Söldnerschwein (Baxis NaNoWriMo 2025)

  • Klappentext

    Mein Leben waren die Eisenfalken. Der Tod war mein ständiger Begleiter. Doch wer ein Krieger werden will, sucht keinen ruhigen Alltag. Die Söldner hatten mir Gemeinschaft geschenkt und eine Heimat. Zehn lange Jahre kämpften wir Schulter an Schulter, siegten und feierten, verloren und fraßen Dreck. Nichts hätte meinen Willen brechen können. Doch als ich gegen die Raubritter kämpfen soll, die einst meine Freunde gewesen waren, gerät meine neue Welt ins Wanken. War das der Traum des jungen Halborks, der in den Bruthöhlen vom Kriegerleben geträumt hatte? Da kommt ein Sonderauftrag gerade Recht, auch wenn er mich ins Stammesgebiet meiner alten Orkrotte führt. Ich soll die Lage eines vorzeitlichen Relikts kartieren, das den Krieg entscheiden könnte. Doch damit fangen die Probleme erst richtig an.

  • An der Front

    Trupp zwei holte mich vom Treffpunkt ab, um mich zu unserem Posten zu führen. Das hier war Kriegsgebiet. Noch vor Sonnenaufgang brachen wir zu den feindlichen Stellungen auf. Gefrorene Erde knisterte unter unseren Stiefeln. Die Wagenspur, der wir folgten, zog sich als dunkles Band durch die vereisten Wiesen von Alkena. Immer wieder kreuzten andere Wagenspuren unseren Pfad. Die Wilden Wiesen, wie man die Region auch nannte, waren zerfurcht von den breiten Rädern der Karren, welche Eisen und Verpflegung durch die Wildnis zu den Truppen brachten. Der Wind pfiff in meinen Ohren. Es gab keine Bäume, die ihn aufhielten, nur gelbes Gras und dürres Gestrüpp.

    Auf dem Rücken trug ich über Kreuz meine beiden Kurzschwerter, ein zerlumpter Wollschal schützte Nase und Mund vor der beißenden Kälte.

    Wenn man Alkena nach Norden durchquerte, gelangte man in das Hochland von Shakorz, wo die Rotten der Orks lebten. Dort war ich aufgewachsen und sah keinen Grund, jemals wieder zurückzukehren. Im Süden von uns lag das Königreich Almanien mit seiner strengen Ständegesellschaft und uralten Traditionen. Dort war ich noch nie gewesen. Im Westen von uns herrschte die Freie Republik Naridien, ein Quell fließenden Geldes für jeden Händler und grausam für den einfachen Arbeiter. Ich selbst hatte in meiner Jugend vergeblich versucht, es in diesem Land zu etwas zu bringen. Im Osten aber gab es nur Wildnis, endlose Wiesen, an denen der Wind riss, Hügel mit schroffen Felskronen, und nach vielen Tagesreichen würde man das Meer erreichen. Alkena war eine Pufferzone zwischen rivalisierenden Menschenreichen und den Orks, in der sich Gesocks aus allen möglichen Kulturkreisen herumtrieb, unbehelligt vom Arm des Gesetzes. Um das wachsende Übel einzudämmen, waren die Eisenfalken hier.

    Ich drehte den Kopf, weil ich unter meinen Füßen etwas gespürt hatte, reckte den Hals, witterte und lauschte. «He, Cherax! Hier ist etwas Großes in der Nähe.»

    Der Troll schüttelte den Kopf: «Egal, lass dich nicht ablenken. Wir haben die Informationen unserer Späher und denen folgen wir jetzt. Gefahr lauert sowieso überall, wir sind nahe der Front.»

    Nubaru, der hinter mir ging, mischte sich ein. «Aber wenn du einen Greifvogel siehst – ab in die Büsche, greif einen Stein oder die nächste Armbrust und schieß ihn runter! Und achte immer auf deine Füße!» Er war der Anführer von Trupp zwei, ein kleiner stämmiger Naridier aus einer zivilen Familie, den die Armee ausgemustert hatte und der nun versuchte, als Söldner die Schulden seines Vaters abzuarbeiten. Ich mochte Nubaru, er war in Ordnung. Sein Kampfname auf Uncàri bedeutete Weide. Es war auch die Sprache, in der wir uns unterhielten, weil die meisten Söldner Menschen waren, Naridier oder Almanen, und sogar einen Rakshaner gab es in unserer Kompanie. Die jahrhundertealten Konflikte ihrer Länder besaßen für diese Männer keine Bedeutung. Heute und hier waren wir alle Eisenfalken.

    Weiter ging es durch die Kälte. Während Cherax unerschütterliche Gelassenheit ausstrahlte, wurde Nubaru nicht müde, uns an jede einzelne mögliche Gefahr während des Marsches zu erinnern. Ich hörte ihm gut zu. Nach zehn Jahren, die ich nun schon bei den Eisenfalken diente, waren Kriegshandlungen wie diese immer noch ein schwer berechenbarer Tanz mit dem Tod. Schwert, Technik und Magie ergaben eine schwierige Mischung. Falscher Stolz wäre hier fehl am Platz. Dieser Krieg spielte sich nicht nur auf dem Schlachtfeld ab, Mann gegen Mann, sondern verwandelte Alkena in eine riesige Falle – und den Himmel in ein Netz aus magischen Augen.

    Wir gingen zügig, aber setzten unsere Schritte mit Bedacht. Überall konnten Stolperseile lauern, im guten Fall eine Schlinge, die einen von den Beinen riss, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte, im schlechten Fall eine alchemistische Sprengfalle, die einen zerfetzte. Wenn man den braunen Spuren der Karren folgte, die viel schwerer waren als ein Söldner, standen die Chancen besser, dass man nichts auslöste.

    Ich blinzelte gegen das Licht, als ich den Horizont betrachtete. Mir gefielen die Erschütterungen im Erdreich nicht. Der Winterhimmel erstrahlte in klarem Blau, der Wind riss an den trockenen Halmen. Dort, wo das zähe Hochlandgras dichte Teppiche bildete, lagen Inseln von Schnee. Das offene Land bot gute Sicht, doch die drohende Ahnung von feindlichen Stellungen, deren Rauch in der Winterluft gut zu riechen war, zwang uns zur Eile. Auch wenn man niemanden sah, waren die Gegner in der Nähe.

    Unser Ziel war ein Unterschlupf bei Djalom, einem naridischen Grenzdorf, das unter die Kontrolle wilder Banden gefallen war. Das Vorgehen der Banditen war äußerst effektiv, denn sie wurden von Raubrittern angeführt, die im Naridischen Befreiungskrieg den Kürzeren gezogen hatten. Ritter, die seit ihrer Kindheit in der Kunst des Krieges geschult worden waren.

    Gegen Mittag erreichten wir einen Unterstand, halb in die Erde gegraben. Er war so groß, dass man Ochsenkarren hineinfahren lassen konnte, um sie ungestört zu entladen. Die Rampe war breit genug dafür und mit Holzplanken befestigt. Ein Mix von Gerüchen kroch in meine empfindliche Nase: Schweiß, ungewaschenes Haar, geöltes Eisen, aber auch Gemüseeintopf und Schlamm. Ich konnte nicht sagen, welches von beiden den fauligen Geruch absonderte, der meine Nase quälte.

    «Ihr könnt das Gepäck ablegen», meinte Nubaru und machte eine Handbewegung in eine halbwegs freie Ecke.

    Der begrenzte Platz des Unterstandes war weitestgehend verstopft. Einige Männer der Radhora machten hier Rast und einige von uns. Die der Radhora waren besser ausgerüstet und einheitlich gekleidet, mit rot-schwarzen Armbinden, den Farben der Republik. Das Hämmern von Werkzeugen hallte durch den höhlenartigen Raum. Jurland, unser Schmied, reparierte hier Karren, Rüstungen und Werkzeuge. In einer Ecke wurden neue Bogensehnen gedreht, Pfeilschäfte mit vergifteten Spitzen versehen, die bei einem Treffer ein ohrenbetäubendes Brüllen des Opfers verursachten. Und es wurden Pfeile für die Vogeljagd gefertigt, leicht und schlank.

    Dankbar legte ich meinen Rucksack in die angewiesene Ecke. «Machen wir Rast?», fragte ich und stemmte die Hände in die Hüfte. Nach dem langen Marsch mit dem schweren Gepäck schmerzten mir die Schultern und Füße.

    Nubaru schüttelte den Kopf. «Jetzt nicht. Wir bereiten uns auf den Einsatz vor.» Er zog die Gurte seiner Panzerung fest. «Macht es euch nicht zu bequem und haltet eure Ausrüstung bereit. Das Gepäck kann hierbleiben. Es muss dann schnell gehen, wenn der Befehl kommt. Was wir bisher erlebt haben, ist nichts dagegen. Das hier ist eine andere Art der Kriegsführung.»

    «Was ist daran so besonders?», wollte ich wissen.

    Der kleine Mann atmete gestresst durch. «Mehrere Raubritter haben sich mit ihrem Gefolge zu einer Streitmacht zusammengeschlossen, wir kennen ihre Zahl noch nicht. Aber es sind so viele, dass die Radhora an diesem Frontabschnitt nicht mehr allein mit ihnen fertig wird. Und sie haben mehr als einen Magier dabei.» Er grinste verschmitzt. «Geht besser noch einmal aufs Klo, damit ihr euch nicht in die Hosen machst.»

    «Aber Djalom ist doch nur ein dummes Dorf», wandte ich ein. «Weshalb soll das verteidigt werden? Weshalb greifen sie es überhaupt an?»

    Nubaru sah mich streng an. «Djalom ist nicht bloß ein dummes Dorf, sondern ein Teil des naridischen Staatsgebietes! Und in diesen Tagen ein Hornissennest.» Er klopfte mir auf die Schulter. «Sie sind gekommen, um zu plündern und danach zum nächsten Ort weiterzuziehen. In den letzten Monaten sind sie verdammt schnell nach Westen vorgedrungen, ein Grenzdorf nach dem anderen haben sie verwüstet. Das muss aufhören. Dafür sind wir nun hier.»

    Ich nickte und kümmerte mich um die Vorbereitung auf den Einsatz, während Nubaru sich zu den Offizieren der Rahdora gesellte. Vor der Kammer mit dem Donnerbalken standen Soldaten und Söldner Schlange, doch irgendwann war jeder an der Reihe. Nach vollbrachtem Werk bekam jeder eine Kelle dicken Gemüseeintopf in die Eisentasse, die immer jeder am Rucksack trug. Gemessen an den Umständen schmeckte die Mahlzeit gar nicht übel, es war doch der Schlamm gewesen, der so miefte. Der Eintopf war gut gesalzen und ich schmeckte allerlei Wiesenkräuter heraus, doch mir fehlte die Ruhe, um ihn zu genießen.

    Noch während wir löffelten, erklärte Cherax uns die Lage. «Wir wurden gerufen, um die Radhora an diesem Frontabschnitt zu unterstützen. Damit ihr alle im Bild seid, hier noch ein paar Worte für die Neuen unter uns.» Er nickte in Richtung von Rex. «Die Radhora ist die Republikanische Armee des Hohen Rates, die naridische Berufsarmee. Sie ist eigentlich für die Sicherheit der Grenzen zuständig.»

    «Weiß ich», brummte Rex. «Ich bin selber Naridier.» Rex wusste auch ansonsten immer alles, zumindest zeigte er bislang kein Interesse daran, sich von irgendwem etwas erklären oder beibringen zu lassen. Stattdessen neigte er dazu, seine Vorgesetzten zu korrigieren. Kurzum, er war ein wahrer Ausbilderschreck. Doch unser Kommandant hatte entschieden, dass dieser Bursche trotzdem Teil der Eisenfalken werden durfte, und damit hatten wir ihn an der Hacke.

    «Großartig, dann komme ich gleich zur Sache», fuhr Cherax fort. «Unsere Gegner verschanzen sich in den Häusern von Djalom. Vor ein paar Tagen noch sind ihre Reiter in Richtung Front vorbei gedonnert, gefolgt von Ochsenkarren. Jetzt sind es nur noch drei oder vier berittene Gruppen. Das ist das Werk der Eisenfalken. Wir sind an den Kampfhandlungen hier in mehreren Trupps beteiligt und ab heute gilt das auch für Trupp zwei. Das bequeme Leben im Hinterland ist ab sofort vorbei. Trupp eins hat die Reiter aufgehalten, bevor sie die anderen erreichen konnten, durch Nadelstiche und Aufklärungsarbeit, so dass die Radhora ihnen schließlich den Rest geben konnte. Aber ein paar sind immer noch übrig. Um die werden wir uns jetzt kümmern. Sie sind vorsichtig geworden und ihre Vögel kreisen unaufhörlich. Die Augen der Hexer. Also vergesst alle Tierliebe und schießt sie runter.»

    Ein langer Schrei unterbrach den Troll, wehmütig, klagend, der uns alle verstummen und lauschen ließ – der Warnruf eines Falken. Wahrscheinlich hatte er in diesem Moment unsere Stellung gefunden.

    «Na prima», motzte Rex.

    Nubaru jedoch zog entschlossen den Kinnriemen seines Helms fest. «So, Jungs. Es geht los.»

    Während wir uns kampfbereit machten, kam einer unserer Kundschafter und meldete, dass der feindliche Trupp, auf den wir warteten, nahe Kawoi gesichtet worden war – durch unseren eigenen Falken. Nicht mehr Djalom, sie waren während der Nacht noch weiter vorgedrungen!

    «Planänderung.» Nubaru eilte von Mann zu Mann, organisierte hier und da. Jundurg packte uns auf seine Anweisung hin eine Stolperfalle zusammen, eine Konstruktion aus Stricken und Speeren. «Sie löst auf fünfzehn Schritt aus und bringt drei Mann auf einmal zu Fall», erklärte Jundurg. «Kennst du dieses Modell, Serak?»

    Ich war der Fallenspezialist der Eisenfalken und nickte. «Klar. Aber warum jetzt plötzlich eine Falle? Wir sind doch für den Kampf gerufen worden. Dieses Modell hier ist sehr effektiv, aber braucht ziemlich lange, um es richtig zu platzieren und scharfzumachen. Haben wir dafür überhaupt Zeit?»

    «Wir werden sie uns verschaffen», sagte Cherax. «Es ist alles mit Garlyn abgesprochen. Nubaru weiß, was er tut.» Er wies auf den Kundschafter mit der Kapuze. «Das ist Korma, unser neuer Hexer. Er hilft uns, indem er die Landschaft da draußen durch die Augen seines Falken betrachtet, während er hier drin hockt – sicher vor feindlichen Vögeln. Wir schlagen den Feind mit seinen eigenen Waffen. Mit Kormas Hilfe werden wir die Falle an der besten Stelle platzieren. Das ist deine Aufgabe. Und nimm Rex mit!»

    Das Paket war ein Gewirr aus Speeren und Stricken, doch mit Fallen kannte ich mich gut aus und würde die Aufgabe erfüllen. Rex würde das nervtötende Steinchen in meinem Schuh sein, aber Befehl war Befehl.

    Komar, unser neuer Hexer, trug unter der Kapuze eine Binde über seinen Augen. «Wenn ihr nach draußen geht, folgt der Wagenspur nach Norden», erklärte er, ohne den Kopf in unsere Richtung zu drehen. «Folgt ihr, bis ihr zu einer Stelle kommt, wo wie mit anderen Wagenspuren kreuzt. Sie führen nach Westen, hin zum heißen Frontverlauf. Die meisten Krieger vertrauen den Wagenspuren, weil sie darauf hinweisen, dass dort zuvor keine Falle war. Die verbliebenen Gegner in Kawoi werden bald Verstärkung erhalten, es ist ein Trupp von Osten aus zu ihnen unterwegs. Dieser Trupp ist euer Ziel. Vergrabt die Falle so, dass die Wagenspuren nicht beschädigt werden, damit der Trupp keinen Verdacht schöpft.»

    Ich warf Nubaru einen Blick zu, der nickte und mit der Hand in Richtung Ausgang wies. «Wenn ihr die Falle scharfgemacht habt, Serak, geht in Deckung und wartet auf uns. Bis später.» Ich sah ihm an, dass es ihm schwerfiel, nicht noch mehr Ratschläge zu geben. Nun musste er zwei seiner Jungs allein nach da draußen ziehen lassen, ohne ständig auf sie aufpassen zu können.

    Armer sensibler Nubaru. Um es ihm leichter zu machen, grinste ich, während ich salutierte. «Verstanden. Bis später.»

    Dann ging ich zügig die Rampe hoch. Rex kam mir hinterher. Wir blickten uns nicht lange um, sondern warfen nur einen kurzen Blick hinauf in den Himmel, ehe wir in leichtem Trab der besagten Wagenspur folgten.

  • Die Falle

    Wir erreichten die Stelle, wo die Wagenspuren sich kreuzten. Der Boden war oberflächlich gefroren und darunter weich. Ich zeigte Rex, wie ich mit dem Spaten Schollen von der Oberfläche hob, damit wir sie später wieder an Ort und Stelle legen konnten. Darunter hub ich eine Fallgrube aus, knietief. Sie sollte den Gegner nicht töten, sondern dafür sorgen, dass er durch das Einbrechen an den vergrabenen Stricken zog. Dadurch würde er die Falle auslösen. So war sie beinahe unsichtbar, in jedem Fall besser getarnt als mit einem quer über den Weg gespannten Stolperdraht. In diesem Augenblick würden die drei Speere, die ich seitlich des Weges vergrub, aus ihren Erdschächten herausgeschleudert werden. Es war eine komplexe Falle, die lange Vorarbeit und Präzision erforderte, aber das war mein Spezialgebiet. Sie würde funktionieren.

    Rex beobachtete, wie ich die vorbereitete Falle scharfmachte. «Kriegst du so ein Gefummel mit deinen Orkpranken überhaupt hin?» Er war nicht jünger als ich, wahrscheinlich sogar älter, dem Zustand seiner Zähne nach zu urteilen. Das Bastardschwert an seiner Seite war gut gepflegt, aber wirkte gebraucht. Wahrscheinlich hatte er es schon so gekauft. Woher er kam und warum er hier war, wusste ich nicht. Weil er aus seiner Abneigung mir gegenüber keinen Hehl machte, sprachen wir nur über Dienstliches. Ich vermutete, er war ein Totalversager, der bisher nichts auf die Reihe bekommen hatte und nun glaubte, als Söldner gutes Geld zu verdienen. Nun, er kannte Garlyn Meqdarhan anscheinend nicht gut genug.

    «Es geht nicht bloß um die Hände», knurrte ich, «sondern um einen klaren Kopf. Weil in deinem bloß Münzen herumklimpern, würdest du das hier auch nicht besser können.» Eigentlich hatte ich nichts gegen Naridier oder gegen einen guten Geschäftssinn einzuwenden. Ich hatte genau so viele nette Naridier erlebt wie dämliche Naridier, genau so viele nette Almanen wie dämliche Almanen. Trotzdem musste ich mich ja irgendwie für seine dummen Kommentare revanchieren. Das einzige, was ich noch nie erlebt hatte, waren nette Orks.

    «Geht das nicht schneller?» Rex schaute besorgt in den Himmel. «In Shakorz gräbt man Löcher bloß für die Toten, was?»

    «Besser als eure naridischen Massengräber», knurrte ich. «Statt Gruben auszuheben, habt ihr nach dem Bürgerkrieg einfach karrenweise Steine auf die Toten gekippt.»

    «Das war bewusst so», ereiferte Rex sich. «Erdbestattung ist für jene, die vergessen werden sollen. Hügelgräber sind für Helden!»

    «Dann ist ja alles bestens, weil du dir über deinen künftigen Steinverbrauch keine Sorgen zu machen brauchst. Jetzt geh zur Seite, ich muss hier ran. Vergiss nicht, ab jetzt einen Bogen um die Karrenspuren zu machen.»

    Die Grube war fertig, die unterirdischen Schnüre gespannt. Rex trat beiseite. Vorsichtig legte ich die Erdschollen über mein Werk.

    Ein ausgestreckter Finger schoss an meinem Kopf vorbei und erschreckte mich fast zu Tode. «Dort sieht man, dass die Erde frisch ist.»

    «Meine Güte! Halt die Klappe, uns fehlt die Zeit. Wir müssen in Deckung!»

    «Man sieht aber, dass dort eine Falle ist!», beharrte Rex. «So hättest du dir die ganze Arbeit auch sparen können.»

    So sehr es mich ärgerte, aber er hatte Recht. Ich wischte ein paar Mal mit den Fingern über die kritisierte Stelle und krümelte noch eine Hand voll lose Erde und trockenes Gras darüber, damit wir endlich auf unseren Beobachtungsposten gehen konnten.

    Es handelte sich um einen Unterstand in der Nähe der Falle, viel kleiner als der, in dem die Karren verladen wurden, und ohne verräterische Wagenspuren davor. Dieses Versteck war dem Gegner, so weit ich wusste, noch unbekannt. Wir hockten eine Weile schweigend im Dunkeln und warteten auf unseren Trupp. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, sich miteinander zu unterhalten, aber ich verspürte keinen Bedarf. Blöd schien er nicht zu sein, er hatte einen guten Blick für die Falle bewiesen, aber sein Gemeinschaftssinn war eine Katastrophe. Ob er vorher bei einer anderen Söldnerkompanie gedient hatte, die ihn deswegen rausgeschmissen hatte?

    Ich wagte einen Blick nach draußen und gab ihm einen Wink, mir den Rücken zu decken. Der Eingang des Unterstands wurde von einem Hügel verdeckt. Durch das trockene Gras, das darauf wuchs, konnte man aus dem Verborgenen heraus die Kreuzung im Auge behalten, so lange man den Himmel nicht vergaß. Als wir in den nächsten Stunden nach draußen gingen, dann stets zu zweit: Einer beobachtete den Boden, einer den Himmel, dann gingen wir wieder in Deckung. Wenigstens die Zusammenarbeit funktionierte.

    «Deine Schwerter sehen hochwertig aus», stellte Rex irgendwann fest.

    «Das sind sie. Sie gehören mir persönlich, ich habe sie nicht von den Eisenfalken gestellt bekommen.»

    «Weißt du, was so ein Schwert kostet?», fragte Rex und ich glaubte, einen lauernden Unterton zu vernehmen.

    Ich grinste spöttisch. «Zu viel jemanden, der unter Garlyn Meqdarhan dient.»

    «Eben, das ist keine Söldnerware! Diese Waffen wären eines Ritters würdig. Und du hast gleich zwei davon.»

    «Und du nicht, was? Aber so ist es. Und ich habe nicht einmal etwas dafür bezahlt.»

    «Ah, verstehe», sagte Rex gedehnt. «Beutegut, was? Aber musst du so einen wertvollen Fund nicht bei unserem Kommandanten abrechnen? Ist er nicht derjenige, der alle Beute einkassiert und dann verteilt?»

    «So ist es. Zumindest, wenn er von der Beute weiß.» Ich zwinkerte Rex zu. «Aber du brauchst nicht zu petzen. Ich besaß die Schwerter schon, bevor es mich zu den Eisenfalken verschlagen hat. Sie waren mein Lohn für Jahre treuer Dienste unter einem naridischen Rittersmann.»

    «Wie bitte? Du bist ein Ork!»

    «Halbork. Und mein Ritter war wohl sehr zufrieden. Aber was ist mit dir? Das Bastardschwert an deinem Gürtel stammt doch auch nicht aus unserem Arsenal. Es würde vielleicht nicht so viel Geld einbringen wie meine beiden Schätzchen, aber ich habe gesehen, dass in die Klinge ein Name eingraviert ist. Nur wenigen Schwertern wird diese Ehre zuteil, und ganz sicher nicht irgendwelcher Massenware.»

    «Du siehst viel», sagte Rex langsam. Es klang mehr wie eine Anschuldigung als wie ein Lob. Nein, er mochte mich immer noch nicht, auch wenn wir uns gerade unterhielten. «Dieses Schwert ist ein Erbstück meines Großvaters, der im Bürgerkrieg gefallen ist. Ja, auch er ruht unter einem Hügelgrab. Ihm wurde der Orden ‚Held der Republik‘ verliehen. Dieses Schwert hat dazu beigetragen, den verdammten Adel aus den Palästen zu jagen.» Er blickte auf das Bastardschwert, das in der Scheide an seiner linken Hüfte ruhte. «Das Blut von Naridiern klebt an dieser Klinge. Doch das macht es nicht zu einer schlechten Waffe. Die Raubritter, gegen die wir entsandt wurden, haben seine Schärfe genau so verdient wie ihre verräterischen Vorfahren. Als mein Großvater damals in Erfüllung seiner Pflicht starb, wurde dieses Schwert von einem Priester zum Heldenschwert geweiht. Und seither trägt es seinen Namen.»

    Ich kam nicht mehr dazu, nach dem Namen des Schwertes zu fragen, weil Nubaru mit dem Rest unseres Trupps durch den Eingang quoll. Götter, war das eng! Es wurde schlagartig heiß und stickig in dem kleinen Unterstand und jeder musste mit jedem kuscheln.

    «Bericht», keuchte Nubaru.

    Ich berichtete und ließ dabei netterweise einen guten Kommentar über Rex fallen. Ein Friedensangebot. Ob er es annahm, würde sich zeigen.

    «Wartet», rief Korma und alle verstummten. «Da kommt die Verstärkung für die Raubritter», murmelte er und senkte den Kopf mit den verbundenen Augen, als würde er lauschen. Doch in Wahrheit versank er tief in die Wahrnehmung seines Falken.

    «Ha», grunzte Cherax. «Wir sind gerade noch rechtzeitig gekommen.»

    «Still!», zischte Nubaru. Er legte eine Hand auf die Schulter des Hexers und die andere an meinen Oberarm, so dass auch ich das Bild empfing. Ich legte meine Hand auf Cherax und so weiter, bis wir alle mit den Augen des Falken sahen. Kurzzeitig wurde mir schwindelig von der horrenden Tiefe unter mir. Das Bild war erstaunlich klar.

    Zwölf Mann marschierten in einer Reihe, zwei davon waren Unteroffiziere. Sie machten den Fehler, ganz vorn zu gehen. Ich hielt den Atem an, als sie sich der Kreuzung näherten. Die letzten Schritte, dann knallten die entfesselten Speere durch Knochen und Fleisch. Die beiden Unteroffiziere und der dritte Mann der Reihe gingen schreiend zu Boden.

