Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt. Die überlebenden Völker beginnen zu ahnen, dass der Schlüssel zur Herrschaft über Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. Während die Almanen auf Altbewährtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimbünde der Schatten sehen in der Magie die mächtigste Waffe und für die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

233 n.d.A. - Boldiszàrs Ende

Souvagne ist politisch neutral und hat sich als einziges Großherzogtum nicht am Feldzug gegen das Chaos beteiligt. Die Souvagner sind bekannt für ihre Sturheit, vor allem aber für die Mauer, die ihr Land umschließt.
Großherzogtum Souvagne
Das almanische Großherzogtum Souvagne ist geprägt von sanfte Hügeln, auf denen Weinbau betrieben wird, fruchtbaren Feldern und weiten Obstplantagen. Souvagne hält sich aus Kriegen größtenteils heraus und hat sich als einziges Großherzogtum nicht am Feldzug gegen das Chaos beteiligt. Stattdessen setzt Duc Maximilien Rivenet de Souvagne auf politische Neutralität. Von allen Herrschern ist er der Gemäßigtste. Die Grenzen Souvagnes wurden inzwischen größtenteils durch eine Wallanlage gesichert. Nur erlesenen Personen ist die Einreise nach strengen Kriterien noch gestattet.
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Tekuro Chud

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233 n.d.A. - Boldiszàrs Ende

#1

Beitrag von Tekuro Chud » Sa 13. Okt 2018, 19:41

Diese Geschichte spielt 30 Jahre in der Zukunft von Asamura.

Boldiszàrs Ende

Jahr 233 nach der Asche. Strand nahe der Kleinstadt Riva Verde in Ledwick.

Der Dhunische Ozean war berühmt für sein türkisfarbenes Wasser und seine weißen Sandstrände. Er galt als beliebtes Reiseziel der Almanen aus den südlichen Großherzogtümern und die verträumten Küstenstädte von Ledwick waren ein schöner Altersruhesitz. Es war nicht nur das ganzjährig milde Klima und die fast schon tropische Vegetation mit ihren Palmen und Akazien, sondern auch die offene und lebensfrohe Seele der Ledvigiani, wie die Einwohner sich selbst nannten, von welchen die Gäste angezogen fühlten.
Tekuro hingegen sah den vielgerühmten Ozean von Ledwick als lackschwarze Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckte. Der Strand an seinem Ufer war grau, als bestünde er aus Asche und die Dschunken ruhten mit eingerollten Segeln an den Stegen. Die Fenster der Küstenstadt Riva Verde zeigten sich ihm dunkel wie leere Augenhöhlen. Der angeblichen Schönheit der Nacht hatte er noch nie viel abgewinnen können. Es war die Zeit der Jäger und sie schützte ihn vor den Blicken seiner Beute. Sie war praktisch, doch lieben konnte er die Dunkelheit nicht. In Gestalt einer schwarzen Fledermaus flatterte der Vampir den menschenleeren Strand entlang, bis er in einer abgelegenen Bucht zwischen Palmen das Hausboot fand. Es war ein schönes Hausboot aus dunkebraunem Holz und gut gepflegt. Tekuro hielt auf das Sonnendeck zu, wo im Mondenschein zwei verlassene Liegestühle standen. Auf einem davon lag ein Packen zusammengelegter Kleidung. Jemand hatte eine halbierte Kokosnuss, die als Trinkbecher gedient hatte, auf dem niedrigen Tisch vergessen. Ein paar zuckerverklebte Limettenschalen lagen noch darin.
