VI - Das Buch des Basalts

  • Das Buch des Basalts

    Im Buch des Basalts wird von dem tragischen Schicksal berichtet, das den Hohen Häusern widerfuhr, nachdem ihre Heimat von den schäumenden Wellen des Ozeans verschlungen worden war. Vor allem berichtet es jedoch von den Khilani. Die Zeit ihrer brach nach dem Untergang an. Das Buch des Basalts erzählt aber nicht nur von der Herrschaft des Fürsten Skondra von Khilar, sondern erzählt auch die Geschichte des einfachen Korsaren Khazir. Seine Überlieferungen vermitteln einen tiefen Eindruck darüber, wie das einfache Volk den Zenit von Khilars Macht erlebte.

  • Von der Zeit nach dem Untergang

    Als Caltharnae versank, blieb nur ein Ring von Vulkaninseln übrig. Auf ihnen thronten, recht verloren nun und der geschrumpfen Größe ihrer Reiche unangemessen, die Burgen der Hohen Häuser. Am Grund des Bittermeers aber lagen die Ruinen der Niederen Häuser, und, schlimmer noch, die Gehöfte der Bauern und die verrottenden Reste fruchtbarer Wälder.

    So waren die Hohen Häuser zu Herren fast ohne Land geworden, aber auch fast ohne Gefolge. Wer sollte sie nähren? Wie sollten sie unter diesen Umständen die Würde wahren, die ihnen kraft ihrer Geburt zustand? Reduziert auf das blanke Überleben auf zumeist kargen Inseln, mussten die Fürsten neue Wege ersinnen, um nicht mitsamt ihren Traditionen unterzugehen.

    Das Buch des Basalts berichtet von dem Weg, den in diesen rauen Zeiten Fürst Skondra von Khilar einschlug. Vor dem Untergang war er von den Hohen Häusern besiegt und zum Hohn auf einen aktiven Vulkan verbannt worden. In seiner schwarzen Burg lebte er nun - vor dem Untergang genau so wie danach.

    Und er vergaß niemals seinen Groll.

  • Von den Korsaren

    Obwohl das Herz von Khilar feurig ist, war es für Skondra von Khilar ein Glücksfall, dass er ausgerechnet hierher verbannt worden war. Denn nach dem Untergang von Caltharnae war seine Insel die Größte von allen. Aufgrund der Kargheit hatte sein Volk schon vor der Katastrophe lernen müssen, sich von Algen, Muscheln und Fisch zu ernähren, anstatt von Brot und Obst. Das verschaffte Skondra von Khilar einen gewaltigen Vorsprung.

    Vom Balkon seiner Burg Schwarzfels aus ließ er den Blick über sein Reich schweifen.

    Die Wellen schlugen gegen Basaltsäulen und brachen sich an Stränden aus schwarzem Sand. Der Boden war warm unter den Füßen, bis hinauf in Burg Schwarzfels. Hoch über allem aber, ein ferner Schemen im Inneren der Insel, ragt der Vulkan Meru. Eine Explosion hat während des Untergangs von Caltharnae seine Flanke fortgerissen. Seither ergießt die Lava sich nur noch zu einer Seite ins Meer und verschont den bewohnten Teil der Insel. Für die Khilani war das ein Glücksfall. Der verbliebene Hang ragte spitz und weit über den Krater hängend wie eine Haifischflosse in den Himmel. In der Bucht aber, die schon vor dem Untergang von Caltharnae ein Stück Küste gewesen war, lag beinahe unbeschädigt die Flotte vor Anker.

    Was er sah, stimmte Skondra von Khilar zufrieden.

    Fürst Skondra benannte die Insel nach der vulkanischen Region, in der er lebte. Das Land hatte schon früher Khilar gehießen - denn das hieß Ort aus Basalt. Die Burg des Fürsten, errichtet aus schwarzem Vulkangestein, nannte man Schwarzfels. Sie beherbergte auch die gleichnamige Stadt mit dem berühmten Hafen. Das Wahrzeichen von Khilar aber war der Turm Ukožar – das Feuerauge. Denn auf seiner Spitze brannte das ewige Feuer, das den Schiffen den Weg heimwärts wies. Die Insel war während des ersten Zeitalters der Asche berüchtigt für seine Piratenflotte – die Korsaren von Khilar.

