I - Das Buch des kalten Blutes

  • Das Buch des kalten Blutes

    Das Buch des kalten Blutes berichtet von der Welt wie sie war, bevor die Menschen sie mit ihrem Sternenschiff Menkalinan erreichten. Es ist das letzte Zeugnis der ursprünglichen Natur mit heißen Regenstürmen und flachen Salzmeeren. Das Buch des kalten Blutes berichtet auch von den Yaigh, den ersten Herren dieser Welt, und davon, was sie mit ihrem Wissen erschufen, bevor sie zugrunde gingen.

  • Von Tasmeron

    Bevor die Menschen von den Sternen kamen, trug die Welt den Namen Tasmeron. Der Himmel war ein sanftes Orange, das in der Ferne ins Violett überging. Die Sonne, Alvashek, hing als gewaltige, orange glimmende Kugel über dem Horizont.

    Die flachen Ozeane besaßen einen hohen Gehalt an Salz, das zu bizarren Skulpturen kristallisierte. Milchige Salzperlen bildeten weiße Strände. Die Hitze band einen großen Teil des Wassers in der Atmosphäre. Schwer und heiß lag der Dunst über der Schöpfung und ließ alle Formen weich erscheinen. Jeden Abend rollten Gewitter und heiße Regenstürme heran. Doch so schnell sie kamen, so schnell zogen sie vorbei, und zurück blieb die drückende Stille, nur unterbrochen vom Tropfen des Wassers, das von den Blättern der Pflanzen fiel.

    Zu dieser Zeit herrschten die Yaigh über die Welt. Sie waren Reptilien von menschenähnlicher Erscheinung, doch von anderem Wesen, Schöpfer einer Kultur, die nach den Begriffen der Neuankömmlinge nur schwer zu beschreiben war.

    Was wir heute von dieser weit zurückliegenden Epoche wissen, ist dem Sternenjäger Draun zu verdanken, einem Yaigh, der durch das Phänomen der Zeitschuld tiefen Einblick in den Niedergang seiner Kultur erhielt. Das Buch des kalten Blutes berichtet aus seiner Sicht, wie die Welt war, bevor die Menschen sie mithilfe der Weltenmaschine veränderten und ihr den Namen Asamura gaben.

  • Vom Beginn eines neuen Lebens

    Sanft wiegte das Meer das einsame Ei. Von der Mutter, die es gelegt hatte, erfuhr niemand etwas, denn sie war längst an Land zurückgekehrt. Vom Vater wusste man noch weniger, und beides war richtig und gut. Vom Beginn seines Daseins an war jeder Yaigh auf sich allein gestellt. Die Wellen waren seine Wiege und der Ozean nährte ihn. Die Strömung trug Nährstoffe heran, die von der elastischen Eihülle aufgenommen wurden und den ungeschlüpften Yaigh mit allem versorgte, was er zum Wachsen brauchte.

    Das ferne Grollen eines Gewitters weckte den Ungeschlüpften, der noch nichts davon ahnte, dass er einmal der Sternenjäger Draun werden sollte. Außerhalb der durchsichtigen Hülle sah er das trübe Wasser, das von Blitzen aufleuchtete. Als genau vor seiner Eihülle eine große, graue Gestalt durch das Wasser glitt, zuckte er zusammen. Sein Verstand funktionierte bereits, denn nach dem Schlupf würde er auf sich allein gestellt überleben müssen. So erkannte er, dass die Gestalt aussah wie er – Kopf, Rumpf, Arme, Beine und ein langer Schwanz, in dem die Rückenflosse mündete. Doch trotz der Ähnlichkeit war er viel kleiner. Der große Graue indessen beachtete die Hülle und ihren winzigen Bewohner nicht. Er verweilte nur kurz. Als der Donner das Meer erbeben ließ, floh er tiefer in das Gewirr der Felsen, wo das Ei an einem zähen Stiel befestigt war.

    Das Gewitter zog vorüber und die Sanftmut der Wellen kehrte zurück. Sie setzten das freundliche Wiegen fort. Die meiste Zeit verbrachte der Ungeschlüpfte mit Schlafen. Er erwachte nur, wenn ein Gewitter tobte und das wild gewordene Meer an seinem Ei riss. Sein kleines Herz raste, als er sich vorstellte, wie der Stiel riss und er hilflos ins Dunkel gezogen wurde, doch irgendwann war es vorbei.
    Das Ei hielt.

