Nahlfarnis – Kunst des Nachlebens

  • Nahlfarnis – Kunst des Nachlebens

    Der Codex Vindici versammelt die überlieferten Schriften der Nahlfarnis – jener verbotenen Kunst, die das Leben über seinen Atem hinaus verlängert. Er spricht von der Rückkehr des Hauchs ins Fleisch, von Werkzeugen, die Hauch und Hall bändigen, und von jenen, die wagen, den Tod zu hintergehen. In seinen Versen finden sich Warnungen und Beschreibungen gleichermaßen: vom erwachten Kraveth, schlau und hungrig, vom leeren Vyrach, der kaum mehr als ein Echo ist, und von den Hexern, die im geheimen Jeridorium das Leben in tote Leiber fesseln.


    Aus der Einleitung des Codex Vindici


    Kein bloßes Träumen ist dies, noch lautre Kunst, wie sie den oberen Zirkeln wohlgefällt. Denn die Nahlfarnis, die Kunst des Nachlebens, steht zwischen Atem und Asche, da, wo der Hauch den Leib verlässt und der Adept der Schwarzen Liturgie ihn zurück in ein Scheinleben ruft.


    Jene, die sich in diese Lehre wagen, erkennen, dass das Leben nicht endet, sondern sich krümmt, gleich einer Wurzel, die in die Dunkelerde zurücktaucht, um später anderer Gestalt zu erstehen. Das Nachleben ist kein Widerspruch zum Leben, sondern dessen geduldige Rückkehr – der Hauch, der sich erinnert. Der Adept der Nahlfarnis gebietet nicht; er lauscht dem leisen Rufen im Staub, erblickt den matten Schimmer im kalten Gebein. Was er erweckt, ist nie gänzlich, was es einst war, und doch trägt es den Atem des ersten Hauchs.


    Darum wisse: Wer von ihm auf den Pfad des Nachlebens gerufen wird, schreitet nicht in das Reich der Götter, noch verbleibt er bei den Lebenden. Er wandelt im Dazwischen – dort, wo der Wille des Adepten ihn zu halten vermag.


    Aus dem Dritten Buch der Nahlfarnis: Von der Erweckung und der Wandlung


    Wie der Atem den Funken sucht, so ruft das Wissen der Nahlfarnis den Geist zur Hülle. Nicht alle, die an der Schwelle des Todes wohnen, bedürfen gleicher Macht.


    Bei der Kleinen Erhebung, auch bekannt als Kleine Nahlfarnis, bannt der Hexer den Hauch nicht in einen Körper, sondern in einen Gegenstand, um diesen zu verfluchen. Ein solcher Gegenstand kann sich üblicher Weise dennoch nicht aus eigener Kraft bewegen, sondern beeinflusst die Psyche dessen, der ihn berührt. So kann auch Wissen mit seiner Hilfe übermittelt werden. Eine Ausnahme bildet der seltene Fall, dass der Geist in ein Relikt der Catarsia-Klasse gebunden wird. Diese mit vergessener Technologie aus geistlosem Fleisch geschaffenen Relikte können mithilfe der Nahlfarnis beseelt werden, wie dies im Falle des Tauchschiffs Inzarak geschah, welches durch Irving von Kaltenburg mit dem Hauch des Thabit von Wigberg belebt wurde. Die Bezeichnung "Kleine Nahlfarnis" darf nicht über die Handwerkskunst hinwegtäuschen, welche für ein solches Unterfangen erforderlich ist.


    Bei der Gemeinen Erhebung, auch Gemeine Nahlfarnis genannt, bindet der Hexer den Hauch in einem zerfallenden Leib. Der Erweckte ist sein Werkzeug und Zeuge der Zeit zugleich, denn ihm ist ewiges Nachleben möglich. Eine bekannte Person, welche auf diese Weise im Nachleben gehalten wird, ist der Söldnerkommandant Garlyn Meqdarhan.


    Doch hüte dich vor der Großen Wandlung, der Großen Nahlfarnis, o Leser! Denn in ihr vollendet sich das Werk, da der Adept selbst sein eigenes Gefäß opfert. Bei jenem Prozess ist er ausführender Hexer und nehmende Hülle in einer Person. Wer die Große Nahlfarnis bis zu ihrem letzten Schritt verfolgt, mag den eigenen Leib verlieren und den Hauch binden an sein erkaltendes Gebein. Solcher heißt Cronath, der Bleibende, der Hauchzehrer oder der Unvergängliche, und bleiben wird er, doch muss er ewig zehren von fremdem Lebenshauch, und jeder, der ihm nahe ist, wird sich krank fühlen und seine Gegenwart meiden. Doch ist es ihm auch möglich, vom Hauch der Erweckten oder der Fluchahnen zu zehren, wenn er nicht mit Obryth isoliert und versiegelt wurde. Der berühmteste und an Jahren älteste Cronath ist der Hexenmeister Irving von Kaltenburg.


