Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterlie├čen Relikte, deren Erforschung noch in den Anf├Ąngen liegt. Die ├╝berlebenden V├Âlker beginnen zu ahnen, dass der Schl├╝ssel zur Herrschaft ├╝ber Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. W├Ąhrend die Almanen auf Altbew├Ąhrtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimb├╝nde der Schatten sehen in der Magie die m├Ąchtigste Waffe und f├╝r die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

233 n.d.A. - Boldiszàrs Ende

Souvagne ist politisch neutral und hat sich als einziges Gro├čherzogtum nicht am Feldzug gegen das Chaos beteiligt.
Gro├čherzogtum Souvagne
Das almanische Gro├čherzogtum Souvagne ist gepr├Ągt von sanfte H├╝geln, auf denen Weinbau betrieben wird, fruchtbaren Feldern und weiten Obstplantagen. Souvagne h├Ąlt sich aus Kriegen gr├Â├čtenteils heraus und hat sich als einziges Gro├čherzogtum nicht am Feldzug gegen das Chaos beteiligt. Stattdessen setzt Duc Maximilien Rivenet de Souvagne auf politische Neutralit├Ąt. Von allen Herrschern ist er der Gem├Ą├čigtste. Die Grenzen Souvagnes wurden inzwischen gr├Â├čtenteils durch eine Wallanlage gesichert. Nur erlesenen Personen ist die Einreise nach strengen Kriterien noch gestattet.
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Robere Tekuro Chud-Moreau
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233 n.d.A. - Boldiszàrs Ende

#1

Beitrag von Robere Tekuro Chud-Moreau » Sa 13. Okt 2018, 19:41

Diese Geschichte spielt 30 Jahre in der Zukunft von Asamura.

Boldiszàrs Ende

Jahr 233 nach der Asche. Strand nahe der Kleinstadt Riva Verde in Ledwick.

Der Dhunische Ozean war ber├╝hmt f├╝r sein t├╝rkisfarbenes Wasser und seine wei├čen Sandstr├Ąnde. Er galt als beliebtes Reiseziel der Almanen aus den s├╝dlichen Gro├čherzogt├╝mern und die vertr├Ąumten K├╝stenst├Ądte von Ledwick waren ein sch├Âner Altersruhesitz. Es war nicht nur das ganzj├Ąhrig milde Klima und die fast schon tropische Vegetation mit ihren Palmen und Akazien, sondern auch die offene und lebensfrohe Seele der Ledvigiani, wie die Einwohner sich selbst nannten, von welchen die G├Ąste angezogen f├╝hlten.
Tekuro hingegen sah den vielger├╝hmten Ozean von Ledwick als lackschwarze Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckte. Der Strand an seinem Ufer war grau, als best├╝nde er aus Asche und die Dschunken ruhten mit eingerollten Segeln an den Stegen. Die Fenster der K├╝stenstadt Riva Verde zeigten sich ihm dunkel wie leere Augenh├Âhlen. Der angeblichen Sch├Ânheit der Nacht hatte er noch nie viel abgewinnen k├Ânnen. Es war die Zeit der J├Ąger und sie sch├╝tzte ihn vor den Blicken seiner Beute. Sie war praktisch, doch lieben konnte er die Dunkelheit nicht. In Gestalt einer schwarzen Fledermaus flatterte der Vampir den menschenleeren Strand entlang, bis er in einer abgelegenen Bucht zwischen Palmen das Hausboot fand. Es war ein sch├Ânes Hausboot aus dunkebraunem Holz und gut gepflegt. Tekuro hielt auf das Sonnendeck zu, wo im Mondenschein zwei verlassene Liegest├╝hle standen. Auf einem davon lag ein Packen zusammengelegter Kleidung. Jemand hatte eine halbierte Kokosnuss, die als Trinkbecher gedient hatte, auf dem niedrigen Tisch vergessen. Ein paar zuckerverklebte Limettenschalen lagen noch darin.