Die Fledermaus landete, streckte ihre Beine und wuchs. Zwischen dem schwarzen Pelz kam Haut zum Vorschein, die sich sanft gebräunt zeigte, obwohl Tekuro seit dreißig Jahren kein Sonnenbad mehr genommen hatte. Es war sein natürlicher Hautton, das Erbe seines Vaters, genau wie die kurzen schwarzen Haare und die braunen, leicht schrägstehenden Augen. Nach wenigen Augenblicken war aus der Fledermaus ein Mann mit dem gut trainierten Körper eines Sechsunddreißigjährigen geworden, der auf die Tür des Deckaufbaus zuging. In Wahrheit war er schon sechsundsechzig und seine Zeit bei der Leibgarde mit dem täglichen Training lag längst hinter ihm. Sein Körper war in dem Zustand festgefroren, in dem er sich zum Zeitpunkt seines Todes befunden hatte. Eine Laterne neben dem Eingang leuchtete einladend und hinter den verhangenen Fenstern des Hausbootes brannte Licht. Tekuro nahm an, dass Boldiszàr mit seiner Ankunft gerechnet hatte. Er klopfte fest.
Innen nahten humpelnde Schritte, dazwischen pochten zwei Krücken auf das Holz. Der Vampir runzelte die Stirn. Letztes Jahr war es noch eine Krücke gewesen. Der alte Kamerad, der das Hausboot bewohnte, öffnete die Tür und grinste ihn mit seinem gesunden Mundwinkel an. Ein paar dunkel verfärbte Zähne blitzen kurz auf. Die Zähne auf der anderen Seite fehlten komplett. Die Narbe, welche sich von dem einstmals verletzten Mundwinkel bis fast zum Ohr zog, war mit zunehmendem Alter immer wieder zu einem Ärgernis geworden, hatte Boldiszàr die Hälfte seiner Zähne gekostet und das Gehör des dazugehörigen Ohres.
»Hallo, Robby«, grüßte er Tekuro auf altvertraute Weise. Aus der offenen Tür wehte der süße Duft von Gebäck, vermengt mit dem Geruch von Kaffee und Schnaps.
»Hey, Boldi. Alles Gute zum Geburtstag«, sagte der Vampir. »Hab wie immer kein Geschenk dabei. Als Fledermaus trägt sich alles schwer und zu Fuß hätte ich ewig bis hierher gebraucht.«
»Dein Besuch ist das beste Geschenk, was du mir machen kannst. Klamotten liegen für dich auf der Liege bereit. Ich dachte, wir setzen uns ein wenig draußen hin bei dem schönen Wetter.«
Mit dem Gardisten von früher hatte Boldiszàr den noch immer vollen Haarschopf gemein, den er sein Leben lang schon gleich trug, oben länger und an den Seiten kurz. Boldiszàr war niemand, der Änderungen mochte, doch der Zahn der Zeit hatte seine Spuren hinterlassen. Sein Haar war vollständig silbern geworden und sein Bulldoggengesicht faltig. Das Einzige, was unverändert geblieben war, war das extreme Blau seiner Augen. Der untersetzte alte Mann quälte sich mit den zwei Krücken an Tekuro vorbei nach draußen. Im Schneckentempo humpelte er zu den Liegestühlen, ohne einen Schmerzenslaut von sich zu geben. Dass er Schmerzen hatte, verrieten die Krücken und seine Gangart nur allzu deutlich. Boldiszàrs Knie hatten schon vor dreißig Jahren herumgezickt und nun waren sie scheinbar endgültig hinüber.
Tekuro tat es in der Seele weh, seinen alten Freund so zu sehen. Während er selbst seit drei Jahrzehnten unverändert blieb, alterten die Menschen um ihn herum. Sie wurden kleiner, faltiger und immer kränker, fielen in sich zusammen und starben. So langsam wie für ihn selbst die Zeit verstrich, so rasant schien das Leben der anderen an ihm vorbeizurasen. Kaum geboren, schienen Kinder erwachsen zu sein und Erwachsene, die eben noch in der Blüte ihrer Jahre gewesen waren, wurden zu hinfälligen Greisen.
