II - Das Buch des Wandels

  • Das Buch des Wandels

    Das "Buch des Wandels" berichtet davon, wie Asamura mit Gewalt seiner Ursprünge beraubt wurde. Es handelt von der Ankunft der Menschen und ihrem langen Schlaf, der Anpassung des Weltklimas an ihre Visionen und vom elenden Untergang der Yaigh. Es berichtet auch von den Hoffnungen der Thaldrax, die nichts vom Erwachen der Menschen ahnten, und vom Dekret des Vergessens, welches das Andeken an die Schuld der Menschen und jedwede Reue auslöschte.


    Von der Ankunft der Sternenreisenden


    In den Anfängen ihrer Ankunft auf Asamura, als die Menschen die unberührten Weiten des Planeten betraten, wählten sie den Pfad des Wandels. Sie zogen sich in die Tiefe zurück, in die schützende Umarmung der Erde, und begannen das große Werk des Terraformings. Mit Wissenschaft und Weitsicht gestalteten sie Asamura um, damit es einst ihre Kinder beherbergen könnte. In Kammern des langen Schlummers, umhüllt von der Stille des Kälteschlafs, überdauerten die Menschen die Jahrhunderte. Während sie in ihren Träumen von fernen Sternen und vergangenen Welten wandelten, webte Asamura sein eigenes Schicksal.


    Vom großen Wandel und dem Untergang der Yaigh


    Als die Menschen Asamura erreichten, standen die Yaigh, die einstigen Herren des Planeten, vor einer unerwarteten Bedrohung. Die Neuankömmlinge suchten keinen offenen Konflikt, sondern zogen sich in die Tiefen des Taudis zurück, wo sie ihre Anlagen errichteten und sich in den Kryoschlaf begaben. Während die Menschen in ihren Kammern schlummerten, entfaltete sich das Terraforming, ein Prozess, der darauf abzielte, die Welt an ihre Bedürfnisse anzupassen. Das Klima und die Atmosphäre Asamuras wandelten sich, wurden erdähnlicher, und mitgebrachte Spezies begannen, die einheimische Flora und Fauna zu verdrängen.


    Die Veränderungen, die die Menschen einleiteten, hallten durch die Welt, ein leises Lied, das den Untergang einläutete. Das Terraforming, ein Prozess von unermesslicher Kraft, veränderte die Luft, das Wasser und die Erde selbst. Es war ein Werk, das darauf abzielte, Asamura zu transformieren, um es den Bedürfnissen der Menschen anzupassen, doch es war auch ein Werk, das noch andere Konsequenzen mit sich brachte. Die Yaigh, deren Körper und Geister an die alte Ordnung gebunden waren, fanden sich in einer Welt wieder, die ihnen fremd wurde. Ihre Macht, die einst die Geschicke alles Lebendigen lenkte, begann zu schwinden. Die Luft, die sie atmeten, das Wasser, das sie tranken, die Erde, auf der sie standen – alles begann sich gegen sie zu wenden.


    Für die Yaigh bedeutete diese Veränderung den Untergang. Ihre Städte, gewachsen aus lebendigem Material und biotechnischen Wunderwerken, waren auf das alte Klima abgestimmt. Als sich ihr Ökosystem wandelte, konnten sie sich nicht anpassen. Ihre hochspezialisierten Strukturen stellten den Stoffwechsel ein und begannen zu verfallen. Ihre Brut im Ozean überlebte nicht; die Eier entwickelten sich nicht weiter, und die Jungen starben an Hunger und Krankheiten. Die erwachsenen Yaigh litten unter Pilzbefall und anderen Leiden, die sie und ihre einst stolzen Städte in faulende Überreste verwandelten.


    Trotz ihrer Intelligenz und technologischen Errungenschaften konnten die Yaigh nicht gegen die Zeit ankommen. Ihre Versuche, sich selbst zu retten, waren von Egoismus geprägt, was zum raschen Zusammenbruch ihrer Industrie führte. Die organischen Materialien, aus denen ihre Städte bestanden, verrotteten ohne Spuren zu hinterlassen. Die Yaigh, jene alten Herren von Asamura, fanden ihr Ende, nicht durch Krieg oder Zwist, sondern durch die stille Veränderung, die die Menschen brachten.