Die Fledermaus landete, streckte ihre Beine und wuchs. Zwischen dem schwarzen Pelz kam Haut zum Vorschein, die sich sanft gebr├Ąunt zeigte, obwohl Tekuro seit drei├čig Jahren kein Sonnenbad mehr genommen hatte. Es war sein nat├╝rlicher Hautton, das Erbe seines Vaters, genau wie die kurzen schwarzen Haare und die braunen, leicht schr├Ągstehenden Augen. Nach wenigen Augenblicken war aus der Fledermaus ein Mann mit dem gut trainierten K├Ârper eines Sechsunddrei├čigj├Ąhrigen geworden, der auf die T├╝r des Deckaufbaus zuging. In Wahrheit war er schon sechsundsechzig und seine Zeit bei der Leibgarde mit dem t├Ąglichen Training lag l├Ąngst hinter ihm. Sein K├Ârper war in dem Zustand festgefroren, in dem er sich zum Zeitpunkt seines Todes befunden hatte. Eine Laterne neben dem Eingang leuchtete einladend und hinter den verhangenen Fenstern des Hausbootes brannte Licht. Tekuro nahm an, dass Boldisz├ár mit seiner Ankunft gerechnet hatte. Er klopfte fest.
Innen nahten humpelnde Schritte, dazwischen pochten zwei Kr├╝cken auf das Holz. Der Vampir runzelte die Stirn. Letztes Jahr war es noch eine Kr├╝cke gewesen. Der alte Kamerad, der das Hausboot bewohnte, ├Âffnete die T├╝r und grinste ihn mit seinem gesunden Mundwinkel an. Ein paar dunkel verf├Ąrbte Z├Ąhne blitzen kurz auf. Die Z├Ąhne auf der anderen Seite fehlten komplett. Die Narbe, welche sich von dem einstmals verletzten Mundwinkel bis fast zum Ohr zog, war mit zunehmendem Alter immer wieder zu einem ├ärgernis geworden, hatte Boldisz├ár die H├Ąlfte seiner Z├Ąhne gekostet und das Geh├Âr des dazugeh├Ârigen Ohres.
┬╗Hallo, Robby┬ź, gr├╝├čte er Tekuro auf altvertraute Weise. Aus der offenen T├╝r wehte der s├╝├če Duft von Geb├Ąck, vermengt mit dem Geruch von Kaffee und Schnaps.
┬╗Hey, Boldi. Alles Gute zum Geburtstag┬ź, sagte der Vampir. ┬╗Hab wie immer kein Geschenk dabei. Als Fledermaus tr├Ągt sich alles schwer und zu Fu├č h├Ątte ich ewig bis hierher gebraucht.┬ź
┬╗Dein Besuch ist das beste Geschenk, was du mir machen kannst. Klamotten liegen f├╝r dich auf der Liege bereit. Ich dachte, wir setzen uns ein wenig drau├čen hin bei dem sch├Ânen Wetter.┬ź
Mit dem Gardisten von fr├╝her hatte Boldisz├ár den noch immer vollen Haarschopf gemein, den er sein Leben lang schon gleich trug, oben l├Ąnger und an den Seiten kurz. Boldisz├ár war niemand, der ├änderungen mochte, doch der Zahn der Zeit hatte seine Spuren hinterlassen. Sein Haar war vollst├Ąndig silbern geworden und sein Bulldoggengesicht faltig. Das Einzige, was unver├Ąndert geblieben war, war das extreme Blau seiner Augen. Der untersetzte alte Mann qu├Ąlte sich mit den zwei Kr├╝cken an Tekuro vorbei nach drau├čen. Im Schneckentempo humpelte er zu den Liegest├╝hlen, ohne einen Schmerzenslaut von sich zu geben. Dass er Schmerzen hatte, verrieten die Kr├╝cken und seine Gangart nur allzu deutlich. Boldisz├árs Knie hatten schon vor drei├čig Jahren herumgezickt und nun waren sie scheinbar endg├╝ltig hin├╝ber.
Tekuro tat es in der Seele weh, seinen alten Freund so zu sehen. W├Ąhrend er selbst seit drei Jahrzehnten unver├Ąndert blieb, alterten die Menschen um ihn herum. Sie wurden kleiner, faltiger und immer kr├Ąnker, fielen in sich zusammen und starben. So langsam wie f├╝r ihn selbst die Zeit verstrich, so rasant schien das Leben der anderen an ihm vorbeizurasen. Kaum geboren, schienen Kinder erwachsen zu sein und Erwachsene, die eben noch in der Bl├╝te ihrer Jahre gewesen waren, wurden zu hinf├Ąlligen Greisen.