Tekuro zog die für ihn bereitliegenden Kleider an, typisch bequeme ledwicker Alltagstracht: Eine weiche Pluderhose und ein luftiges Hemd, welches ohne Knöpfe oder Schnürung getragen wurde. Beides wurde um die Hüfte von einer Schärpe anstelle eines Gürtels zusammengehalten, die für Ortsfremde so aussah, als würden die Ledvigiani sich einen Schal um den Bauch binden. Schnallen und Knöpfe gab es in Ledwick nicht, die Kleidung war rundherum weich und bequem. Boldiszàr hatte Tekuro weder Socken noch Schuhe herausgelegt und ging selbst ebenso barfuß, denn die Nächte waren warm und der Sandstrand weich.
Tekuro setzte sich, als er angekleidet war, im Schneidersitz auf einen der geflochtenen Liegestühle. Boldiszàr setzte sich ebenfalls aufrecht, damit sie besser miteinander sprechen konnten. Er griff unter den Tisch und stellte seinem Gast ein buntes Glas hin, in dem eine dicke rote Flüssigkeit schwappte.
»Abendessen, mit freundlichem Gruß von Silvano. Er liegt schon in der Koje. Wir haben meinen Geburtstag ausgiebig gefeiert und jetzt ist er besoffen, so wie es sich für einen Seebären gehört. Oder einen Seelöwen, wie man hier im schönen Ledvicco sagen würde.«
»Besoffen zu sein ist doch sonst dein Part«, antwortete Tekuro und griff nach dem Glas. »Danke für die Spende. Wär aber nicht nötig gewesen. Ich organisier mir mein Blut schon.«
»Genau das war Silvanos Sorge«, erwiderte Boldiszàr. »Trink schon. Ich hab es ihm abgenommen, nachdem er zwei oder drei Schluck Rum getrunken hatte, so dass du auch etwas davon hast.«
»Wie aufmerksam.« Tekuro trank in einem Zug. Tatsächlich schmeckte er den Rum hinaus. Ein Vampir brauchte weniger Nahrung als ein Lebender, da seine Körpertemperatur der Umgebungstemperatur entsprach und er sie nicht aktiv aufrechterhalten musste. Dieses Glas würde Tekuro für die nächsten zwei Tage sättigen. Er stellte das leere Glas auf den Tisch.
»Boldi, Folgendes. Mit vierzig warst du in hervorragender Verfassung. Mit fünzig warst du ein rüstiger alter Mann und in einem viel besseren Zustand als die meisten Menschen es in diesem Alter sind. Mit sechzig ging es mit dir rapide abwärts. Heute wirst du neunundsechzig und kannst dich gerade noch auf den Beinen halten. Mit siebzig wirst du ein Pflegefall sein.«
»Werde ich nicht«, antwortete Boldiszàr. »So lange es noch geht, geht es eben. Und wenn es nicht mehr geht, werde ich euch und mir alles weitere Elend ersparen. Silvano möchte für uns beide eine Seebestattung. Am liebsten wäre mir ein Grab in der Heimat, im guten alten Souvagne, aber wir haben hier unseren Altersruhesitz und unseren Frieden gefunden.«
»Hör auf damit«, schnauzte Tekuro. »Ich kann das Gerede nicht ertragen. Ich habe dir bereits vor einer halben Ewigkeit das Angebot unterbreitet, dich den Beißern anzuschließen.«
»Und ich werde dein Angebot auch heute ablehnen«, antwortete Boldiszàr ruhig, schüttete die Limettenschalen aus der Kokosnuss und mixte sich darin ein Getränk zusammen. Die Zutaten holte er genau wie das Blut unter dem Tisch hervor, wo allerlei Flaschen standen und eine Obstschale mit einem bereitliegendem Messer. Tekuro verfolgte die Bewegungen des alten Mannes mit den Blicken des Raubtieres, das er war.