    Doch da die Yaigh bereits die Fähigkeit besaßen, Sternenschiffe zu bauen, flüchteten viele ins All, in der Hoffnung, anderswo zu überleben. Es bleibt die Möglichkeit, dass Reste ihrer Spezies in den Weiten des Universums fortleben und dass die Yaigh eines Tages nach Asamura zurückkehren könnten. Ein Gedanke, der sowohl Furcht als auch Hoffnung in den Herzen jener weckte, die unter ihrer bedrohlichen, aber vertrauten Herrschaft gelebt hatten.


    Von der Befreiung der Thaldrax


    Als die Yaigh verschwanden und als die Zeit der Menschen noch nicht angebrochen war, wagten die Thaldrax sich aus den Schatten hervor. Mit einer Mischung aus Furcht und Hoffnung wurden sie Zeugen, wie ihre alten Götter fielen. Ihr warmes Blut schenkte den Thaldrax eine Anpassungsfähigkeit, die den Yaigh nicht gegeben war.


    Sie traten aus der Innenwelt hinaus ans Licht. Die Welt lag frei und ohne Zwänge vor ihnen. Es lag jetzt an den Thaldrax, sie zu formen. Manche bezogen die dichten Wälder des Herzlandes, andere die sonnigen Wiesen der Ostküste. Nunmehr waren es nicht länger die Yaigh, die ihr Leben bestimmten, sondern nur noch die Natur. Im Laufe der Jahrhunderte brachten die Thaldrax vielfältige Kulturen hervor und beherrschten das Land bis zum ersten Ascheregen.


    Doch nicht alle Thaldrax suchten das Licht, als die Yaigh verschwanden. In den unergründlichsten Tiefen des Taudis, wo die Luft dünn und die Dunkelheit allgegenwärtig ist, lebte ein bleicher Schlag von Thaldrax. Sie kannten das Sonnenlicht nur aus alten Geschichten, ihre Haut war angepasst an die unwirtlichsten Ecken ihrer unterirdischen Welt. Die Sorgen der Oberfläche berührten sie nicht, denn ihr Leben war eines der Stille und der Tiefe. Die Sorgen der Oberfläche waren ihnen gleichgültig. Als die Yaigh verschwanden und viele Thaldrax, die bisher nahe am Licht gelebt hatten, voller Hoffnung die Höhlen verließen, trafen die bleichen Thaldrax eine andere Entscheidung. Für sie war der Taudis Heimat geworden. Sie fanden Freude in der unterirdischen Weite, die nun ihnen ganz allein gehörte, und blieben. Über Jahrhunderte hörte man nichts mehr von ihnen und die Erinnerung an sie verblassten, bis man sie ganz vergaß.


    Von Nylaxor Lichtfinder


    Nur wenige Erzählungen sind aus dem Taudis überliefert. Unter diesen ist die von Nylaxor Lichtfinder, einem Echosänger von unvergleichlichem Mut, dessen Geschichte nicht vergessen werden darf. Sie ist ein Manifest der Hoffnung, dass selbst in den tiefsten Schatten und der größten Not manchmal noch ein Ausweg gefunden werden kann.


    Nylaxor wuchs auf mit den Geschichten der Alten, die von einer Welt jenseits des Taudis erzählten, einer Welt des Lichts, die sie nie zu sehen hofften. Dort sollte es Nahrung in Hülle und Fülle geben und so viel Platz, dass kein Thaldrax mit einem anderen mehr darum streiten müsste. Doch ihm war es nicht erlaubt, so hoch zu steigen, denn diese Welt des Überflusses wurde von den Göttern beherrscht, die jeden Sterblichen straften, der es wagte, ihr geheiligtes Land zu betreten. In seinem Herzen brannte eine Flamme der Neugier, die heller leuchtete als die Kristalle, die seine Heimat erhellten.