    Schlagartig endete die Übertragung, als Nubaru den Magier losließ.

    «Angriff!», rief Nubaru.

    Unser Trupp stürmte brüllend nach draußen. Im Rennen rissen wir die Waffen heraus. Ohne Anführer gerieten die Männer durcheinander und bekamen keine koordinierte Verteidigung hin. Am Himmel kreischte ein feindlicher Falke, bevor Cherax ihn mit einem Speerwurf vom Himmel holte. Der Vogel fiel wie ein Stein und der Trupp, den er schützen sollte, wurde unter unseren Klingen zu Aas. Wir zeigten keine Gnade und machten keine Gefangenen. Nach unserem Sieg plünderten wir die Toten und stachen sicherheitshalber bei jedem noch einmal zu. Um die Bestattung sollten sich ihre Banditenfreunde kümmern, wir waren hier fertig. Niemand wollte länger als nötig unter offenem Himmel verweilen.

    Vom Kampf noch aufgedreht und ob des Sieges bester Stimmung kehrten wir in den großen Unterstand zurück, wo ein neuer Wagen mit Nahrung und Material eingetroffen war. Endlich wieder so etwas wie ein Gefühl von Zuhause. Der Eintopf hatte nie so gut gerochen. Außerdem war ein anderer Trupp der Eisenfalken gerade angekommen unter der Führung von Doriq, einem Naridier. Er und seine Leute waren die letzten Tage unterwegs gewesen. Sie wirkten schmutzig und abgekämpft, aber er grinste.

    «Wo kommt ihr denn plötzlich her?», fragte der kleine Nubaru irritiert.

    «Kawoi.» Doriqs Grinsen wurde breiter und dann erzählte er.

    Doriq und seine Männer hatten sich mit den Raubrittern angelegt, während wir die erhoffte Verstärkung ausgeschaltet hatten. Nun lagen sowohl die Raubritter als auch ihre Verstärkung in den Wilden Wiesen und würden nicht mehr aufstehen. So sehr wir immer auf unseren Kommandanten schimpften, weil er nie pünktlich Sold auszahlte, so beeindruckend waren seine Talente, was das Organisieren von Aufträgen sowie das Austüfteln und Umsetzen von Schlachtplänen betraf. Die beiden Trupps hatten einander perfekt ergänzt, ohne dass wir das mitbekommen hatten, und er hatte für jede Aufgabe den richtigen Unteroffizier gewählt.

    «Ist Kawoi jetzt sauber?», wollte Nubaru wissen.

    Dariq schüttelte den Kopf. «Wir haben viele von ihnen in den Abgrund befördert und eins ihrer Depots in Brand gesteckt, das wird sie eine Weile beschäftigen. Aber da sind immer noch einige von ihren Drecksäcken.»

    Wir durften nun endlich Pause machen, setzten uns hin, aßen Eintopf, tranken und wer wollte, hielt im Sitzen ein Nickerchen. Ich hörte lieber zu, was Doriq zu erzählen hatte. In der Ferne hörte man Kampfgeräusche, aber man gewöhnte sich an alles und irgendwann muss man Pause machen.

    «Die Banden kamen fünf- bis sechsmal täglich», erzählte er. «Das war Wahnsinn. Ganze Kolonnen aus Reitern und Karren, die an unseren Hinterhalten scheiterten. Die hier haben sich als gute Hilfsmittel erwiesen.» Er zeigte uns ein Knäuel aus spitzen Eisennägeln, die so aneinander geschmiedet worden waren, dass immer eine Spitze nach oben zeigte. Man nannte sie Krähenfüße. «Hufe sind weicher als Kampfstiefel. Wir haben das Zeug überall verstreut. Das hat die Pferde ordentlich aufgemischt. Sobald die Kavallerie absaß, schlugen erst unsere Schützen und dann unsere Stoßtrupps zu. Was uns fehlt, sind mehr Falken, einer ist wirklich zu wenig. Und noch mehr Schwertkämpfer.»

    Davon konnte es sowieso nie genug geben. Während er sprach, spitzte sich draußen die Lage zu.

    Der Feind beschoss den Zufahrtsweg der Karren mit Armbrüsten und ich hörte mindestens zwei Falken. Ein besonders lautes Klacken ertönte und hundert Schritt entfernt detonierte ein alchemistischer Bolzen, dessen Druckwelle den Unterstand erzittern ließ. Wir sahen besorgt unsere Unteroffiziere an.

    Doriq winkte ab. «Wir haben schon Schlimmeres erlebt.» Er deutete auf das neue Dach, dessen Balken mit Eisenringen verstärkt waren. «Vor ein paar Tagen ist so ein Bolzen eingeschlagen, das ganze Gebälk hat er gesprengt. Es gab ein paar Tote unter der Radhora und uns haben die Ohren geklingelt, aber das gehört dazu. Wir haben danach alles selbst repariert, Nubaru hat sich um alles gekümmert. Schaut es euch an, jetzt ist es wie neu. Das alles in nur wenigen Tagen!» Er tätschelte einen Stützpfeiler.

    Während es draußen immer wieder krachte, entluden wir den neu eingetroffenen Karren. So lange der Lärm nicht näher kam, war alles in Ordnung. Mittlerweile war es Dunkel geworden.

    Doriq und Nubaru legte sich wie die meisten anderen schlafen. Cherax koordinierte die Nachtwache. Ich meldete mich freiwillig für die erste Schicht.

    Mit der Dunkelheit wurde es auch draußen ruhig, weil weder die Kämpfer noch die Falken etwas sahen. Ein trügerischer Friede legte sich über uns. Doriq schnaufte im Schlaf bei jedem Atemzug. Er kämpfte schon seit Beginn der Überfälle für die Eisenfalken, fünf Jahre länger als ich. Bei Vellingrad war er in eine Fallgrube gestürzt. Seine Rüstung hatte ihn vor dem Tod bewahrt. Später traf ihn ein Bolzen in den Rücken. «Ich ließ ihn drin», erzählte er mir später. «Das Herausziehen hätte mich umbringen können. Die Wunde wurde versorgt, und ich kehrte zurück.»

    Auch heute noch steckte der Bolzen zwischen seinen Rippen und machte ihm das Atmen schwer. Er tat, als würde es ihn nicht stören und machte regelmäßig seine Witze darüber. Im Schlaf zeigte sich die bittere Wahrheit.

    Gegen Mitternacht erschien unser Kommandant im Unterschlupf, um nach dem Rechten zu sehen. Garlyn Meqdarhan, genannt Garlyn der Fuchs, gab sich persönlich die Ehre! Damit hatten wir nicht gerechnet. Wir salutierten und er salutierte zurück, einen zufriedenen Ausdruck im Gesicht. Anscheinend gefiel ihm, was hier im Unterschlupf vorfand. Cherax ließ Doriq und Nubaru schlafen und übernahm es an ihrer Stelle, dem rothaarigen Naridier Bericht zu erstatten.

    Garlyn lauschte mit schmalen grünen Augen. Dann nickte er gönnerhaft und verteilte an alle, die wach waren, ihren Sold. Wahnsinn! Wahrscheinlich sollte uns das motivieren und jeder bedankte sich brav, aber jeder wusste auch, dass es nur ein Bruchteil dessen war, was uns zustand. Er schuldete uns mehr als nur den Sold des letzten Mondes. Ein Trostpflästerchen, damit wir nicht die Hoffnung verloren, eines Tages doch noch bezahlt zu werden. Wer’s glaubte ...

    Cherax wagte, nach dem Rest des Geldes zu fragen. Der charismatische Troll schaffte es irgendwie, diese unangenehme Frage so zu stellen, dass unser Kommandant nicht gereizt reagierte.

    «Naridien zahlt immer zu spät, Männer», brummte Garlyn, «aber es zahlt zuverlässig. Wir halten die Grenze weiterhin.. Sie müssen erfahren, was sie an uns haben, dann werden die Zahlungen irgendwann pünktlich eintreffen.»

    Was hätte es genutzt, sich zu beschweren? Jeder wusste, dass das Geld sehr wohl pünktlich und vollständig geliefert wurde. Garlyn konnte einfach nicht damit umgehen und seine Buchführung war grauenhaft.

    Die Truppe nickte ergeben, wie immer. Man hätte die Einheit verlassen und zu einer anderen wechseln können, aber wollte man das? Bei den Eisenfalken kannte man seine Kameraden und seine Vorgesetzten, hier war man zuhause. Und konnte man dieses Gefühl gegen Geld aufwiegen?

    Rex nippte mürrisch am Gemüseeintopf. «Halborks bringen immer Pech, wenn’s um Geld geht», murrte er. «Sie sind ein Fluch auf zwei Beinen, darum würde kein Händler sich je einen Halbork als Sklaven kaufen. Hast du dazu mal unseren neuen Hexer konsultiert, Garlyn?»

    Garlyn runzelte missbilligend die Stirn.

    Cherax aber lachte, als hätte Rex nur Spaß gemacht, klopfte ihm die Schulter und verhinderte galant, dass ich erzürnt lospoltern konnte. Doch er nahm die Hand nicht wieder von seiner Schulter herunter. «Rex, lass Serak in Ruhe», sagte er, noch immer freundlich, doch seine Finger griffen fester zu. «Ohne ihn wär’n wir schon oft Banditenfutter gewesen. Er ist ein Halbork, aber er ist unser Halbork. Uns hat er bisher nichts als Glück gebracht. Er ist schon fast so was wie ein Glücksbringer auf Beinen.»

    Etwas gegen Cherax zu sagen, traute unser neuer Kamerad sich dann doch nicht. Cherax gehörte zu den dienstältesten Mitgliedern der Truppe und wenngleich er keinen Führungsrang besaß, trug er oft Verantwortung und unterstützte unsere Anführer. Der Blick von Rex blieb feindselig, doch er starrte nun in seine Tasse und verkniff sich weitere Stänkereien.

    Ich schwieg ebenfalls, blickte ins Feuer, während einige alte Narben juckten.

  • Heimkehr der Eisenfalken

    Als das Lager in der Ferne auftauchte, jene improvisierte Festung aus Eis und Holz, konnte ich den Rauch der Feuerstellen riechen, einen beißenden, harztigen Dunst, der sich mit dem schneidend kalten Wind vermischte. Das Lager hockte auf einem Hügel, umringt von einem Schneewall, aus dem noch die schwarzen Spitzen geteerter Palisaden ragten. Die windschiefen Hütten glitzerten, vom Frost überzogen.

    Bei jedem Schritt knirschte der Schnee unter unseren Stiefeln. Die Wachen riefen etwas und das Tor wurde aufgeschoben. Schnee rieselte, Schritte stampften. Die Eisenfalken kehrten heim.

    Als wir das Tor durchschritten, kamen uns die ersten Söldner entgegen, jene Kameraden, die zurückgeblieben waren, um das Lager zu hüten, und sie begrüßten uns mit derben Rufen, die in der kalten Luft widerhallten. Wir antworteten, die Worte waren grob und doch von einer seltsamen Zärtlichkeit durchwirkt, die nur jene kannten, die gemeinsam den Tod umarmt hatten. Wir marschierten dennoch diszipliniert, niemand verließ den Tross, um noch einmal anzutreten. Es ist ein Mythos, dass es in den Söldnerkompanien der Grünen Kader keine Disziplin geben würde, wenngleich nicht jedes Detail so präzise durchgeplant werden konnte wie in den Armeen der großen Menschenreiche.

    «Meine tapferen Eisenfalken», rief der Kommandant. Sein kupferrotes Haar schien im Graubraun unserer Ausrüstung zu leuchten wie Feuer. Er war ein skrupelloser Fuchs mit dem Charisma eines strengen, aber gütigen Vaters. Man war geneigt, ihm jeden Fehler zu vergeben, und Fehler besaß er zahllose. «Nach langer Mission sind wir endlich vereint wieder hier. Ihr seid Krieger, die sich dem Unbekannten stellen und niemals zurückweichen, Helden in einer Welt, die von Asche und Verrat regiert wird. Unsere Opfer werden nicht vergebens gewesen sein, denn jeder Gefallene lebt im Geist aller Eisenfalken weiter. Eure Familien haben euch vergessen, eure Regierungen und eure Götter, aber die Eisenfalken vergessen niemanden.»

    Die Söldner senkten die Köpfe und verharrten in absoluter Stille, einer jender Momente, in denen die Zeit sich dehnte. Jeder hing seinen eigenen Gedanken und Gefühlen nach. Ich sah die Gesichter jener vor mir, die fortan meinen Weg nicht mehr begleiten würden. Nach zehn Jahren schmerzten Verluste nicht mehr so sehr wie früher, die scharfe Klinge des Schmerzes war stumpf geworden. Gleichgültig waren die Toten mir trotzdem nicht. Sie lauerten in den Winkeln meines Verstandes wie Schatten, die sich immer dann regten, wenn ich gerade nicht hinsah.

    Nach einiger Zeit hob der Kommandant den Kopf und seine Stimme holte uns zurück in die Wirklichkeit.

    «Unsere Kameraden werden uns für immer begleiten, die Zukunft gehört den Eisenfalken. Lasst die Nacht unserer Heimkehr ein Fest des Lebens sein. Wir haben gesiegt! Hebt die Becher und lasst den Sieg in euren Herzen lodern! Vergesst niemals die Pflichten, die wir als Söldner tragen - seid Wächter, seid Gefährten und seid bereit, jederzeit wieder in den Kampf zu ziehen, wenn das Horn euch ruft. Genießt euren Feierabend und erinnert euch daran, dass ihr Teil einer starken Gemeinschaft seid, die nichts aufhalten kann. Morgen geht der Dienst pünktlich weiter. Wegtreten!»

    Im Gehen rempelte Cherax mich mit der Schulter an. Der Troll war größer als ein ausgewachsener Ork, aber schlanker, mit einer Haut so grau Fels und Hauern wie ein Wildschwein. Als er den Helm abnahm, quoll sein schwarzer Haarkamm hervor, der als Streifen über seinen Rücken verlief und sich sofort aufrichtete, kaum dass er ins Freie kam. «Du schuldest uns noch was», stellte er fest. «Deine Schuld ist auf den Tag genau heute fällig, Serak.»

    Ich tat, als wüsste ich nicht, wovon er sprach. «Der Einzige, der dir was schuldet, ist Garlyn – für all die leeren Versprechungen, die er uns macht, seit wir in seinen Klauen sind.»

    «Nö», beharrte der Troll. Seine großen silbrigen Augen glitzerten listig. «Du weißt genau, was ich meine.»

    Ich schnaufte gequält, eine Dampfwolke entwich aus meiner Nase. «Na schön, du hast gewonnen.» Mein schöner Sold, jenes flüchtige Glitzern, das durch die Finger rann wie Sand. «Heute Abend Treff im Heulenden Hund. Aber lass mich vorher noch was Sauberes anziehen. Und sag nicht so vielen Bescheid, sonst bin ich gleich wieder pleite.»

    Das Grinsen von Cherax wurde breit und dreckig. «Das würde ich nie tun. Troll-Ehrenwort.»

    «Bei meinen Ahnen», stöhnte ich und schaute theatralisch in den Himmel, wo Alvashek, gehüllt in einen Wolkenschleier, versank. Leider half das nichts und Cherax löste sein Troll-Ehrenwort ein, eine geläufige Bezeichnung für ein falsches Versprechen. Als wir abends auf dem Weg ins Dorf waren, begleitete uns eine lange Kolonne von durstigen Kameraden.

    Unwrain war ein Kaff im Nirgendwo, ein vergessenes Nest, das keinen eigenen Ortsnamen verdiente. Schneeregen peitschte in unsere Gesichter und bedeckte unsere Kapuzen und Wolljacken mit kaltem Matsch. Wenig später trat ich gemeinsam mit zwei Dutzend meiner Kameraden in die dunkle Holzhütte des Heulenden Hundes, ein Name, der so irreführend war wie die Verheißung von Wärme und köstlichen Speisen, denn ier heulte nichts außer der Wind durch die Ritzen. Der Hund, der hier mal gewohnt haben mochte, war wahrscheinlich längst zu Suppe verarbeitet worden. Unter unseren Schritten knarrten die Dielen und in den farbigen Bleiglasfenstern brach sich das Licht der flackernden Öllampen in verzerrte Fragmente, die wie bunte Geister über die Wände tanzten.

    Die Gäste, eine handvoll verhutzelter Gestalten, wandten die Köpfe. Ihre Blicke verrieten eine Mischung aus Neugier und der resignierten Erkenntnis, dass eine Söldnerhorde, die frisch von der Front kam, selten angenehme Gesellschaft war.

    Wir quetschten uns um die wenigen Tische, Stühle schabten über Sägespäne und die verkokelten Reste von Pfeifenkraut.

    «Mahlzeit», murmelte ich den Fremden zu, während ich mich zum Tresen vorkämpfte, einem monströsen Gebilde aus verwittertem Holz, das von unzähligen Rußflecken gezeichnet war.

    Die Bestellung war einfach, Bier und Kohlsuppe, nichts weiter, denn Vielfalt war ein Luxus, den Unwrain sich nicht leisten konnte. Die Schankmädchen – zwei erschöpfte Kreaturen – huschten hin und her, der Wirt brummte gereizt.

    Schließlich standen die Krüge und Schüsseln da, schaumig und trüb, aber einladend, und mein Magen knurrte.

    Alle Blicke richteten sich erwartungsvoll auf mich.

    Ich erhob mich, den Krug in der Hand, und ließ meinen Blick über die Runde schweifen, über Narben von vergangenen Kämpfen, über Augen, in denen ein dunkles Feuer glomm.

    Zehn Jahre bedeuteten mir persönlich so viel wie der Staub, zu dem am Ende alles zerrann. Unter Orks galt ein Jubiläum nichts, denn was war es anderes als das Absitzen von Zeit?

    Doch der Ruf eines Geizhalses haftete an mir wie ein Fluch, weil ich schon das fünfjährige Jubiläum ohne Feier hatte verstreichen lassen, und so versuchte ich, die Sache wiedergutzumachen, wenngleich der letzte Sold ausgeblieben war.

    «Auf zehn weitere Jahre mit euch, ihr elenden Drecksäcke. Mögen uns die Ahnen nicht so schnell zu sich rufen.»

    «Auf zehn weitere Jahre!», brüllten die Söldner und die Krüge krachten aneinander.

    Ich nahm einen beherzten Schluck und setzte mich. Der Ruß der Öllampen stank wie menschliches Fleisch, das von einer alchemistischen Sprengfalle in Fetzen gerissen wurde. Ein Geruch, der sich in die Lungen brannte und nie mehr wich, um in stillen Momenten wieder hervorzukriechen.

    Cherax lachte dröhnend, unangemessen an einem Tag wie diesem, und doch war es verständlich. Man musste lachen, um nicht zu verzweifeln. Wem hätte Trauer genutzt? Sie rief niemanden zurück vom Alldunkel zwischen den Sternen.

    Ich stellte fest, dass das Bier heute krümelig schmeckte, Sedimente, die am Gaumen hafteten wie die Erde auf einem Schlachtfeld.

    Mauli und Cherax grinsten mich an, ich grinste zurück, wenngleich das Lächeln in meinen Augen nicht ganz ankam. Logen auch sie, oder war ich der einzige Lügner? Der einzige Schwächling? Über solche Dinge sprach man nicht. Mauli war sichtlich älter geworden, seit wir uns vor zehn Jahren das erste Mal begegnet waren. Sie besaß nur noch die Hälfte ihrer Zähne, doch an Cherax, vor dem eine halbe Ewigkeit lag, war die Zeit nahezu spurlos vorübergezogen. Er hatte lediglich ein paar Narben mehr als früher. Was mich betraf, musste mein Alter irgendwo zwischen fünfundzwanzig und dreißig liegen.

    «Zehn Jahre, Serak», sagte Cherax bedeutungsschwer. «Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verstrichen ist.»

    «Was dich betrifft, versoffen und verhurt», antwortete Mauli trocken. « Den Luxus, die Zeit zu vergessen, hat bloß ein Troll. Andere Leute haben derweil hart gearbeitet, haben Schlachten geschlagen und Wunden geleckt. Ich weiß sehr gut, wo all Jahre geblieben sind. Ich merke sie in jedem Knochen.»

    «Niemand kann was dafür, dass du schon alt wirst», grollte Cherax.

    «Kein Streit heute, ich verbiete das», stellte ich klar.

    Cherax winkte ab, sein Grinsen blieb unerschüttert. «Mauli kann nicht anders. Wenn die eines Tages unter der Erde liegt, muss man ihr Mundwerk extra totschlagen, damit es aufhört, sich über mich zu beschweren.»

    «Schnauze jetzt», sagte ich und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. «Heute wird gefeiert, das ist ein amtlicher Befehl unseres Kommandanten. Was ihr danach macht, ist eure Kanne Bier, aber jetzt wird gebechert. Auf weitere zehn Jahre!» Ich hob den Krug erneut.

    «Auf weitere zehn Jahre», stimmten Mauli und Cherax ein, wir tranken und damit herrschte vorerst wieder Tischfrieden, eine fragile Waffenruhe, die oft so schnell zerbrach wie ein Glas unter Stiefeln.

    Während Mauli und Cherax sich mit den anderen Söldnern am Tisch unterhielten, über unsere Missionen, die immer in Blut und Geld endeten, trank ich schweigend und versank im finsteren Labyrinth meiner Gedanken. Vielleicht lag es daran, dass ich, wie Mauli, nur mit einer kurzen Lebensspanne geschlagen war, ein kurzes Glimmen wie ein Funken in der Nacht, der sogleich wieder erlosch, während die Feuer der Trolle, Orks und Alben – all der spitzohrigen Urbevölkerung von Asamura – über Jahrhunderte brannten. Der Fluch des Menschenblutes in meinen Adern würde mich bald welken lassen, ich würde zahnlos, grauhaarig und faltig wie Mauli werden. Auch ich konnte die Zeit nicht einfach vergessen, jedes Jahr wog kostbar.

    Nichts währt ewig und nichts Gutes währt überhaupt. Ich dachte an Katax und an Dolwin und bestellte einen weiteren Krug.

    Garlyn Meqdarhan besaß nicht den Edelmut eines Dolwin von Niederau, er war ein skrupelloser, hinterlistiger Fuchs, und doch bot er mir eine neue Heimat. Vor zehn Jahren war ich ein junger Halbork auf Sinnsuche gewesen. Was ich gefunden hatte, waren Blut, Schmerz und Geld. In dieser verfluchten Welt aus Schlamm und Schnee, was könnte befriedigender sein, als den Göttern, die auf uns spuckten, jeden Tag den Mittelfinger zu zeigen, indem man trotz allem weiterkämpfte? Einen anderen Grund gab es nicht. Früher oder später würde es einen neuen Auftrag geben, einen besseren Auftrag und besseres Geld, bis dahin halfen Bier und Schnaps, die Flaute zu überstehen. Ja, auch Garlyn hatte mich vieles gelehrt.

    Die Krüge klimperten, Spielkarten raschelten, die Witze wurden derber. Cherax versuchte sein Glück bei einem Schankmädchen und Mauli steckte sich eine Pfeife an, deren rauch sich unter den Holzbalken der Decke verlor. Sie ging wieder leer aus, als die Pärchen sich für heute Nacht zusammenfanden und Arm in Arm in den Hinterzimmern oder nach draußen verschwanden. Für mich war das gut, denn so war sichergestellt, dass sie mir weiterhin Gesellschaft leisten würde, weil ich kein Bedürfnis verspürte, mit jemandem mein Bett zu teilen. Viel lieber blieb ich mit den Zechern sitzen, in dieser rauenGemeinschaft, die nach Schweiß, Leder und Alkohol roch. Ich erzählte Mauli einen Witz, bei dem Trolle äußerst schlecht wegkamen, sie lachte und wir stießen an.

    Alles in allem, so stellte ich fest, war ich mit meinem Leben zufrieden. Mit jedem Schwertstreich spürte ich die Genugtuung, dass jeder durch meine Hand fallen konnte, der mir dumm kam. Ich war nicht mehr der Jüngling, der herumgeschubst wurde, ich war ein Krieger, dem man besser Respekt zollte. Ich war der Mann, der ich als Jüngling immer sein wollte.

    War ich glücklich?

    Die ehrliche Antwort lautet: Nein.

    Ich trank noch mehr, und das Heimweh nach den rot blühenden Wiesen der Tundra, nach Katax‘ sensiblem Blick, kroch hoch wie Nebel aus den Tiefen meiner Erinnerung – ein Schmerz, der sich nicht weggrinsen ließ, wenngleich ich es versuchte, Krug um Krug.

  • Unwrain

    Auf dem Rückweg war ich nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Bevor wir in Sichtweite der Torwache kamen, zog ich meinen Arm von Maulis Schultern. Man könnte meinen, dass die frische Luft mir gutgetan hätte, aber ich war immer noch so betrunken wie zu dem Zeitpunkt, als wir den Heulenden Hund verlassen hatten.

    «Den Rest laufisch alllleine», verkündete ich.

    «Fall nicht hin, der Weg ist voller Pfützen», sagte Mauli besorgt.

    «Isch bin Meister der Ballllance», lallte ich und breitete die Arme aus. Zielstrebig torkelte ich um die Pfützen herum, meine Stiefel wurden nicht nasser, als sie ohnehin schon waren, aber aus irgendeinem Grund wurden wir trotzdem von der Torwache aufgehalten.

    «Ihr sollt doch nicht so viel saufen, dass ihr besoffen seid», meckerte jemand, dessen Stimme mir unangenehm bekannt vorkam. Das war Rex! Anstatt sich ausruhen zu dürfen, hatte Garlyn ihm eine Nachtschicht aufgebrummt. Vielleicht, um seiner Meinung bezüglich unkameradschaftlichen Verhaltens Nachdruck zu verleihen.

    «Wo binnich besoffn?», fragte ich.

    Er wies von meinem Kopf bis hinab zu den Stiefeln. «Überall, von oben bis unten! Schau dich an! Du weißt, dass ich das melden muss.»

    «Ach, komm, Re ... Rexi.»

    «Mag sein, dass andere ein Auge zudrücken, wenn du ihnen dämliche Kosenamen gibst, aber ich mach das nicht. Jetzt rein mit dir und auf direktem Weg ins Bett, bevor noch ein Unglück geschieht.»