»Es ist egoistisch von dir, alt zu werden und zu sterben, obwohl du es nicht müsstest. Du hast keine Ahnung, was du mir damit antust!«
Boldiszàr rührte mit dem Strohhalm sein Getränk um. »Das ist der natürliche Lauf der Dinge«, antwortete er freundlich. »Lassen wir das Thema, wenn es dich betrübt. Berichte mir von deiner Familie. Was machen die Kleinen?«
»Mako hatte vor kurzem Fünfzigsten. Wie es bei uns Tradition ist, habe ich ihn zu seinem vierzigsten Geburtstag gebissen. Vierzig ist ein gutes Alter, um in die Schatten zu treten. Man hatte lange genug Zeit, um die Freuden eines sterblichen Daseins zu genießen und konnte ausreichend Kinder zeugen. Als Untoter ist das einem leider verwehrt. Der Kleine, Tanuki, ist bislang kein Vampir. Er versucht noch immer, Papa zu werden. Ich hab ihm einige Bräute rausgesucht, aber bisher hat es nicht mit dem Nachwuchs geklappt. Ich hoffe, das wird noch. Mako war auch schon so faul. Genau wie mein Vater, der hat auch nur mich gezeugt!«
»Was ist mit Makos Kindern, deinen zwei Enkelchen?«
»Marlin ist jetzt dreißig, genau wie Tanuki. Das lässt sich leicht merken. Marlin liebt das Meer so wie sein Vater Mako. Sie fahren oft gemeinsam raus zum angeln. Wobei, was heißt angeln. Da stellt man sich so etwas Idyllisches vor. Sie fahren mit einem Segelschiff raus und jagen mit Harpunen. Riesen Viecher ziehen sie heraus! Für unsere Nicht-Vampire gibt es dauernd Fisch zu essen. Für die Kleine von Mako, Iruka, such ich noch nach einem passenden Partner. Wenn ich keinen finde, muss einer von Deryas Piranha-Zwillingen ran.«
»Derya war doch aber die Schwester von deiner Frau?«
»Halbschwester. Ihre Söhne sind die Halbcousins meiner Kinder. Sie sind also weit genug verwandtschaftlich entfernt. Gibt keine Inzuchtprobleme, wenn Iruka einem Piranha ein Kind gebiert.«
»Ich mach mir da eher Sorgen, dass eure Anwandlungen sich immer weiter festigen, wenn ihr euch alle untereinander verpaart. Jeder Beißer ist mit den anderen um irgendeine Ecke verwandt. Und die meisten von euch haben einen an der Waffel, du eingeschlossen. Kaum einer lebt ein ehrliches Leben. Wer von euch noch kein Vampir ist, frisst Menschenfleisch. Ihr haltet Sklaven wie die Naridier und richtet sie ab. Wenn da kein frisches Blut reinkommt, wird sich das potenzieren. Mako und Arbogast sind die einzigen Normalen.«
»Es soll sich ja potenzieren«, antwortete Tekuro mit einem breiten Grinsen, bei dem seine rasiermesserscharfen Zähne blitzten. »Wegen den Sklaven übertreibst du. Mein Sklave ist bester Gesundheit und erfreut sich seines Daseins als mein Diener und Spielgefährte.«
»Wunderbar«, grollte Boldiszàr. »Das ist nicht nur illegal, sondern auch widerlich. So leben Naridier, wo der Menschenhandel vermutlich die halbe Wirtschaft ausmacht. Weder dein souvagnisches Blut, noch dein Erbe aus Arashima sollte das gutheißen.«
Tekuro lachte. »Patti bekommt Essen, Trinken, Unterkunft und muss sich um nichts in der Welt Sorgen machen. Ich kümmere mich um alles für ihn und alles, was ich als Gegenleistung verlange, ist, dass er den Haushalt schmeißt und lieb ist. Manchmal frage ich mich, wer uns beiden der Sklave ist.«
Boldiszàr schnaubte. »Lassen wir das Thema. Ich möchte mich nicht an meinem Geburtstag über dich ärgern.«
Die Nacht war still, als die beiden ungleichen Freunde eine Weile schwiegen. Es wehte kaum ein Lüftchen, die Wellen glucksten unter dem Hausboot. Boldiszàr setzte die Kokosnuss an die Lippen und schlürfte geräuschvoll. Ein Teil der Flüssigkeit tropfte aus seinem entstellten Mundwinkel und er tupfte sich mit einem Tuch trocken. Der Vampir beobachtete es mit finsterem Blick. Boldiszàr bemerkte es und lächelte schief.