    Er lernte die Kunst der Echosängers. Singend sandte er seine Fragen hinaus in die Dunkelheit und lauschte den Antworten, die der Taudis zu ihm zurücksandte. Oft lauschte er auch schweigend auf die Stimmen des Steins, der unermüdlich arbeitete, und Nylaxor lernte das Lesen der Schwingungen, die durch die Dunkelheit zogen, und was sie bedeuteten. So konnte er seinen Stamm vor Beben und vor Steinschlägen warnen, und wurde schon in jungen Jahren ein geachteter Mann.


    Als er in der Mitte seiner Lebenszeit war, veränderte das Gestein seine Stimme. Das Knistern wurde schärfer und lauter. Es wurde kalt im Taudis und viele Thaldrax zogen sich in die heißen Tiefen zurück. Nylaxor aber harrte aus, um das Phänomen zu erforschen. Bald musste er feststellen, dass es ihm schwer fiel, genügend Insekten und Pilze zu finden, die ihn nähren konnten. Es schien, als würden sie unter der zunehmenden Kälte leiden. Nylaxor hüllte sich in warme Kleidung und stieg der Kälte entgegen. Viele Wochen währte seine Reise. Es war Nacht, als er eines Tages die Oberfläche erreichte, dennoch blendeten ihn die beiden Monde und es dauerte seine Zeit, bis seine Augen sich an das ungewohnt helle Licht gewöhnt hatten. Und dort wurde er Zeuge, dass die Götter starben.


    Er verbrachte lange an der Oberfläche, um das schockierende Ereignis zu verstehen. Als er genug gesehen hatte, kehrte er in den Taudis zurück und berichtete, dass die geheiligte Außenwelt nun bereit sei, um die Thaldrax zu empfangen, damit sie das sterbende Land anstelle der Götter behüteten, es pflegten und zu einer neuen Blüte führten. Einer seiner Weggefährten, Verchontau mit Namen, stellte sogar infrage, ob es sich bei diesen Wesen überhaupt um Götter handelte, wenn sie der Kälte so hilflos ausgeliefert waren, während sie, die Thaldrax, sich nur in warme Kleidung zu hüllen brauchten, um dem Zeitenwandel zu trotzen. Nicht wenige schlossen sich der Ansicht von Verchontau an.


    So folgten nicht wenige Nylaxor an die Oberfläche. Er erhielt den Ehrennamen Lichtfinder und wurde zum Anführer jener Thaldrax, welche den Taudis für immer hinter sich gelassen hatten. Das warme Blut, für das sie von den Yaigh verachtet worden waren, half ihnen, dem neuen Klima zu trotzen. Während die Yaigh starben, entwickelten die Thaldrax Methoden, um an der Oberfläche zu überleben, ohne dem Wechselspiel des Wetters und der Natur hilflos ausgeliefert zu sein. Die Fehler der Yaigh wiederholten sie nicht: Anstelle von Verachtung für alles, was nicht sie selbst waren, ließen sie Ehrfurcht walten und lernten, mit der Natur zu leben und sich selbst an sie anzupassen, anstatt sich die Natur Untertan machen zu wollen, wie die Yaigh es zuvor taten.


    Die Erzählung von Nylaxor Lichtfinder ist ein Vermächtnis, das die Thaldrax lehrt, dass kein Schatten zu dicht, kein Labyrinth zu verworren und kein Schicksal zu ungewiss ist, um nicht doch den Weg ins Licht zu finden.


    Verchontau aber, der den Ehrennamen "der Zweifler" erhielt, blieb in der Innenwelt, die ihm vertraut war, und er blieb nicht als Einziger zurück.


    Vom Erwachen der Menschen und dem Dekret des Vergessens


    Als die Menschen erwachten, fanden sie eine Welt, die sich gewandelt hatte. Die Yaigh waren nicht mehr, und Asamura hatte sich entfaltet zu einem Ort, bereit für die Saat der Menschheit. Und doch fehlte etwas sehr Bedeutsames.


    Um das Heimweh, das ihre Herzen schwer machte, zu lindern und Asamura vollständig als ihre neue Heimat anehmen zu können, war das Dekret des Vergessens erlassen worden, bevor die Menschen sich in den langen Schlaf legten. Es war ein Akt von unermesslicher Tragweite, ein Beschluss, der tief in das Gewebe des Seins schnitt. Die Erinnerungen an die Erde, an das ferne Blau, das sie einst umhüllt hatte, wurden aus ihrem Bewusstsein gelöscht.


