Das dritte Buch der Asche
Das dritte Buch der Asche erzählt, wie den Hexerfürsten die Macht entrissen wurde und Naridien zu einer Republik wurde.
Über Naridien
Die Geschichte Naridiens begann als eine Handelsallianz von Fürsten. Seit jeher war es ein Land der Gegensätze. Sanfte Hügel und weite Ebenen erstreckten sich zwischen schroffen Bergen im Norden und endlosen Wäldern im Süden. Silberne Flüsse durchschnitten das grüne Land. Hier trafen Wildnis und Zivilisation aufeinander – die raue Grenze im Osten und die geordneten Städte entlang der wachsenden Handelsstraßen.
Auch die Salzstraße, das Rückgrat Naridiens, zog sich seit dieser Zeit durch das Land. An ihren Kreuzungen erhoben sich die Schicksalsdreiecke, heilige Plätze mit Schreinen, die Helden gewidmet waren. Reisende legten Gaben nieder und flüsterten Bitten um Schutz. Der Hauch der Toten, so glaubte man, wachte über die Straßen.
Zeitalter der Umbrüche - Vom Fürstentum zur Republik
Der Umbruch begann mit der Ankunft der Hexerfürsten, die das untergegangene Caltharnae verlassen und zunächst auf Asa Karane Zuflucht gesucht hatten. In den Tagen, da Naridien unter dem Banner der Handelsallianz stand, erreichten sie das Festland. Bald herrschten die Geschlechter der Hexerfürsten mit eiserner Hand. Als mächtig erwiesen sich insbesondere die Herren von Aschbach, Kaltenburg und Dachsendom, und ihre Hallen ragten hoch über die Dörfer und Äcker der einfachen Leute, die in ihrem Schatten lebten. Die Adligen unter ihrer Regentschaft, einst Hüter des Landes, wurden zu Herren des Eigennutzes, und ihre Gier fraß sich in das Herz des Volkes wie Rost in das Schwert.
Und es geschah, dass einige unter den Adligen die Zeichen der Zeit erkannten. Sie sahen die Unzufriedenheit, die unter den Bauern und Handwerkern wuchs, und sie erkannten, dass dies ein Werkzeug war, schärfer als jedes Schwert. Die Herren von Aschbach, Kaltenburg und Dachsendom, deren Namen später in den Chroniken verflucht und gepriesen wurden, schmiedeten einen Plan, der so kühn war wie er hinterlistig. Sie sprachen zu den Unterdrückten mit süßen Worten und schürten ihren Zorn gegen ihre eigenen Lehnsherren. Durch List und Tücke, durch Gold und Lügen, brachten sie die Massen dazu, gegen ihre Herren aufzustehen, während sie selbst im Schatten blieben und die Fäden zogen.
Der Fall der Alten Häuser
Und so kam es, dass die alten Häuser des Adels, die einst stolz und mächtig gewesen waren, eines nach dem anderen fielen. Die Edlen von Niederau, einst Herren über weite Ländereien, wurden von ihrem Land vertrieben und flohen in die wilden Grenzregionen, wo sie zu Raubrittern wurden, gezeichnet von Hass und Verbitterung. Die Edlen von Rotloh, berühmt für ihre ritterlichen Tugenden und prunkvollen Turniere, verloren ihre Burgen und fanden ihr wirtschaftliches Heil in der Anführung von Söldnertruppen, die durch die Grenzlande zogen wie Wölfe auf der Jagd. Doch die Aschbach, Kaltenburg und Dachsendom, die Urheber dieses großen Wandels, blieben im Schatten und erhoben sich zu neuen Herren, gekleidet in die Roben der Richter und Advokaten.