Tekuro zog die f├╝r ihn bereitliegenden Kleider an, typisch bequeme ledwicker Alltagstracht: Eine weiche Pluderhose und ein luftiges Hemd, welches ohne Kn├Âpfe oder Schn├╝rung getragen wurde. Beides wurde um die H├╝fte von einer Sch├Ąrpe anstelle eines G├╝rtels zusammengehalten, die f├╝r Ortsfremde so aussah, als w├╝rden die Ledvigiani sich einen Schal um den Bauch binden. Schnallen und Kn├Âpfe gab es in Ledwick nicht, die Kleidung war rundherum weich und bequem. Boldisz├ár hatte Tekuro weder Socken noch Schuhe herausgelegt und ging selbst ebenso barfu├č, denn die N├Ąchte waren warm und der Sandstrand weich.
Tekuro setzte sich, als er angekleidet war, im Schneidersitz auf einen der geflochtenen Liegestühle. Boldiszàr setzte sich ebenfalls aufrecht, damit sie besser miteinander sprechen konnten. Er griff unter den Tisch und stellte seinem Gast ein buntes Glas hin, in dem eine dicke rote Flüssigkeit schwappte.
┬╗Abendessen, mit freundlichem Gru├č von Silvano. Er liegt schon in der Koje. Wir haben meinen Geburtstag ausgiebig gefeiert und jetzt ist er besoffen, so wie es sich f├╝r einen Seeb├Ąren geh├Ârt. Oder einen Seel├Âwen, wie man hier im sch├Ânen Ledvicco sagen w├╝rde.┬ź
┬╗Besoffen zu sein ist doch sonst dein Part┬ź, antwortete Tekuro und griff nach dem Glas. ┬╗Danke f├╝r die Spende. W├Ąr aber nicht n├Âtig gewesen. Ich organisier mir mein Blut schon.┬ź
┬╗Genau das war Silvanos Sorge┬ź, erwiderte Boldisz├ár. ┬╗Trink schon. Ich hab es ihm abgenommen, nachdem er zwei oder drei Schluck Rum getrunken hatte, so dass du auch etwas davon hast.┬ź
┬╗Wie aufmerksam.┬ź Tekuro trank in einem Zug. Tats├Ąchlich schmeckte er den Rum hinaus. Ein Vampir brauchte weniger Nahrung als ein Lebender, da seine K├Ârpertemperatur der Umgebungstemperatur entsprach und er sie nicht aktiv aufrechterhalten musste. Dieses Glas w├╝rde Tekuro f├╝r die n├Ąchsten zwei Tage s├Ąttigen. Er stellte das leere Glas auf den Tisch.
┬╗Boldi, Folgendes. Mit vierzig warst du in hervorragender Verfassung. Mit f├╝nzig warst du ein r├╝stiger alter Mann und in einem viel besseren Zustand als die meisten Menschen es in diesem Alter sind. Mit sechzig ging es mit dir rapide abw├Ąrts. Heute wirst du neunundsechzig und kannst dich gerade noch auf den Beinen halten. Mit siebzig wirst du ein Pflegefall sein.┬ź
┬╗Werde ich nicht┬ź, antwortete Boldisz├ár. ┬╗So lange es noch geht, geht es eben. Und wenn es nicht mehr geht, werde ich euch und mir alles weitere Elend ersparen. Silvano m├Âchte f├╝r uns beide eine Seebestattung. Am liebsten w├Ąre mir ein Grab in der Heimat, im guten alten Souvagne, aber wir haben hier unseren Altersruhesitz und unseren Frieden gefunden.┬ź
┬╗H├Âr auf damit┬ź, schnauzte Tekuro. ┬╗Ich kann das Gerede nicht ertragen. Ich habe dir bereits vor einer halben Ewigkeit das Angebot unterbreitet, dich den Bei├čern anzuschlie├čen.┬ź
┬╗Und ich werde dein Angebot auch heute ablehnen┬ź, antwortete Boldisz├ár ruhig, sch├╝ttete die Limettenschalen aus der Kokosnuss und mixte sich darin ein Getr├Ąnk zusammen. Die Zutaten holte er genau wie das Blut unter dem Tisch hervor, wo allerlei Flaschen standen und eine Obstschale mit einem bereitliegendem Messer. Tekuro verfolgte die Bewegungen des alten Mannes mit den Blicken des Raubtieres, das er war.