    «Das sachst du nur, weillu nich eingeladen warst! Du bissein elener Sauhund!»

    «Und die Beleidigungen melde ich gleich mit. Rein jetzt», knurrte Rex und schob mich durchs Tor.

    Zu schnell für mich. Ich stolperte über meine Füße, stürzte und schlitterte auf Händen und Knien durch den kalten Schlamm, bis ich auf dem Bauch landete.

    Mauli erbarmte sich, mir auf die Beine zu helfen. Unter Protest ließ sich mich von ihr in meine Barracke führen. Es war noch niemand in meiner Stube, so kam sie mit herein. Sie setzte mich auf mein Bett und zog mir die nasse Jacke, den feuchten Wollpullover und die Stiefel aus, so dass ich nur noch im Unterhemd und Hose war. Danach ergriff sie meine Finger. «Deine Hände sind eiskalt.»

    «Bedank dich bei Rex, der mich innen Schlllamm geschickt hat.»

    Sie zog mir mein Nachthemd über. Vielleicht hätte es mir peinlich sein müssen, bemuttert zu werden, aber ich mochte Mauli, also gönnte ich ihr die Freude. Aus der dreckigen Hose schälte ich mich selbst, dann ließ ich mich ins Bett sinken und wickelte mich in die Wolldecke. Mauli verschwand für einen Augenblick nach draußen, um mit einer gusseisernen Wärmflasche zurückzukehren, die sie mir an die Füße legte. Angenehme Hitze machte sich an meinem Fußende breit. «Gute Nacht», sagte sie.

    «Nacht!»

    Dass Cherax und die anderen eintrudelten, bekam ich schon nicht mehr mit. Ich schlief wie ein Stein.

    Nach dem Weckruf fanden wir uns, wie immer, zum Appell ein, um die Tagesbefehle entgegenzunehmen. Der Drillplatz war ein trostloser Anblick an diesem späten Wintermorgen. Der Boden war aufgeweicht und matschig, jeder Schritt verursachte ein widerliches Schmatzen. Ein kalter Wind wehte über das Lager, schneidend und unerbittlich, und trug den Geruch von feuchter Erde und altem Holz mit sich. Die Zeltplanen flatterten unruhig, als würden sie gegen den nahenden Appell zu so früher Stunde protestieren. Rauch stieg träge in die Luft, er verströmte den würzigen Geruch von verbranntem Holz und dem Eintopf, den es abends gab. Was wir zum Frühstück oder Mittag aßen, war unsere Sache.

    Die Rüstungen und Waffen glänzten im trüben Morgenlicht. Die Söldner standen in lockeren Haufen zusammen, die meisten von ihnen fröstelnd und missmutig. Manche schlugen sich die Hände gegen die Oberarme, um die Kälte zu vertreiben.

    Garlyn Meqdarhan schien eine schlechte Nacht gehabt zu haben. Er sah bleich und aufgedunsen aus, aber ansonsten hielt er sich frisch, wenn ich seinen Alterungsprozess mit dem von Mauli verglich, die genau so alt war wie er.

    «Guten Morgen», sagte er. Blick und Tonfall sagten, dass er für einige von uns gar nicht gut werden würde.

    «Guten Morgen, Kommandant», antworteten wir pflichtschuldig.

    «Wie viele von euch wissen, hatte ich vor einigen Tagen ein Gespräch mit unserem Auftraggeber. Ich darf euch gute Neuigkeiten verkünden: Uns wird in Zukunft der Schutz eines Abschnitts der Salzstraße anvertraut werden. In letzter Zeit werden auch Karawanen mit beträchtlichem Geleitschutz überfallen und ausgeraubt. Deswegen werden wir uns um dieses Problem kümmern. Fragen?»

    Rex meldete sich. «Ist bekannt, wer die Händler überfällt?»

    Garlyn nickte. «Ja, diesmal sind es nicht die Raubritter. Sondern Orks.»

    Rex spuckte aus. «War ja klar.»

    Ich meldete mich und konnte nur mit Mühe warten, bis ich aufgerufen wurde. «Das muss irgendeine Drecksrotte sein. Nur wenige Rotten überfallen Menschen! Was Orks brauchen, organisieren sie sich selbst, und was sie sich nicht organisieren können, das brauchen sie auch nicht!»

    «Offenbar tun sie es doch», warf Rex ein. «Wie sieht es aus mit Gold? Geschmeide? Bei dem ganzen Schmuck, den ihr ständig tragt, macht ihr den almanischen Prinzessinnen Konkurrenz.»

    «Schmuck hat für einen Ork nichts mit Eitelkeit zu tun», polterte ich. «Jedes Schmuckstück hat rituelle Bedeutung und ist entweder ein Fluchbrecher oder eine Trophäe. Irgendeine fremde Kette mit bunten Edelsteinen würde keinen Zweck erfüllen!»

    «Außer als Andenken an den erfolgreichen Überfall», konterte Rex schnippisch.

    Womit er Recht hatte, aber das wollte ich nicht zugeben. Ich öffnete den Mund, um ihn mit einer Ausrede niederzuwalzen, doch Garlyn kam mir zuvor.

    «Ruhe.» Er deutete auf Rex. «Hier sind wir alle Eisenfalken! Du bist mir gestern schon negativ aufgefallen. Solchen Mist, das ein Volk besser wäre als das andere, will ich kein weiteres Mal hören. Alle Völker sind gleich verdorben, das kannst du mir glauben. Aber hier ist das egal!»

    «Du bist doch auch Narider», murrte Rex. «Du musst doch wissen, dass der Norden des Landes schon immer mit plündernden Orkbanden zu tun hatte, Kommandant.»

    Ich mischte mich erneut ein. «Es mag ja sein, dass es in den Grenzregionen hin und wieder Ärger gibt. Aber das sind bloß junge Krieger, die ein bisschen Kampferfahrung und ihre ersten Trophäen sammeln wollen.»

    «Da bin ich ja beruhigt», ätzte Rex. «Unter diesen Umständen überlasse ich ihnen liebend gern meinen Skalp!»

    «Ich sagte Ruhe», donnerte Garlyn. «Rexar Falachny und Serak der Lügner, ihr habt heute großen Putzdienst fürs unaufgeforderte Sprechen und dafür, dass ihr meinen Befehl, zu schweigen, ignoriert habt. Was Serak betrifft, so darf er sich morgen früh in meiner Schreibstube außerdem noch die Strafe für seine Trunkenheit abholen kommen.» Er sah streng zwischen Rex und mir hin und her, dann widmete er sich wieder dem Rest der Kompanie. «Trupp eins macht sich jetzt fertig zum Garnisonsdienst laut Plan, Trupp zwei rüstet sich aus für einen Kontrollmarsch. Fragen? Nein? Dann Ausführung!»

    Während meine Kameraden sich für den Kontrollmarsch versammelten, trottete ich mit Grabesstimmung zurück in die Baracke, legte meine Rüstung und Bewaffnung ab, mit Ausnahme des Kampfmessers, das immer am Gürtel blieb, und holte mir das Putzzeug.

    Der kalte Wind biss uns ins Gesicht, als Rex und ich uns widerwillig durch den Matsch schleppten, beide mit Schaufeln, Eimern und Besen bewaffnet statt mit Schwertern und mit einer Menge ungesagter Worte.

    Wir begannen, den Schlamm beiseite zu schaben, damit die Pfützen abflossen, während Rex unaufhörlich vor sich hin fluchte. «Diese verdammte Kälte frisst einem die Knochen auf», murrte er, während er energisch mit seiner Schaufel über den Boden fuhr.

    Ich konnte ein fieses Grinsen nicht unterdrücken. Sein Ärger tat mir gut. «Vielleicht ist es das Beste, wenn du dich bewegst, Rex. Dann wird dir warm.» Er warf mir einen giftigen Blick zu, der mein Herz erfreute.

    Die Arbeit war zäh und undankbar. Unsere Stiefel schmatzten bei jedem Schritt, und der Schlamm klebte an manchen Stellen so hartnäckig, dass es eine Ewigkeit dauerte, ihn loszuwerden. Doch immerhin hörten wir auf zu streiten. Wir konnten unsere Wut auf die Arbeit richten, statt aufeinander.

    Die Latrinen waren unser nächstes Ziel. Es war nicht so kalt, dass die Sickergrube gefroren wäre. Selbst durch die kalte Winterluft krochen die fauligen Dämpfe in unsere Nasen. Mit zusammengebissenen Zähnen machten wir uns an die Arbeit, säuberten die Sitzflächen der Plumpsklos und schütteten Kalk hinein, um die schlimmsten Gerüche abzutöten.

    Mittags ging es zu den Ställen, wo die wenigen Pferde lebten, die unsere Söldnerkompanie besaß. Pferde waren Luxustiere, die sich kaum jemand leisten konnte. Der gemeine Mann musste sich mit Eseln und Ochsen begnügen. Ein Pferd gehörte dem Kommandanten, die anderen dienten unseren Kundschaftern und Meldereitern. Die Tiere hatten den Boden in eine schmierige, stinkende Masse aus Mist und Matsch verwandelt. Mit schweren Gabeln und Schaufeln bewaffnet, räumten wir den Dreck beiseite.

    Wir verteilten frisches Stroh, um den Stallboden einigermaßen trocken zu halten, und füllten die Tränken auf.

    Am Ende des Tages, als Alvashek im Westen langsam hinter den schiefen Giebeln von Unwain versank und das Lager in ein düsteres Zwielicht tauchte, ertönte das Horn. Unsere Kameraden kehrten heim.

    Rex und ich räumten die Werkzeuge auf und schleppten uns müde und dreckverkrustet zurück zum Drillplatz. Der kalte Wind hatte nicht nachgelassen. Die Stiefel der Kameraden schmatzten im Schlamm, doch im Gegensatz zu uns waren sie guter Dinge. Ihre Gesichter waren gerötet von der Anstrengung und der Kälte, doch sie lächelten, weil es bald wieder einen großen Auftrag gab und damit Sold. Der Wirt des Heulenden Hundes würde heute Abend einige Humpen mehr ausschenken müssen.

    «Wahrscheinlich schrecken wir die Orks durch unsere bloße Gegenwart schon ab», meinte Cherax. «Ist doch so, oder, Serak? So weit ich weiß, belassen Orks es meist bei Plünderungen und vermeiden große Gefechte. Bei der Aussicht auf ernste Gegenwehr hauen sie ab.»

    «Stimmt wohl», murrte ich. «Eisenrüstungen sind ein ernstes Argument, weil sie selbst keine haben. Sofern nicht Darazgord anrückt, was unwahrscheinlich ist. Aber Garlyns roter Schopf wäre eine großartige Trophäe.»

    Cherax brach in schallendes Gelächter aus, die anderen stimmten ein. Anscheinend hielten sie das für einen Witz.

    Die Männer, die Garnisonsdienst gehabt hatten, trudelten aus den nun nicht mehr ganz so schlammigen Straßen des Söldnerlagers ein. Wenig später erschien unser Kommandant und die Gespräche verstummten. Wir formierten uns ordentlich. Er ließ den Blick über die glücklichen Söldner schweifen. Im krassen Gegensatz dazu standen Rex und ich am Rand des Trupps. Unsere Hände waren aufgesprungen von der Kälte und dem unnachgiebigen Schrubben, unsere Gesichter versteinert.

    «Seht euch die Helden des Tages an», rief er. «Damit ist die Schuld von Rex abgegolten. Du beteiligst dich morgen regulär beim Garnisonsdienst von Trupp zwei, während Trupp eins auf Kontrollmarsch geht.»

    «Jawohl, Kommandant», maulte er.

    «Wir werden künftig jeden Tag wechseln. Erst geht der eine Trupp auf Kontrollgang und der andere macht Garnisonsdienst, danach umgekehrt. Was Serak betrifft, so habe ich für ihn eine weitere Spezialaufgabe, um ihm den übermäßigen Durst für jetzt und alle Ewigkeit auszutreiben.»

    «Jawohl, Kommandant», murrte ich.

    «Morgen früh kommst du nach dem Appell zu mir, dann besprechen wir deine neuen Pflichten. Wegtreten!»

    Damit zerstreute sich der nasse, durchgefrorene Haufen. Sehnsüchtig erinnerte ich mich an die heiße Badegrotte im Herzen der Bruthöhlen, wo man sich von der Kälte des Winters erholen konnte. Hier gab es so etwas nicht. Hier gab es nur Kälte, Wind und Matsch.

    «Was machst du heute Abend?», fragte Mauli. «Kommst du mit in den Heulenden Hund?»

    «Ich bin erledigt», murrte ich. «Ich will einfach nur schlafen.»

    «Aber Rex kommt auch mit, obwohl er die gleiche Arbeit hatte.»

    «Ein Grund mehr, sich ins Bett zu verkriechen. Gute Nacht.»

    Während ich mit bettfertig machte, hörte ich, wie die Kameraden plaudernd und lachend aufbrachen. Es war kein gutes Gefühl, zurück zu bleiben, während die anderen feiern gingen, aber ich wusste nicht, welche Schikanen Garlyn sich für den morgigen Tag für mich überlegt hatte. Er konnte kreativ sein, und ich wollte danach noch aufrecht gehen können. So legte ich mich hin, zog die Wolldecke bis zum Hals und presste meine Füße gegen Maulis heiße Wärmflasche, während die Stimmen meiner Kameraden sich entfernten. Ich schloss die Augen und wünschte mir Schnaps.

  • Kaltes Eisen

    Der Morgen war grau und frostig, als ich mich zur Schreibstube des Kommandanten begab. Ich klopfte an die schwere Holztür, und nach einem Moment ertönte von innen seine tiefe, befehlsgewohnte Stimme.

    «Herein!»

    Die Schreibstube von Garlyn Meqdarhan war schlicht, aber funktional eingerichtet. Ein großer Holztisch dominierte den Raum, bedeckt mit Landkarten, Pergamentrollen und Federkielen. Ein tragbarer Eisenofen spendete genug Wärme, um die Kälte in Schach zu halten. An den Wänden hingen dreckige Banner, Kriegsbeute vergangener Schlachten, die sich in der aufsteigenden Wärme langsam bewegten.

    Der Kommandant saß hinter seinem Tisch, auf einem Stuhl, der mit einem Schaffell gepolstert war. Seine schmalen grünen Fuchsaugen sahen mich durchdringend an. «Ich hoffe, du weißt, warum du hier bist.»

    Ich nickte. «Ja, Kommandant. Es war ein Fehler, betrunken ins Lager zurückzukehren.»

    Meqdarhan neigte den Kopf leicht zur Seite. «Ein Fehler? Ich nenne das Disziplinlosigkeit! Fehler passieren jedem, aber Disziplinlosigkeit passiert nicht einfach. Man entscheidet sich bewusst dafür. Deine Trunkenheit gefährdet uns alle. Wir befinden uns im Niemandsland, wir können jederzeit überfallen werden. Wie soll ich mich auf meine Männer verlassen, wenn sie sich nicht einmal selbst kontrollieren können?»

    «Es wird nicht wieder vorkommen, Kommandant», versprach ich, obwohl ich mir bewusst war, dass meine Worte so hohl klangen wie ein Troll-Ehrenwort.

    «Das wird es verdammt nochmal nicht!» Er schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Tintenfässer klirrten. «Du bist hier nicht mehr bei deinen Räubern! Nach zehn Jahren müsste man annehmen, dass du solche grundlegenden Dinge weißt. Fürs Erste bist du vom Einsatzgeschehen suspendiert. Deine Strafe wird sein, in der Werkstatt zu helfen. Dort kannst du dich für alle nützlich machen, ohne andere zu gefährden. Vielleicht erinnerst du dich dort daran, wie man sich in einer militärischen Einheit zu benehmen hat.»

    Ich straffte meine Haltung noch weiter, um nicht vor Enttäuschung zusammenzusinken. «Ja, Kommandant. Darf ich eine Frage stellen?»

    «Spuck`s aus.»

    «Wann werde ich wieder Teil von Trupp zwei sein dürfen?»

    «Wenn Jurland mit dir zufrieden bist, prüfe ich - vielleicht - deine Reaktivierung. Bis dahin kann viel Zeit ins Land ziehen. Stell dich auf eine lange Zeit in der Werkstatt ein.»

    Diese Worte waren wie der Axthieb eines Henkers. Nun war ich kein Schwertkämpfer mehr, sondern degradiert zum Gehilfen! «Verstanden, Kommandant.»

    «Und Serak,» fügte er hinzu, «wenn ich dich noch einmal betrunken erwische, werden die Konsequenzen noch weitaus ernster sein. Ist dir das klar?»

    «Klar wie Schnaps, Kommandant», antwortete ich.

    Meqdarhan musterte mich mit zusammengekniffenen Augen, bevor er sagte: «Du kannst wegtreten.»

    Ich drehte mich um und verließ die Schreibstube. Mein Kiefer war angespannt, und ich konnte das leise Knirschen meiner Zähne hören. So eine harte Strafe für ein bisschen Trunkenheit? Es war lächerlich! Ich hatte all die Jahre meine Pflicht getan, gekämpft wie ein Vieh, und dann gönnte ich mir einmal ein paar Bier. Aber nein, Meqdarhan musste ja unbedingt ein Exempel an mir statuieren. Wahrscheinlich hatte Rex bei seinem Bericht maßlos übertrieben!

    Meine Hände waren zu Fäusten geballt, die kalte Luft biss in meine Knöchel, als ich die Werkstatt schließlich erreichte. Das Holzgebäude war alt und trug die Narben von zahllosen Reparaturen. Ein robustes Schild über der Tür verkündete «Werkstatt». Für jene, die nicht lesen konnten, was fast alle waren, waren auch noch ein Schraubenzieher und ein Hammer dazu gemalt.

    Ich schnaubte. Dass er mich zum Dienst in der Werkstatt verdonnert hatte, fühlte sich wie eine persönliche Beleidigung an. «Von wegen Garlyn der Fuchs», grummelte ich leise. «Garlyn der räudige Hund müsste er heißen!»

    Meine Wut konnte ich kaum zurückhalten, doch ich wusste, dass ich keinen weiteren Ärger riskieren durfte, wenn ich Teil der Eisenfalken bleiben wollte. Beherzt öffnete ich die Tür und trat in die warme, nach Öl und Metall riechende Luft.

    Jurland, der Waffenmeister, war ein narbiger Veteran aus Almanien, der seit einem Treffer auf den Schädel nicht mehr in der Lage war, noch in den Kampf zu ziehen. Er humpelte und hielt den Kopf schief. «Na, der Held des Tages», begrüßte er mich.

    Ich ignorierte den Spott. «Was soll ich tun?»

    Er wies auf einen Tisch, der voller Rüstungsteile war. «Bei all diesen Teilen müssen die Lederriemen ersetzt werden. Bei der Gelegenheit kannst du auch die Ösen kontrollieren.»

    Knurrend machte ich mich an die langweilige Arbeit, die mit eiskalten Fingern besonders wenig Spaß machte. Sie dauerte den gesamten Vormittag. Als ich fertig war, musste ich gebrauchte Nägel geradeklopfen, den Rost abschleifen und die restaurierten Nägel ölen. Am nächsten Tag ging es mit dem Schleifen von Waffen weiter. Das regelmäßige Schaben des Steins über das Metall war hypnotisch, beinahe einschläfernd. Jeder Strich des Wetzsteins erinnerte mich qualvoll daran, dass ich hier in der Werkstatt war, weil ich die Regeln gebrochen hatte. Jurland hatte in all der Zeit nichts zu erzählen. Wie denn auch? Er erlebte ja nichts mehr als diesen langweiligen Alltag. Er verbrachte die meiste Zeit mit Schmiedearbeiten.

    Die Tage in der Werkstatt schlichen dahin wie eine Schnecke auf einem Salzfeld. Manchmal stellte ich mir Blut und Schreie vor, und Feinde, die nicht mehr aufstanden. Sie blickten zu mir hinauf und ich auf sie hinab. Ich erinnerte mich an meine Siege, an das großartige Gefühl, besser gewesen zu sein als der Gegner.

    Und wo saß ich jetzt? Wem hatte ich das zu verdanken?

    Die stumpfe Klinge spiegelte mein gelangweiltes Gesicht wider. Der Wetzstein schliff über das Metall.

    Jurland drosch rhythmisch den Hammer auf ein Werkstück, dass die Funken stoben. «Beweg dich ein bisschen schneller, Serak», rief er zwischen zwei Schlägen. «Du kommst viel zu langsam voran! Bist du überhaupt bei der Sache?» Der Rauch des Schmiedefeuers erinnerte mich an einen Grillabend und mein Magen knurrte.

    Ich biss mir auf die Zunge und versuchte, mich besser auf die ermüdende Arbeit zu konzentrieren. Mein Zorn auf Rex und den Kommandanten wuchs mit jeder Minute, die ich hier litt, doch eigentlich müsste ich nur auf mich selbst wütend sein. Ich kannte die Regeln und hatte sie bewusst übertreten.

    Als ich zu den Bolzen überging, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass diese Strafe ein Ende nehmen würde. Die Werkstatt war für mich zu einem Kerker geworden, in dem ich mithilfe von Langeweile langsam zu Tode gefoltert wurde.

    Ich brütete in trostlosen Gedanken, als die Tür aufschwang und kalte Luft hereinströmte. Ich hob den Kopf, als Rex eintrat, seine blauen Augen funkelten vor Vergnügen. Das raspelkurze, dunkelbraune Haar wurde an den Schläfen schon etwas grau und die ersten Falten zeigten sich. Auch sein Bauch war nicht mehr so flach, wie er das vielleicht in jungen Jahren gewesen war.

    Er schlenderte langsam durch den Raum. «Na, Serak», begann er mit einem süffisanten Grinsen, «wie läuft’s so in der Werkstatt?»

    Ich knurrte leise und konzentrierte mich auf die Klinge vor mir, den Wetzstein fest in der Hand. «Was willst du, Rex?» Die Frage war unnötig. Wir wussten beide, dass er nur hier war, um mich leiden zu sehen.

    Er zuckte mit den Schultern und tat, als würde er die verschiedenen Gerätschaften in den Regalen begutachten. «Ach, nichts Besonderes. Wollte nur mal sehen, wie unser großer Krieger sich so schlägt.»

    Ich versuchte, meine Wut zu unterdrücken. «Ich mache meine Arbeit, und ich mache sie gewissenhaft. Das kannst du Garlyn so ausrichten, falls er dich geschickt hat.»

    Rex lehnte sich mit dem Hintern gegen meine Werkbank und verschränkte die Arme vor der Brust. «Jeder bekommt, was er verdient. Ich musste deinen Suff melden, sonst hätte ich mir selbst Ärger eingebrockt. Kapierst du das?»

    «Genieß es, solange du kannst, Rex. Irgendwann wirst auch du mal dran sein. Niemand ist ohne Fehler.»

    Er lachte und schüttelte den Kopf. «Vielleicht. Aber bis dahin werde ich jede Minute davon genießen, dich hier schuften zu sehen.»

    Das Hämmern verstummte. Jurland kam hinter seinem Amboss hervor. «Jetzt hör mal zu, Rexar», brummte er. «Garlyn war so freundlich, mir den Gehilfen an die Seite zu stellen, um den ich ihn gebeten hatte. Ich bin mit Seraks Arbeit sehr zufrieden, ich habe ihm Arbeiten anvertraut, die ich allein nicht mehr schaffe. Dass deine Rüstung so gut sitzt und dir der Schwertgurt nicht mehr über deinen dicken Hintern rutscht, verdankst du ihm. Er hat das in Ordnung gebracht. Deine Ausrüstung war wieder mal in einem unmöglichen Pflegezustand eingetroffen. Falls du nur hier bist, um dich über Serak lustig zu machen, kannst du verschwinden!»

    Ich sah Jurland überrascht an. Fast tat es mir nun leid, dass ich die Arbeit so sehr hasste.

    Rex errötete vor Zorn, doch seine Stimme blieb ruhig. «Ich bin aus einem anderen Grund hier. Eigentlich wollte ich mit dir sprechen, Jurland, und nicht mit deinem Gehilfen.»

    «Schön, hier bin ich. Worum geht es?»

    «Du hast einige interessante Gerätschaften dort im Regal. So was habe ich noch in keiner Werkstatt gesehen.» Rex näherte sich einem Regal und griff nach einer Flasche, die mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war. Darin schwammen verschiedene kleine Fläschchen, gefüllt mit farbenfrohen Substanzen. Jede Miniflasche trieb auf einer anderen Höhe. «Das hier zum Beispiel. Was ist das?»

    «Das ist ein Gasanalysator, um die Zusammensetzung der Atemluft zu messen. Ich benutze ihn, da ich hier mit offenem Feuer arbeite. Manchmal drückt der Wind den Rauch zurück in die Esse. Bevor wir ersticken, sehe ich das Problem an diesem Gerät.»

    «Und woher hast du das Gerät?», fragte Rex scharf.

    Jurland lächelte. «Ich habe meine Quellen. Und du bist ziemlich neugierig, finde ich.»

    «Aus gutem Grund!» Rex gestikulierte aufgebracht. «Normalerweise nutzen nämlich Reliktjäger so was, wenn sie in versunkenen Tempeln und Katakomben nach Beute suchen. Bekanntlich sind Reliktjäger keine netten Leute! Es sind Grabräuber, Hehler, Schmuggler und meistens sogar Mörder.»

    Jurland hob die Brauen. «Gut geraten. Ich habe den Gasanalysator tatsächlich von einem Reliktjäger erworben. Einem, der verletzt war und Geld für einen Heiler benötigte. Darum habe ich einige seiner Ausrüstungsgegenstände für einen Spottpreis erhalten.»

    Rex ballte die Fäuste. «Damit hast du wahrscheinlich seine Heilung finanziert, und jetzt treibt der Kerl weiter sein Unwesen.» Er regte sich richtig auf! «Wann hast du das gekauft? Und wo, hier in Unwrain? Und wie hieß der Kerl? Beschreibe ihn, damit wir ihn töten können, wenn er uns auf einem Kontrollmarsch begegnet.»

    «Jetzt reicht es aber», brummte Jurland. «Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig, und ich unterstütze auch keine Selbstjustiz. Mir hat der Reliktjäger nichts getan. Er brauchte Geld und ich brauchte das Gerät. Raus jetzt, du hältst uns von der Arbeit ab.» Er wies mit dem Schmiedehammer zur Tür.