    Viele Male wechselten Tag und Nacht sich ab. Und immer war es der Abendsturm, der die Dunkelheit brachte, so viel lernte er bald. Die Eihülle, in der welcher der Ungeschlüfte anfangs frei geschwebt hatte, wurde mit der Zeit eng. Er drückte mit den Beinen und dem Kopf dagegen, um sich zu strecken. Doch am meisten sehnte er sich danach, den kräftigen Schwanz auszurollen und die Rückenflosse zu entfalten. Die Hülle, die ihn schützte, zwängte ihn jetzt unerträglich ein.

    Manchmal tobte der Abendsturm schlimmer als sonst. Dann brachte der Donner die Felsen zum Beben, Steine rollten hinab und das Meer schäumte so wütend, dass das Ei heftig hin und her schlug. Und eines solchen Abends schlängelte wieder ein Grauer vorbei, um Schutz zwischen den Felsen zu suchen, doch nun war er nicht mehr riesig. Seine Größe erschien dem Ungeschlüpften mit einem Mal völlig gewöhnlich. Er begriff, dass er selbst es war, der gewachsen war. Ja, er war genau so groß wie die Grauen. Und genau wie diese wollte er schwimmen!

    Als gerade ein Blitz das Meer erhellte, streckte er sich mit aller Macht und riss die Hülle entzwei. Sofort erfasste ihn die Strömung und wirbelte ihn herum. Ohne nachzudenken legte er die Arme an den Körper an, Beine und Schwanz bildeten eine Linie. Die Rückenflosse stellte sich fast von allein auf und der Geschlüpfte schlängelte zwischen die Felsen, hinab ins schützende Dunkel, wo das Toben der Wellen kaum zu spüren war. Bald darauf legte sich die Nacht über das Meer und auch dieser Abendsturm endete. Erschöpft ruhte der Geschlüpfte sich aus.

    Als der neue Tag erwachte und die Lichtstrahlen zwischen den Felsen tanzten, schwamm er das erste Mal an die Oberfläche. Er stieß den Kopf hinaus und riss den Mund auf. Heiße, schwere Luft strömte in seine Lungen. Der Geruch von Salz, Ozon und dem fernen Ufer liebkoste seine Nase. Er blinzelte, als seine nassen Augen sich an die Luft gewöhnten. In der Ferne erhob sich die Küste: endlose Salzstrände, die im roten Morgenlicht erglühten, und dahinter die Konturen riesiger Gebilde, vor denen er sich fürchtete, weil sie so fremd aussahen. Er paddelte auf der Stelle, betrachtete staunend die Welt über dem Wasser und tauchte dann wieder ab, zurück in die vertraute Sicherheit des Ozeans.

  • Vom Crastyll

    Seine Welt bestand aus warmen Wellen, die sich an veralgten Felsen brachen, und aus orangeroten Lichtstrahlen, die über den Sand tanzten. Hier gehörte er hin. Er war ein Geschöpf des Ozeans und des Lichts. Unter der Oberfläche war seine Welt.

    Doch schon bald nach seinem ersten Atemzug fühlte er ein Ziehen im Bauch, das sich zu einem fordernden Grummeln steigerte. Er wusste, dass er essen musste. Das Ei konnte ihn nicht länger versorgen.

    Zunächst jagte er die einfachsten Beutetiere: die trägen Schleierflossen, kleine, durchscheinende Wesen mit flatternden Hautsegeln, die wie lebendige Schleier im Wasser trieben und sich nur langsam fortbewegten. Sie waren überall in den sonnendurchfluteten Schichten, nährten sich von schwebenden Partikeln und waren leicht zu greifen, wenn man schnell genug zuschnappte. Bald wurde er geschickter. Er entdeckte die Glimmerkrebse, leuchtende Krustentiere mit weichen Panzern, die sich in Kolonien an die Felsen klammerten. Noch leichter waren die Silberwürmer zu fangen – lange, gallertartige Wesen, die sich wie lebendige Rauchschwaden durchs Wasser schlängelten. Sie schmeckten süßlich und waren so langsam, dass er sie auch an schlechten Tagen mühelos einsammeln konnte.

    Der Geschlüpfte wanderte auf seiner Suche nach Nahrung fort von dem Ort, an dem sein Ei gehangen hatte. Dabei folgte er einer Richtung, die er für gut hielt, ohne dass er später hätte sagen können, warum. Er wusste nicht, dass er seinem inneren Kompass folgte, der ihn zum Crastyll führte, einem ganz besonderen Ort für sein Volk.