»Lass uns ein Stück gehen.«
Er stemmte er sich auf seine zwei Krücken und schritt langsam über die Holzbrücke ans Ufer. Tekuro musste in eine andere Richtung schauen. Der Anblick war unerträglich. Im Schneckentempo spazierten sie zwischen den Palmen entlang weiter hinaus aus dem Bezirk von Riva Verde. Zu beiden Seiten des Weges wuchsen stachlige Pflanzen, dazwischen schwebten Glühwürmchen, die in Ledwick zu jeder Sommernacht dazugehörten. Lange Zeit gingen sie, ohne etwas zu sagen.
»Dies ist ein Abschied«, sprach Tekuro schließlich die Vermutung aus, die ihm die ganze Zeit auf der Seele brannte.
»Nimm es nicht so schwer«, sagte Boldiszàr. »Ich bin alt und glücklich. Ich habe mein Leben gelebt und abgesehen von der Kindheit im Heim gibt es nichts, was ich hätte anders haben wollen. Mein Leben war gut. Ich kann mich entspannt zurücklehnen, zufrieden auf alles zurückblicken und darauf warten, dass mein Licht ausgeht.«
»Wenn ich nächstes Jahr wiederkehre«, sprach Tekuro, »werde ich dich nicht mehr hier finden. Nicht wahr? Keine Laterne wird leuchten. Ich werde klopfen und niemand wird öffnen.«
Er war ein hartgesottener Kerl. Sie beide hatten gemeinsam ihre Kindheit im Waisenhaus Saint Aumery verbracht und hatten den Hunger und die Kälte dort überlebt. Damals, als Tekuro noch Robere Moreau hieß, war sein extremer Appetit auf Fleisch erwacht, der ihn später zu einem Beißer gemacht hatte, einem Menschenfresser, ehe er als Vampir auf Flüssignahrung umstieg. Boldiszàr hatte nichts davon gutgeheißen, doch da Robby, wie er ihn liebevoll nannte, viele Jahre seine einzige Bezugsperson gewesen war, hatte er diese Verfehlungen ignoriert. Er hatte die Augen davor verschlossen und so getan, als gäbe es sie nicht. Sie waren Wahlbrüder, die alles voneinander wussten und alles miteinander teilten, auch wenn sie im Herzen verschieden waren. Dazu gehörte ihrer Meinung auch, die dunklen Seiten des anderen zu akzeptieren. Nachdem sie das Waisenhaus verließen, hatte das Schicksal sie fünfzehn Jahre lang getrennt, um ihre Wege bei der Leibgarde von Duc Maximilien Rivenet de Souvagne wieder zusammenzuführen. Boldiszàr und Robere hatten gemeinsam gekämpft und gemeinsam geblutet. Nun sollte die Trennung für immer erfolgen. Tekuro würde Boldiszàr an den Tod verlieren. Zumindest, wenn es nach dem sturen Kopf des alten Gardisten ging.
Tekuro blieb stehen.
»Ich habe eine letzte Bitte.«
»Ich höre«, sprach Boldiszàr, der sich schwer auf die Krücken stützte, die im sandigen Weg versanken.