    Also spricht die Lehre: „Wer in der Nahlfarnis vollendet wird, gewinnt das Sein, verliert das Werden.“ Sie birgt Risiken und entzieht sich irdischer Moral, ist aber auch Werkzeug zeitloser Macht. Darum wird sie bewacht, aus Angst und Neid, und nur jenen eröffnet, die dem Meister als würdig erscheinen. Ein einziger Fehlklang reicht, und was gerufen ward, bleibt – aber nicht gebunden.


    So sei gewarnt, der du weiterliest; in der Nahlfarnis ruht kein Ende, nur Wiederkehr.


    "Hall und Hauch" - Aus dem Codex Vindici, Viertes Buch: Von den Werkzeugen des Nachlebens


    Nicht mit bloßen Worten noch mit rohem Willen allein vollbringt der Adept der Nahlfarnis die gemeine Erhebung. Denn der Hauch kehrt nicht willig ins Fleisch zurück; er muss gerufen werden, gefangen und gebunden, bevor er eins wird mit dem Weltenatem Jeridud. Darum schufen die Altvorderen Vorrichtungen, die den Wind mithilfe von Klängen zu verändern und zu zwingen vermögen.


    Das Jeridorium


    Tief im Verborgenen liegt das Jeridorium, die Werkstatt des Hauchs. Kein Licht dringt hinein, nur das matte Flimmern alchemistischer Lampen. Hier fährt der gefangene Wind, der Weltenatem Jeridud, durch Röhren aus Kristallglas, sie singen und heulen wie Stimmen aus dem Alldunkel. In der Mitte des Raumes erhebt sich der Resonanzapparat: Saiten, Trichter, Zehrkessel, Windharfen – all dies schwingt nach dem Maß genau berechneter Werte. Wenn der Adept den Hebel umlegt und die Ventile langsam öffnet oder schließt, erklingt die Stimme des Toten im Wind. Staub tanzt, und der tote Leib regt sich wie im Schlaf. Der Raum selbst atmet, jeder Stein erbebt unter machtvoller Frequenz. Kein Ort für feinfühlige Menschen ist dies, sondern ein Grenzraum jenseits weltlichen Gesetzes, zwischen Atem und Asche gefangen, lebend und doch künstlich, eine Lunge aus Glas und Wind, deren Rhythmus den Lebensatem selbst zu lenken vermag.


    Ein für die Praktiken der Nahlfarnis geeigneter Ort ist stark vom Wind durchströmt, sei es an sturmgepeitschter Küste oder am Ende eines windumtosten Pfades im Gebirge. Dort errichtet der Adept die Apparaturen des Jeridoriums, und plane die Zeit mehrerer Monde ein, um alle Geräte zu kalibrieren. Eines der bekanntesten Labore befand sich im verlassenen Leuchtturm von Sturmfels, bevor es entdeckt, zerstört und der Leuchtturm geschleift wurde. Die Anlage erfordert beste Materialien und fachgerechte Installation.


    Einige Geräte und Arbeitsschritte der Erhebung seien im Folgenden beschrieben.


    Der Harmonisator:


    Aus den Fasern ersetzlichen Fleisches baue man eine Jeridische Windharfe mit verstellbaren Saiten, welche den Weltenatem empfangen und filtern. Der Adept kalibriert sie mithilfe des Windfangs: Er bläst Probeatemstöße hindurch, justiert die Saiten mit feinem Pendel, das die Schwingungen zählt, bis der Hall den exakten Rhythmus des einstigen Hauchs nachahmt – jenen leisen Puls, den nur ein Adept der Nahlfarnis erkennt.


    Zehrkessel:


    Den Leib legt er unter den Auslass ins Innere des Zehrkessels, verbindet diesen mit dem Harmonisator, wodurch der Zehrkessel zum Resonanzkörper wird. Die Saiten schwingen, der Hall reißt den fliehenden Hauch aus dem Weltenatem Jeridud, er lässt Kessel und Körper vibrieren, zwingt den Atem im Körper zum Fließen und das Herz zum Schlagen, befiehlt schlussendlich den Hauch zurück ins Fleisch. Alsdann regt sich der Leib zum ersten Mal.