    In dieser flachen, lichtdurchfluteten Lagune traf der Geschlüpfte zu seinem Erstaunen andere, die so aussahen wie er. Graue. Bis dahin war er allein durchs Wasser gejagt, doch hier war ein ganzer Schwarm von seinesgleichen. Ihre Haut schimmerte grau, bei einigen hell, bei anderen dunkel, und alle hatten einen fast weißen Bauch.

    Für einen Augenblick verharrte er reglos im Wasser, die Augen gebannt auf die anderen gerichtet. Sie störten sich nicht an ihm, glitten flink durchs Wasser und waren ganz mit dem Sammeln von Glimmerkrebsen beschäftigt, von denen es hier sehr viele gab. So gesellte er sich zu ihnen, um mit ihnen gemeinsam nach Nahrung zu suchen. Er aß so viele Krebse, wie er wollte. Dann legte er sich dort, wo das Wasser ganz flach und warm war, zwischen die anderen, um zu ruhen, während das Himmelslicht über sie strich.

    Schläfrig betrachtete er seine neuen Gefährten. Einige besaßen, so wie er, einen langen Schwanz. Andere einen kurzen. Ansonsten waren sie alle gleich.

    Diese jungen Yaigh wuchsen nicht mehr, sie waren bereits ausgewachsen und im vollen Besitz ihrer geistigen Fähigkeiten aus dem Ei geschlüpft, doch sie reiften in anderer Hinsicht, wurden kräftiger und geschickter. Unter der grauen Haut zeichneten sich mit der Zeit Muskeln ab, ihre Gesichter wurden härter. Zum Spaß begannen sie, sich im flachen Wasser auf die Beine zu stellen und ein wenig hin und her zu laufen. Manche wateten sogar so weit, bis das Wasser nur noch ihre Knöchel umspielte, bevor die Angst sie zurück ins Tiefere trieb.

    Auch der Geschlüpfte, der später als Draun bekannt werden sollte, versuchte sich an dieser Mutprobe. Schritt um Schritt entfernte er sich vom Meer. Als er auf dem heißen Salz stand, breitete er die Arme aus und spreizte die Rückenflosse. Bewundernd sahen die anderen zu ihm auf, dann hielt er es nicht mehr aus und rannte eilig ins Wasser zurück.

    Irgendwann schaffte es jeder Geschlüpfte, ein paar Schritte an Land zu gehen – bis auf einen, dessen Rücken im hellsten Silbergrau schimmerte.

  • Vom Wandel der Geschlüpften

    Eines Tages sahen die Geschlüpften zwei fremde Gestalten, die über das Ufer liefen. Ihr Aussehen war ihrem ähnlich, so schoben sie neugierig die Köpfe aus dem Wasser.

    In manchen Belangen glichen die Fremden den Geschlüpften. In ihren Mündern standen spitze Zähne, die leicht nach innen geneigt waren. So ließen sich die oft glitischigen und zappelnden Tiere des Meeres hervorragend festhalten, bevor man sie herunterschlang. Die Gestalten gingen aufrecht auf den Ballen ihrer vier langgliedrigen Zehen. Auf der Innenseite jeden Fußes befand sich ein fünfter, verkümmerter Zeh. Den langen Schwanz trugen sie so erhoben, dass er nie den Boden berührte. Die Haut der Besucher schimmerte in den herrlichsten Farben, der Kleinere trug Grün mit roten Streifen, der Größere trug ein dunkles Blau und seine Streifen schillerten golden. Rückenflossen besaßen sie nicht, nur einen Kamm langer weicher Stacheln auf dem Kopf. Ihre Bewegungen waren selbstsicher und zielstrebig. Sie warfen den Beobachtern im Meer im Vorbeigehen nur einen gelangweilten Blick zu.

    Die Luft flimmerte in der drückenden Mittagshitze, doch der Geschlüpfte wagte es, aus dem Meer zu steigen und ihnen aus Neugier einige Schritte zu folgen. Ja, kein Zweifel: Das waren seinesgleichen – nur stärker, älter. Sie waren das, was sie alle werden würden. Sie waren so, wie er sein wollte. Vollendet.

    In diesem Moment spürte er zum ersten Mal deutlich den Ruf des Landes in seiner Brust. Alle Geschlüpften folgten mit ihren Blicken den beiden Erwachsenen, die mit kräftigen Schritten über den knirschenden Salzstrand davongingen.