»Wir beide wissen, was wir einander bedeuten. Aber in all den Jahren war keine Umarmung drin. Meine zwei Jungs umarmen sich, wenn sie sich lange nicht gesehen haben. Ein Bruder sollte den anderen wenigstens in wichtigen Momenten in den Arm nehmen.«
»Doch, einmal habe ich dich umarmt. Als du nach dem Biss gestorben warst und ich dich verloren glaubte. Als du als Vampir wieder aufgewacht bis, habe ich dich in die Arme genommen.«
»Das zählt nicht«, entgegnete Tekuro. »Da warst du besoffen und ich noch halb tot. Eine richtige Umarmung wünsch ich mir von dir zum Abschied. Eine richtig feste Umarmung unter Brüdern.«
Boldiszàr musterte ihn mit seinen hellen Augen. »Wir haben uns nie umarmt, weil es nie nötig war. Genau so wenig haben wir je ein Wort darüber verloren. Manche Dinge brauchen weder Worte noch Taten.«
»Würdest du mir den Wunsch trotzdem erfüllen?«, fragte Tekuro.
Boldiszàr schwieg und sah ihn an. Dann lehnte er seine Krücken an eine Palme. »Komm her, Kleiner«, sagte er freundlich.
Der einen halben Kopf größere Vampir legte die Arme um ihn und Boldiszàr drückte ihn liebevoll an sich. Tekuro musste sehr mit sich kämpfen bei dieser Umarmung. Es war die Erste und Letzte, er sollte seinen Bruder nie wieder sehen. Er würde in einigen Stunden abfliegen in dem Wissen, dass Boldiszàr in den nächsten Wochen starb. Ihr gemeinsames Leben endete am heutigen Tag und vor dem Vampir lag eine endlose Zukunft ohne Boldiszàr. Aber Tekuro war niemand, der die Dinge dem Zufall überließ. Sanft legte er ihm die Hand ins Genick - und drückte zu. Mit der anderen Hand presste er den alten Mann fest wie eine Schraubzwinge an sich. Gleichzeitig riss er den Mund auf und schlug ihm die Zähne in den Hals. Boldiszàr ächzte und Tekuro trank. Nach wenigen Schlucken gab er seinen Bruder frei, um ihn nicht mehr als nötig zu schwächen. Boldiszàr hing keuchend in Tekuros Armen, sein Hals war blutverschmiert.
»Robby..!«, fauchte der alte Gardist wütend.
»Du wolltest es so«, knurrte Tekuro. »Ich hätte dich auch lieber freiwillig an meiner Seite gewusst. Aber manche Menschen muss man zu ihrem Glück zwingen. Du wirst nun sterben und dich in einigen Stunden als Untoter erheben. Du wirst ein alter und klappriger Vampir sein, aber lieber das, als dich zu verlieren. Ich werde dich mit Blut versorgen, so wie ich dich früher mit Fleisch versorgt habe, um uns beide durchzubringen. Dies ist mein Geschenk an dich. Alles Gute zu deinem wahren Geburtstag, Boldi.«
Mit ungläubigem Blick starrte Boldiszàr ihn an, bis seine Augen sich plötzlich nach oben verdrehten. Die Beine sackten unter ihm zusammen und Tekuro hielt ihn fest. Er wuchtete sich den alten Mann über die Schultern und schleppte ihn den Weg zwischen den Palmen entlang. Wohin er ihn bringen musste, hatte er bereits auf dem Hinweg ausgekundschaftet. Gar nicht weit entfernt gab es zwischen ein paar Felsen im Wald, wo auch eine Höhle zu finden war. Als er dort ankam und Boldiszàr vorsichtig ablegte, war sein Freund tot.
Tekuro bettete ihn so, dass er ordentlich lag und strich ihm über das silberne Haar. Im Schneidersitz setzte er sich an Boldiszàrs Fußende und hielt Wacht, so wie er es getan hatte, als sie noch Kinder waren und Boldiszàr fast an den Folgen seiner Verletzung im Gesicht gestorben wäre. Stunde um Stunde saß Tekuro und wartete. Er war sehr glücklich. Manche Dinge durften nicht enden. Ihre Freundschaft, ihre Verbrüderung, war für die Zeitlosigkeit erschaffen.