    Ein ganzes Zeitalter lang plünderte die Raubflotte der Khilarni mit Erfolg die anderen Häuser des untergegangenen Caltharnae. Ihr Haus war das Einzige, das hochseetaugliche Schiffe zu bauen verstand. So überquerten sie auch das Bittermeer, um an den Stränden des jungen Almanien für Unheil zu sorgen.

    Der Groll, den Skondra von Khilar hegte, wurde von Generation zu Generation wie ein Kelch weitergereicht, bis zu seinem Nachfahren Bhazan von Khilar.

    Unter dessen Herrschaft spielt die Überlieferung des jungen Korsaren Khazir, der während des Ersten Zeitalters der Asche in Schwarzfels lebte, als Khilar sich auf dem Höhepunkt seiner Macht befand.

  • Vom Stolz der Khilani

    Am Abend vor seiner ersten Fahrt aufs Meer saß Khazir mit seinem Großvater auf der Dachterrasse ihres Hauses. Sie tranken roten Tee, den Khazirs Vater von einer Fahrt über das Bittermeer mitgebracht hatte. Unter ihnen lag Schwarzfels im Abendlicht. Trotz des Namens bestanden die meisten Häuser aus hellgrauem Bimsstein, der leicht zu bearbeiten war und in der Abendsonne leuchtete. Die meisten waren geschmückt mit farbenfrohen Markisen, Blumenkübeln und Baldachinen, die dem Grau und Schwarz ihrer Heimat Lebensfreude schenkten. Khazir blickte hinüber zum Hafen. Die Dächer glühten wie Kupfer. Aus den Gassen stieg der Geruch von Salz, Teer und Gewürzen empor. Draußen in der Bucht schaukelten die schlanken Schiffe der Raubflotte an ihren Tauen.

    Morgen würde Khazir zum ersten Mal an Bord gehen. Sein Vater hatte ihm eine Stelle auf einem Korsarenschiff verschafft. Seither sprach Khazir von nichts anderem.

    Doch sein Großvater war damit nicht glücklich. «Du wirst bald viele Geschichten über Khilar hören», sagte der alte Shamek bedächtig. «Alte Geschichten.» Er strich über ein schweres Buch auf seinen Knien, dessen Leder rissig und vom Salz ausgeblichen war. «Die meisten davon werden gelogen sein.»

    Khazir wandte den Blick von den Schiffen ab und betrachtete das Gesicht seines Großvaters. Die Haut aller Khilani war braun gebrannt, das Haar in der Jugend schwarz wie Basalt und die Augen von so hellem Braun, dass sie aussahen wie Gold. «Warum sollte man mich belügen? Was meinst du damit?», fragte Khazir.

    «Die Korsaren haben ihre eigenen Vorstellungen, was Recht und Unrecht ist. Ich möchte, dass du vorher die Geschichte hörst, wie sie in der Chronik unserer Familie steht. Die wahre Geschichte der Korsaren von Khilar.»

    Khazir lächelte. «Vater sagt, wir stammen von den Schwarzen Calidiern ab. Den schwarzhaarigen Menschen von der Ostküste von Caltharnae.»

    Shamek strich mit den Fingern über den Einband. Das Buch gehörte seit Generationen der Familie. «Das behaupten viele hier.»

    «Aber es stimmt doch? Wir leben in einer alten Küstenstadt, die nicht untergegangen ist. Schwarzfels liegt im Osten von Khilar. Und wir haben schwarzes Haar.»

    «Es kann stimmen.»

    Shamek öffnete das Buch. «Die Vorfahren der Schwarzen Calidier ankerten vor langer Zeit an den Ufern von Caltharnae und beschlossen, sich niederzulassen. Aber sie kamen ursprünglich nicht von hier, sondern von den fremden Ländern im Nordosten. Sie brachten ihre Schiffe, ihre Schrift, ihre Gesetze und ihre Waffen mit. Und darum verstanden sie sich nie mit den Häusern, die seit jeher auf Caltharnae wohnten, und die sich Calidier nannten. Die Neuankömmlinge ließen sich von der offenen Ablehnung nicht beirren. Sie bauten Mauern, Türme und Werften, die gesamte Ostküste entlang.»