┬╗Es ist egoistisch von dir, alt zu werden und zu sterben, obwohl du es nicht m├╝sstest. Du hast keine Ahnung, was du mir damit antust!┬ź
Boldisz├ár r├╝hrte mit dem Strohhalm sein Getr├Ąnk um. ┬╗Das ist der nat├╝rliche Lauf der Dinge┬ź, antwortete er freundlich. ┬╗Lassen wir das Thema, wenn es dich betr├╝bt. Berichte mir von deiner Familie. Was machen die Kleinen?┬ź
┬╗Mako hatte vor kurzem F├╝nfzigsten. Wie es bei uns Tradition ist, habe ich ihn zu seinem vierzigsten Geburtstag gebissen. Vierzig ist ein gutes Alter, um in die Schatten zu treten. Man hatte lange genug Zeit, um die Freuden eines sterblichen Daseins zu genie├čen und konnte ausreichend Kinder zeugen. Als Untoter ist das einem leider verwehrt. Der Kleine, Tanuki, ist bislang kein Vampir. Er versucht noch immer, Papa zu werden. Ich hab ihm einige Br├Ąute rausgesucht, aber bisher hat es nicht mit dem Nachwuchs geklappt. Ich hoffe, das wird noch. Mako war auch schon so faul. Genau wie mein Vater, der hat auch nur mich gezeugt!┬ź
┬╗Was ist mit Makos Kindern, deinen zwei Enkelchen?┬ź
┬╗Marlin ist jetzt drei├čig, genau wie Tanuki. Das l├Ąsst sich leicht merken. Marlin liebt das Meer so wie sein Vater Mako. Sie fahren oft gemeinsam raus zum angeln. Wobei, was hei├čt angeln. Da stellt man sich so etwas Idyllisches vor. Sie fahren mit einem Segelschiff raus und jagen mit Harpunen. Riesen Viecher ziehen sie heraus! F├╝r unsere Nicht-Vampire gibt es dauernd Fisch zu essen. F├╝r die Kleine von Mako, Iruka, such ich noch nach einem passenden Partner. Wenn ich keinen finde, muss einer von Deryas Piranha-Zwillingen ran.┬ź
┬╗Derya war doch aber die Schwester von deiner Frau?┬ź
┬╗Halbschwester. Ihre S├Âhne sind die Halbcousins meiner Kinder. Sie sind also weit genug verwandtschaftlich entfernt. Gibt keine Inzuchtprobleme, wenn Iruka einem Piranha ein Kind gebiert.┬ź
┬╗Ich mach mir da eher Sorgen, dass eure Anwandlungen sich immer weiter festigen, wenn ihr euch alle untereinander verpaart. Jeder Bei├čer ist mit den anderen um irgendeine Ecke verwandt. Und die meisten von euch haben einen an der Waffel, du eingeschlossen. Kaum einer lebt ein ehrliches Leben. Wer von euch noch kein Vampir ist, frisst Menschenfleisch. Ihr haltet Sklaven wie die Naridier und richtet sie ab. Wenn da kein frisches Blut reinkommt, wird sich das potenzieren. Mako und Arbogast sind die einzigen Normalen.┬ź
┬╗Es soll sich ja potenzieren┬ź, antwortete Tekuro mit einem breiten Grinsen, bei dem seine rasiermesserscharfen Z├Ąhne blitzten. ┬╗Wegen den Sklaven ├╝bertreibst du. Mein Sklave ist bester Gesundheit und erfreut sich seines Daseins als mein Diener und Spielgef├Ąhrte.┬ź
┬╗Wunderbar┬ź, grollte Boldisz├ár. ┬╗Das ist nicht nur illegal, sondern auch widerlich. So leben Naridier, wo der Menschenhandel vermutlich die halbe Wirtschaft ausmacht. Weder dein souvagnisches Blut, noch dein Erbe aus Arashima sollte das guthei├čen.┬ź
Tekuro lachte. ┬╗Patti bekommt Essen, Trinken, Unterkunft und muss sich um nichts in der Welt Sorgen machen. Ich k├╝mmere mich um alles f├╝r ihn und alles, was ich als Gegenleistung verlange, ist, dass er den Haushalt schmei├čt und lieb ist. Manchmal frage ich mich, wer uns beiden der Sklave ist.┬ź
Boldisz├ár schnaubte. ┬╗Lassen wir das Thema. Ich m├Âchte mich nicht an meinem Geburtstag ├╝ber dich ├Ąrgern.┬ź
Die Nacht war still, als die beiden ungleichen Freunde eine Weile schwiegen. Es wehte kaum ein L├╝ftchen, die Wellen glucksten unter dem Hausboot. Boldisz├ár setzte die Kokosnuss an die Lippen und schl├╝rfte ger├Ąuschvoll. Ein Teil der Fl├╝ssigkeit tropfte aus seinem entstellten Mundwinkel und er tupfte sich mit einem Tuch trocken. Der Vampir beobachtete es mit finsterem Blick. Boldisz├ár bemerkte es und l├Ąchelte schief.
