatzte Hochzeit!«


    Endlich gelang es mir durch Tasten, deine Robe zu greifen. Ich legte die Hand auf die Faust, die den Dolch hielt. »Nicht«, bat ich. »Es war wirklich ein Unfall.«


    Dies war das einzige Mal, dass ich dich belog, mein Liebster. Nie zuvor und nie danach habe ich je die Unwahrheit gesprochen. Bitte vergib mir, was ich an diesem Tag tat, aber ich konnte Kyashar nicht mit dem selben Hass wahrnehmen, wie du. Nur diese eine Lüge sprach ich, um das Leben des kleinen Haifischs zu retten.


    Du senktest widerwillig deinen Arm.


    Kurz darauf traf mein Vater mit der Lichtgarde ein. Ob du mir meine Lüge geglaubt hast, wusste ich nicht. Aber Sharant glaubte sie nicht. Er ließ Kyashar in ein Krankenzimmer bringen, wo er verarztet wurde und das er nicht verlassen durfte, bis die Sache geklärt sein würde. Es mangelte dem Prinzen an nichts, doch er war vorerst unser Gefangener. Ihn zu verhören übernahm keiner der Gardisten - das übernahm Cinazi, der Bruder meiner Mutter.


    Wobei Bruder nicht der richtige Begriff ist. Cinazi ist nicht wirklich ein Mann. Manche hielten ihn für einen Eunuchen, aber das war genau so falsch. Cinazi war körperlich sowohl Mann, als auch Frau, er hatte Merkmale von beidem, eine Laune Alvasheks, über deren Sinn sich die Gelehrten bis zu jenem Tage vergebens den Kopf zerbrachen. Er selbst fand diese Debatte unangenehm. Er legte darum besonderen Wert darauf, ausschließlich als Mann wahrgenommen und behandelt zu werden, was ihm aufgrund seines weichen Aussehens nicht immer gelang. Wie die meisten Bewohner von Khilar besaß er schwarzes Haar, das er kurz wie ein Krieger von Caltharnae scheren ließ, und goldene Augen. Das Fürstengeschlecht allein zeichnete sich durch braunes Haar und blaue Augen aus, ein Relikt von unseren Vorfahren aus Caltharnae. Im Gegensatz zu Cinazis Familie waren wir keine Urbevölkerung. Unsere Vorfahren hatten die Insel - auf der Suche nach Frieden - gewaltsam erobert und sie darob magisch verbrannt. Es hatte der letzte Kampf sein sollen. Cinazi sollte nun dafür sorgen, dass er es blieb. Er legte die fremdländische Uniform ab, die er sonst als eine seiner Marotten trug, und hüllte den Leib in ein Gewand, das die Weichheit seiner Konturen betonte und durch den dünnen Stoff seinen weiblichen Oberkörper offenbarte, den er sonst versteckte.


    Sein doppeltes Naturell verlieh ihm nicht nur eine fast übernatürliche Schönheit, sondern auch die Gabe besonderer Einfühlsamkeit, die er für sich zu nutzen verstand. Er konnte die Menschen lesen, ohne Magie anzuwenden, denn ihm wohnte keine inne. Ich mochte ihn und konnte verstehen, was meinen Vater dazu bewogen hatte, diesen interessanten Menschen zu einem Teil unserer Familie zu machen.


    Cinazi ließ sich von unserem Heiler Liankar eine Einweisung geben, dann spielte er sich selbst als Heiler für Kyashar auf. Der Mejitai wusste zwar, dass Cinazi der Mann des khilarischen Erzhexers war, aber er wusste auch, dass die Mitglieder der fürstlichen Familie hier merkwürdige Berufe ausübten. Und so gab er sich widerstandslos der Fürsorge von Cinazi hin, über dessen Lippen Worte des Verständnisses plätscherten wie ein sauberer Quell und dessen Hände weich, warm und freundlich waren, wenn sie ihn pflegten. An dieser Maskerade gegenüber einem Hilfsbedürftigen, die ich moralisch verwerflich fand, schien Cinazi seine Freude zu empfinden.


    Liankar aber widmete sich in der Zwischenzeit ganz meiner Gesundheit. Ich lag lange darnieder. Niemand weiß es besser als du, der an meinem Bett wachte. Doch weder Liankars Heilkunst noch deine Liebe vermochten mir mein Augenlicht zurückzugeben oder meinem Haar die Farbe, das seit jenem schicksalsträchtigen Tag in Weiß erstrahlte, als hätte Alvashek mich gesegnet. Doch welche Botschaft sollte darin liegen, das Licht im Haar zu tragen, wenn man blind war? Spricht man nicht von Augen-Licht? Mutete das nicht wie grausamer Humor an? Dieser Zustand besserte sich nicht und Liankar nahm mir jede Hoffnung. Ich würde weder Alvashek noch dein Gesicht je wieder sehen. Mein Schicksal war die ewige Dunkelheit. Die Suche nach einer befriedigenden Antwort auf die Frage nach dem Warum wurde für mich immer drängender. Als die Erinnerung an die Gesichter meiner Liebsten zu verblassen begann, verblasste auch mein Lebensmut.


    »Alvashek hat mich schwerer gestraft als Kyashar«, sprach ich düster. »Alvashek hat mich verlassen und dies war sein Abschiedsgruß. Ich bin das wandelnde Mahnmal aller Verfehlungen.«


    Du hieltest meine Hand. »Und welche Verfehlungen sollten das sein? Du wurdest nicht gestraft, sondern gerettet. Alvashek hat dich nie verlassen, auch wenn er deine Sehkraft nicht retten konnte. Aber besser das Augenlicht als das Leben verlieren. Um allen dies zu zeigen, hat er deinem Haar die Farbe der Sonne gegeben. Du bist sein unter Sterblichen wandelnder Sonnenhund.«


    Wir hatten die Rollen getauscht. Du warst nun derjenige, der Gutes in einer Situation zu sehen versuchte, die nichts Gutes in sich trug. Du warst bei mir, um mich aus der Dunkelheit zu geleiten, so wie ich dich einst ins Licht geleitet hatte.


    »Bedenke, Kyashar hat weitaus mehr verloren als du. Seine gesamte Magie ist vollständig verbrannt. Er ist magisch tot, Sharant hat das überprüft. Da ist nichts mehr. Damit hat Kyashar jeden Wert als Thronfolger verloren. Es muss stets ein Erzhexer sein, der die Familie führt. Alles, wofür er gelebt hat, ist nicht mehr. Er hat keinen Verlobten mehr und keine Zukunft. Er hat ebenso wie du überlebt, aber völlig umsonst. Du bist nur erblindet, doch alles andere bleibt. Ich bin noch an deiner Seite, du bist weiterhin Thronerbe und deine Magie ist klarer und kraftvoller denn je. Kyashar bleibt nichts. Das ist die Botschaft und darum hat er auch kein weißes Haar.«


    »Mir tut Kyashar leid«, sagte ich leise. »Sein größtes Verbrechen war, dich zu lieben.«


    »Meinst du? Seine sogenannte Liebe habe ich dem Wicht ausgetrieben, als ich seinen Kehlkopf zwischen den Fingern quetschte. Ich betrachte ihn anders als du und er weiß, dass er mich nicht täuschen kann. Auch wenn die Beweise fehlen und ihr beide es leugnet, aber es war kein Unfall. Kyashar zittert vor Angst, wenn ich den Raum betrete und ihn schweigend ansehe. In der Nacht lautlos zu erscheinen und ihn anzustarren, bis er die Augen aufschlägt, ist sehr wirkungsvoll. Manchmal stehe ich danach minutenlang an seinem Bett, bis er wimmernd die Hände vor das Gesicht nimmt. Oder noch länger, bis er heult.«


    »Und dann?«


    »Dann kommt Cinazi und schickt mich fort«, lachtest du. »Und er hat einen weiteren Anlass, Kyashars verletztes Seelchen zu streicheln und ihn zum Trost an seine Brust zu legen, wo er sich ausheult und manch interessante Dinge offenbart. Es ist eine produktive Zusammenarbeit.«


    Ich protestierte. »Ich habe Cinazi stets als einfühlsamen und anständigen Menschen erlebt. Er würde solche Methoden niemals gutheißen!«


    »So, glaubst du.« Ich hörte, dass du schmunzeltest. »Du vergisst, dass er zwei Seiten hat. Was meinst du, warum er sich in letzter Zeit als Frau gibt? Für Kyashar, der um die Hand eines Mannes anhielt? Oh nein. Cinazis weibliche Hälfte scheint eine giftige Seeschlange zu sein, die den Katzenhai langsam umwickelt, bis er sich nicht mehr wehrt. Die Waffen einer Frau sind auch die seinen und dort sind sie gut eingesetzt. Aber ich freue mich, dass du wieder der alte Wohltäter bist. Das werte ich als gutes Zeichen. Nimm meinen Arm, wir versuchen einen Spaziergang.«[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    es ist schwer, ein gerechtes Urteil über jemanden zu fällen, der womöglich versucht hat, den eigenen Sohn zu ermorden. Trotz der Beteuerungen, dass im Laboratorium nur ein Unfall stattgefunden hätte, war mein Vater geneigt, die volle Härte des khilarischen Gesetzes auszureizen Aber damit hätte er mein Wort öffentlich angezweifelt, was ihn ausbremste. Ein Umstand, den ich, zugegeben, in dieser Sache ein wenig ausnutzte, um meinen eigenen Willen durchzusetzen. Das erkannte mein Vater. Und so löste er den Zwiespalt elegant, indem er es mir überließ, das öffentliche Urteil zu sprechen. Ich sollte lernen, was Gerechtigkeit ist, indem ich mein Gewissen befragte und mein erstes Urteil sprach und es am Ende vollstrecken ließ. Kyashars Leben oder Sterben lag nun in meiner Hand, genau wie die Sicherheit unseres Hauses, wenn ich einen diplomatischen Fehler beging.


    Du und ich, wir saßen gemeinsam zu Tisch und ließen uns Garnelenspieße schmecken, während ich noch über all dies nachdachte. Meine Sehkraft hatte ich unwiderruflich verloren, doch alle übrigen Sinne waren klarer denn je. Meine Zunge ertastete, was den Augen verwehrt blieb. Ich schmeckte nicht nur das zarte Aroma der Garnelen, sondern spürte ihre Struktur und elastische Festigkeit überdeutlich im Mund. Ein Sinn aber übertraf alle anderen - mein magischer Sinn. Selbst kleinste Spuren von Leben, Stäubchen vitaler Präsenz, zu klein für das Auge und jedes Messinstrument, überzogen die Erde, in denen die Kronenkorallen wuchsen. Die Pilze selbst leuchteten als weißer Wald in dem grauen Zwielicht, das die Schwärze nun abgelöst hatte. Die Anwesenheit von Lebensessenz konnte jeder Hexer spüren, doch für mich wurde sie mehr als eine Information zum Gebrauch von Magie. Auch wenn die Umgebung selbst nicht wahrnehmbar wurde, ihre Bewohner waren es. Ich sah Licht und Dunkelheit, Leben und Tod in ihrer Reinform und sonst sah ich nichts.


    Du hattest Recht. Dies war kein Fluch, sondern ein Segen. Meine Blindheit hatte mir die inneren Augen geöffnet und mich zu einem wahren Boten Alvasheks gemacht.


    »Was sagt Cinazi zu der ganzen Angelegenheit?«, wolltest du wissen. »Er hat mehr Zeit mit Kyashar verbracht als jeder andere. Wie schätzt er ihn ein?«


    Du warst ein weißes Geisterwesen aus reiner Lebensessenz. Der Tisch und die Speisen blieben unsichtbar. Und so sah ich auch in der Halbwelt des Zwielichts, die den Nexus bildete, wie wenig es war, das an Leben noch existierte in unserer Welt. Ich spürte deine Körperwärme und war froh darum, auch wenn ich keine Einzelheiten wahrnehmen konnte und dich nie wieder lächeln sehen würde.