Und so wurde Naridien, das einst ein Fürstentum gewesen war, zur Republik erklärt. Der Hohe Rat, bestehend aus den vorsitzenden Richtern der Hochgerichte, erhob sich als eine Gruppe neuer Herrscher über das Land. Ein jeder durfte Advokat oder Richter werden, wenn er die entsprechenden Examina nachweisen konnte. Doch obwohl die Macht nun in den Händen des Volkes lag, blieb sie de facto in den Händen einiger alter Adelsgeschlechter, die ihre Privilegien in die neue Ordnung gerettet hatten. Die Hochgerichte wurden zu den neuen Burgen der Macht, und die Richterdynastien herrschten von ihren hohen Sitzen aus über das Schicksal Naridiens.
Der Wohlstand wuchs, die Städte glänzten im Sonnenlicht. Ihre Mauern aus hellem Stein und stolzen Türme zeugten vom Wohlstand des Handels. In den Gassen feilschten Händler, hämmerten Handwerker, und Richter in langen Roben schritten zu den Hochgerichten. Diese prunkvollen Bauwerke waren nicht nur Orte der Rechtsprechung, sondern auch der Macht. Hier regierten die Richterdynastien, die alten Adelsgeschlechter, die ihre Privilegien in die neue Ordnung gerettet hatten.
Die einfachen Menschen sahen der Zukunft frohen Mutes entgegen. Naridier blickten seit jeher lieber nach vorn als zurück. Doch sie vergaßen nie: Ihr Wohlstand ruhte auf den Schultern derer, die vor ihnen gekommen waren – der Helden, die ihr Leben gegeben hatten, und der Arbeiter, die die Straßen gebaut hatten, die Naridiens Wohlstand begründeten. Die Zukunft war ungewiss, aber nicht düster. Die Republik war auch unter dem Einfluss mächtiger Richterdynastien noch ein Symbol der Hoffnung.
Einige besiegte Häuser fanden in Almanien Unterschlupf, doch die meisten Hexer wurden verstreut. Bekannt wurde Irving von Kaltenburg, welcher Drakenstein unter seine Kontrolle brachte und heute die letzte Enklave der alten Hexerfürsten regiert.
Die Grenzlande
Am Rande Naridiens, dort, wo das Land in die Wilden Felder von Alkena überging, entstand ein Reich der Gesetzlosigkeit. Es war ein weites Areal mit schwierigem Klima und wilden Einheimischen, in dem weder Naridien noch Almanien die Herrschaft ausübten. Verfallene Schreine säumten die schwer auffindbaren Pfade der Hochlandsteppe. Hier hausten die enteigneten Adligen, die zu Raubrittern geworden waren, und verbündeten sich mit den Reiterbarbaren der Wilden Felder. Ihre Siedlungen waren flüchtig wie der Wind, und ihr Gesetz war das des Stärkeren. Schmuggler und Händler durchquerten diese Region, brachten Waren und Geld für sicheres Geleit, doch sie taten es auf eigene Gefahr, denn die Wilden Felder waren ein Ort des Chaos und des Verrats. So kam es, dass Naridien und Almanien, die in diesem Zeitalter um die Vorherrschaft auf dem Festland kämpften, keine wirkliche Grenze zueinander hatten, denn die Wilden Felder waren nicht zu befrieden.
Und so endete das Zeitalter des Fürstentums Naridien, doch sein Erbe lebte fort in den neuen Herren, die ihre Macht hinter den Roben der Richter verbargen, mächtiger als zuvor, entledigt von alten Rivalen. Die Traditionen verblassten, und die prunkvollen Feste und Turniere wurden zu Erinnerungen, die nur noch in den Liedern der Barden weiterlebten. Doch in den Herzen der Vertriebenen und Gesetzlosen brannte das Feuer des Widerstands, und die Grenze wurde zu einem Ort, an dem die alten Geschlechter darauf warteten, ihre Rache zu nehmen.
Naridien war und blieb ein Land der Gegensätze – schön und gefährlich, voller Erinnerung und Hoffnung. In diesem Land, auf seinen sauberen Straßen, in den reichen Städten suchten die Menschen zwischen Vergangenheit und Zukunft ihren Weg und folgten dem Traum von Freiheit.