    Rex sah aus, als wolle er noch etwas sagen, verkniff es sich dann aber und verschwand.

    Gerade wollte ich in meiner Arbeit fortfahren, da erklang draußen das Signalhorn.

  • Zwischen Feuer und Schatten

    «Trupp zwei ist zurück», brüllte jemand aus der Ferne. «Sie sind verletzt!»

    Mir fiel der Schleifstein aus der Hand und ich sprang auf. Die lederne Arbeitsschürze behinderte mich, doch sie hielt mich nicht auf. Kalter Schneematsch spritzte an mir hoch. Mir war egal, was Jurland oder Garlyn oder sonst wer davon hielt, ich musste sehen, wie es meinen Kameraden ging!

    Keuchend hielt ich am Tor inne, durch das sie einmarschierten. Ihre Gestalten wirkten gebrochen, die Rüstungen beschädigt und die Gesichter gezeichnet von Schmerz und Erschöpfung. Pukka, der sonst forsch vorneweg marschierte, hinkte mühsam hinterher, auf die Schulter eines Kameraden gestützt. Neben ihm taumelte Rakhali, der eine Lanze als Krücke benutzte, um nicht umzufallen. Der Wind zerrte an ihren nassen Umhängen.

    «Was ist passiert?», fragte ich schockiert. Niemand antwortete.

    Mauli und Cherax schienen nur leicht verletzt zu sein, doch sie gingen, wie die anderen, wortlos an mir vorbei. Diese traurigen Gestalten waren erfahrene Kämpfer, die meisten dienten schon viele Jahre unter dem Eisenfalken. Sie waren gut bewaffnet und zahlreich. So etwas hätte ihnen bei einem einfachen Kontrollmarsch nicht widerfahren dürfen. Und doch kamen sie nun in diesem Zustand zurück, zerschlagen und gedemütigt. Wäre ich nur dabei gewesen, um ihnen zu helfen!

    Nubaru, der Unteroffizier von Trupp zwei, sah mich mit blutunterlaufenem Blick an. «Sie haben uns aufgelauert und aus dem Hinterhalt angegriffen. Es ging verdammt schnell, und wir haben Glück, dass wir überhaupt noch hier sind.»

    Dann ging auch er weiter, der Rest der verletzten Kolonne zog vorüber. Während sie an mir vorbeimarschierten, kaute ich auf meiner Unterlippe. Wie hatte das passieren können? Ich riss mich aus der Starre und folgte ihnen, unfähig, meine Gedanken zu ordnen. Die Fragen wirbelten durch meinen Kopf wie die Schneeflocken, die um uns herumtanzten. Wer könnte eine solche List eingefädelt haben? Und wie sollte es mit den Eisenfalken weitergehen, wenn uns diese Begegnung derart geschwächt hatte? Jede Antwort rief neue Ängste hervor. Aber eine Sache war klar – das durfte kein zweites Mal passieren.

    Die Schwerverletzten wurden ins Lazarett gebracht, begleitet von Stoßgebeten für ihre Genesung. Die Übrigen stellten sich auf dem Drillplatz auf, um Kommandant Meqdarhan Rede und Antwort zu stehen. Ein scharfer Wind pfiff um die geröteten und schmutzigen Gesichter meiner Kameraden. Ihre Mienen waren ausdruckslos, und das sagte alles.

    Kommandant Meqdarhan war eine eindrucksvolle Erscheinung mit muskulösen Schultern. Er überragte die meisten um einen halben oder ganzen Kopf. Zerknirscht musterte er seine ruinierter Truppe. «Nubaru, erstatte Bericht.»

    Unteroffizier Nubaru, gezeichnet von Blut und Schlamm, trat nach vorne. Er hatte noch immer die Haltung eines Eisenfalken, aufrecht und entschlossen, auch wenn sein Blick viel Leid verriet. Für die Katastrophe, die geschehen war, trug er die Verantwortung. «Kommandant», begann er, «wir wurden in eine Falle gelockt und der Feind war zahlreich.» Ich konnte die Spannung in der Luft spüren, als er fortfuhr und jeden Moment schilderte. «Wir folgten einem verdächtigen kleinen Trupp nach Norden, immer der Salzstraße nach, als plötzlich ein Pfeilhagel auf uns niederging. Unser Späher hatte keine feindliche Präsenz gemeldet – weil er bereits tot war. So war es, als wären sie aus dem Nichts erschienen.»

    Er machte eine kurze Pause, und ich sah, wie er tief durchatmete, bevor er weitersprach. «Es gab keine Deckung. Ich erteilte den Befehl zum Sturmangriff. Wir rannten über die Hügelkuppe, hinter der sie lauerten, und konnten einige erledigen, das hat den Rest vertrieben.»

    «Wer?», knurrte der Kommandant.

    Er sah Meqdarhan fest in die Augen. «Orks.»

    Unweigerlich richteten sich mehrere Blicke auf mich, hier und da erklang Getuschel. «Wie viele sind gefallen?», drängte Garlyn, «und wie viele Verwundete?»

    «Wir haben vier Mann verloren, zwölf sind verletzt, sieben davon schwer. Wir haben alles getan, um sie hierher zu bringen. Die Gefallenen haben wir unter Steinen bestattet.»

    Garlyn Meqdarhans Gesicht verfinsterte sich. «Sie sollten nicht im Nirgendwo liegen gelassen werden, wo Plünderer und Grabräuber ihr Unwesen treiben. Wir werden ihnen morgen ein anständiges Begräbnis zukommen lassen. Ihr aber habt tapfer gekämpft. Ruht euch aus und erholt euch. Dieser Hinterhalt wird nicht unbeantwortet bleiben.»

    Mit diesen Worten entließ er sie. Doch die offenen Fragen blieben. Die Antworten lagen da draußen, im windigen Ödland des Ostens.


    Abends fanden wir uns im Heulenden Hund ein. So mancher Stuhl blieb heute leer. Cherax staunte nicht schlecht, als er meine Bestellung sah. Die Wärme breitete sich schnell in meinen Händen aus, als ich sie um die dampfende Schüssel mit Kohlsuppe schloss.

    Der Troll schüttelte fassungslos den Kopf, so dass die Schuppen aus seiner schwarzen Mähne flogen, die ihm als zottiger Streifen von der Stirn bis über den halben Rücken wuchs. Die Seiten seines Kopfs waren von Natur aus kahl. «Brühe statt Bier? Geht es mit dir zu Ende oder woher kommt der Sinneswandel?»

    Ich hob eine Braue. «Lieber heiß und nahrhaft als kalt und nutzlos, Cherax. Zumindest spare ich mir den Kater morgen früh. Und die Diskussionen mit der Torwache. Ich glaube, Rex hat wieder Dienst. Er war nirgends zu sehen.»

    Cherax grunzte verständnislos. «Du bist ein Halbork! Wenn es kein Fleisch gibt, solltest du Bier trinken. Das Grünzeug macht dich noch krank.» Er lehnte sich vor, seine Stimme wurde vertraulich. «Oder hast du etwa Angst, dass du zunehmen könntest? Kohlsuppe für die schlanke Linie, was?» Mit dem Spaß wollte er wohl die Anspannung loswerden. Also stieg ich darauf ein.

    Ich schnaubte und nahm einen Löffel Suppe. «Ich wette, dass du keinen Unterschied zwischen einer Schüssel Kohlsuppe und einem Krug Bier merkst, Cherax. Vielleicht solltest du mal kosten, dann reden wir weiter.»

    Er grinste, so dass es aussah, als würden sich seine Wildschweinhauer noch weiter aus seinem grauen Gesicht schieben. «Eine Herausforderung? Die nehme ich an.» Cherax winkte eines der Schankmädchen herbei, das sich nur widerwillig näherte. «Für mich auch eine Schüssel von dieser Suppe», säuselte er. Kurz darauf wurde ihm sein Essen gebracht. Ich hätte meine Schwerter darauf verwettet, dass die Schankmaid hineingespuckt hatte, aber das würde den Troll wohl nicht stören.

    «Wenn ich am Ende dieser Schale nicht so zufrieden bin wie nach einem Krug Bier», dröhnte er, «dann bekomme ich die fünf Kupferlinge von dir zurückerstattet.»

    «Abgemacht.» Das war mir der Spaß wert. «Und falls es dir schmeckt, bezahlst du meine Portion gleich mit.» Ich stieß mit meiner Schale gegen seine. «Zum Wohl!»

    «Zum Wohl.»

    Cherax schlürfte den ersten Löffel. Sein skeptischer Gesichtsausdruck wurde weich und schließlich nickte er zufrieden. «Na gut», murmelte er, «vielleicht hat diese Kohlsuppe doch etwas für sich.»

    Die Geschmacksverirrungen von Trollen waren legendär. Ich aß die scheußliche Suppe in Ruhe weiter, während Cherax vor lauter Wohlgefallen stöhnte und die Augen verdrehte. Einige Kameraden an den umliegenden Tischen wandten sich peinlich berührt ab.

    Ich musste grinsen. «Wo ist eigentlich Mauli? Habt ihr euch diesmal schon vor dem Besäufnis zerstritten?»

    Cherax hielt inne, während ihm Brühe vom Kinn tropfte. «Bist du blind? Die sitzt doch da drüben.»

    Ich wandte mich um. An einem kleinen Tisch in der letzten Ecke des Heulenden Hundes saß Mauli. Und ihr gegenüber – Rex. Die beiden unterhielten sich, ohne die übrigen Söldner zu beachten. Zwischen ihnen brannte eine Kerze. Mir rutschte der Kohl vom Löffel und klatschte auf den Tisch. «Und ich dachte, nur Trolle würden unter Geschmacksverirrung leiden», klagte ich.

    Cherax feixte. «Offensichtlich nicht. Rex ist vollkommen übergeschappt!»

    Ich riss die Augen auf. «Ich rede natürlich von Mauli. Was will sie mit so einem Spinner?»

    «Und was will Rex mit Mauli?» Cherax kratzte sich den Kopf, ein Regen von Schuppen rieselte in seine Suppe. Er verrührte sie und nahm einen großen Löffel. «Jedenfalls passt das nicht. Das wird ein böses Erwachen geben.»

    Ich versuchte, mir vorzustellen, was Mauli an Rex finden konnte, doch es wollte mir nicht gelingen. Er war männlich, schön und gut, aber alles an ihm schien mir abscheulich. «Das ist deine Schuld», motzte ich. «Du weißt genau, wie sehr sie dich mag. Trotzdem hast du vor ihren Augen ständig nach irgendwelchen anderen Frauen geschaut.»

    «Davon, dass sie mich mag, hab ich bisher nichts gemerkt», grunzte Cherax und stopfte sich beide Wangen mit Kohl voll. Es dauerte eine Weile, bis er die Fasern so weit durchgekaut hatte, dass er sie schlucken konnte. «Ihr Problem, wenn sie so empfindlich ist!»

    «Unser Problem! Weil sie jetzt mit Rex anbändelt, anstatt mit uns zusammen am Tisch zu sitzen.»

    Cherax zuckte mit den Schultern. «Und was sollte uns daran stören?»

    «Sie ist unsere Freundin, du herzloser Troll! Wenn Mauli und diese Vogelscheuche sich tatsächlich miteinander einlassen, wird sie in Zukunft bei ihm sitzen und nicht mehr bei uns. Denn ich werde garantiert nicht zulassen, dass Rex sich an unserem Tisch breitmacht!»

    «Und weiter?»

    Cherax war augenscheinlich egal, dass wir Gefahr liefen, unsere Freundin an diesen dahergelaufenen naridischen Tunichtgut zu verlieren. Während ihm Kohlfäden von den Hauern hingen, schaute er sich nach den anderen Gästen um. Wahrscheinlich suchte er wieder eine Gespielin für die Nacht. Es war sinnlos, weiter mit ihm zu reden, er war eben ein Troll. Er kannte keine dauerhaften Freundschaften und erst Recht keine ewige Liebe. Für ihn war Mauli so austauschbar wie ein Paar Socken.

    Ich schlürfte meine ekelhafte Suppe. Als Cherax sein Glück bei der Ehefrau des Wirts auslotete, verließ ich beschämt die Kneipe, den Kopf diesmal nicht schwer vom Alkohol, sondern von Gedanken.

    An einer Laterne zündete ich mir eine Rauchstange an. Meine Gedanken drifteten zu den verletzten Kameraden und zu denen, die wir verloren hatten. Die kleine Gruppe Orks hatte die Eisenfalken in eine Falle gelockt. Der Hinterhalt deutete daraufhin, dass die Orks gewusst hatten, dass Trupp zwei diesen Weg nehmen würde. Das konnte zwei Dinge bedeuten: Es gab entweder einen Spion oder einen Verräter in unseren eigenen Reihen.

    «Abend.»

    Ich fuhr herum. Vor dem Heulenden Hund standen mehrere leere Fässer, die als Stehtische benutzt werden konnten. Bei dieser Witterung blieben sie normalerweise leer. Doch an einem Fass in den Schatten lümmelte Garlyn mit einer Rauchstange zwischen den Fingern. Sein weißes Gesicht leuchtete im Dunkeln wie der Mond.

    Ich gesellte mich zu ihm. «Warum stehst du allein hier draußen in der Kälte? Soll ich dir ein paar Kupferlinge auslegen?»

    Er winkte ab. «Es liegt nicht am Geld. Ich habe den ganzen Tag einen wilden Sauhaufen um mich. Manchmal brauche ich einfach Ruhe.»

    «Ah, verstanden. Ich gehe schon.» Ich wollte der Straße in Richtung Lager folgen, doch ich hatte mich kaum umgewandt, da rief er: «Hiergeblieben.»

    Ich machte auf dem Absatz kehrt, die Rauchstange im Mundwinkel.

    «Ich bin zu einem Ergebnis gekommen», verkündete er und musterte mich durchdringend. «Wie ich sehe und rieche, bist du nüchtern.»

    «Ich habe meine Lektion gelernt.»

    «Gut. Dann bist du hiermit wieder Teil von Trupp zwei. Sie brauchen dich mehr denn je. Behalte das in Erinnerung.»

    Damit hatte ich nicht gerechnet. Nur so eine kurze Strafe. Das war großartig! «Ich werde dich nicht mehr enttäuschen», sagte ich erleichtert. Ich nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch hinauf zu den beiden Monden. Oril war fast voll, Daibos bildete eine schmale rote Sichel. Mir war nicht bekannt, dass diese Konstellation Unheil verheißen würde. Und doch war es geschehen in Form dieses Überfalls. Allerdings nicht für mich. Vielleicht galten die Mondphasen nur für Orks und Halborks? Gern würde ich einen Schamanen befragen, oder meinen Milchbruder Katax, der solche Dinge ebenfalls wusste. Doch hier war niemand, der eine Antwort gekannt hätte.

    «War es das, was du mir sagen wolltest, Garlyn?» Wir durften ihn beim Vornamen nennen. Unsere Söldnerkompanie war zu klein, um nicht zwangsweise ein sehr persönliches Verhältnis aller Mitglieder mit sich zu bringen.

    «Nein», murrte er. «Es geht nicht um dich. Es geht um unsere Gegner.»

    «Die Orks.»

    «Richtig. Du hast Recht mit dem, was du auf dem Drillplatz gesagt hast. Es ist egal, ob es Orks sind. Es kommt darauf an, wer genau sie sind und was sie wollen.»

    Die Nacht war still, und nur das Knacken des Feuers in der Laterne und das gelegentliche Heulen des Windes waren zu hören. Ich ahnte, worauf er hinauswollte, und ein ungutes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus.

    «Serak», begann Garlyn, seine Stimme ruhig und fest, «wir müssen herausfinden, welchem Stamm diese Orks angehören. Sie sind zu gut organisiert, um einfach nur Plünderer zu sein. Wir brauchen Informationen.»

    Ich schüttelte den Kopf. «Garlyn, ich bin ein Halbork! Die meisten Stämme bringen Bastarde um. Ich kann nicht einfach zu ihnen gehen und sie fragen, wer sie sind und weshalb sie uns überfallen haben.»

    «Dann denk dir ein anderes Vorgehen aus. Du hast den Vorteil, nicht beim Überfall dabei gewesen zu sein. Sie wissen nicht, dass du ein Eisenfalke bist, das ist dein Vorteil. Wir können nicht zulassen, dass sie uns noch einmal so überrumpeln. Wir müssen erfahren, mit wem wir es zu tun haben.»

    «Es gibt andere Wege, Informationen zu bekommen, Garlyn. Wir könnten die überfallenen Händler fragen, welche Stammesmerkmale sie gesehen haben, oder ...»

    «Du weißt, wie schwierig es sein würde, einen solchen Händler ausfindig zu machen! Und wer kann schon sagen, was sie sich in der Todesangst zusammen spinnen? Und woher sollen sie wissen, was Stammesmerkmale sind und was bloß irgendwelcher Schmuck? Du aber kennst die Merkmale der Stämme und sprichst ihre Sprache. Du hast das Wissen und die Fähigkeiten, die uns helfen könnten. Das Risiko ist groß, ja, aber der Nutzen noch größer. Denk an deine Kameraden. An Nubaru und die anderen, die fast ihr Leben verloren haben. Und denk an die, die wir auf dem Feld der Ehre zurücklassen mussten.»

    Seine Worte trafen mich hart. Ich sah die erschöpften Gesichter meiner Kameraden vor mir, hörte ihre schmerzverzerrten Stimmen. Sie zählten auf mich. «Und was, wenn ich gefangen werde?», fragte ich, der Zweifel nagend. «Du musst dir darüber im Klaren sein, dass das mein Tod sein würde.»

    «Dann musst du eben aufpassen. Und du bist nicht allein, ich zahle in dem Fall ein Lösegeld, das sie nicht ablehnen können. Falls sie Geld wollen, bekommen sie das. Du bist unsere beste Chance, einen weiteren Überfall zu verhindern. Vielleicht unsere einzige Chance. Gib dir einen Ruck!»

    Ich schloss die Augen, ließ die Worte in mir nachhallen. Der Gedanke, meine Kameraden im Stich zu lassen, die schon einmal ohne mich in die Schlacht gezogen waren, tat weh.

    Doch ich schüttelte den Kopf. «Du wirst mich wieder in die Werkstatt verbannen müssen, aber meine Antwort lautet Nein, Garlyn. Du bist mein Kommandant und ich befolge jeden Befehl, aber nicht diesen.»

    Er malte mit dem Kiefer, ich wartete darauf, dass er mir eine noch viel schlimmere Strafe für Ungehorsam darlegte. Sein Gesichtsausdruck war unergründlich. «Ich werde mir eine Lösung überlegen», murrte er.

    Er sah an mir vorbei. War er enttäuscht oder zornig? Ich hätte ihm gern erklärt, was in mir vorging, wenn ich auch nur daran dachte, wieder mit den Orks aus Shakorz zu sprechen, doch ich hatte das Gefühl, dass die Tür verschlossen war. Und wollte ich ihm wirklich darlegen, was in mir tobte? Zugeben, dass ich panische Angst davor hatte?

    Garlyn warf den Rest seiner Rauchstange weg und verschwand in der Nacht. Ich sah ihm nach und fühlte plötzlich mich dermaßen einsam, dass es kaum zu ertragen war. Ich hätte in den Heulenden Hund zurückkehren können, alles in mir schrie danach, mich mit Bier volllaufen zu lassen, damit diese Gefühle aufhörten. Doch es gelang mir, dem nicht nachzugeben. Ich war lange genug in der Werkstatt gewesen und es wurde Zeit, die ausgedünnten Reihen meiner Kameraden aufzufüllen. Ich würde nicht ihr Gesandter sein, aber ich war im Kampf an ihrer Seite.

    Ich rauchte zu Ende und kehrte, von Schneeregen gepeitscht, ins Lager zurück, begleitet von düsteren Gedanken und dem Pfeifen des eiskalten Windes.

  • Valtiri

    Wir wären keine Söldner, würden wir uns nicht noch am selben Abend intensiv der Beute widmen, geborgen aus dem Chaos des Schlachtfedeldes, wo das Blut der Toten noch nicht einmal getrocknet, war. Trupp zwei breitete seine Errungenschaften auf dem Esstisch aus. Auf den Habseligkeiten lag ein feuchter Film, der teilweise zu einer schwarzen Kruste erstarrt war. Der Anblick war so mager wie die Rationen während einer Belagerung.

    «Ziemlich dünne Ausbeute», stellte ich fest, als ich den Blick über die drei Messer, ein paar nasse Ledergürtel und die beiden erbeuteten Krummschwerter schweifen ließ. Das Eisen schimmerte matt im flackernden Licht der Öllampe. Dazwischen lagen ein paar dreckige Kupferlinge, die vielleicht für eine Mahlzeit ausreichen würden. Enttäuschung lag in den Gesichtern.

    «Das meiste liegt ja auch noch draußen», versuchte Cherax den Trupp zu beruhigen. Auf seinem Hals prangten schwarze Knutschflecken. Er konnte nicht einmal auf Mission die Finger stillhalten. «Das ist alles, was wir mitnehmen konnten. Wir hatten keine Wahl. Die Verwundeten gingen vor. Eigentlich hätten wir überhaupt nicht plündern sollen, wenn es nach Nubaru ginge, aber wie es manchmal so läuft, fanden diese Dinge trotzdem ihren Weg hierher. Wir holen den Rest ab, wenn wir die Gefallenen bestatten.»

    «Wenn es dann noch da liegt», warf Mauli ein. Ihre Stimme klang extrem rau, sie hatte sich offenbar erkältet.

    Hinter ihr stand Rex und schaute über ihre Schulter, lauernd wie ein Aasgeier.

    «Was macht der hier?», motzte ich. «Hau ab, Rex. Du gehörst noch nicht wieder zu Trupp zwei.»

    «Seit wann entscheidest du, wo ich mich aufzuhalten habe?», gab er scharf zurück.

    «Da ist was dran», warf Cherax ein. «Solches Verhalten spaltet die Kompanie bloß. Wir alle sind Eisenfalken.»

    «Schau doch selbst, wie der hier herumschnüffelt! Wie eine Krähe, die gehässig auf dem Galgenbaum sitzt und auf die Hinrichtung wartet!»

    «Hör endlich auf, Serak», sagte Mauli. «Dein Gezeter nervt.»

    «Gleichfalls», knurrte ich zurück und damit widmeten wir uns wieder der Beute. Die Griffe der Schwerter und Dolche waren sehr gut gearbeitet. Die Verzierungen wanden sich um Horn und Bein. Sie erzählten Geschichten vom Jagen und Kämpfen. Diese Arbeiten erinnerten mich schmerzlich an meine ehemalige Rotte, wo ganz ähnliche Muster geschnitzt wurden. Doch nicht nur die Schnitzereien wussten etwas zu berichten, jeder Gegenstand erzählte eine Geschichte, durch Risse und Flicken, durch Abnutzung und persönliche Markierungen. Eine Geschichte, die heute mit dem Tod des jeweiligen Orks unterbrochen wurde und eines Tages vom neuen Besitzer fortgesetzt werden würde. Ich schüttelte den Kopf. Menschen zu bekriegen war eine Sache, aber der Tod dieser orkischen Gegner weckte in mir ungeahnt tiefe Gefühle, als würde sich ein bodenloser Brunnen auftun, in dem es nichts als Kälte, Leere und Dunkelheit gab.

    Von der Vergangenheit eingeholt zu werden, vor der ich weggelaufen war, war ein bisschen viel für mich.

    «Ich brauche nichts davon», murrte ich. «Rechnet mich raus.»

    «Und was ist mit diesem Messer?» Kale, der das Lazarett schon wieder hatte verlassen können, fuhr mit dem Daumen über die Klinge. «Ich hatte dabei an dich gedacht.»

    «Es ist ein Jagdmesser», schnaufte ich. «Ich hab schon eins.»

    «Na ja», murrte Rex. «Im Grunde ist das alles nur Plunder. Ich hoffe, auf dem Schlachtfeld liegt noch mehr.»

    «Aber nicht für dich», fuhr ich ihn an. «Du hast nicht mitgekämpft.»

    «Du auch nicht, wenn ich daran erinnern darf», konterte er. «Ich musste hierbleiben, weil ich mir beim Drill eine Verletzung zugezogen habe. Du aber warst nicht dabei, weil du dich besoffen hast. Du hast dir einen Lenz in der warmen Werkstatt gemacht, während deine Kameraden dich dringend gebraucht hätten!»

    Bamm. Das saß. Ich öffnete den Mund zu einer empörten Erwiderung und schloss ihn wieder. Mir fiel nichts ein, was ich zu meiner Verteidigung hätte sagen können. Er hatte Recht. Trotzdem durfte das so nicht stehenbleiben. Also ballte ich die Faust, meine Knöchel knackten wie ein brechendes Genick. «Lass uns das draußen klären», knurrte ich. «Wenn ich mit dir fertig bin, kannst du deine Zähne im Schlamm zusammenkratzen.»

    «Au ja», freute sich Cherax. «Ich setze zwanzig Kupferlinge auf Serak!»

    «Ich auch», sagte Kale. «Wer hält dagegen?»

    «Das ist doch nicht zu fassen», rief Mauli aufgebracht. «Könnt ihr das nicht vernünftig klären? Hört sofort auf, oder ich melde das!» Ihre Hand schloss sich um die von Rex. Rex starrte mich an, seine Muskeln waren gespannt wie eine Bogensehne, doch er ging nicht auf meine Einladung ein. Stattdessen erwiderte er Maulis Händedruck. Diese zur Schau gestellte Eintracht machte mich noch wütender. Mir warf Mauli vor, die Kompanie zu spalten, dabei war Rex die Natter, die ständig ihr Gift verspritzte!

    «Es ist besser, wenn ich gehe, sonst kann es sein, dass ich vor lauter Rührung kotzen muss.»

    Mit einem kräftigen Ruck knallte ich die Tür der Stube hinter mir zu und trat in den kalten Vorraum. Der Nachtfrost biss mir scharf ins Gesicht, als ich meine Kampfstiefel schnürte und mir das langärmlige Wams aus dickem Wollfilz überzog. Die Mütze zog ich tief über die Ohren und legte den Schal um meinen Hals, ehe ich mir den Gürtel mit meinem treuen alten Jagdmesser um die Hüfte schnallte, um den Stoff zu bändigen. Der schwere, wollene Umhang mit der Kapuze folgte, seine groben Fasern nahmen die Feuchtigkeit auf, sodass die Kleidung darunter nicht so schnell durchnässt wurde. Ich trat hinaus in die frostige Dunkelheit. Eine dünne Haut aus Eis lag auf den Pfützen, so dass jeder Schritt knisterte.

