V - Das Buch der Zwietracht

  • Das Buch der Zwietracht

    Das Buch der Zwietracht berichtet von den ersten mächtigen Häusern der Menschen, die sich unter den Erwachten hervortaten. Es erzählt davon, wie das Meer bitter wurde und die Fischschwärme den Weg ihrer Wanderungen änderten. Es, bezeugt wie die Flotte der Khilani, die keine Fische fand, in der Not zur plündernden Raubflotte wurde, und wie die übrigen Häuser sich gegen sie verbündeten. Und schließlich berichtet es von der Schlacht, in der die Khilani besiegt wurden, die von so ungeheurer Grausamkeit war, dass die Chronisten auch noch Jahrhunderte später versuchten, diesen Teil der Geschichtsschreibung vor den Augen der Welt zu verbergen.

    Von den Khilani

    Auf Khilar sagte man: "Faucht dir der Sturm entgegen, so hisse die Segel und reite ihn."

    Das kleine Haus Khilar war während der frühen Vorzeit an die raue, windgepeitschte Nordküste von Caltharnae abgedrängt worden. Dort lebten sie mit ihren wenigen Getreuen. Die kleine Gemeinschaft nannte sich Khilani. In ihrem rauen Land versuchten sie anfangs, mehr schlecht als recht zu überleben. So blieben sie über Generationen ohne Bedeutung für die Geschichte. Doch Zivilisation ist die Fähigkeit, aus der Not eine Tugend zu machen. Auf den salzigen Böden war Ackerbau nicht möglich, so nährte die See die Khilani. Sie lernten, Schiffe zu bauen. Auch wenn die Küste keine Bodenschätze bot, führten sie seither ein gutes Leben.

    Die mächtigsten Häuser hingegen lebten im fruchtbaren Herzen von Caltharnae, hoch auf den Bergen. Die Niederen mussten an der nach Tang stinkenden, kargen Küste hausen. Die erste Erwähnung in den Chroniken beschreibt die Khilani als fähige Schiffbauer, eine damals verachtete Kunst, denn tiefer als der Meeresspiegel konnte man nicht sinken.

    Wie hatten die Hohen Häuser sich verschätzt, Khilars Kunst mit Verachtung zu strafen. Die Schiffe waren es, welche den Aufstieg des Hauses Khilars ermöglichten, bis sie schließlich für wenige Jahre das mächtigste und gefürchtetste Haus von Caltharnae werden sollten.

    Doch noch war es nicht so weit.

    Man sagt, dass die Khilani die Ersten waren, welche hochseetaugliche Schiffe bauten, die nicht länger an die Küste gebunden waren. Mit ihnen querten sie den offenen Ozean, was ihnen reiche Fänge in übervollen Netzen bescherte. Vor allem konnten sie Handelsrouten schneller folgen und mehr Ladung transportieren als jemand auf dem Landweg.

    Die Schiffe, welche anfangs nur ein Notbehelf zum Überleben gewesen waren, bildeten fortan die Basis ihres Wohlstands. Khilar wuchs. Seine Burgen Khilars säumten bald als lange Kette die Nordküste von Caltharnae. Was als Fischereiwirtschaft begonnen hatte, mündete in eine prächtige Handelsflotte. Kauften Waren in einer Stadt und verkauften sie in der anderen, ohne selbst etwas produzieren zu müssen. Von den Gewinnen kauften sie jene Dinge, die sie selbst brauchten.

    Vom Ersten Aschefall

    Das Wetter wurde schlechter. Oft bebte die Erde und schlecht gebaute Häuser stürzten ein. Riesige Wellen schlugen ans Ufer, wo sie stinkenden Schaum hinterließen. Der Himmel verdunkelte sich, als würde es Nacht geworden sein, aber kein Stern leuchtete am Himmel. Auch Alvashek ging nicht mehr auf. Eisige Kälte senkte sich auf Caltharnae. Und dann fiel die Asche.