┬╗Lass uns ein St├╝ck gehen.┬ź
Er stemmte er sich auf seine zwei Kr├╝cken und schritt langsam ├╝ber die Holzbr├╝cke ans Ufer. Tekuro musste in eine andere Richtung schauen. Der Anblick war unertr├Ąglich. Im Schneckentempo spazierten sie zwischen den Palmen entlang weiter hinaus aus dem Bezirk von Riva Verde. Zu beiden Seiten des Weges wuchsen stachlige Pflanzen, dazwischen schwebten Gl├╝hw├╝rmchen, die in Ledwick zu jeder Sommernacht dazugeh├Ârten. Lange Zeit gingen sie, ohne etwas zu sagen.
┬╗Dies ist ein Abschied┬ź, sprach Tekuro schlie├člich die Vermutung aus, die ihm die ganze Zeit auf der Seele brannte.
┬╗Nimm es nicht so schwer┬ź, sagte Boldisz├ár. ┬╗Ich bin alt und gl├╝cklich. Ich habe mein Leben gelebt und abgesehen von der Kindheit im Heim gibt es nichts, was ich h├Ątte anders haben wollen. Mein Leben war gut. Ich kann mich entspannt zur├╝cklehnen, zufrieden auf alles zur├╝ckblicken und darauf warten, dass mein Licht ausgeht.┬ź
┬╗Wenn ich n├Ąchstes Jahr wiederkehre┬ź, sprach Tekuro, ┬╗werde ich dich nicht mehr hier finden. Nicht wahr? Keine Laterne wird leuchten. Ich werde klopfen und niemand wird ├Âffnen.┬ź
Er war ein hartgesottener Kerl. Sie beide hatten gemeinsam ihre Kindheit im Waisenhaus Saint Aumery verbracht und hatten den Hunger und die K├Ąlte dort ├╝berlebt. Damals, als Tekuro noch Robere Moreau hie├č, war sein extremer Appetit auf Fleisch erwacht, der ihn sp├Ąter zu einem Bei├čer gemacht hatte, einem Menschenfresser, ehe er als Vampir auf Fl├╝ssignahrung umstieg. Boldisz├ár hatte nichts davon gutgehei├čen, doch da Robby, wie er ihn liebevoll nannte, viele Jahre seine einzige Bezugsperson gewesen war, hatte er diese Verfehlungen ignoriert. Er hatte die Augen davor verschlossen und so getan, als g├Ąbe es sie nicht. Sie waren Wahlbr├╝der, die alles voneinander wussten und alles miteinander teilten, auch wenn sie im Herzen verschieden waren. Dazu geh├Ârte ihrer Meinung auch, die dunklen Seiten des anderen zu akzeptieren. Nachdem sie das Waisenhaus verlie├čen, hatte das Schicksal sie f├╝nfzehn Jahre lang getrennt, um ihre Wege bei der Leibgarde von Duc Maximilien Rivenet de Souvagne wieder zusammenzuf├╝hren. Boldisz├ár und Robere hatten gemeinsam gek├Ąmpft und gemeinsam geblutet. Nun sollte die Trennung f├╝r immer erfolgen. Tekuro w├╝rde Boldisz├ár an den Tod verlieren. Zumindest, wenn es nach dem sturen Kopf des alten Gardisten ging.
Tekuro blieb stehen.
┬╗Ich habe eine letzte Bitte.┬ź
┬╗Ich h├Âre┬ź, sprach Boldisz├ár, der sich schwer auf die Kr├╝cken st├╝tzte, die im sandigen Weg versanken.