    Das Tor war nachts geschlossen, so dass ich mich an die Wache wandte. «Mach auf, ich muss nochmal raus.»

    «Du weißt, dass du morgen wieder regulären Dienst hast?»

    «Ja.»

    «Du weißt auch, dass deine Anwesenheit pünktlich bei Sonnenaufgang am Drillplatz erwartet wird?»

    «Ja.»

    «In Ordnung.» Er pfiff nach seinen Kameraden und gemeinsam öffneten sie das Tor einen Spaltbreit, ein schwarzer Schlund, der mich verschluckte. Hinter mir schloss sich das Tor.

    Der Pfad vor mir war für Menschen ohne Laterne nicht auszumachen, doch meinen Augen genügte der Schein der beiden Monde, um alles Wichtige zu erkennen. Farben konnte ich nachts nicht zwar auch nicht sehen, doch alle Formen und Umrisse boten sich mir gut sichtbar dar. Den Rest erledigte meine feine Nase.

    Das Ödland lag still, das Knacken, Schmatzen und Platschen unter meinen Stiefeln war das einzige Geräusch. Jeder Atemzug schuf eine Wolke, die sogleich vom Wind fortgerissen wurde. Auf halber Strecke begann das Gelände steiler zu werden, die Felsen unter dem Schneematsch waren tückisch glatt. Ich rutschte aus, doch konnte mich mit etwas Gefuchtel wieder fangen. Schließlich tauchten die Lichter von Unwrain in der Ferne auf. Als ich das Dorf betrat, umfing mich der Geruch des Rauches, der aus den Schornsteinen stieg. Der Heulende Hund zog mich magisch an und ich konnte das Bier schon auf der Zunge schmecken.

    Vor dem Gebäude stand an einem der Fässer eine gepanzerte Gestalt, die meine Aufmerksamkeit weckte. Von dem Fremden war kein Fingerbreit Haut zu sehen und er trank sein Bier aufgrund der Eisenmaske durch ein eisernes Trinkrohr.

    Ich blieb bei ihm stehen. «Bist du Söldner? Suchst du Arbeit?»

    «Ah, nein», erwiderte der Fremde mit einem extremen Akzent. «Ich bin lieber mein eigener Herr. Aber du kannst mir noch ein heißes Bier holen.»

    Meine Augenbrauen wanderten fast durch den Haaransatz bei so viel Frechheit. Mit einem Schnauben wandte ich mich ab. Als ich beim Wirt meine Bestellung aufgab, überlegte ich es mir anders und orderte zwei Krüge heißes Bier. Jetzt allein an einem Tisch zu versauern, würde mich nur in dunklen Gedanken versinken lassen. Es war besser, jemanden zum Reden zu haben. So kehrte ich nach draußen zurück und stellte dem Burschen sein heißes Bier hin. War es überhaupt ein Bursche? Weder seine Statur noch seine Stimme verrieten sein Geschlecht. Ich weitete die Nüstern und witterte, doch zu meinem Erstaunen brachte auch der Geruch keine Antwort. Das war mir noch nie passiert. Da die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei einem Rüstungsträger um einen Mann handelte, höher war, beschloss ich, ihn vorerst als männlich zu betrachten.

    «Zum Wohl.» Einer Vermutung folgend sprach ich nun auf Asami. Das war die Sprache der alten Völker, die sich durch spitze Ohren auszeichneten und zu denen auch Orks gehörten. Ich hob meinen Krug.

    Er tat es mir gleich. «Zum Wohl!» Und tatsächlich – sein Asami klang weitaus flüssiger als sein Uncàri. Ich schlussfolgerte daraus, dass er kein Mensch war.

    Wir tranken, ich direkt aus dem Krug, er durch seinen Trinkhalm. «Ah, das tut gut», freute er sich. «Mit wem habe ich das Vergnügen?»

    «Mit Serak dem Lügner, stolzer Eisenfalke.»

    «Angenehm. Valtiri der Knabberer.»

    «Eh? Was knabberst du denn?»

    «Das ist mein Geheimnis», raunte er verschwörerisch. «Und du willst es nicht herausfinden.»

    «Ist mir recht. Zufällig stamme ich aus dem Norden. Die Art, wie du sprichst, klingt südländisch. Welchem Volk gehörst du an?»

    Arrogant hob er das Kinn. «Ich trage diese Maske nicht umsonst. Wenn du über nichts anderes reden willst als über meine Herkunft, kannst du gehen.»

    «Soll ich das? Schade, ich wollte dir gerade eine heiße Schüssel Kohlsuppe anbieten.» Ich hob die Hände in gespieltem Bedauern. Dabei war ich sicher, dass er einlenken würde. So schmal, wie Valtiri wirkte, konnte er die letzten Wochen nicht viel gegessen haben.

    Er senkte das erhobene Kinn wieder. Durch die Öffnungen seiner Maske sah ich dunkle, ja, schwarze Augen, die mich abschätzend musterten. «Gut, ich erlaube dir, mir eine Suppe zu bringen. Und keine weiteren Fragen!»

    Das war ja nicht zu fassen. Das Bürschlein war halb verhungert und stand in einer schlecht sitzenden Klapperrüstung in der Kälte, aber benahm sich so unverschämt, als wäre er von Stand. «Komm doch mit rein in den Schankraum», sagte ich. «Du siehst nicht aus, als hättest du viel gegen die Kälte auf den Rippen.»

    Scheu blickte er zur Tür. «Besser nicht. Ich bin nicht gern in Räumen eingesperrt, aus denen ich nicht so einfach entwischen kann. Ich warte hier draußen.»

    Was für eine eigenartige Person. Ich kaufte Valtiri eine Schüssel Kohlsuppe und stellte sie vor ihm auf das Fass. Sofort fing er an zu schlürfen. Wenn der Kohl sein Trinkrohr verstopfte, pustete und blubberte er, bis es wieder flutschte. Wann immer etwas daneben tropfte, sog er es geräuschvoll mit dem Trinkrohr vom Tisch, auch verkleckertes Bier und Schneeflocken waren vor ihm nicht sicher. Die unappetitlichen Geräusche brachten mich dazu, das Gesicht zu verziehen.

    Und sie erinnerten mich an jemanden. «Sag mal, Valtiri der Knabberer, bist du ein Troll?»

    Das Schlürfen, Blubbern und Schmatzen verstummte. Für einen Moment hörte man nur das Pfeifen des Winds und das gedämpfte Gelächter aus dem Inneren der Kneipe. «Das geht dich nichts an», sagte er hochnäsig. «Ich hatte dir verboten, Fragen zu meiner Herkunft zu stellen.»

    «Klar bist du ein Troll! Niemand sonst frisst auf diese Weise, du sprichst Asami und dein südlicher Dialekt passt auch.»

    Er schnappte nach Luft. «Ich verbiete es dir ...!»

    «Das ist doch kein Grund sich zu schämen. Ich mag Trolle. Ein guter Freund von mir ist einer.»

    «Ähm, ach so?» Er vergaß seine Arroganz, er vergaß sogar das Essen und Trinken, sondern trommelte mit den Fingern und schaute sich nervös um. «Wie heißt der Freund denn und was sucht er hier in den Mittellanden? Wohnt er in der Nähe?»

    «Er heißt Cherax von den Sandvipern und ist einer meiner Kameraden. Den Rest fragst du ihn am besten persönlich.»

    «Nein!» Valtiri schlug mit der gepanzerten Faust auf den Tisch. «Ich habe kein Interesse daran, irgendwelchen Trollen zu begegnen und sie irgendetwas zu fragen! Im Gegensatz zu dir hasse ich Trolle nämlich!» Im Zorn klang seine Stimme doch eher männlich. «Aber ich kann dir etwas verkaufen. Ich mache dir einen guten Preis.» Er kramte hektisch in seinen vielen Gürteltaschen. Augenscheinlich hatte er es eilig zu verschwinden, wollte aber zusätzlich zum Essen auch noch etwas von meinem Geld.

    «Ich will nichts kaufen», sagte ich kühl.

    «Wie kannst du so was sagen? Ich brauche Geld!», klagte Valtiri.

    «Es scheint nicht sonderlich dringend zu sein. Immerhin habe ich dir eine Arbeit in der Söldnerkompanie angeboten», erinnerte ich ihn. «Die hast du abgelehnt.»

    «Ich habe schon Arbeit! Das sieht jeder Blindfisch an meiner Rüstung!» Er zeigte mit beiden Händen auf sich selbst. «Ich bin offensichtlich ein Reliktjäger! Aber mein ganzes Geld ist für einen Arztbesuch draufgegangen, nur wegen diesem beschissenen Wetter. Wovon soll ich mir was zu Essen kaufen? Und neue Winterklamotten könnte ich auch gebrauchen.»

    «Im Söldnerlager wirst du gratis versorgt», lockte ich. «Da gibt es eine Kleiderkammer. Und unser Feldscher Lorenzo ist gut. Schon beim kleinsten Schnupfen überschüttet er dich mit Kräutertee und stopft dich mit einer Wärmflasche ins Bett.» Ganz so schlimm war es natürlich nicht, immerhin waren wir eine Söldnerkompanie, aber Lorenzo war tatsächlich ein äußerst fürsorgliches Exemplar eines Feldschers. Nur ein gesunder Söldner war ein guter Söldner, und eine Epidemie konnte die ganze Kompanie lahmlegen.

    «Wenn ihr Trolle habt, will ich dort nicht hin. Lieber verhungere ich!»

    «Wir haben einen einzigen Troll! Einen!»

    «Danke, aber ich verzichte. Jeder weiß, dass Trolle eklig sind. Wenn du nichts von meinen Waren kaufen willst, könntest du mir wenigstens noch eine Suppe bringen. Immerhin habe ich meine Zeit mit dir verbracht.»

    «Jetzt hör mir mal zu. Ich habe nicht endlos Geld und sehe nicht ein, warum ich dich beschenken sollte.»

    «Aber du hast mich doch schon beschenkt! Was spricht dagegen, mir noch etwas zu kaufen?»

    «Warum versuchst du dein Glück nicht in Vellingrad? Betteln kannst du dort vergessen, aber gute Arbeit findet ihre Käufer. Warst du schon mal dort?»

    «Nein, wo liegt das denn?»

    «In Naridien, zwei Wochen Reisezeit, wenn du der Salzstraße folgst.»

    «Noch weiter nach Norden? Da hole ich mir ja den Tod.» Unter seiner Maske lief ihm die Nase und er schniefte. «Außerdem ist es nicht so leicht, als Reliktjäger in einem fremden Revier aufzukreuzen. Das endet meist tödlich. Hier in der Nähe habe ich einen guten Zugang zum Taudis und wenigstens hin und wieder Kunden. Was ich woanders habe, weiß ich nicht. Es ist ein schäbiges Revier, aber es ist mein Revier.»

    «Mein Angebot steht. Ich bin abends öfter hier. Falls du es dir anders überlegst, sprich mich an. Dann lege ich bei unserem Kommandanten ein gutes Wort für dich ein.»

    Wir standen uns gegenüber, die Ellbogen auf das alte Fass gestützt, das als Tisch diente. Der kalte Wind strich um uns herum und trug das Gejohle und Gelächter aus dem Inneren der Kneipe mit sich.

    «Danke», sagte Valtiri plötzlich. Es war das erste Mal, dass er sich für etwas bedankte. Bier und Suppe hatte er sich gekrallt, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass ich ihn auf meine Kosten bewirtete. «Du bist ein Guter, Serak.»

    Ich lachte rau. «Ich tu nur manchmal so, damit überhaupt noch jemand mit mir spricht.»

    «Ah, ich glaube, du erweist deinem Namen alle Ehre und schwindelst mich an. Du bist ein Halbork, nicht wahr? Hier in den Mittellanden trifft man Orks und Halborks selten. Was hat dich dazu gebracht, die Tundra zu verlassen?»

    Ich ließ den Blick über die schmutzigen Straßen von Unwrain schweifen, bevor ich antwortete. «Es hat mir dort nicht gefallen. Orks sind nicht freundlich zu Halborks. Darum bin ich hier.»

    Er legte eine Hand auf mein Schulter und sah mich an, seine schwarzen Augen voller Mitgefühl. «Oh, das tut mir leid. Das tut mir wirklich leid!»

    Im ersten Moment hielt ich es für Geschleime, um meinen Geldbeutel zu lockern, doch so, wie er mich ansah, war ich geneigt, ihm sein Mitleid zu glauben. Aber ich wollte es nicht haben. Ich schob seine Hand von meiner Schulter. «Mir geht es gut.» Das war die größte Lüge von allen und ich verbreitete sie jeden Tag. Das sparte mir Erklärungen und alle waren zufrieden. Ich trank den letzten Schluck meines Biers. «Die Monde stehen hoch, ich muss wieder zurück», sagte ich.

    Valtiri der Knabberer nickte. Ich konnte den nachdenklichen Blick in seinen Augen sehen, doch er hakte nicht noch einmal nach. Manchmal war es besser, die Dinge unausgesprochen zu lassen. So wie ich ihm seine Privatsphäre ließ und nicht weiter nach seiner Vergangenheit gefragt hatte, so respektierte er nun meine.

    «Du gehst jetzt schon?», fragte er und sah mich mit großen Augen an. «Du hattest doch gerade erst ein Bier. Ich war gierig, ich habe dir alles weggefressen.»

    «Ja, du warst gierig, aber du hattest Hunger und es war ein Geschenk. Außerdem muss ich morgen zeitig raus. Aber vielleicht trifft man sich mal wieder.»

    Er senkte betrübt den Kopf und nickte, seine Schultern sanken etwas herab. «He», sagte ich und beugte mich ein Stück nach vorn, «du bist aus Versehen nett gewesen.»

    Er hob den Kopf und funkelte mich an. «Du bist ein Unhold», trumpfte er auf. «Man sollte üble Dinge mit dir veranstalten.»

    «Süß. Mehr fällt dir nicht ein?»

    «Ah!», schrie er und hob frustriert die Hände. «Ich bin es nicht gewohnt, grob zu reden! Jetzt hör auf, dich über mich lustig zu machen, oder du darfst mir nie wieder Kohlsuppe servieren!»

    Ich lachte und reichte ihm die Hand. «Das würde ich mir nie verzeihen. Also dann.»

    Er nahm meine Hand und drückte sie fest. Er war ein merkwürdiges Kerlchen, aber wahrscheinlich hatte er einfach zu viel erlebt. Niemand wusste besser als ich, wie sehr das Leben jemanden verändern konnte. Ich fand ihn eigentlich ganz witzig.

    Nach dem Abschied drehte ich mich um und ging zurück ins Lager.

    «Halt, Losungswort?», rief es hinter dem Tor.

    «Saftsack», antwortete ich. Es war ein ewiger Spaß zwischen der Torwache und denen, die zurückkehrten, da wir kein echtes Losungswort brauchten. Unsere Kompanie war so klein, dass man jeden persönlich kannte.

    In der Baracke herrschte bereits abendliche Stille. Die meisten lagen schon in ihren Betten, einige standen an der Waschschüssel, andere zogen sich gerade das wollene Nachthemd über. Ich hätte gern noch einmal mit Mauli gesprochen, da ich den Streit nicht zwischen uns in der Luft hängen lassen wollte. Doch die wenigen Frauen unserer Kompanie hatten ihre eigene Baracke, wo die weiblichen Mitglieder aller Trupps gemeinsam wohnten.

    Cherax lag bereits in seinem Bett, als ich eintrat. Während ich mich für die Nacht fertig machte, überlegte ich, ob ich ihn auf Valtiri ansprechen sollte. Valtiri hatte jedoch so abweisend, ja, entsetzt reagiert, als er von dem Troll in unserer Kompanie erfuhr, dass ich mich dagegen entschied. Seine Identität war seine eigene Angelegenheit, und ich wollte nicht in der Welt herumposaunen, dass ich einen flüchtigen Blick hinter die Eisenmaske geworfen hatte. Vielleicht hatte er ähnliche Gründe, sich vor seinem Volk zu verstecken, wie ich.

    «Alles gut da drüben?» brummte Cherax, als ich mich in mein Bett eingekuschelt hatte. Er war der Einzige, der mich das fragte.

    «Alles bestens», raunte ich mit einem Grinsen zurück. Und für den Augenblick war das keine Lüge.

    «Gut», grunzte er und schloss die Augen.

    Während ich in die Dunkelheit starrte, versuchte ich die Erlebnisse des Tages hinter mir zu lassen. Doch das war ein vergebliches Unterfangen. Die orkischen Waffen und die Gürtel erschienen in meiner Erinnerung. Ich glaubte, den Duft von Erde, Holz und Teer zu riechen, von würzigem Schweiß und heißem Wasserdampf. Der Ork in mir ließ sich nicht verdrängen, selbst wenn ich unter den Menschen lebte. Ein Teil von mir redete sich die Vergangenheit schön. Das Erlebte blieb unauslöschlich, so wie das Gefühl von Ungerechtigkeit.

    Und doch plagte mich auch entsetzliches Heimweh, so wie mich früher das Fernweh weit hinaus in die Wildnis getrieben hatte. Ja, ich verstand Rex‘ Verdacht, ich könnte ein Verräter sein. Dennoch ärgerte mich dieser Vorwurf. Kämpfte ich nicht unermüdlich für die Eisenfalken? Hatte ich nicht längst meine Loyalität bewiesen? Rex war nicht der Einzige, derartige Vorwürfe hatten mich über die Jahre immer wieder eingeholt. Meine Herkunft stand mir ins Gesicht geschrieben. Viele Naridier hatten schlechte Erfahrungen mit Orks gemacht. Nicht jeder ging so entspannt damit um wie Garlyn. Das Misstrauen gegen mich konnte ich ihnen weder durch Worte noch durch Taten austreiben. Selbst mein Hinweis, dass meine Rotte nie Menschen überfallen hatte, konnte nichts ausrichten.

    Mit jedem Gedanken verflüchtigte sich meine zuvor gute Stimmung. Ich bereute zutiefst, nur ein Bier getrunken zu haben.

    Während meine Kameraden schliefen, rang ich vergebens mit meiner Müdigkeit. Erst, als der Morgen sich anbahnte, fielen mir für eine kurze Zeit die Augen zu.

  • Die Botschaft der Toten

    Kalte Winde heulten durch die östliche Einöde, als unser Trupp sich auf den Weg machte, um die Toten zu bestatten. Die Landschaft lag wie ein welliges Meer vor uns, das von Horizont zu Horizont reichtem, getupft in Grau, Grün und Weiß. Eine Decke aus bleigrauen Wolken hing schwer über allem.

    Ich war Teil dieser Kompanie. Während des schier endlosen Marsches dachte ich zu viel nach. In mir wuchs das dringende Bedürfnis, mich als Eisenfalke zu beweisen. Im Moment erfüllte ich jedes Klischee, das auf einen Halbork zutraf, war unzuverlässig und feige. Und wenn man Rex Glauben schenkte, brachte ich sogar Unglück über Garlyns Geldbeutel. Doch der Gedanke an die Orks, die ich ausspionieren sollte – die Gesichter meiner Vergangenheit – erstickte jeden Mut. Ich ballte die Fäuste, als ich mich fragte, wie war Garlyn überhaupt auf diese Idee gekommen war. Wollte er mich bloßstellen oder wollte er mich quälen? Ich konnte ihm nicht helfen! Die Erinnerung an meine Zeit bei den Skunks war wie Gift. Ich war damals aus gutem Grund geflohen, wie er sehr gut wusste. Und während ich marschierte, zitterten meine Finger nicht von der Kälte.

    Für die Sicherheit unserer Kolonne waren einige Kundschafter zuständig, die ausgeschwärmt waren und das Ödland durchstreiften. Während ich neben Mauli herging, beschloss ich, das Schweigen zu beenden, das mir nicht guttat. Seit unserem kurzen Disput hatten wir beide kein Wort mehr miteinander gesprochen. Es war Zeit, etwas daran zu ändern. «Bist du noch sauer?», fragte ich mit einem vorsichtigen Grinsen.

    Sie grinste breit zurück und zeigte mir die Pracht ihrer gelben Zähne. «Unsinn!»

    «Gut», sagte ich erleichtert. Nicht, dass ich etwas anderes erwartet hatte. Mauli war weder zickig noch nachtragend. «Dann kannst du mir ja helfen, etwas gegen die Langeweile zu unternehmen und dich mit mir unterhalten. Was denkst du eigentlich über Orks?», wollte ich wissen.

    Sie sah mich an, ihre Augen waren klar und durchdringend. «Was soll ich schon denken? Sie sind wie Tiere, genau wie wir, wenn wir uns im Kampf verbeißen. Sie haben unsere Leute getötet und waren harte Gegner. Ansonsten habe ich nichts über sie zu sagen. Warum fragst du?»

    Ich überlegte, ob ich ihr wirklich antworten wollte, denn ich war der Meinung, dass ihr das klar sein müsste. Aber ich wollte nicht streiten, sondern mit ihr reden, also entschied ich mich für eine Antwort. «Sie sind Teil von mir, Mauli. Nicht nur Teil meiner Geschichte, sondern ein Teil von mir selbst, den ich nicht loswerden kann.»

    «Und jetzt machst du dir Sorgen, dass ich dich mit ihnen in einen Topf werfe?»

    «Rex ist dieser Meinung. Du hast viel Zeit mit ihm verbracht.»

    Ihre Stirn runzelte sich unter dem Helm, während sie neben mir marschierte. «Du und ich, wir sind vom ersten Tag an Freunde gewesen. Du bist nicht wie diese Orks, denn du bist hier bei uns. Das ist deine Wahl! Abgesehen davon ist es sowieso ein anderer Stamm. Du hast uns ja erklärt, dass die Skunks nicht plündern, sondern von der Jagd und vom Handel leben.»

    Der Gedanke kreiste in meinem Kopf, es klang verlockend, als Halbork bequem wählen zu können, ob man als Mensch leben wollte oder wie ein Ork, doch so einfach war es leider nicht. «Ich bin fortgelaufen, aber ich fühle trotzdem eine Zerrissenheit in mir, Mauli. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich mich hier fehl am Platz fühle. Genau wie damals bei den Orks.»

    Maulis Miene blieb ernst. «Das ist doch ganz einfach, es sind deine Gedanken, die es kompliziert machen. Du gehörst weder zu den Orks noch zu den Menschen, sondern zu den Eisenfalken! So wie Cherax, so wie ich. So wie jeder hier! Unsere Herkunft ist egal. Du hast dich für dieses Leben entschieden. Garlyn zweifelt nicht an dir und ich werde auch nicht damit anfangen, bloß weil Rex es tut.»

    «Trotzdem meint Garlyn, ich könnte einfach so zu diesen Orks spazieren und sie fragen, wer sie sind. Ich habe seine Bitte abgelehnt.»

    «Ach. Dein Gewissen macht dir zu schaffen!»

    Ich nickte. «Er verlangt zu viel von mir. Wenn ich diese Orks sehe, dann… dann kommen all die Dinge zurück, vor denen ich davongelaufen bin, all das Unrecht, das sie mir angetan haben. Und du malst dir nicht aus, welche Methoden sie alles kennen, um Halborks umzubringen. Oder was sie sonst noch mit uns anstellen.»

    Sie lächelte. «So geht es vielen von uns. Wir alle hatten ein Leben vor den Eisenfalken, das wir in der Ferne zurückgelassen haben. Wir alle tragen unsere Vergangeheit im Gepäck und sie kann schwerer Ballast sein. Hat Cherax dir mal erzählt, weshalb er hier ist?»

    «Er hat angedeutet, dass er von seinem Stamm verbannt wurde. Trotzdem nennt er sich immer noch Cherax von den Sandvipern.»

    «Weil er die Hoffnung nicht aufgegeben hat, eines Tages zurückzukehren. Er ist so heimatlos wie du. Auch er ist zerrissen und ich bin es auch manchmal. Du bist nicht allein.» Mauli legte mir eine Hand auf die Schulter. «Und wir stehen zusammen. Rex kann gern seine Meinung von dir haben, aber ich habe meine eigene.»

    Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.

    «Und jetzt pack deine Sorgen und schau nach vorn», sagte sie. «Siehst du? Dort geht Alvashek auf.» Und tatsächlich: Das Grau der Wolken öffnete sich und gab den Blick auf das Morgenrot frei. Es war das erste Mal seit Langem, dass ich wieder ein Stück Himmel sah. Der Winter näherte sich dem Ende und bald würde das Eis tauen. Mauli gab mir einen freundschaftlichen Knuff und löste sich von mir. Wir marschierten nebeneinander weiter. Ich hörte das knirschende Geräusch unter meinen Stiefeln, als ich durch den vereisten Schlamm stapfte. Die Wolken zogen fort und der beginnende Tag leckte den Raureif vom Gras. Ich konnte die ersten zarten Versprechungen des Frühjahrs riechen – frische Erde, die aus dem Winterschlaf erwachte.

    Der Wind blies immer noch schneidend, aber er hatte die Schärfe verloren, die er in den vergangenen Tagen hatte. Ich konnte es fast fühlen – das Leben, das sich von irgendwo tief unten, aus den Wurzeln, seinen Weg nach oben suchte. Am Rand der Wiese, die wir durchquerten, konnte ich die ersten Frühlingsblumen sehen – Blausterne, die sich aus der Erde schoben und dem Winter trotzten.

    Mauli entdeckte sie ebenfalls. «Seht ihr das?», fragte sie die anderen. «Frühling. Hätten wir bei dem letzten Gefecht gedacht, dass wir das noch erleben?»

    «Hier gibt es keinen Frühling», warf Cherax ein. «Nur eine Pause zwischen den Wintern.» Als Troll war er das heiße Klima des Südens gewöhnt, das keinen Winter kannte, nur Regenzeiten.

    «He, Doriq», rief Mauli. «Es wird Frühling!»