    Es war der erste Aschefall überhaupt. Wie graue Schneeflocken rieselte sie vom dunklen Himmel und legte sich auf das Land. Die Nacht schien ewig zu währen und die Kälte wurde grausam. Man musste erkennen, dass man vergeblich auf die Morgendämmerung gewartet hatte. Auf den Feldern starben die Pflanzen. In den Wäldern verloren die Bäume ihre Nadeln und Blätter. Caltharnae wurde eine graue, kalte Wüste.

    Als die Herden verhungerten und als Nahrung und sauberes Wasser unbezahlbar wurden, änderten auch die Fischschwärme den Weg ihrer Wanderungen. Die Khilani, die geglaubt hatten, dank ihrer Fischerei überleben zu können, mussten erleben, dass auch sie nicht vor dem Untergang gefeit waren. Sie litten bald den gleichen Hunger wie die Hohen Häuser. Die Katastrophe brachte sie dazu, ihre Schiffe einem neuen Zweck zuzuführen.

    Und die Raubflotte der Khilani ging als der Segelnde Tod in die Chroniken ein.

  • Der Segelnde Tod

    Fürst Skondra von Khilar ward die Bürde auferlegt, sein Haus durch die Zeiten der Dunkelheit und des Hungers zu führen.

    Er befahl zunächst, dass jeder ein Heiligtum des Alvashek in seinem Haus errichten müsste, damit es bald wieder Tag würde. Er selbst änderte das Wappen seines Hauses. Fortan prangte auf schwarzem Grund eine strahlend weiße Sonne. Wenn die Schiffe von Khilar ihre schwarzen Segel blähten, prangte darauf das Abbild von Alvashek.

    Mit seinen Schiffen fiel Skondra von Khilar plündernd in andere Ländereien ein, so dass man ihn bald "Piratenfürst" schimpfte. Die Überfälle seiner Flotte waren gefürchtet. Die weiße Sonne auf den Segeln von Khilar kündete immer von tödlicher Bedrohung.

    Dann gellten die Feuerglocken, denn die Khilani kamen, um zu plündern. Die Völker waren nicht vorbereitet auf einem Gegner, der mit Schiffen von der See aus angriff oder auf den ascheverseuchten Flüssen eindrang und nach der Plünderung sofort wieder verschwand. Die Raubflotte schwoll wie ein immer hungriges Raubtier, sie wurde umfangreicher und die Bewaffnung tödlicher.

    Die Khilani wüteten lange Jahre verheerend. Viele der Niederen Häuser schworen den Khilani die Treue, um selbst einen Teil des letzten Wohlstandes abzubekommen Jene, welche es nicht taten, überlebten die Plünderungen nicht.

    Und bald wandte sich die wachsende und immer hungrige Raubflotte auch den Hohen Häusern zu.

  • Die Hohen Häuser von Caltharnae

    Der Begriff 'Hohes Haus' bezog sich während der Vorzeit auf den Ort, wo der Hauptsitz einer Dynastie sich befand. Wer etwas auf sich hielt, errichtete ihn hoch oben in den Bergen, um auf andere hinabzublicken. Da es nur den mächtigen Häusern vergönnt war, sich einen solchen Platz zu erstreiten, galt 'Hohes Haus' bald als Synonym für 'Mächtiges Haus'. Die alte Bedeutung verblasste.

    In diesen Tagen musste Khilar, wenngleich seine Geschichte als Niederes Haus an der Küste begonnen hatte, aufgrund seiner Größe und Stärke zweifelsohne den Hohen Häusern zugerechnet werden. Auch wenn dies manchem Traditionalisten übel aufstieß.