┬╗Wir beide wissen, was wir einander bedeuten. Aber in all den Jahren war keine Umarmung drin. Meine zwei Jungs umarmen sich, wenn sie sich lange nicht gesehen haben. Ein Bruder sollte den anderen wenigstens in wichtigen Momenten in den Arm nehmen.┬ź
┬╗Doch, einmal habe ich dich umarmt. Als du nach dem Biss gestorben warst und ich dich verloren glaubte. Als du als Vampir wieder aufgewacht bis, habe ich dich in die Arme genommen.┬ź
┬╗Das z├Ąhlt nicht┬ź, entgegnete Tekuro. ┬╗Da warst du besoffen und ich noch halb tot. Eine richtige Umarmung w├╝nsch ich mir von dir zum Abschied. Eine richtig feste Umarmung unter Br├╝dern.┬ź
Boldisz├ár musterte ihn mit seinen hellen Augen. ┬╗Wir haben uns nie umarmt, weil es nie n├Âtig war. Genau so wenig haben wir je ein Wort dar├╝ber verloren. Manche Dinge brauchen weder Worte noch Taten.┬ź
┬╗W├╝rdest du mir den Wunsch trotzdem erf├╝llen?┬ź, fragte Tekuro.
Boldisz├ár schwieg und sah ihn an. Dann lehnte er seine Kr├╝cken an eine Palme. ┬╗Komm her, Kleiner┬ź, sagte er freundlich.
Der einen halben Kopf gr├Â├čere Vampir legte die Arme um ihn und Boldisz├ár dr├╝ckte ihn liebevoll an sich. Tekuro musste sehr mit sich k├Ąmpfen bei dieser Umarmung. Es war die Erste und Letzte, er sollte seinen Bruder nie wieder sehen. Er w├╝rde in einigen Stunden abfliegen in dem Wissen, dass Boldisz├ár in den n├Ąchsten Wochen starb. Ihr gemeinsames Leben endete am heutigen Tag und vor dem Vampir lag eine endlose Zukunft ohne Boldisz├ár. Aber Tekuro war niemand, der die Dinge dem Zufall ├╝berlie├č. Sanft legte er ihm die Hand ins Genick - und dr├╝ckte zu. Mit der anderen Hand presste er den alten Mann fest wie eine Schraubzwinge an sich. Gleichzeitig riss er den Mund auf und schlug ihm die Z├Ąhne in den Hals. Boldisz├ár ├Ąchzte und Tekuro trank. Nach wenigen Schlucken gab er seinen Bruder frei, um ihn nicht mehr als n├Âtig zu schw├Ąchen. Boldisz├ár hing keuchend in Tekuros Armen, sein Hals war blutverschmiert.
┬╗Robby..!┬ź, fauchte der alte Gardist w├╝tend.
┬╗Du wolltest es so┬ź, knurrte Tekuro. ┬╗Ich h├Ątte dich auch lieber freiwillig an meiner Seite gewusst. Aber manche Menschen muss man zu ihrem Gl├╝ck zwingen. Du wirst nun sterben und dich in einigen Stunden als Untoter erheben. Du wirst ein alter und klappriger Vampir sein, aber lieber das, als dich zu verlieren. Ich werde dich mit Blut versorgen, so wie ich dich fr├╝her mit Fleisch versorgt habe, um uns beide durchzubringen. Dies ist mein Geschenk an dich. Alles Gute zu deinem wahren Geburtstag, Boldi.┬ź
Mit ungl├Ąubigem Blick starrte Boldisz├ár ihn an, bis seine Augen sich pl├Âtzlich nach oben verdrehten. Die Beine sackten unter ihm zusammen und Tekuro hielt ihn fest. Er wuchtete sich den alten Mann ├╝ber die Schultern und schleppte ihn den Weg zwischen den Palmen entlang. Wohin er ihn bringen musste, hatte er bereits auf dem Hinweg ausgekundschaftet. Gar nicht weit entfernt gab es zwischen ein paar Felsen im Wald, wo auch eine H├Âhle zu finden war. Als er dort ankam und Boldisz├ár vorsichtig ablegte, war sein Freund tot.
Tekuro bettete ihn so, dass er ordentlich lag und strich ihm ├╝ber das silberne Haar. Im Schneidersitz setzte er sich an Boldisz├árs Fu├čende und hielt Wacht, so wie er es getan hatte, als sie noch Kinder waren und Boldisz├ár fast an den Folgen seiner Verletzung im Gesicht gestorben w├Ąre. Stunde um Stunde sa├č Tekuro und wartete. Er war sehr gl├╝cklich. Manche Dinge durften nicht enden. Ihre Freundschaft, ihre Verbr├╝derung, war f├╝r die Zeitlosigkeit erschaffen.
