Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den AnfĂ€ngen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. WĂ€hrend die Urvölker auf AltbewĂ€hrtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. GeheimbĂŒnde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

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Jaro BallivĂČr
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Die Ordnung Chronist in Bronze Die fleißige Feder in Bronze SchlĂŒsselloch

Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#1

Beitrag von Jaro BallivĂČr » Do 1. Nov 2018, 11:53

Die Elemente tragen unsere Welt. Sie sind die Konstanten im Wechselspiel von Licht und Schatten, Geburt und Tod, Wachstum und Erneuerung. Sie stÀrken und kontrollieren sie sich gegenseitig in perfekter Balance.
Oder im ewigen Wettstreit.

Es ist eine Frage des Blickwinkels
.

 



Prolog

Ein Ast knackte unter Raks Fuß. Sofort verharrte er und lauschte. Er zog seinen Schild nĂ€her zu sich heran, ging leicht in die Knie. Hatten sie ihn gehört? Der Wald wirkte verlassen, doch er wusste, dass sie da waren und ihn jagten.
Er drehte den Kopf. Bis auf das Rascheln der trockenen BlĂ€tter war nichts zu hören, bis auf die Schattenspiele der spĂ€ten Sonnenstrahlen nichts zu sehen. Sein selbst gezimmertes Holzschwert fest gepackt, setzte er sich wieder in Bewegung. Geduckt schlich er den engen Pfad entlang, der nach etlichen Biegungen zum Fluss fĂŒhren wĂŒrde.
Mit Sicherheit wĂŒrden sie das Ufer ĂŒberwachen, doch dort konnte er sich schneller bewegen und war das unangenehme GefĂŒhl los, jeden Moment aus dem Hinterhalt angegriffen zu werden. Er musste es nur bis zur Böschung schaffen, dann könnte er sich zwischen den moosigen Felsen und krummen BĂ€umen verstecken und seine Verfolger aus sicherer Entfernung beobachten.
Ein Surren in der Luft schreckte Rak aus seinen Gedanken auf. Er zuckte zusammen und direkt neben ihm schlug ein Pfeil in den Stamm eines Baumes ein. Sofort drehte sich Rak um, riss den Schild hoch und duckte sich dahinter weg. Ein zweiter Pfeil prallte daran ab. Sie hatten ihn gefunden


Der BogenschĂŒtze rief etwas. Langsam ging Rak rĂŒckwĂ€rts, ohne seine Deckung zu lichten. Wieder schlug ein Peil gegen einen Baum. Dann sah er die ersten Schemen seitlich im Unterholz. Sie kamen zu fĂŒnft auf ihn zu. Er war umzingelt und seine einzige Waffe war ein hölzernes Schwert. Trotzdem packte er es fest. Er war bereit, den Kampf aufzunehmen.

„Dieses Mal bist du weit gekommen“, sagte Sara. „Wir waren uns sicher, dass du dich nicht an einen der Pfade hĂ€ltst.“
Sie legte sich ihr Kurzschwert ĂŒber die Schulter und trat hinaus auf den Weg.
„Ja
 Wenn Matthes dich nicht gefunden hĂ€tte, wĂ€rst du bis zum Fluss gekommen.“ Jaspar grinste.
„Es ist noch nicht vorbei! Ihr mĂŒsst mich angreifen!“, forderte Rak.
Sara seufzte. „Und dann verpfeift uns dein Vater wieder, weil du so viele blaue Flecken hast. Nein danke.“
Rak spĂŒrte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. „Ich werde sie ihm sicher nicht zeigen“, presste er hervor.
„Wir haben sowieso gewonnen.“ Mit gespannter Sehne trat nun auch Matthes aus dem GebĂŒsch. „Lass gut sein fĂŒr heute, Rak. Ich habe Bier am Fluss versteckt. Wir sollten es trinken, bevor die Strömung es sich holt.“
Mit grimmiger Miene sah Rak den Knappen an. Es war fast immer er, der ihn aufspĂŒrte und mit seinen stumpfen Pfeilen beschoss. Aber kein Wunder: immerhin genoss er im Gegensatz zu den anderen die nötige Ausbildung.
„Du schuldest mir noch einen Zweikampf
 irgendwann
 dann musst du diese feige Waffe ablegen und wie ein Mann kĂ€mpfen.“
Matthes lachte und klopfte Rak auf die Schulter.
„Wenn du das wirklich willst
 und jetzt kommt.“

Am Fluss wartete nicht nur gekĂŒhltes Bier auf sie, sondern, wie Rak erstaunt feststellte, die Prinzessin höchst selbst.
„Was starrst du so?“, fuhr sie Rak an. „Im Gegensatz zu meinem hohen Bruder vermisst meine Anwesenheit bei so einem Schwachsinn wie diesen Turnieren niemand. Da kann ich genauso gut ein wenig Spaß haben.“
Rak bezweifelte allerdings, dass sie alleine hier war. Er blickte sich um und lange suchen musste er nicht: am Waldrand waren drei Ritter der königlichen Garde postiert. Er fragte sich, ob es Fluch oder Segen war, immer von dieser schweigenden Horde flankiert zu werden.

Sie saßen am Flussufer und tranken. Klara hatte ihren Kopf auf Jaspars Schoß gelegt, der seinem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck zum Trotz verkrampft und regungslos da saß. Rak verstand sich eigentlich gut mit dem Sohn des Waffenschmieds, doch es störte ihn, dass der Freund sich von der Prinzessin so manipulieren ließ. Ihm musste doch klar sein, dass fĂŒr ihn nichts als Ärger aus so einer Verbindung herausspringen wĂŒrde.
„Hört ihr das auch?“, sagte Matthes plötzlich in die Stille. „Hier summt etwas.“
„Du summst“, lachte Bastian. „Du hast wohl schon zu viel Bier getrunken.“
„Eben, das kommt bestimmt nur aus der Imkerei“, ergĂ€nzte Sara.
„Nein. Ich höre es auch. Das sind keine Bienen.“ Rak wusste genau, wie sich Bienen anhörten, da sich auch seine Eltern ein paar kleinere Stöcke hielten. Die Insekten summten auf eine gleichmĂ€ĂŸige und sanfte Weise, doch dieses GerĂ€usch war scharf wie eine Schneide und unstetig.
„Es kommt von hier drĂŒben“, sagte Matthes und ging in Richtung einer dichteren Böschung. „Hier ist es richtig laut.“
Rak stand auf und folgte dem Knappen. Er hatte Recht: das GerĂ€usch schwoll an und pochte in dröhnenden Wellen in seinem Kopf. Rak spĂŒrte ein Kribbeln in seinen HĂ€nden. Er konnte das GerĂ€usch nicht lĂ€nger nur hören, sondern auch fĂŒhlen. In Wellen strich es ĂŒber seine Haut und pulsierte durch sein Blut. Instinktiv hielt er sich die Ohren zu.
„Da ist etwas in dem GebĂŒsch“, sagte Matthes, dem das Summen offenbar weniger zusetzte. „Lass uns nachsehen, was es ist.“
Rak wollte protestieren, doch er war wie betĂ€ubt und der Knappe griff bereits zum Heft seines Kurzschwerts und entfernte das GebĂŒsch.
„Was ist das?“, raunte Bastian aus einiger Entfernung.
„Ein Stein, was sonst“, warf Jaspar ein.
„Das ist kein normaler Stein“, sagte Sara. „Seht doch wie die Luft um ihn herum vibriert und wie es summt.“
Der Rest der Gruppe schloss zu Rak und Matthes auf. Jaspar streckte die Hand nach dem Pfeiler aus.
„Vielleicht sollten wir es lieber nicht anfassen“, sagte Rak unsicher.
Klara schnaubte. „Hast du Angst, Brötchen?“
„Er hat Recht“, sagte Sara. „Wir wissen ja gar nicht, was das ist. Vielleicht sollten wir die Ritter rufen.“
„Spinnst du? Weißt du, wie lange ich gebraucht habe, sie davon zu ĂŒberzeugen, dass sie nicht pausenlos direkt hinter mir stehen mĂŒssen? Lasst mich machen. Im Gegensatz zu euch bin ich nicht so ein Angsthase.“
Klara streckte die Hand aus und legte sie auf den Pfeiler. Ihre Augen weiteten sich kurz, dann aber lÀchelte sie.
„Seht ihr, ihr Feiglinge? Das ist nur ein Wegestein! FrĂŒher hat es solche Markierungen oft gegeben.“
Zufrieden wollte sie ihre Hand wieder wegziehen, doch es ging nicht. Entsetzen machte sich in ihrem Gesicht breit und Rak folgte ihrem Blick bis zur Hand und sah den Grund dafĂŒr: der Stein bewegte sich. Es wirkte ein bisschen wie grauer Brötchenteig und langsam schloss sich die Masse um Klaras Hand.
„Tut etwas, so tut doch etwas!“, rief die Prinzessin verzweifelt.
Die merkwĂŒrdige Steinmasse hatte bereits ihr Handgelenk erreicht und es machte nicht den Anschein, als wĂŒrde es dort stoppen. Hilflos stand die Gruppe Jugendliche um das MĂ€dchen und starrte aus bleichen Gesichtern auf den verschwindenden Arm. Mittlerweile hatten die Ritter sie erreicht.
„Euer MajestĂ€t, was habt ihr getan?“, rief einer aus, den Rak als Sir Wernett erkannte. Klara schrie wie am Spieß, doch auch die Ritter schienen unfĂ€hig etwas zu tun. Bevor er wusste was er tat, griff sich Rak Matthes‘ Schwert und trennte mit einer schnellen und gezielten Bewegung die Hand der Prinzessin ab.
Klara verstummte kurz. Rak spĂŒrte alle Blicke auf sich. Dann begann die Prinzessin wieder zu schreien, dieses Mal vor Schmerz.
Rak stand da wie erstarrt.
Klara weinte und schrie und es war fast schon erlösend, als sie schließlich das Bewusstsein verlor.
„Du hast die Prinzessin verletzt!“, rief Sir Wernett.
„Ich
 ich habe sie gerettet“, stammelte Rak.
„Du hast die Klinge gegen Eure MajestĂ€t erhoben“, beharrte der große Mann. „Das wird mit dem Tode bestraft.“
Rak wollte etwas erwidern, doch Jaspar erhob zitternd die Hand und zeigte auf die Prinzessin.
„Klara! Was passiert mit ihr?“
Die anderen folgten seinem Blick. Die Haut der Prinzessin verfĂ€rbte sich grau und schien brĂŒchig zu werden.
„Sie verwandelt sich in Stein“, flĂŒsterte Rak eigentlich mehr zu sich selbst, doch Sir Wernett blickte ihn aus strengen blauen Augen an.
„Du scheinst ja sehr genau Bescheid zu wissen. Das ist Hexerei, das ist
“
Weiter kam er nicht. Klara öffnete die Augen und sah sich panisch um. Ihre Pupillen tanzten in den Höhlen, doch kein Laut kam aus ihrem Mund.
„Sir, wir mĂŒssen sie ins Schloss bringen“, sagte einer der anderen Ritter und Sir Wernett nahm widerwillig seinen Blick von Rak. „Bringt sie zu meinem Pferd. Und danach legt diesen Bastard in Ketten und werft ihn in den Kerker.“
Rak stand da, als wÀre er ebenfalls versteinert. Er hatte doch nur helfen wollen!
Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter.
„Komm, Junge.“ Sir Kartoffs Stimme duldete keine Widerrede, doch Rak hatte sowieso nicht vor sich zu wehren. Was sollte er gegen den großen Ritter schon ausrichten?
Er ließ sich an den anderen vorbei fĂŒhren und sah nicht zu ihnen auf. Keiner hatte versucht, ein gutes Wort fĂŒr ihn einzulegen. Stumm standen sie da, wie sie es schon getan hatten, als Klara angegriffen worden war. Sie waren allesamt Feiglinge!
Kartoff hob ihn auf das Schlachtross und schwang sich hinter ihn in den Sattel.
„Zur Burg“, knurrte Sir Penleff. Wernett war mit der Prinzessin bereits losgeritten.

Rak kannte den Weg in und auswendig. Er musste nicht aufsehen, um zu wissen, dass sie erst die Obsthaine durchquerten, die ersten AuslĂ€ufer des Dorfes passierten und schließlich durch das Haupttor in den ersten und durch das Basalttor in den zweiten Mauerring gelangten. Immerhin fand gerade das Turnier statt und Marktplatz und Gassen waren verwaist.
„Ich habe sie gerettet“, flĂŒsterte Rak, doch falls Sir Kartoff ihn hören konnte, ignorierte er ihn.
Wie um alles in der Welt sollte er sich verteidigen, vor allem, wenn die anderen den Mund nicht aufbrachten? Er verstand ja selbst nicht einmal, was dort passiert war. Seit wann wurde Stein lebendig? Hexerei
 Sir Wernetts Worte fielen ihm wieder ein und seine Augen weiteten sich. Sie wĂŒrden ihn steinigen, sie wĂŒrden ihn hĂ€ngen! Der Gedanke erschien so aberwitzig. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er derjenige war, dem die Leute Krinkgards demnĂ€chst ĂŒble Dinge zuriefen, den sie mit Steinen und Mist bewarfen und einen Hexer schimpften. Doch selbst wenn Matthes oder Jaspar ihn verteidigten, wer wĂŒrde ihnen glauben? Selbst Saras Wort wĂŒrde nicht genug Gewicht haben, obwohl sie die Cousine der Prinzessin war. Die Prinzessin
 was wĂŒrde mit ihr geschehen?
„Was machen wir mit ihm?“, drang Sir Penleffs Stimme in Raks Bewusstsein.
„Verlies“, brummte Sir Kartoff.
„Ich habe sie gerettet.“ Dieses Mal sprach Rak lauter und versuchte die Angst in seiner Stimme zu verbergen.
„Du hast den verdammten Stein auf sie gehetzt, Junge.“ Rak erwiderte Penleffs Blick und schĂŒttelte energisch den Kopf. „Nein! Das stimmt nicht! Wie sollte ich so etwas tun?“
„Schweig. Der König wird ĂŒber dich entscheiden“, mischte Kartoff sich ein.
„Er hat uns immer gewarnt“, Sir Penleff fĂŒhrte sein Pferd nĂ€her heran. „Wir haben ihn alle fĂŒr verrĂŒckt erklĂ€rt, aber er hat uns gewarnt.“ Er flĂŒsterte nun fast. „Die Magie kehrt zurĂŒck.“
 


1. Die Nacht und das Feuer

Die SchwĂ€rze der Nacht ging nahtlos in die WĂ€nde der Festung Xarchavas ĂŒber. Das bleiche Licht des Mondes kĂ€mpfte allein gegen die Dunkelheit, doch schon bald wĂŒrde es Beistand erhalten. Ein riesiger Scheiterhaufen wartete darauf, entzĂŒndet zu werden. Triborin rĂŒckte die enge Lederuniform am Hals zurecht und verlagerte das Gewicht.
„Nervös?“, zischte Rachmar höhnisch von der Seite. „Lass das besser nicht den Lord sehen.“
Triborin knirschte mit den ZĂ€hnen. „Ich bin nicht nervös“, log er.
Es war seine erste große Hinrichtung, nun, da er die Akademie verlassen und als Leibgardist dem Ritual beizuwohnen hatte.
„Ich rate dir, nicht das Gesicht zu verziehen, wenn sie schreien“, fuhr der Ă€ltere Krieger fort. „Er wird es merken.“
Daran zweifelte Triborin nicht. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Lord Xyrius ĂŒberhaupt etwas entging. Doch er hatte nicht vor, das Gesicht zu verziehen. Diese Leute hatten verdient den Feuertod zu sterben, denn sie hatten ihren Herrn betrogen und damit auch ihre Göttin.

Der umliegende Platz war ĂŒberfĂŒllt. Die ganze Hauptstadt schien sich versammelt zu haben, voller Hass und Gier danach, die VerrĂ€ter sterben zu sehen. Des Lords Platz war leer, gesĂ€umt von Reihe um Reihe seiner Leibgarde, viele pechschwarze Treppenstufen ĂŒber dem Scheiterhaufen und dem gemeinen Volk. Eine gespenstische Stille lag ĂŒber der ganzen Szene. Dann klirrten die Ketten der Verurteilten hinter Triborin, als diese durch den schmalen Korridor zwischen den Reihen der Krieger und Stufe um Stufe hinab in Richtung Tod marschierten. Der junge Elf schielte zu ihnen hinĂŒber. Die MĂ€nner und Frauen trugen helle Hemden, als Zeichen ihrer Schande. Ihr Haar war abrasiert worden und viele ließen Schultern und Köpfe hĂ€ngen, zerstört und gebrochen von Folter und Verhör. Nur einige wenige hatten das Kinn stolz nach vorne gestreckt mit grimmigem Ausdruck und Trotz in den Augen. Als Triborin schon meinte, der Zug wĂŒrde gar nicht mehr aufhören, kam das letzte Opfer an ihm vorbei und sein Herz setzte einen Moment aus. Es war ein Kind.
„Was kann ein Kind
“, murmelte er fassungslos, da trat Rachmar ihm auf den Fuß. Lord Xyrius hatte das Podest betreten und seine purpurnen Augen streiften ĂŒber all die Köpfe hinweg. Er trug das weißblonde Haar offen und streng nach hinten gekĂ€mmt. Seine GewĂ€nder waren pechschwarz und aufwendig gearbeitet und die Halskrempe reichte ihm bis an die scharfe Linie seines Kiefers. Der Lord der Dunkelelfen nahm Platz und hob eine Hand und, wenn es denn ĂŒberhaupt möglich war, wurde es noch stiller. Langsam trat ein Beamter neben dem Thron hervor und entrollte ein StĂŒck Pergament.

„Die hohe Rasse der Dunkelelfen, auserkoren von Noxa, der einzig wahren Göttin ĂŒber Himmel und Erde, Leben und Tod, ĂŒberdauert auf diesem Planeten schon seit je her
 weil eines stets ihr Grundsatz war“, er hielt kurz inne, um dann noch lauter und schneidender fortzufahren. „Geboren von der Nacht, unserer Mutter, ist ein jeder Dunkelelf ihr zu Treue verpflichtet. Ihr, und ihrem Vertreter auf Erden, unserem Lord. Im Gegenzug erhĂ€lt er Schutz und Sicherheit und kann darauf vertrauen, dass die Nacht jedes Mal wieder ĂŒber das Licht des Tages siegen wird.
All‘ jene, die dem zuwider handeln, sind eine Gefahr fĂŒr das Überleben unseres Volkes! Sie sind eine Schande fĂŒr unsereins und Noxa nicht wĂŒrdig.“
Die Gefangenen hatten mittlerweile den Scheiterhaufen erreicht und waren rundherum platziert und angekettet worden.
„Zum Wohle und zur Sicherheit unseres Volkes werden sie brennen und den Zorn unserer hohen Göttin erfahren.“
Erneut hob Lord Xyrius die Hand und dieses Mal schossen augenblicklich Flammen hinauf. Triborin lief es eiskalt den RĂŒcken hinunter, doch er zwang sich, den Kopf gerade zu halten und hinzusehen. Die Flammen zischten und krochen immer nĂ€her an die Verurteilten heran. Ganz deutlich konnte Triborin den kleinen Körper des Kindes erkennen. Er schluckte schwer. Dann kamen die Schreie. Erst war es vereinzeltes Stöhnen, gefolgt von Gewimmer und schließlich kreischte und brĂŒllte der ganze Feuerball vor Qual und Schmerz. Triborins Inneres zog sich zusammen. Vor seinem Geiste sah er den kleinen Körper des Jungen, seine vor Panik weit aufgerissenen Augen und den zu einem Schrei geöffneten Mund, ungehört inmitten der anderen, hilflos, zwecklos, atemlos, bis endlich der Tod Erbarmen zeigte und es wieder still wurde. Erst jetzt bemerkte Triborin, dass er aufgehört hatte zu atmen und wie ein halb ertrunkener sog er gierig Luft ein.
Das Knistern und Knacken der Flammen waren die einzigen GerĂ€usche auf dem großen Platz. Niemand rĂŒhrte sich. Es stand Lord Xyrius zu, die Versammlung aufzulösen.
Triborin drehte den Kopf ein wenig und sah zu seinem Oberhaupt hinĂŒber. Vor Schreck zuckte er zusammen. Die kalten Augen des Lords waren direkt auf ihn gerichtet. Triborins Herz schlug ihm bis zum Hals. Hatte er seine SchwĂ€che erkannt? Sein Mitleid, seine Zweifel? Sowohl UnterwĂŒrfigkeit als auch StĂ€rke zeigend, hielt Triborin dem Blick stand, ohne seinem Lord direkt in die Augen zu sehen, was strengstens untersagt war. Die Anspannung zog sich durch seinen ganzen Körper, doch er versuchte jedwede GefĂŒhlsregung aus seinem Gesicht zu verbannen.
Endlich wandte Xyrius den Blick ab. Stumm erhob er sich, nickte knapp in Richtung der versammelten Elfen und setzte sich in Bewegung.
Die Gardisten drehten ab, um ihren Herrscher in die Festung zu geleiten. Noch immer spĂŒrte Triborin den harten Blick der purpurnen Augen auf sich, merkte wie seine HĂ€nde zitterten. Mutter hatte ihn gewarnt. Xarchavas formte junge MĂ€nner wie ein Schmiedehammer. Entweder sie brachen oder sie verhĂ€rteten. Triborin verwarf den Gedanken und presste seine Lippen fest aufeinander. Er war nicht schwach. Er war der beste seines Jahrgangs. Bei Noxa, er musste sich zusammenreißen.

Xarchavas gewaltige Fassade wuchs vor ihnen aus dem schwarzen Fels des Gebirges heraus und streckte ihre zackigen Glieder in den Nachthimmel. Das Portal stand offen und die Kaminfeuer dahinter ließen es wie einen feurigen Schlund erscheinen. Ihre Schritte hallten laut in der großen Obsidianhalle, an deren Ende Xyrius Thron platziert war und zu deren Seiten dunkle GĂ€nge und Treppen tiefer in die Festung fĂŒhrten.
Ohne sie eines weiteren Blickes zu wĂŒrdigen, schritt Xyrius auf die breiteste der Treppen zu, die in seine privaten GemĂ€cher fĂŒhrte. Mechanisch blieben die Gardisten am Rand des Durchgangs stehen, nahmen Haltung an und warteten, bis Xyrius‘ Schritte verhallten und die TĂŒre seines Kartenzimmers laut ins Schloss fiel.

Triborin hatte den Rest des Tages frei, deshalb machte er sich auf in Richtung der GewölbegÀnge, die die Zellen der Gardisten beherbergten. Noch bevor er die Haupthalle verlassen hatte, fing ihn ein Schreiber ab.
„Gardist Taachor?“, fragte er, ohne eine Antwort zu erwarten. „Seine Lordschaft will Euch sehen. UnverzĂŒglich.“
Das Herz sank Triborin in die Hose. Andere Gardisten warfen ihm Blicke zu, doch keiner sagte etwas. Es gab zu viele Ohren in dieser Halle. Nervös steuerte Triborin auf den Durchgang zu, in dem Xyrius verschwunden war. Zwei Gardisten hatten davor Stellung bezogen und nickten ihm knapp zu. Am Fuß der Treppe hielt er kurz inne. Er war noch nie in diesem Teil der Festung gewesen. Die wenigsten waren das.
Die Stufen waren spiegelglatt und gleichmĂ€ĂŸig. An den WĂ€nden fĂŒhrte ein schwarzes GelĂ€nder nach oben, wo es sich im Dunkeln verlor. Ein Beamter mit der typischen von Silber durchwobenen Uniform empfing Triborin am oberen Treppenabsatz.
„Gardist Taachor, wenn Ihr mit bitte folgen mögt.“
Er fĂŒhrte Triborin einen breiten Gang entlang, der mit einem dunklen Teppich ausgelegt war und blieb vor einer schweren, schwarz getĂŒnchten DoppeltĂŒr stehen.
„Bitte“, sagte er und öffnete einen TĂŒrflĂŒgel.
Triborin nickte und trat mit klopfendem Herzen ein.
Der Raum war leer.