    Die Namen der Hohen Häuser und ihrer amtierenden Fürsten lauteten wie folgt:

    • Skondra von Khilar - Fürst von Haus Khilar
    • Vingar von Kaltenburg - Fürst von Haus Kaltenburg
    • Malik von Wigberg - Fürst von Haus Wigberg
    • Ghazi von Eibenau - Fürst von Haus Eibenau
    • Jibril von Rothenloh - Fürst von Haus Rothenloh
    • Tiam von Wolkenhaim - Fürst von Haus Wolkenhaim

    Das Konzil der Ersten Asche

    "Ehrenwerte Fürsten von Caltharnae", sprach Malik von Wigberg. Er war vom Haupt bis hin zum zierlichen Fuß ganz gewandet in Schlangenleder. Sein Lispeln schien zu der Erscheinung zu passen. "Wenn die schwarzen Segel mit der weißen Sonne am Horizont erscheinen, läuten unsere Feuerglocken Sturm. Als Nachbarn von Khilar werden wir mit enervierender Regelmäßigkeit von Piraten heimgesucht.

    Ich spreche offen, wenn ich einräume, dass wir nicht in der Lage sind, einen Feind ernsthaft abzuwehren, der von See und vom Fluss aus angreift. Jahrhundertelang haben wir uns auf die Kriegsführung auf dem Festland konzentriert und ich weiß von unseren Spähern, dass wir nicht die einzigen sind, denen es so ergeht. Würde es Mejitai allein betreffen, wärt ihr alle heute nicht hier. Ich übergebe das Wort an Fürst Ghazi von Eibenau. Bitte."

    Ein rothaariger Mann mit einem Gebiss, das vollständig aus spitzen Goldzähnen bestand, wuchtete ein dickes Buch auf den kreisrunden Tisch.

    "Verehrte Anwesende. Ein jeder von uns hat die Gefahr, die von Khilar ausgeht, bereits am eigenen Leib erfahren. Ich wünschte, ich könnte sagen, die Khilani würden wie jeder andere Feind unsere Frauen und Kinder rauben, damit sie diese für uns durchfüttern in den Zeiten des Hungers. Stattdessen plündern sie unsere Gehöfte, rauben unsere Herden und leeren unsere Speicher. Dann warten sie, bis wir uns notdürftig erholt haben und kehren wieder. So geht dies die letzten Jahre und wir müssen uns eingestehen, dass wir daran zugrunde gehen werden, wenn sich nichts ändert. Unsere militärischen Möglichkeiten wurden ausgeschöpft, ebenso die diplomatischen."

    Malik von Wigberg pflichtete lispelnd bei: "Keiner ist unter uns, dessen Vasallen nicht bereits geplündert wurden." Einige Anwesende nickten verhalten. "Allein sind wir machtlos gegen diesen immer stärker werdenden Feind. Doch wir haben euch eine Lösung vorzuschlagen."

    Er nickte in Richtung des Rothaarigen. Ghazi von Eibenau legte eine Hand auf den Ledereinband des dicken Buches, während er ernst in die Runde blickte.

    "Unsere Gelehrten haben eine umfassende Berechnung durchgeführt und ermittelt, wie lange wir überleben können, wenn wir vorübergehend aufhören, uns gegenseitig zu plündern. Jeder Anwesende darf sich die Unterlagen hierzu zu Gemüte führen. Alle Analysen stehen in diesem Buch. Unter Berücksichtigung der Zunahme des Ascheregens bleibt uns allen eine Frist von zwölf bis dreizehn Monden. In diesem Jahr der Waffenruhe sollten wir die vorhandenen Ressourcen fair unter unseren Häusern aufteilen, streng rationiert nach Köpfen."

    "Und nach diesem Jahr?", fragte ein Zweifler aus der Runde.

    Es war Tiam, der Fürst des Hauses Wolkenhaim, eine Mann mit dem Gesicht und dem Charakter eines Wiesels. So passte es auch, dass er vollständig in weißen Nerz mit schwarzen Quasten gekleidet war, des Wiesels Bruder. Er beugte sich etwas nach vorn über den Tisch. "Wozu soll diese Waffenruhe dienen, wenn wir danach genau so verhungern wie jetzt? Auch Volkin wird von Khilar heimgesucht. Doch wir erhofften, dass wir sie gemeinschaftlich unter Druck setzen und nicht nur ausharren würden, bis es zu spät ist."