    »Cinazi sagt, Kyashar sei körperlich vollständig genesen«, erklärte ich. »Seelisch sieht das anders aus. Der Gefangene wird von Angstattacken heimgesucht und Alpträume lassen ihn selbst den Schlaf fürchten. Kyashar glaubt, dass wir ihn päppeln, damit er die Qualen einer grausamen Hinrichtung lange genug durchsteht, um uns viele Tage zu erfreuen. Magisch hat sich nichts bei ihm geändert, immer wieder versucht er, auf seine verlorene Gabe zuzugreifen, doch er spürt nichts mehr und bleibt seinerseits unerreichbar für jeden Versuch der Kontaktaufnahme. Auch ich kann ihn nicht wahrnehmen, da ist kein Licht, kein Leben. Ich vermute, seine Seele wurde verbrannt und allein sein Körper wandelt noch unter uns. Der Verlust seiner Magie quält ihn, er ist magisch taub, blind und stumm. Sein Opfer war größer, denn er hat keine Gegenleistung für seinen Verlust erhalten.«


    Du schnaubtest. »Aber was sagt Cinazi ansonsten? Die Gesundheit des Mejitai interessiert mich nur mäßig. Welches Urteil empfiehlt Cinazi? Darauf kommt es mir an.«


    »Cinazi würde sein neues Spielzeug gern behalten. Er ist für eine Versklavung von Kyashar. Ich gehe offen gestanden davon aus, dass er ihn als Lustsklaven halten möchte. Was Sharant davon hält, kannst du dir denken, wo er selbst seiner Frau und seinem Mann alle Jahre treu war und weder Mätressen noch Eunuchen je seine Ehe beflecken ließ und erst Recht keine Sklaven. Es gibt keine dieser Personengruppen auf Khilar, ich weiß nicht, woher Cinazi diese Gedanken hat, aber Sharant ist ohnehin dagegen. Dazu wird es also nicht kommen. Und was empfiehlst du?«


    »Ich will diese schleimige kleine Kreatur tot sehen. Weder dein Vater noch ich kaufen dir ab, dass du einen Mordversuch nicht als solchen erkennen würdest. Sharant hofft auf deine Vernunft, wenn du selbst Recht sprichst. Es war ein Anschlag und warum du Kyashar deckst, erschließt sich uns nicht. Aber Sharant hält sich mit seiner Meinung zurück. Er möchte deine Position nicht schwächen, indem er dich als einen naiven Jungen hinstellt. Es liegt allein bei dir. Was also sagst du?«


    Ich lachte. »Ich halte mich nicht für naiv, mein Herz. Aber ich sehe die Dinge anders als ihr. Alvashek hat Kyashar bereits bestraft, in dem Moment, da der Mejitai die Explosion auslöste, die mir das Augenlicht raubte. Ihm raubte sie alles. Ist das nicht genug? Wer wäre ich, Alvasheks Urteil anzuzweifeln und es als zu mild zu verunglimpfen? Wenn du ein wenig darüber nachdenkst, wirst du erkennen, warum sein Urteil gut ist, so, wie es ist.«


    Ich suchte deine Hand, du strecktest sie mir entgegen, damit ich dich spüren konnte.


    »Freispruch also«, murrtest du.


    »Der Kreislauf aus Rache und Vergeltung muss durchbrochen werden, Horatio«, sagte ich sanft. »Die Stammbäume der Häuser von Caltharnae sind von ewigen Fehden und Kriegen durchlöchert. Es gibt kein Haus, dass nicht in jeder Generation Tote zu beweinen hat. Wenn es bei den Auseinandersetzungen nicht um die letzten Essenzreserven geht, dann um die Rache für weiteres ein gefallenes Familienmitglied. Wie soll es auf diese Weise je enden? Wie Frieden einziehen? Einer muss den ersten Schritt tun und dem anderen vergeben. Und das wird Haus Schwarzfels sein. Vertraue Alvashek und mir.«


    Ich zog deine Hand an mein Gesicht, um deine Finger auf meiner Wange zu spüren. Zudem wollte ich dich mit der Geste daran erinnern, das Liebe dich einst aus dem Dunkel errettete und nicht Hass.


    Eine Weile hast du geschwiegen. »Ich muss gestehen, dass ich ein wenig versucht bin, den Ettainarar sprechen zu lassen und Kyashar hinter deinem Rücken einen Unfall erleiden zu lassen. Wäre das nicht passend, ein Unfall, um einen Unfall zu beantworten? Wenn ich mir nur sein Fischgesicht vorstelle, packt mich die kalte Wut.«


    »Willst du das wirklich tun?«, fragte ich, ohne die Enttäuschung in meiner Stimme zu verbergen.


    Du zogst deine Hand zurück und hieltest meine fest. Du küsstest meine Finger. »Ich habe deinen Namen angenommen, weil ich dich liebe und ich mich im Kreise des Hauses Schwarzfels ... zu Hause fühlte. Als ich um deine Hand anhielt, war ich entschlossen, ein Schwarzfels zu werden und nicht nur deinen Namen zu tragen. Diese Vermählung fand nicht nur auf dem Papier statt, sondern in unseren Herzen. Dass ich in deinem Haus willkommen geheißen wurde, obwohl man mich kaum kannte, ist eine Ehre, die ich nicht verdiente und ein großes Entgegenkommen deines Vaters, für das es noch weniger Anlass gab. Ich bin Teil deiner Familie geworden aus Gründen, für die kein Erzhexer aus Caltharnae seinen erstgeborenen Sohn verheiraten würde. Ich möchte mich dessen als würdig erweisen. Und darum werde ich wie ein Schwarzfels handeln und nicht wie ein Ettainarar. Ich beuge mich deinem Urteil als mein Mann und als mein künftiger Erzhexer. Kyashar hat nichts von mir zu befürchten, so lange du es nicht verlangst.«


    »Danke für dein Vertrauen, mein Herz«, sagte ich glücklich.


    »Es gibt nichts zu danken, wir sind eine Familie und ich falle dir nicht in den Rücken. Das Licht des Leuchtturms soll den Weg in eine gute, bessere Zukunft weisen und andere Häuser werden sich hoffentlich ein Beispiel daran nehmen.«


    »Hoffentlich? Fürchtest du, sie könnten es nicht tun?«


    Du presstest deine Augen auf meine Hand. »Ich fürchte so einiges. Aber ich vertraue auch darauf, dass Schwarzfels dem Dunkel von Caltharnae schon seit langem erfolgreich trotzt. Wenn es noch ein Licht der Hoffnung gibt, dann bringt es unser Haus.«


    »Bitte sei an meiner Seite, wenn ich zum ersten Mal Recht spreche. Es wird das Recht Alvasheks sein, dessen Bote ich bin.«


    Deine Lippen küssten meine Hand. »Ich werde immer an deiner Seite sein. Sei du auch an meiner.«


    »Für immer, Horatio.«


    »Für immer, Turhalo.«[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    die Menschen sind so unsagbar kompliziert, dabei könnte das Leben so einfach sein. Aber oft genug machen sie es sich selbst und anderen unnötig schwer.


    Als wir in das Krankenzimmer traten, raschelten Kyashars Kleider, als er sich erhob. Anders konnte ich ihn nicht wahrnehmen. Er versuchte, sein vermeintliches Todesurteil würdevoll zu empfangen und trat mir entgegen. Ich roch seinen Angstschweiß. Kyashar hatte, wie jeder Bewohner von Caltharnae, oft genug Folter und Hinrichtungen unliebsamer Rivalen erlebt, mit einer großen Wahrscheinlichkeit auch selbst durchgeführt, um sich an den freiwerdenden Essenzen zu laben wie an einer köstlichen Speise. Er wusste, was ihm normalerweise geblüht hätte. Er wusste nicht, dass er der erste Prinz sein würde, den ein anderes Haus begnadigte.


    Plötzlich prallte ich gegen Licht. Hinter einem Schrank genau neben Kyashar hatte Cinazi gestanden, weshalb ich ihn nicht wahrgenommen hatte. Als er hervortrat, prallten wir gegeneinander. Reflexartig hob ich die Hände und spürte seine entblößten Brüste, die er jetzt schamvoll versuchte, unter dem geöffneten Kleid zu verbergen.


    »Cinazi, bei allem, was heilig ist! Wenn Vater das wüsste«, rügte ich. »Du bist verheiratet. Und du weißt, was Sharant davon hält, wenn du dich als Frau gibst. Warum er das nicht möchte, glaube ich nun zu verstehen. Wurde dein Körper entweiht?«


    »Nein, Exzellenz«, knurrte Cinazi leise. Indem er mich förmlich ansprach, zeigte er, dass er sich seines Fehltrittes bewusst war und meine Reaktion fürchtete. »Ich bin nach all den Jahren der Ehe auch heute noch immer Jungfrau. Kyashar sollte mich nur anschauen. Sharant möchte mich nicht als Frau sehen und niemandem sonst ist es erlaubt, meinen nackten Körper zu betrachten oder mehr.«


    »Kyashar ist es ebenso wenig erlaubt, er ist nicht dein Sklave! Was geht nur in deinem Kopf vor, hast du keinen Anstand? Vater soll sich von deiner Unversehrtheit überzeugen und über deine Strafe entscheiden.«


    »Bitte nicht«, sagte Cinazi leise und seine Lichtgestalt, die deutlicher war als die aller anderen, ließ den Kopf hängen. »Lasst Liankar meinen Körper überprüfen, Prinz. So wisst Ihr, dass ich nicht gelogen habe und noch immer Jungfrau bin. Ich werde mich anschließend umziehen und vom heutigen Tag an nie wieder ein Kleid anlegen. Bitte verzeiht mir dieses eine Mal, es kommt nicht wieder vor. Sharant würde meine weiblichen Anteile sonst ... noch weniger begehren.«


    Warum Cinazis Körper auf dieser Ebene so übermäßig detailliert erschien, wusste ich nicht. Ich sah sein Gesicht, seinen Körper, seine doppelte Natur in allen Einzelheiten, während jeder andere für mich nur ein verwaschenes Gespenst war, das nicht einmal ein Gesicht besaß. Cinazis Augen verfügte sogar über Pupillen. Seine Kleidung aber, die aus leblosen Fasern bestand und zu dünn war, die Aura abzublocken, sah ich nicht. So erkannte ich auch, dass Lust von Cinazi Besitz ergriffen hatte und das bestätigte meine Vermutung, dass er Kyashar für sein körperliches Vergnügen benutzen wollte. Nie hatte ich für Cinazi mehr Verachtung empfunden.


    »Dieses eine Mal, Cinazi«, mahnte ich streng. »Solltest du mir künftig Anlass dazu geben, an deiner Loyalität gegenüber unserer Familie zu zweifeln, werde ich mich an den heutigen Tag erinnern. Vater hat dich als seinen Mann geehelicht, so steht es in dem Vertrag, den dein Vater für dich unterzeichnete. Auch er hat dich als einen Sohn betrachtet und genau genommen hätte man ihm auch Betrug vorwerfen können. Doch Sharant akzeptierte dich so, wie du bist und er liebt dich.«


    Cinazi schluchzte auf. »Aber er begehrt mich kaum. Und ich bin kein Mann!«


    »Doch, das bist du. Weil du beides bist.«


    »Ich bin vielmehr nichts von beiden! Wie ich mich als Frau fühlen würde, darf ich nicht einmal ausprobieren. Vielleicht wäre ich glücklicher, wenn ich als Frau leben dürfte? Woher soll ich das wissen?«


    »Das kannst du vor einem Spiegel testen, wenn du allein bist. Für mich warst du im Übrigen nie ein Mann, sondern stets beides. So wie du auch jetzt im Kleid für mich keine Frau bist, sondern immer noch beides. Für mich bist du einfach Cinazi, ganz gleich, welche Kleidung du über deinen Körper ziehst. Und nun geh zu Liankar und anschließend in deine Gemächer. Ich möchte dich nicht mehr bei Kyashar sehen, weder heute noch an einem anderen Tag. Er bringt dich auf ungute Gedanken.«


    Als Cinazi fort war, starrte ich auf die Stelle, wo ich Kyashars Kleidung rascheln gehört hatte.


    »Was hat Cinazi dir angetan?«, erkundigte ich mich.


    »Nichts, Prinz von Schwarzfels. Ich glaube, sie wünschte einfach, dass jemand ihre Weiblichkeit wahrnimmt. Wir haben lediglich gesprochen, während sie ihren Körper entblößt zeigte, aber weder habe ich sie berührt noch sie mich.«


    Es war ungewohnt, zu hören, dass jemand von Cinazi in weiblicher Form sprach. Ich wechselte das Thema, ich hatte genug gehört und es bereitete mir schlechte Laune, dass Cinazi drauf und dran gewesen war, meinen Vater zu betrügen. Den Rest musste der Heiler klären und Sharant, falls sich herausstellen sollte, dass Cinazi und Kyashar gelogen hatten und doch bereits mehr gelaufen war, als sie behaupteten.


    Ich informierte Kyashar mürrisch, dass zum nächsten Sonnenaufgang das Urteil gesprochen werden würde. Wie es ausfallen mochte, behielt ich für mich.[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    zum ersten Mal durfte ich auf dem Platz meines Vaters sitzen. Der Thron von Khilar schmiegte sich in sanfter Wölbung gegen meinen Rücken, unter meine Beine, unter meine Arme. Gepolstert mit Seelöwenfell und den Schwung der natürlichen Körperhaltung folgend, bot er einen angenehmen Sitz. Doch die Macht, die Sharant mir damit anvertraut hatte und die Verantwortung, die mir aufgebürdet war, ließen mir den Thron dennoch unkomfortabel erscheinen. Dass ich wirklich einst Erzhexer sein sollte, erschien mir unwirklich. Heute ging ich einen weiteren Schritt des Weges meiner Bestimmung. Erstmals in meinem jungen Leben sprach ich Recht in unserem Land.


    Ich war nicht allein im Thronsaal. Zu meiner Rechten saß auf einem kleineren Sessel mein Vater, um mir, wenn gewünscht, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Hinter mir stand mein Leibdiener Azmick sa Volkin, der seit meiner Blindheit wichtiger geworden war denn je. Zu meiner Linken saßest du. Was du empfunden haben mochtest, als man deinen ehemaligen Verlobten als Delinquenten hineinführte, wusste ich nicht, doch es konnte nichts Gutes sein, so wie deine Aura peitschte.