    «Und sie machten Khilar mächtig.»

    «Ja», sagte Shamek. «Aber Macht ist nicht dasselbe wie Größe.» Shamek las nun langsam aus der Chronik vor: «Die Menschen mit dem schwarzen Haar kamen mit leeren Händen und gingen mit Gold, Holz und Menschen fort. Sie nannten ihren Anführer einen Fürst, auch wenn kein Fürst über sie gesetzt war. Sie nahmen, was sie begehrten, und erklärten Raub zu ihrem von Alvashek bestimmten Recht.»

    Khazir runzelte die Stirn. «Das klingt nicht wie die Geschichte, die Vater erzählt.»

    «Dein Vater erzählt die Geschichte eines Siegers.»

    «Und du?»

    «Ich erzähle die Geschichte dessen, der aufschreibt, was der Sieger lieber vergessen würde.»
    Vom Hof her erklangen Schritte. Khazirs Vater trat durch den Torbogen. Sadux trug seine dunkle Seemannsweste über dem moosgrünen Schnürhemd, und in seinem Gürtel glänzte ein Messer mit einem Griff aus Elfenbein. Das Hemd und die dunkle Pluderhose wurden um die Hüfte von einem weinroten Tuch gehalten. Seine leichten Stiefel waren vom Hafenstaub bedeckt.

    Sadux blieb am Tisch stehen, als er die offenen Seiten der Chronik sah, anstatt sich auf den freien Polsterhocker zu setzen. «Wieder diese alten Klagen?», fragte er.

    «Khazir wollte etwas über seine Herkunft erfahren», sagte Großvater Shamek ruhig.

    Sadux setzte sich nun doch neben seinen Sohn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Seine Finger waren rau von Seilen und Holz. «Du möchtest also über deine Herkunft sprechen. Nun, Khilar wurde von Männern gegründet, die den Mut hatten, dorthin zu segeln, wo andere nur eine karge Küste an einem bitteren Meer sahen: Khilar, die Basaltküste. Fortan nannten sie sich Khilani. Sie bauten diesen Hafen mit seinem Leuchtfeuer an der Ostküste, weil er für sie das Tor zum Norden sein würde. Ihre Nachkommen blieben auch hier, als Caltharnae unterging und von Khilar nur eine Insel übrig blieb. Sie verloren ihr Land, aber nicht ihr Blut und nicht ihren Anspruch.»

    Shamek sah wieder auf die Chronik. «Sie verloren auch nicht ihren Hochmut.»

    Sadux ignorierte ihn. «Die Schwarzen Calidier waren Herren und Eroberer», fuhr er fort. «Sie waren nicht bereit, sich vor den alten Häusern von Caltharnae zu beugen. Selbst, als man Khilar an sich riss, nahmen die Männer das Joch nicht für immer hin. Und sie blieben nicht allein! Die Söhne des Aufständischen Casimir Sircima mit ihren Anhängern folgten ihnen. Casimir, der König von Almanien werden wollte. Sie waren aus ihrer Heimat vertrieben worden, aber sie trugen noch immer ihren Stolz in sich. In Khilar fanden sie eine neue Heimat – und Almanien einen Feind, den es nicht mehr los wurde.»

    «Die Korsaren», sagte Khazir.

    «Unsere Korsaren», erwiderte Sadux. «Sie beherrschen die See, während Almanien seine Grenzen an Land bewacht. Kein Schiff, das von Norden kommt, kann sich sicher fühlen. Kein Hafen an der Küste ist außerhalb unserer Reichweite.»

    «Und was ist mit den Menschen, die schon vor den Korsaren auf Caltharnae lebten?», fragte der Großvater lauernd.

    Das Gesicht von Sadux verhärtete sich. «Die Calidier sind nicht vergessen. Als die Khilani an diese Küsten kamen, fanden sie hier bereits Menschen vor. Sie unterwarfen sie und verlangten Abgaben von ihnen. Doch sie löschten sie nicht aus. Khilar lag an den Küsten Caltharnaes, und viele Männer und Frauen dieser Stadt stammen von dort. Deine Mutter ebenso. Sie ist keine gebürtige Khilani. Sie ist eine Calidierin.»