    Malik von Wigberg wies nun auf einen sehr jungen Mann, der vollständig in Schwarz gekleidet war. Es handelte sich um Jibril von Rothenloh, der gerade erst den Thron seines Hauses geerbt hatte, indem er seinen Vater und seine Brüder gemeuchelt hatte. Jemand hatte ihm einst die Nase und die Ohren abgeschnitten, vermutlich ein Mitglied seiner eigenen Familie. Niemand mochte ihn, jeder fürchtete den blutrünstigen Ruf seines Hauses, doch alle hörten der entstellten Gestalt nun zu.

    "Wir werden dieses Jahr gemeinschaftlich nutzen, um die Khilani mit vereinter Kraft zurückzuschlagen", sprach er leise. "Rothenloh bietet euch die Führung des Feldzugs an. Wir sind erfahrener als jedes andere Haus in der Kunst des Tötens. Jene Dinge, die ihr sonst verabscheut - Heimtücke, Skrupellosigkeit, Blutlust - sollen dazu dienen, den Feind erzittern zu lassen und schließlich in die Knie zu zwingen."

    Gemurmel, erst unschlüssig. Dann vereinzeltes Nicken. Man schien sich einig zu sein, dass Jibril von Rothenloh halten könne, was er versprach. "Jawohl", rief jemand. "Nieder mit Khilar."

    "Eibenau bietet an, sich um die Logistik zu kümmern", ergänzte sogleich Ghazi, der Mann mit dem roten Haar und den Goldzähnen. "Unser Straßennetz darf von den Teilnehmern des Konzils für ein Jahr zollfrei benutzt werden. Des Weiteren gewähren wir unseren Verbündeten einen zinsgünstigen Kredit, um die Ausrüstung ihrer Streitkräfte zu finanzieren."

    "Bravo." Ein Teil der Anwesenden applaudierte.

    "Und ihr, Vingar von Kaltenburg?", fragte Malik, berauscht vom Erfolg seiner Mühen. "Was möchtet ihr beisteuern?"

    Der Fürst von Kaltenburg hatte bislang nichts gesagt, sondern sich aufs Zuhören beschränkt. "Ich habe nichts zu bieten", sagte er ruhig. "Die Überfälle haben mein Volk entkräftet."

    "Dann solltet ihr diese Gelegenheit nutzen. Oder möchtet ihr tatenlos zusehen, während andere Häuser gegen euren Feind ins Feld ziehen? Wollt ihr uns nicht unterstützen?"

    "Am Wollen scheitert es nicht", sagte Vingar und dann sagte er nichts mehr. Doch sein Blick ruhte auf Malik, als würde er mehr über ihn wissen als er zeigte.

    Malik von Wigberg versuchte, den unangenehmen Blick zu ignorieren. Er atmete tief durch und sah wieder gut gelaunt in die Runde. "Dann sind die Aufgaben also verteilt."

    Giftig blickte das Wiesel sich um. "Und welche Rolle soll Wolkenhaim spielen?", hakte Tiam von Wolkenhaim nach, dem die offenkundige Federführung der anderen Fürsten missfiel, insbesondere des lächerlich jungen Jibril von Rothenloh. "Ihr habt das Konzil einberufen, Malik von Wigberg. Und ihr drei führt das Wort, als wärt ihr die Herren von ganz Caltharnae und nicht nur von drei in Asche versinkenden Ödländern."

    "Hütet Eure Zunge." Die Stimme des Jibril von Rothenloh war nicht laut oder hart, und doch schnitten seine Worte durch die Luft wie ein Dolch.

    "Aasgeier seid ihr", rief Tiam von Wolkenhaim, "die das letzte Mark aus den Knochen der sterbenden Häuser schlürfen, um selbst zu überleben. Nach Ablauf dieses Jahres stehen alle übrigen Häuser in eurer Schuld und werden es gewohnt sein, dass ihr sie dirigiert. Dann werdet ihr sie auffressen. Euer Machthunger ist, was euch eint - und nicht etwa der Großmut, den ihr öffentlichkeitswirksam heuchelt."