    Die Celesti der Lichtgarde sicherten den Thronsaal. Formal war ich ihr Oberhaupt, doch das alltägliche Kommando hatte ein anderer inne. Zwei Celesti flankierten Kyashar, die übrigen bildeten ein Spalier, das die Zuschauer von dem Mittelgang und dem Thron abschottete. In den Händen trugen sie Walbeinstäbe, die Lanze und Magierstab in einem waren. Von den Zeiten her, da ich noch sehen konnte, wusste ich, dass sie vollständig in Weiß gehüllt waren. Ihre brachiale Gegenwart wirkte unverhältnismäßig in Anbetracht des magisch verstümmelten Mejitai. Es schien, als würde ein Söldnerheer einen hilflosen Taubblinden bewachen. Aber so verlangte es das Protokoll.


    Die zwei Celesti, die Kyashar führten, blieben in gebührender Entfernung vor dem Thron stehen. Ihre Anwesenheit war wichtig, damit ich wusste, wo der Angeklagte sich überhaupt befand. Einer von ihnen nahm magisch Kontakt mit mir auf.


    ›Sprich‹, forderte ich ihn mental auf.


    ›Kyashar verneigt sich soeben, Exzellenz. Als wir ihn holten, ließ er sich ohne Widerstand führen. Er hat große Angst.‹


    ›Danke, das genügt vorerst. Informiert mich weiterhin über die Körpersprache des Delinquenten, wenn es relevant erscheint.‹


    ›Sehr wohl, Exzellenz.‹


    Ich richtete mich sitzend im Thron auf. »Prinz Kyashar Tanguy sa Mejitai«, sagte ich den vollständigen Namen des Delinquenten. »Wir haben uns heute hier versammelt, um Euer Urteil zu sprechen. Die Anklage wiederhole ich an dieser Stelle nicht, sie ist allgemein bekannt.«


    Denn dann hätte er gewusst, dass sie nicht Mordversuch lautete, sondern fahrlässiger Gebrauch von Magie mit Körperverletzung. Ich wollte ihn noch ein wenig zappeln lassen, um ihn zu prüfen. Wer wusste schon, was er noch ans Licht brachte, wenn seine Nerven blank lagen?


    »Möchtet Ihr etwas zu Eurer Verteidigung vorbringen, Prinz?« fragte ich.


    »Nein. Nur ein paar letzte Worte an Euch«, antwortete Kyashar mit der ruhigen, todtraurigen Stimme eines Mannes, der mit seinem Leben abgeschlossen hatte.


    Ich nickte. »Die Bitte sei gewährt. Sprecht.«


    »Mit der Züchtung dieser Kronenkorallen habt Ihr weder Euch noch allen anderen einen Gefallen getan. Sie werden den guten Zweck nicht erfüllen, den Ihr angedacht habt, sondern eines Tages Euer Untergang sein. Wenn ich eine Empfehlung aussprechen darf, dann vernichtet diese Pilze und sämtliche Aufzeichnungen!«


    Ich versuchte einmal mehr, ihn magisch abzutasten, doch da war nicht einmal das Gefühl eines Widerstands oder eines Hohlraums, da war schlichtweg gar nichts. So stellte ich das sinnlose Unterfangen ein. Kyashars Ziele und Absichten vermochte ich nicht zu durchschauen, doch seine Gedanken drehten sich nicht um ihn selbst, sondern um das Wohl seiner Familie. Ich sah hier gute Anlagen, die all die Jahre vollkommen vergeudet worden waren im ewigen Machtkampf der Häuser.


    »Was genau ist Eure Sorge?«, wollte ich wissen.


    »Ihr und ich, wir haben am eigenen Leib erlebt, dass man daraus Waffen formen kann. Wenn man die Gabe der Kronenkorallen, Essenz zu speichern, mit dem kombiniert, was im Laboratorium passiert ist, haben wir eine magische Endschlagwaffe.«


    So weit hatte ich nicht gedacht. Ich war schockiert, wie man darauf kommen konnte, aus etwas, das ich mit dem bestem Gewissen und dem Segen Alvasheks erschaffen hatte, um den Menschen zu helfen, eine Waffe zu formen. Was ging nur in diesen Köpfen vor? Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen.


    »Ich gab Euch die potenzielle Waffe in die Hand«, erinnerte ich. »Ist das nicht Vertrauensbeweis genug? Schwarzfels hat nicht vor, Krieg zu führen.«


    »Die anderen Häuser mögen weniger noble Ansichten hegen. Mit genügend dieser Pilze kann man eine Festung nach der anderen leerfegen und die Türme der Erzhexer werden gegen eine solche Entfesselung keinen Schutz bieten, wie versiegelt sie auch sein mögen und welche Gegenflüche auch auf ihnen liegen. Nichts und niemand hat einer solchen Menge freigesetzter Magie etwas entgegenzusetzen.«


    Ich lächelte mild. »Und Ihr fürchtet, dass nicht Mejitai das Haus sein wird, welches das folgende Wettrüsten gewinnt. Ihr fürchtet, jemand anderes wäre der Erste, der eine Endschlagwaffe in den Händen hält.«


    »Natürlich fürchte ich das«, sagte er müde.


    Nun tat er mir leid. Kyashar wäre vermutlich gern einen anderen Weg gegangen als den dunklen Pfad des ewigen Krieges. Doch er hatte nie gelernt, wie er das tun konnte. Ja, meine Entscheidung war richtig. Dieser Mann würde leben und die Botschaft der Gnade und der Vergebung weitertragen, um den Kreislauf des Krieges zu durchbrechen.


    »Prinz Kyashar Tanguy sa Mejitai. Seid Ihr bereit, den Urteilsspruch zu vernehmen?«


    »Ja, Exzellenz«, antwortete er.


    »Das Haus Schwarzfels befindet, dass es sich bei der magischen Explosion im Leuchtturmlabor um einen Unfall handelte und keine von Euch bewusst vollzogene Handlung. Fahrlässigkeit ist dabei nicht gegeben, da Euch nicht bekannt war, wie die Kronenkorallen beim Einsatz von Magie wirken. Zum Beweis genügt die Tatsache, dass Ihr selbst das größte Opfer der Explosion wart. Ihr seid bereits genug gestraft, Prinz. Das Urteil lautet Freispruch. Sobald Ihr Euch dafür bereit fühlt, dürft Ihr Khilar mit Eurem Schiff verlassen. Bis dahin seid Ihr unser Gast und dürft Euch frei auf der Insel bewegen.«


    Fassungsloses Schweigen. Dann blaffte Kyashar hysterisch: »Wollt Ihr meinen Tod Eurerseits wie einen Unfall aussehen lassen, indem Ihr mein Schiff mit Mann und Maus versenken lasst, weil Ihr den Zorn meines Vaters bei einer formellen Hinrichtung fürchtet? Eure Angst ist berechtigt! Mejitai ist eines der größten Häuser und seine Macht basiert nicht auf Freundlicheit. Erzhexer Yarigo Evichanda sa Mejitai ist ein erfahrener Erzhexer und wird sich nicht von einer so offensichtlichen List täuschen lassen. Ihr könnt Ihn mild stimmen, indem Ihr mich nicht foltert, sondern die Hinrichtung kurz und ehrenvoll vollziehen lasst. Dann wird die Rache vielleicht nicht ganz so vernichtend ausfallen und Eure Untertanen dürfen als unsere Vasallen dienen anstatt mit Eurer Familie zusammen zu sterben.«


    Die zwei Lichtgardisten schlugen den Mann, ich hörte die dumpfen Geräusche und sein schmerzvolles Stöhnen.


    ›Haltet ein‹, befahl ich. ›Dieser Mann ist nicht gefährlich, er ist verzweifelt. Ich will hören, was er zu sagen hat.‹


    Nachdem sie aufgehört hatten, gestattete ich mir ein schwaches Schmunzeln. »Ihr habt uns nie um Verzeihung gebeten, Prinz, dennoch teilen wir Euch mit, dass wir Euch für den Unfall ebenso wie für Eure unüberlegten Worte vergeben. Zieht in Frieden, Kyashar Tanguy sa Mejitai. Und überlegt, ob Ihr die Euch anvertraute Kronenkoralle wirklich zu einer Waffe formen wollt, oder ob Ihr sie nicht zur Aufbereitung der Böden verwendet. Kronenkorallen sind im Übrigen essbar und ausgesprochen nahrhaft. Jedoch muss man sie dafür kultivieren und nicht gewaltsam all ihre Essenzen auf einmal aus ihnen herausreißen.«


    Noch immer konnte er es nicht fassen. »Eure Ehre verpflichtet Euch zur Rache«, rief er. »In all den Jahrhunderten, die unsere Überlieferungen zurückreichen, hat es so etwas noch nie gegeben!«


    »Mein Wort ist Gesetz. Es wird keinen Vergeltungsschlag geben. Ihr dürft Euch nun zurückziehen und Euch von den Ereignissen erholen oder die Abreise vorbereiten. Eure Mannschaft ist vollzählig, die Männer wurden auf dem Schiff unter Arrest gestellt und gut versorgt.«


    Kyashar war weder in der Lage, sich zu entschuldigen, noch sich zu bedanken. Er war vollkommen verstört und hielt das Urteil noch immer für einen grausamen Scherz. Die Lichtgardisten führten ihn vor die Tür. Dort gaben sie ihn frei und wünschten ihm eine gute Heimreise. Kyashar brach in Tränen aus.[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    das zweite Jahr unserer Ehe war vorüber. Ich verbrachte die Zeit, wenn meine Pflichten als Lichtbringer und meine Vorbereitungen auf die Zeit auf dem Thron es erlaubten, bevorzugt im Biolaboratorium, wo mir die dort arbeitenden Hexer zur Hand gingen. Magisch tastete ich die Essenzströme in den Kronenkorallen und im Substrat ab und ritzte meine Tabellen und Analysen in getrocknete und gehärtete Lederstücken, so dass ich sie mit den Fingerkuppen lesen konnte. Der Rest des Tages und die gesamte Nacht gehörten dir, aber mitunter überschnitten sich die Stunden und wir verbrachten die Zeit auch während der Arbeit gemeinsam. So hast du oft bei mir im Labor gesessen. Mit der Magie, die dir als tödliche Waffe gelehrt worden war, lerntest du nun unter meiner Obhut, das Leben dieser kleinen Pilze zu hegen, in die ich noch immer all meine Hoffnungen setzte, um unsere sterbende Welt zu retten. Du warst ein gelehriger Schüler, der bald allein die Hexer anweisen konnte.


    Auch an jenem Tag, an dem ich gerade die aktuellen Ergebnisse meinem treuen Leibdiener Azmick sa Volkin diktierte, suchtest du mich im Biolaboratorium auf. Du trugst den salzigen Duft der See im Haar und in den feuchten Kleidern und den beißenden Geruch von Teer, der die Fugen unseres einzigen verbliebenen Holzschiffes abdichteten.


    Ich drehte mich dir entgegen, um den Begrüßungskuss zu empfangen, der nach tagelanger Trennung immer besonders schön war. Ganz dicht bei mir nahmst du Platz, obwohl du sahst, dass ich mich mitten in der Arbeit befand und meine Finger und Kleidung voller Substrat waren. Auch an dir hafteten noch der Schweiß und Schmutz der Seereise, doch du bliebst bei mir, anstatt zu warten, bis wir beide die Spuren des Tages abgewaschen haben würden.


    »Hattest du eine gute Reise, mein Herz?«, fragte ich, während meine Finger im Substrat bohrend den Verlauf eines Myzels ertasteten, ohne die Koralle dabei zu lösen oder zu beschädigen. Die Versiegelung der Essenzen war sehr gut. Man konnte die Korallen nicht mehr magisch wahrnehmen, außer wenn man sie berührte. Ein Zugriff von außen war nahezu unmöglich geworden.