    Der Unteroffzier, der den verletzten Nubaru vertrat, zuckte mit den Schultern, in seinem Blick lag etwas, das ich nicht deuten konnte. Als wir uns der Region näherten, in welcher der Überfall stattgefunden hatte, verstummte auch der Letzte. Jeder versank in seinen eigenen Gedanken. Vielleicht dachten sie an die Toten, oder an die Heimat, an Frauen und Kinder. Vielleicht dachten sie an das Gold, das wir verdienen würden. Oder vielleicht an gar nichts.

    Cherax zeigte nach vorn und sagte: «Dort.»

    Alvashek, der jetzt hoch genug stand, tauchte alles in ein blasses, goldenes Licht, das den Schnee und den vereisten Boden zum Schimmern brachte. Doch für uns war dieser Ort kein friedlicher Anblick. Der Boden war aufgewühlt, die Blutflecken immer noch zu sehen. Eine dünne Schicht von Steinen bedeckten die Toten, nun würden sie vernünftig bestattet werden. Die letzten Schritte gingen wir langsam und andächtig.

    «Hier haben sie unsere Leute überfallen», sagte Doriq.

    «Und jetzt kommen wir zurück, um das zu holen, was uns gehört», knurrte Garlyn, der uns heute höchstpersönlich begleitete «Dort drüben errichten wir die Hügelgräber für unsere gefallenen Kameraden, den Kopf eines jeden in Richtung seiner Heimat ausgerichtet, ihre Füße zur Mitte hin, so dass sie einen Stern bilden.»

    Wir nahmen die Spaten zur Hand und verteilten uns, um Steine aus dem gefrorenen Boden auszugraben, denn ein naridisches Hügelgrab bestand nur aus Steinen und sonst nichts. Wir schwiegen. Nur das Stechen der Spaten und das Schmatzen der Schritte war zu hören.

    «Serak, du kommst zu mir», sagte Doriq.

    Ich rammte meinen Spaten in die Erde und begab mich zu ihm. «Ja?»

    «Dort hinten liegen die gefallenen Orks. Ich möchte sie ebenfalls bestatten, um keinen zornigen Hauch auf uns zu ziehen.» Der Hauch war das, was einem Körper sein Leben verlieh. Wer lebte, der atmete. Wer nicht lebte, der atmete nicht. Wer starb, hauchte sein Leben aus. Der Lebenshauch flog mit dem Wind davon, konnte aber auch zurückkehren. So glaubten es die Naridier und viele andere Völker. «Wie sind die Bestattungsriten der Orks, Serak?»

    «Das ist bei jedem Stamm unterschiedlich, so wie es bei den Menschen von Volk zu Volk anders ist. Naridier haben Hügelgräber für die Helden, Almanen verbuddeln ihre Toten grundsätzlich in der Erde und Rakshaner bauen ihnen Häuser. Bei den Orks ist es genau so kompliziert.»

    «Kannst du herausfinden, welchem Stamm sie angehören, damit wir nicht heimgesucht werden?»

    Ich sah ihn scharf an, denn ich war sicher, dass diese Frage mit Garlyn abgesprochen war. «Du meinst, ich soll sie mir ansehen?»

    «Du würdest uns helfen.»

    Ich ballte die Fäuste und atmete tief durch. Alvashek stieg höher und malte Schatten über die verwüstete Landschaft, als wollte er die Gräuel, die hier geschehen waren, mit einem goldenen Schleier bedecken. Der Wind war angenehm mild. Ich freute mich über die Botschaft des Frühlings, doch sie konnte die Situation nicht erträglicher machen. Ich dachte daran, dass ich Garlyn schon einmal enttäuscht hatte und an die Vorwürfe von Rex. Und letztlich waren diese Orks ja schon tot. «Also gut», knurrte ich.

    Doriq wirkte sichtlich erleichtert. «Soll dich jemand begleiten?»

    «Nein, ich mach das schon.»

    «In Ordnung. Dann Ausführung.»

    «Ja, ja. Jawohl.»

    Ich stapfte mit grimmigem Gesicht über die Hügelkuppe, der Boden war schmierig unter meinen Füßen. Im kalten Schlamm lagen die gefallenen Orks. Ich zögerte nicht, das hätte es nur schlimmer gemacht, sondern ging rasch zu ihnen, um möglichst wenig Zeit zum Nachdenken zu finden. Sie trugen Fellkleidung und von ihren Gürteln hingen verschiedene Trophäen, Tierschwänze, Klauen, Zähne. Mir wurde schwindlig bei dem Anblick, denn die Art, wie sie die Trophäen um die Hüfte trugen, war so vertraut. Ich nahm meinen Mut zusammen und drehte einen von ihnen auf den Rücken, so dass sein Kopf zurückfiel und ich mir seinen Hals besehen konnte.

    «Das kann nicht sein», keuchte ich, während ich seinen nassen Fellkragen nach unten drückte. «Das ist unmöglich!»

    Rechts, unterhalb des Ohres, trug der Tote die beiden Schnittnarben, die auch mich zu einem Mitglied dieser Rotte machten.

    Es war, als hätte meine Vergangenheit mich verfolgt, eingeholt und als ob sie nur darauf warten würde, mich zu überwältigen und zu Fall zu bringen. Ich kehrte zu Doriq zurück und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. «Diese Orks können wir nicht gemäß ihren Stammesriten bestatten», sagte ich.

    Doriq mahlte mit dem Kiefer. «Warum nicht?»

    «Weil wir die Toten in ein bestimmtes Moor bringen müssten, hoch oben in der Tundra von Shakorz. Dort werden sie traditionell in die Tiefe gelassen. An manchen Tagen zünden die Toten Lichter an, die gelblich über das Moor züngeln, um die Lebenden zu grüßen oder zu warnen.»

    «Ein anderes Moor geht nicht? Oder ein Sumpf?»

    Ich schüttelte den Kopf.

    «Und wenn wir sie stattdessen in der Erde bestatten?», hakte Doriq nach.

    «Es ist ein besonderes Moor, ein heiliges Moor, in dem schon der Gründer des Stammes seine ewige Ruhe gefunden hat.»

    «Wir müssen trotzdem eine andere Möglichkeit finden. Es steht außer Frage, extra mit einer Fuhre Leichen zu diesem fernen Moor zu reisen! Welche Alternative schlägst du vor?»

    Ich brauchte nicht lange, um zu antworten. Von Berichten über Kämpfe zwischen den Rotten wusste ich, wie man mit toten Orks verfuhr, deren Bestattungsriten man nicht kannte oder nicht umsetzen konnte. «Wir sollten Betten aus Stein bauen und die Toten offen darauf niederlegen. Eine Einladung an die Überlebenden, ihre Gefallenen abzuholen und mitzunehmen. Falls sie das nicht tun, ist es nicht unsere Schuld, und der zornige Hauch kann irgendwen anderes heimsuchen.» Es war ein Trick, den sich wahrscheinlich ein Schamane ausgedacht hatte.

    «In Ordnung. Männer!» Er rief sich eine Hand voll Leute zusammen, die sich darum kümmern sollten. Mich sparte er aus.

    Ich stand sinnlos herum, unsicher, was ich fühlen sollte. Ohne Vorwarnung war die alte Wunde wieder aufgerissen worden, die Erinnerung an meine glücklose Jugend, an all die Ungerechtigkeit, und an Katax. Alles war wieder so gegenwärtig wie am Tag nach meiner Flucht.

    Doriq gesellte sich zu mir, den Blick in die Ferne gerichtet, und bot mir wortlos eine Rauchstange an. Ich schüttelte den Kopf. Mir war gerade nicht nach dem Geschmack von Feuer im Mund. Er blieb bei mir und rauchte. Vielleicht nachdenklich, vielleicht resigniert, aber vielleicht fühlte er auch gar nichts. Der Mann war für mich schwer einzuschätzen. Garlyn, so schwierig und hinterlistig der Fuchs auch sein mochte, war mir lieber, weil ich ihn lesen konnte. Doriq blieb mir, wie die meisten Menschen, auf ewig ein Fremder.

    Apropos Fuchs ...

    «Unser Kommandant streunt über das Schlachtfeld. Warum ist er nicht in seiner Schreibstube geblieben?»

    «Er kommt immer mit», sagte Doriq. «Um sich zu verabschieden.»

    «Sicher? Er wirkt angespannt.»

    Doriq ließ den Rauch zwischen seinen Zähnen entweichen. «Er hat gute Männer verloren.»

    «Und somit gutes Geld», knurrte ich. Meine miese Laune machte mich vielleicht ungerecht. Doriq nahm die Rauchstange aus seinem Mund und starrte mich an. «Hüte deine Zunge.»

    «Ist doch die Wahrheit», fauchte ich. «Er sitzt sich den Arsch breit und verdient an unserem Blut.»

    «Willst du wieder Latrinen schrubben? Was ist los mit dir?»

    Ich fletschte kurz die Zähne, wandte mich ab und schluckte unter größter Willensanstrengung ein animalisches Knurren herunter. «Die Orks.»

    Als ich nicht gleich fortfuhr, sagte er:«Ja?»

    Einige Male musste ich durchatmen, ehe ich wieder halbwegs klar im Kopf war. «Es sind Skunks. Meine alte Rotte.»

    «Ah.» Doriq war ein unsensibler Klotz, der nun etwas beschämt die Rauchstange zwischen seinen Fingern musterte, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Ich nahm es ihm nicht übel, ich war selbst nur selten besser. Dass er keine Beileidsbekundungen aussprach im Angesicht toter Feinde war darüber hinaus wenig verwunderlich. Diese Orks hatten unsere Kameraden getötet. Das nahm ich ihnen genau so übel wie Doriq. Was mir zu schaffen machte, war die Frage nach dem Warum. Dass die Skunks hier waren, um Menschen anzugreifen, ergab keinen Sinn. Das hätte zu den Daraz’gord gepasst oder zu den Krokodilen, aber doch nicht die hinterwäldlerischen Skunks, deren Streitmacht geradezu lächerlich war. Wer hatte sie angeführt? Wer hatte sie in den Tod geschickt?

    «Willst du es Garlyn berichten, oder soll ich?», fragte Doriq. Ich nahm den Versuch, fürsorglich zu klingen, zur Kenntnis. Er machte keine schlechte Arbeit, er gab auf seine Weise Acht. Nicht umsonst leitete er Trupp eins, unsere Sturmtruppe. Wahrscheinlich war er das wertvollste Pferdchen im Stall unseres Kommandanten, aber ich wünschte mir Nubaru her, der gerade im Lazarett herumlag und litt wie ein Hund. Hoffentlich war er bald wieder auf den Beinen.

    «Ich sage es ihm selbst.» Besser, ich brachte es möglichst schnell hinter mich. So stapfte ich durch den Schnee, wobei ich es vermied, den Toten ins Gesicht zu blicken. Eine Anweisung, die Garlyn jedem Neuling gab. Er behauptete, ansonsten würden die Toten ein Stück von einem mit hinüber nehmen. In gewisser Weise hatte er Recht, denn der Blick eines Toten verfolgt einen oft sehr lange, manchmal für immer. Das muss niemand haben, und es fiel mir nicht schwer, diesen Rat zu beherzigen.

    «Kommandant.»

    Er fuhr herum, schneller, als angemessen schien.

    Reflexartig nahm ich Haltung an, um ihn zu beschwichtigen. «Ich will Meldung machen zu meinen Beobachtungen.»

    Er nickte gereizt.

    «Es sind Skunks.»

    «Deine alte Rotte?»

    «Ja.»

    «Das habe ich mir gedacht. Sie tragen die gleichen Narben unter dem rechten Ohr wie du.»

    «Darf ich eine Frage stellen, Kommandant?»

    Er wirkte nicht begeistert, aber nickte.

    «Ist alles in Ordnung? Du wirkst angespannt. Kann ich irgendwas helfen?»

    Er rang sich ein verkrampftes Grinsen ab, was wohl ein Lächeln darstellen sollte. «Die Tage sind kurz um diese Jahreszeit und die verdammte Erde ist gefroren, was uns viel Zeit kostet. Alvashek geht bald unter.»

    Mit dem naridischem Glauben kannte ich mich nicht sonderlich gut aus. Ich wusste nur, dass sie – wenn sie überhaupt einem Gott gewogen waren – oft Ainuwar bevorzugten. Es war der Gott der Rationalität, ein kalter, berechnender Gott, dem man mathematische Gesetze und Formeln zuschrieb, aber auch alle anderen Naturgesetze. Dass die Natur einer gewissen Logik folgte, nahmen seine Anhänger als Beweis für Ainuwars Existenz. Seine Tempel waren ehrfurchtgebietend hoch, schmucklos und düster. Allerlei düstere Kulte waren aus ihren Gewölben gekrochen, aber auch geniale Gelehrte. Wenn ich mich recht entsann, hatte Garlyn nie über seinen persönlichen Glauben gesprochen. Vielleicht gehörte er auch zur Fraktion der Gottlosen, wenn man seine fürchterlichen Fähigkeiten im Rechnungswesen als Maßstab nahm.

    «Wir könnten die Sturmlaternen aufstellen.» Wir hatten zu dieser Jahreszeit immer welche dabei, für den Fall, dass wir in einen Schneesturm gerieten, damit wir einander Orientierungspunkte setzen konnten.

    «Licht wird niemanden schützen.»

    Fragend legte ich den Kopf schief.

    Er schüttelte den Kopf. «Ich habe zu viel gesagt. Belassen wir es dabei, dass man sich nach Sonnenuntergang nicht auf einem Schlachtfeld herumtreiben sollte.»

    «Warum? Die Toten sind tot. Und wir sind allein in der Wildnis. Fürchtest du, dass einer von uns ein Nekromant sein könnte?» Ich grinste mit einem Mundwinkel, um den Scherz anzuzeigen.

    «Es tut nichts zur Sache.»

    «Ich wollte nicht hierher. Ich wollte keine Orks sehen und keine alten Wunden aufgerissen bekommen. Trotzdem bin ich deinem Befehl fast ohne Widerspruch gefolgt. Du schuldest mir was. Und damit meine ich nicht nur den ausstehenden Sold.»

    Er kaute auf der Innenseite seiner Wange herum, während er zum Horizont sah, der sich langsam rosa färbte. «Du weißt vielleicht, dass ich über viele Jahre einer almanischen Strafkompanie zugeteilt war. Es ist in Almanien die übliche Art, mit Kriegsgefangenen und Sträflingen umzugehen. Anstatt sie in Gefängnissen einzupferchen, wo sie nur Geld kosten, müssen sie die gefährlichsten Aufgaben der Armee übernehmen. Als ich meine Strafe abgesessen hatte, bot man mir an, als freier Mann die Strafkompanie zu leiten. Ich stimmte zu, weil ich die Überlebenschancen meiner alten Kameraden erhöhen wollte. Und ich wusste, offen gestanden, auch gar nicht, wo ich sonst hätte hingehen sollen.»

    «Warum nicht? Hattest du keine Familie, keine Freunde?»

    Er stieß einen Laut aus, der vielleicht ein freudloses Lachen war. «Ich war in Naridien kein freier Mann, Serak. Ich war ein Waisenjunge, der als junger Mann eine harte Zeit durchlebte und schlussendlich in die Sklaverei geriet.»

    Er zog sich den Schal vom Hals und zeigte mir seinen eisernen Halsreif. Ich wusste, dass er ihn trug, hatte ihn aber für ein Schmuckstück gehalten.

    «Das Werk meines Herrn.» Er knurrte. «Ich habe bisher keinen Schmied gefunden, der dieses alchemistisch gehärtete Metall brechen oder durchfeilen konnte.»

    Ich fuhr zusammen, als ich die Marke aus der Nähe sah. Darauf war das gleiche Wappen geprägt wie auf Valtiris Kette! Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Möglichst beifläufig fragte ich: «Wer war dein Herr? Und wie konnte er dich einfach zu seinem Sklaven machen?»

    «Das ist in Naridien gar nicht so schwer. Besonders, wenn man Schulden hat.» Er lächelte gequält. «Doch es gibt zahlreiche Gründe, warum man seine Freiheit verlieren kann. Vielleicht erzähle ich dir irgendwann einmal die ganze Geschichte, aber jetzt ist mir nicht danach. Für den Moment genügt es, zu wissen, dass ich als Kommandant der Strafkompanie das erste Mal die Luft der Freiheit schnuppern durfte. So sammelte ich meine ersten Erfahrungen als Ausbilder und Kommandant. Aber ich lernte neben normalen naridischen Soldaten, die gefangen genommen worden waren, auch almanische Verbrecher der übelsten Sorte kennen. Man mischte sie bewusst durcheinander, in der Absicht, dass die Kriminellen von den Soldaten schon Disziplin beigebracht bekommen würden. Das klappte auch ganz gut, doch der Lernprozess ging in beide Richtungen. Die Strafkompanie war bis in die letzte Faser verroht und für ihre Skrupellosigkeit gefürchtet.»

    «Das alles unter deinem Kommando.»

    Er grinste selbstgefällig. «So ist es. Wir hatten auch einige Schwarzbuddler in unseren Reihen. Und das ist es, worauf ich hinaus will.»

    «Was ist ein Schwarzbuddler?»

    «Ein Leichenfledderer. Einer, der die Schlachtfelder aufsucht, um nach wertvolle Stücken zu graben.»

    «Das machen wir auch.»

    Er schüttelte den Kopf. «Wir nehmen nur das, was uns als Kombattanten von Rechtswegen zusteht. Wir haben selbst an den Schlachten teilgenommen, wir sind Wölfe. Aber Schwarzbuddler sind Hyänen. Sie suchen selten frische Schlachtfelder auf, dafür sind sie zu feige, sondern forschen nach historischen Kriegsschauplätzen. Mit alchemistischen Suchstäben, die fiepen, wenn sie auf kaltes Metall stoßen, wühlen sie dort, wo die Heere Almaniens und Naridiens einander in Stücke rissen. Sie stehlen Helme, am liebsten mit berühmten Schädeln darin, Siegelringe der Blutadmiräle oder Ehrendolche, Auf den schwarzen Märkten von Port Kadath, in den Hinterzimmern der Händlergilden von Daijian und sogar auf den scheinbar ehrbaren Auktionen der almanischen Hauptstädte wechseln diese Totenschätze dann ihren Besitzer. Und irgendwo innerhalb der Mauern von Vellingrad sitzt ein bleicher Sammler in seinem Herrenhaus, umgeben von Vitrinen voller Fingerknochen, Orden und Erkennungsplaketten, und nennt das stolz seine Privatsammlung der Ewigen Treue.»

    Wieder das freudlose Lachen. Ich war sicher, dass er nicht nur einige Schwarzbuddler kennengelernt hatte, sondern auch den Sammler kannte, von dem er sprach. «So verabscheuungswürdig die Schwarzbuddler auch sind, Serak, gerade aufgrund ihres ständigen Ringens zwischen Gier und Feigheit tut man gut daran, ihnen zuzuhören. Egal, wie verlockend die Beute aussieht, ein erfahrener Schwarzbuddler verschwindet, sobald die Sonne untergeht. Ihre Regeln sind keine netten Empfehlungen. Das sind uralte Regeln, die Schwarzbuddler sich gegenseitig am Feuer weitergeben. Die meisten, die sie befolgen, kommen zurück. Manche kommen verändert zurück. Und ein paar kommen gar nicht mehr.»

    Ich blickte besorgt zu den Männern, die sich an der gefrorenen Erde abmühten. «Wir können unsere Kameraden nicht unbestattet lassen, Garlyn.» Nachdem wir uns so persönlich unterhalten hatten, war ich unterbewusst wieder zur üblichen Anrede gewechselt, obwohl wir uns auf einem Einsatz befanden.

    «So ist es. Wir werden über Nacht hierbleiben und morgen weitergraben.»

    Mir fielen fast die Augen aus. «Bei dieser Kälte? Wir haben keinen Unterschlupf geraben und können das bei er gefrorenen Erde auch nicht.»

    «Heute ist es verhältnismäßig warm. Die Zelte, die wir für den Fall eines Schneesturms mitgenommen haben, werden genügen. Ich möchte dir nicht zumuten, dich noch einmal den toten Orks zu nähern, aber du kannst den Aufbau des Nachtlagers organisieren.»

    «Jawohl, Kommandant.» Ich salutierte und ließ ihn stehen, um meine Arbeit zu machen.


    Zwischen den Gräbern

    Das Nachtlager war schnell aufgebaut, ein paar Zelte aus grobem Leinen und Fell. Weil der Wind auffrischte, ließ ich Sturmleinen spannen, um dem Gestänge zusätzlichen Halt zu geben. In einem Lagerfeuer aus Gestrüpp erhitzten wir Steine, die uns beim Schlafen Wärme spenden würden, schmolzen Schnee zum Trinken und kochten unsere Rationen. Als die Sonne unterging, krochen wir in die Zelte. Wir drängten uns dicht an dicht hinein, so eng, dass man zu beiden Seiten den Körper des Nebenmanns spürte. Jeder hatte einen heißen Stein an den Füßen, so dass es sich trotz der nächtlichen Kälte aushalten ließ. Ich konnte nicht schlafen, dachte über die Orks nach und über die Worte von Garlyn. Wovor fürchtete er sich? Der Wind rüttelte an der Plane, ein ständiges Klatschen und Reißen, als wollte etwas herein. Ich lag zwischen Cherax und Mauli eingekeilt, und lauschte dem tiefen Stöhnen im Wind. War es Einbildung? Es klang mal lang gezogen, mal wie ein Seufzer, mal wie der Ruf einer fremden Kreatur, deren behäbige Zunge in fremden Worten tastend nach meinen Namen suchte, ohne ihn je ganz zu finden.

    Ich presste mich fester zwischen die beiden, die Pranke um den Glücksbringer geklammert. Daneben war Valtiris Kette, die kalt an meiner Brust lag wie ein Stück Eis, das nicht schmelzen wollte. War es der Hauch der Toten, die da draußen heulten? Der Anhänger drückte sich hart in meine Haut, und der Wind klang plötzlich, als ob ein Mann klagte. Bei den Ahnen, was, wenn einer von denen, die wir für tot gehalten hatten, noch lebte, und um Hilfe rief? Dieser Gedanke drückte meine Angst beiseite und die Warnung der Schwarzbuddler. Falls jemand überlebt hatte, würde er spätestens morgen erfroren sein, wenn ihm niemand half!

    Ich hielt die Luft an, das Herz hämmerte gegen meine Rippen, dann riss ich mich zusammen, schob die Decke weg und kroch hinaus. Die Kälte schlug mir ins Gesicht, der rote Schein von Daibos lag über allem, färbte den Schnee blutig und die Schatten waren schwarz wie Tinte. Selbst meine Augen, die im Dämmerlicht so gut sahen, spielten mir Streiche. Ich hatte für einen Moment geglaubt, da würde jemand auf allen vieren zwischen den Gräbern entlangkriechen wie ein Tier. Ich nahm die Sturmlaterne vom Eingang mit, die Flamme flackerte wild, warf zitternde Muster aus Licht auf den Boden, und ging zu den Gräbern, wo die steifgefrorenen Toten lagen, die wir noch nicht ganz zugedeckt hatten.

    Zumindest sollten sie da liegen. Doch ich entdeckte keinen. Zwischen den Grabhügeln hockte eine Gestalt, dunkel, als wäre sie ein nachtaktives Tier. Aber die Form war eindeutig menschlich! Das war ein Mann. Er wiegte sich hin und her, tief stöhnend, und umklammerte etwas mit seinen Händen, das er sich ins Gesicht zu drücken schien.


    «He, du!» Ich hob die Laterne.

    Das Stöhnen verstummte, die Gestalt fuhr herum. Das Licht meiner Laterne traf auf ein bleiches Gesicht mit schmalen Fuchsaugen, der Bart leuchtete rot wie Blut.

    «Garlyn?!», rief ich fassungslos. «Bist du unter die Schwarzbuddler gegangen oder was ist hier los?»

    Der Kommandant kniete da, mit schmutzigen Händen, die Augen starr, als wäre er nicht bei Sinnen, und zutiefst feindselig. Er knurrte mich an, murmelte, leise, abgehackt, Worte, die ich nicht verstand, und als ich näher kam und das Licht ihn voll traf, fuhr er hoch, die Zähne gefletscht, die Augen irre glänzend im roten Licht von Daibos.

    «Verschwinde!», brüllte er. Seine Stimme klang fremd, als käme sie nicht aus seinem Mund. «Das ist nicht dein Platz! Das ist meiner! Meiner!»

    Ich taumelte rückwärts, die Laterne schwankte, das Licht tanzte über ihn und über die Totenhügel, und Garlyn sank im Schutz des Schattens wieder in sich zusammen, drehte mir den Rücken zu, murmelte weiter vor sich hin, und hob erneut die Hände zum Gesicht. Ich stapfte eilig zurück zum Zelt, das Herz schlug mir bis zum Hals. Dort rüttelte ich an Doriqs Schulter. «Wach auf! Garlyn ist draußen bei den Toten. Er wirkt nicht ganz klar im Kopf. Er brabbelt vor sich hin wie ein Verrückter.»

    Doriq blinzelte langsam. «Alles in Ordnung», murmelte er und zog die Decke höher.

    «Aber das ist doch nicht normal. Er braucht einen Feldscher.»

    «Der kommt bei ihm um einige Jahre zu spät. Schlaf weiter, Serak. Morgen ist genug Zeit.»

    Ich starrte ihn an, die Worte steckten fest, und legte mich wieder hin. Es fühlte sich nicht gut an. Ich spürte die Kälte jetzt nicht mehr nur draußen, sondern tief drinnen. Der Wind heulte, Garlyn klagte, und ich presste meine Glückskette mit den Fluchplättchen an meine Brust, bis das Metall warm wurde von meiner Haut.

    Am Morgen war der Himmel klar, kalt und blau, als hätte der frühlingshafte Tag zuvor nicht existiert. Wir traten hinaus, die Zelte dampften im ersten Licht. Die Gräber waren fertiggestellt worden, die Steinhügel sauber aufgetürmt, die Toten darunter verborgen. Garlyn stand – wenig überraschend – bereits am Feuer, die Hände in den Taschen vergraben, das Gesicht ruhig, fast friedlich. Vom nächtlichen Wahnsinn war nichts zu sehen. Die gefallenen Orks lagen, wie ich es empfohlen hatte, offen auf Steinbetten – eine Einladung an ihre überlebenden Gefährten, sie abzuholen. Wahrscheinlich warteten sie, bis wir fort waren.

    Cherax betrachtete die Gräber erstaunt. «Was zum ...?!»