    Vingar von Kaltenburg, der bislang unbeteiligt gewirkt hatte, betrachtete den zeternde Fürsten von Wolkenhaim. Erstmals lag in seinem Gesicht so etwas wie Interesse.

    Malik von Wigberg lächelte, als er lispelte: "Habt Ihr denn eine Alternative zu unserem Plan anzubieten, Tiam von Wolkenhaim? Wie viel Zeit bleibt Euch, eine eigene Verteidigung für euer schönes Schloss zu organisieren, wenn Ihr Euch dem Konzil verweigert?"

    Tiam von Wolkenhaim ballte die Fäuste. "Wollt Ihr mir drohen?"

    "Aber nein, ich bin nur in Sorge", lispelte Malik. "Wie wollt Ihr eine Armee finanzieren, wenn Eure Wirtschaft am Boden liegt? Genügen Eure Vorräte? Wie lange haltet Ihr allein durch?"

    Doch Wolkenhaim war nicht bereit, sich so einfach gegen die Wand reden zu lassen. "Seid gewiss, dass wir unsere Haut nicht schlechter zu schützen imstande sind als andere Häuser. Auch wir leben noch. Und wie sieht es mit Euch persönlich aus? Wie wollt Ihr die kommende Zeit überstehen? Niemand kauft Euch ab, dass man Euch füttern wird, nur weil Ihr ein paar Einladungen verfasst habt. Eure Rolle haltet Ihr gekonnt zurück. Doch nicht ohne Grund werdet Ihr der Initator des Ganzen sein. Was ist Euer Part in dieser Geschichte, Malik?"

    Stille senkte sich auf den Raum. Alle Augen richteten sich auf Malik von Wigberg, mit Ausnahme von Jibril von Rothenloh, der den Fragenden in Grund und Boden starrte, und Ghazi von Eibenau, der die Statistiken in seinem Buches betrachtete. Vingar von Kaltenburg war einer der wenigen, die nicht den Fürsten von Wigberg ansah, sondern Tiam von Wolkenhaim.

    Das schmale Lächeln des getadelten Fürsten erinnerte an den Mund einer Schlange. Doch dann schien der Fürst von Wigberg sich wieder zu entspannen. "Was Eure Sorge betrifft, mein lieber Tiam ... der Anteil von Wigberg ist der gleiche wie stets: Wir kümmern uns um den Rest."

    Was mit dieser kryptischen Botschaft gemeint war, kam weder auf dem Konzil noch später zutage. Vielleicht war diese Geheimniskrämerei der Anlass für Tiam von Wolkenhaim, sich trotz seiner Unterschrift vom Konzil abzuwenden. Vielleicht hatte er die Entscheidung jedoch auch schon vorher getroffen.

    Vom Verrat Wolkenhaims

    Bereits am Abend meldeten die Späher, dass Tiam von Wolkenhaim auf einem Gewaltritt in Richtung Khilar unterwegs sei. Man gab Befehl, ihn zu ergreifen, notfalls von seinem Pferd zu schießen. Doch er hielt seinen Vorsprung. Die Finsternis oder vielleicht auch sein Geschick machten es bald unmöglich, ihn zu finden. Der wieselhafte Verräter wurde auf der Festung des Gegners mit offenen Armen willkommen geheißen. So erfuhr Skondra von Khilar, was man gegen ihn plante.

    "Was nun, Vingar?", fragte Malik von Wigberg giftig. "Genießt ihr das Ergebnis eurer Untätigkeit?"

    Der Fürst von Kaltenburg sah ihn ruhig an. "Ich bin nicht untätig."

    Verärgert wandte Malik sich ab.

    Der Krieg, der nun entbrannte, stellte alles bisher Erlebte an Grausamkeit in den Schatten.