    »Die Reise war gut, der Aufenthalt auf Caltharnae war so, wie ich es erwartet hatte", sagtest du. "Du erinnerst dich an das steinerne, arrogante Gesicht, mit welchem ich dir zu Anfang stets unter die Augen trat? So blickt in meiner alten Heimat jeder drein, vom Soldaten bis zum Kampfhexer, vom Purie bis zum Erzhexer. Es war also ausgesprochen herzlich, jedes Lächeln so herzerwärmend wie ein blitzender Krummdolch. Dass jeder, der etwas auf sich hält, in Caltharnae spitz gefeilte Zähne trägt, war für mich stets normal, inzwischen sehe ich, wie sich diese Menschen absichtlich in Haie verwandeln, in kaltherzige Raubtiere. Wenn Kyashar ein Katzenhai ist, wie du ihn einst so treffend beschrieben hast, stell dir meinen Vater als den großen Eishai vor, wenn du ihm in seiner Zitadelle begegnest. Diese finstere Aura von Macht zwingt die Niederen nur aufgrund seines Erscheinens bereits in die Knie.«


    »Es gibt keine Niederen und keine Hohen, es gibt nur Menschen mit unterschiedlichen Aufgaben. Hast du Andogius die Grüße von Vater und von mir bestellt?«


    »Das habe ich, Turhalo. Und mit den höflichsten Andogius bekannten Floskeln soll ich umgekehrt auch euch grüßen, ich hoffe, du ersparst mir, sie zu widerholen und es genügt dir die bloße Information.«


    »Verstehe, du traust dem Frieden nicht.«


    »Seine Grüße sind so falsch wie die alchemistische Sonnen, mit denen Caldera versucht, Alvasheks Licht zu ersetzen. Die genauen Absichten von Andogius aber sind unergründlich.«


    »So hab ein wenig Vertrauen in ihn. Er hätte der Hochzeit nicht zustimmen zu brauchen. Die wenigen Male, da ich ihn traf, war er zwar kühl, doch höflich und seine Worte zeugten von einem scharfen Verstand.«


    »Scharf wie ein Dolch, ganz genau. Und den führt man nicht im offenen Kampf, sondern dann, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Mir wäre es lieber, wenn er sich offen feindselig zeigen würde. Dieses Spiel steht einem Mejitai besser zu Gesicht als einem Ettainarar.«


    Ich musste lachen, während ich meine Finger aus der Erde zog und an anderer Stelle hineinschob. »Ist das nicht ein wenig ungerecht? Egal, wie Andogius sich verhält, in deinen Augen kann er nur als Bösewicht dastehen. Wenn er offen spricht, ist er böse, und wenn er es nicht tut, vermutest du, dass er eben heimlich etwas plant. Mein Herz, so wirst du niemals Frieden erlangen, wenn der Krieg von Caltharnae in deinem Herzen weiter tobt.«


    »Ich kann nicht ...«, sagtest du leise. "Der Krieg ist in meinem Kopf."


    »Dann lass uns noch ein wenig reden, damit er sich verflüchtigt. Das würde mir viel bedeuten. Wie verlief das Konzil der großen Häuser?«


    »Falls du meine Gedanken damit auf etwas Schönes lenken möchtest, muss ich dich enttäuschen. Man hat sich nach dem üblichen Säbelrasseln einvernehmlich dafür entschieden, Mejitai die Vernichtung von Volkin im Alleingang zu überlassen. Ein Akt des großzügigen Entgegenkommens, selbstverständlich, als Zeichen des guten Willens. Der wahre Grund ist leicht zu erraten. Diarmad Brodie sa Mejitai ist der kleine Bruder von Kyashar und nächster in der Thronfolge. Er will sich beweisen, sein Bruder hinterließ ihm gewaltige Fußstapfen und das trotz seiner geringen Körpergröße. Viele glauben, Diarmad sei dem nicht gewachsen. Noch so ein Wortwitz, verzeih, der Mann ist genau so klein wie Kyashar. Die anderen Häuser wollen den künftigen Erzhexer im Krieg erleben, seine Schritte beobachten und seine Entscheidungen verfolgen. Es ist ein Feldversuch und wenn das Haus Mejitai sich dabei Essenz und neue Sklaven abzwackt, ist das für den zu erwartenden Lohn zu verschmerzen, denn sonderlich gewaltig ist das künftige Resservoir namens Volkin nicht.«


    Die Aura meines Leibdieners erzitterte, sie stürzte in sich zusammen und reckte sich dann mühsam wieder in die Höhe, flackernd wie eine weiße Flamme, die im Sturm darum kämpft, nicht zu erlöschen.


    »Volkin?«, rief ich. »Das ist das Haus von Azmick!«


    »Mejitai ist das durchaus bewusst, mein Licht. Ich sagte dir doch, dass Wissen ihre stärkste Waffe ist und dank Kyashar kennen sie den gesamten Hofstaat von Schwarzfels in und auswendig. Sie wissen genau, was sie tun und wen sie damit provozieren. Es ist ein Test. So wie Ettainarar dem Haus Mejitai freie Hand lässt, um Diarmad als neue Variable zu analysieren, so analysiert Diarmad dich. Er hat allen Grund dazu. Du hast seinen Bruder verkrüppelt.«


    »Wir können das nicht zulassen«, rief ich aufgebracht. »Das ist der Anfang vom Ende, wenn wir nicht gegenwirken!«


    »Und was willst du tun?«, brülltest du. Das erste Mal, seit wir uns lieben, hast du mich angeschrien. »Die Celesti mobilisieren? Die Lichtgarde hat vielleicht zehn Prozent der Schlagkraft vom Heer des Hauses Mejitai und da rechne ich noch optimistisch und ignoriere die möglichen Verbündeten, die sie zur Unterstützung rufen! Wen rufst du, hm? Ettainarar? Mein Vater wird dich auslachen und uns beim Sterben zusehen!«


    Deine Hände packten meine Schultern. Dein leuchtendes, detailloses Gesicht war genau vor meinem, dein schreiender Mund ein gleißender Fleck, der erlosch, als du die Lippen wieder verschlossest. Verunsichert fuhr ich mir mit den dreckigen Erdfingern durch mein weißes Haar, das ich inzwischen kurz trug, da es mich beim Arbeiten mit den Kronenkorallen gestört hatte. Dazu hatte ich mir einen kurzen Dreitagebart wachsen lassen, denn mit der Blindheit kümmerte mich mein Aussehen nicht mehr und das tägliche rasieren lassen kostete mich zu viel wertvolle Zeit.


    »Ich hatte nicht vor, Mejitai den Krieg zu erklären«, sagte ich leise. »Ich bin nicht wahnsinnig. Trotzdem können wir nicht untätig bleiben. Bitte schrei mich nie wieder an. Meine Idee war eine ganz andere. Doch nun behalte ich sie besser für mich.«


    Dein Griff wurde noch fester und nur mühsam konntest du dich so weit zusammennehmen, nicht erneut laut zu werden. »Lass die Finger aus diesem Spiel, Turhalo! Du beherrschst es nicht, seine Regeln sind dir fremd.«


    »Es ist ein Affront, so viel verstehe ich. Ein subtiler, da nur wenige Volkins auf Khilar leben und ihr Familiensitz auf Caltharnae liegt, aber nichtsdestoweniger ein Affront. Wenn Schwarzfels untätig bleibt, so lautet die Botschaft, dass wir die unseren im Stich lassen. Die Botschaft gilt dann nicht nur Mejitai und allen potenziellen Angreifern, sondern auch unseren Verbündeten.«


    »Die Volkins auf Caltharnae sind keine von unseren Leuten! Die Grenze ist das Meer, dort wo seine Gischt die Gestade von Khilar küsst. Alles, was darüber hinaus liegt, ist nicht die Angelegenheit von Schwarzfels! Und erst Recht nicht, wenn es sich auf Caltharnae abspielt.«


    »Mein Herz, ich werde darüber mit Vater sprechen, auch wenn du dir wünschst, ich würde tatenlos die Hände in den Schoß legen.«


    »Bei Alvasheks Licht, ich beschwöre dich, Turhalo, meine Sonne, mein Licht, mein Leben! Lass die Finger von den Angelegenheiten Mejitais!« Du sankst auf die Knie zu meinen Füßen und umklammertest deine Robe, die Stirn gegen meine Beine gepresst. »Bitte ... ich habe noch nie um einen Gefallen gebeten, außer um deine Hand. Bitte erfülle mir nur diesen einen Wunsch. Sie sehen harmlos aus, aber dass sie das nicht sind, hat Kyashar dir bewiesen!«


    Sanft umfasste ich deine Hände und zog dich hinauf zu mir, damit wir uns in den Armen liegen konnten. »Ich bin nicht der Erzhexer von Khilar, die Entscheidungen liegen bei Sharant. Möchtest du gar nicht hören, was ich in letzter Zeit mit den Kronenkorallen getan habe?«


    »Ehrlich gesagt, sind mir diese Dinger gerade vollkommen gleich.«


    »Die Modifikation, an der ich seit dem Unfall arbeite, ist erfolgreich verlaufen. Ich habe eine Sicherung in den Stoffwechsel der Kronenkoralle einbringen können. Es wird keine Unfälle mehr geben und keine Explosionen. Fortan kann die Essenz nur noch sehr langsam hinaussickern und nur durch ein Opfer.«


    »Ein Opfer?«, murrtest du. »Das sieht dir gar nicht ähnlich. Es klingt nach den Sitten von Caltharnae, wo man Menschen quält, damit sie im Todeskampf ihre Essenz den Hexern in den Rachen schleudern.«


    Ich nickte. »Es ist der gleiche magische Mechanismus, mit einem entscheidenden Unterschied. Wer auf die Essenz in den Fruchtkörpern zugreifen möchte, muss selbst dafür das Opfer sein. Ich nenne diese Technik Blutmagie. Das eigene Blut muss auf das Myzel der Kronenkoralle tropfen, damit sie ihre Essenz kanalisiert dem Spender überträgt. Für Energiemengen, die eine Verwendung als Endschlagwaffe erforderlich machen, reicht das Blut eines Einzelnen nicht. Und was würde es nützen, ein Heer von Sklaven dafür bluten zu lassen? Die Essenz würde an sie übertragen werden und nicht an den Hexer. So ist ein verantwortungsbewusster Einsatz der Essenz gewährleistet.«


    »Aber mindestens drei Kronenkorallen sind außerhalb von Khilar im Umlauf. Zwei sind im Besitz von Ettainarar und eine in dem von Mejitai.«


    »Dann werden sie sich hoffentlich gut darum kümmern.«


    Ich glaube, an diesem Tag habe ich dich zur Verzweiflung getrieben, denn du bist in der eiskalten Brandung an den Klippen von Schwarzfels schwimmen gegangen, während ich meine Arbeit fortsetzte. Als ich fertig damit war, ging ich zu Vater. Du warst noch zu sehr im alten Trott gefangen, um zu sehen, dass es noch andere Möglichkeiten als Krieg gab, wenn man provoziert wurde.[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    ich verriet dir noch nicht, was Vater und ich besprochen hatten. Mehrmals versuchtest du mich, wie du es nanntest, zur Vernunft zu bringen. Doch ich hörte das Dunkel von Ettainarar aus deinen Worten und wollte davon nichts wissen. Du konntest nicht ganz aus deiner Haut, wie sehr ich mich auch mühte, dich auf den Pfad des Lichts zu bringen. Mit einem Fuß glittest du immer wieder in die Finsternis ab und dem durfte ich keinen Raum geben, wenn ich dich davor retten wollte. Als du mich ein zweites Mal anbrülltest und sogar schütteltest, verabschiedete ich mich auf eine längere Wanderung. Du solltest Zeit haben, wieder zur Besinnung zu kommen. Azmick packte für mich und äußerte seine Sorge, mich als Blinden allein losziehen zu lassen. Dabei kannte ich die Insel gut und hatte meinen Walbeinstock, den ich nun praktischerweise nicht nur als magisches Instrument und Zeichen meiner Würde als Lichtbringer trug, sondern auch zum Ertasten meines Weges verwendete, indem ich sein unteres Ende beim Gehen gleichmäßig vor meinen Füßen hin und her pendeln ließ. Ein kleinerer und leichterer Stock wäre dafür vielleicht praktischer gewesen, doch wer könnte mir den Weg besser weisen als Alvasheks Stab?


    Allein in der Wildnis hörte ich nur meine eigenen Schritte, die in Asche und Geröll knirschten, und das tiefe Brüllen des Südwindes, der von Caltharnae Hitze und neue Asche in unser Land trug. Ein Tuch vor Mund und Nase schützte meine Atemwege gegen die schwarzen Flocken und den Staub. Nach einer Weile hörte ich Schritte. Als ich mich umdrehte, sah ich die immer noch verblüffend detailliert sichtbare Gestalt von Cinazi nahen. Sein Körper hatte sich im letzten Jahr verändert. Intensive Leibesübungen, die er sich von einem Ausbilder der Celesti zeigen ließ, hatten seine Muskulatur gestählt und ihn sehr männlich werden lassen. Er trug nun wieder die fremdländischen Uniformen, wie ich von dir wusste, und ich sah, dass ein Band seine Brüste flachpresste. Cinazi legte nun wieder Wert darauf, als ganzer Mann wahrgenommen zu werden.


    "Darf ich dich begleiten?", fragte er. "Ich habe mein eigenes Marschgepäck dabei."


    "Es ist lieb gemeint, Cinazi, aber ich benötige keinen Wächter. Auf Khilar gibt es keine Gefahren, mit denen nicht auch ein Blinder fertig werden würde, wenn er die Wege kennt. Ich falle von keiner Klippe und hatte auch nicht vor, ins Feuerherz von Meru zu treten. Versprochen."


    Seine Mimik war so detailliert zu erkennen, dass ich sah, wie er entnervt die Brauen hob und sich Falten auf seiner Stirn abzeichneten. "Ich bin nicht hier, um dich zu beschützen, sondern um dich zu begleiten. Es gab Streit mit Sharant und ich möchte ihm aus dem Weg gehen."