    Er schenkte seinem Sohn ein Lächeln und nickte ihm zu.

    «Und dennoch», warf Shamek ein, «sollte man nicht vergessen, dass sich die Menschen der Basaltküste über die Jahrhunderte mit den Calidiern vermischt haben. Die Bevölkerung Khilars besteht nicht allein aus Nachkommen der Schwarzen Calidier. Sie vermischten sich mit den Menschen aus den Ländern Caltharnaes und später auch mit den aufständischen Almanen, die nach dem Tod ihres besiegten Möchtegernkönigs Casimir hierher flohen.»

    «Aber Khilar war ein Küstenreich mit eigenem Fürsten und einer eigenen Flotte. Heute sind wir die Stärksten. Selbst die Völker und Fürsten des Festlands mögen unsere Märkte füllen, doch sie stehen nicht auf gleicher Stufe mit uns.» Er hob das Kinn. «Die Männer, die hier Schiffe bauen und Flotten führen, müssen wissen, woher ihre Macht kommt. Nicht aus den Bergen von Caltharnae. Ihre Macht kommt von hier, aus Khilar. Aus dem Blut, das sie in sich tragen, und aus dem Recht ihrer Väter, über die Basaltküste zu herrschen.»

    Khazir ließ den Blick über die Dächer und Türme der Stadt schweifen. In der Bucht lagen die Schiffe.

    Shamek wiegte bedächtig den Kopf. «Ohne den geraubten Reichtum von Caltharnae wäre Khilar nichts. Und auch nicht ohne den Handel mit Almanien. Sein Holz, seine Erze, seine Märkte und seine Menschen nähren diese Insel. Macht gehört nicht denen, die sie sich in alten Büchern zuschreiben. Sie gehört denen, die sie tragen und erhalten.»

    Sadux wandte sich dem alten Mann zu. Für einen Moment schien es, als würde er die Beherrschung verlieren. Doch dann sah er wieder seinen Sohn an. «Lass dich nicht verwirren», sagte er. «Dein Großvater hat zu viele Jahre damit verbracht, die Taten anderer zu beurteilen. Du aber wirst sie selbst vollbringen.»

    Khazir blickte hinaus auf die Bucht. Die Schiffe lagen dort wie dunkle Tiere im roten Licht. Auf einem von ihnen würde er morgen stehen. Vielleicht würde er ferne Küsten sehen, fremde Städte und Schätze, die noch keinen Besitzer hatten.

    «Ich möchte ein berühmter Korsar von Khilar werden», sagte Khazir ernst.

    Sadux lächelte. Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte sein Gesicht weich. «Du bist bereits auf dem richtigen Weg.»

    Shamek schüttelte den Kopf. «Der Dienst auf einem Schiff macht aus einem Jungen keinen Korsar.»

    «Nein», sagte Sadux. «Aber der Kampf.»

    Shamek legte eine Hand auf die Chronik. «Dann ist es gut, dass er vorher die ganze Geschichte kennengelernt hat. Und nicht nur den Teil, den ihm die Korsaren erzählen werden.»

    Sadux stand auf. «Er wird seine eigene Geschichte schreiben.» Damit ging er in das Haus zurück.

    Khazir sah wieder zum Meer. Der Wind hatte aufgefrischt, doch die schlanken Schiffe der Korsaren lagen beinahe unbewegt im Hafen. In seiner Heimatstadt war die Vergangenheit überall gegenwärtig. Die Mauern, die Werften und die Namen der alten Familien erinnerten an Caltharnae; die Märkte, die Sprache und viele Bräuche stammten aus Almanien. Über allem aber stand das Meer. Es ernährte Khilar, machte es reich und führte seine Männer in den Krieg.

    Ein guter Korsar galt als mutig, wenn er mit Beute heimkehrte, und als ehrenhaft, wenn seine Mannschaft ihm folgte. Die Feinde waren keine Fremden, sondern Teil der Geschichten, die man den Kindern erzählte. In Khazirs Familie wurde die Herrschaft der Korsaren als Wiedergewinnung alter Größe verstanden. Sein Großvater aber sah darin dagegen nur eine neue Form von Raub und Knechtschaft.