  • Von der Niederlage der Khilani

    Ein Fleck der Verderbnis verdunkelt diesen Teil der Geschichtsschreibung, wenn man in den Büchern der Khilani sucht. Ihre Chroniken schweigen über diese Zeit. Die Soldaten sprechen mit verklärtem Blick von der großen Vergangenheit des Hauses Khilar, doch der Adel spricht von haltlosen Legenden. Nur wenigen Gelehrten gewährte man widerstrebend Zutritt zu den Archiven, in welchen die Zeugnisse schlummerten aus der Zeit vor der Zeit. Dort lasen sie nicht nur von der Größe vergangener Tage, sondern auch von den Verbrechen. Dann keimte in ihnen die Ahnung, dass es weniger die Schande der Piraterie, als vielmehr jene der Niederlage war, welche dazu führte, diesen Teil der Geschichtsschreibung unter Verschluss zu stellen. Mühsam trugen die Gelehrten die Bruchstücke aus verschiedenen Archiven zusammen, bis sich ein vollständiges Bild ergab. Ihrer Ausdauer verdanken wir, dass nicht nur die Sicht der siegreichen Häuser überliefert ist, die vom Glanz großer Taten und dem Heldentum ihrer Soldaten spricht, sondern auch die Sicht der Verlierer überdauert hat, welche diese Zeit in einem anderen Licht erscheinen lässt.

    Die gefürchtete Raubflotte wurde in diesen Tagen vernichtet. Man tötete die Khilani Mann für Mann, auch vor ihren Alten, Frauen und ihren Kindern machte man keinen Halt. Am Ende war das räuberische Haus beinahe ausgerottet. Als die Mauern unter dem Ansturm der Katapulte fielen und man begann, die Festung von außen Stein um Stein abzutragen, trat Fürst Skondra von Khilar allein aus dem Tor. Frühzeitig gealtert, doch aufrecht, gekleidet in schwarz mit der weißen Sonne, die Farben seines Hauses und das Banner über der Schulter. Kaum wurde man seiner gewahr, prügelte man den Mann nieder, entriss ihm das Banner. Nur mit Mühe konnten die Offiziere verhindern, dass ihre Soldaten ihm den Garaus machten.

    Dann schleifte man den Verletzten vor das Tribunal der siegreichen Hohen Häuser. Das Banner gab man ihm zurück, damit er es vor den Fürsten in den Staub legen konnte. Da er nicht mehr stehen konnte, legte er das Banner auf Knien nieder und erbat nach Jahren der Piraterie nun Gnade für sein beinahe vernichtetes Haus.

    Rothenloh höhnte.

    Eibenau fragte nach dem Preis für die Gnade.

    Wigberg sprach sich für Milde aus.

    Kaltenburg schwieg.

    Sie berieten sich hinter verschlossener Tür. Am Ende traten sie mit einem Kompromiss hervor. Das Urteil lautete Verbannung. Die letzten noch tobenden Gefechte, um den gefangenen Fürsten zu retten, sollten sofort untersagt werden. Skondra von Khilar musste mitsamt seinem Gefolge Caltharnae für immer verlassen. Es durften in das Exil nur jene Schiffe mitgenommen werden, welche für den Transport dienten und hinterher mussten sie samt und sonders versenkt werden. Der verbliebene Rest der Flotte aber sollte an die Sieger verteilt werden. Mit hängenden Schultern unterzeichnete der besiegte Piratenfürst den Vertrag.

    Mit ihm verließ Tiam von Wolkenhaim, der nur mit Mühe sein Leben retten konnte, seine alte Heimat. Die Piratenkapitäne, die von den Niederen Häusern gestellt wurden, begleiteten ihren Lehnsherrn. Allesamt Häuser, die Khilar bis zum Schluss die Treue gehalten hatten und keine Zukunft mehr auf Caltharnae besaßen.

    Die Schiffe von Khilar stachen ein letztes Mal in See, um niemals wieder nach Caltharnae zurückzukehren. Und so kam es, dass das Haus Khilar eine karge Vulkaninsel vor der Küste bezog und unter den wachsamen Augen der übrigen Hohen Häuser mit eigenen Händen seine Flotte vor den Klippen versenkte.

  • Baxeda 27. Juli 2026 um 01:53

    Hat den Titel des Themas von „[Caltharnae] Das Konzil der Ersten Asche“ zu „V - Das Buch der Zwietracht“ geändert.