    "Hast du schon Bescheid gegeben, wo du bist?"


    "Sicher."


    "Dann bist du eingeladen, mein Begleiter auf dieser Reise zu sein."


    Wir wanderten gemeinsam, sprachen über unverfängliche Themen oder genossen schweigend die raue Natur unserer Heimat. Wir beschlossen, zu Cinazis Heimatdorf zu wandern. Mir fiel wieder ein, wie du und ich, mein Herz, dort gemeinsam die Tangbote ausprobiert hatten, in die Fluten gestürzt waren und gerettet hatten werden müsen. Ein Lächeln legte sich auf mein Gesicht. Bald würdest du dich wieder beruhigt haben und der Alte sein. Die Wanderung dauerte fünf Tage. Cinazis Eltern bewirteten uns köstlich und stellten uns eine Übernachtungsmöglichkeit zu Verfügung. Sie waren freundlich, doch ich spürte, dass zwischen ihnen und Cinazi kein gutes Blut herrschte. Cinazi, der während der Wanderung glücklich gewesen war, fiel wieder ins Dunkel. Es hatte keinen Streit gegeben, kein böses Wort war gefallen, aber zwischen ihnen lag eine Kluft, die nicht zu überbrücken war. In Anbetracht dessen, dass Cinazi es gewesen war, der den Besuch bei seinen Eltern vorgeschlagen hatte, tat mir das besonders leid.


    Wir verbrachten den Urlaub vor allem am Meer, wo sich das Leben dieses Dorfes abspielte. Ich durfte die etliche Meter langen Tangranken befühlen. Kleine, von den Pflanzen durch ihr natürliches Wachstum eingeschlossene Luftpolster, die wie Samenkapseln aussahen, erzeugten genügend Auftrieb, um auch Menschen zu tragen, wenn man genügend Ranken miteinander verwob. Interessant war vor allem, dass diese Boote lebten, denn auch entwurzelter Tang starb nicht ab, wenn er feucht blieb. Man hielt sie lebendig, indem man sie am Ufer mit Steinen so beschwerte, dass sie vollständig untergingen, wenn man ihrer nicht bedurfte. Ihre besonderer Form hob sie ohne diese Steine wie ein normales Boot aus dem Wasser, wenngleich es natürlich in ihnen immer nass blieb.


    Cinazi und ich nahmen sein altes Boot, das er bei seinem Umzug hier zurückgelassen hatte. Es lebte noch immer. Wir legten alle Kleider ab und er bereitete es vor, indem er die neu gewachsenen Ranken geschickt in den Körper des Bootes flocht. Niemanden störte Nacktheit beim Baden auf Khilar, aber wir hatten uns dennoch in eine ruhige Bucht zurückgezogen, da Cinazi seinen Körper nicht gern der Öffentlichkeit präsentierte. Meine blinden Blicke, die ihn vermeintlich überhaupt nicht wahrnahmen, störten ihn nicht. Als er mir im flachen Wasser beibringen wollte, im Stehen auf dem tangboot zu fahren, wie es üblich war, bemerkte ich, dass das Gegenteil der Fall war und ihm meine Nähe etwas zu gut gefiel. Ich nahm es ihm jedoch nicht übel und tat, als würde ich nichts bemerken. Wir hatten viel Spaß, da ich sehr oft stürzte, ehe es mir gelang, mit dem langen Paddel im Stehen das Boot einige Meter über die Wellen gleiten zu lassen. Cinazi aber war im Wasser ganz in seinem Element. Zwar konnte ich die Wellen nicht sehen, außer dort, wo das Meeresgetier sie zum Leuchten brachten, aber ich sah, mit welcher Eleganz er ihre Gewalt zu seinem Vorteil umlenkte. Er manövrierte das Boot weit hinaus, um auch die größten Wellen reiten zu können und raste stehend auf seinem Tangboot mit ihnen dem Ufer entgegen. Ich kam nicht umhin, seine Geschicklichkeit zu bewundern, als er mit dem Boot das Meer bändigte, als wäre er der Herr der See.


    Schwimmen macht müde und wir lagen nach den Stunden der körperlichen Ertüchtigung auf einer Decke im schwarzen Sand, der uns heiß von unten wärmte. Ohne etwas zu sehen, blickte ich hinauf in den für mich nun ewig schwarzen Himmel zu Alvashek. Als ich gerade am Einschlafen war, legte Cinazi die Lippen auf meinen Mund. Seine nassen Brüste strichen dabei über meine Haut, weil er die Hände rechts und links neben meinem Kopf aufstützte. Verärgert drehte ich den Kopf zur Seite und wollte ihn an den Schultern wegdrücken. Doch er blieb, wo er war.


    "Cinazi, wir sind beide verheiratet", rügte ich. "Und das nicht miteinander!"


    "Und wären wir es nicht?", hakte er nach, ohne sich von mir zurückzuziehen.


    "Darüber brauche ich nicht nachzudenken, weil es nun einmal so ist. Horatio ist mein Mann."


    "Aber du brauchst noch eine Frau, um deine Linie zu sichern", wandte Cinazi ein. "Ich wäre gern diese Frau für dich. Ich würde mit Freuden die Mutter deiner Kinder sein und dir starke Söhne schenken. Auch Horatio, wenn ihr beide Kinder wollt. Er hat die Wahl. Aber du musst als künftiger Erzhexer Kinder zeugen. Es ist lange überfällig."


    "Ah, darum der Streit mit Sharant. Du hast ihm dies vorgeschlagen."


    "Bitte, Turhalo ... es wäre zu unser beider Vorteil. Du hättest eine Frau und ich einen Mann, der mich auch als Frau wahrnimmt. Du bist nahezu der Einzige, der mich je auf eine Weise sah, die sich gut für mich anfühlte. Ich wäre gern deine Frau, Turhalo."


    "Das kommt sehr plötzlich, darüber muss ich nachdenken und mit Horatio sprechen."


    "Horatio ist nicht hier, wir sind allein. Wir könnten schon einmal versuchen, ob wir harmonieren. Bitte ... ich möchte so gern als Frau geliebt werden. Wenigstens ein Mal im Leben, selbst wenn du nachher Nein sagst zu einer Ehe. Ich möchte wissen, wie es sich anfühlt."


    Ich konnte nicht so schnell reagieren, wie Cinazi auf meiner Hüfte saß. Seine Finger umschlossen meine Handgelenke ziemlich fest und seine Oberschenkel fixierten meine Flanken. Er hatte durch die Leibesübungen viel Kraft. Ich schrie auf, als ich die Dunkelheit zwischen seinen leuchtenden Zähnen hervorsteigen sah wie Rauch aus dem Maul einer mythischen Feuerechse. Ich hatte körperlich keine Chance.


    "Es ist Kyashar", keuchte ich. "Nicht wahr? Du vermisst Kyashar! Er ist es, dessen Frau du gern wärst. Du versuchst ihn zu vergessen und es gelingt dir nicht. Nun hoffst du, dass ich dir beim Vergessen helfe."


    In einem unerträglichen Schmerz krümmt Cinazi sich auf mir zusammen. Ich hatte genau ins Schwarze getroffen. Wie Teer tropften seine dunklen Tränen auf meine Brust, ehe er von mir herunterstieg und sich bäuchlings auf die Decke presste. Cinazi war ein wunderschöner Mensch, ganz gleich, ob er sich als Mann oder als Frau gab, ihm folgten stets begehrliche Blicke. Doch Frauen erwarteten einen ganzen Mann und Männer eine ganze Frau. Mit wenigen Ausnahmen wie mein Vater, der ebenfalls einen ganzen Mann erwartet hatte und Cinazi das spüren ließ. Wenige konnten sich auch nur vorstellen, jemanden zu lieben, der Mann und Frau zugleich war. Kyashar und ich waren tatsächlich die einzigen mir bekannten Menschen, die wussten, welche Natur Cinazi besaß und ihn so, wie er war, ohne Wenn und Aber akzeptiert hatten. Das war sehr traurig, denn Cinazi war als gutherziger und offener Mensch auf die Welt gekommen. Ich rieb mein Gesicht. Mehr als alles andere schreckte mich die Bosheit ab, zu der Cinazi inzwischen fähig war. Das hatte er schon gezeigt, als er Kyashar als Sklave behalten wollte und nun erneut unter Beweis gestellt mit seinem Übergriff. Er würde einen guten Erzhexer abgeben, wäre er magisch talentiert. Man konnte vermutlich von Glück reden, dass er es nicht war.


    Ich legte ihm versöhnlich eine Hand auf den Arm. "Manche Dinge bekommt man nur geschenkt oder bekommt sie überhaupt nicht. Was du suchst, wirst du nicht erlangen, wenn du es dir mit Gewalt zu holen versuchst. Sharant liebt dich, Cinazi, sonst hätte er dich nach der enttäuschten Hochzeitsnacht deinem Vater zurückgegeben. Und darum wird er sich auch quergestellt haben, als du ihm vorschlugst, die Mutter meiner Kinder zu werden. Als was auch immer er dich sieht, er liebt dich."


    "Wenn das Sharants Liebe ist, die eine Hälfte von mir ignoriert, als wäre sie nicht existent, dann will ich sie nicht", schnaubte Cinazi wütend. "Ich liebe ihn schon lange nicht mehr!" Seine ganze Gestalt begann schwarz zu dampfen, als er seinen Tränen freien Lauf ließ. Wären wir bekleidet gewesen, hätte ich ihn in den Arm genommen, aber so wollte ich das nicht, insbesondere nach dem, was er gerade versucht hatte. Doch ich ließ ihn auch nicht allein, als er einen Freund brauchte und der wollte ich weiterhin für ihn sein. Danach schien das Dunkel von ihm gewaschen zu sein. Es war, als hätte es seinen Körper auf diesem Wege wieder verlassen. Er setzte sich auf, um seine Augen zu reiben. Noch nie hatte ich einen so traurigen Menschen gesehen.


    "Lass uns wieder gut miteinander sein", sprach ich, obwohl es an Cinazi gewesen wäre, eine Versöhnung zu suchen. Ich wollte ihm die Hand reichen, die er so dringend benötigte. Einsamkeit war wie Gift und ich mochte Cinazi noch immer. Er sollte nicht im Dunkel versinken.


    Er nickte ernst, nun wieder ganz der Mann, den er täglich spielte, ging zum Meer und reinigte sein Gesicht mit Wasser. "Ich werde dir zum Dank ein Geheimnis zeigen, Turhalo."[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    selbst eine kleine Insel wie Khilar hat Winkel, die so unzugänglich sind, dass niemand sie kennt. Unsere Heimat barg ein Geheimnis, das uns allen entgangen war. Cinazi aber sah seit jeher mehr als die anderen. Sein Blick unterlag nicht den Grenzen eines Mannes oder einer Frau, er sah die Welt klar und unverfälscht. Cinazi, der immer nur eine Hälfte von sich präsentieren durfte, war in Wahrheit der vollkommenste Mensch von allen. Die Welt war es, die seine Vollkommenheit als zu viel empfand. Der enge Zeitgeist konnte sie nicht erfassen und so wurde Cinazi, der sich nie entfalten konnte, verdorben. Wie sehr wünschte ich mir, ihn zu heilen ... doch nicht um jeden Preis. An erster Stelle stand meine Pflicht als Thronerbe von Khilar und als dein Mann.


    Mein tastender Walbeinstock fand kaum noch Stellen, auf die ich gefahrlos meine Füße setzen konnte. Feuchtigkeit drang in meine Nase, dabei hatten wir uns vom Meer wegbewegt. Es ging nach unten. Klamm und feucht war die Luft, der Wind spielte ein schauriges Flötenspiel im Gestein.


    Ich blieb stehen. »Wohin führst du mich? Der Weg wird für mich schwierig.«


    »Wir sind fast da, nur noch wenige Meter. Es ist eine Grotte.«


    Meine Lippen pressten sich zusammen. Der Gedanke, dass hier niemand meine Leiche finden würde, wenn Cinazi mich nach vollbrachtem Werk verschwinden ließ, drängte sich mir auf.


    »Soll ich dir helfen?«, fragte er. »Es ist nicht mehr weit.«


    »Ich möchte wissen, wohin du mich bringst! Irgendeine Grotte...! Welche Grotte? Wo?« Die Angst in meiner Stimme war nicht zu überhören. Ich wollte umkehren und zurück ins Dorf gehen, aber ich würden den Weg nicht allein finden. Es gab keine Markierungen oder festen Wege, an denen ich mich hätte orientieren können. Als Cinazi mich hierher geführt hatte, waren wir durch die Wildnis gewandert.


    »In der Tiefe von Khilar ruht ein Schiff«, gab Cinazi preis. »Es scheint nicht gestrandet zu sein, sondern wurde wohl einst versteckt und vergessen. Die Bauweise ist ausgesprochen interessant. Weder Tang noch Holz bilden seinen Rumpf. Aus Eisen ist dieses Schiff gemacht.«


    Nun überwog meine Neugier. So etwas dachte sich niemand aus, nur um sein Opfer ins Verderben zu locken.