    Der Resonanztrichter:


    Zu diesem Höhepunkt bläst der Adept selbst in das Horn, welches mit dem Trichter verbunden ist: einen kontrollierten Stoß. Mit den Lippen moduliert er den alten Namen des Leibes als tiefes Vibrieren, um dessen Bewusstsein wecken. Mit den Händen justiert er die Saiten, als Spiele er ein Instrument, die Klänge verändern sich, die Lider des Körpers flattern. Der Wind trägt den Namen weiter, der Hall lenkt ihn zurück ins kalte Gebein. Im Falle des Erfolges beginnt der Erweckte zu sprechen.


    Tut er dies nicht, so verbleibt die Hülle ohne Verstand und ohne Erinnerung. Sie wird wie ein Tier durch die Lande streifen, oft lästig, manchmal gefährlich, und in jedem Fall ohne Nutzen für den Adepten. Der Hauch sollte der Hülle in dem Fall wieder entrissen werden. Eine gescheiterte Erweckung dieses Körpers kann nicht wiederholt werden.


    • Einen Erweckten mit wachem Bewusstsein nennt man Kraveth, in der Vielzahl Kravethai. Diese klugen, hungrigen Wesen sind das übliche Ziel der Nahlfarnis.
    • Eine erweckte Hülle ohne klaren Verstand nennt man Vyrach, in der Vielzahl Vyrachun. Sie sind Resultate eines missglückten Prozesses der Nahlfarnis und nutzlose Lästlinge, deren Fäulnis Krankheiten überträgt.
    • Den seltenen Fall einer Hülle, die nie wirklich starb, bevor sie sich selbst zum Nachzehrer wandelte, nennt man Cronath, in der Vielzahl Cronathai. Nur den mächtigsten Hexenmeistern gelingt dieser Schritt und nur wenige wagen den Versuch.
    • Einen entflohenen Hauch nennt man einen Fluchahnen, denn einmal gerufen findet der Hauch nicht den Weg in den Weltenatem zurück, sondern gleitet unsichtbar durch die Welt der Lebenden, befällt Gegenstände oder Träume. Gelegentlich werden Fluchahnen absichtlich herbeigerufen, um sie in Gegenstände zu bannen. Manchmal entstehen Fluchahnen auch von allein ohne das Wirken eines Hexers. Bestattungsrituale und Abwehrmaßnahmen beugen solcher Heimsuchung vor.


    Das Hexerjoch:


    Nach einer Weile regt der Kraveth sich träge und erhebt sich steif. Leer werden seine Träume sein, doch ist er für einige Tage völlig gehorsam. In dieser Phase ist dem Erweckten zwingend ein Halseisen namens "Hexerjoch" umzulegen, welches aus der im Canon des Zweitlebens beschriebenen alchemistischen Legierung Obryth gefertigt wurde. Obryth besitzt die Eigenschaft, fließende Energieformen zu blockieren. Um den Hals der Hülle gelegt, versiegelt es den Hauch und kennzeichnet mithilfe einer Sigille den Adepten als rechtmäßigen Besitzer des Erweckten.


    Die Risiken:


    Der Weg der Nahlfarnis erfordert Wissen, nicht Glauben; er verlangt Jahre des Studiums und handwerkliche Präzision. Doch wisse, o Wanderer im Dazwischen: Ein Fehlton, eine falsche Justierung, und der Hall kehrt sich wider den Adepten. Der Hauch entweicht ungebunden, treibt als wilder Sturm durch die Höhle und wird zum Fluch, oder er kehrt zurück in den Rufenden selbst, hält ihn besessen – und lässt ihn für Augenblicke atemlos, als wäre sein eigener Hauch gestohlen.


    So spricht der Codex: „Der Wind kann gelenkt werden, doch der Wind vergisst nicht.“ Wer die Nahlfarnis mit Werkzeugen betreibt, gewinnt Kontrolle – und riskiert, dass der gerufene Hauch ihm entflieht oder ihn selbst als Werkzeug betrachtet.