Zu beiden Seiten standen StĂŒhle an der Wand und der hintere Bereich des Zimmers wurde von einem großen Tisch dominiert. Zögerlich blieb Triborin in der Mitte des Raumes stehen. Im Eck gab es keinen großen Ofen mit reichlich verzierten Kacheln, doch es war das GemĂ€lde ĂŒber dem Tisch, das Triborins Aufmerksamkeit auf sich zog.
Zwei Meter mindestens mochte die Spannweite der Schwingen betragen und irgendetwas sagte Triborin, dass dieses Wesen keinesfalls vergrĂ¶ĂŸert dargestellt war. Das Gefieder war braun und leuchtete an den Spitzen golden und um den krĂ€ftigen Leib trug die Kreatur einen hölzernen Harnisch. Obwohl Triborin wusste, dass es sich nur um ein Fabelwesen handeln konnte, verspĂŒrte er Ehrfurcht.
„Faszinierend, nicht wahr?“
Triborin zuckte zusammen. Xyrius hatte absolut lautlos den Raum betreten.
„Mein Lord“, Triborin verbeugte sich.
„Ich habe einen Auftrag fĂŒr dich.“
~ Die grĂ¶ĂŸte Offenbarung ist die Stille ~

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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#2

Beitrag von Jaro BallivĂČr » Fr 2. Nov 2018, 12:19

Einen Augenblick stand Triborin wie vom Blitz getroffen da und wÀlzte die Worte, die er sich zuvor in aller Eile zurechtgelegt hatte, auf der Suche nach einer passenden Antwort. Es gab keine.
„Ich erforsche sie schon lange“, fuhr Xyrius zu Triborins GlĂŒck unbeirrt fort, wĂ€hrend er auf seinem schweren Stuhl Platz nahm. „Sie sind rein und anmutig.“
Eine unangenehme Pause entstand. Triborin wusste nicht, ob eine Antwort von ihm erwartet wurde. Im Zweifelsfall, so lehrte man sie, war dem Lord gegenĂŒber zu schweigen.
„Weißt du was das ist?“ Xyrius wies in Richtung des GemĂ€ldes.
„Ein Fabelwesen, mein Lord.“ Die Unsicherheit war selbst fĂŒr Triborin zu hören und er verfluchte sich innerlich dafĂŒr.
Xyrius aber nickte. „Und was tun wir mit Leuten, die von Fabelwesen, von Hexerei und sonstigen MĂ€rchen schwadronieren?“
„Wir opfern sie der Nacht, indem wir sie verbrennen, mein Lord.“
„Richtig.“ Zu Triborins vollkommener Überraschung, lĂ€chelte Xyrius, auch wenn er keineswegs amĂŒsiert schien. „Aus diesem Grund habe ich dich ausgewĂ€hlt.“
Dieses Mal war die Pause so lang, dass Triborin sprechen musste.
„Ich fĂŒrchte, ich verstehe nicht, mein Lord.“
„Bist du nicht der Beste deines Jahrgangs?“
Stolz keimte in Triborin auf und er musste ein Grinsen unterdrĂŒcken.
„Ja, mein Lord.“
„Gut.“
Wieder entstand eine Pause.
„Es
 es gibt sehr viel erfahrenere Leibgardisten, mein Lord. Ihr verfĂŒgt auch ĂŒber die SchattengĂ€nger, die Gelehrten
“
Mit einer Handbewegung brachte Xyrius Triborin zum Schweigen.
„Was denkst du, ist das Besondere an diesem Auftrag?“
„Niemand darf etwas davon erfahren.“
Das böse Grinsen kehrte in Xyrius‘ Gesicht zurĂŒck.
„Wem könnte ich mehr vertrauen, als einem jungen, aufgeschlossenen Elf, der noch etwas erreichen möchte? Und“, er beugte sich ĂŒber den Tisch und durchbohrte Triborin regelrecht mit seinem Blick, „der eine Familie hat, um die er sich sorgt?“
Eine Welle des Schwindels raste durch Triborins Geist und er widerstand dem Drang, sich abzustĂŒtzen.
„Ihr könnt Euch meiner Verschwiegenheit gewiss sein, mein Lord.“
Xyrius lehnte sich wieder zurĂŒck und blickte zur Seite.
„Du erhĂ€ltst alle Information von Solfor Sachrass. Er wird auf dich zukommen. Geh jetzt.“
Mit zitternden Knien verbeugte sich Triborin.
„Es ist mir eine Ehre, mein Lord.“

 
2. Unerwartete Begegnungen

Triborin gab seinem Ross die Sporen. Er ritt seit fĂŒnf Tagen und machte nur Halt, damit sein Nachtschatten bei KrĂ€ften blieb und er ein wenig schlafen konnte.
Die dichten FichtenwĂ€lder am Westufer des Filthri flogen vorbei und das Land flachte zunehmend ab, je weiter er nach SĂŒden kam. Er versuchte nicht an seine Eltern und Geschwister zu denken und widerstand dem Drang, eine Rast bei ihnen einzulegen. Stattdessen wĂŒrde er sein heutiges Nachtlager in der Stadt Kaachor aufschlagen, die zwar klein, aber so alt wie die Hauptstadt selbst war.

Triborin saß ab und fĂŒhrte sein Ross durch das Stadttor. Im Gegensatz zur Xarchavas war Kaachor hauptsĂ€chlich aus Holz gebaut. Die ausladenden Verandas im ersten Stockwerk der HĂ€user gaben ihm selbst auf der Hauptstraße das GefĂŒhl, durch einen Tunnel zu laufen.
Triborin ließ den Blick schweifen, auf der Suche nach einer Taverne mit Fremdenzimmern und einem sauberen Stall. Der Zustand Kaachors ĂŒberraschte ihn. Eine Stadt, deren Minister vom Lord selbst bestimmt wurde, hatte er sich anders vorgestellt. Viele HĂ€user waren schĂ€big und krumm und das Kopfsteinpflaster hĂ€tte dringend eine Begradigung benötigt. Dies sollte der Sitz der Schattenakademie sein? Insgeheim hatte Triborin gehofft, dem Lehrinstitut der Meisterspione einen Besuch abstatten zu können, doch hĂ€tte er nicht gezielt danach Ausschau gehalten, wĂ€re er daran vorbei gelaufen.
Das GebĂ€ude hob sich nicht nennenswert von den ĂŒbrigen ab, es hatte denselben buckeligen Aufbau, dasselbe dunkle Fachwerk und dieselbe GrĂ¶ĂŸe wie alle anderen. Einzig ein kleines Schild an der Hauswand machte es als Akademie kenntlich. Nachdem er seinen Nachtschatten an einem niedrigen Zaun festgebunden hatte, spĂ€hte Triborin durch eines der Fenster im Erdgeschoss. Dort gab es eine Art Speise- oder Versammlungssaal mit u-förmig aufgestellten Holztischen, einen Kamin und einen Tresen, der wahrscheinlich die Verbindung zur KĂŒche darstellte. Alles sah so
 gewöhnlich aus.
„Was das Auge sieht, ist niemals der Wahrheit letzter Schluss.“
Triborin zuckte zusammen und folgte dem Klang der Stimme.
„Und ich sag‘ dir, auf sein Ohr, verlĂ€sst sich nur ein armer Tor.“
Ein Teil der schmutzigen Fassade bewegte sich und die Umrisse eines Mannes kamen zum Vorschein.
„Mein Herr Gardist“, er verbeugte sich, „willkommen in der Schattenakademie.“
Triborin erwiderte die Verbeugung wie es sich gehörte und schluckte seine Überraschung hinunter.
„Was verschafft uns die Ehre Eures Besuchs? Gibt es Anweisungen aus Xarchavas, die meine BrĂŒder und Schwestern nicht kennen?“
Triborin schĂŒttelte den Kopf. „Ich bin auf der Durchreise und kam nur her, um die legendĂ€re Akademie zu sehen.“
„Und Ihr habt etwas anderes erwartet“, vervollstĂ€ndigte der SchattengĂ€nger seinen Gedanken. Seine Kleidung war schĂ€big, doch Triborin wusste, dass dies einen Zweck erfĂŒllte.
„Mit der Festung und den Obsidianhallen von Xarchavas können wir selbstverstĂ€ndlich nicht mithalten. Doch es ist auch nicht unser Daseinszweck aufzufallen.“
Triborin merkte, dass er den Mann nicht sonderlich leiden konnte. Er war ĂŒberheblich und auf eine unangenehme Art gelangweilt. Sein Wunsch, die Akademie zu besichtigen, war verflogen.
„Euer Pferd braucht Ruhe.“
„Das weiß ich selbst. Ich bin auf der Suche nach einer Bleibe fĂŒr die Nacht.“
„Wenn dem so ist
 empfehle ich den Dunklen Reiter. Gleich ums Eck und auch irgendwie passend, nicht wahr?“ Der Spion entblĂ¶ĂŸte verfaulte ZĂ€hne.
Triborin konnte den Mann von Minute zu Minute weniger leiden. Das unangenehme GefĂŒhl, dass der SchattengĂ€nger alles ĂŒber ihn wusste, trug nicht gerade zu einer Verbesserung bei.
„Ich danke Euch fĂŒr Eure Hilfe.“ Mit einer knappen Verbeugung tat Triborin der Höflichkeit genĂŒge und löste die ZĂŒgel des Pferds.
„Stets zu Diensten. Weiterhin viel Erfolg auf Eurer Reise und hĂŒtet Euch vor der Albe. Sie beobachtet Euch schon seit Ihr einen Fuß in diese Stadt gesetzt habt und das ist nur, was ich gesehen habe. Noxa allein weiß, wie lange sie Euch schon folgt.“
Triborin konnte seine Überraschung nicht verheimlichen und dass dies den Spion zu amĂŒsieren schien, Ă€rgerte ihn. Umso mehr kĂ€mpfte er den Drang nieder, sich umzusehen.

Triborin musste zugeben, dass der Dunkle Reiter tatsĂ€chlich einen ordentlichen Eindruck machte. Widerwillig, weil er der Empfehlung des SchattengĂ€ngers folgte, aber zu erschöpft, um weiterzusuchen, stieß Triborin das Tor neben dem Gasthaus auf. Er ĂŒberließ sein Ross dem Stallburschen nicht ohne sich selbst ein Bild der Boxen zu machen. Mit ernstem Blick ermahnte er den Jungen, dem Tier ausreichend Futter zu geben, bevor er selbst in den Gastraum eintrat.
Beim Vorbeigehen warf Triborin dem Wirt zwei SilbermĂŒnzen auf die Theke, auch wenn dieser verpflichtet war, ihm als höhergestelltem Elfen Gastfreundschaft zu gewĂ€hren.
Der Hausherr brachte ihm ein dunkles GewĂŒrzbier und einen Eintopf, dessen Duft Triborin daran erinnerte, wie hungrig er war. Mit dem Brot saugte er die letzten Reste der Sauce aus der TonschĂŒssel und ließ den Blick durch das Lokal schweifen. Vergeblich versuchte er sich einzureden, dass er dabei nicht nach einer mysteriösen Albe Ausschau hielt. Noch immer Ă€rgerte ihn das GesprĂ€ch mit dem SchattengĂ€nger. Vielleicht wollte er ihn nur zum Narren halten. GerĂŒchte ĂŒber die Spielereien der Spionengilde gab es zu Hauf. Es wĂŒrde Triborin nicht einmal verwundern, wenn sie diese selbst in die Welt gesetzt hĂ€tten.

In der Taverne gab es die ĂŒblichen GĂ€ste: MĂ€nner, die zusammengesunken an der Theke hingen und sich an einem Krug festhielten, Spieler, die Karten und MĂŒnzen ĂŒber den Tisch schoben und jene, die wie Triborin alleine da saßen und zusahen. Obwohl zunĂ€chst nichts Ungewöhnliches zu erkennen war, bemerkte Triborin auch hier die Unterschiede zu Xarchavas hoch im Norden. Die Elfen trugen einfach, teils schmutzige Kleidung, ihre Gesichter waren dĂŒster und belegt. Selbst in der lĂ€ndlichen Gegend seiner Heimat hatte es keine so armseligen Kreaturen gegeben. Lord Xyrius hĂ€tte die meisten von ihnen wohl ohne Zögern zur Zwangsarbeit in die Salzminen geschickt. Sie gaben ein schlechtes Bild des stolzen Volkes der Dunkelelfen ab und das so nahe an Mildir und den Alben. Missbilligend schĂŒttelte Triborin den Kopf und trank. Als er aufblickte, zuckte er unwillkĂŒrlich zusammen.
„Ich dachte, ihr Leibgardisten fĂŒrchtet euch nicht.“
Die Stimme klang warm und melodisch. Es war die Stimme einer Frau.
„Ich fĂŒrchte mich nicht. Ich hatte Euch nur nicht kommen sehen und war ĂŒberrascht, das ist alles.“
„Das meine ich nicht. Ihr habt dem Wirt Geld gegeben, als Ihr eintratet.“
Sie lachte. „Schon wieder ĂŒberrascht?“
„Ein wenig.“ Wenn sie ein Spiel spielen wollte, dann sollte es so sein. „Aber ich muss Euch enttĂ€uschen. Ich habe keine Angst. Ich verstehe es nur, Ärger aus dem Weg zu gehen. Anders als Ihr, nicht wahr?“ Er trank einen Schluck, wĂ€hrend sie ihn weiter aus dem Schatten ihrer Kapuze musterte.
„Wieso solltet Ihr euch sonst unter einer Kapuze verstecken? Ich wĂŒsste nicht, dass Frauen in den Tavernen Kaachors verboten wĂ€ren. Also: woran kann es liegen?“
Er tat so, als grĂŒble er, tippte sich mit dem Finger ans Kinn und sah sie dann wieder direkt an. „Ha, ich habe es: Ihr seid eine Albe.“
Sie lĂ€chelte und Triborin meinte, das Schimmern grĂŒner Augen zu erkennen.
„Also gut, Herr Soldat, ich werte das als Unentschieden.“
Sie winkte dem Wirt, der ihr wortlos einen Becher Honigwein servierte.
„Ich bin Liena.“ Sie streckte Triborin eine schlanke Hand entgegen. Nach kurzem Zögern nahm er sie und deutete einen Handkuss an.
„Was bringt Euch nach Kaachor?“
Auf Triborins mangelhafte Vorstellung schnalzte sie leise mit der Zunge, antwortete ihm aber trotzdem.
„GeschĂ€fte. Und Euch? So weit von Xarchavas entfernt trifft man selten einen der Euren.“
„GeschĂ€fte.“
„NatĂŒrlich“, antwortete Liena und lĂ€chelte verschmitzt. „Auf jeden Fall GeschĂ€fte des Herrn Xyrius, so viel ist sicher, oder werdet Ihr gar ein AbtrĂŒnniger sein?“
„Wie kommt es, dass Ihr so viel ĂŒber uns wisst, frage ich mich.“
„Ich verbringe viel Zeit in Lacharys.“ Liena zuckte mit den Schultern. „Heutzutage kann sich auch mein Volk wieder frei in Eurem Land bewegen.“
„Oder zumindest unter einer großen Kapuze.“ Ein breites Grinsen zierte sein Gesicht, das nicht zu seiner GefĂŒhlsregung passte. Woher wusste sie, dass er hier war? Warum verfolgte sie ihn? Sie konnte wohl kaum in Xarchavas gewesen sein. Was auch immer sie behaupten mochte, Xyrius wĂŒrde keinem Alben dulden, unbehelligt durch sein Reich zu wandeln.
„Nun dann. Es hat mich gefreut. Endlich einmal ein junges, frisches Gesicht in dieser Einöde. Ich hatte schon an der Verfassung Eures Volkes gezweifelt.“ Sie erhob sich. Der Umhang reichte ihr bis zu den Knöcheln.
„Wohin geht Ihr?“, fragte Triborin, bevor er es sich anders ĂŒberlegen konnte.
„In meinen Gasthof, natĂŒrlich. Ich habe nicht vor, die halbe Nacht in einem stickigen Schankraum zu verbringen. Gute Nacht.“
Ehe Triborin reagieren konnte, hatte sie sich umgewandt und schlĂ€ngelte sich zwischen den Tischen durch. Mit so viel Eile, wie er sich zutraute, ohne zum Blickpunkt des Lokals zu werden, schob sich Triborin hinter dem Tisch hervor und ging ihr nach. Als er auf die Straße trat, umfing ihn sofort die kalte Nachtluft. Von Liena war nichts zu sehen.
 

3. Der Schatten im Nebel

In den bewaldeten HĂŒgeln nördlich der Stadt hing schwer der Morgennebel. Noch waren die Erhebungen kaum vom blassen Himmel zu unterscheiden, doch mit dem Licht kam der Kontrast. Rasgar stand an der Außenmauer des Stadtwalls und wartete. Ein Bein ĂŒber das andere geschlagen, rollte er Tabak zwischen zwei ArtamblĂ€ttern, befeuchtete deren Enden mit der Zunge und schlug einen Funken mit zwei kleinen Feuersteinen. Er nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch in die feuchte Morgenluft. Selbst ein aufmerksamer Beobachter hĂ€tte nicht mehr als die Tabakwolke gesehen. Rasgars Erscheinung wurde gĂ€nzlich vom Halbdunkel geschluckt.
Er gab dem jungen Gardisten noch fĂŒnf oder acht ZĂŒge. FĂŒnf, wenn er sicher gehen wollte, acht, wenn ihn der Reiz packte. Nach dem sechsten trat er die Rauchstange aus. Das Klappern der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster war nĂ€her gekommen und am Tor von Kaachor löste sich die Nachtwache aus ihrer Starre. Rasgar stieß sich von der Mauer ab. Er ging ein paar Schritte durch das taunasse Gras und ließ sich lautlos in die Hocke gleiten. Unweit von ihm entfernt, fĂŒhrte der junge Leibgardist sein Pferd durch das Tor. Es war ein prĂ€chtiges Exemplar der seltenen Rasse, die nur den Gardisten vorbehalten war. Der Junge hatte bei der Aufzucht gute Arbeit geleistet, was die Verfolgung beinahe zu einem Ding der Unmöglichkeit machte. Trotzdem. Er musste es versuchen. Rasgar konnte Dummheiten wittern wie Fliegen den Mist und diese Aktion stank bis zum Himmel. Lorxas hatte ihn schon weit getragen, er wĂŒrde ihn auch dieses Mal nicht enttĂ€uschen.

Die Albe ließ lĂ€nger auf sich warten, als gedacht und Rasgar Ă€rgerte sich, dass er die Rauchstange ausgemacht hatte. Bei so viel Vorsicht musste sie dem Gardisten mehr zutrauen, als ratsam gewesen wĂ€re.
Rasgar war drauf und dran, neue BlĂ€tter mit Tabak zu fĂŒllen, da passierte sie endlich das Tor. Auch ihr Pferd hatte er schon zuvor begutachtet. Nicht nur, um seine Chancen abzuschĂ€tzen und den bestmöglichen Weg zu wĂ€hlen, ein Wildpferd sah man immerhin nicht alle Tage. Soweit Rasgar wusste, war es selbst bei den Alben eine Seltenheit. Stolz und makellos wie seine Reiterin, dachte er und klopfte zwei Mal mit der Hand auf den Boden. Wenige Augenblicke spĂ€ter trottete sein eigenes Tragtier heran, ein zotteliges Lastenpferd, das schon sein ganzes Leben in Diensten der Akademie stand.
„Lorxas, mein Junge“, begrĂŒĂŸte er ihn und schwang sich in den Sattel. „Wieder einmal mĂŒssen wir es mit Leuten aufnehmen, die schneller und stĂ€rker sind als wir. Doch irgendjemand muss sich ja um die Sicherheit dieses Landes kĂŒmmern.“ Er verfiel in einen leichten Trab und folgte den beiden anderen Reitern die Straße hinab, die von Kaachors Haupttor wegfĂŒhrte. Am Fuße des HĂŒgels angekommen, sah er gerade noch die Albe im Horizont verschwinden.
„Wir aber haben einen entscheidenden Vorteil“, fuhr er fort, wĂ€hrend er Lorxas, anstatt weiter der Straße zu folgen, in die von Moos und Heidekraut dominierte Weite des sĂŒdlichen Lacharys lenkte.
„Wir sind um Einiges schlauer.“


4. Spuren

Es tat gut, unterwegs zu sein. Lienas unerwartetes Auftauchen und ebenso schnelles Verschwinden hatte Triborin die halbe Nacht beschĂ€ftigt. Auf dem Weg zum Stadttor war er nicht umhin gekommen, sich immer wieder zu allen Seiten umzusehen, obwohl ihm klar war, dass er sie nicht entdecken wĂŒrde. Er konnte nicht verhindern, dass sie ihm folgte. Aber er konnte sie abhĂ€ngen. Wie auch immer sie unterwegs sein mochte, er bezweifelte, dass sie es mit seinem Nachtschatten aufnehmen konnte.

Am Ende des zweiten Tages, seit er Kaachor verlassen hatte, kam der Grenzwald in Sicht. Die Straße teilte sich hier und Triborin wĂŒrde sich westlich halten und nach Vesperion reiten. Es war ein Wagnis der Straße zu folgen. Sie fĂŒhrte nahe an der Nordgrenze des Waldes vorbei, vom dem man sagte, er beherberge ebenso viele SpĂ€her wie BĂ€ume. Trotzdem hatte Triborin diesen Weg gewĂ€hlt. Er war der schnellste.
Von der Albe gab es noch immer keine Spur, doch Triborin bezweifelte, dass er sie gÀnzlich abgehÀngt hatte. Er musste weiter wachsam sein, zumal der einfachste Teil seiner Reise sich nun dem Ende neigte. Bald betrat er fremdes Land.
Sein Plan stand. Er war ein Gesandter aus Xarchavas‘ Bibliothek, der nach Solterra reisen sollte, um Schriften ĂŒber die Entwicklung der Gesteinsschichten abzugleichen. Xyrius‘ erster Beamter Solfor Sachrass hatte ihm erstaunlich wenig Informationen gegeben, um Hinweise auf dieses Vogelvolk zu finden. Immerhin war eine grobe Himmelsrichtung darunter: SĂŒden.
Mit dem Vorwand der Wissenschaft hoffte Triborin, sich frei und ohne Misstrauen zu erregen, durch das benachbarte Menschenreich bewegen zu können.

Die Straße fĂŒhrte Triborin so weit nach Westen, dass er das Meer sehen konnte. Erst dann bog sie nach SĂŒden. Wo das Gebiet um die Grenze zu Mildir ĂŒppig und grĂŒn gewesen war, zeichneten den Übergang nach Vesperion graue Geröllfelder und Felsformationen. Fast strohfarbene GrĂ€ser bevölkerten die Steine und die der Jahreszeit geschuldete dichte BlĂŒtenpracht des Heidekrauts, in lila und rosa, war ebenso schön wie sie fehl am Platz wirkte.
Von weitem sah Triborin die Grenzbauten, die unterschiedlicher nicht hĂ€tten sein können. Dem hellen, klobigen GemĂ€uer der Menschen stand die filigrane Arbeit Dunkelelfischer Steinmetze entgegen. Den Gang seines Pferdes verlangsamend, ging Triborin die Worte durch, die er sich zurechtgelegt hatte. Diese MĂŒhe hĂ€tte er sich sparen können. WĂ€hrend auf dunkelelfischer Seite eine Handvoll Krieger auf dem Posten war, schien die Grenzbastion Vesperions verwaist.
Triborin saß ab.
„Noxa grĂŒĂŸe Euch“, empfing ihn einer der Elfen.
„Und Euch. Was ist dort los? Wo sind die Wachen?“ Er wies auf den Turm und den Wehrgang, der die LĂŒcke zwischen zwei natĂŒrlichen Felserhebungen schloss.
„Weg, mein Herr. Sie sind vor ein paar Tagen abgezogen. Noxa allein weiß, warum.“
„Ich muss hindurch.“
„Das Tor ist verschlossen, tut mir leid. Filgar hat es kĂŒrzlich getestet.“
Triborin krĂ€uselte genervt die Lippen. „Gibt es einen anderen Weg?“
„Zum Meer hin flacht das Land ab. Dort mĂŒsstet Ihr eine LĂŒcke finden, um hinĂŒber zu reiten.“
„Habt Dank.“ Triborin saß wieder auf. Wenn er diesen Umweg in Kauf nehme musste, so wollte er möglichst wenig Zeit verlieren. Wenn Liena nicht sah, welchen Weg er nahm, konnte sie ihm vielleicht nicht folgen. Die Krieger am Tor wĂŒrden ihr wohl kaum ebenso bereitwillig Auskunft geben, wie ihm.
„Seid vorsichtig, mein Herr Gardist. Bei den Menschen da unten stimmt etwas nicht.“ Er nickte ihm ernst zu. „Möge Noxa Euch behĂŒten.“

Ohne die Warnung des Grenzsoldaten hĂ€tte Triborin vermutet, dass das Land der Westmenschen in diesem Teil schlicht dĂŒnn besiedelt war. An den ersten beiden Tagen begegnete er niemandem. Bis auf die Möwen ĂŒber den Klippen stieß er nicht einmal auf Tiere, obwohl deren Hinterlassenschaften auf den weiten GrasflĂ€chen eine frĂŒhere Anwesenheit belegten. SpĂ€testens, als er den zweiten oder dritten verlassenen Hof passierte, wĂ€re dann aber er so oder so misstrauisch geworden. Alles deutete auf eine kontrollierte Abreise hin. Es gab keine Spuren von KĂ€mpfen und Zerstörung, die StĂ€lle waren leer und alles, was RĂ€der hatte, war fort, durch die Spuren im lehmigen Boden eindeutig erkennbar.
In der Hoffnung, zurĂŒck auf die Straße zu gelangen, folgte Triborin der Furche eines besonders schweren Wagens. Das letzte, was er brauchen konnte, war sich in einem Landstrich zu verirren, aus dem die Menschen aus unerklĂ€rlichen GrĂŒnden flohen.
~ Die grĂ¶ĂŸte Offenbarung ist die Stille ~

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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#3

Beitrag von Jaro BallivĂČr » Sa 3. Nov 2018, 21:56

Je weiter sĂŒdlich die Straße ihn trug, desto grĂ¶ĂŸer wurden die Gehöfte, bis sie zu ersten Ortschaften heranwuchsen. Das Ă€nderte nichts daran, dass auch sie in der Mehrzahl verlassen waren. Wo Triborin Menschen sah, spĂ€hten sie misstrauisch hinter halb zugezogenen VorhĂ€ngen hervor oder blieben auf dem Weg in ein NachbargebĂ€ude abrupt stehen, bis er vorbei geritten war. Die Menschen hatten Angst. Doch wovor? Was trieb sie zur Flucht? Nichts deutete auf eine Ă€ußere Gefahr hin. Es gab auch keine Spuren vergangener Ereignisse, keine UnwetterschĂ€den, keine Anzeichen einer Seuche. Überhaupt, selten hatte Triborin so eine stille Gegend gesehen. Unter anderen UmstĂ€nden hĂ€tte er sie als friedlich bezeichnet, doch im Augenblick erschien ihm gespenstisch passender.
In zĂŒgigem aber schonendem Tempo fĂŒr sein Pferd, folgte er der Straße immer tiefer in das Königreich Vesperion. All seiner GrĂŒbeleien zum Trotz, war das Schicksal dieser Leute nicht seine Angelegenheit. Er hatte eine eigene Zukunft, um die er sich sorgen musste.