    »Also schön. Führe mich an der Hand. Bitte langsam.«


    Warme Finger hielten mich, als wir tiefer in die Grotte stiegen. Unten angelangt sah ich ein schwaches Leuchten. Wie war das möglich? Ich konnte das Schiff sehen! Das musste an Organismen liegen, welche die Oberfläche im Laufe der Jahre besiedelt hatten. Mich erinnerte die Form an einen der Kalmare, die gelegentlich aus dem Abyssal an die Oberfläche gespült wurden und dann verendeten, doch die Größe übertraf die eines jeden Lebewesens und jeden Schiffes, das ich kannte. Trotz der Ausmaße wirkte das Gefährt keineswegs klobig, sondern elegant. Der Kopf glich einer Speerspitze und machte die Hälfte der Länge aus. Er war es, der die Assoziation zum Kalmar bewirkte. Der Rumpf hingegen erinnerte an einen stilisierten Seelöwenkörper mit zwei seitlichen Brustflossen und zwei abgespreizten Hinterflossen sowie einem merkwürdigen Schwanz. Einen Eingang sah ich nicht.


    »Dieses Schiff ist komplett geschlossen«, wunderte ich mich laut und ließ die Hand über die Oberfläche gleiten. Sie fühlte sich so rau an wie Sandstein. Ein Klopfen verriet jedoch in der Tat Eisen oder ein ähnliches Material.


    »Kannst du das Schiff etwa sehen, Turhalo?«


    »Ja«, sagte ich ehrlich. »Alvasheks Segen lässt mich Lebensenergie sehen. Ich erblicke das Leben auf dem Metall. Oder vielleicht wohnt auch darin? Das ist schwer zu sagen. Es scheint sich um Kleinstlebewesen zu handeln, welche die gesamte Oberfläche besiedeln.«


    »Kannst du alle Lebensenergie wahrnehmen?«


    »Ich sehe jedes Lebenslicht.«


    »Auch meins?«


    »Dich sehe ich deutlicher als jeden anderen Menschen, Cinazi. So detailliert habe ich dich selbst mit meinen gesunden Augen nicht wahrgenommen.«


    Die Pause interpretierte ich als schamvoll. »Wie auch immer«, sagte Cinazi dann steif. »Gehen wir hinein.«


    »Warte«, sagte ich. »Auf ein Wort. In dir steckt mehr Licht als in jedem anderen Menschen. So etwas wie vorhin am Strand darf nicht noch einmal passieren. Lass nicht zu, dass das Dunkel dein Licht erstickt.«


    »Oh, keine Angst. Das schaffen andere auch ohne meine Beihilfe ganz gut. Jetzt komm. Der Eingang befindet sich auf der Bauchseite.«


    Cinazi ging um den Koloss herum. Das Schiff lag schräg, es war durch sein Eigengewicht zur Seite gekippt. Zu meiner Überraschung befand sich der Eingang auf der Bauchseite, so dass wir uns darunter stellten. Die Luke öffnete sich, als Cinazi sie streichelte. Es gab keine Rampe, keine Leiter - wir mussten uns mit einem Klimmzug hineinziehen.


    »Ich vermute, dass man nur tauchend in dieses Schiff gelangen soll«, erklärte Cinazi von oben, griff meine Hand und half mir hinein. »Mehr noch. Ich denke, das Schiff ist dafür gemacht, vollständig unter Wasser zu fahren. Schau dir seine Form an, nichts deutet darauf hin, dass angedacht ist, damit die Wasseroberfläche zu befahren. Dies, Turhalo, muss eines der Tauchschiffe aus den Legenden sein.«


    Wir ließen uns den schräg stehenden Boden hinüber zur Wand rutschen. Jetzt hatten wir Halt und konnten durch das Schiff gehen, das im Inneren für mich genau so leuchtete wie außen.


    »Leuchtet es für dich auch?«, fragte ich. Cinazi machte den Eindruck, etwas sehen zu können.


    »Nein. Es besteht aus einer Metalllegierung und schimmert außen dunkelblau und schwarz. Die Wandverkleidungen im Inneren sind in Grau gehalten. Doch was für ein Material das ist, vermag ich nicht zu sagen. Es scheint leicht zu sein und wenn man daran klopft, erinnert es an Knochen, ist aber dafür viel zu glatt und ohne Fugen verarbeitet. Woher sollte man solch große Knochenplatten nehmen?«


    »Manche Nekromanten verstehen sich darauf, Knochenschmelz herzustellen.«


    Ich betastete die Wand, doch es sich bei diesem Material um Knochenschmelz handelte, vermochte ich nicht zu sagen. Jedenfalls war es kein Metall, dafür fehlte die Kälte. Wir verließen den Einstiegsbereich und folgten dem Gang in Richtung des Kopfes.


    Die Ausmaße entsprachen denen eines Herrenhauses, es gab einen Mittelgang, von dem etliche Türen abzweigten. Wir kletterten in Richtung des Kopfes und ich warf einen Blick in die Kajüten. An den Wänden befanden sich Kojen, jeweils zwei übereinander. Das Mobiliar bestand aus Schränken, welche in die Wand eingelassen waren und einem Tisch, der fest mit dem Boden verankert war. Hier konnte nichts herumrutschen. Ich schätzte, dass etwa hundert Menschen in seinem Inneren platzfinden konnten. Doch wofür? Die minimalistische Unterbringung ließ mich an einem Passagierschiff zweifeln und für ein Fischereischiff fehlten die Verarbeitungselemente an Deck - oder überhaupt ein Deck.


    »Kannst du hier etwas sehen?«, hakte ich nach, da die Bewegungen von Cinazi sehr sicher wirkten, obgleich es keine Fenster gab, durch welche das spärliche Grottenlicht hineinfallen konnte.


    »Es gibt hier Lampen, die ohne Feuer funktionieren. Wahrscheinlich Alchemie. Sie bilden an der Decke eine durchgehende Leiste, die mich an das Rückgrat des Schiffs erinnert. Die Leisten zweigen wie Rippen in die Kabinen ab. Das ganze Konstrukt erweckt den Eindruck, als sei es einem Tier nachempfunden.«


    »Ja, ich dachte an einen Kalmar oder Seelöwen. Das macht Sinn, wenn man bedenkt, wie schnell und wendig sie dank ihrer Form sind. Das Schiff hat vielleicht die gleichen Eigenschaften. Doch wo sind die Öffnungen für die Ruder, wenn es keine Segel hat?«


    »Dieses Schiff benötigt keine. Es hat eine biomechanische Steuerung und einen magnetohydrodynamischen Antrieb. Da zur Fortbewegung keine mechanisch bewegten Teile eingesetzt werden, ist der Antrieb praktisch geräuschlos.«


    Ich stutzte. Woher kannte Cinazi solche Begriffe und woher wusste er, wie das Schiff funktionierte? Offenbar wusste er doch viel mehr, als er zunächst vorgegeben hatte. Die Antwort erhielt ich, als wir die Steuerzentrale erreichten. Ein weißer Thron stand in seiner Mitte, gut gepolstert und so geformt, dass er sich an den Körper schmiegte. Hier residierte zweifellos der Kapitän und er schien herrschaftliche Macht über die Mannschaft auszuüben. Und Cinazi nahm lächelnd platz.


    Ich fuhr entsetzt zusammen, als die gewaltige Maschine sich aktivierte. Lichter flammten zu allen Seiten auf als ich sah, wie das Licht aus Cinazi hinaus in das Schiff strömte. Das Schiff erwachte zum Leben. Ich spürte es mit allen Sinnen!


    »Du wirst mir das vermutlich nicht glauben«, sprach Cinazi gelassen, »doch wenn ich hier sitze, dann bin ich das Schiff! Ich fühle mit seiner Haut, ich sehe mit seinem Sonar und ich kann mich damit bewegen.«


    Zum Beweis kippte der Boden unter meinen Füßen. Ich stolperte, doch dann stoppte Cinazi genau in der Waagerechten.


    »Sobald ich mich mit ihm verbinde weiß ich, wie es funktioniert. Ich spüre jede Niete, jedes Kabel, alle Leitungen, die durch meinen Körper fließen. Und ich spüre auch, das etwas fehlt ... Argentocoxos muss von zwei Personen gesteuert werden. Und eine davon - stirbt. Dass ich es auch allein aktivieren kann, muss meiner Natur geschuldet sein. So ist es eigentlich nicht angedacht.«


    »Das ist nicht zu übersehen«, rief ich. »Merkst du nicht, was mit dir passiert? Das Leben, welches ich im Metall gesehen habe, das ist dein Lebenslicht! Dieses Schiff saugt dich aus, Cinazi, bis nichts mehr von dir übrig ist! Die Maschine ist ein Seelenfresser. Wer sich so etwas ausdenkt und warum, vermag ich nicht zu sagen. Aber Argentocoxos, wie du ihn genannt hast, ist nichts Gutes. Bitte steh auf, lass uns von hier verschwinden!«


    »Er ist eine Waffe, Turhalo«, sprach Cinazi ruhig. »Eine Kriegsmaschine aus der Vorzeit. Und ich habe sie gefunden und sie zu der meinen gemacht. Ich könnte die Torpedos auf Ettainarar ausrichten. Oder auf Mejitai. Genau so gut könnte ich sie aber auch auf Schwarzfels richten. Ein Torpedo funktioniert wie eine alchemistische Explosion, nur um ein Vielfaches verheerender. Ein Einschlag der kleinen Torpedos versenkt jedes Schiff. Die großen vernichten ganze Burganlagen und einen Leuchtturm würden sie binnen eines Wimpernschlags samt der umliegenden Stadt pulverisieren.«


    Der harte Ausdruck in seinem Gesicht wischten jeden Zweifel beiseite, dass dies nur ein Scherz sein könnte. Wie dunkel die Bitterkeit in Cinazis Herzen wirklich war, begriff ich erst jetzt.


    »Hör auf so zu reden, Cinazi! Warum solltest du so etwas Schreckliches tun?«


    »Warum sollte ich es nicht tun, Turhalo? Für mich gibt es keinen Grund mehr, irgendjemanden zu schonen. Mein Leben lang nahm ich Rücksicht auf euch Eingeschlechtliche, ich verstellte mich, ließ mich von euch verkleiden, bis ich mich selbst im Spiegel nicht mehr erkannte.«


    »Bitte, ich ... ich habe nachgedacht. Ich denke, es ist eine gute Idee, dass du die Mutter meiner Kinder wirst.«


    »Wie dreist du lügen kannst. Ich habe dich gerade erpresst, Turhalo, und meine Idee war keine Bitte. Ich drohe dir mit dem Tod von allem und jedem, den du liebst. Denn auch ich habe ein Recht darauf, geliebt zu werden!«


    »Ich betrachte es als einen Handel«, versuchte ich, ihn zu beschwichtigen. »Du hast einen Vorschlag gemacht und mit diesen neuen Argumenten werde ich mich nicht länger sträuben. Ich werde kein Wort über das hier verlieren, über deinen Übergriff oder über das Schiff. Lass uns gemeinsam nach Hause gehen und wir machen es offiziell.«


    »Schwöre mir, dass du schweigst über alles, was wir auf der Reise erlebten, einschließlich meiner Drohung, einschließlich Argentocoxos.«


    »Ich schwöre.«


    »Du wirst auch gegenüber Horatio schweigen.«


    Es tat weh, das sagen zu müssen, doch hier ging es um nichts Geringeres, als dein Leben und das aller anderen. »Ich schwöre.«


    »Ich verlange außerdem, dass du mir beweist, dass deine Worte keine Lüge sind. Ich will eine Absicherung. Wenn wir erst in Khilar sind, habe ich keine Chance mehr, wenn du dein Wort brichst. Das ist mein Tod.«


    Hilflos zog ich die Schultern hoch. »Wie kann ich dir beweisen, dass es mir ernst ist? Mehr als mein Wort habe ich nicht.«


    »Doch, das hast du. Das Geschenk des Lebens trägst du zwischen deinen Beinen. Ich wünsche, dass du mich liebst, hier und jetzt. Es soll kein schneller Akt sein, keine bloße Pflichterfüllung. Ich möchte, dass du mich als das behandelst, was ich bin - als deine zukünftige Braut. Du wirst mich nicht nehmen, sondern lieben. Du wirst mir deine Saat in den Leib pflanzen und ich schenke dir in neun Monaten ein Kind, den Stammhalter von Khilar.«


    »Cinazi ... ich flehe dich an! Mein Mann ist nicht hier, ich würde ihn gern -«


    »Dieser Ettainarar interessiert mich nicht! Er stammt aus einer Sippe, die Kyashar bedroht! Hör auf zu diskutieren, oder der Handel erlischt augenblicklich!«


    In der gewaltigen Maschine zischte und surrte es. Ich kam nicht umhin, zu vermuten, dass die Bewaffnung in Bereitschaft gebracht wurde. Ich schluckte und senkte das Haupt. Mein Körper zitterte. Dann ging ich vor Cinazi auf ein Knie und griff nach seiner Hand.