Endlich begann Boldiszàr sich zu regen. Mit bleichem Gesicht setzte er sich auf und starrte Tekuro an. Der lächelte.
»Willkommen in der Ewigkeit, Boldi.« Tekuro zeigte seine spitzen Zähne. »Lass mal deine Hauer sehen.«
»In einer Ewigkeit, in der ich Menschenblut saufen und mich vor der Sonne verstecken soll«, brüllte Boldiszàr, ohne auf die Bitte einzugehen. »Eine Ewigkeit als Parasit des Landes, das ich mein Leben lang geschützt habe! Nun soll ich seine Bewohner aussaugen, als wären sie Schlachtvieh. Ich hatte keine Angst vor dem Tod, Robby! Ich war bereit, zusammen mit Silvano in Frieden von dieser Welt zu scheiden! Alles war vorbereitet und wir haben extra gewartet, damit du dich von mir verabschieden kannst. Ich wollte dich ein letztes Mal sehen, um mit dem vorletzten Gedanken bei dir zu sein. Der Letzte hätte meinem Mann gegolten. Zum Dank hast du unser geplantes gemeinsames Ende in Würde zunichtegemacht!«
»Und ich habe es ohne jede Reue getan«, erwiderte Tekuro. »Aber was ich bereue, ist, so lange damit gewartet zu haben. Ich dachte, du nimmst irgendwann von allein Vernunft an.«
»Vernunft?«, rief Boldiszàr und Tekuro sah nun, als sein Bruder so herumschrie, dass er auf der intakten Seite oben und unten jeweils einen spitzen Fangzahn bekommen hatte. Die zahnlose Seite war noch immer zahnlos. »Findest du es vernünftig, sich an eine Ewigkeit zu klammern, die nie für den Menschen gedacht war? Worin soll das enden, wenn niemand mehr stirbt?«
»Was kümmert mich das? Sie werden weiterhin sterben«, sagte Tekuro hart. »Nur wir werden es nicht. Die Ewigkeit ist den Beißern vorbehalten. Und wir geben unsere Gabe nur an Familienmitglieder weiter. Du gehörst zur Familie, da du mein Bruder bist. Auch du bist ein Beißer.«
»Ich war nie ein Beißer und ich werde keiner sein. Ich bin Boldiszàr Bovier, Leibgardist im Dienste der Krone. Sohn von Berzan Bovier, einem Agenten der Autarkie! Ehemann von Capitaine Silvano de Mancini, mit dem ich die Vulkaninsel Firasani in die Luft jagte, um neunundvierzig gefallene Kameraden zu rächen! Ich werde das Erbe meiner wahren Familie nicht mit den Füßen treten!«
»Deiner wahren Familie?«, rief Tekuro erbost. »Um dein Bruder zu sein, braucht es keine Blutsverwandtschaft!«
»Aber Seelenverwandtschaft!«
Zu spät sah Tekuro den Stein, nach dem Boldiszàr hinter seinem Rücken gegriffen hatte. So alt wie er inzwischen war, so tief saßen noch seine Kampffertigkeiten. Während er mit einer Hand antäuschte, drosch er Tekuro mit der anderen den Stein gegen den Schädel. Rotes Licht explodierte vor den Augen des Vampirs. Er landete unsanft auf dem Boden und sein Schädel dröhnte wie eine Tempelglocke. Boldiszàr humpelte an ihm vorbei, während er sich an der Höhlenwand abstützte. Tekuro wälzte sich auf den Bauch und stemmte sich auf alle viere.