    «Wir wollen nicht darüber sprechen», entschied Doriq. «Es wurde getan, was getan werden musste, und wir können bei Tageslicht zurück ins Lager marschieren.

    Und so geschah es. Niemand sprach darüber und Garlyn war wieder ganz der Alte. Wir aßen eine Ration, räumten die Zelte zusammen und löschten das Feuer. Als wir abrückten, warf ich keinen Blick zurück. Ich wollte die toten Orks nicht noch einmal sehen.

  • Lektionen in Stahl und Demut

    Einige Tage waren vergangen, seit wir die Gefallenen bestattet hatten. Die frischen Gräber waren wie Wunden in der gefrorenen Erde der Steppe gewesen. Ein Spiegel der aufgerissenen Wunden in meinem Inneren. Der neue Morgen brach an mit einer Sonne, die blendend über dem Lager thronte, ein falsches Versprechen von Wärme in der eiskalten Luft.

    Ich hatte zeitig gefrühstückt und nutzte die Zeit vor Dienstbeginn für einige Erledigungen im Lager. Ablenkung war wichtig, doch nicht immer erfolgreich. Der Anblick der toten Orks nagte schmerzhaft an mir. Die Skunks waren eine bedeutungslose Rotte gewesen, als ich sie verlassen hatte, mit zu wenigen Kriegern, um gegen die mächtigen Menschenreiche in den Krieg zu ziehen. Und doch befanden sich diese Männer, die meisten davon noch sehr jung, nun im Alldunkel auf ihrem Weg zu den Ersten Kriegern. Weshalb? Was hatte der Tod von Gory Gierschlund aus den Skunks gemacht? Was hatte ich aus ihnen gemacht? Der Tod des Häuptlings war letzten Endes meine Schuld, ob Absicht oder nicht. Die Gedanken fraßen sich tief durch meinen Geist, machten mich zu einem gereizten Griesgram. Ich war unausstehlich gewesen während der letzten Tage und die meisten gingen mir außerhalb der Dienstzeit aus dem Weg.

    Nur einer schien meine Nähe regelrecht zu suchen. Rex wurde immer wieder zu dem Tropfen, der mein ohnehin schon randvolles Fass zum Überlaufen brachte. Er provozierte hier, er provozierte da. Seine besserwisserische Art, sein Genörgel, die ganze Person war für mich unerträglich geworden, und ich hatte beschlossen, mich mit disziplinarischen Mitteln dagegen zu wehren, auch wenn ich ihm lieber in einer dunklen Gasse aufgelauert hätte.

    So stapfte ich zwischen den Baracken entlang und steuerte Garlyns Schreibstube an, die Höhle des Fuchses.

    Er saß hinter seinem Tsch, sein Haar glühte im einfallenden Morgenlicht wie frisches Blut auf Schnee. Neben den Papieren, die vor ihm lagen, dampfte eine Tasse Kräutertee.

    Ich salutierte. «Kommandant.»

    Er nickte geistesabwesend. «Entspann dich. Was gibt es?»

    Ich lockerte meine Haltung und änderte die Tonlage hin zu dem persönlichen Tonfall, in dem wir meistens mit Garlyn sprachen. Er konnte die militärische Strenge der Radhora nicht ausstehen und bevorzugte ein informelles Miteinander. Seiner Autorität schadete das nicht.

    «Es geht um Rex!», platzte ich heraus. Es klang, als hätte ich seinen Namen ausgekotzt. Es gelang mir nicht, meine Abneigung zu überspielen.

    «Setz dich», seufzte Garlyn. «Ich nehme an, es wird länger dauern.»

    «Kommt drauf an.» Ich ließ mich auf den freien Stuhl fallen. «Das Großmaul nörgelt uns die Moral kaputt. Sei es beim Einsatz oder beim Training, er hat immer irgendwas auszusetzen.»

    «Verhält er sich respektlos? Geht er die Vorgesetzten an?», hakte Garlyn nach.

    Ich schüttelte den Kopf. «Nicht direkt, sondern immer am Rande der Wahrnehmung. Er brabbelt vor sich hin, so dass es diejenigen hören, die in seiner Nähe stehen. Wenn einer was sagt, was ihm nicht schmeckt, schüttelt er verächtlich den Kopf, stöhnt oder rollt mit den Augen, als wären unsere Offiziere allesamt Trottel.»

    Garlyn grinste. «Hört sich an, als würdest du ihn zurechtstauchen wollen. Bist du hier, um dir meinen Segen abzuholen, um ihn windelweich zu prügeln?»

    Der Gedanke war durchaus verlockend. Rex zerbeult am Boden, mich anflehend, aufzuhören, während ich siegreich über ihm stand. Rex jammernd, unterworfen und schwach. Ich leckte mir die Lippen, als würde ich seinen Angstschweiß bereits schmecken. Der Ork in mir würde daran durchaus Gefallen finden. «Nein», sagte mein vernünftigerer Anteil. «Meine Idee ist, ihm seine Grenzen anders aufzuzeigen. Ihn spüren zu lassen, dass er nicht der Beste ist, sondern nur ein bleichärschiges Würstchen mit einem zu großen Namen und einem zu großen Ego.»

    Garlyn hob eine Braue. «Wie lautet dein Vorschlag?»

    «Lass Rex eine Übungsstunde in Trupp 4 abhalten, bei den Neulingen und Sträflingen. Er wird den Wink mit dem Zaunspfahl verstehen. Am besten Messerkampf.»

    «Wieso das?», brummte Garlyn. «Ich war selber bei den Schwertkämpfern der Radhora. Messerkampf gehört dort nicht zur Ausbildung. Er wird keine Vorkenntnisse haben.»

    Ich grinste, wobei sich meine Fangzähne herausschoben. «Eben. Er wird gewaltig auf die Schnauze fliegen. Er soll wissen, dass er kein toller Hecht ist, sondern ein Wichtigtuer. Mal merken, wie hart es für unsere Offiziere ist, einen Haufen Söldner zu führen. Sein neunmalkluges Mundwerk verstummt dann von allein.»

    Garlyn lachte leise. «Konstruktiv, Serak. Oder ist das ein Umweg zur persönlichen Rache?» Er lehnte sich zurück.

    Meine Miene blieb unbestimmt.

    «Genehmigt», sagte er nach kurzem Nachdenken. «Aber du wirst Rex unterstützen. Die Lektion findet gleich heute statt. Ich werde alles Nötige veranlassen. Ihr trefft euch zum Dienstbeginn auf dem Drillplatz. Du kannst wegtreten.»

    Gehässiger alter Fuchs! Ob er mich helfen ließ, um das Scheitern von Rex aus der ersten Reihe genießen zu können, oder um mich meine eigene Medizin schmecken zu lassen, blieb sein Geheimnis. Wahrscheinlich war es ein bisschen von beidem.

    Wenig später begegnete ich Rex auf dem Drillplatz. Alvashek schleuderte seine goldenen Speere auf uns Sterbliche herab. Der blendend weiße Schnee zwang uns, die Augen zusammenzukneifen.

    Trupp 4 stand in einer unordentlichen Reihe vor uns, die stumpfen Übungsmesser im Gürtel, einzig motiviert von der Aussicht auf Versetzung in Trupp 1 oder 2, wo der Sold floss. In Trupp 4 war man eine Last und bekam keine Bezahlung, nur Unterkunft und Suppe, bis man sich bewährt hatten oder das Lager verließ. Diesen Haufen auszubilden machte selten Spaß, weil viele Tunichtgute darunter waren, die Garlyn früher oder später rauswerfen musste.

    Rex stand vor der windschiefen Reihe wie ein besonders hässlicher König mit seinem vom Alkohol aufgedunsenen Gesicht und den pockennarbigen Wangen. Das an den Schläfen ergraute kurze Haar wurde heute von der grauen Wollmütze verdeckt, die jeder Eisenfalke bei diesem Wetter trug. Er wartete mit einem kritischen Blick, der die Männer dazu bringen sollte, sich ordentlich auszurichten.

    Das war er also, mein genialer Plan – Rex lernte, zu schweigen. Großartig. Mein Plan war so brillant wie ein Loch im Eis.

    Als er zufrieden war mit der stümperhaften Reihe, brüllte er mit heiserer Stimme: «Messerkampf ist leicht zu verstehen. Da gibt es nur eines zu sagen: Denkt nicht viel nach, sondern stecht zu, schnell und hart. Das ist die ganze Weisheit.»

    Na also, noch primitiver ging es nicht. Er würde sich bis auf die Knochen blamieren. Ich ließ mir nichts von der wachsenden Schadenfreude anmerken.

    Rex stemmte die Hände in die Hüften und fuhr fort. «Ich will damit folgendes sagen: Eine gute Technik allein bringt beim Messerkampf überhaupt nichts. Deswegen werden wir hier auch keine großartigen Abwehrtechniken üben, dieser alberne Tanz, den viele Übungsleiter einem als Offenbarung geheimen Wissens verkaufen wollen. Messerkämpfe sind aber kein Tanz, sondern schnell und brutal. Ob man einen Messerangriff überlebt, ist vor allem eine mentale Frage. Und nicht zuletzt eine Frage des Glücks. Lasst mich das erklären.»

    Er blickte in die Runde. «Blinzelt alle mal.»

    Sie taten es. Ich machte mit, während ich mich fragte, worauf das hinauslaufen sollte.

    «Wie lange hat das Blinzeln gedauert?»

    Ich grinste schräg, als niemand antwortete, und sagte scherzhaft: «Genau einen Augenblick.»

    Zu meiner Überraschung nickte Rex. «Richtig. Dieser kurze Zeitraum ist das, was man gemeinhin einen Augenblick nennt.»

    Er wandte sich mir mit dem ganzen Körper zu. Ich drehte mich zu ihm und wartete gespannt darauf, was er mit mir vorhatte, die Muskeln leicht angespannt. Irgendwie wurde ich den Gedanken nicht los, dass er mir aus heiterem Himmel das stumpfe Messer volle Wucht in den Bauch rammen würde, um die Folgen von Unaufmerksamkeit zu demonstrieren.

    Stattdessen sagte er: «Serak, blinzle noch mal.»

    Ich tat es. Als ich die Augen wieder öffnete, hatte ich das Messer einen Fingerbreit vor meinem Gesicht. Reflexartig schlug ich die Hand zur Seite.

    «Gut», lobte Rex. «Blinzle noch einmal.»

    So ein Arsch. Ich wollte nicht gelobt werden! Mürrisch folgte ich seiner Aufforderung. Blinzelte und öffnete die Augen wieder. Diesmal hielt er die stumpfe Klinge genau vor meinem Bauch. Erneut schlug ich die Hand zur Seite, wobei ich nicht eben sanft war. Es knallte ordentlich.

    Rex wandte sich den Männern zu. «Was schließt ihr aus dem, was ihr soeben gesehen habt?»

    Jemand meldete sich. «Wenn man im falschen Moment blinzelt, ist man tot?»

    Rex nickte nachsichtig. Es war offenbar nicht ganz die Antwort, die er gewollt hatte. «Was ich demonstrieren wollte: Das Zustechen dauert weniger als einen Augenblick. Genaugenommen dauert es nur einen halben Augenblick.» Er hob den Finger. «Das müsst ihr wissen! Messerangriff erfolgen extrem schnell. Nun beträgt eure Reaktionszeit aber einen ganzen Augenblick. Man kann also gar nicht rechtzeitig reagieren. Komm vor.»

    Er winkte den Mann heran, der sich gemeldet hatte. «Ich werde dich jetzt mehrmals mit dem Messer angreifen, aber nicht zustechen. Du brauchst also keine Angst zu haben, dass ich dir weh tue. Ich sage dir, wann du blinzeln musst. Versuche, meine Hand beiseite zu schlagen, wie Serak das getan hat. Jetzt!» Der Mann schlug die Hand weg. «Jetzt!» Schlag. «Jetzt!» Schlag.

    So ging es eine ganze Weile. Rex stach in Windeseile zu, von oben, von unten, zum Hals, zum Bauch, zum Gesicht, zur Flanke. Wie sehr sein Gegner sich auch mühte, es gelang ihm nicht, zu verhindern, dass die Spitze der Klinge ihn jedes Mal berührte. Rex hätte ihn bequem abstechen können.

    «Sehr gut. Ihr seht, wie schnell das geht. Nun hat unser Halbork es jedoch trotzdem irgendwie geschafft, die Klinge abzuwehren. Wie ist ihm das möglich?»

    Allgemeines Schulterzucken.

    «Macht nichts. Gehen wir der Sache gemeinsam auf den Grund», sagte Rex.

    Er wandte sich mir zu und ich machte mich bereit, doch anstatt anzugreifen, schlenderte er herum, erklärte etwas zum Thema Straßenkampf und blickte sich ein paar Mal um, während er näher kam, bis er urplötzlich zustach. Es war sehr, sehr knapp, doch es gelang mir wieder, die Hand mit dem Messer beiseite zu schlagen.

    «Ha», rief er triumphierend. «Habt ihr das gesehen? Heraus mit der Sprache, Serak, erhelle unsere Schüler. Wie hast du das gemacht? Bist du vielleicht schneller als die anderen? Hast du jahrelanges Messerkampftraining hinter dir? Oder waren das gar besondere Halborkkräfte, die uns anderen verwehrt bleiben, so dass wir das Training abbrechen können?»

    «Nicht davon», knurrte ich. «Ich habe dir lediglich vorher angesehen, was du vor hattest.»

    Rex zeigte auf mich, die grauen Augen bedeutsam aufgerissen, und blickte die Männer für längere Zeit ernst an, bevor er weiter sprach. «Da habt ihr es gehört! Darauf kommt es an! Das ist das Entscheidende!» Er ließ den Finger sinken und sah von einem zum anderen.

    «Ich fasse zusammen, was Serak soeben gesagt hat: Eure Reaktionsgeschwindigkeit genügt nicht, um einen Messerstich abzuwehren. Das Messer ist immer schneller. Ihr müsst also reagieren, bevor euer Gegner zusticht! Was sind typische Anzeichen für einen bevorstehenden Messerangriff?»

    Er wandte sich dem Mann zu, mit dem er trainiert hatte. «Was hast du beobachtet?»

    «Du hast dich umgeschaut und nach deinem Messer getastet», erklärte der. «Währenddessen bist du immer näher zu Serak gekommen.»

    «Genau», bestätigte Rex. «Messerstecher prüfen oft ihre Umgebung, bevor sie angreifen, und kommen dann scheinbar unauffällig bis auf eine unangenehme Nähe heran. Dann ziehen sie blitzschnell das Messer! Serak, woran hast du erkannt, dass ichd ich angreifen wollte?»

    «Kann ich dir gar nicht sagen», brummte ich. «Ich wusste einfach, dass du zustechen würdest.»

    Rex tippte gegen seine Schläfe. «In so einer Situation auf seinen Instinkt zu hören, ist das einzig Richtige. Zum Nachdenken fehlt in diesem Moment die Zeit. Ich kann dir aber erklären, was du unterbewusst gespürt hast.» Er hielt das Messer in der Hand und sah mir in die Augen. «In meinem Kopf war das hier ein echtes Messer und ich wollte dich töten. Diese Absicht hast du gespürt und instinktiv darauf reagiert.»

    Ich erwiderte seinen Blick kalt. Er steckte das Messer weg und lächelte. «Wir müssen unseren Verstand wieder erden.» Zu meiner Überraschung umarmte er mich und klopfte meinen Rücken. Überrumpelt klopfte ich zurück und spürte, wie ich aus dem Kampfmodus wieder zurückkehrte ins Hier und Jetzt. Nicht nur in seinem Kopf, auch in meinem hatte sich in dieser Situation etwas verändert gehabt.

    «Alles gut?», fragte er, als er sich von mir gelöst hatte.

    Ich nickte und grinste ein wenig. «Alles bestens.»

    «Gut.» Er wandte sich wieder den Männern zu. «Teile unseres Gehirns können nicht unterscheiden zwischen Training und Ernst», erklärte er. «Darum ist es wichtig, Trainingsbeginn und Trainingsende klar abzugrenzen und regelmäßig Pausen einzulegen, damit man sich nicht in etwas hinein steigert. Das hat aber den Vorteil, dass man sich im Training hervorragend auf den Ernstfall vorbereiten kann, weil die gleichen Areale trainiert werden, die auch im Kampf aktiv sind. Immer daran denken: Wenn wir vom Messerkampf sprechen, trainieren wir nicht unseren Körper, sondern unser Gehirn.»

    Die Männer von Trupp 4 nickten. Rex hatte ihre volle Aufmerksamkeit. Verdammt, der Blödmann machte das wirklich gut! Er hatte keinerlei Vorbereitungszeit gehabt und schüttelte eine solche Trainingsstunde aus dem Ärmel. Sogar ich konnte hier noch was lernen!

    Rex demonstrierte für alle noch einmal die Vorzeichen, jene subtilen Hinweise, die einen Angriff im Vorfeld verraten können: das verstohlene Umschauen, das beiläufige Abtasten der Kleidung nach dem Sitz der Waffe, das unangenehme Näherkommen zum anvisierten Opfer, die instinktive seitliche Drehung, um selbst weniger Angriffsfläche zu bieten und schließlich den Moment, in dem die Hand blitzschnell zur Waffe wandert. Er es immer wieder mit den Männern, um ihre Beobachtung zu schulen, und tatsächlich konnten die meisten nun den Angriff abwehren. Er forderte sie lautstark auf, Leute auf der Straße und in Kneipen zu beobachten, um die Wahrnehmung zu schärfen, und in Momenten des Unwohlseins auf das Bauchgefühl zu vertrauen.

    Auch ich durfte mit einem Rekruten üben. Ich nahm mich zurück, damit es fair blieb, aber es war dennoch anstrengend und uns allen lief trotz der Kälte der Schweiß.

    Nachdem Rex sicher war, dass alle sein Anliegen verstanden hatten, sollten wir in Zweiergruppen das Wegschlagen der Waffe üben. Zwar war das Zuvorkommen wichtig, doch ganz ohne Techniktraining ging es nicht. Wie sollte man das Messer sonst auch abwehren? Und so übten sie alle möglichen Angriffswinkel. Stich, Schlag. Stich, Schlag. Als sie darin gut waren, sollten die Männer den soeben weggeschlagenen Arm mit der anderen Hand festhalten, um den Gegner daran zu hindern, ein zweites Mal zuzustechen. Als auch das klappte, steigerte er noch einmal die Schwierigkeit, indem das Messer genau in diesem Moment die Hand wechselte, so dass der inszenierte Kampf an der Stelle nicht endete.

    Zu guter Letzt folgte eine Runde Messerkampf am Boden, da es in der Realität oft vorkam, dass die Kontrahenten stürzten. Bald wälzten die Paare sich durch den Schnee und ich war froh, dass heute der Boden nicht schlammig war.

    Am Ende des Vormittags traten die Männer schwer atmend an. Ich trat neben Rex nach vorn. Er blickte zufrieden von einem zum anderen. «Ich fasse zusammen: Technik allein wird euch nicht retten, sollte aber trotzdem geübt werden. Messerkampf erfolgt instinktiv, das Überleben ist vor allem eine Frage der Wahrnehmung und der instinktiven Reaktion. In der Realität eines Angriffs seid ihr immer langsamer als das Messer. Darum schult euren Blick und lernt, den Angriff vorherzusehen, lernt, die Zeichen zu lesen, bevor der tödliche Stoß kommt. Noch Fragen?» Allgemeines Kopfschütteln. «Dann war es das für heute. Wegtreten. Danke, Serak, fürs helfen.»

    Ich wandte mich ab, verärgert, weil Rex so gut gewesen war, ja, weitaus besser als ich, der doch viel länger bei den Eisenfalken diente. Woher konnte der Bursche so etwas? Laut unserem Kommandanten, der selbst bei der Radhora gewesen war, lernte man so etwas bei den Schwertkämpfern nicht. War er vielleicht zusätzlich Nahkampfausbilder gewesen? Gab es in der Radhora überhaupt eine entsprechende Abteilung? Was sollte eine Armee denn mit Messerkämpfern anfangen, wenn die Gegner Speere oder Schwerter trugen? Das ergab keinen Sinn. Verdammt, wer war Rex?!

    Als ich den Platz verließ, bemerkte ich Garlyn, der an einer Palisade lehnte und uns zugeschaut hatte. «Gute Lektion. Für beide», rief er. «Nach dem Mittag will ich dich in meiner Schreibstube sehen.»

    Ich erwiderte nichts, sondern trottete mit einem Gefühl unerträglicher Demütigung zum Mittagessen.

  • Drei Arten von Trollen

    In der Mensa duftete es nach Eintopf und warmem Brot, vermischt mit dem Geruch des Herdfeuers. Als ich mich mit meiner Portion zwischen meine Kameraden setzte, verdarb ihr strenger Schweißgeruch die appetitlichen Düfte. Links neben mir saß Mauli, rechts Cherax. Ich hätte nicht sagen können, wer schlimmer miefte.

    Sie löffelten aus ihren dampfenden Schalen. Das Grinsen von Cherax war breit wie eine Schlucht, aber Maulis Augen wirkten faltig, alt und müde. Ich setzte mich zwischen sie mit dem Rücken zur Wand, den Eingang im Blick. So war es mir am liebsten. Ich nahm einen Löffel mit Fleischstücken, die im Mund zerfielen, und Wurzeln mit erdigem Geschmack. Dann einen Bissen knuspriges Brot, frisch gebacken. So etwas gab es nicht oft. Unser Koch verwöhnte uns heute. Meiner miesen Laune tat das keinen Abbruch.

    «Der Morgen war für die Tonne», wetterte ich. Bildreich schilderte ich die Arroganz von Rex und sein überraschendes Können. Mein tiefes Misstrauen war so wenig zu überhören wie meine Abneigung gegen ihn.

    «Das Großmaul glänzt mit dem Messer wie ein Auftragsmeuchler», polterte ich.

    Cherax lachte. Dabei stieß er mit dem Knie gegen das Tischbein und mein Eintopf schwappte über. «Hör doch auf, Serak! Du kannst’s nicht ertragen, dass Rex kein Versager ist, wie du’s gern sehen würdest. Neid oder Eifersucht, hm?» Sein Grinsen war dreckig. Er stopfte sich Brot in seinen Mund und musterte mich kauend.

    «Wozu muss ein Schwertkämpfer derart mit einem Mordwerkzeug umgehen können?» Ich fuchtelte bedeutungsschwer mit dem Holzlöffel. «Und dann seine ständigen Versuche, die Truppe gegen die Offiziere aufzubringen. Da ist was faul!»

    Mauli aber knallte ihren Löffel auf den Tisch. «Du bist ungerecht, Serak. Die Aufgabe war ungerecht, aber er hat’s trotzdem gut gemacht. Du siehst immer nur Schlechtes, wo gar nichts Schlechtes ist. Wie ging es dir als Neuling? Warst du am ersten Tag der perfekte Eisenfalke? Rex muss sich an manchen Stellen noch einfinden, aber er ist Teil der Truppe, er lebt mit uns und er kämpft mit uns. Der Einzige, der hier die Truppe spaltet, sitzt gerade neben mir und versucht, seine Freunde gegen einen Kameraden aufzuwiegeln!» Vor lauter Empörung lief ihr Kopf rot an.

    In dem Moment kam Rex hereingestiefelt. Er kam zum Tisch und beugte sich über Mauli, sie blickte nach oben, und die beiden gaben sich einen Kuss. Ich machte ein würgendes Geräusch, dabei blickte ich zu Cherax, in der Hoffnung, dass er mich mit Ekelbekundungen unterstützen würde, doch der Troll grinste friedlich vor sich hin. Mauli nahm ihre Schale und folgte Rex zu einem anderen Tisch.

    Mürrisch betrachtete ich ihren leeren Platz. «Was für eine Mondphase haben wir, Cherax?»

    «Gestern war Weiß-Rot-Rot.»

    Daibos war also dominanter als Oril gewesen. Ich kannte die Abfolge der Mondphasen nicht auswendig, besonders, weil Daibos sich unberechenbar verhielt, aber es sah aus, als stünde uns eine verfluchte Rotmondnacht bevor!

    «Hast du irgendwas Gutes zu erzählen?», fragte ich, um mich von der Sorge abzulenken. Vielleicht sah ich die Dinge dunkler, als sie wirklich waren, und heute Nacht würden wie gewohnt beide Monde erstrahlen.

    «Nö», grunzte Cherax und schöpfte die Fleischstücken aus dem Eintopf, um sie in meine Schüssel zu legen. Da er als Troll kein Fleisch vertrug, während ich als Halbork Fleisch liebte, war dies ein übliches Ritual, über das wir uns schon seit Jahren nicht mehr absprachen.

    «Was ich dich mal fragen wollte», warf ich ein, da es mir gerade in den Sinn kam, «wie sehen eigentlich Trollfrauen aus?»

    Cherax widmete sich wieder seiner eigenen Schüssel. «Ganz normal», antwortete er.

    «Und was bedeutet normal für einen Troll?» Wenn ich etwas wusste, dann, dass Trolle ausgesprochen merkwürdige Maßstäbe für Normalität hatten.

    «Dazu müsste ich wissen, was für dich unnormal ist», schmatzte er, ohne von seinem Eintopf aufzusehen.

    Ich überlegte. «Du kennst keine Orkfrauen, ich keine Trollfrauen. Also nehmen wir Menschen zum Vergleich. Sieht eine Trollfrau eher aus wie eine Menschenfrau oder würde sie unter Umständen als schlanker Menschenmann durchgehen, wenn man noch nie eine Trollfrau gesehen hat?»

    Schlagartig hörte Cherax auf zu essen. Er ließ den Löffel sinken und blickte mich durchdringend an.

    «Ich frag ja nur», murrte ich. Doch er beachtete meine Entschuldigung gar nicht. «Das fragst du mich doch nicht grundlos, Serak. Wo», sagte er betont ruhig, «hast du so einen Troll gesehen?»

    «Nirgends, ich frage nur aus Neugier.»

    Das Essen war ihm plötzlich egal. Er schob den Eintopf beiseite und packte meine Schulter. «Serak, du bist mein Freund. Also sei ehrlich. Die Antwort könnte wichtig sein.»

    Ich war ein geübter Lügner, aber als mein bester Freund mich so eindringlich anstarrte, geriet ich ins Zweifeln, ob ich Valtiri weiterhin decken sollte. Cherax war jemand, den so schnell nichts aus der Fassung brachte. Seine veränderte Art und Weise machte mir Sorgen.