    »Ich bitte dich, meine Frau zu werden, Cinazi. Lass uns heiraten, und die Hochzeitsnacht heute miteinander üben.«


    »Aus ganzem Herzen Ja«, hauchte Cinazi. Sein Zorn schien von einem Augenblick zum nächsten verflogen zu sein. Er klang dermaßen gerührt, dass es mir doppelt weh tat. Einmal für dich, den ich auf diese Weise betrügen musste, und einmal für ihn, der sich selbst betrog.


    Ich gestehe dir hiermit nun, dass ich den Akt mit Cinazi vollzogen habe, der doch eigentlich den Liebenden vorbehalten sein sollte. Ich nahm mir viel Zeit und ging behutsam vor. Abscheu vor seinem Körper fühlte ich keine; es war sein Verhalten, das es mir schwermachte. Ich konnte ihn von dieser seelischen Krankheit nicht kurieren, weder mit Worten noch mit Taten. Er war so glücklich in diesen Momenten. Er blendete gänzlich aus, dass er damit meine Ehe besudelte und meine Freundschaft zu ihm unwiderruflich zerstörte. All das warf er hin für eine Illusion. Und ich, so muss ich gestehen, wünschte in den Momenten, als er sich unter mir vor Lust aufbäumte, dass wir zugelassen hätten, dass der vermaledeite Katzenhai Cinazis Sklave geworden wäre, dann wäre das alles vielleicht nicht geschehen.


    Ich verließ anschließend das Schiff, um in dem kalten Grottenwasser die Schande von meiner Haut zu waschen. Nach dem Bad fühlte ich mich immer noch schmutzig.[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    die schwerste Prüfung für unsere Ehe war nicht Ettainarars Abscheu noch ein Streit, den wir gehabt hätten. Cinazi hatte sie uns auferlegt, den ich bis dahin Freund genannt hatte, und der nicht nur meinen Körper, sondern vor allem meine Seele befleckt hatte. Bis dahin war Beischlaf für mich stets Ausdruck tiefer seelischer Verbundenheit gewesen. Ich liebte dich aus ganzem Herzen und so wünschte ich, dies auch körperlich zu tun. Vielleicht war es naiv, so zu fühlen, wenn es doch augenscheinlich Leute gab, die darin nur einen Akt sahen, der gänzlich ohne Beteiligung jedweder Liebe auskam, ja, bei dem Gefühle vielleicht sogar lästig waren. Tiefe Selbstzweifel zerfraßen mich auf dem Heimweg und plötzlich schien alles verkehrt und falsch. Mein Vertrauen in Alvasheks Güte und in die Richtigkeit meines Schicksals, meine eigene Freundlichkeit gegenüber Kyashar, die in meiner Blindheit gemündet war und meinen Glauben daran, dass ich in unserer sterbenden Welt irgendetwas Gutes bewirken konnte. Die Kronenkorallen waren nichts als eine Weitere Waffe. Unsere Welt war durch und durch verdorben und alles, was darin noch kreuchte und fleuchte, dem Untergang geweiht.


    Als ich zu Hause eintraf, wundertest du dich über meinen bitteren Gesichtsausdruck.


    »Was ist los, mein Licht?«, fragtest du.


    Aus einem Grund, den ich nicht benennen konnte, weckte deine Besorgnis in mir Wut. »Nichts«, antwortete ich schroff und wehrte deine Berührung ab. Du wolltest mich umarmen, doch plötzlich waren mir deine Hände zuwider. Da ich nicht sagen durfte, worunter ich litt, wurde ich schroff zu dir mit dem Ziel, dich auf Abstand zu bringen, dich am Nachfragen zu hindern.


    »Turhalo! Bleib hier!«


    Du hieltest mich an der Robe fest, verzweifelt nun und es geschah, was nie hätte geschehen dürfen - ich schlug nach dir. Ohne Gegenwehr, ohne auszuweichen, empfingst du den Schlag auf deinen Arm. Ich erschrak vor mir selbst, riss meine Hand zurück und starte sie mit meinen blinden Augen an, darauf wartend, die Finsternis daran haften zu sehen, die auch Cinazis Licht verdarb. Ich wurde überwältigt von dem Drang, mich zu bestrafen für das, was ich soeben getan hatte. Die Erkenntnis, was Cinazi mit einem einzigen erzwungenen Akt alles zerstört hatte, ließ mich seelisch zusammenbrechen. Ein Prinz sollte nie die Beherrschung verlieren, erst Recht nicht in der Öffentlichkeit. Ich schrie nach Celestian, er sollte mich in mein Quartier führen, wo ich auf meinem Bett in einem Meer aus Tränen versank. Erneut starrte ich die Hand an, mit der ich nach dir geschlagen hatte, nach dem Mann, den ich mehr als alles andere liebte, auf der Suche nach Cinazis Verderbnis. Doch meine Hand leuchtete nach wie vor im makellosen Weiß, ohne Nägel, ohne Fältchen, Puppenfinger aus Licht. Wie viel lieber hättedie Zeichen des fortschreitenden Alters erblickt, die Adern und Flecken und all meine körperliche Unvollkommenheit! Stattdessen war ich nicht gesegnet ... ich war verdammt.


    Als du später in unser Bett kamst, lag ich noch voll bekleidet darin, das Gesicht zur Wand gedreht.


    »Bitte sprich mit mir«, batst du und bemühtest dich, sanft zu klingen und mich nicht noch einmal zu bedrängen.


    Doch etwas in mir konnte keine Dankbarkeit dafür empfinden, obwohl ich doch wusste, dass du sie verdientest. Etwas in mir versiegelte meine Lippen und ich schüttelte stumm den Kopf. Das Gefühl einer großen Ungerechtigkeit fuhr gleich einem vergifteten Dolch durch mein Sein, als ich mein Gesicht im Kissen vergrub. Kyashar hatte mir meine Güte mit Blindheit vergolten und Cinazi meine Freundlichkeit damit, dass er meine Ehe zerstörte. Es war, als hätte er meinen Leib in einer Weise markiert, dass ich nie wieder körperlich lieben konnte, ohne an ihn denken zu müssen. Dieser Körper gehörte nun Cinazi.


    Am nächsten Tag bereits wollte ich es hinter mich bringen und erklärte dir mit ausdrucksloser Stimme, dass Cinazi die Mutter meiner Kinder werden würde.


    »Verstehe«, hast du gesagt.


    Und ich nahm an, du hättest nichts verstanden und war zufrieden darob. Nahm an, du würdest mich für das halten, als was ich mich zu präsentieren versuchte, ein treuloses Stück, das sich nicht die Mühe machte, Rücksicht auf deine Gefühle zu nehmen und das Thema schonend anzugehen. Glaubte, du würdest mein Verhalten auf dich beziehen, darauf, dass ich nach der reinigenden Wanderung endlich den ersehnten Thronfolger zu zeugen gedachte.


    Als ich vor Vater stand und ihn darum bat, Cinazi zu diesem Zwecke mir zu überlassen, spürte ich, wie die muskulöse Hand des Menschen mit der Doppelnatur sich durch meine Armbeuge schob. Oh, wie Cinazi erstrahlte, einer zweiten Sonne gleich, so schön und schrecklich, dass mir die Tränen kamen. Eine Doppelnatur war er wahrlich. Er war Mann und Frau, Licht und Schatten, Freund und Verderber. Es war unglaublich, welch Gegensätze in einem einzigen Menschen vereint sein konnten. Dass es auch für ihn nicht leicht sein musste, war mir bewusst. Doch gab es ihm das Recht, so mit mir umzugehen? Ausgerechnet jenem, der es immer gut mit ihm gemeint hatte?


    »Und das ist euer beider Wunsch?«, hakte Sharant nach.


    »Ja, Vater«, antwortete ich mit falschem Lächeln und tränenfeuchten Augen.


    »Das ist es«, stimmte Cinazi zu und seine Finger bohrten sich vor Nervosität fester in meine Armbeuge.


    Es genügte Vater noch nicht. »Und mit Horatio hast du auch schon gesprochen?«, wollte er wissen.


    »Ja, Vater.« Es war keine Lüge, wenngleich es sich um kein vernünftiges Gespräch gehandelt hatte, sondern ich hatte dich vor vollendete Tatsachen gestellt.


    »So sprich als Letztes mit Liankar und kehre zu mir zurück, wenn du deine Schlüsse aus dem Gespräch gezogen hast. Ihr dürft euch entfernen.«


    Ich verließ den Raum, Cinazi folgte mir auf dem Fuß. Falls er noch etwas sagen wollte, wurde er daran gehindert - von dir. Ich schätzte dich als einen lieben Menschen, der auf Khilar seinen Frieden gefunden hatte. Doch dass du auch anders konntest, bekam ich nun demonstriert. Im Gang packtest du Cinazi am Hals und donnertest ihn rücklings gegen die Wand. Es knallte, als sein Hinterkopf gegen das Gestein schlug und so wehrhaft er körperlich auch war - du hast ihm seine Schranken gezeigt.


    »Was hast du Turhalo angetan«, zischtest du und deine Magie begann an ihm zu reißen.


    Du hast tatsächlich verstanden, was los war, auch wenn du zunächst geschwiegen hattest. Doch ich konnte nicht zulassen, dass du fortfuhrst, wie sehr Cinazi es womöglich auch verdiente. Meine Arme schlangen sich wie von allein um dich, mein Kopf legte sich an deinen.


    »Sie trägt bereits mein Kind unter ihrem Herzen«, sprach ich leise. »Es tut mir leid, Horatio ... so leid.«


    »Dir muss es nicht leidtun, sondern diesem Scheusal!«


    Dein Körper zitterte vor unterdrücktem Zorn, als du deine Magie zurücknahmst und Cinazi freigabst. Er - sie - legte die Hand auf ihren Bauch, doch du brachtest nicht sie in die Heilstube von Liankar, sondern mich. Ich sollte mich auf die Pritsche legen, bis der Heiler kam, doch ich wollte nicht, ich schüttelte den Kopf.


    »Bitte, Turhalo, sag uns, was geschehen ist«, flehtest du. »Was wurde dir angetan?«


    »Frag nicht, mein Herz, ich muss schweigen!« Die erneut aufsteigenden Tränen unterdrückte ich diesmal erfolgreich. Cinazi konnte schrecklich sein im Schmerz und daran zu denken, über welche Waffe er verfügte, bereitete mir Übelkeit.


    »Darf ich wenigstens bleiben?«, fragtest du also.


    Meine Hand suchte deine. »Ja. Bitte bleib.«


    Wenig später trat Liankar ein. Er bereitete den Raum vor mit einem Duftöfchen und heizte den Ofen nach. Es wurde warm und alchemistisches Parfum vom Kontinent verwandelte jeden Atemzug in eine Wohltat. Mein Herzschlag beruhigte sich, meine aufgewühlten Gefühle glätteten sich.


    Liankar nahm Platz. »Wie geht es Euch, Prinz?«, erkundigte der Heiler sich fürsorglich.


    »Um mich geht es nicht, ich bin hier wegen Cinazi.«


    »Was liegt Euch auf dem Herzen?«


    »Cinazi soll Mutter meiner Kinder werden. Alle sind einverstanden, doch Vater empfahl mir, zuvor mit Euch zu sprechen.«


    »Er tut gut daran, es zu tun«, sprach Liankar ernst. »Zwar hat Cinazi alles, was notwendig ist, um ein Kind zu empfangen und auszutragen. Doch sein schmales Becken macht eine Entbindung lebensgefährlich. Weder Cinazi noch das Kind würden die Geburt überleben.«


    Entsetzt schlug ich mir die Hand auf den Mund. Ich hatte Cinazi und unser ungeborenes Kind dem Tode geweiht.


    »Es gibt ... Mittel und Wege, eine Empfängnis rückgängig zu machen«, versuchte Liankar mich zu beruhigen. »Tränke, die das Ungeborene im Mutterleib abtöten, so dass der Körper es abstößt und notfalls auch mechanische Methoden.«


    Mir wurde schlecht, ich rollte mich von der Pritsche, um zu fliehen. Was hatte Cinazi uns beiden und unserem Kind angetan! Nun wusste ich auch, dass es keine Ignoranz von Vater war, darauf zu bestehen, dass Cinazi ausschließlich Mann sei und ihm den Akt als Frau verweigerte. Alles, was er gewollt hatte, war, Cinazi vor einer tödlichen Entbindung zu schützen. Schritte vor der Tür, jemand rannte davon. Wer dort gelauscht hatte, konnte ich mir denken.


    »Was immer sie ... was immer ER vorhat - halte ihn auf«, flehte ich.


    »Ich bleibe bei dir, Turhalo.« Deine Stimme war so sanft, so beruhigend, doch es war falsch!