Nach einer knappen Woche im Land der Westmenschen, entdeckte Triborin die ersten Anzeichen von Zerstörung. Hinter einer HĂŒgelkuppe stieg eine RauchsĂ€ule auf und schon von weiter Ferne hörte er das laute Blöken panischer Schafe. Von der Erhebung aus bot sich Triborin ein guter Blick auf die Reste des Gehöfts. Ein großes Haus war nur mehr ein schwarzes Gerippe, doch das Feuer war schon erloschen. Stattdessen musste es auf den benachbarten Stall ĂŒbergesprungen sein, in dem Schafe eingesperrt waren. Keine Menschenseele war zu sehen. Triborin stieß einen Fluch aus. All dies ging ihn nichts an! Doch die Tiere waren hilflos. Sie hatten nichts mit dem zu tun, was hier vor sich ging, trugen aber die Konsequenzen, ohne vor die Wahl gestellt zu werden. Er trieb sein Pferd den HĂŒgel hinunter und blickte sich dabei nach allen Seiten um. Es war niemand hier. Wenn er den Schafen nicht half, tat es keiner. Erneut fluchte er und schwang sich aus dem Sattel. Aufmerksam und bereit, sein Krummschwert zu ziehen, ging er auf den brennenden Stall zu. Zum GlĂŒck fĂŒr die Tiere gab es nur einen kleinen Brandherd, der sich aber mit Sicherheit schnell ausbreiten wĂŒrde, vor allem, wenn sich ein Heuspeicher im GebĂ€ude befand. Das Stalltor wurde nur durch einen hölzernen Riegel gehalten, den Triborin löste und die FlĂŒgel weit auf zog. Die Tiere drĂ€ngten sich in den hinteren Teil, stampften und schrieen mit vor Panik hervorgequollenen Augen.
„Raus mit euch!“ Triborin pfiff und klatschte in die HĂ€nde, doch die Tiere verstanden nicht, dass sich eine Fluchtmöglichkeit aufgetan hatte.
„Bei Noxa!“ Schnellen Schrittes ging Triborin auf die Herde zu. Er wusste, dass er ihnen fĂŒr den Moment noch grĂ¶ĂŸere Angst machte, dafĂŒr wĂŒrden sie gleich frei sein. Endlich rannten die ersten Tiere auf das Portal zu und alle anderen folgten ihnen blind. Als Triborin wieder an die frische Luft trat, trotteten sie bereits hinaus in die HĂŒgel.
Er konnte nicht umhin, zu lÀcheln. Die unschuldigen Wesen hatten es nicht verdient, auf diese Weise zu sterben. Gleichzeitig wusste er, dass eine Handlung wie diese in seiner Heimat bereits als Zeichen von SchwÀche galt.
„Ich bin aber nicht in Lacharys“, murmelte er sich selbst zu und machte sich auf den Weg zurĂŒck zu seinem Pferd.
Er hĂ€tte die Klinge in dem tiefen Boden gar nicht bemerkt, wĂ€re er nicht direkt darauf getreten. Sie maß kaum ArmlĂ€nge, doch sie war gut ausbalanciert und scharf, keine Waffe, die ein Bauer besaß. Das Schwert in der Hand bewegend, sah sich Triborin noch einmal mit zusammen gekniffenen Augen um. Vielleicht war das nicht die Klinge eines Ritters, wohl aber eines niederen Soldaten oder Landknechts. Das könnte auch das Werk von Banditen sein, sagte er sich. Sie haben die Waffe ebenso erbeutet, wie das Hab und Gut dieses Hofs. Es gelang ihm nicht, sich selbst zu ĂŒberzeugen und so fand er sich entgegen aller Vernunft auf dem Weg in Richtung des zerstörten Wohnhauses wieder.
Er fand keine weiteren Waffen oder sonstige RĂŒstungsteile, dafĂŒr aber HufabdrĂŒcke. Sofern der Bauer keine Pferde besessen hatte, was Triborin aufgrund der StallgrĂ¶ĂŸe bezweifelte, hatte er berittenen Besuch gehabt. Doch war das vor oder nach der Zerstörung gewesen?
Die Reste von TĂŒr und TĂŒrrahmen waren von kreisförmigen Schnitzereien verziert, ansonsten musste dies ein einfaches Bauernhaus gewesen sein. Triborin stieg ĂŒber die TrĂŒmmer und fand sich in einer großen Stube wieder. Vom Feuer einigermaßen verschonte Hocker und Schemel lagen auf dem Boden. Ein Tisch war umgestĂŒrzt. Der Geruch verbrannten Holzes lag schwer in der Luft, obwohl es nicht stickig war. Das Dach war dem Feuer vollstĂ€ndig zum Opfer gefallen und erlaubte einen Durchzug. Von dem Bauern und seiner Familie fehlte jede Spur. Triborin spĂ€hte hinter den Tisch, doch der Anblick eines Toten blieb ihm erspart. Stattdessen entdeckte er Kerben im Holz, frische Kerben. Er hielt kurz inne. Dann hieb er mit dem Kurzschwert auf das MöbelstĂŒck. Es bestand kein Zweifel, wie diese Spuren entstanden waren.

Tief in Gedanken versunken saß Triborin im Sattel. Konnten plĂŒndernde Banden ganze Landstriche derart in Aufruhr versetzen, dass Menschen ihre Heime zurĂŒck ließen? Und warum war die Grenze unbemannt? Der dunkelelfische Grenzer hatte Recht: in Vesperion stimmte etwas ganz und gar nicht.
Das geht mich nichts an, schalt sich Triborin immer wieder, allerdings war er sich dessen gar nicht mehr so sicher. Xyrius wĂŒrde wissen wollen, wenn eines seiner NachbarlĂ€nder im Chaos versank. Die Elfen an der Grenze gaben mit Sicherheit regelmĂ€ĂŸig einen Bericht ab, doch sie kannten nicht das ganze Ausmaß. Triborin fasste einen Entschluss. Sobald er mehr ĂŒber die HintergrĂŒnde wusste, zumindest, wer die Angriffe auf das gemeine Volk fĂŒhrte, wĂŒrde er versuchen, eine Nachricht nach Xarchavas zu senden; vorausgesetzt, die TaubenschlĂ€ge, waren nicht ebenso verlassen wie die Höfe und Ortschaften. Und selbst wenn er eine bemannte Station fand, musste er hoffen, dass es Tiere fĂŒr Botschaften nach Lacharys gab.
Eigentlich hĂ€tte Triborin guter Dinge sein sollen. Er kam gut voran. Er war schon tief in das Landesinnere vorgedrungen, ohne dass er aufgehalten und ĂŒberprĂŒft worden wĂ€re, was er sich nur durch die gegebenen UmstĂ€nde erklĂ€ren konnte. Wahrscheinlich hatte er mittlerweile sogar die Albe abgehĂ€ngt, wenn sie ihm ĂŒberhaupt noch folgte. Trotzdem spĂŒrte er, dass Unheil bevorstand. Er war stets wachsam, die kleine Armbrust an seinem Handgelenk war mit Giftpfeilen geladen, sein Krummschwert steckte griffbereit im Geschirr auf dem RĂŒcken, anstelle wie es angenehmer war, am Sattel verschnĂŒrt zu sein. Diesen Platz hatte nun das Schwert eingenommen, das er auf dem Hof gefunden hatte.
Wenn Triborin seinen Standort richtig einschĂ€tzte, nĂ€herte er sich dem Abzweig nach Valgard, Vesperions Hauptsatz und Sitz von König Krinkar. Gleichzeitig schien er sich auch auf das Zentrum der Zerstörung zu zu bewegen. Die Dichte der Ortschaften wurde grĂ¶ĂŸer und auch, wenn bei weitem nicht alle betroffen waren, stieß Triborin vermehrt auf niedergebrannte oder zumindest arg beschĂ€digte GebĂ€ude. Endlich traf er auch auf Menschen, deren Zustand ihn allerdings erschreckte. Viele saßen und knieten am Straßenrand, kleine SchĂ€lchen oder die bloßen HĂ€nde von sich gestreckt. Die Straße wurde zusehends breiter und fĂŒhrte immer öfter direkt durch Ortschaften hindurch, sodass die Zahl der Bettler rapide zunahm.
Triborin schluckte schwer bei deren Anblick. Er wusste, er sollte kein Mitleid mit ihnen empfinden und doch zog sich sein Inneres krampfhaft zusammen. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit dachte er an seine Mutter. Entgegen der Gesellschaftnormen hatte sie ihren Kindern stets Hilfsbereitschaft und MitgefĂŒhl vorgelebt. Was hatte es sie geschmerzt, als ihr jĂŒngster Sohn dem Ruf aus der Hauptstadt gefolgt war, dem Ruf der Institution, die alles verkörperte, was sie verachtete.
Triborin zwang sich gerade auszusehen. Hart wie Obsidian, kalt wie Eis
 Ein Leibgardist ließ sich nicht durch GefĂŒhle schwĂ€chen. Er erfĂŒllte bedingungslos den Willen seines Herrn und seines Volkes.

Wieder stieg Rauch am Horizont auf. Dieses Mal wurde er jedoch von Waffengeklirr begleitet. Schnell fĂŒhrte Triborin sein Pferd von der Straße. In leichtem Trab lenkte er es zwischen HĂŒgeln hindurch, die in diesem Teil des Landes zunehmend abflachten. Er umrundete einen kleinen TĂŒmpel, folgte einem Bachlauf und erreichte schließlich den Rand einer Senke. In deren Mitte befand sich eine Ortschaft und in ihr regierte das Chaos. HĂ€user brannten, Menschen und Tiere rannten wild und schreiend durcheinander und hier und da gab es Gefechte zwischen einfachen Leuten mit KnĂŒppeln und Mistgabeln gegen gerĂŒstete Krieger. Das Wappen auf ihren Schildern war unverkennbar und sein Anblick ließ Triborin irritiert die Augen zusammen kneifen. Der rote Turm des Königshauses. Was bei Noxa hatte das zu bedeuten?
Vereinzelt gab es SchwertkÀmpfer auf den Seiten der Dorfbewohner, doch es waren viel zu wenige. Die anderen MÀnner waren vermutlich Bauern, Waffenschmiede und was das Dorf sonst noch hergab. Es war eine furchtbar einseitige Angelegenheit. Viele MÀnner starben, andere wurden in Gewahrsam genommen und fortgeschleppt und viele, vor allem Frauen und Kinder, versuchten zu fliehen. Voller Entsetzen sah Triborin allerdings auch viele kleine Körper regungslos auf der Erde liegen.
Des Königs MÀnner griffen das eigene Volk an, leerten ein Dorf nach dem nÀchsten. Warum? Ein Teil von Triborin wollte hinunter eilen, sich einen der feigen Kerle schnappen und ihn zum Reden bringen. Aber wollte er das wirklich, um herauszufinden, was hier vor sich ging? Oder ging es ihm um die Menschen in dem Dorf? Mit sich ringend schloss Triborin die Augen.
Hart wie Obsidian, kalt wie Eis

Innerlich in Zwietracht rieb er sich mit den HĂ€nden ĂŒber das Gesicht. Er nahm einen tiefen Atemzug. Dann kehrte er der Straße und dem Dorf den RĂŒcken und lenkte seinen Nachtschatten tiefer in die HĂŒgellandschaft hinein.
 

5. Denn auf dein Herz vertraue

Schweißgebadet schreckte Triborin auf. Sein Herz klopfte und er atmete schwer. Er brauchte einen Moment, bis er realisierte, dass er geschlafen hatte, zog die Knie an und legte die Stirn in die HĂ€nde. Es war stockfinstere Nacht, sein Nachtschatten war kaum zu erkennen, obwohl er in nĂ€chster NĂ€he angebunden war und ruhte.
MĂŒhevoll beruhigte Triborin seinen Atem, doch die Bilder seines Traumes wollten nicht verschwinden. MĂ€nner mit nicht mehr als rauen Wollhemden gekleidet wurden von Schwertern zerteilt, Frauen weinten leise, wĂ€hrend sie verschleppt wurden oder schrien in Qual, als man ihnen ihre Kinder wegnahm. Und immer wieder erschienen die leblosen kleinen Körper in seinem Geist, halb im Schlamm versunken, der sich mit ihrem eigenen Blut mischte.
Kyra war kaum grĂ¶ĂŸer, als ich sie verlassen habe


Schlaf gut, kleine Schwester.
Du gehst fort.
Ich werde wieder kommen. Ich besuche euch.
Versprichst du es?
Ich verspreche es.


Er hatte sie viel zu selten besucht. Kyra hatte gespĂŒrt, dass sich alles Ă€ndern wĂŒrde. Sie hatte Mutters Trauer erkannt, wenn auch nicht verstanden. Ihre kindliche Furcht vor etwas Unbekanntem hatte Triborin am meisten zugesetzt, doch seine Entscheidung hatte gestanden. Er hatte die Chance zum Gardisten ausgebildet zu werden und einen Stand zu erreichen, der ihm als Drittgeborener zu Hause nie möglich war.
Triborin seufzte. An Schlaf war nicht mehr zu denken, doch zur Weiterreise war es noch zu frĂŒh. Er musste seinem Ross genug Ruhe gönnen. Leise stand er auf und streckte sich. Warum erinnerte er sich gerade jetzt an den Abschied von zu Hause? Warum nahmen ihn die Angriffe auf die Orte so mit? Noch immer haftete ihm der Schrecken des Traums an und er versuchte vergeblich, die Bilder loszuwerden.
Sein Blick fiel auf das neue Schwert. Er kniete ab und befreite es aus der Halterung am Sattel. Es war leicht und sicher nicht so praktisch wie sein eigenes, doch es konnte kaum schaden, wenn er damit umgehen konnte. Zögerlich schwang er es, ließ es vorsichtig um das Handgelenk kreisen. Dann stach er zu. Er fuhr hinab in die Knie, zog die Klinge nahe an sich heran und probierte ein weiteres Manöver. Ehe er sich versah, fand er sich mitten in einer ausgiebigen Trainingseinheit wieder und was konnte den Geist besser befreien, als körperliche Anstrengung?

Fortan hielt sich Triborin von der Straße fern, auch wenn er sich gelegentlich in Sichtweite begab, um seine Richtung zu korrigieren. Zwar sah er trotzdem immer wieder Rauch in der Ferne, bekam das Gemetzel aber nicht aus nĂ€chster NĂ€he mit. Sein innerer Kampf beruhigte sich langsam. Nicht mehr lange und Vesperion lĂ€ge hinter ihm. Den Abzweig in die Hauptstadt hatte er noch immer nicht passiert, doch es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein.
Die Sonne stand schon recht tief, da tauchten die Umrisse eines Ortes am Horizont auf, ein eindeutiges Indiz fĂŒr den Straßenarm nach Westen. Anstelle von Freude verursachte der Anblick allerdings ein unangenehmes GefĂŒhl in Triborin. Er wollte schon einen weiteren Bogen in Kauf nehmen, um die Konfrontation zu umgehen, doch sogleich rĂŒgte er sich fĂŒr diese feige ErwĂ€gung.
Es war nur ein kleiner Ort, vielleicht zehn oder fĂŒnfzehn HĂ€user, von denen zwei in Flammen standen. Schreie erfĂŒllten die Luft. Es war dasselbe Bild wie im letzten Ort, auch wenn es sehr viel weniger Gefechte gab. Triborin hielt ein StĂŒck entfernt an. Vor einem der HĂ€user gingen zwei gepanzerte Krieger brutal gegen die MĂ€nner zu, die es zu schĂŒtzen versuchten. Eine Frau schrie ihre Qualen heraus, wĂ€hrend ein anderer sie fort zerrte. Triborin schluckte. Die Bilder des Traumes kamen zurĂŒck, vermischten sich mit der Erinnerung an Kyra. Er hörte die Worte seiner Mutter. Du hast ein großes Herz, Tin. Bitte vergiss das niemals. Energisch schĂŒttelte er den Kopf und versuchte sie zu vertreiben. Nichts hinderte ihn daran, einfach an dem Ort vorbei zu reiten. Dies war nicht sein Kampf. Entschlossen öffnete er die Augen.
Sein Blick fiel auf ein kleines Kind, das weinend im Matsch saß und nach seiner Mutter rief. Einer der Angreifer hatte es entdeckt und ging mit erhobenem Schwert in seine Richtung.
Vergiss das niemals.
Triborin rang mit sich. Was dort vor sich ging, war nicht rechtens. Doch sollte er dafĂŒr alles zunichtemachen, was er sich jahrelang erarbeitet hatte?
Der Krieger baute sich vor dem Kind auf und schrie irgendetwas, das Triborin nicht verstand.
Vergiss das niemals.
Vor Anstrengung ob des inneren Kampfes, knurrte Triborin. Er war weit weg von Xarchavas und seinen Prinzipien. Aber dieses Kind war hier. Und es wĂŒrde sterben, wenn er nichts unternahm.
Bevor ihm Zweifel kamen, trieb Triborin sein Pferd in den Ort hinein. Er war bereit zu kÀmpfen, sollte es nötig sein.

„Haltet ein!“, rief er und nutzte die allgemeine Handelssprache. Der Mann fuhr herum und starrte ihn an.
„Welch Verbrechen haben diese Leute begangen, dass Ihr sie ihrer Heimat beraubt?“
Der Krieger spuckte aus. „Das geht dich nichts an, Elf. Schau, dass du verschwindest.“
„Dies sind einfache Menschen. Wie könnt Ihr es ĂŒber Eure Ehre bringen, sie abzuschlachten wie Vieh?“ Triborin wusste, dass er sich auf dĂŒnnes Eis begab, doch nun, da er das ganze Ausmaß des Gemetzels sehen konnte, siegte der Zorn ĂŒber die Vernunft.
„Das ist nicht dein Land, nicht dein König und nicht dein Volk. Du hast hier nichts zu suchen.“
Mittlerweile hatte Triborins Auftauchen die Aufmerksamkeit weiterer MĂ€nner erregt.
„Verschwinde hier“, presste der Mann hervor und fĂŒgte etwas in der Sprache der Menschen an, was Triborin nicht verstand.
Ein anderer sagte etwas und Triborin fuhr herum. Er verstand die Worte nicht, doch er sah, worauf der Soldat zeigte.
„Wo hast du das her?“, fragte der erste.
„Ich habe es gefunden.“
„LĂŒgner! Schwerter wie dieses liegen nicht einfach herum.“
Sie griffen an. Unbemerkt fĂŒr alle, feuerte Triborin seine Armbrust und der Mann vor ihm sank zu Boden. Triborin riss die ZĂŒgel herum und wandte sich den ĂŒbrigen zu. Er lĂ€chelte kalt. Drei Mann? Vielleicht noch eine Hand voll weitere im Dorf, mit schlechten RĂŒstungen und ohne Pferde? Es war fast schon ungerecht.
In einer fließenden Bewegung zog er das Krummschwert, ließ sein Ross auf die Hinterbeine gehen und befreite ein Dorf, dessen Namen er nicht einmal kannte.
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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#4

Beitrag von Jaro BallivĂČr » So 4. Nov 2018, 10:12

6. Mondklinge

Triborin wusch sich in einem kleinen Flusslauf. Er ließ sich Zeit dabei. KĂ€lte machte ihm nicht viel aus und das Wasser war klar und weich. Es kĂŒhlte die Prellung am Oberschenkel, die als einziges davon zeugte, dass er einen Kampf geschlagen hatte. Gleichzeitig reinigte der Fluss seinen Geist, wusch die Gedanken fort, die ihn plagten und nahm ihm die Last, die das Töten unwillkĂŒrlich in der Seele eines Mannes hervor rief. So zumindest lehrten es die Priester Noxas.
Als Triborin aus dem Wasser stieg, war es bereits dunkel. Mehr tastend als sehend, prĂŒfte er seine VorrĂ€te. Sie wurden knapp. Das Land bot ihm hier wenig Möglichkeit sie aufzufrischen. Es war nicht lĂ€nger nur grĂ¶ĂŸtenteils kahl, sĂŒdlich von Vesport wurde es zudem sumpfiger. Die verlassenen Höfe hatten Triborin zuvor immer wieder als gute Nahrungsquelle gedient, doch auch das hatte sich mit Überqueren der Königsstraße geĂ€ndert. Flucht und Zerstörung hatten die HĂ€user und Orte, die er seither passiert hatte, bislang verschont.
Bevor er dort um Verpflegung bat, wollte Triborin noch etwas Abstand zu dem Dorf bringen, in dem er sich eingemischt hatte. Des Königs MĂ€nner waren alle tot und verbrannt, doch die Bewohner hatten gesehen, was passiert war. Zwar bezweifelte er, dass sich die Neuigkeit so schnell verbreiten wĂŒrde, wollte aber doch sichergehen. Auf keinen Fall wollte er Aufmerksamkeit erregen. Er war ein Risiko eingegangen, die Klinge gegen die MĂ€nner zu erheben. Vermutlich war es sogar eine große Dummheit gewesen. Aber er war einer spontanen Regung gefolgt. RĂŒckgĂ€ngig machen ließ es sich nicht mehr und Triborin versuchte, nicht so viel ĂŒber das fĂŒr und wieder nachzudenken. Er war froh, dass der Kampf in seinem Kopf endlich verstummt war und hatte nicht vor, ihn zu wecken.