    So konnten die Menschen ohne den Schmerz der Vergangenheit in die Zukunft blicken. Sie vergaßen das kostbare Blau, das die Wiege allen Lebens auf der Erde gewesen war, die grünen Täler, die ihre Träume nährten und die Namen der Berge, die ihren Göttern Heimat gewesen war. Sie vergaßen die Lieder, die in den Winden sangen, die Geschichten ihrer Sternbilder und all die gebrochenen Versprechen, die ihnen gemacht worden waren. Sie ließen die Erinnerungen an ihre ersten Schritte auf dem Mond zurück und an den triumphalen Moment, als das erste bemannte Sternenschiff einen anderen Planeten erreichte. Nicht zuletzt vergaßen sie all die Verbrechen, die sie an ihrer Heimatwelt und ihren Bewohnern begangen hatten und das Paradies in eine Hölle verwandelt hatten.


    Das Dekret des Vergessens war mehr als nur ein Vergessen; es war ein Neubeginn, ein Versprechen für die Nachkommen der Sterne, um in Frieden unter den neuen Himmeln zu gedeihen. Es war ein Abschied, ein stilles Opfer, das sie brachten, um in der Gegenwart von Asamura Frieden zu finden und eine Zukunft zu gestalten, die frei von der Sehnsucht nach dem war, was einst war und nie mehr sein würde. Es war auch ein Akt der Selbstbefreiung von alter Schuld, ein Befreiungsschlag. Mit diesem Akt wurden die Menschen wahrhaft Kinder Asamuras, verwurzelt in seiner Erde, seine Luft atmend und unter einer Sonne lebend, die nicht länger Sol hieß oder Ra, sondern Alvashek.


    Mit fleißigen Händen begannen sie, die Oberfläche zu formen, Städte zu erbauen und die Länder zu kultivieren. Befreit von aller Schuld ihrer Vergangenheit waren sie bereit, ihre Geschichte in den Annalen Asamuras zu schreiben.


    Von Relikten aus der Zeit vor der Zeit


    Relikte sind die Hinterlassenschaften jener, die durch das All segelten und auf Asamura eine neue Heimat fanden. Verstreut in den Eingeweiden des Planeten harren sie der Entdeckung, vielleicht verloren, vielleicht auch heimlich platziert, trotzend gegen das Dekret des Vergessens, in der Hoffnung, dass die Nachfahren der Sternenreisenden eines Tages die Geheimnisse ihrer Funktionsweise wieder lüften mögen.


    Manch mechanisches Wunderwerk harrt noch immer der Inbetriebnahme, robust genug, um ohne die unsichtbare Energie zu funktionieren, die den Sternenschiffen einst Leben verlieh. Bei ihnen bedarf es nur des Wissens um Dampfenergie, um sie zu neuem Leben zu erwecken. Obgleich ihr Zweck und ihre Funktionsweise seit dem Dekret des Vergessens jedem Verständnis entgleiten, können sie dennoch aktiviert und genutzt werden. Jene, die sich zur Aufgabe gemacht haben, die uralten Relikte zu bergen und zu verstehen, nennt man Reliktjäger. Von diesen Wagemutigen, die gefährliche Expeditionen in die Tiefen des Taudis durchführen, soll an anderer Stelle berichtet werden.


    Doch es gibt auch Relikte, die sich der Fassungskraft gänzlich entziehen, lebende Überreste der Yaigh-Biotechnologie, die sich als entartete Abscheulichkeiten zeigt. Ohne die Fürsorge ihrer Schöpfer überlebten einige Reste in den unendlich tiefen Abfallgruben, in denen sie entsorgt worden waren, wo sie sich mehrten. Sie sind die stummen Wächter in den Tiefen des Taudis, lebende Wände mit pulsierenden Adern oder schmatzende Gänge, die ein Grauen hervorrufen, das weder zu verstehen noch zu ertragen ist.