    «Warum willst du das unbedingt wissen?», fragte ich.

    «Weil davon womöglich meine Zukunft abhängt», sagte Cherax.

    Cherax war niemand, der übertrieb. Er neigte im Gegenteil zu Verharmlosung. Und er war mein bester Freund. Was, wenn ich ihm schadete, wenn ich weiter schwieg? Valtiri war letzten Endes selber für die Geheimnistuerei zuständig und jeder andere würde ihn genau so enttarnen können.

    «Hab so einen Troll vielleicht in Unwrain gesehen», räumte ich ein. «Zumindest vermute ich, dass es ein Troll ist. Trägt Rüstung und Maske, nennt sich Valtiri. Ich konnte nicht erraten, ob das ein Mann oder eine Frau war, darum meine Frage.»

    «Valtiri ... von den Flussnattern!» Seine Augen waren aufgerissen und er starrte ins Nichts. Er wirkte wie hypnotisiert.

    «Ihr zwei kennt euch? Aber du bist doch vom Stamm der Sandvipern.»

    «Ich war vom Stamm der Sandvipern, ja ... jetzt bin ich Cherax von den Eisenfalken. Die Flussnattern sind die Feinde meines alten Stammes.»

    «Aber du willst Valtiri deshalb nichts antun, oder? Ich hatte nicht den Eindruck, dass für dich irgendeine Gefahr bestehen würde.» Ich versuchte, ein gewinnendes Lächeln aufzusetzen, doch das Gesicht von Cherax veränderte sich nicht. Langsam wurde es unheimlich. «Alles in Ordnung mit dir?», hakte ich nach.

    Endlich riss er sich aus seinem Tagtraum und sah mich wieder an. «Mir geht es hervorragend. Valtiri töten? Bist du des Wahnsinns? Ich brauche ihn lebend. So eine Gelegenheit bietet sich kein zweites Mal!»

    Cherax hatte ‚ihn‘ gesagt, also war meine Vermutung richtig gewesen, dass es sich bei Valtiri um einen schrulligen, aber männlichen Troll handelte. «Was denn für eine Gelegenheit?», grummelte ich. «Willst du Valtiri als Geißel nehmen und die Flussnattern um irgendwelche Schätze erpressen?»

    «Serak, mein Lieber ... wenn du nur wüsstest. Wenn du nur wüsstest!» Er lachte laut, so dass sich die halbe Mensa zu uns umdrehte.

    «Dann erkläre es mir endlich!»

    «Pass auf.» Er beugte sich vor. «Dass du nicht herausgefunden hast, ob Valtiri ein Mann oder eine Frau ist, ist normal. Wir Trolle haben Mann und Frau, wie die Orks, aber es gibt bei uns zwei Sorten von Männern. Storr und Ikala. Wir brauchen also drei Eltern, um Nachwuchs zu zeugen. Sonst gibt es zwar Spaß, aber keine Kinder. Storr, wie ich, sind Männer, wie auch du sie kennst. Die anderen, die Ikala, sind sehr, sehr selten. Warum das so ist, wissen die Götter. Aber ohne einen Ikala ist ein Stamm zum Aussterben verdammt. Ohne Ikala keine Zukunft. Ohne Ikala keine Neugründung eines Stamms. Alles steht und fällt mit ihnen. Ihr Wert ist nicht in Gold aufzuwiegen, in keinen Schätzen der Welt!»

    Er griff meinen Oberarm.

    «Verstehst du? Den verrückten Flussnattern ist ihr Ikala bei einem Sandsturm abhandengekommen. Mit gezogenen Speeren und Äxten tauchten sie anschließend bei unseren Zelten auf. Sie haben alles durchsucht. Es gab fast einen Krieg zwischen unseren Stämmen, bis wir sie überzeugen konnten, dass wir Valtiri nicht entführt hatten. Der Sturm hatte alle Spuren verweht. Seither hielten alle Valtiri für im Unwetter umgekommen und vom Sand verschüttet, doch der Bursche hat die Gelegenheit genutzt, sich aus dem Staub zu machen!»

    Cherax hob eine Braue. «Ich wurde wenige Monde später wegen einer anderen Geschichte von den Sandvipern verbannt. Sollte ich je wieder den Weg meiner alten Brüder und Schwestern kreuzen, bin ich des Todes. Aber wenn ich unseren beiden Anführern diesen flüchtigen Ikala aushändige, werden sie alles vergessen und vergeben! Valtiri ist meine Chance, nachhause zurückzukehren. Mit ihm in der Hand hätten sie eine unglaubliche Verhandlungsposition, nicht nur gegenüber den Flussnattern, sondern gegenüber allen Stämmen. Jeder reißt sich um einen Ikala, besonders, wenn er noch jung ist. Ich könnte wieder Cherax von den Sandvipern werden! Es gibt keine Untat, die nicht mit einem lebenden Ikala tausendfach wieder gutgemacht werden könnte!»

    Nun dämmerte mir, warum Valtiri sich maskierte und versteckte. Der arme Bursche wurde behandelt und herumgereicht wie eine Ware.

    «Lass Valtiri in Frieden», sagte ich ruhig. «Es ist sein Leben.»

    «Und das hier ist meins», brüllte Cherax. Seine Laune war urplötzlich umgeschlagen hin zu blanker Wut. «Stell dich zwischen mich und den Ikala und du wirst es bereuen!»

    Ich hielt seinem Blick ruhig stand, machte aber nicht den Fehler, mich von ihm provozieren zu lassen. Es genügte, wenn Rex das immer wieder schaffte. Ich erhob mich. «Wir sehen uns später», sagte ich und schaffte meine halb volle Schüssel weg.

  • Valtiris Geschenk

    Der Dienst zog sich hin. Ich musste Wache auf der Mauer schieben. Als Alvashek endlich hinter den Palisaden versank, ein rotglühender Fleck im Wolkengrau, der den Schnee in ein krankes Rosa tauchte, spürte ich, wie die Unruhe in mir wuchs. Cherax‘ Worte hallten nach, sein Lachen, das plötzlich in Wut umgeschlagen war, und die Vorstellung von Valtiri, dem maskierten Knabberer, der allein in der Kälte stand wie einen Gegenstand, den man vergessen hat. Auch wenn er seltsam gewesen war, hatte ich den Eindruck gehabt, dass er froh über meine Gesellschaft gewesen war. Wir beide kannten das Leben in einem Stamm, hatten fliehen müssen und waren seither in der Welt der Menschen auf uns allein gestellt.

    Ich konnte nicht einfach zu Abend essen und dann ins Bett gehen, die Decke über den Kopf ziehen und so tun, als wäre alles in Ordnung. Also beeilte ich mich mit dem Umziehen und stapfte hinaus in die Nacht, die so kalt war, dass sie mir bei jedem Atemzug in die Lungen biss. Ich war allein, wo die Welt sich in Schwarz und Grau auflöste. Doch heute lag ein roter Schein darüber, eine Dämmerung, die keine war. Alvashek würde nicht aufgehen. Der Wind trug den Geruch von Rauch aus den Schornsteinen von Unwrain mit sich, harzig und schwer, ein Duft, der mich an die Bruthöhlen erinnerte, obwohl ich versuchte, nicht daran zu denken. Die Wolken hatten sich verzogen und die Monde standen hoch. Daibos hatte sich vor Oril geschoben. Die Schatten lagen lang und scharf über dem Pfad vor mir, klingen im roten Licht. Ich versuchte, sie nicht zu sehr zu beachten.

    Der Pfad war glatt, der Frost hatte eine dünne Haut über die Pfützen gelegt, und bei jedem Schritt knackte es, ein Geräusch, das an brechende Knochen erinnerte, während der Wind mir ins Gesicht schlug, als wollte er mich zurücktreiben.

    In Unwrain brannten die Lichter, doch ich war früh dran. Der abendliche Ansturm durstiger Söldner hatte noch nicht begonnen. Die schmalen Gassen waren gefroren, die gedrungenen Hütten vom Schnee bedeckt. Ich hielt auf den Heulenden Hund zu, das Licht ein tröstlicher Funke in dieser unheimlichen Nacht. Dick und schwer quoll der Rauch aus dem Schornstein. Vor dem Gebäude stand das Fass, wo Valtiri gestern gewesen war, und zu meiner Erleichterung stand er dort wieder, die gepanzerte Gestalt unbewegt, das Eisen glänzend im roten Mondlicht.

    Ich ging zu ihm, spürte, wie die Kälte in meine Knochen kroch, während der Wind den Geruch von Bier und Kohlsuppe aus der Kneipe mit sich trug, vermischt mit dem schwachen Duft von Metall und Leder, der von ihm ausging.

    «Na?», grüßte ich.

    Erst jetzt blickte er auf. «Ich wusste, dass du kommst.»

    «So?» Ich stützte die Unterarme auf das Fass. «Bist du ein Schamane, dass du die Zukunft kennst?»

    Er lachte leise. «Du durftest mich einladen. Und du hast nur darauf gewartet, es wieder zu dürfen.»

    Ich war nicht sicher, ob er das ernst meinte oder ob das Trollhumor war. Laut dem, was Cherax mir über Ikala berichtet hatte, könnte es durchaus sein, dass er es gewohnt war, hofiert und verwöhnt zu werden. Vielleicht hoffte er auch nur, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, weil ihm die Sonderbehandlung fehlte.

    «Valtiri», sagte ich leise, «ich muss mit dir reden. Es ist wichtig.»

    «Gern. Wir reden beim Essen, ja?»

    Ich schaute auf das leere Fass. Er hatte weder Essen noch Trinken vor sich stehen. «Hast du etwa jeden Tag auf mich gewartet?», fragte ich.

    «Natürlich. Dass du die letzten Tage nicht hier warst, ist nur ein kläglicher Versuch, deinen innigen Wunsch, mir dienen zu dürfen, zu überspielen.» Sein Magen knurrte hörbar.

    «Es ist wichtig», beharrte ich. «Es geht um Cherax von den Sandvipern.»

    Valtiri stockte, doch dann hob er die Nase und blickte zur Seite. «Kein Essen, kein Gespräch.»

    Zum Geier! Der Bursche wollte dafür bezahlt werden, dass ich ihn rettete! Kein Wunder, dass er so ein lausiger Reliktjäger war, wenn er selbst jetzt, als halb verhungerter armer Schlucker immer noch glaubte, dass alle Welt nur davon träumte, ihm gefällig sein zu dürfen!

    Ich warf die Hände in die Luft, verkniff ein Stoßgebet, als ich in Daibos‘ rotes Licht starrte, drehte mich um und ging in die Kneipe. Als ich Valtiri Suppe und Bier hinstellte, stürzte er sich gierig darauf, schlürfte und machte genüssliche Geräusche.

    «Wirst du mir jetzt zuhören?», fragte ich.

    «So lange du willst», schmachtete er und verdrehte vor Genuss die Augen, als er abwechselnd Suppe und Bier durch das Trinkrohr sog.

    «Cherax ist zu Ohren gekommen, dass ein Ikala in Unwrain herumstreunt.»

    Valtiri blubberte vor Schreck, hustete und würgte. Ich hatte erwartet, dass er seine Natur abstreiten würde, doch anscheinend war er es nicht gewohnt zu lügen. Er war wirklich völlig hilflos. Ich klopfte ihm auf den Rücken, bis er wieder Luft bekam.

    «Aber wieso?», krächzte Valtiri.

    «Irgendjemand hat sich verplappert und er hat eins und eins zusammengezählt. Falls du die Fürsorge eines Trollstammes vermisst, kann Cherax dich wieder nachhause bringen.»

    Valtiri schlug mit beiden Fäusten auf das Fass. «Nein», brüllte er. «Lieber verhungere und erfriere ich hier draußen! Die sollen mir gestohlen bleiben!»

    «Verstehe ich», raunte ich. «Mir geht es genauso. Ich kann auch nicht zurück zu meinem Stamm. Und ich will es auch nicht. Darum habe ich dich gewarnt. Cherax klang, als würde es ihm ernst damit sein, dich zu finden.»

    Für einen Moment war nur das Pfeifen des Winds zu hören, das durch die Gasse fuhr. Doch dann erklangen in der Ferne die Stimmen der herannahenden Söldner. Valtiri trat einen Schritt zurück, als wollte er Abstand gewinnen. «Ich wusste, dass meine Maske mich nicht ewig schützen kann. Aber so werde ich nicht enden!»

    Seine Hände zitterten. «Du hättest schweigen können, oder mich sogar an Cherax verraten, doch stattdessen bist du gekommen, um mich zu warnen.»

    «Weil ich weiß, wie es ist, wie ein Sklave behandelt zu werden. Nun geh!»

    «Ich gehe nicht. Noch nicht! Ich muss mich vorbereiten, ich brauche Zeit, um zu verschwinden. Wirst du sie mir verschaffen?»

    «Ich werde Cherax ablenken. Mehr kann ich nicht versprechen.»

    Ein leises Schluchzen. «Danke, Serak. Ich mache es wieder gut.»

    Ich winkte ab. «Ich will keinen Dank, jetzt lauf.»

    «Noch nicht», wisperte er. «Nun bist du an der Reihe, mir zuzuhören. Ich bin hier wegen eines Auftrags. Er hätte mich reich gemacht, hätte ich ihn erfüllt. Aber das hat sich nun erledigt. Ich muss fort und ich will nicht, dass das Relikt in die Hände eines Rivalen fällt.»

    Er hob das Kinn und zog eine Kette hervor. Dann griff er nach meiner Hand und legte das Schmuckstück hinein. Bedächtig schloss er meine Finger darum, bevor ich einen Blick darauf werfen konnte.

    «Meine Freiheit für diesen Schlüssel. Ich danke dir für alles, Serak, für deine Großmut und deine Freundlichkeit. Ich wünschte, wir wären Freunde geworden. In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen einzigen Freund gehabt.» Seine Stimme zitterte. «Leb wohl.»

    Er ließ meine Hand los und rannte davon. Als die Söldner eintrafen, stand ich noch immer am Fass. Cherax schlug mir auf die Schulter. «Was hast du da in der Hand?»

    Ich schüttelte den Kopf und legte mir die Kette um den Hals, versteckte den Anhänger unter meiner verschneiten Kleidung. «Das hab ich gefunden, irgendjemand hat es gefunden. Es ist wertloser Plunder, aber ich behalte es als Glücksbringer.» Ich wies mit dem Zeigefinger in Richtung des Nachthimmels, ohne aufzublicken. «Ich kann heute einen gebrauchen.»

    «Unsinn. Du hast Mauli und mich.» Fürsorglich geleitete er mich in den Heulenden Hund. Von besagter Mauli war allerdings nichts zu sehen und Cherax ließ mich bei den anderen Kameraden zurück, weil er damit beschäftigt war, jeden Einwohner von Unwrain nach dem gepanzerten Troll auszufragen. Es gelang mir nicht, Valtiri die versprochene Zeit zu verschaffen. Bald hatte Cherax eine heiße Spur und verschwand in die Nacht.

    Zu fortgeschrittener Stunde kehrte er grimmig und mit leeren Händen zurück. Ob es Valtiri gelingen würde, den Winter zu überleben, war ungewiss, doch wenn er starb, dann starb er als freier Troll.

  • Der Ruf des Krieges

    Wir waren wieder draußen, Trupp zwei unter der Führung von Nubaru. In all seinen Schrecken war der Krieg doch ermüdend monoton. Sei es Garnisonsdienst, seien es Einsätze, alles wiederholte sich früher oder später. Ein Trupp Raubritter hatte sich in einem der Grenzdörfer eingenistet und Trupp eins hatte uns zur Verstärkung angefordert.

    «Siehst du», brummte Cherax, «es sind drei Wochen vergangen seit dem letzten Rotmond. Du lebst noch und der Rest von uns auch.»

    «Fordere die Götter nicht heraus», sagte ich hastig.

    «Du solltest deinen orkischen Aberglauben überdenken. Die Götter sind nicht die Feinde der Sterblichen.»

    «Ach nein?», zischte ich giftig. «Weil sie uns so mögen, befinden wir uns im Krieg, plagen uns mit Seuchen, Alter und Tod. Die Einzigen, auf die Verlass ist, sind unsere Ahnen! Aber selbst unter ihnen gibt es missgünstige Exemplare, die es schlecht mit einem meinen.»

    «Was ist mit deinem Glücksbringer?», fragte Mauli freundlich. «Gibt der dir nicht ein besseres Gefühl?»

    «Ein bisschen», log ich. Immerhin wusste ich genau, dass das kein Glücksbringer war, sondern ein Schlüssel. Nur, dass ich keine Ahnung hatte, welche Tür man damit öffnen sollte.

    Wir erreichten das Zielgebiet und gingen zur üblichen Einsatzroutine über. Nubaru winkte mich zu sich und Doriq heran, um meine Meinung zum Gelände anzuhören. Der Frost machte das Stellen von Fallen sehr schwierig. Wir entschieden uns für großmaschige Netze, die wir vor Ort aus unseren Arbeitsleinen knüpften. Sie sollten knapp über dem Boden gespannt werden, wo wir sie grob mit Schnee zudeckten und dann zuschneien lassen wollten, so dass der Feind sie nicht sah. Es waren simple Stolperfallen, um den Feind hineinzulocken und zu verlangsamen. Dass die beiden Offiziere meine Meinung hören wollten, erfüllte mich mit Stolz. Vielleicht war das der Vorbote für eine Beförderung und damit höheren Sold.

    Wir hatten gerade die letzte Grube zugedeckt, als der Wind drehte und den Geruch von Pferden und Metall mitbrachte, scharf und nah. Ich blickte auf, die Nüstern gebläht, und sah sie kommen – Raubritter, zehn oder zwölf. Sie trugen den Kopf unseres Spähers auf einer Lanze voran. Die Körper der Pferde dampften in der Kälte. Natürlich kamen sie von der falschen Seite, so dass die Falle nichts nützte. Nubaru blieb gerade noch Zeit, einen Warnruf zu brüllen, bevor wir niedergeritten wurden. Wer konnte, sprang zur Seite. Ein galoppierendes Pferd hielt man nicht auf, mit keiner Waffe der Welt! Ein Schlag von hinten riss mich um, Hufe ließen Schnee und Erde spritzen. Ich sah, wie Rex nach dem Zügel eines Pferdes griff, doch er wurde ein Stück mitgeschliffen, bis Nubaru den Reiter aus dem Sattel riss und seine Klinge nach unten rammte. Es ging alles sehr schnell, ich bekam Schnee in die Augen, hörte Hufe in meiner Nähe, spürte den Boden erbeben, dann war der gepanzerte Kopf eines Raubritters über mir. Die Klinge blitzte im Sonnenlicht, ich hob reflexartig die Hände, als würden sie ein Schwert abwehren können, doch er stieß nicht zu.

    «Der Schlüssel», brüllte er, «der Ork trägt den Schlüssel!»

    Valtiris Kette war im Gefecht herausgerutscht und lag auf meiner Brust. Ich sah noch, dass Rex herumfuhr und mich staunend ansah, das blutige Bastardschwert in den Händen. Pferde wieherten, Zaumzeug klirrte, Männer brüllten. Ein Schlag gegen meinen Kopf, ein zweiter Raubritter drückte mir Schnee in den Mund, ich würgte, schmeckte Dreck und Blut, bevor ich in Dunkelheit versank.

    Der Schmerz kam zuerst, ein dumpfes Pochen, das sich durch den Schädel zog wie ein langsamer Hammerschlag auf heißes Eisen, und mit ihm die vertraute Wärme des Lazaretts, der Geruch von Kräutern und scharfem Desinfektionsmittel, der Lorenzo immer umgab, wenn er mit Nadel und Faden hantierte. Ich spürte die grobe Wolldecke über mir, die harte Pritsche unter dem Rücken, und für einen Moment glaubte ich, wieder in der Baracke der Eisenfalken zu liegen, nach einem missglückten Ausfall, wo Cherax mich mit seinem dicken Grinsen in Empfang nahm und Mauli mir einen Becher heißen Tee reichte, während Lorenzo brummte, ich solle stillhalten, sonst würde er mir die Wunde mit Salz auswaschen.

    Ich öffnete die Augen langsam, das Licht war trüb, gedämpft durch ein Zelt aus dickem Leder. Die Pritsche war keine Pritsche, sondern ein Haufen aus Stroh und zerfetzten Decken, die nach Moder und Schweiß rochen, und als ich den Kopf drehte, sah ich die Schatten der Zeltwände, grob genäht, mit Rissen, durch die der Wind pfiff. Ich war nicht im Lazarett der Eisenfalken.

    Der Schock traf mich wie ein Schlag in die Magengrube, kalt und hart, und ich setzte mich auf, zu schnell, so dass der Raum sich drehte, die Wände wankten, und ein stechender Schmerz in der Seite mich wieder umwarf. Stöhnend lag ich auf dem Rücken. Die Hände waren gefesselt, grobes Seil, das in die Haut schnitt. Während ich die Fesseln prüfte, spürte ich, dass die Kette, Valtiris Geschenk, noch immer um meinen Hals hing. Nur dank dieses Dings lebte ich noch. Was auch immer sein Geheimnis war, es hatte mir wahrlich Glück gebracht!

    Schritte näherten sich, Stiefel auf hartem Boden, und dann standen sie über mir, drei Raubritter, die Gesichter vernarbt und schmutzig. Mit harten Augen sahen sie auf mich herab. Ich war froh, dass ich keinen von ihnen kannte.

    «Na, Halbork, endlich wach», knurrte der Mittlere. «Dachte schon, du verreckst uns, bevor wir das Lösegeld haben.»

    Sie wollten mich lebend, zum Glück. Er packte mich am Kragen und hob mich grob in eine sitzende Position. «Los, raus mit der Sprache. Was habt ihr Drecksäcke in Alkena vor?»

    Ich versuchte, die Stimme ruhig zu halten, obwohl der Puls in den Schläfen hämmerte. «Ich bin nur ein einfacher Söldner», sagte ich, die Worte schwer auf der Zunge. «Kein Offizier, niemand Wichtiges. Ich weiß nichts, was euch nützt.»

    Er lachte, ein kurzes, bellendes Geräusch, und trat mir in die Rippen. Ich krümmte mich vor Schmerzen. „Einfacher Söldner, ja? Und trägst einen Schlüssel mit einem Wappen rum, das älter ist als Naridien! Ein verdammter Agent bist du!»

    Er beugte sich vor, zog die Kette hoch, bis sie spannte, das Metall schnitt leicht in den Hals. «Wir könnten dich einfach aufschlitzen, Halbork. Wäre eine Freude, einen Eisenfalken ausbluten zu sehen. Also rede, sonst wird’s ungemütlich.»

    «Schau dir meine Uniform an», keuchte ich. «Da sind keine Rangabzeichen drauf. Ich gehöre zu den Mannschaften! Ich weiß nichts von Bedeutung.» Ich überlegte, ob ich behaupten sollte, die Kette gefunden zu haben, doch ich hielt das für keine gute Idee. Sie war der einzige Grund, warum ich noch lebte. Man hielt mich für jemanden, der dem naridischen Heerführer nahestand.

    Ich sah den Hass in den Augen der drei Raubritter und wusste, dass sie nicht blufften. Sie waren Gesetzlose, die lebten, indem sie nahmen, und für sie galten weder Recht noch Gesetz. Der Bullige packte mein Kinn, zwang mich, ihn anzusehen. «Kein Agent trägt offen seine Position zur Schau», knurrte er. «Wir können warten, bis du redest oder verreckst.»

    «Das würde ich dir nicht raten.» Ich legte all die Bosheit in meine Stimme, die in mir schwelte, all der Hass, den ich seit Jahren in mir trug, all die schlimmen Dinge, an die ich dachte, wenn ich jemandem Übles wünschte. In meiner Stimme lag die Macht des Agenten, für den sie mich hielten. Mehr musste ich nicht mehr sagen. Er gab mir eine gewaltige Ohrfeige, die mich zurück in das dreckige Stroh schickte, trat mir in die Flanke und verließ das Zelt. Schwer atmend rollte ich mich auf die Seite, mir war schlecht vor Schmerz. Die Dunkelheit, die aus den Tiefen meines Geistes hervorkroch, war kein Schlaf, doch es gelang mir nicht, ihr standzuhalten.

    Als ich wieder zu mir kam, lag ich der Länge nach auf einem Packpferd. Mein Körper war in einem erbärmlichen Zustand. Derart krank und verlottert war ich schon lange nicht mehr gewesen. Es gelang mir kaum, den Kopf zu heben, um den Reiter auf dem Pferd vor mir zu betrachten, der mein Packpferd führte, ehe mein Kopf wieder heruntersank. Wenigstens wärmte das Tier mich von unten, doch jeder Schritt und jedes Wackeln verursachte qualvolle Schmerzen. Ich erinnerte mich dumpf, dass wir seit Tagen unterwegs waren und ich hin und wieder gewaltsam geweckt wurde, um etwas zu essen und zu trinken. Zwischendurch rasteten wir in einem Zelt. Wie lange wir bereits reisten und wohin, wusste ich nicht. Aber ich bemerkte nun, dass die Straße auffällig breit, gleichmäßig gepflastert und sauber war. Das hier war die Salzstraße.

    Beim Blick zur Seite sah ich Häuser. Wir befanden uns nicht länger in der Steppe, und ich kannte die Architektur. Wir waren in Naridien! Ermutigt quälte ich mich in eine sitzende Position. Der Trupp Raubritter, der mich hierher gebracht hatte, wurde von Reitern der Radhora eskortiert.

    «Du erwachst pünktlich», sagte einer von ihnen und trieb sein Pferd neben mich. «Solwin von Niederau möchte dich sehen.»

    «Solwin von ...», keuchte ich fassungslos. Es gelang mir nicht, den ganzen Namen auszusprechen. Am liebsten wäre ich wieder ohnmächtig geworden. Der Mann, der meinen Mentor Dolwin von Niederau getötet hatte. Dolwins Sohn. Für einen Moment überlegte ich, ob es nicht besser gewesen wäre, für immer in der Steppe liegen zu bleiben als in die Hände des skrupellosen Richters zu geraten. Doch nun war ich hier. Und ich würde diesem Ungeheuer so aufrecht entgegentreten, wie Dolwin es einst getan hatte!