Gegen Ende des darauffolgenden Tages tauchte eine grĂ¶ĂŸere Ortschaft in Triborins Blickfeld auf. Je nĂ€her er kam, desto mehr HĂ€user schĂ€lten sich aus dem DĂ€mmerlicht, bis Triborin zu der Überzeugung kam, dass es sich um eine Stadt handeln musste. Aus der Studie der Karten konnte er sich nicht recht entsinnen, welcher Ort das war. Sicher war, dass er der Grenze schon sehr nahe sein musste. Triborin wog seine Möglichkeiten ab. Eine Stadt bot immer ein gewisses Maß an AnonymitĂ€t. So nah an Solterra gelegen, könnte dieser Ort sogar schon ein wenig durchmischt oder zumindest Fremden gegenĂŒber aufgeschlossen sein. Abgesehen von der Sicherheit, bot sie natĂŒrlich beste Möglichkeiten sich neu einzudecken. Und bequeme Betten, dachte Triborin. Wenn man ihn fragte, sollte selbst ein Leibgardist dann und wann den Luxus einer richtigen Schlafunterlage genießen dĂŒrfen.
Trotzdem zögerte er. Konnte Kunde der jĂŒngsten Ereignisse schon bis hierher gelangt sein? Nach außen sah es so aus, als wĂ€re der Ort zumindest von den ÜberfĂ€llen der königlichen Truppen verschont geblieben, doch auch das konnte Triborin nicht mit Sicherheit sagen. Er beschloss sich einen Tag fĂŒr Beobachtungen herauszunehmen.
Außer Sichtweite der stĂ€dtischen AuslĂ€ufer, suchte er sich einen Unterschlupf, wo er zumindest fĂŒr kurze Zeitspannen sein Pferd zurĂŒcklassen konnte. Er aß die kargen Reste aus einem der BauernhĂ€user. Trockenes Brot, etwas harter KĂ€se und weich gewordene RĂŒben, von denen er einige auch seinem Nachtschatten gab.
„Wenn alles glatt geht, kriegst du morgen eine richtige Mahlzeit.“ Er tĂ€tschelte dem Tier den Hals und nahm ihm die Last des Sattels.
Wenig spĂ€ter schlich Triborin zwischen den ersten HĂ€usern hindurch. In den meisten brannte Licht, sogar die Straßen waren beleuchtet. Aus Tavernen drang GelĂ€chter und GlĂ€sergeklirr. Triborins Stiefel verursachten auf dem Kopfsteinpflaster keinen Laut. Schnell war er sich sicher. Hier hatte es keine Angriffe gegeben. Schwere Schritte kĂŒndigten eine Patrouille zweier WĂ€chter an und vorsorglich drĂŒckte sich Triborin in den Schatten einer Seitengasse. Sie trugen einfache Lederharnische mit einem eingebrannten Wappen, dessen Abbild Triborin zwar nicht genau erkennen konnte, doch in jedem Fall war es nicht der rote Turm. Stadtwache, dachte er. Das war ein gutes Zeichen. Bevor er sein Nachtlager aufsuchte, dehnte er seine Erkundung weiter in den Stadtkern aus. Wenn er morgen hier einritt, wollte er schnell ans Ziel kommen und nicht suchend herumirren. GasthĂ€user gab es zu Hauf. Triborin spĂ€hte durch die Fenster der SchankrĂ€ume und prĂŒfte die StĂ€lle. Er wĂ€hlte den Vagabund, einen der grĂ¶ĂŸeren Höfe, aus dem Musik drang. Unterhaltung bedeutete Ablenkung. Wenn man die Leute bespaßte, kamen sie nicht auf dumme Gedanken.

FrĂŒh schon war Triborin in seinem Zimmer. Er hatte seine Mahlzeit eingenommen, bevor der Großteil der GĂ€ste seinen Weg in das Wirtshaus fand. Das fette Fleisch war ihm nach den spĂ€rlichen Rationen der letzten Tage wie ein Geschenk von Noxa persönlich erschienen und obwohl die Sauce etwas mehr GewĂŒrz vertragen hĂ€tte, hatte er noch weiter gegessen, als er lange schon satt gewesen war. Das Starkbier der Menschen machte seinem Namen alle Ehre und verstĂ€rkte die Mattheit, die ihn in Beschlag nahm. Trotzdem hatte er sich Zeit genommen, die Unterbringung und Verpflegung seines Pferds zu kontrollieren. Er ließ ihn generell ungern in fremder Hand, noch dazu in einer engen Box, in der sich das Tier bei einem möglichen Angriff bei weitem nicht so gut wehren konnte, wie in freiem GelĂ€uf. Allerdings konnte er es nicht ertragen, sich selbst den Bauch voll zu schlagen und bequem zu schlafen, wĂ€hrend er seinen Freund in der SchwĂ€rze der Nacht zurĂŒckließ.
Mit dem Schlaf kĂ€mpfend wachste Triborin gewissenhaft seine Uniform. Eine gute Pflege konnte ihm das Leben retten. Sie schaffte Beweglichkeit und machte das Leder zĂ€her, dass es nicht gleich aufplatzte oder riss. Mehr aus Gewohnheit als einer dĂŒsteren Vorahnung, platzierte er all seine Habseligkeiten und den Sattel so, dass er binnen Minuten fort sein konnte. Die Taschen waren wieder reichlich gefĂŒllt und wĂŒrden ihn einige Zeit ĂŒber die Runden bringen, sollte er in Solterra nicht sofort auf Siedlungen stoßen. Das Kurzschwert hatte er mit einem Umhang umwickelt, den er in den sĂŒdlichen Landen ohnehin nicht brauchen wĂŒrde. Fortan war es vor unerwĂŒnschten Blicken geschĂŒtzt. Zufrieden beendete Triborin die Arbeit und verstaute das Wachs. Dann, endlich, erlaubte er sich, sich in das ĂŒppig gepolsterte Bett sinken zu lassen.

Das Klirren von Schwertern und Geschrei auf der Straße weckte ihn. Triborin warf die Decke zurĂŒck und ging zu dem kleinen, offenen Fenster seines Zimmers. Nach der WĂ€rme der Decken fröstelte ihn. Es musste mitten in der Nacht sein. Die Seite an Seite gebauten HĂ€user waren dunkel bis auf eines direkt gegenĂŒber, das die benachbarten GebĂ€ude auch in der Höhe ĂŒberragte. In seinen bespannten Fenstern schimmerte Licht und auf der Straße davor herrschte Aufruhr. GerĂŒstete Krieger, hoch zu Pferd, warteten mit Fackeln in der Hand an der TĂŒre, wĂ€hrend Fußsoldaten einige wĂŒtende BĂŒrger in Schach hielten. Die berittenen MĂ€nner, da war er sich nach dem ersten Blick sicher, waren erfahrene Ritter. Mit etwas Anstrengung gelang es Triborin, ein paar der Wortfetzen ĂŒber den LĂ€rm hinweg einzufangen, die einer der Reiter an die Bewohner des Hauses richtete.
Er verstand die Sprache der Menschen nicht, doch mehrfach fiel der Name der Hauptstadt. Die Dringlichkeit in den Worten des Mannes war nicht zu ĂŒberhören. An wen auch immer diese Ansprache gerichtet war, er war dem GebĂ€ude nach sicher nicht mittellos oder zumindest bei wohlhabenden Leuten untergekommen.
Die Ritter versuchten nun, sich gewaltsam Eintritt zu verschaffen, ließen ihre Pferde gegen das reich verzierte Portal des Hauses ausschlagen, versuchten sogar, es mit einer Fackel zu entzĂŒnden. Vergeblich. Das Holz blieb auf unerklĂ€rliche Weise unversehrt.
Die Fußsoldaten hatten immer grĂ¶ĂŸere Schwierigkeiten die wachsende Menge tobender BĂŒrger, MĂ€nner wie Frauen, in Schach zu halten, von denen einige mit Schwertern bewaffnet waren. Noch haben sie niemanden getötet, stellte Triborin fest. Wieso? FĂŒrchteten sie sich vor der Masse? Die anderen ĂŒberfallenen Orte waren viel kleiner, die Leute Ă€rmer gewesen. Er zweifelte nicht einen Moment, dass die VorfĂ€lle miteinander zu tun hatten. Gebannt beobachtete er die Szene, hielt Ausschau nach möglichen Hinweisen und lauschte nach Worten, die er verstehen konnte, Ortsnamen oder allgemeingĂŒltige Begriffe. Doch die wĂŒtenden und verzweifelten Ausrufe aus dem Pulk blieben ein RĂ€tsel fĂŒr ihn. Sie riefen durcheinander und das in einer fremden Sprache. Da! Hatte er es sich nur eingebildet? Triborin konzentrierte sich vollends auf die Rufe. Er war sich beinahe sicher, ein Wort verstanden zu haben. Das Geschrei vereinheitlichte sich. Es wuchs aus dem Gemurmel heraus, als stimmten immer mehr Leute ein, wurde deutlicher und deutlicher, bis er nicht lĂ€nger leugnen konnte, was er hörte. Worte, in der Handelssprache Orchaldors: „Der schwarze Reiter wird euch holen.“

Triborins Herzschlag setzte einen Moment aus. Das konnte kein Zufall sein. Wie hatte die Kunde so schnell hierher gelangen können? Mittlerweile schien es, als sĂ€nge die ganze Stadt im Chor, wĂ€hrend die Ritter noch immer auf die TĂŒr einschlugen, noch immer ohne Erfolg. Wer hatte ihn alles gesehen? Der Wirt, die anderen aus dem Schankraum und davor
 Er gab auf. Jeder konnte ihn gesehen haben, als er die mit Kopfsteinpflaster ausgelegte Hauptstraße entlang geritten war. Sie wissen, dass ich hier bin. Die Erkenntnis löste ihn aus seiner Starre. Er musste weg, musste sein Pferd holen, bevor es jemand anderes tat. Der Stall fĂŒhrte zur anderen Seite des Gasthofes hinaus. Solange der Tumult tobte, konnte er unbemerkt davon reiten und nach Solterra fliehen.
Gerade als er zum Bett eilen, sich ankleiden und den Sattel greifen wollte, ertönte der Klang eines Horns. Triborin schloss in bitterer Erkenntnis die Augen. Er kannte diesen Klang. UnzĂ€hlige Male hatte er in der Akademie die Merkmale des rivalisierenden Volkes herunterbeten mĂŒssen. Triborin hĂ€tte es selbst in nahender Ohnmacht noch zuordnen können: Das war ein Albenhorn
 Schnell legte er seine Lederuniform an, befestigte die Armbrust und das Schwert und warf den Sattel aufs Bett. Auf der Straße war es ruhig geworden. Was hatte das zu bedeuten? Vorsichtig nĂ€herte er sich dem Fenster und blickte hinaus. Die Augen aller Menschen waren in eine Richtung gerichtet, ihre MĂŒnder standen teilweise offen. Zwölf Alben bewegten sich mit langsamen Schritten auf die Gruppe zu. Sie gingen jeweils zu dritt nebeneinander und die Ă€ußeren trugen grĂŒne Laternen, die viel mehr Licht verbreiteten, als die lodernden Fackeln der Ritter. Sie waren allesamt in dunkelgrĂŒne UmhĂ€nge gehĂŒllt, die bis zum Boden reichten und trugen goldene Helme. Hellbraunes bis rotes Haar floss wie dunkler Honig ĂŒber ihre Schultern und den RĂŒcken hinab. Beim Gehen verursachten sie nicht den geringsten Laut und blieben mit mechanischer Gleichzeitigkeit unweit der Menschentraube stehen.
„Haltet ein mit diesem Unsinn!“, durchbrach ein Alb schließlich die Stille. Er trat vor und zog ein langes, silbrig leuchtendes Schwert unter dem Umhang hervor. Triborin kniff die Augen zusammen. Alle Beschreibungen trafen zu, doch das konnte nicht sein. Es gab nur eine Hand voll Mondklingen auf der Welt und die wenigen, die das Zwergenreich Grakia verlassen hatten, waren in Besitz des albischen Herrscherhauses.
Ängstlich wichen die Menschen zur Seite, stolperten dabei ĂŒbereinander wie zusammengetriebene Ratten, den Blick nicht einen Moment von dem Fremden lösend. Auch die Krieger und die Reiter machten ohne ein einziges Wort Platz.
„Auf diese Weise werdet ihr die TĂŒre niemals öffnen.“ Der Alb ging nahe an das Haus heran. Alle Vorsicht beiseite schiebend, rĂŒckte Triborin wieder nĂ€her an das Fenster, um im flackernden Licht der Fackeln zu sehen, was geschah. Die Flammen spiegelten sich in dem hellen Schwert, als der Alb es erhob. Eine ungeheure Anziehungskraft ging von der Waffe aus und Triborin konnte kaum den Blick abwenden. Mit einer gleichmĂ€ĂŸigen Bewegung senkte der Alb die Arme und schob die Klinge in den Spalt zwischen den TĂŒrflĂŒgeln. In demselben Moment, in dem das Schwert wieder zum Vorschein kam, schwang das Portal wie von Geisterhand nach außen auf. In dem Licht, das aus dem GebĂ€ude strömte, konnte Triborin die schweren Riegel sehen, sauber durchtrennt mit einer einzigen, flĂŒssigen Bewegung des Schwertes. Also stimmten die Legenden ĂŒber die Mondklingen. Wer bei Noxa war dieser Mann?
„StĂŒrmen“, sagte er emotionslos und nach kurzem Zögern drangen die Krieger Vesperions in das GebĂ€ude ein. Die Alben aber blieben davor stehen, ebenso die vor Furcht gelĂ€hmten Menschen.
Endlich besann sich Triborin. Das war seine Chance. Solange der Überfall auf das Haus im Fokus lag, konnte er fliehen. Er warf einen letzten Blick auf die Gruppe Alben, die alle stur geradeaus blickten. Gerade, als er sich endgĂŒltig abwenden wollte, drehte einer von ihnen den Kopf und sah ihn direkt an. Vor Schreck zuckte Triborin zusammen.
Augen wie Smaragde, das Haar der Farbe von Kastanien gleich und hohe Wangen, die von den Wangenleisten des Helms nur ungenĂŒgend verdeckt wurden. Als Triborin diese Konturen zuletzt gesehen hatten, waren sie im Schatten einer Kapuze halb verborgen gewesen. Dieser Alb war eine Frau. Es war Liena.
~ Die grĂ¶ĂŸte Offenbarung ist die Stille ~

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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#5

Beitrag von Jaro BallivĂČr » Mo 5. Nov 2018, 21:47

7. Der schwarze Reiter

Dass Vesperion so etwas wie den Vorgarten von Mildir darstellte, war ĂŒberall bekannt, auch, wenn es kaum jemand laut aussprach. König Krinkar fraß dem Albenlord Sinklar aus der Hand. Dass albische Truppen in Vesperion stationiert waren und in Belange der WestmĂ€nner eingriffen, waren allerdings Neuigkeiten fĂŒr Triborin und es gab mit Sicherheit einige Personen auf diesem Kontinent, die diese Information nicht stillschweigend aufnehmen wĂŒrden.
„Ruhig“, flĂŒsterte er seinem Pferd zu, dass er, Noxa sei Dank, unversehrt an Ort und Stelle vorgefunden hatte. An den ZĂŒgeln fĂŒhrte er es nach hinten aus dem Stall hinaus, in der Hoffnung, er wurde nicht bereits erwartet. Liena hatte ihn gesehen. Hatte sie gewusst, dass er da war? Hatte sie ihn wirklich seit Kaachor verfolgt? Unmöglich hĂ€tte sie mit ihm mithalten können, ohne aufzufallen. Er war lange Strecken geritten und in hohem Tempo.
Sanft lenkte er sein treues Ross in eine kleine Seitengasse, in deren Richtung er den schnellsten Weg aus der Ortschaft vermutete.
„Sobald wir auf dem Hauptweg sind, reiten wir“, sagte er halb zu dem Tier, halb zu sich selbst.
„Nicht diesen Weg, schwarzer Reiter“, ertönte eine Stimme von hinten.
Triborin erstarrte. Liena

„Auf dieser Seite ist die Siedlung umstellt. Besser Ihr kommt mit mir.“
„Wieso sollte ich Euch vertrauen?“, sagte er und drehte sich um.
Sie zuckte mit den Schultern. „Mir fĂ€llt kein Grund ein. Ihr könntet nachsehen, ob ich Recht habe, doch dann ist es vielleicht zu spĂ€t. Eure Entscheidung.“
„Schön, dann anders gefragt: Warum helft Ihr mir?“
„Das ist jetzt nicht von Belang. Folgt mir oder folgt mir nicht.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ die Gasse.
Was nun? Triborin wĂ€gte im Eiltempo seine Optionen ab. Wenn sie ihn in eine Falle fĂŒhrte? Immerhin hatte er sie gerade noch in einer Gruppe anderer Alben gesehen. LĂŒge ist des Alben Sprache, Verrat liegt ihm im Blut. Ein jeder Elf lernte das von Kindesbeinen an. Vertraue keinem Alben.
Sein Blick flog zwischen den beiden Gassenenden hin und her. Liena war außer Sichtweite. Will sie mein Vertrauen erwecken oder wartet sie, bis ich in die Falle tappe?
Mit erzwungener Entschlossenheit folgte Triborin weiter seinem ursprĂŒnglichen Plan. Vielleicht hatte Liena Recht und eine Horde Ritter erwartete ihn vor dem Ort. Das wĂ€re immer noch besser, als sich freiwillig in das listige Netz der Alben zu begeben. Sich auszumalen, welcher Status ihm verliehen wĂŒrde, wenn diese Nachricht in seine Heimat gelangte
 Die Mission des Leibgardisten Triborin Tochar endete in albischer Gefangenschaft. In Lacharys brauchte er sich dann nicht mehr blicken zu lassen.

Die Gasse mĂŒndete wie erwartet auf eine etwas grĂ¶ĂŸere Straße und Triborin hielt kurz inne und spĂ€hte vorsichtig um das Eck. Nichts; die Luft war rein. Er fĂŒhrte sein Pferd hinaus, bereit aufzusitzen. Es war Ă€ußerst still, selbst von dem Tumult auf der anderen Seite des Gasthofes drangen kaum GerĂ€usche herĂŒber. Ob diese Ruhe ein gutes oder schlechtes Zeichen war, vermochte Triborin nicht zu sagen und es wĂŒrde das Beste sein, diesen Ort so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Die Straße entpuppte sich nicht als die beste Wahl. Zwar war sie der direkteste Weg hinaus, doch es gab unzĂ€hlige Abzweigungen, die aufgrund ihrer Enge teilweise nicht einsehbar waren, wĂ€hrend man von dort wahrscheinlich einen guten Blick hinaus hatte. Triborin verstand nicht, warum man derart breite Straßen baute. In den Gassen zwischen den eng stehenden, finsteren Bauten der Dunkelelfen fĂŒhlte er sich sicher, so als wĂŒrde ein StĂŒck steingewordene Nacht schĂŒtzend ĂŒber ihn wachen. Hier war er wie auf dem PrĂ€sentierteller, angestrahlt von kĂŒnstlichem Licht. Als teilte es Triborins Sorge, schnaubte sein Pferd leise und drehte die Ohren nach außen. Es hatte etwas gehört. Triborin schĂ€rfte alle Sinne auf das Höchste.
Ja.
Er war nicht allein. Hinter ihm war ein Mann aus dem Schatten geschlichen. Ruhig wartete Triborin ab, ließ ihn in dem Glauben, er sei unbemerkt. Noch ein wenig nĂ€her
 jetzt! In einer schnellen Bewegung fuhr Triborin herum, zog sein Schwert und schlug dem Mann den Dolch aus der Hand. Dann durchbohrte er seine Brust und sah sich um. Vereinzelt krochen dunkle Schemen aus ihren Verstecken. Ein Hinterhalt. Er durfte keine Zeit mehr verlieren. Das Krummschwert in der Hand, schwang er sich in den Sattel und gab dem Pferd die Sporen. Weitere MĂ€nner drangen aus den Seitengassen und Triborin feuerte mehrmals lautlos seine Armbrust, darauf bedacht, vor allem die SpeertrĂ€ger auszuschalten, bevor ihm eines der Wurfgeschosse im RĂŒcken steckte. Mit den Vorderhufen streckte sein Pferd zwei Soldaten nieder, die mutig genug gewesen waren, in seinen Weg zu laufen. Er ritt nun fast im Galopp durch die enge Straße. Auf keinen Fall durfte er zulassen, dass sie sein Pferd erwischten. Es war nicht nur seine Lebensversicherung, es war ihm auch ein treuer Freund. Mit wehendem Haar stob er an den heraneilenden MĂ€nnern vorbei, bis er einen Bereich erreichte, in dem die Straße weniger Zuwege hatte und eine scharfe Kurve nahm. Die Angreifer hatte er ein gutes StĂŒck abgehĂ€ngt. In hohem Tempo fegte er um die Kurve und riss die ZĂŒgel hart nach hinten. Hinter der Biegung konnte er den Ortsausgang sehen. Und auch all die kleinen Lichtpunkte, die jenseits davon in der Luft tanzten. Fackeln
 Das war nicht bloß eine Horde Ritter, hier wartete ein ganzes Heer. Das Pferd trippelte auf der Stelle, wĂ€hrend Triborin weiter die ZĂŒgel fest gepackt hatte und in die Nacht spĂ€hte, auf das, was ihn vor den Toren der Siedlung erwartete. Sie wĂŒrden ihn töten oder gefangen nehmen und beides wĂŒrde reichen, Lacharys den Krieg zu erklĂ€ren. Vor allem, da die Alben ihre Finger im Spiel hatten. Ein mordender Irrer aus Xyrius‘ persönlicher Leibgarde war genug fĂŒr Lord Sinklar, die anderen Herrscher von der Notwendigkeit zu ĂŒberzeugen, gegen die Dunkelelfen vorzugehen. Das durfte auf keinen Fall passieren. Mit einem letzten Blick auf den Ortsausgang, drehte Triborin ab. Er wĂŒrde ein paar weitere Tote in Kauf nehmen mĂŒssen, doch er konnte es schaffen. Im Trab bog er um die Kurve, um anschließend wieder in den Galopp zu beschleunigen, doch dazu kam er nicht. Die MĂ€nner hatten sich formiert und erwarteten ihn in einem Halbkreis, geschĂŒtzt mit Schildern, auf denen groß und mĂ€chtig der blutrote Turm ihres Königshauses prangte. Speere wie Schwerter waren bereit zum Angriff erhoben.
Schnell analysierte Triborin die Situation. Es gab keine SchĂŒtzen auf den DĂ€chern, doch ihre Formation war strategisch klug gewĂ€hlt. Einfach durchzubrechen war kaum möglich und doch musste er es versuchen. Seitlich, in der NĂ€he der HĂ€user, waren sie schwĂ€cher besetzt. Dort wĂŒrde er hineinreiten. Mit einer Hand packte er die ZĂŒgel neu, mit der anderen hob er das Krummschwert.
„Lauf mein Freund, so schnell du kannst“, murmelte er und trieb das Ross an. Die Menschen reagierten sofort. Triborin wich einem Speer von links aus, wĂ€hrend der zweite Werfer mit seiner Waffe in der Hand und einem kleinen Pfeil im Hals zu Boden ging. Mit dem Fuß trat Triborin gegen die Schilder, um die MĂ€nner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sein Schwert klirrte gegen gegnerische Waffen und fĂŒgte, wann immer er eine LĂŒcke in der Deckung erwischte, vielen MĂ€nnern tödliche Wunden zu. Im Augenwinkel sah Triborin, wie sie versuchten den Kreis zu schließen, um ihn von beiden Seiten gleichzeitig attackieren zu können. Er musste durchbrechen, bevor es dazu kam und seine ĂŒberlegene Position auf dem RĂŒcken eines riesigen Schlachtrosses zunichtemachte.
„Lauf Junge, lauf!“, flehte er mit zusammengebissenen ZĂ€hnen.
Das Ende der Reihen schien in immer weitere Ferne zu rĂŒcken, sein linkes Bein schmerzte, wo ein feindliches Schwert das Leder durchdrungen hatte und ein Wiehern verriet ihm, das auch sein Ross bereits getroffen worden war. Wie zeitverzögert sah er, dass ein Krieger weiter rechts einen Speer anhob und mit einem kraftvollen Schwung in seine Richtung schleuderte. Er wĂŒrde genau die Brust seines Pferds treffen und es zu Fall bringen. In Gedanken schon bei seinem harten Aufprall auf dem Boden, nahm Triborin nur undeutlich war, wie zwei Pfeile einschlugen; einer durchbohrte den Hals des Speerwerfers und einer den Schaft seines Geschosses. Das Pferd fiel nicht, Triborin ritt weiter. Neue Pfeile flogen in die Menge und lichteten seinen Weg, sodass er die Barrikade der Menschen ĂŒberwinden konnte. Befreit von dem Druck der MĂ€nner, preschte sein Pferd nach vorne, bevor Triborin die ZĂŒgel enger nahm und es kontrollierte. Kaum merklich landete jemand hinter ihm.
„Törichter Elf! Ihr seid wahrlich so dumm und arrogant wie Euer Ruf verspricht!“, zischte ihm Liena ins Ohr. „Hier entlang!“
Sie fĂŒhrte ihn wieder tiefer in den Ortskern und Triborin gehorchte stillschweigend, zu aufgewĂŒhlt, um zu antworten, geschweige denn, zu widersprechen.
Die Albe stieß ein trillerndes Pfeifen aus und eine cremefarbene Stute erschien zwischen zwei HĂ€usern. Elegant sprang Liena auf ihren RĂŒcken. Selbst in der grauen DĂŒsternis der unbeleuchteten Gasse strahlten ihre Augen hell, als sie Triborin wĂŒtend ansah. Dann flĂŒsterte sie ihrem Pferd etwas zu, worauf es in einen schnellen Trab verfiel. Vereinzelt drangen noch GerĂ€usche des Tumults aus der Ortschaft, doch je weiter sie sich entfernten, desto leiser wurden sie und bald beschleunigte die Albe ihre Stute. Niemand schien ihnen zu folgen. Der HĂ€userbestand wurde dĂŒnner und schließlich fanden sie sich auf Feldern und Heuwiesen wieder, ohne einer einzigen weiteren Menschenseele begegnet zu sein.
Triborins Kopf rauschte. Liena hatte ihm die Wahrheit gesagt. Der Ort war im SĂŒden umstellt. Wie hatten sie so schnell herausfinden können, dass er fĂŒr die Morde vor ein paar Tagen verantwortlich war? Wie hatte die Mobilmachung so zĂŒgig von Statten gehen können? Konnte er der Albe wirklich vertrauen? Fragen ĂŒber Fragen prasselten auf seinen Kopf ein und er fĂŒhlte sich ausgezehrt und schmutzig. Der Hauch des Todes haftete ihm an, das Blut unzĂ€hliger Menschen klebte an seinem Schwert, das er noch immer verkrampft in der Hand hielt und sein Bein pochte in dumpfem Schmerz.
Triborin kontrollierte die Position des Mondes. Sie bewegten sich nach Osten. Nach einer Weile des stillen Trabens schloss er zu Liena auf.
„Wohin reiten wir?“, fragte er leise. „Ich muss nach SĂŒden.“
„Das geht nicht“, antwortete sie knapp. „Wir reiten nach Mildir.“
„Was?“, entfuhr es Triborin und Liena blickte ihn ernst an.
„Ihr habt gesehen, was vor dem Ort los war! Könnt Ihr Euch vorstellen, wie die Grenze aussieht?“
„Und die Grenze zu Mildir wird besser sein?“, entgegnete Triborin.
„Wir werden nicht die Straße nehmen.“
„Ihr werdet mich in Euer eigenes Land schmuggeln?“
Sie antwortete nicht und sah wieder starr noch vorne.
„Wieso?“, bohrte Triborin weiter, da fiel ihm plötzlich etwas anderes ein. „Woher wisst Ihr, dass ich die Grenze ĂŒberqueren möchte?“
„Das ist nicht wichtig.“
„FĂŒr mich ist es wichtig!“, drĂ€ngte er. „Woher wisst Ihr das alles? Warum wart Ihr in Kaachor? FĂŒr wen arbeitet Ihr?“
„Ich sagte, das ist nicht wichtig!“
Wut mischte sich in Lienas Ton. „Ohne mich wĂ€rt Ihr jetzt vielleicht schon tot oder schlimmer, ein Gefangener der WestmĂ€nner. Was wĂŒrde Euer Lord mit Euch anstellen, frage ich mich, wenn sie Euch irgendwann auslieferten? WĂ€re es da nicht besser, sie töteten Euch gleich?“ Herausfordernd sah sie ihn an. „Spart Euch den Atem und behaltet Eure Fragen. Ich bin Euch nichts schuldig.“
Triborin wollte zu einer Antwort ansetzen, ĂŒberlegte sich es aber anders. Sie wĂŒrde ihm keine seiner Fragen beantworten und so sehr es sich einzugestehen auch schmerzte und an seinem Stolz nagte, er schuldete ihr mindestens seine Freiheit.
„Wenn Ihr alleine losziehen wollt, bitte. Reitet nach SĂŒden und Ihr werdet erneut sehen, dass ich Recht habe. Dieses Mal werde ich aber nicht zu Eurer Rettung eilen.“
„Schon gut!“, sagt Triborin genervt. „Ich habe verstanden.“
„Das ging ja schnell“, stichelte Liena weiter, doch Triborin war schlau genug, nicht mehr zu reagieren.