    Über Kravethai


    Die Kravethai, jene Nachlebigen mit wachem Geist, wandeln unter den Lebenden wie Schatten ihrer selbst. Ihr Fleisch trägt noch den Schein des Lebens. Nur ihr Hunger verrät ihre Natur, er ist ihnen Segen und Fluch zugleich. Denn sie nähren sich vom toten Fleisch, das sie im Verborgenen, mit kaltem Verstand, beschaffen: von Friedhöfen, von Schlachtfeldern, durch Mord. Solange sie essen, bleibt der Körper ganz, die Wunden schließen sich, das Antlitz bleibt jung und ihr Verstand gleicht dem des Menschen, der sie einst gewesen. Sie sterben nicht, so lange sie essen, sie vergehen nicht, doch sie vermögen zu leiden. Wehe, wenn ihr Hunger wächst. Dann regt sich das Tier im Menschenrest, bricht hervor mit gnadenloser Kraft, und kein Gedanke, kein Gebet hält sie zurück. Der Wille des Adepten hat ihren Hauch ins Fleisch gezwungen, doch er bleibt nur gebunden, solange sie fressen – wehe dem, der den Hunger der Kravethai mit eigenem Blut zu stillen sucht.


    Doch ist der Hunger auch das Band, mit welchem der Kraveth an seinen Herrn gebunden werden kann, und die Knute, die seine Handlungen auch aus der Ferne zu lenken vermag. So gehorcht der Kravethai einem Adepten nicht aus Respekt oder Treue, sondern aus Not – Fleisch ist sein Gesetz. Bleibt die Gabe aus, so verzehrt der Hunger ihn von innen, beschert ihm Qualen, bis seine Sinne schwinden und am Ende nur Raserei bleibt. Dann stürzt er sich auf jeden, auch auf den, dem er diente. Der Wille, zu überdauern, ist stark. Hungrige Kravethai können wandelnde Waffen sein und dem Terror dienen, doch sind sie mühsam zu lenken, da ihre Selbstbeherrschung mit wachsendem Hunger schwindet.


    Darum heißt es unter den Wissenden: „Wer einen Kraveth nährt, füttert sein eigenes Gericht.“ Bindet der Hexer zu viele Kravethai, verzehren sie ihn am Ende selbst – nicht aus Trotz, sondern aus dem Gesetz der Selbsterhaltung, das keine Macht bricht.


    Über Vyrachun


    Die Vyrachun sind leere Gefäße. Kein Hunger regt sie, kein Durst, kein Ruf. Sie sind wie Räder eines gestürzten Wagens, die sich noch drehen, weil die Erinnerung sie treibt. So wiederholen sie stumm die letzten Gesten ihres Lebens – der Schmied schwingt den Hammer, der Schreiber zieht die Feder über das Papier. Doch kein Bewusstsein wohnt mehr in ihnen und bald werden sie Opfer der Zeit. Gestank folgt ihnen und Schwärme von Fliegen, und manchmal Pestilenz und Verderbnis. Allmählich zerfallen sie, Muskeln reißen, Knochen verrutschen, bis nichts bleibt als sich regende Masse, die nicht länger wandeln kann. Alsbald entweicht der gepeinigte Hauch und was war, sinkt zurück ins Schweigen.


    Weitere Bücher, die sich mit der Kunst des Nachlebens befassen


    Werke der Frühzeit

    • „Deß Erden-Zweghes und des Nachfleisches Ordnung“ – ein brüchiger Codex aus der Frühzeit der Lehre, angeblich von Meister Ormin niedergeschrieben; behandelt das Verhältnis von Erde, Knochen und der „zweiten Bewegung des Atems“
    • „Das Lied der stillen Glieder“ – halbmystisches Werk in Versform
    • „Ein Sendbrief von den Wächtern des Staubs“ – Briefe eines Ordens, der die Nachlebigen nicht als Werkzeug, sondern als fortbestehende Zeugen sieht.


    Scholastische Texte

    • „Gespräche über das Spätsein“ – ein gelehrter Streit zwischen zwei Magistern über die Frage, ob das Nachleben göttlicher oder irdischer Natur sei.
    • „Canon der Zweitseele“ – tempelrechtlich verbotene Schrift; beschreibt sieben „Anker“ zwischen Leben und Wiederkehr.
    • „Die Handschrift des ...“ – fragmentarisches Manuskript, nur teilweise erhalten, mit unlesbaren Rändern


    Späte, beinahe moderne Schriften

    • „Über das Wohl der Nachlebigen“ – pragmatische Studie eines Priesters, der Mitgefühl mit den Wiedererweckten fordert.
    • „Die stille Flamme: Über Nahlfarnis als Wandlung der Seele“ – poetisch-didaktisches Werk, mühsam zu lesen.
    • „Codex Vindici“ – ein umfangreicher Band, der angeblich alle bekannten Rituale der Nahlfarnis sammelt, doch niemand will behaupten, ihn wirklich gelesen zu haben.