    Fortan gingen die Geschlüpften immer öfter an Land. Zuerst nur für kurze Ausflüge aus der Lagune heraus, doch mit jedem Mal blieben sie länger. Der Ruf des Landes wurde stärker und war bald unwiderstehlich. Sie lernten, auf ihren kräftigen Beinen zu rennen, zuerst unbeholfen und stolpernd, dann immer schneller und sicherer. Das Springen bereitete ihnen besonderen Spaß. Sie schnellten hoch, landeten federnd und jagten einander über die weißen Dünen aus Salz, lachend und fauchend vor Übermut, ehe sie wieder mit einem Kopfsprung ins Meer eintauchten.

    Den gesamten Tag blieben sie nun draußen, erkundeten manchmal sogar die verschlungenen Pflanzendickichte und spürten in der Mittagshitze eine drückende Glut auf ihrer Haut. Ihre Rückenflossen, die ihnen im Wasser so gute Dienste geleistet hatten, begannen zu vertrocknen. Zuerst juckten sie nur unangenehm, dann spannten sie, bis die Haut rissig wurde und in Fetzen von ihren Rücken hingen.

    Ohne Flosse war das Schwimmen mühsam. Doch das war nicht das Einzige, was sich geändert hatte.
    Der Geschlüpfte spürte, dass er nicht mehr lange unter Wasser bleiben konnte, sondern häufiger Luft holen musste. An Land hingegen stellte sich beim Atmen und bei allen Bewegungen Leichtigkeit ein.

    Nur der Silberne, der nie an Land gegangen war, behielt seine Gabe, mühelos zu schwimmen und zu tauchen. Er blickte den anderen sehnsüchtig nach, doch wagte noch immer nicht, das Wasser zu verlassen. Alles hatte seinen Preis. Und er wollte ihn nicht zahlen.

    Die anderen liefen, sprangen und kletterten. Unter dem Einfluss des Lichts begann die Haut jener, die einen langen Schwanz besaßen, in allen Farben des Regenbogens zu schillern. Noch nicht so kräftig wie bei den Erwachsenen und noch ohne Streifen, doch ein farbiger Schimmer war deutlich zu sehen. Jene mit dem kurzen Schwanz aber blieben grau. Dafür wurden ihre Schwänze fleischiger, bis sie kaum noch bewegt werden konnten und sich keck nach oben zum Rücken hin krümmten. Es war nun offensichtlich, dass es zwei Sorten von Yaigh gab, einander sehr ähnlich und doch grundverschieden.

    Die einzige Ausnahme von all dem blieb jener Geschlüpfte, der sich nicht aus dem Ozean wagte. Er besaß einen langen Schwanz und blieb trotzdem silbern, weil seine Haut sich nicht an das Leben an Land anpassen konnte. Neidisch folgte er den anderen mit seinem Blick, während sie spielend über den Salzstrand jagten, und fand in sich doch nicht den Mut, es ihnen gleichzutun.

  • Von den Namen aller Dinge

    Eines Tages saßen die Jungen auf dem Salz, das sich in der Mittagsglut angenehm erwärmt hatte. Mit den Fingern zeichneten sie Linien und Kurven, Spiralen und Schnörkel. Sie hoben die Köpfe, als die Erwachsenen wieder kamen, von denen sie sich nun kaum noch unterschieden. Und doch blieben ihnen die Älteren suspekt. Mit ruhiger Autorität schritten sie über den Strand, wobei sie die Kunstwerke achtlos zertraten. Ihre langen weichen Hornstacheln ragten in den dunstigen Himmel und wippten bei jedem Schritt. Der Hornkamm der Jungen bestand noch aus kurzen Stacheln.

    Dann blieben die Erwachsenen stehen, so dicht bei ihnen, dass einige in Richtung Meer zurückwichen. Einer der Älteren schnauzte sie an und machte barsche Bewegungen mit den Händen. Die Jungen erhoben sich mit scheuem Blick.

    Und dann mussten sie nach seiner Anweisung sprechen üben. Es dauerte, doch sie lernten zügig, denn sie besaßen trotz ihrer Jugend einen scharfen Verstand, der vom Leben im Ozean geschult war, wo sie vom ersten Tag an jagen und vor den Abendstürmen Zuflucht suchen mussten. Und sie wollten das Sprechen lernen, denn es war die Art, wie Erwachsene kommunizierten. Die Erwachsenen, zu denen sie selbst werden wollten, selbstsicher und respekteinflößend. Ihre Lehrer zeigten keine Geduld mit Gemurmel oder Unsicherheit. Wer zu leise sprach oder einen Laut verschluckte, musste es ordentlich wiederholen. Lob gab es nicht, aber auch keine Strafen. Wer aus Faulheit nicht lernen wollte oder vor Angst keinen Ton herausbekam, wurde ignoriert und sich selbst überlassen. So lag es an jedem Geschlüpften selbst, ob er die hohen Künste ihres Volkes lernen oder sein Dasein zeitlebens wie ein Tier verbringen würde. Es gab einige, die sich so sehr fürchteten, dass sie die Erwachsenen gänzlich mieden und erst wieder aus ihren Verstecken kamen, wenn diese gegangen waren.