„Wir rasten hier.“ Liena hielt in einer kleinen Senke, in der es einen Bach und ein paar krumme LaubbĂ€ume gab. Die DĂ€mmerung kroch bereits ĂŒber das Land.
„Wir mĂŒssen Euer Pferd versorgen.“ Mit wenigen Handgriffen löste sie eine lederne Tasche vom RĂŒcken ihres eigenen Reittiers und warf sie unter die BĂ€ume, deren dichtes BlĂ€tterdach trotz ihrer geringen Höhe großflĂ€chig Schutz bot.
Auch Triborin saß ab. Liena hatte Recht. Von Meile zu Meile war der Nachtschatten unrunder gelaufen und Triborin hatte immer wieder beruhigend dessen Hals getĂ€tschelt und ihm gut zu gesprochen.
„He, mein Junge! Ruhig!“
Bei Triborins Versuch, den verletzten Vorderlauf zu berĂŒhren, wieherte das Tier auf und humpelte zur Seite. Jedes schmerzerfĂŒllte Schnauben verwandelte sich in der kalten Nachtluft zu Dampf. Triborin stand auf und legte ihm die flache Hand auf den NasenrĂŒcken.
„Halt still. Ich will dir helfen.“
Nachdem er das Tier einigermaßen beruhigt hatte, ließ es ihn an das Bein fassen, auch wenn es immer wieder zurĂŒckzuckte. Mit einem angefeuchteten Lappen begann Triborin die Wunde zu sĂ€ubern. Es war ein großer, dafĂŒr zum GlĂŒck nicht sehr tiefer Schnitt oberhalb des Sprunggelenks.
Liena trat neben ihn. „Darf ich?“ Sie hielt ein BĂŒndel KrĂ€uter in der Hand, das einen beißenden Geruch verströmte. Zögerlich nickte Triborin.
„Vorsichtig“, mahnte er sie, doch sein Pferd machte keinen Mucks, als die fremde Frau sein Bein berĂŒhrte. Mit einer Mischung aus Überraschung und Empörung sah Triborin dabei zu, wie Liena die KrĂ€uter brach, aneinander rieb und in die Wunde gab.
„VerrĂ€ter“, zischte er dem Tier zu.
„Die Vladisir werden das Fleisch reinigen und EntzĂŒndungen vorbeugen“, erklĂ€rte Liena. „Die Wunde wird sich in wenigen Stunden schließen.“
Triborin nickte stumm.
„Jetzt Ihr.“
„Was?“ Triborin verstand nicht.
„Euer Bein; es ist ebenfalls verletzt. Setzt Euch.“
Fast hÀtte er den Schnitt vergessen, doch als sie es aussprach, setzte der Schmerz wieder ein.
„Das ist nichts.“
„Sicher seid Ihr mit der Entwicklung unbehandelter Wunden vertraut. Wir nĂ€hern uns sumpfigem Gebiet und werden es so schnell nicht mehr verlassen. Wollt Ihr euch eine Blutvergiftung holen?“
Wieder willig legte Triborin die Wunde frei und setzte sich. Er sah zu, wie Liena das Blut abwusch, die Stelle vom Schmutz befreite und schließlich auch seine Wunde mit den geheimnisvollen KrĂ€utern behandelte. Er erwartete ein Brennen, doch stattdessen breitete sich eine eisige KĂ€lte auf seinem Bein aus. Lienas Haar fiel ihr halb vor das Gesicht, wĂ€hrend sie sich ĂŒber ihn beugte. Ihre Handgriffe waren geschickt und sanft. Selbst fĂŒr eine Albe war sie klein und Triborin ĂŒberragte sie um zwei Köpfe. Man sagte, Alben waren ebenso schön wie gefĂ€hrlich. Triborin musste sich eingestehen, dass es stimmte.
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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#6

Beitrag von Jaro BallivĂČr » Mi 7. Nov 2018, 18:36

8. Die Kinder Nēns

Ralir genoss die Stille. Die Augen geschlossen, konzentrierte er sich ganz auf ihre weiche Substanz und auf jene GerĂ€usche, die nur durch sie wahrnehmbar waren. NatĂŒrlich bot eine Stadt weit weniger davon als die Natur, doch sie waren dennoch vorhanden. In der Ferne tropfte Wasser auf Stein, ein loser Fensterladen klapperte im lauen Wind. Wenn er sich besonders anstrengte, meinte er sogar das Holz Ă€chzen zu hören, unter der Last der HĂ€user gefangen, trocken aber keinesfalls tot. Es gab nichts Schöneres als Ruhe. Endlich waren die Menschen fort, stets lĂ€rmend, schreiend und stampfend, schnaubend und schniefend. Ihre RĂŒstung klapperten, ihre Stimmen dröhnten und sogar ihre Pferde standen nie still.
"Mein Herr?"
Ralir hörte die Unsicherheit in Milnirs Stimme. Wenigstens war dem jungen Alb bewusst, dass er die heilige Stille zerstörte.
"Sprecht."
"Das Haus ist leer. Die Menschen haben nichts gefunden."
"Das heißt nicht, dass es nichts gibt." Ralir öffnete die Augen und sah in das Gesicht des jungen Kriegers mit dem auffallend hellen Haar und den blassen Augen. WĂ€re er nicht so klein gewesen, hĂ€tte man ihn in der passenden Gewandung beinahe fĂŒr einen Dunkelelfen halten können. Der Junge hatte es unter Gleichaltrigen mit Sicherheit nicht leicht gehabt.
"Ich werde selbst nachsehen. Olriel, Gondal, ihr kommt mit mir."
Zwei seiner Leute lösten sich aus den Reihen und postierten sich schweigend hinter ihm.
"Haltet die Stellung", befahl er den Übrigen, bevor er sich noch einmal an Milnir wandte. "Und du mein Junge: such Liena."
Trotz seines verwirrten Gesichtsausdrucks war der Zögling schlau genug, nicht nachzufragen. Stattdessen verbeugte er sich leicht und verschwand mit wehendem Umhang und, zu Ralirs Zufriedenheit, absolut lautlos in den stinkenden Gassen dieses Ortes.
NatĂŒrlich war Ralir Lienas Verschwinden sofort aufgefallen. Niemand entfernte sich aus seiner Einheit, ohne dass er es merkte. Vor allem nicht sie. Wenn sie nur endlich eine Dummheit beginge, die bedeutend genug war, damit er gegen sie vorgehen konnte. Er wusste, wohin sie wollte. Doch der Dunkelelf war nicht ihre Aufgabe. Die Menschen sollten ihn fangen und das wĂŒrden selbst sie in so großer Überzahl irgendwie fertigbringen. Niemand musste wissen, dass Ralirs Vater die Finger im Spiel hatte. Lord Sinklar hatte Vesperions AbhĂ€ngigkeit nicht ĂŒber Jahre hinweg mĂŒhevoll aufgebaut, um dann selbst den entscheidenden Kampf zu schlagen. Blieb nur zu hoffen, dass Liena nicht alles vermasselte, indem sie versuchte, den Elfen selbst gefangen zu nehmen. Wobei Ralir, wenn er ganz ehrlich war, selbst davon nicht abgeneigt war. Das Bild, wie Liena vor seinem Vater kniete und auf eine Belohnung hoffte, stattdessen aber seine Wut zu spĂŒren bekam, erfĂŒllte ihn bei der bloßen Vorstellung schon mit tiefer Genugtuung.

Gefolgt von Gondal und Olriel schritt Ralir durch das Portal. Dies war zweifelsohne ein Ordenshaus des Wassergottes. Auch ohne die Symbole an TĂŒr und TĂŒrrahmen hĂ€tte er dies erkannt. Eine Aura umgab es, ein sanftes Pulsieren, das er weder sehen noch hören, wohl aber fĂŒhlen konnte. Er hatte die Menschen vorgeschickt, obwohl er nie wirklich daran geglaubt hatte, dass sie finden wĂŒrden, wonach er suchte. Einen Versuch war es trotzdem wert gewesen. Ralir schauderte beim Passieren des Portals. Wenn es sich vermeiden ließ, ein Haus der Elemente zu betreten, ergriff er diese Chance nur zu gerne.
Mit einem Wink bedeutete er seinen Begleitern ihm zu folgen. Lautlos setzte er einen Fuß vor den anderen, leicht in den Knien, die Klinge gezogen. Der Boden war mit groben Holzplanken ausgelegt, die wie das Portal mit den konzentrischen Kreisen des Wassers versiegelt waren. An der RĂŒckwand fĂŒhrte eine hölzerne Treppe in den Keller und nach oben. Ansonsten war der Raum leer. Die WĂ€nde waren ebenfalls mit Holz verkleidet. Sie waren in gleichförmige Rechtecke gegliedert, in denen mannshohe GemĂ€lde hingen. Alle zeigten sie das Wasser in seinen verschiedensten AusprĂ€gungen und waren aufwendig koloriert. Normalerweise wĂ€re Ralir erstaunt gewesen, dass Menschen zu solch feiner Arbeit in der Lage waren, doch er wusste, dass er es hier nicht mit normalen Menschen zu tun hatte. Ebendas machte sie gefĂ€hrlich.
Vorsichtig durchquerte er den Raum und spĂ€hte die Treppe hinauf. Obwohl oben Licht brannte, vermochte es den Aufgang kaum zu erhellen. Die enge und dĂŒstere Bauweise der Menschen hatte Ralir schon hĂ€ufig den Kopf schĂŒtteln lassen.
Sie hatte allerdings Vorteile. Zumindest, wenn man etwas verstecken wollte. Wo bei Narma waren sie hin? Wo lagerten sie die Schriften, die LĂŒgen in der Welt verbeiteten, wie Gift, das langsam durch den Körper fließt und mehr und mehr davon befĂ€llt?
Ralir stieg die Treppe hinauf. Im Eiltempo durchsuchte er mehrere schlicht eingerichtete Zellen, ein Art Aufenthaltsraum und ein Kaminzimmer - ohne Erfolg.
"Hier ist nichts", murmelte er und Zorn kochte in ihm hoch. Es musste etwas geben! Wenn er nicht bald einen Beweis fand, stand das ganze Unterfangen vor dem Scheitern.
"PrĂŒft den Keller", befahl er und ging selbst zurĂŒck in die Eingangshalle. GrĂŒbelnd schritt er auf und ab. Sie hatten das Haus beobachtet, hatten Menschen kommen und gehen sehen, Bettler meist, die Nahrung oder Kleidung erbaten, doch auch die Priester in ihren blauen Roben. Kinder Nēns... so nannten sie sich, doch fĂŒr Ralir waren sie nichts als Abschaum, die die Menschheit gegen die bestehende Ordnung aufwiegeln wollten. Er hatte die dunkle Magie gespĂŒrt, die das Portal verschlossen hielt, er sah die Spuren ihrer schandhaften Machenschaften, die sie unter dem Schleier einer gemeinnĂŒtzigen Religion verbargen. Wie hatten sie verschwinden können? Sein Blick schweifte ĂŒber die GemĂ€lde. Wasser. Überall Wasser. Am liebsten hĂ€tte er alle Bilder heruntergerissen.
"Herr?"
Ralir fuhr herum und Milnir sank unter seinem Blick in sich zusammen.
"Es ist... Liena."
"Was ist mir ihr? Hast du sie gefunden oder nicht?"
Der Junge rÀusperte sich. "Sie ist weg, mein Herr. Man hat sie in Begleitung des schwarzen Reiters aus dem Dorf reiten sehen."
"Schwarzer Reiter..." Spott lag in Ralirs Stimme. "In welche Richtung?"
"Nach... nach Osten, mein Herr."
Ralir schloss die Augen. Manchmal hasste er es, wenn er Recht hatte. Er sollte sie einfach ins offene Messer laufen lassen. Leider wĂŒrde Vaters Zorn ihn dann nicht minder treffen und das konnte er sich in der aktuellen Situation keineswegs erlauben. "Verdammte sollst du sein, Liena", flĂŒsterte er. Wie hatte er sie je lieben können? Er ließ das Schwert in die Scheide gleiten und schritt ins Freie.
"Wir brechen auf."


9. EnthĂŒllungen

Der Schatten um die Hauswand regte sich und glitt ein StĂŒck zur Seite, obwohl das Licht der Öllampe sich nicht bewegt hatte. Da waren sie wieder, die Symbole, dieses Mal zahlreicher, akkurater. Rasgar brauchte den kleinen Zettel nicht herauszuholen, um zu wissen, dass es exakt dasselbe Zeichen war, das er bereits an diversen TĂŒren zerstörter HĂ€user entdeckt hatte.

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Es hatte gedauert, bis er herausgefunden hatte, wofĂŒr es stand. Jetzt war er sich sicher. Es war das Symbol des Wassers und seiner Gottheit Nēn. Nachdenklich zog Rasgar die Stirn kraus. Die Religion der Elemente war schon lange ausgestorben und doch fand er sich direkt vor einem Glaubenshaus wieder. Es sah bewohnt aus, ob es aber tatsĂ€chlich in Gebrauch war, konnte Rasgar von seiner Position aus nicht deuten. Was ihn ohnehin viel mehr beunruhigte, war die Anwesenheit der Alben. Tumulte hatten Rasgar direkt nach seiner Ankunft hierhergefĂŒhrt. Er hatte gehofft, die Quelle dafĂŒr sei der elende Leibgardist. Stattdessen war er auf diese merkwĂŒrdige Versammlung gestoßen. WĂ€hrend er im Stillen beobachtete, drangen von anderer Stelle KampfgerĂ€usche hinĂŒber. Rasgar betete zur Noxa, dass dies nichts mit dem Elfen zu tun hatte. Sein GefĂŒhl sagte ihm gleichzeitig, dass genau das der Fall war. Auf Dauer konnte der eigene Pessimismus zermĂŒrben. Trotzdem blieb er an Ort und Stelle. Zum einen aus Neugierde, zum anderen fĂŒrchtete er die wachsamen Augen der Alben, wenn er sein Versteck aufgab. Es schien ihm ohnehin nicht vergönnt, den Gardisten einzuholen. Wohlwissend, dass die Grenze verschlossen war, war Rasgar auf direktem Wege an der Grenze von Mildir und Vesperion nach SĂŒden geritten und hatte unweit der Straße gewartet. Kurz darauf war die Albe vorbeigekommen und dann lange nichts. Also hatte er vermutet, dass auch der Elf schon weiter sein musste, hatte aus Ärger wegen der verlorenen Zeit in KĂŒrze beinahe seinen ganzen Tabak weggeraucht und sich daraufhin noch mehr geĂ€rgert. Auf dem ganzen Weg waren seine FĂ€higkeiten nutzlos gewesen. Leute, die nicht sprachen, lohnte es nicht zu belauschen. Wo nichts geschah, gab es nichts zu beobachten. Das erste Lebenszeichen des Elfs war, wie Rasgar dem ganzen Schlamassel zum Trotz amĂŒsiert bemerkte, der Tod. Die Folgen davon waren weit weniger komisch. Von Anfang an hatte Rasgar gewusst, dass bei dieser Mission, welchen Zweck sie auch immer haben mochte, nichts Gutes herauskommen wĂŒrde. Nun war der Gardist auf dem besten Wege, sich ein ganzes Land zum Feind zu machen, zumindest den Teil des Landes, der das Sagen hatte. Leider war es nicht nur irgendein Land. Es war das Land mit dem grĂ¶ĂŸten albischen Einfluss. Und es stand am Rande eines BĂŒrgerkrieges. Hungersnöte und Krankheit wĂŒrden folgen. Was kĂ€me da besser gelegen, als ein fremder SĂŒndenbock?

Stocksteif standen die ĂŒbrigen Alben auf der Straße. Auf ihren filigran gearbeiteten Brustharnischen prangte der goldene Baum Mildirs. Sie trugen Schwerter an der HĂŒfte und Bogen und Pfeile auf dem RĂŒcken. Rasgar hatte von Anfang an bezweifelt, dass Krinkar aus freien StĂŒcken das eigene Volk angriff. Hier hatte er den Beweis. Die Alben und ihre Panik vor dem Wasser
 Selbst ein harmloser Volksglaube raubte ihnen derart die Fassung, dass sie das willkĂŒrliche Abschlachten einfacher Leute veranlassten. Sie versteckten sich hinter ihrer Sauberkeit und ihren Tugenden, propagierten von Licht und Reinheit und in Wahrheit waren sie die selbstsĂŒchtigsten Kreaturen auf diesem Planeten. Es war ein Leichtes die Dunkelheit zu verdammen und andere von deren Bosheit zu ĂŒberzeugen, wohingegen ein jeder automatisch der Ansicht war, dass Licht das Gute verkörperte. Dass es auch blenden konnte, daran dachte kaum einer.
Langsam wurde Rasgar nervös. Er bekam nicht mit, was in dem GebĂ€ude geschah. Er wusste nicht wo der Gardist sich herumtrieb. Bei der Wahl seines Verstecks hatte er seinen Fokus auf die Alben auf der Straße gelegt, die, wie sich herausstellte, bloß regungslos da standen. DafĂŒr hatte er den Nachteil des fehlenden, sicheren Fluchtweges in Kauf genommen. Ein grober Fehler. Du wirst nachlĂ€ssig, alter Knabe. Jeden SchĂŒler hĂ€tte er fĂŒr solch eine Dummheit mit einer Tracht PrĂŒgel gestraft.
Ein JĂŒngling eilte heran. Endlich geschah etwas. Rasgar spitzte Augen und Ohren. Er sprach das Silmanat beinahe so gut wie seine eigene Muttersprache. Es ĂŒberraschte ihn nicht, als der Name der Albe aus Kaachor fiel. Er hatte erwartet, dass sie hier war. Eigentlich verwunderte ihn nicht einmal, was er dann hörte. Viel mehr bescherte es ihm eine tiefe Resignation. Warum musste er verdammt nochmal immer Recht haben? Dieser junge Gardist war eine Schande fĂŒr Lacharys. Wieso hatte Xyrius diesen Tölpel in fremdes Land geschickt? Man konnte von seiner Lordschaft halten, was man wollte, aber dumm war er gewiss nicht. Alles, was er tat hatte einen Grund. Ich hĂ€tte ihn frĂŒher finden mĂŒssen

Ein Alb verließ das GebĂ€ude und nun wurde Rasgar doch noch ĂŒberrascht. Vor ihm stand ein jĂŒngeres Abbild von Alsar Sinklar. Das feine braune Haar fiel ihm locker auf die Schultern, seine Augen strahlten in einem hellen GrĂŒn und in seinen GesichtszĂŒgen lag derselbe Zorn, den Sinklar in sich trug und der ihn so sehr von den meisten Alben unterschied. Die goldenen Fibeln an dem Umhang bestĂ€tigten Rasgars Verdacht. Nur einem Mitglied der Herrscherfamilie war es gestattet, den heiligen goldenen Baum als SchmuckstĂŒck zu tragen. Ziemlich hoher Besuch fĂŒr ein einfaches Glaubenshaus in einer namenlosen Kleinstadt. Rasgar kniff die Augen zusammen. In dieser Rechnung gab es entschieden zu viele Unbekannte fĂŒr seinen Geschmack.
„Wir brauchen den Elfen lebend.“
Die Alben setzten sich in Bewegung. Rasgar wartete ungeduldig, bis sie weit genug fort waren, dann schÀlte er sich aus dem Mantel des Zwielichts und ging in die andere Richtung, um Lorxas zu holen. Zu gerne hÀtte er nachgesehen, was auch immer die Alben in diesem Haus gesucht hatten. Doch ebenso wie sie, hatte er weit dringlichere Dinge zu erledigen. Er musste den Elfen finden, bevor sie es taten. Im schlimmsten Fall musste er ihn beseitigen.
~ Die grĂ¶ĂŸte Offenbarung ist die Stille ~

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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#7