Endlich begann Boldisz├ár sich zu regen. Mit bleichem Gesicht setzte er sich auf und starrte Tekuro an. Der l├Ąchelte.
┬╗Willkommen in der Ewigkeit, Boldi.┬ź Tekuro zeigte seine spitzen Z├Ąhne. ┬╗Lass mal deine Hauer sehen.┬ź
┬╗In einer Ewigkeit, in der ich Menschenblut saufen und mich vor der Sonne verstecken soll┬ź, br├╝llte Boldisz├ár, ohne auf die Bitte einzugehen. ┬╗Eine Ewigkeit als Parasit des Landes, das ich mein Leben lang gesch├╝tzt habe! Nun soll ich seine Bewohner aussaugen, als w├Ąren sie Schlachtvieh. Ich hatte keine Angst vor dem Tod, Robby! Ich war bereit, zusammen mit Silvano in Frieden von dieser Welt zu scheiden! Alles war vorbereitet und wir haben extra gewartet, damit du dich von mir verabschieden kannst. Ich wollte dich ein letztes Mal sehen, um mit dem vorletzten Gedanken bei dir zu sein. Der Letzte h├Ątte meinem Mann gegolten. Zum Dank hast du unser geplantes gemeinsames Ende in W├╝rde zunichtegemacht!┬ź
┬╗Und ich habe es ohne jede Reue getan┬ź, erwiderte Tekuro. ┬╗Aber was ich bereue, ist, so lange damit gewartet zu haben. Ich dachte, du nimmst irgendwann von allein Vernunft an.┬ź
┬╗Vernunft?┬ź, rief Boldisz├ár und Tekuro sah nun, als sein Bruder so herumschrie, dass er auf der intakten Seite oben und unten jeweils einen spitzen Fangzahn bekommen hatte. Die zahnlose Seite war noch immer zahnlos. ┬╗Findest du es vern├╝nftig, sich an eine Ewigkeit zu klammern, die nie f├╝r den Menschen gedacht war? Worin soll das enden, wenn niemand mehr stirbt?┬ź
┬╗Was k├╝mmert mich das? Sie werden weiterhin sterben┬ź, sagte Tekuro hart. ┬╗Nur wir werden es nicht. Die Ewigkeit ist den Bei├čern vorbehalten. Und wir geben unsere Gabe nur an Familienmitglieder weiter. Du geh├Ârst zur Familie, da du mein Bruder bist. Auch du bist ein Bei├čer.┬ź
┬╗Ich war nie ein Bei├čer und ich werde keiner sein. Ich bin Boldisz├ár Bovier, Leibgardist im Dienste der Krone. Sohn von Berzan Bovier, einem Agenten der Autarkie! Ehemann von Capitaine Silvano de Mancini, mit dem ich die Vulkaninsel Firasani in die Luft jagte, um neunundvierzig gefallene Kameraden zu r├Ąchen! Ich werde das Erbe meiner wahren Familie nicht mit den F├╝├čen treten!┬ź
┬╗Deiner wahren Familie?┬ź, rief Tekuro erbost. ┬╗Um dein Bruder zu sein, braucht es keine Blutsverwandtschaft!┬ź
┬╗Aber Seelenverwandtschaft!┬ź
Zu sp├Ąt sah Tekuro den Stein, nach dem Boldisz├ár hinter seinem R├╝cken gegriffen hatte. So alt wie er inzwischen war, so tief sa├čen noch seine Kampffertigkeiten. W├Ąhrend er mit einer Hand ant├Ąuschte, drosch er Tekuro mit der anderen den Stein gegen den Sch├Ądel. Rotes Licht explodierte vor den Augen des Vampirs. Er landete unsanft auf dem Boden und sein Sch├Ądel dr├Âhnte wie eine Tempelglocke. Boldisz├ár humpelte an ihm vorbei, w├Ąhrend er sich an der H├Âhlenwand abst├╝tzte. Tekuro w├Ąlzte sich auf den Bauch und stemmte sich auf alle viere.