    »Du musst, er hat ... ich darf es nicht aussprechen. Bitte glaube mir, dass du ihn aufhalten musst, dass es keine Wahl gibt!«


    »Mein Licht, es gibt immer eine Wahl. Ich bleibe bei dir. Cinazi kann diese Insel nicht verlassen und die Magier werden ihn bald aufspüren. Gib ihm ein paar Stunden. Ich weiß nicht, was er dir angetan hat, aber nun kann ich es mir denken. Wir sollten aufhören, all unsere Handlungen nach ihm auszurichten. Sharant hat seine liebe Not mit dieser Person, du noch mehr. Es wird Zeit, dass Cinazi seine Grenzen kennenlernt. Unser Leben dreht sich nicht um ihn. Diese Insel ist nicht von seinem Leben oder Sterben abhängig.«


    »Wenn du wüsstest ... Cinazi ist der wahre Herrscher über Leben und Tod auf Khilar.«


    Du hat so leise und selbstsicher gelacht, wie es nur ein Ettainarar vermag. »Das werden wir sehen. Nun schlaf, Turhalo.«


    Die alchemistischen Düfte, deine Hand um meine, deine Stimme, das Gefühl, dass wir beide doch eine Zukunft haben konnten - all das brachte mich dazu, mich fallen zu lassen. Ich schloss die Augen, vor denen ich noch immer Cinazis schrecklich-schöne Gestalt sah. Meine Gegenwehr war dahin. Du warst hier und du warst der Kämpfer von uns beiden, alles würde gut werden.[/legend]

  • [legend]

    Mein lieber Horatio,


    wie allesvernichtend und selbstzerstörerisch ein unerfüllter Kinderwunsch sein konnte, war mir nicht bekannt gewesen, bis ich Cinazi erlebte. Liankar berichtete mir, dass Cinazi wusste, worauf er sich eingelassen hatte. Mehrmals wäre er bei ihm gewesen, immer wieder die gleichen Fragen stellend, als hegte er die Hoffnung, dass die Antwort sich ändern würde, wenn er nur oft genug nachhakte. Doch Liankars Rat war stets der gleiche, den er auch Sharant mit auf den Weg gegeben hatte, als vor der Hochzeit die Jungfräulichkeit überprüft worden war: Cinazis Körper wäre, trotz seiner Doppelnatur, nicht wirklich doppelt. Denn wenngleich er problemlos ein Kind hätte zeugen können, so sei er dennoch nicht in der Lage, eines auszutragen, ohne sich und das Kleine zu verdammen. In dieser Hinsicht war er tatsächlich mehr Mann als Frau - etwas, dass zu hören Cinazi wütend machte, sah es in seinem Inneren doch umgekehrt aus.


    »Wo mag Cinazi jetzt sein?«, fragte ich dich, als wir wieder gemeinsam zu Hause waren.


    Wir aßen zu Abend eine heiße Fischsuppe. Die Wärme in meinem Mund und an meinen Händen, wenn ich die Schüssel umschloss, taten mir gut. Eine heiße Suppe war mehr als eine Mahlzeit, sie war, mit Liebe serviert, ein Geschenk für die Seele. Nicht von ungefähr war die Suppe stets das bevorzugte Mahl für Kranke. Erhitzt worden war sie, wie all unsere Speisen, in der Küche im Keller, die auf heißem Gestein betrieben wurde. Darunter verlief eine der vielen Feueradern der Insel, die hier nicht an die Oberfläche drang, doch dafür sorgte, dass alle Häuser einen warmen Boden hatten und jeder im Keller eine heiße Kochstelle besaß.


    Ich hörte dich schlürfen, bevor du antwortetest. »Vielleicht hat Cinazi sich in Merus Schlund gestürzt. Wahrscheinlich liegt er aber im Bett und heult. Er wirkte verzweifelt und es geschieht ihm Recht.«


    »Glaubst du wirklich, dass sich jemand wie Cinazi seiner Trauer ergibt und allein irgendwo die Augen ausweint? Oder sich und dem Kind, dass er sich so lange wünschte, auf die Weise ein Ende bereiten würde?«


    »Warum nicht? Er möchte doch gern eine Frau sein.«


    »Nein, Horatio, da irrst du. So selbstmitleidig ist Cinazi mitnichten. Er ist voller Zorn ... bei Alvashek, er darf nicht sich selbst überlassen werden! Cinazi ist gefährlich.«


    Ein amüsiertes Glucksen drang aus deiner Kehle. »Mein lieber Turhalo, nun übertreibst du. Mag sein, dass ich als gebürtiger Ettainarar anderen Maßstäben folge bei dieser Beurteilung, doch sieh es aus der Warte der Logik. Weder verfügt Cinazi über Magie, noch über weltliche Macht. Sein Titel als Prinzgemahl sichert ihm alle möglichen Privilegien, doch keinerlei Rechte. Dein Vater als Erzhexer ist Oberbefehlshaber über sämtliche magischen und nichtmagischen Truppen. Dir als dem Thronfolger hat er das Kommando über die Magiergarde der Celesti erteilt. Über welche Waffen verfügt Cinazi? Dein Vater ist Herr über alle weltlichen Belange und du bist du das religiöse Oberhaupt von Khilar. Cinazi aber ist nichts, nicht einmal als Ehemann taugt er, sondern spielt nur einen. Er ist kein Magier, kein Befehlshaber in irgendeinem Bereich, er ist nicht einmal Mann, geschweige denn Frau. Er ist nichts, eine Null, die verbotene Zahl - das ist Cinazi.«


    Diese Sichtweise stimmte mich traurig. Sie war das, was man Cinazi sein Leben lang hatte Glauben machen wollen - dass er unvollkommen sei, fehlerhaft und wertlos. Dass er sich verstellen müsse, damit die Gesellschaft ihn ertragen könne und dass er niemals jemanden finden würde, der ihn in seiner Gänze liebt. Es stimmte nicht - Sharant liebte ihn, doch er musste auch deutliche Grenzen ziehen, um Cinazi vor sich selbst zu schützen. Und auch ich war Cinazi stets ein Freund gewesen, mehr noch - Vater hatte ihm meine Erziehung anvertraut. Cinazi hatte das Wertvollste behüten dürfen, was mein Vater besaß, seinen einzigen Sohn. Doch all diese Beweise aufrichtiger Zuneigung hatten nicht vermocht, die viel häufigeren Abweisungen aufzuwiegen. Die Sichtweise, dass er nichts Ganzes sei, hatte Cinazi, der als Kind so unschuldig geboren worden war wie jeder andere und dessen Seele heller strahlte als jede andere, zu einem Erwachsenen heranreifen lassen, dessen Seele auch die dunkelsten Schatten warf. So finster, dass sein Dunkel sogar auf magischer Ebene sichtbar wurde.


    »Ich sehe manchmal eine Finsternis in Cinazis Seele«, erklärte ich. »Nicht im übertragenen Sinne, sondern so, wie ich die Dinge seit dem Unfall sehe.«


    Die Pause, die du ließest, bevor du antwortetest, verhieß nichts Gutes. »Wie sieht diese Finsternis denn aus?«


    »Wie schwarzer Nebel, der aus ihm heraussickert, wohl eine Manifestation seiner Verzweiflung.«


    »Das ist keine Verzweiflung, Turhalo! Das ist, so wie du es schilderst, ein Zeichen schwärzester Magie.«


    »Aber ich dachte, Cinazi sei magisch nicht begabt?«


    »Entweder, wir haben uns darin getäuscht, oder dies ist das Werk eines anderen Magiers. Verstörend ist, dass niemand es bislang bemerkte, weder Sharant noch die Celesti noch ich! Wie lange siehst du diese Finsternis in ihm schon?«


    Ich musste nachdenken. »Offen gestanden, einige Jahre. Seit ich auf diese Weise sehen kann, also seit dem Unfall im Laboratorium. Ich habe dem keine Bedeutung beigemessen, da es nur aktiv wurde, wenn es ihm besonders elend ging.«


    »Dann ist das etwas, das sich von seinem Leid nährt und darin erstarkt. Etwas, dass Cinazis gleißendes Seelenlicht zur Tarnung ausnutzt.«


    »Ettainarar? Dein Vater?«


    »Möglicherweise.«


    »Schrecklich ... wir müssen Cinazi helfen. Ich werde mich mit den Celesti beraten.«


    »Du magst Cinazi noch immer«, sprachst du mit gesenkter Stimme. »Du machst dir Sorgen um ihn.«


    Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Horatio. Meine Sorge gilt nicht ihm, sondern Khilar, da es nicht sein darf, dass schwarzmagische Aktivitäten unbemerkt hier vonstattengehen. Welche Verbrechen gegen seine Seele ihm auch immer ihm angetan worden sein mögen, sie geben ihm nicht das Recht, seinerseits anderen das Leben zu zerstören. Weder unserem Volk noch mir. Ich war es nicht, der grausam zu ihm war. Dennoch bin ich derjenige, der seine verdrehte, egoistische Art zu spüren bekam.«


    »Weil du gut zu ihm warst. So ist es immer«, sagtest du sanft. »Wo wir am tiefsten lieben, dort sind wir zur schlimmsten Bosheit fähig. Es leiden stets die Unschuldigen. Das scheint ein grausames Gesetz zu sein. Ettainarar weiß darum und hat für sich die Konsequenz gezogen.«


    »Das Gesetz dieser Welt«, sagte ich bitter. Der Sonnengott hatte mich mit Blindheit dafür gestraft, dass ich Güte hatte walten lassen gegenüber Kyashar. Und was Cinazi mir angetan hatte, blieb unaussprechlich und meine Lippen pressten sich aufeinander, um kein Wort davon je zu sagen. Doch nun, wo du wusstest, dass Cinazi mein Kind im Leibe trug, wusstest du auch, was geschehen war.


    »Turhalo.«


    Ich zuckte zusammen, als deine Hand mich berührte. Du nahmst sie sofort wieder von mir. Dass ich so reagiert hatte, machte mich erneut wütend und traurig. Cinazi hatte das zerstört, was mir am meisten bedeutet hatte. Ob ich je wieder heilen konnte, war fraglich.


    »Ich hätte niemals freundlich zu ihm sein dürfen«, sagte ich bitter. »Oder zu Kyashar. Dein Vater hat Recht. Freundlichkeit macht uns zu Opfern. Khilar ist dem Untergang geweiht. Wir sind verloren.«


    »Deine Freundlichkeit ist, wofür ich dich lieben gelernt habe und der Grund dafür, warum ich mich von Ettainarar abwandte. In einer Welt, die aus Hass besteht, haben du und deine Familie sich ihr gutes Herz bewahren können. Ist das nicht wahre Größe? Hier, auf dieser einsamen und von Asche bedeckten Insel, steht der Leuchtturm in einem schwarzen, stürmischen Ozean und weist allen Schiffen, ob Freund, ob Feind, den sicheren Weg durch die Passage. Wir haben keine Sonne mehr, Turhalo. Das einzige Licht, das uns blieb, ist das von Khilar. Lass die Flamme nicht erlöschen.«


    Nun war ich es, der nach deiner Hand griff. Gerührt hielt ich sie fest. Und voll erneut aufwallendem Glück spürte ich, dass zumindest diese Berührung mir wieder Wohlbehagen bereitete. »Mein Horatio.«


    »Mein Turhalo, mein Licht. Sprich, was wirst du tun? Wenn du wünschst, dass Cinazi einen Unfall erleidet, werde ich dein Vollstrecker sein. Ich kann das Dunkel aus ihm herausreißen samt seiner eigenen Seele oder ihn von einer Klippe stoßen. Ich möchte nicht, dass deine Hände besudelt werden, wenn du Khilar schützt. Überlass es mir, denn ich bin schon längst verdorben. Deine Seele aber ist rein und das soll sie bleiben. Khilar ist die letzte Hoffnung.«


    »Den Befehl auszusprechen, würde mich ebenso schuldig machen an Cinazis Tod, nicht wahr? Du hast Recht, mein Herz. Was auch immer geschehen ist, ich sollte Khilar und mir treu bleiben. Ich möchte nicht, dass Cinazi auf eine so endgültige Weise bestraft wird. Ich würde ihm stattdessen gern helfen, das Dunkel loszuwerden und sich als ganzer Mensch zu fühlen. Doch ich weiß nicht, wie. Ich habe es versucht und bin an ihm gescheitert.«


    »Nicht an Cinazi. Du hast die ganze Welt zum Gegner, natürlich bist du gescheitert. Du hast Cinazi die Hand gereicht, damit er seinen schweren Lebensweg nicht allein gehen muss und er hat dir den Arm ausgerissen. Er ist ein Verlorener. Lass ihn gehen.«


    »Du meinst, ich sollte aufhören, ihm zu helfen?«


    »Er hat keine Hilfe mehr verdient. Und sein Todesurteil hat er selbst gewählt, es gibt keine gerechtere Strafe für sein Verbrechen. Das Dunkel verzehrt sich selbst. Lass ihn ziehen und lass ihn auch innerlich los. Was auch immer in Zukunft geschieht, liegt nicht mehr in deiner Verantwortung.«


    »Ja, Horatio. In wenigen Monaten ist alles vorbei. Cinazi, sein Dunkel und alle anderen Sorgen. Alvashek ist mein Zeuge, dass Cinazi sein eigener Richter und Henker gewesen ist. Alles, was ich tun werde, ist - nichts.«[/legend]