Beitrag von Jaro BallivĂČr » Do 8. Nov 2018, 20:56

10. Der Fremde

Linu saß am Klippenrand und starrte in die Ferne. Die Sonne war bereits auf dem Weg Richtung Meer, in das sie in einigen Stunden eintauchen wĂŒrde, um am nĂ€chsten Morgen anderswo wieder herauszukriechen, gefesselt an diesen Ablauf, an das immer gleiche Muster. Linu fĂŒhlte sich ebenso gefesselt. Jeder Tag war wie der vorherige. Vom Tageslicht geweckt, half sie im Haushalt bis die Schule losging. Dort verbrachte sie den halben Tag und lernte eigentlich nur, was ihre Eltern ihr sowieso beibrachten. Das Bestellen von Feldern, Saat-, Wachstums- und Erntezyklus, Pflanzenkunde, Hauswirtschaft und Holzbearbeitung. Zugegeben, sie mochte die Flugstunden und die JagdausflĂŒge, doch auch dafĂŒr hĂ€tte sie die Lehrer nicht gebraucht. Außerdem wogen sie in keinster Weise die ewig langweiligen Monologe ĂŒber die unzĂ€hligen Gefahren auf den Inseln auf. Haltet euch fern von den StrĂ€nden, ihr wisst nie wann die Flut kommt. Klettert nicht an den SteilwĂ€nden herum, ihr beherrscht die Verwandlung noch nicht zur GĂ€nze und könntet fallen. Und schließlich das Lieblingsthema der Erwachsenen: meidet unter allen UmstĂ€nden das Gebirge und den umliegenden Wald. Er ist Revier der Menschenaffen und sie dulden uns nicht in ihrer Mitte. Dringt ihr zu tief hinein, kommt ihr nie wieder heraus.
Linu konnte es nicht mehr hören. Manchmal fragte sie sich, warum die Leute ĂŒberhaupt noch wagten die eigene HĂŒtte zu verlassen, wo doch an jeder Ecke eine tödliche Gefahr lauerte. Sollte das so weiter gehen, bis sie alt war und zu Ralon in die ewigen Himmel aufstieg? Schon mehrfach hatte sie ihren Vater drauf angesprochen und stets hatte er freundlich gelĂ€chelt und ihr gesagt, dass das natĂŒrlich Quatsch war. Eines Tages wĂŒrde sie einen Mann finden und Kinder haben und dann wĂŒrde alles ganz anders werden. Dann kĂ€men Enkelkinder und wenn sie GlĂŒck hatte auch Urenkel. Sie brauchte ihm nicht zu sagen, dass sie diese Art von VerĂ€nderung nicht gemeint hatte. Er wusste es, doch er missbilligte ihren Wunsch nach Abenteuer und VerĂ€nderung.
Eine Weile vertrieb sich Linu die Zeit damit, kleine Steine ĂŒber den Rand zu werfen, hinterher zu springen und sie aufzufangen, bevor sie auf den schmalen Streifen Sand fielen, der die Hauptinsel Caeron umrahmte und bei Flut fast vollstĂ€ndig vom Meer geschluckt wurde. Bald aber wurde sie dessen ĂŒberdrĂŒssig und setzte sich seufzend wieder an den Rand. Soweit sie blicken konnte, erstreckte sich das blaue Meer. Angeblich hatte es schon ErkundungsflĂŒge gegeben. Gruppen von Aviaren waren hinaus auf das Meer geflogen, auf der Suche nach anderen Inseln. Doch wenn man dem, was man ihnen in der Schule berichtete, Glauben schenken durfte, waren sie alle der totalen Erschöpfung nahe zurĂŒckgekehrt, ohne etwas anderes als Wasser gesehen zu haben.
Ein spontaner Impuls ließ Linu auf die Beine schnellen und bevor sie es sich anders ĂŒberlegen konnte, stieß sie sich ab, nahm ihre Vogelgestalt an und flog hinaus auf das offene Meer. Sicher schadete es nicht, sich selbst zu ĂŒberzeugen und wenn sie bis zum Abendessen zurĂŒck war, wĂŒrde Vater keinen Verdacht schöpfen. Sie flog und flog, zunĂ€chst spielerisch, mit Bögen und Schleifen, doch bald schon begannen ihre FlĂŒgel zu schmerzen. Das Wasser unter ihr hatte sich verĂ€ndert. In der NĂ€he der Inseln war es meist tĂŒrkisblau und ruhig, doch hier war es dunkel und wild, wie sie es nur bei StĂŒrmen kannte. Ihr Herz klopfte schneller und auch wenn sie es sich nicht so recht eingestehen wollte, bekam sie es mit der Angst zu tun. Linu verharrte in der Luft und drehte sich um. Die Inseln waren zu dunklen Flecken geschrumpft und das riesige Attalongebirge wirkte wie eine kleine HĂŒtte darauf. Sie schluckte. In alle anderen Richtungen war nichts als Wasser zu sehen. Sollte sie etwa schon aufgeben? Nein. Entschlossen presste Linu den Schnabel fest zusammen und flog weiter. Ihre FlĂŒgel brannten, die Augen trĂ€nten ihr von der kalten Luft und das Meer wollte und wollte nicht aufhören. Furcht hatte ihr Herz mittlerweile mit eisigem Griff umschlossen. Sie musste umkehren. Wenn sie nicht auf halbem Wege erschöpft in die Fluten stĂŒrzen wollte, musste sie zurĂŒck. Verbittert und enttĂ€uscht wendete sie. Der RĂŒckflug war ein einziger Kampf. Offensichtlich war sie ein wenig zur Seite abgekommen, denn die Inseln waren auf einmal links von ihr. Vor Anstrengung zitterten die Muskeln und immer wieder sackte Linu ein StĂŒck ab, wĂ€hrend das rettende Land nicht nĂ€her zu kommen schien. Nein! Sie musste es schaffen. TrĂ€nen schossen ihr in die Augen. Das Meer machte ihr Angst. Keinesfalls durfte sie abstĂŒrzen. Mit all ihrer Willenskraft kĂ€mpfte Linu gegen die Erschöpfung an und erreichte endlich die erste Felsnadel. Es war ihr egal, wo sie war. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, nach oben zu fliegen und fiel mehr als dass sie landete. Ihr Körper wechselte wie von selbst in ihre menschliche Gestalt und eine Weile blieb sie einfach auf dem warmen Sand liegen. Schweiß bildete sich auf ihrer Haut. Ihr Brustkorb hob und senkte sich, wĂ€hrend sie versuchte, zu Atem zu kommen. Sie hatte es geschafft. Ralon sei Dank. Nie wieder wĂŒrde sie hinaus fliegen. Sie hatten alle recht. Dort gab es nichts. Nichts als den Tod.

Langsam beruhigte sich ihr Atem und Linu setzte sich auf. Sie war auf einer Insel ganz im Westen von Caertol gelandet, ein gutes StĂŒck von der Hauptinsel entfernt. Obwohl sie nicht zu den nadelförmigsten der Inseln gehörte, war Linu doch in kurzer Zeit auf die andere Seite gelaufen. Erstaunt blieb sie stehen. Die Furcht von vorher war vergessen und wurde durch Neugierde ersetzt. Der Strand war ĂŒber und ĂŒber mit Treibgut ĂŒbersĂ€t. Das meiste schien Holz zu sein. Viel Holz. Linu zog die dichten Augenbrauen zusammen. Es kam schon vor, dass StĂŒrme den BĂ€umen aus dem Urwald Zweige und Äste abrissen und diese in das Meer schleuderten. Nach einiger Zeit bracht das Wasser sie dann wieder zurĂŒck an Land. Solch eine Menge hatte Linu aber noch nie gesehen. Auch Ă€hnelte das Holz keinem Baum, den Linu kannte. Konnte es irgendwo ein Dach abgedeckt haben? Viele der HolzstĂŒcke erinnerten an die Balken und Latten, mit denen die Aviare ihre HĂŒtten deckten. Es musste allerdings weit mehr als ein Haus getroffen haben. Außerdem: der letzte Sturm lag schon ewig zurĂŒck. Linu schĂŒttelte den Kopf. Dies stammte nicht aus den Dörfern. Mit weit aufgerissenen Augen bahnte sie sich einen Weg durch die TrĂŒmmerlandschaft. Neben Holzplanken fand sie auch merkwĂŒrdige Teile, die von der Farbe an Gestein erinnerten und ebenso hart waren. Sie entdeckte buntes Geschirr aus glĂ€nzendem Material und KleidungsstĂŒcke, die ihr reichlich unpraktisch erschienen. Wie sollte man sich verwandeln, wenn einem die Ärmel bis zu den HĂ€nden reichten? Schließlich blieb sie vor einem riesigen Holzstamm stehen. Die OberflĂ€che war perfekt eben und glĂ€nzte im rötlichen Licht der Abendsonne. Fasziniert ging sie den Riesen entlang, der zusehends dĂŒnner wurde. Was sich dann vor ihr ausbreitete, verschlug ihr den Atem. Noch nie hatte sie solch ein großes StĂŒck Stoff gesehen. Es war löchrig und zusammen gerafft, doch sie erkannte rote Farbe darauf. Aufgeregt zog sie es StĂŒck fĂŒr StĂŒck auseinander. In die Mitte war ein riesiger Fels mit Zacken gemalt, dessen Struktur aber zu regelmĂ€ĂŸig fĂŒr eine Klippe war. Stattdessen Ă€hnelte es eher den GemĂ€uern der HĂŒtten. Was hatte sie hier nur gefunden? Ein Grinsen stahl sich auf Linus Gesicht. Der Tag war doch noch aufregend geworden. Fortan sollte dies ihr persönlicher Schatz sein. Taal wĂŒrde sie vielleicht davon erzĂ€hlen, aber ansonsten wĂŒrde es ihr Geheimnis bleiben. Sie hĂ€tte noch Stunden damit zugringen können, den Strand abzusuchen, doch sie hatte noch ein StĂŒck zu fliegen und die Sonne kroch unweigerlich auf den Horizont zu. Wenn sie nicht pĂŒnktlich zum Abendessen erschien, wĂŒrden Vater und Mutter wieder in Sorge zerfließen. Schweren Herzens wandte Linu sich vom Fundort ab. Doch gerade, als sie sich verwandeln und vom Boden abstoßen wollte, erregte ein Funkeln ihre Aufmerksamkeit. Sie beugte sich hinab. Es handelte sich um eine Art Schmuck, allerdings hatte sie noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Es schimmerte in der Farbe der aufgehenden Sonne, war glatt und hart und hatte die Form eines Baumes. Linu hob die Kette auf und betrachtete sie fasziniert. Ein Schatz, wahrlich. Hin und weg streifte sie das dĂŒnne Band ĂŒber ihren Kopf. Mein persönliches Geheimnis, dachte sie und wollte sich erneut aufmachen, als ihre Augen wieder etwas MerkwĂŒrdiges entdeckten. Da waren Fußabtritte im Sand. Sie fĂŒhrten weg vom Wasser und in Richtung der Steilwand und, so viel war sicher, es waren nicht ihre eigenen.

Linu rang mit sich. Neugierde mischte sich mit Aufregung und sogar ein wenig Furcht und hielt sie an Ort und Stelle, obwohl sie wusste, dass sie gehen musste. Vater wĂ€re außer sich, wenn sie erneut zu spĂ€t kam. Im schlimmsten Fall wĂŒrde er ihr Stubenarrest auferlegen. Voller Graus erinnerte Linu sich an den letzten. Noch nie war eine Woche derart langsam vergangen. Irgendwann hatte sie vor lauter Wut ihr halbes Zimmer zerlegt und sich abends still in den Schlaf geweint. Angeschrien zu werden, eine Tracht PrĂŒgel zu kassieren
 alles war besser, als eingesperrt zu sein. Sie konnte einfach morgen wieder kommen. Unsicher kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. Was, wenn die AbdrĂŒcke dann fortgespĂŒlt waren? Und derjenige, dem sie gehörten, verschwunden? Außerdem, vielleicht brauchte dieser Jemand Hilfe? WĂ€re er sonst nicht einfach weggeflogen, anstatt auf den Fels zuzugehen? Wider aller Vernunft kehrte Linu dem Meer den RĂŒcken. Den AnhĂ€nger schob sie vorsorglich unter ihr Hemd.
Am Fuß der Steilwand angekommen, folgten die AbdrĂŒcke ihr ein StĂŒck. Die Spur verlief alles andere als gerade. Allem Anschein nach war die Person unrund gelaufen und hin und wieder auf die Knie gefallen. Hinter einem kleinen Felsvorsprung verschwand die FĂ€hrte im Dunkel einer Höhle. Linu stoppte. Trotz ihrer scharfen Augen konnte sie nichts erkennen, keine Umrisse, keine Schemen. Sie holte tief Luft und ging hinein. Es dauerte einen Moment, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Die Höhle war nicht groß und sehr flach, sodass sie gebeugt gehen musste. Eine Gestalt lag zusammengerollt auf den Boden. Sie rĂŒhrte sich nicht und Ă€hnelte eher einem Haufen Stoff als einem Aviaren. Linu nahm all ihren Mut zusammen und ĂŒberbrĂŒckte die letzten Meter. Alles an der Person war fremd. Sie trug Kleidung, wie Linu sie noch nie gesehen hatte und zwischen den langen Haaren lugten spitze Ohren hervor. Der Sand um den Körper herum war dunkler als der Rest. Vorsichtig streckte Linu eine Hand aus und berĂŒhrte den RĂŒcken der leblosen Person. Sie war nass und kalt.
So eine Aviare habe ich noch nie gesehen, dachte Linu und tastete sich aufgeregt weiter vor. Aus dem Mund strömte Luft – immerhin lebte sie noch. Vorsichtig drehte Linu den Körper auf den RĂŒcken und runzelte die Stirn. Aufgrund der langen Haare hatte sie gedacht es sei eine Frau, doch beim Anblick von Gesicht und Brust war sie sich nicht mehr so sicher. Zwar waren die Augenbrauen kaum mehr als feine Linien und nirgends gab es Zeichen von Bartwuchs, doch der Kiefer war scharf geschnitten, das Kinn markant und die Brust breit und eben. Um die HĂŒfte herum war eine Art Band geschnĂŒrt, das ein kunstvoll verziertes Messer hielt. Es war aus demselben grĂ€ulichen Material wie einige der Teile am Strand, auch wenn es irgendwie reiner wirkte. Selbst im Zwielicht der Höhle schien ein leichter Schimmer davon auszugehen. Linu sprang vor Schreck auf, als das Husten einsetzte. Der Fremde krĂŒmmte sich und keuchte, dann sah er sie mit großen Augen an.
„Wo bin ich?“
Obwohl er ihre Sprache sprach, war Linu zu perplex, um zu antworten. Ihr GegenĂŒber geriet unterdessen in Panik. Er setzte sich auf, begann sich wild umzublicken und versuchte auf die Beine zu kommen, was ihm nicht gelang. Linu löste sich aus ihrer Starre.
„Schon gut! Alles gut. Wir sind auf einer Insel ganz im Westen. Ehrlich gesagt weiß ich selbst nicht genau wo.“
„Insel im Westen?“ Verwirrung lag in seinem Blick.
„Naja
 von Caeron aus gesehen“, setzte Linu an, wusste aber nicht, wie sie es erklĂ€ren sollte, da der Mann so gar nicht zu verstehen schien, von was sie sprach. Sie verstummte wieder. Mittlerweile hatte der Fremde zu zittern begonnen.
„Mir ist so kalt.“
Hektisch sah Linu sich um, doch natĂŒrlich gab es nichts, das sie ihm hĂ€tte geben können. Selbst trug sie nur das lose Hemd aus Leinen und eine passende Hose. Die KleidungsstĂŒcke aus dem Treibgut fielen ihr ein.
"Warte hier. Ich hole dir trockene Kleider."
Er reagierte nicht. Sich mit den Armen umschlingend wippte er vor und zurĂŒck.
"Ich bin gleich zurĂŒck." Linu flitzte aus der Höhle hinaus und rannte zu der Fundstelle. In aller Eile las sie ein paar Stofffetzen auf, aber auch einige, die noch als KleidungsstĂŒcke zu erkennen waren.
Als sie zurĂŒck war, hatte der Fremde wieder das Bewusstsein verloren. Linu prĂŒfte seinen Atem und versuchte ihn zu wecken. Ohne Erfolg. Was sollte sie nur tun? Sie konnte ihn nicht tragen, doch genauso wenig konnte sie ihn hier einfach sterben lassen. Es gab nur einen Ausweg... Vater.
"Ich komme wieder", flĂŒsterte sie dem regungslosen Mann zu und verließ erneut das Dunkel. Den ganzen Flug nach Hause versuchte sie sich einzureden, dass Vater es verstehen wĂŒrde. Immerhin war es doch eine Notsituation. Er hatte ihr gesagt, sie solle immer helfen, wenn jemand in Not war und genau das tat sie jetzt. Trotzdem klopfte ihr Herz laut, als sie die HĂŒtte betrat. Vater und Mutter saßen zu Tisch und aßen schweigend Salzfische mit Brot. Linus Teller stand unberĂŒhrt an ihrem Platz. Aalon sah nicht auf, als sie den Raum betrat.
"Papa?", Linu rÀusperte sich.
Keine Reaktion.
"Ich brauche deine Hilfe."
Nun hob er den Kopf und anstelle von Zorn sah sie die tiefe Sorge in seinen gelben Augen, die ihr jedes Mal das Herz brach. Auch Mutter hatte den Blick auf sie gerichtet.
"Du bist eine ganze SonnenlÀnge zu spÀt."
"Ich weiß, Papa. Es tut mir leid! Aber ich konnte nicht eher kommen! Du musst mir glauben."
"Das sagst du mir jedes Mal", unterbrach er sie.
"Aber dieses Mal stimmt es wirklich! Ich habe einen Mann gefunden und er braucht dringend Hilfe."
Endlich hatte sie seine volle Aufmerksamkeit.
"Wo hast du einen Mann gefunden?"
Linu zögerte. Wenn sie erwÀhnte, wo er sich befand, musste sie auch erklÀren, warum sie so weit von der Hauptinsel entfernt gewesen war. Allerdings hatte sie keine Wahl. Nicht, wenn sie dem Mann helfen wollte.
"Auf einer der kleineren Inseln ganz im Westen."
Aalons Gesicht war eine Maske, doch ĂŒberraschender Weise sagte er nichts dazu.
"Und was ist mit diesem Mann?"
"Ich weiß es nicht. Er muss im Wasser gewesen sein, denn er ist ganz nass und friert. Bevor ich fort bin, hat er das Bewusstsein verloren."
"FĂŒhr mich hin." Er schob seinen Stuhl zurĂŒck und stand auf. "Tut mir leid, Schatz, wir essen spĂ€ter."
"Schon gut, Aalon. Aber nehmt euch Lampen mit und seid vorsichtig!"

Mit umgebundenen Talglichtern flogen sie in die immer dunkler werdene Nacht hinein. Überall auf der riesigen Ebene Caerons sammelten sich die Lichtpunkte der kleinen Ortschaften, wĂ€hrend der Urwald und das Gebirge im Zentrum beinahe schwarz wirkten. Linu flog voraus, doch sie hörte das krĂ€ftige Schlagen ihres Vaters FlĂŒgel direkt hinter sich. Zielstrebig steuerte sie einen Punkt an, der weit genug von dem Treibgut entfernt war, als dass Vater es in diesen LichtverhĂ€ltnissen hĂ€tte erkennen können. Es sollte ihr Geheimnis bleiben, zumindest noch ein wenig. Schweigend folgte Aalon ihr in die kleine Höhle, die sie ohne das Licht vermutlich gar nicht mehr gefunden hĂ€tte. Auch als er den Bewusstlosen hoch hob und hinaus trug, als er sich verwandelte und mit Linus Hilfe, den Mann mit SchnĂŒren an seinem RĂŒcken befestigte, sagte ihr Vater nicht ein Wort. Die Stille war so nervenzehrend, dass Linu ihm beinahe alles erzĂ€hlt hĂ€tte. Von ihrem Erkundungsflug, der Rettung auf die Insel, dem Fund am Strand und der Kette. Doch sie biss sich auf die Zunge. Auf dem Heimweg ĂŒbernahm Vater die FĂŒhrung. Mutter hatte unterdessen die Bank in der Stube mit Decken ausgelegt. Als sie den Mann sah, keuchte sie auf und nahm eine Hand vor den Mund. Hilfesuchend blickte sie zu Aalon, doch der schĂŒttelte bloß den Kopf.
"Mach ihm Wickel und packe ihn warm ein. Ich sehe zu, dass wir warmes Wasser haben. Falls er aufwacht, soll er BrĂŒhe trinken. Ansonsten ist Schlaf die beste Medizin."
Sinja nickte und deckte den Fremden mit allem zu, was in Griffweite war. Dann ging sie, um die Wickel zu bereiten.
Aalons Blick fiel auf Linu. "Du, mein FrĂ€ulein kommst mit mir. Wir brauchen Holz fĂŒr das Feuer."
Gehorsam folgte sie ihm aus der HĂŒtte und nach hinten zum Holzspeicher.
"Und jetzt sagst du mir, was du so weit draußen zu suchen hattest."
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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#8

Beitrag von Jaro BallivĂČr » Fr 9. Nov 2018, 18:24

11. Im Dunkel der Nacht spricht er zu mir

Licht fiel matt durch die Hornfenster in König Warkas‘ persönlicher Kemenate und fĂ€rbte die Holzverkleidung des Raumes in warme Brauntöne. Der mĂ€chtige Kachelofen verströmte den Duft getrockneter KrĂ€uter und gerösteter NĂŒsse und sorgte fĂŒr eine angenehme Temperatur. Raks Stimmung stand in krassem Gegensatz zu der AtmosphĂ€re des Raumes. Nach den unzĂ€hligen NĂ€chten in der DĂŒsternis des Verlieses, in denen die klamme KĂ€lte ihm bis in die Knochen gekrochen war, gelangte weder WĂ€rme noch Helligkeit in sein Bewusstsein. Mit dumpfem Blick starrte er auf den Teppich zu seinen FĂŒĂŸen und wartete. Niemand hatte ihn besucht. Die einzigen Unterbrechungen der ewigen Leere waren die Mahlzeiten gewesen, falls der kalte Getreideschleim diesen Namen ĂŒberhaupt verdiente. Die ganze Zeit ĂŒber war es Rak unmöglich gewesen zu erkennen, ob Tag oder Nacht war, ob die Sonne schien oder es regnete. Die einzigen GerĂ€usche waren das leise Jammern anderer Gefangener, das metallische Klirren der WĂ€chter und das dumpfe Pochen im Gestein gewesen, dem einzigen Zeugnis des Lebens ĂŒber der Erde.
„Seid Ihr sicher, dass er kommt?“
„Man hat mir gesagt, heute wĂ€re er sein Verstand einigermaßen klar.“
Die Ritter hinter ihm flĂŒsterten sich leise zu, doch Raks Gehör war geschĂ€rft. Immerhin war es die ganze Zeit ĂŒber beinahe der einzige nĂŒtzliche Sinn gewesen.
„Wir bleiben hier, bis wir andere Anweisungen erhalten.“
„Warum nimmt sich der Prinz nicht der Sache an?“
„Angeblich hat Warkas darauf bestanden.“
HĂ€tte Rak vor ein paar Wochen jemand gesagt, dass er den König persönlich treffen wĂŒrde, hĂ€tte er ihn ausgelacht. So lange er lebte, hatte er das Oberhaupt Norgonds nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Bei allen öffentlichen Ereignissen wurde er von seinem 17-jĂ€hrigen Sohn vertreten. Nun kam Rak zu dieser Ehre, doch er hĂ€tte unter den gegebenen UmstĂ€nden lieber verzichtet. UnglĂŒcklicherweise hatte er keine Wahl.
Nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit knarrte endlich die TĂŒre am hinteren Ende des Raumes.
„Das ist der Junge, Euer MajestĂ€t“, sagte eine Stimme sanft und langsam, als sprĂ€che sie mit einem kleinen Kind oder einem schwerhörigen Alten.
Vorsichtig hob Rak den Kopf und erschrak. Warkas sah furchtbar aus. Er war dĂŒrr und bleich. Dunkle Augenringe dominierten sein Gesicht und sein Haar war verfilzt und ungewaschen. Meister Wilbert fĂŒhrte den Monarchen zu seinem Sessel. Der weißhaarige Gelehrte wirkte neben Warkas wie das blĂŒhende Leben.
„Er hat sie getötet?“, krĂ€chzte der König seinem Arzt und Berater entgegen.
„Nun, Euer MajestĂ€t, wie es scheint, lebt sie noch. Wenn ich sie mit dem Hörrohr untersuche, kann ich einen Herzschlag erahnen und ihre Pupillen reagieren auf Licht.“
„Ich rede nicht von Klara! Hat er meine Lisandra getötet?“ Speichel spritze auf sein Wams und er krallte sich in die Armlehnen.
Das allgemeine Erstaunen war beinahe greifbar. Es war schon Jahre her, dass die Königin sich vom höchsten Turm der Burg gestĂŒrzt hatte.
„Sprecht! Ich befehle es!“
„MajestĂ€t“, begann Wilbert vorsichtig, „als die Königin verschied, kann dieser Bursche nicht mehr als ein kleines Kind gewesen sein.“
Warkas schĂŒttelte monoton den Kopf von Seite zu Seite. „Er unterliegt nicht den Gesetzen der Zeit. Er ist weder alt noch jung. Im Dunkel der Nacht spricht er zu mir.“
Rak bemerkte, wie Wilbert den Rittern einen alarmierten Blick zuwarf.
„Mit Verlaub, dies ist ein BĂ€ckerjunge, Euer MajestĂ€t.“
„Du darfst ihm nicht glauben! Er will, dass du das denkst.“ Warkas packte Wilbert am Ärmel und zog ihn dicht zu sich heran. „Sie hat gewusst, dass er kommt, immer schon. Doch ich habe nicht auf sie gehört. Wie konnte ich? Und dann
“ Der König schluchzte auf, „dann hat er sie geholt. Damit sie ihn nicht verrĂ€t! Aber jetzt ist er entlarvt.“ Plötzlich zierten Zornfalten wieder sein Gesicht und sein Finger zeigte zitternd auf Rak. „Er versucht meine ganze Familie auszulöschen! Er will die Herrschaft an sich reißen!“
„Sch.“ Mit Nachdruck schob Wilbert den König zurĂŒck in den Sessel. Wie ein reuevolles Kind kauerte dieser sich darin zusammen.
„Was damals geschah, können wir nicht wissen, doch es ist unweigerlich klar, dass er die Prinzessin verwundet hat. Die Ritter berichten gar davon, dass er einen
 Stein zum Leben erweckt und auf Klara gehetzt hat.“
„Das ist nicht wahr!“, platzte Rak wider Willen heraus. „Ich habe ihr gesagt, sie soll nicht hinfassen, doch sie wollte nicht hören und dann habe ich nur versucht sie zu retten.“
„Gedroht hast du ihr also auch noch?“
Fassungslos klappte Rak der Mund auf. Das war doch nicht gerecht! Jeder hier wusste, dass der König irre war und trotzdem spielten sie diesen Unfug mit.
„Du weißt, was mit Leuten passiert, die sich der Hexerei beschuldigen?“
"Aber Ihr kennt mich doch! Ich habe bei Euch gelernt."
"Bei so vielen SchĂŒlern ist es unmöglich, alle genau zu kennen. Der Makel der Magie ist unauffĂ€llig und tĂŒckisch."
"Aber es gibt doch ĂŒberhaupt keine Magie! Das habt Ihr selbst hundert Mal betont." Verzweiflung ließ Raks Stimme zittern. Warkas hatte begonnen, sich vor und zurĂŒck zu wiegen.
"Das behaupten sie alle, sobald sie ĂŒberfĂŒhrt sind." Des Meisters Blick war eiskalt. "Doch die Beweislage könnte nicht eindeutiger sein."
"Es war ein Unfall. Es war ein dummer Zufall", murmelte Rak fast zu sich selbst.
"Mein König, sprecht Ihr diesen Jungen fĂŒr schuldig, ein Mitglied des Königshauses angegriffen zu haben? Sprecht Ihr ihn fĂŒr schuldig, sich den verbotenen KrĂ€ften der Elementarmagie bedient zu haben?" Wilbert hob die Stimme. Es war augenscheinlich, dass er Rak nicht mehr zu Wort kommen lassen wollte.
"Schuldig!", spuckte Warkas aus.
"Dann ist es beschlossen. Ritter, bringt den Abschaum in seine Zelle zurĂŒck und lasst die Herolde verkĂŒnden, dass es am morgigen Tage eine Steinigung geben wird."
Raks Herz raste wie wild. "Aber Meister! Das könnt ihr nicht tun! Ich habe nichts getan!"
Doch Wilbert hatte sich bereits abgewandt, um dem König aus dem Sessel zu helfen.
"Nein!", schrie Rak und das erste Mal seit er vom Fluss abgefĂŒhrt wurde, wehrte er sich nach KrĂ€ften. Wild schlug er um sich, wand sich und versuchte sich zu befreien, doch der Griff der Ritter war eisern.
"Halt still Junge!", presste einer hervor.
Rak dachte gar nicht daran. Er intensivierte seine Anstrengungen, bekam den Oberlippenbart eines Ritters zu fassen und riss krÀftig daran. Der Mann schrie auf und versetzte Rak eine schallende Ohrfeige. Dazu hatte er allerdings eine Hand gelöst, sodass Rak sich kurz aus seinem Griff entwinden konnte und nur noch von einem gepackt wurde. Ein dumpfes GerÀusch ertönte, dann folgte Schmerz an Raks Hinterkopf. Mama... Papa... stumm rief Rak nach seinen Eltern, dann wurde es schwarz um ihn.