»Nicht«, brüllt er. »Es ist Tag! Boldi!«
Doch Boldiszàr marschierte entschlossen hinaus, bog um die Ecke und entschwand aus Tekuros Blickfeld. Dann begann er zu schreien. Tekuro rappelte sich auf, fiel wieder um, zog sich erneut an den Felsen hoch. Er hangelte sich an der Wand entlang in Richtung Ausgang, bis die Helligkeit ihn zum Anhalten zwang. Der Ausgang war so gleißend hell, als würde er direkt in die Sonne schauen. Er sah nichts, seine für die Dunkelheit ausgelegten Augen tränten und seine Haut begann zu brennen, als würde sie in Flammen stehen. Reflexartig hob er die Hand und wich n die Schatten zurück. Boldiszàrs Schreien wurde zu einem Kreischen.
»Boldi«, heulte Tekuro auf. Erneut versuchte er, zu ihm vorzudringen. Wenn er ihn ortete, auch wenn er nichts sah, konnte er ihn an den Füßen packen und wieder in die Höhle zerren. Tekuro rannte ein paar Schritte und spürte, wie die Haut sich von seinem Fleisch löste, als würde er in einem Säurebad liegen. Er versuchte dennoch, weiter zu laufen, aber er verlor völlig die Orientierung. Wo war Boldiszàr, wo kam das Schreien her?! Er fiel auf die Knie und tastete im Sand herum. Wo war er nur?! Die gleißende Helligkeit und die Schmerzen machten es unmöglich, seinen Freund zu finden. Tekuro dachte an seine Familie. Mako und Tanuki ... Marlin und Iruka. Die Beißer mussten fortbestehen und er war Teil von ihnen. Nicht zuletzt würde er seinem Vater enormes Leid antun, wenn er nicht zu ihm zurückkehren würde. Er konnte und durfte nicht hier sterben. Mit einem inneren Schmerz, als würde er seine Seele entzweireißen, wandte er sich ab. Auf Händen und Knien kroch Tekuro zurück in den rettenden Schatten, der sich sofort kühl auf seine Haut legte. Boldiszàr hinter ihm hörte nicht auf zu schreien. Tekuro lag mit verzerrtem Gsicht in der Höhle auf dem Bauch, die Stirn in den Sand gepresst.
»Bitte stirb endlich«, flehte er. »Bitte stirb!«
Doch Boldiszàr starb nicht. Wenn Tekuro zuvor angenommen hatte, direktes Sonnenlicht würde einen Vampir innerhalb weniger Sekunden töten, hatte er sich geirrt. Es dauerte eine Viertelstunde, ehe das Geschrei zu einem Wimmern wurde und eine weitere Viertelstunde, ehe nichts mehr zu hören war. Tekuro lag in der Höhle und bewegte sich nicht mehr. Obwohl er für die Welt der Lebenden längst verloren war, fühlte er, dass soeben ein weiterer Teil von ihm gestorben war. In seinem Inneren klaffte ein Spalt, ein Abgrund, eine unbeschreibliche Leere. Er weinte lange.
Als die Nacht hereinbrach, schleppte Tekuro sich nach draußen. Im Mondlicht sah er seine Hände, deren Fleisch an vielen Stellen blank lag. Sand hatte die Wunden verklebt. Es kümmerte ihn nicht.
Boldiszàrs Körper lag verrenkt im Sand. Tekuro brachte es nicht über sich, ihn genauer anzusehen. Er zog sein Oberteil aus und warf es über Boldiszàrs Kopf. Silvano würde seinen Mann sicher bereits suchen. Tekuro taumelte fort von der Leiche seines Freundes. Er warf die Hose an einer auffälligen Stelle auf den Boden. So hatte Silvano es leichter, die Spuren zu finden, die hierher führten und konnte ihnen folgen. Boldiszàr sollte ein würdiges Grab erhalten.
»Du wirst immer mein Bruder sein, egal, was du in deinem Zorn gesagt hast«, sagte er mit brüchiger Stimme. »Das weißt du so gut wie ich. Lebwohl, Boldi.«
Einen Augenblick später flog eine schwarze Fledermaus über den Strand von Ledwick, der nie so trist und grau gewirkt hatte wie in der heutigen Nacht.
"Not all those who wander are lost."
J.R.R. Tolkien

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