┬╗Nicht┬ź, br├╝llt er. ┬╗Es ist Tag! Boldi!┬ź
Doch Boldisz├ár marschierte entschlossen hinaus, bog um die Ecke und entschwand aus Tekuros Blickfeld. Dann begann er zu schreien. Tekuro rappelte sich auf, fiel wieder um, zog sich erneut an den Felsen hoch. Er hangelte sich an der Wand entlang in Richtung Ausgang, bis die Helligkeit ihn zum Anhalten zwang. Der Ausgang war so glei├čend hell, als w├╝rde er direkt in die Sonne schauen. Er sah nichts, seine f├╝r die Dunkelheit ausgelegten Augen tr├Ąnten und seine Haut begann zu brennen, als w├╝rde sie in Flammen stehen. Reflexartig hob er die Hand und wich n die Schatten zur├╝ck. Boldisz├árs Schreien wurde zu einem Kreischen.
┬╗Boldi┬ź, heulte Tekuro auf. Erneut versuchte er, zu ihm vorzudringen. Wenn er ihn ortete, auch wenn er nichts sah, konnte er ihn an den F├╝├čen packen und wieder in die H├Âhle zerren. Tekuro rannte ein paar Schritte und sp├╝rte, wie die Haut sich von seinem Fleisch l├Âste, als w├╝rde er in einem S├Ąurebad liegen. Er versuchte dennoch, weiter zu laufen, aber er verlor v├Âllig die Orientierung. Wo war Boldisz├ár, wo kam das Schreien her?! Er fiel auf die Knie und tastete im Sand herum. Wo war er nur?! Die glei├čende Helligkeit und die Schmerzen machten es unm├Âglich, seinen Freund zu finden. Tekuro dachte an seine Familie. Mako und Tanuki ... Marlin und Iruka. Die Bei├čer mussten fortbestehen und er war Teil von ihnen. Nicht zuletzt w├╝rde er seinem Vater enormes Leid antun, wenn er nicht zu ihm zur├╝ckkehren w├╝rde. Er konnte und durfte nicht hier sterben. Mit einem inneren Schmerz, als w├╝rde er seine Seele entzweirei├čen, wandte er sich ab. Auf H├Ąnden und Knien kroch Tekuro zur├╝ck in den rettenden Schatten, der sich sofort k├╝hl auf seine Haut legte. Boldisz├ár hinter ihm h├Ârte nicht auf zu schreien. Tekuro lag mit verzerrtem Gsicht in der H├Âhle auf dem Bauch, die Stirn in den Sand gepresst.
┬╗Bitte stirb endlich┬ź, flehte er. ┬╗Bitte stirb!┬ź
Doch Boldisz├ár starb nicht. Wenn Tekuro zuvor angenommen hatte, direktes Sonnenlicht w├╝rde einen Vampir innerhalb weniger Sekunden t├Âten, hatte er sich geirrt. Es dauerte eine Viertelstunde, ehe das Geschrei zu einem Wimmern wurde und eine weitere Viertelstunde, ehe nichts mehr zu h├Âren war. Tekuro lag in der H├Âhle und bewegte sich nicht mehr. Obwohl er f├╝r die Welt der Lebenden l├Ąngst verloren war, f├╝hlte er, dass soeben ein weiterer Teil von ihm gestorben war. In seinem Inneren klaffte ein Spalt, ein Abgrund, eine unbeschreibliche Leere. Er weinte lange.
Als die Nacht hereinbrach, schleppte Tekuro sich nach drau├čen. Im Mondlicht sah er seine H├Ąnde, deren Fleisch an vielen Stellen blank lag. Sand hatte die Wunden verklebt. Es k├╝mmerte ihn nicht.
Boldisz├árs K├Ârper lag verrenkt im Sand. Tekuro brachte es nicht ├╝ber sich, ihn genauer anzusehen. Er zog sein Oberteil aus und warf es ├╝ber Boldisz├árs Kopf. Silvano w├╝rde seinen Mann sicher bereits suchen. Tekuro taumelte fort von der Leiche seines Freundes. Er warf die Hose an einer auff├Ąlligen Stelle auf den Boden. So hatte Silvano es leichter, die Spuren zu finden, die hierher f├╝hrten und konnte ihnen folgen. Boldisz├ár sollte ein w├╝rdiges Grab erhalten.
┬╗Du wirst immer mein Bruder sein, egal, was du in deinem Zorn gesagt hast┬ź, sagte er mit br├╝chiger Stimme. ┬╗Das wei├čt du so gut wie ich. Lebwohl, Boldi.┬ź
Einen Augenblick sp├Ąter flog eine schwarze Fledermaus ├╝ber den Strand von Ledwick, der nie so trist und grau gewirkt hatte wie in der heutigen Nacht.
"Not all those who wander are lost."
J.R.R. Tolkien

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