MĂŒhevoll öffnete Rak die Augen. DĂŒsternis umgab ihn und verwandelte seine Umgebung in unscharfe Schemen. Sein Kopf hĂ€mmerte. Stöhnend tastete er an seinen Hinterkopf. Um die schmerzende Beule herum war sein Haar verklebt. Trotz des Schlages erinnerte er sich an alles und wĂŒnschte, es wĂ€re anders, wĂŒnschte, es wĂ€re nur ein böser Traum gewesen. Voller Graus dachte er an die letzte Steinigung, der er beigewohnt hatte. Die Verurteilten hatten nicht einmal die halbe Strecke vom Stadttor zum Bergfried geschafft. Mit einem bitteren Geschmack im Mund dachte Rak daran, wie stolz er auf seinen eigenen Treffer gewesen war. Was, wenn die junge Frau damals ebenso unschuldig gewesen war, wie er selbst? Auf einmal schĂ€mte er sich furchtbar. TrĂ€nen fĂŒllten seine Augen und nachdem er sich kurz dagegen gewehrt hatte, ließ er sie zu. Er flehte, seine Eltern mögen ihn besuchen. Er musste ihnen erklĂ€ren, dass alles ein großer Irrtum war, dass er nicht das war, was alle behaupteten. Doch vermutlich war es selbst dafĂŒr schon zu spĂ€t. HĂ€tten sie nicht versucht, ihn zu sehen, wenn sie ihn nicht fĂŒr Abschaum hielten?
"Ich bin unschuldig", flĂŒsterte er. "Ich bin unschuldig. Ich bin unschuldig."
"Wieso fliehst du nicht?"
Rak fuhr vor Schreck zusammen. Noch leicht benommen sah er sich um. Es dauerte einen Augenblick, bis er die Umrisse des Sprechers an der gegenĂŒberligenden Zellenwand erkannte. Die HĂ€nde in den Taschen eines langen Umhanges, stieß er sich von der Wand ab und schlenderte auf Rak zu.
"Was willst du hier?", fragte Rak. Er hatte den Kerl noch nie zuvor gesehen, doch es konnte sich nur um eine weitere Peinigung fĂŒr ihn handeln.
"Ich sehe nach, warum du nicht fliehst."
"Lass den Blödsinn." Die Augenbrauen zusammen gezogen, umfasste Rak seine Knie und legte den Kopf auf die Seite. "Was willst du?"
"Ich möchte wissen, warum du in dieser Zelle hockst und darauf wartest, dass sie dich in aller Öffentlichkeit hinrichten."
Die Stimme war ganz nah und als Rak zur Seite schielte, sah er ein Paar lederner Stiefel direkt vor sich.
"Weißt du, warum sie die Leute steinigen, die sie der Hexerei bezichtigen?" Der Fremde begann auf und ab zu gehen.
Rak antwortete nicht.
"Es ist ein Test."
"Blödsinn."
"Was weißt du ĂŒber die Elementarmagie?"
Vewirrt runzelte Rak die Stirn. Das gleiche Wort hatte Meister Wilbert verwendet. "Es gibt keine Magie."
"Wenn es keine gibt, warum haben dann alle so große Furcht davor? Jedenfalls, wo war ich? Ah ja, die Elementarmagie. Lass mich ein wenig ausholen." Mit dem Fuß zog er den kleinen Schemel neben der Pritsche zu sich heran und setzte sich. "Unsere ganze Welt wird von den Elementen getragen. Wasser, Erde, Luft und Feuer sind die Reinelemente. Sie waren zuerst da und werden von den Göttern selbst gesteuert. Rarik zum Beispiel, ist der Gott der Erde. Ihn kennst du, hoffe ich."
"Was du erzÀhlst, ist Hochverrat. Rarik ist der Herr des Königshauses."
"Das mag die verblendete Ansicht der Herrscherfamilien sein, doch es ist eine LĂŒge." Ganz deutlich konnte Rak die Wut des Mannes hören.
"Lass sie das hören und du wirst ebenfalls gesteinigt."
Jetzt lachte er. "Keine Sorge. Ich habe Mittel und Wege mir etwas PrivatssphĂ€re zu schaffen. Und jetzt hör mir zu: Neben den Reinelementen gibt es Mischelemente. Metall fĂŒr Wasser und Erde, Holz fĂŒr Wasser und Feuer, Licht fĂŒr Feuer und Luft und Gestein fĂŒr Luft und Erde. Diese Mischelemente entstanden unabhĂ€ngig vom Handeln der Götter hier auf dieser Welt. Aus diesem Grund kann man sie leichter kontrollieren, wenn man die Gabe dazu hat."
"Willst du mir sagen, mit dieser Elementarmagie kann man Steine verzaubern?"
"So wĂŒrde ich es nicht ausdrĂŒcken, aber ja. Man kann sich ihrer bedienen. Hier im Nordosten des Kontinents war Gestein schon immer das vorherrschende Element. Leider ist es den Menschen vor langer Zeit beinahe gelungen, uns auszulöschen. Sie haben uns in den Untergrund gedrĂ€ngt und zu GeĂ€chteten gemacht."
"Wer ist uns?" Rak musste zugeben, dass ihn neugierig machte, was der Mann erzÀhlte.
"Die Elementare natĂŒrlich. Gesteinselementare, um genau zu sein."
"Aber wenn die Strafe Steinigung ist..."
"... könnten sie einen wahrem Elementaren damit nichts anhaben, richtig. Deshalb ist es, wie ich sagte, ein Test. Sie wollen sehen, ob der Verurteilte nachgibt und vor aller Welt seine FĂ€higkeiten zur Schau stellt. Wenn er das tut, können sie ihn erst recht anprangern und anschließend hĂ€ngen oder ertrĂ€nken oder was ihnen noch alles einfĂ€llt. Tut er es nicht... ein Problem weniger."
"Aber das ist doch Unsinn. Die meisten Leute haben bestimmt gar keine magischen FĂ€higkeiten." UnwillkĂŒrlich nahm Rak die Hand vor den Mund, als er merkte, was er gerade gesagt hatte. Glaubte er wirklich daran, dass so etwas wie Magie existierte? Nur weil ein Fremder in seiner Zelle auftauchte und von Elementen faselte?
Sein GegenĂŒber schien die Reaktion bemerkt zu haben, denn Rak sah sein Grinsen im Halbdunkel.
"Danach fragt nachher keiner mehr, mein Junge. So ist das. Du hingegen... hast zweifellos magische FĂ€higkeiten. Deshalb frage ich dich noch einmal: warum fliehst du nicht?"
~ Die grĂ¶ĂŸte Offenbarung ist die Stille ~

Laotse

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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#9

Beitrag von Jaro BallivĂČr » So 11. Nov 2018, 17:33

"Ich weiß nicht wie das gehen sollte."
Mit langen Schritten ging der Fremde auf die Zellenwand zu und klopfte gegen die Mauer. "Was ist das?"
"Stein."
Er ging weiter zu der Seite, in der sich die TĂŒre befand. "Und das?"
"Stein", murrte Rak wieder.
"Wo liegt dann das Problem?"
"Ich kann es nicht. Habe es nie gekonnt. Ich bin ein lausiger BĂ€cker, mehr nicht."
Wieder erschien das Grinsen im Gesicht des Mannes. "Und was war mit dem Pfeiler am Fluss?"
"Das war ich nicht. Es hat die Prinzessin von ganz alleine angegriffen."
"Du hast ihn geweckt."
"So ein Blödsinn. Ich habe noch nicht einmal gewusst, dass es dort ist."
Seufzend setzte er sich wieder. "Das mag sein. Der Signalstein hat allerdings sehr genau gewusst, das du da bist."
"Signalstein?"
"Ganz genau. Sie sehen aus wie herkömmliche Wegesteine, doch sie sind in der Lage magische Schwingungen zu erkennen und sie reagieren darauf. Seit jeher werden sie genutzt, um Begabte aufzuspĂŒren. Ich schwöre dir bei Rariks Festung, einen solch heftigen Ausschlag wie bei dir, hat es schon seit Ewigkeiten nicht mehr gegeben."
Misstrauisch zog Rak die Stirn kraus. "Das glaube ich dir nicht. Mein ganzes Leben habe ich nie etwas von besonderen FĂ€higkeiten gemerkt. Das ergibt doch keinen Sinn."
"Du hast eben nicht genau hingehört. Aber wer kann es dir verdenken? Wie solltest du es wissen?"
"Und warum hat dieses Ding Klara angegriffen?"
Der Mann seufzte. "Das ist leider ein großer Nachteil der Signalsteine. Sobald sie geweckt wurden, ist es ihre Aufgabe den aufgespĂŒrten Elementaren zu beschĂŒtzen. Die Tatsache, dass die Prinzessin ihn berĂŒhrt hat, muss er als Gefahr bewertet haben. Das rĂŒhrt aus frĂŒheren Zeiten - sehr viel frĂŒheren Zeiten - als wir noch zahlreicher waren und spezielle Einheiten von Rittern uns offen gejagt haben."
Einen Augenblick dachte Rak ĂŒber das Gesagte nach. Noch nie hatte er von solchen Rittern gehört. Allerdings hatte er auch von den Elementaren bis heute nichts gewusst; wenn sie denn wirklich existierten. Plötzlich fiel ihm etwas anderes auf, so als hĂ€tten die Worte erst zeitversetzt sein Bewusstsein erreicht. "Woher weißt du, dass Klara den Stein berĂŒhrt hat?"
"Weil ich es gesehen habe, natĂŒrlich."
"Was?"
"Ich beobachte dich schon eine ganze Weile, Rak Brichor, Sohn von Brigg und Lydia."
Nun blieb Rak der Mund offen stehen. "A-aber wieso? Der Stein... das war doch alles erst vor ein paar Tagen."
"Nein. Zugegeben, dies war bei weitem der heftigste Ausschlag, aber der erste war es nicht."
Raks Kopf dröhnte. Seine Gedanken kreisten wirr umher und die Verletzung pochte stetig und dumpf. All das wirkte wie ein schlechter Scherz. Andererseits ertappte er sich dabei, wie er glauben wollte, was dieser Fremde erzÀhlte. Konnte er wirklich etwas Besonderes sein? Die Vorstellung gefiel ihm.
"So, genug geplaudert. Langsam wird es anstrengend die Blase der Stille um uns aufrecht zu halten." Er klopfte sich auf die Oberschenkel und stand auf. "Wenn du uns keinen Fluchtweg verschaffen willst, mache ich es eben."
Fasziniert sah Rak zu, wie er auf eine der SeitenwĂ€nde zu ging und die HĂ€nde auflegte. Nichts geschah. Rak hatte erwartet, dass er geheimnisvolle Worte murmeln wĂŒrde oder magisches Licht an seinen HĂ€nden erschien, doch der Elementar stand stumm da und starrte auf die Wand. Dann, StĂŒck fĂŒr StĂŒck, schien das Gestein sich zu bewegen. Neugierig stand Rak auf und ging nĂ€her heran. TatsĂ€chlich. Das eigentlich feste Material begann Wellen zu schlagen, wie ein Teich, in den man einen Gegenstand geworfen hatte. Der bewegliche Bereich breitete sich aus, bis schließlich in der Mitte eine Loch entstand. Rasch wuchs die Öffnung auf doppelte ArmlĂ€nge.
"Hinein mit dir." Die Stimme klang angestrengt und Rak bemerkte, dass die Arme des Mannes zitterten. Rak schluckte schwer, dann kroch er in das Loch. Sofort umschlang ihn die Dunkelheit. Seine HĂ€nde ertasteten feuchte Erde und als er aufstehen wollte, stieß er sich den Kopf an. Er fluchte, als der Schmerz aufloderte. Er befand sich in einem Tunnel. Hinter ihm erklang ein dumpfes GerĂ€usch.
"Wir haben ein StĂŒck Krabbelei vor uns. Es ist vielleicht nicht der heroischste Weg, bei dem wir uns durch eine Masse Ritter kĂ€mpfen, wĂ€hrend die BurgfrĂ€ulein fasziniert zusehen, aber im Gegensatz dazu funktioniert diese Variante."
Ohne zu antworten kroch Rak weiter. Nach einiger Zeit merkte er, dass es leicht bergan ging. Er versuchte die Distanz abzuschĂ€tzen, doch er verlor schnell jegliches GefĂŒhl dafĂŒr. Die Enge wurde zunehmend beklemmender. Erleichterung machte sich in Rak breit, als die Luft langsam auffrischte. Wie von selbst beschleunigte er sein Tempo. Das letzte StĂŒck verlief steiler und schließlich erreichte Rak das Ende des Tunnels. Gierig darauf, an die frische Luft zu kommen, wĂ€re er beinahe den Abhang hinunter gerutscht, in dessen Mitte sich das Loch befand. Es war tiefste Nacht.
"Vorsicht, Junge", flĂŒsterte der Fremde hinter ihm. "Wir sind an der Westseite des Burgberges."
Rak nickte und presste die Fersen fest in den Boden. Hier war das GefĂ€lle am grĂ¶ĂŸten. Eine gute Wahl fĂŒr einen geheimen Gang. Die Westflanke Burg Kalksteins war kaum zu bezwingen, weshalb sie auch am wenigsten bewacht wurde. Ein Tunneleingang musste auf der schrĂ€gen FlĂ€che von oben zudem kaum zu sehen sein, nicht einmal, wenn man gezielt danach suchte.
"Dort unten warten Pferde auf uns."
Vorsichtig machten sie sich an den Abstieg. Rak warf immer wieder unruhige Blick nach oben zur Mauer, doch die Lichtpunkte der Fackeln konzentrierten sich eher auf die Nord- und SĂŒdwand, wo der Berg weitaus flacher verlief. Wie Rak wusste, waren die meisten Posten ohnehin an den Toren auf der gegenĂŒberliegenden Seite besetzt, wo sich der einzige befahrbare Zugang zur Burg- und Stadtanlage befand. In der Senke des fast kreisrunden Tals erstreckten sich zunĂ€chst die Obsthaine der Bauern. Rak konnte auch das PlĂ€tschern des Dimmort hören. Er fragte sich, wie sie die Straße aus dem Tal ungesehen passieren sollten. Es gab nur einen einzigen Zugang zu jeder Seite und diese wurden rund um die Uhr bewacht. Als hĂ€tte sein Retter die Frage erahnt, winkte er ihn in Richtung des bewaldeten HĂŒgels, weg von der Straße. In zĂŒgigem Tempo durchquerten sie einen Apfelhain. An dieser Stelle lag Krinkgard nahe am Wald. Kurz nachdem sie die ersten BĂ€ume erreicht hatten, entdeckte Rak zwei Ponys im Zwielicht des Mondes.
"Das sind geschickte Kletterer. Sie werden uns hinauf bringen."
Rak spÀhte nach oben. In der SchwÀrze der Nacht war nicht viel zu erkennen, doch er war oft genug hier herum gestreunert, um zu wissen, dass es steil bergauf ging und keine Wege gab. LÀrchen trotzten der Steigung und krallten sich förmlich in den teilweise von Geröll durchzogenen Boden.
"Er heißt Willi", sagte der Mann und deutete auf das hellere der beiden Tiere. Selbst saß er bereits im Sattel. Zögerlich griff Rak nach dem Aufstiegriemen. Noch nie hatte er auf einem Pferd gesessen. Zum GlĂŒck blieb Willi vollkommen ruhig stehen, wĂ€hrend Rak sich etwas unbeholfen nach oben zog und auf seinem RĂŒcken Platz nahm.
"Wie heißt du eigentlich?" Jetzt, da der Name des Ponys gefallen war, bemerkte Rak, dass er den Mann bislang nicht gefragt hatte.
"Ich bin Holon. Zeit zu gehen."
Wie von selbst setzten die Tiere sich in Bewegung und trugen Rak und Holon den Hang hinauf. Der Weg nach oben stellte sich selbst auf dem RĂŒcken eines Ponys als furchtbar anstrengend heraus. Wegen der Schaukelei presste Rak die Beine fest an Willis Körper, sodass seine Leisten und Oberschenkel bald brannten. Durch die permanente SchrĂ€glage musste er sich außerdem nach vorne lehnen und den Bauch anspannen. Erleichtert stieß er Luft aus, als sie endlich den Kamm erreichten. Vor ihnen fiel das Land wieder ab, wenn auch nicht so steil. Obwohl der Mond hell schien, lag das Land im Dunkeln. Sofern es hier Ortschaften gab, brannte kein Licht in ihnen. Rak war noch nie von Krinkgard fortgewesen. Er wusste gar nicht, wie es in anderen Regionen Norgonds aussah. Ein letztes Mal drehte Rak sich um und sah hinab auf die vereinzelten Lichter von Burg Kalkstein. FĂŒnfzehn Jahre lang war sie sein zu Hause gewesen. Ob er jemals wĂŒrde zurĂŒckkehren können?