    Nach den Sprechübungen gingen die Erwachsenen und überließen die Jungen wieder der Natur. Doch sie kamen immer wieder und boten sich als Lehrer an. Die meisten nahmen das Angebot begierig an und ertrugen jede Korrektur, bis sie die Klänge erzeugen konnten, die jedem Ding einen Namen gaben, und sogar jeder Tätigkeit und jenen geheimnisvollen Dingen, die man nicht sah und trotzdem fühlte.

    Der Geschlüpfte, den man in Zukunft als Draun kennenlernen würde, sog jedes neue Wort in seinem Verstand auf. Er spürte, wie die Namen in seiner Kehle ihre Form annahmen, wie seine Zunge und sein Gaumen lernten, die harten, präzisen oder melodisch zischelnden Klänge ihrer Sprache zu formen. Bald konnten die Geschlüpften auch ohne die Erwachsenen miteinander sprechen und sich unterhalten. So lernten es auch jene Geschlüpften, welche die Nähe zu den Erwachsenen dauerhaft scheuten.

    Als es so weit war, dass sie jede Frage beantworten konnten, die ihre Sprachfertigkeit auf die Probe stellten, galt die Prüfung als bestanden. Dann gab es eine kleine Zeremonie, indem der Geschlüpfte einen Namen von seinem Lehrer erhielt.

    «Dein Name soll Draun sein.»

    «Draun», wiederholte der Geschlüpfte so langsam und deutlich, als würde er jeden Laut dieses Wortes mit seiner Zunge erkunden. Sein Name klang wie das Rauschen von Regen, der auf den Ozean niedergeht, oder wie das Geräusch, wenn jemand vom Land ins Wasser sprang und dabei untertauchte. Er gefiel ihm, sein Name.

    «Bestehe darauf, dass die anderen dich fortan so nennen», ermahnte ihn der Lehrer. «Sorge dafür, dass dein Name stets mit Respekt ausgesprochen wird. So, wie der Name unseres Volkes, der im gesamten All für Furcht und Schrecken sorgt.»

    «Was ist der Name unseres Volkes?», fragte Draun.

    «Wir sind Yaigh. Und ich bin der Sternenjäger Korrath.»

    «Wir sind Yaigh», wiederholte Draun, während er sich fragte, ob es auch andere Völker gab. Doch weil die Lehrer nur begrenzte Geduld besaßen und Korrath bereits wieder in eine andere Richtung schaute, stellte er rasch eine andere Frage. «Was ist das All?»

    Der Lehrer legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf in den Dunst, in dessen nur kurz aufreißenden Lücken manchmal etwas in leuchtendem Orange glühte, dessen Strahlen heiß über ihre Haut glitt. Das erste Mal sah Draun, wie sich der harte Ausdruck im Gesicht des Erwachsenen veränderte, als würde er gerade etwas sehr schönes Sehen, das für Drauns Augen unsichtbar blieb.

    «Das All ist dort oben», sagte Korrath, «gleich hinter dem Licht. Wenn es Nacht wird, erhältst du eine Ahnung davon, wie sich anfühlt, mit einem Sternenschiff hinauf zu reisen, auch wenn der ewige Dunst den Blick dorthin verschleiert. Da draußen sind die Sterne wie weiße Laternen, die uns den Weg durch das Alldunkel weisen. Es ist kalt dort draußen und finster, aber auch friedlich, so lange man die zivilisierten Welten meidet. Es ist ein Ort unendlicher Möglichkeiten, denn es wartet eine unendliche Zahl von Welten darauf, entdeckt zu werden.»

    «Wie heißt das Gefühl, was du gerade hast?», fragte Draun, ohne sich etwas Böses zu denken.

    Korrath zuckte zusammen, als würde er aus seinem Traum erwachen, schüttelte unwirsch den Kopf und setzte einen Blick auf, der so streng war wie zuvor, als hätte es diesen Moment nicht gegeben.

    «Weiter im Unterricht. Draun, du bist fertig. Der Nächste!»