Eine Reise ohne Anfang

Am nĂ€chsten Morgen war Linu frĂŒh auf den Beinen. Normalerweise wĂ€re dies der denkbar schlechteste Beginn fĂŒr einen Stubenarrest gewesen, bei dem sich die Tage auch so schon endlos hinzogen. Heute störte es sie nicht im Geringsten. Auf leisen Sohlen flitzte sie die schmale Holztreppe hinunter, die ihre Schlafkammer unter dem Dach mit dem Rest der HĂŒtte verband. Sowohl ihre Eltern als auch der Fremde schliefen noch. Sie schlich an seine Bettstatt und betrachtete ihn fasziniert im Licht des anbrechenden Tages. Er war schön. Makellos spannte sich die helle Haut ĂŒber sein Gesicht, in dem alles exakt am richtigen Platz zu sein schien. Sein Haar war von einem warmen Braun, ihrem eigenen gar nicht so unĂ€hnlich, wenn es auch viel feiner war. Die scharfen Konturen von Wangen und Kiefer erinnerten sie dagegen an Vater. Linu war sich nicht sicher, ob er wirklich ein Aviare war. Aber was sollte er sonst sein? Die gemusterten Wolldecken reichten ihm bis zum Kinn. Ob er das komische Messer noch trug? Vorsichtig griff Linu an den Überwurf und schrak auf. Schlanke Finger umfassten ihr Handgelenk mit eisernem Griff. Mit pochendem Herzen drehte sie den Kopf und blickte direkt in ein paar grasgrĂŒne Augen.
„Linu!“ Vaters Stimme war vorwurfsvoll.
„Wo bin ich?“, drĂ€ngte gleichzeitig der Fremde.
Stille folgte. Noch immer war Linus Handgelenk fest im Griff des Mannes.
„Du bist in meinem Haus im dritten Bezirk zu Westen. Ich bin Aalon und das ist meine Tochter Linu. Sie fand dich gestern auf der Insel Giruon.“
Der Kopf des Fremden fuhr herum.
„Ich kenne keine Insel, die so heißt
 Aalon. Doch offenbar sind wir in Vesperion.“
„Dieser Ort ist mir wiederum unbekannt.“ Langsam ging Linus Vater ein paar Schritte auf sie zu. Der Griff um Linus Hand lockerte sich, sie zog sie schnell zurĂŒck und rieb das schmerzende Gelenk.
„Aber sag, wie ist dein Name?“
„Ich bin Halldor aus dem Hause Nimari und ich stamme aus Salisir, der strahlenden Hauptstadt.“ Er sprach die Worte gewichtig, so als wĂ€re er stolz darauf. Als keine Reaktion kam, wechselte sein Blick schnell zwischen Linu und ihrem Vater. „Wie? Wollt ihr mir sagen, dass Ihr auch Salisir nicht kennt? Einem jeden ist die Hauptstadt bekannt. Sie ist ein Ort reiner Schönheit, wo das Licht wie flĂŒssiges Gold ĂŒber die GebĂ€ude fließt und der Wind ein sĂŒĂŸes Lied auf ihnen spielt. Mit Sicherheit habt Ihr davon gehört, auch wenn der Name Euch vielleicht entfallen ist.“
Weder Linu noch Aalon entgegneten etwas darauf.
"Nun gut. Dies scheint mir ein recht entlegener Ort zu sein. Vielleicht habt ihr tatsĂ€chlich noch nie von Salisir gehört. Wissen verbreitet sich unter Menschen recht langsam. Ein Wunder, dass Ihr ĂŒberhaupt das Silmanat sprecht."
"Was sind Menschen?", platzte Linu heraus.
Dieses Mal stand Halldor offene Verwirrung ins Gesicht geschrieben.
"Linu, geh bitte in dein Zimmer." Plötzlich klang Aalons Stimme alarmiert.
"Aber Vater..."
"Geh. Sonst ĂŒberdenke ich die Dauer deiner Strafe noch einmal."
Widerwillig wandte sich Linu von Halldor ab und stampfte mit geballten FĂ€usten in Richtung Treppe. Jede Stufe hallte laut durch das Haus. Die letzten fĂŒnf Tritte machte sie auf der Stelle.
"Ganz hoch", rief Aalon, der ihr Vorhaben durchschaut hatte, von unten.
"Das ist ungerecht!" WĂŒtend warf sich Linu auf ihr Bett und rammte den Hinterkopf mehrmals in das Kissen. Wieso durfte sie nicht weiter zuhören? Sie sprang auf und öffnete das runde Fenster im Giebel ĂŒber ihrem Bett. Unten war alles geschlossen und kein GerĂ€usch drang zu ihr nach oben. "Ich habe ihn gefunden! Ich alleine! Das ist so ungerecht!"
"Schatz?" Mutter erschien in der TĂŒr. "Was tobst du so am frĂŒhen Morgen?"
"Vater unterhÀlt sich mit dem Fremden und ich darf nicht dabei sein."
"Linu... alles was Aalon tut ist allein zu deinem Schutz."
"Ich brauche aber keinen Schutz!"
Mit einfĂŒhlsamem Blick durchquerte Sinja den Raum und setzte sich an Linus Bettkante. "Wir haben keine Ahnung, wer dieser Mann ist. Er könnte gefĂ€hrlich sein. Wir nahmen ihm gestern eine Waffe ab, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe, schĂ€rfer als alles, was wir kennen."
"Er ist nicht von hier, habe ich Recht?"
"Liebling..."
"Nein, hör mir zu. Es gibt noch andere Inseln auf der Welt und Vater weiß das. Du weißt das."
Sinja seufzte. "Du bist klĂŒger, als gut fĂŒr dich ist."
"Was nutzt mir das, wenn mir nie jemand die Wahrheit sagt? Vater, du, die Lehrer, der Pater... alle!"
"Das liegt daran, dass wir auch nichts Genaues wissen. Zum Schutz unserer Kinder wurde beschlossen, dass dieses Thema erst spĂ€ter zur Sprache kommt. Es wurden ErkundungsflĂŒge gemacht, in alle Himmelsrichtungen, von starken, ausdauernden MĂ€nnern. Und keiner ist auf Land gestoßen. Manche sind nicht einmal zurĂŒckgekehrt. Kaum auszumalen, dass nicht ausgewachsene MĂ€dchen und Jungen in kindlichem Eifer beschließen auf die Suche zu gehen..."
Linu sah betreten auf ihre FĂŒĂŸe. Diesen Teil der Geschichte hatte sie Vater verschwiegen. "Woher wollt ihr dann ĂŒberhaupt wissen, dass es noch andere Inseln gibt?"
"Es existieren alte Aufzeichnungen und darunter gibt es scheinbar Abbildungen von Land, das auf keinen Fall Caeron sein kann. Es muss sehr viel grĂ¶ĂŸer sein. Ich habe es selbst nie gesehen."
"Wo?"
"Linu..."
"Mama, bitte! Wo gibt es diese Aufzeichnungen?"
"Kannst du dir das nicht denken?"
"Im ersten Bezirk zu Osten. Bei Pater Ren."
Sinja lÀchelte, auch wenn ihre Augen traurig wirkten.
"Linu?" Aalon trat in den TĂŒrrahmen. "Komm."
Erstaunt starrte sie ihren Vater an.
"Halldor will dich etwas fragen." Es war ihm deutlich anzusehen, dass er nicht glĂŒcklich mit dieser Begebenheit war.
In der Stube angekommen, fand sie die Bank verwaist vor, die Decken sauber zusammen gelegt. Stattdessen saß Halldor am KĂŒchentisch. Er trug seine ursprĂŒnglichen Klamotten, ein dunkelgrĂŒnes Wams mit aufgeschnittenem Ärmelansatz, darunter ein helles Hemd. Um die HĂŒfte schlang sich wieder das braune Band, jedoch ohne das Messer. Er sah aus dem Fenster und drehte sich um, als Linu und Aalon den Raum betraten.
"Ah, sehr gut", begrĂŒĂŸte er Linu. "Dein Vater und ich sprachen gerade darĂŒber, wie ich hierher gekommen bin. Der einzige mir bekannte Weg ĂŒber das Meer ist die Schifffahrt. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, eines dieser GefĂ€hrte betreten zu haben. Niemals wĂŒrde ich mich freiwillig in Nēns FĂ€nge begeben."
"Bitte stell deine Frage." Ganz deutlich hörte Linu die NervositÀt in ihres Vaters Stimme. Halldor warf ihm einen irritierten Blick zu, gehorchte aber.
"Hast du, als du mich fandest, ein Schiff gesehen?"
"Ich weiß nicht, was das ist."
"Es ist ein GefÀhrt aus Holz, mit dem man, wenn man töricht genug ist, auf dem Wasser fahren kann."
Holz... Linu dachte an die TrĂŒmmerwĂŒste auf der Insel.
"Hast du oder hast du nicht? Es mĂŒsste ein StĂŒck vom Land entfernt vor Anker gelegen haben."
"Da war nichts auf dem Wasser", sagte Linu kleinlaut.
"Siehst du?", wandte er sich an Aalon. "Es gibt kein Schiff. Ich wĂŒrde niemals eines betreten."
"Aber du musst irgendwie ĂŒber das Meer gekommen sein. Caeron ist umringt davon. Und dass du nicht geflogen bist, haben wir ja schon geklĂ€rt."
"Seid ihr sicher, dass wir uns auf einer Insel befinden und nicht auf dem Festland?"
Die Frage erschien Linu reichlich merkwĂŒrdig, doch Aalon nickte ruhig.
„Dann mĂŒsste es auf jeden Fall ein Meeresschiff gewesen sein. Mindestens dreißig Mann sind nötig, um ein mittelgroßes Frachtschiff auf einer lĂ€ngeren Fahrt zu handhaben. Die mĂŒssten sich ja irgendwo verstecken.“
"Ich habe nur eine Spur im Sand entdeckt." Wieder dachte Linu an die Holzteile. Sie musste es ihnen sagen, auch wenn das bedeutete, ihr Geheimnis preis zu geben.
"Sie könnten dich einfach hier abgesetzt haben. Aber aus welchem Grund?" Aalon stĂŒtzte sich auf den groben Holztisch ab.
"Ich weiß es nicht. Mir fehlt jegliche Erinnerung."
"Vielleicht habe ich das Schiff doch gesehen." Linus Stimme zitterte ein wenig und ihr Herzschlag beschleunigte, als beide Köpfe zu ihr herumfuhren.
"Wo?"
"Auf... auf dem Strand lagen Holzteile. Sehr viele sogar. Aber es gab auch Stoffe und..."
Halldor unterbrach sie. "Bringt mich hin, sofort." Schneller als Linu blinzeln konnte, war er auf die Beine gesprungen und in seinem Blick lag ein beunruhigendes Funkeln.

Wie erstarrt stand Halldor vor dem Treibgut und murmelte vor sich hin. Linu und Aalon warteten mit höflichem Abstand abseits. Einem Speer gleich bohrte sich Aalons Blick in Linu, das spĂŒrte sie ganz deutlich. Wieso hast du mir das gestern nicht gezeigt, fragte er. UnwillkĂŒrlich griff sich Linu an die Brust, wo der goldenen AnhĂ€nger unter ihrem Hemd ruhte. Halldor drehte sich um.
"Da haben wir das Schiff... Und noch immer kann ich mich nicht erinnern, eines betreten zu haben. Es gibt schlicht keine Schiffe in Mildir." Seufzend fuhr er sich mit der Hand durch das Haar. "Ich verstehe das nicht. Wieso erinnere ich mich an nichts? Und wo sind die anderen?"
"Bei allem Respekt, ich glaube nicht, dass sonst jemand ĂŒberlebt hat." Bedauern lag in Aalons Augen und auch Linu schnĂŒrte es die Brust zusammen.
"Hast du denn ĂŒberall gesucht?"
"Ich... ja." Wie von selbst trat Linu einen Schritt nĂ€her an ihren Vater heran. "Da waren viele TrĂŒmmer und Geschirr und Laken und - "
"Segel!", rief Halldor aus. "Jedes Schiff hat ein Segel, das sein Wappen fĂŒhrt. Hast du eines gefunden?" Seine zunehmend drĂ€ngende Art machte Linu Angst. "Es muss ein riesiges StĂŒck Stoff gewesen sein. Irgendetwas?"
Zögerlich nickte sie.
"Zeig es mir!"
Linu war heilfroh, dass die Flut nicht weit genug hinauf gekrochen war, um es zu holen. Ihr GefĂŒhl sagte ihr, dass Halldor nicht gerne enttĂ€uscht wurde. Als er das Segel, wie er es nannte, erblickte, sog er hörbar Luft ein und nahm eine Hand vor den Mund. "Der rote Turm Vesperions...", flĂŒsterte er.
"Kannst du dich erinnern?" Noch immer hielt sich Aalon ein paar Schritte entfernt.
"Nein, das heißt, kurz meinte ich Bilder einer Hafenstadt zu erkennen, doch sie waren sofort wieder weg." Angestrengt blinzelte er. "Das passt alles nicht zusammen. Ich bin noch nie im Land des Westmenschen gewesen."
"Du erinnerst dich vielleicht bloß nicht mehr daran. Möglicherweise kommen noch mehr Fragmente zurĂŒck, wenn wir die GegenstĂ€nde untersuchen."
"Aber das mĂŒsste ja schon Wochen her sein. Wie weit sind diese Inseln vom Festland entfernt?" Halldor schien tief in GrĂŒbeleien versunken.
Linu entging der eilige Seitenblick ihres Vaters in ihre Richtung nicht. Also hatten sie ĂŒber das fremde Land gesprochen, nachdem er sie in ihr Zimmer geschickt hatte.
"Das weiß ich nicht. Weiter, als ich fliegen kann."
"Wie dem auch sei... Ich weiß wie ich heiße, wie alt ich bin und woher ich komme. Nur alles, was mit dieser Reise zu tun hat, scheine ich vergessen zu haben. Was bedeutet", er hob einen schlanken Zeigefinger, "dass ich erst kurz davor von diesem Unterfangen erfahren habe." Nickend wandte er sich um und bahnte sich einen Weg zwischen den BruchstĂŒcken hindurch. "Lasst uns nach beschrifteten GegenstĂ€nden suchen."
Mit gesenktem Blick durchquerte auch Linu das Schwemmgut. Hie und da kniete sie ab und drehte eine Schale um, oder ein glattes StĂŒck Holz. Sie verdrehte den Kopf, um in das Loch einer Truhe spĂ€hen zu können und zog einige Stofffetzen von einem ringförmigen Teil, das bis auf die Zacken Ähnlichkeit mit einem Karrenrad hatte. Urplötzlich stand Halldor neben ihr. Seine Art, sich so schnell und lautlos zu bewegen, war ihr nicht weniger unheimlich als seine Augen.
"Das da an deinem Hals. Was ist das?"
Automatisch fasste Linu hin und spĂŒrte, dass der AnhĂ€nger herausgerutscht war.
"Zeig es mir. Sofort."
"Was ist denn los?" Aalon eilte herbei.
"Das habe ich gestern hier am Strand gefunden." Mit zitternden HĂ€nden nahm sie die Kette ab und hielt sie Halldor hin. Der goldene Baum schaukelte leicht hin und her und schien dabei das Sonnenlicht einzufangen.
"Nein...", hauchte Halldor und fasste sich an die Stirn. "Das kann nicht, das darf nicht..." Er fiel auf die Knie und reckte das Gesicht in den Himmel. Der folgende Klageschrei ging Linu bis ins Mark.
~ Die grĂ¶ĂŸte Offenbarung ist die Stille ~

Laotse

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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#10

Beitrag von Jaro BallivĂČr » Mi 14. Nov 2018, 10:02

13. Unverhofftes Wiedersehen

Sie ritten den ganzen Tag. Die Ponys trotteten langsam vor sich hin, schienen dafĂŒr aber eine unerschöpfliche Ausdauer zu haben.
„Ich möchte so viele Meilen wie möglich zwischen uns und die Hauptstadt bringen,“ erklĂ€rte Holon, nachdem Rak um eine Pause gebeten hatte. Sie hielten sich von Straßen und Wegen fern und nahmen stattdessen einen Pfad quer durch das Land. Rak war erstaunt, wie menschenleer es war. Hin und wieder sah er kleinere HĂ€useransammlungen in der Ferne, ab und zu Felder oder Tierherden, doch die meiste Zeit umgab sie nichts als karge grĂŒne HĂŒgel, regelmĂ€ĂŸig unterbrochen durch blanken Fels und Geröll. UnzĂ€hlige BachlĂ€ufe bahnten sich ihren Weg dazwischen hindurch. Noch bevor das Tageslicht sich komplett gegen die Nacht behauptet hatte, hatten sie den Wald hinter sich gelassen. Seither eröffneten sich in alle Richtungen die endlosen Weiden, die bis auf vereinzelte krumme StrĂ€ucher und Hecken kahl waren. FĂŒr das Nachtlager wĂ€hlte Holon einen Platz unter einem Felsvorsprung. Der zugige Ostwind konnte sie dort nicht erreichen und sollte jemand vorbeikommen, waren sie kaum zu sehen. Die Ponys begannen sofort zu grasen. Holon nahm ihnen die SĂ€ttel ab und leerte die Taschen.
„Nimm immer genug Feuerholz mit, wenn du Mittenland durchqueren willst.“ Er wirkte zufrieden mit sich. Seine ungewöhnlichen blauen Augen blitzten heiter und als er lĂ€chelte, bildeten sich FĂ€ltchen um sie herum. Überhaupt hatte Rak nun das erste Mal Gelegenheit, seinen Retter genauer zu betrachten. Alles war ein bisschen anders, als bei den Leuten, mit denen Rak in Krinkgard Tag ein Tag aus zu tun gehabt hatte. Sein Haar war heller, seine Haut dafĂŒr deutlich dunkler, er trug keinen Bart und es gab auch keine Stoppeln, die auf einen solchen hingedeutet hĂ€tten. Dazu die hellen Augen

„Bist du aus Norgond?“
Holon unterbrach seine BemĂŒhungen, ein Feuer in Gang zu bringen.
„Ich bin in Seegard geboren, ja. Das liegt an der sĂŒdöstlichen Spitze“, ergĂ€nzte er, bevor Rak nachfragen konnte. In seinem Ton schwang deutlich mit, dass dies bei weitem nicht alles war, was es zu erzĂ€hlen gab. Weiter nachzubohren traute Rak sich aber nicht.
„Sei so gut und hol den schwarzen Beutel dort.“ Ohne hinzusehen, gestikulierte Holon in Richtung der Ponys. Willi sah kurz vom Grasen auf und schnaubte, als Rak sich nĂ€herte.
„Guter Junge.“ Unbeholfen tĂ€tschelte er dem Tier den Hals und bĂŒckte sich nach der Tasche. Sie enthielt nicht nur einen Topf und tönernes Geschirr, sondern auch Kartoffeln, RĂŒben und einen frischen Laib Roggenbrot. Rak starrte auf das GebĂ€ck. Es gab nur eine einzige Backstube, die diese Art von Brot herstellte.
„Wenn du ausgerĂ€umt hast, besorg uns bitte etwas Wasser zum Kochen.“ Mittlerweile knisterten erste Flammen vor sich hin und Holon suchte im Geröll herum. Er zog einen grĂ¶ĂŸeren Brocken heraus, der sich in seinem Griff zu verĂ€ndern begann. Aus dem eiförmigen Klotz formte sich nach und nach eine flache, dĂŒnne Platte.
„Junge? Was ist los? Wir brauchen Wasser, bevor das ganze Holz verschwendet ist.“
Zögerlich legte Rak das Brot ab und schnappte sich den Topf. GeplĂ€tscher verriet die NĂ€he eines Baches. Er schĂ€mte sich ein bisschen, dass er gerade das erste Mal seit er frei war, an seine Eltern gedacht hatte. Nicht einmal verabschiedet hatte er sich von ihnen. Was wĂŒrde man ihnen erzĂ€hlen? Dass er tot war? Dass er mit Hilfe seiner Abart geflohen war? WĂŒrden sie vor dem Mob zur Schau gestellt, der sich auf eine Steinigung gefreut hatte? Oder, und diese Vorstellung ließ sein Blut endgĂŒltig in den Adern gefrieren, wĂŒrden sie an seiner statt gerichtet werden? In diesem Moment hasste er sich fĂŒr die unzĂ€hligen Male, die er Vater und Mutter verflucht hatte. Sein damaliger Groll erschien ihm plötzlich lĂ€cherlich. Nur, weil er arbeiten musste, wĂ€hrend andere in der Burg herumtollen konnten, hatte er ihnen sonst etwas an den Hals gewĂŒnscht. Tief in Gedanken versunken, bekam er nur vage mit, wie Holon ihm den Topf abnahm, GemĂŒse hineinschnitt und auf die Steinplatte stellte. Nicht einmal das Erstaunen ĂŒber diese Platte schaffte es den Nebel in Raks Kopf zu lichten.
„Es geht ihnen gut, Rak. Dieses Brot habe ich erst gestern Abend geholt.“
„Waren sie
 ich meine, wie haben sie ausgesehen?“
„Sie wirkten sehr reserviert, das heißt
 sie waren still, zurĂŒckhaltend, aber sonst habe ich nichts Ungewöhnliches bemerkt.“
Das half Rak nicht weiter. Er wusste noch immer nicht, ob sie ihn verabscheuten oder um ihn trauerten und auch nicht, was nun mit ihnen geschehen wĂŒrde.
Widerwillig aß er von dem recht dĂŒnnen Eintopf und rang sich sogar durch, von dem Brot zu nehmen. Es schmeckte besser, als je zuvor.
Seine Eltern begleiteten ihn fortan rund um die Uhr. Er hatte wechselnde AlbtrĂ€ume, in denen sie entweder hingerichtet wurden oder ihn gemeinsam mit den anderen Bewohnern Krinkgards mit Mistgabeln und KnĂŒppeln jagten. Den halben Tag kĂ€mpfte er mit den Bildern aus der Nacht, den Rest verbrachte er in tiefer Sorge, was wirklich mit Vater und Mutter geschah. FĂŒr das Land hatte er unterdessen kaum mehr einen Blick ĂŒbrig, bemerkte nur, dass es insgesamt felsiger wurde, dazwischen jedoch auch immer wieder kleinere WĂ€lder auftauchten. Im Gegensatz zu seiner Heimat, trugen diese keine grĂŒnen Nadeln sondern BlĂ€tter in Gelb, Braun und Rot. Sie erinnerten ihn an die ObstbĂ€ume, nur dass sie sehr viel grĂ¶ĂŸer waren. Nach ein paar Tagen schlugen sie eine neue Richtung ein. Bislang war die Sonne stets zu ihrer Linken aufgegangen, nun tat sie dies im RĂŒcken.
„Wir reiten jetzt nach Westen“, beantworte Holon Raks Frage danach. „Wir sind bald da.“
„Wo eigentlich?“
„Ich habe mich schon gewundert, wann du wohl fragst. Wir reiten nach Grauenstein, Sitz von Lord Sarkis.“
„Davon habe ich noch nie gehört.
„Er ist ein Gönner unseres
 Ordens“, sagte Holon mit einem leichten Zögern, als suche er nach dem passenden Wort. „Du wirst alles, was du wissen musst noch frĂŒh genug erfahren. Ach ja
 Den Zwischenfall mit der Prinzessin erwĂ€hnst du lieber nicht vor dem Lord. Wir wollen ja nicht, dass er seinen Eid brechen und lĂŒgen muss, wenn die HĂ€scher des Königs ihre Finger so weit in den SĂŒden ausstrecken sollten.“
„Was?“
„Der Lord muss nicht wissen, dass du gesucht wirst.“

Sie erreichten Grauenstein mit der AbenddĂ€mmerung. Die Festung schien mit dem Gebirge zu verschmelzen, wĂ€ren da nicht die vier quadratischen EcktĂŒrme gewesen, die sich majestĂ€tisch gen Himmel reckten. Obwohl die Anlage viel kleiner war als Burg Kalkstein, wirkte sie wuchtiger, da ihr die Eleganz und die filigranen Elemente fehlten. Auch die Umgebung unterschied sich deutlich. Krinkgard lag im GrĂŒnen, Grauenstein hingegen machte seinem Namen alle Ehre.
Sie ritten durch das dem Gut zugehörige Dorf, vorbei an einer kleinen Kapelle und wurden schließlich am Tor der Burg von einem beleibten Mann in teurer Kleidung empfangen.
„Willkommen zurĂŒck“, sagte er mit auffallend hoher Stimme.
„Hofmeister Vresus“
Holon stieg von seinem Pferd und verneigte sich, also tat Rak es ihm nach.
„Lord Sarkis ist außer Haus, doch Eure RĂ€ume sind vorbereitet, ebenso ein kleines Nachtmahl. Heja, Ben!“ rief er plötzlich in Richtung der Stallungen. „Bring die Pferde unserer GĂ€ste in freie Boxen und gib ihnen Heu.“
Ein Junge kaum Ă€lter als Rak, aber deutlich grĂ¶ĂŸer und schlaksiger, kam angelaufen, verbeugte sich wortlos und nahm die ZĂŒgel der beiden Tiere.
„Unser Stallbursche“, erklĂ€rte Vresus unnötigerweise; „ein guter Junge, wenn auch nicht die hellste Leuchte.“ Er lachte hoch und schneidend.
„Wann wird seine Lordschaft zurĂŒckerwartet?“, fragte Holon den Beamten, als sie zur Burg schritten.
„Gleich morgen frĂŒh, pĂŒnktlich zum großen Herbstfest am Abend. Aktuell weilt er bei einem Vasallen an der Grenze zu Mildir.“
„Hat er Anweisungen hinterlassen?“
„Nur eine, mein Herr: fĂŒhlt Euch wie zu Hause.“

Als Rak sein Zimmer betrat, kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nach dem dĂŒsteren Erscheinungsbild von Burg Grauenstein hatte Rak nackte SteinwĂ€nde, Dunkelheit und KĂ€lte erwartet, doch ĂŒberall loderten Fackeln, die zwar stanken und qualmten, die GĂ€nge jedoch in warmes Licht tauchten. Sein Zimmer roch angenehm nach verbranntem Holz, das in einem offenen Kamin knisterte und knackte. An WĂ€nden und Decken warfen aufwendige Schnitzereien Schatten, der Boden hingegen war glatt poliert und schmiegte sich weich an Raks nackte FĂŒĂŸe. In der Mitte des Raumes thronte ein Himmelbett und Rak warf sich in die weichen Kissen. Staunend blickte er nach oben, wo der Stoff des Überhangs in regelmĂ€ĂŸige Wellen floss. Der wĂŒrzige Duft von KrĂ€utern stieg ihm in die Nase und er entdeckte ein kleines BĂŒndel am Kopfende, achtsam mit einer Schleife verschnĂŒrt. So musste ein König hausen, dachte er und nahm sich vor, dem Lord von Grauenstein bei der morgigen Audienz ausgiebig zu danken. Auf einer Truhe entdeckte Rak das versprochene Nachtmahl, doch noch wĂ€hrend er ĂŒberlegte aufzustehen, fielen ihm die Lider zu.
Am nĂ€chsten Morgen wurde er vom PlĂ€tschern von Wasser geweckt, das ihn an seine volle Blase erinnerte. Etwas beschĂ€mt fragte er die beiden MĂ€dchen, die eine aus dem Nichts erschienene Kupferwanne mit Wasser fĂŒllten, nach den Örtlichkeiten. Wenigstens konnte er sie anschließend ĂŒberzeugen, dass er sich alleine waschen wĂŒrde. Er blieb so lange in der Wanne sitzen, bis das Wasser kalt war. Noch nie in seinem Leben hatte er ein Bad genossen. Es war wundervoll. Danach fĂŒhlte sich Rak wie neu geboren. Es klopfte an der TĂŒr und Rak hatte den unangenehmen Verdacht, dass die Dienerin die ganze Zeit davor gewartet hatte.
"Mein Herr, Meister Holon wĂŒnscht Euch auf dem Nordturm zum FrĂŒhstĂŒck zu sehen, wenn Ihr so weit seid."
"Also... danke." Vollkommen verdattert starrte Rak sie an. Mein Herr... "Warte!", rief er, als sie gehen wollte. "Der Nordtum ist...?"
Sie lĂ€chelte. "Gleich hier rechts die Treppe hoch. Bis ganz nach oben." Mit einer Verbeugung ließ sie ihn alleine. Rak grinste. Mein Herr... Daran konnte er sich gewöhnen. Nachdem er sich angezogen hatte, folgte er einer engen Wendeltreppe nach oben. Von Holon war nichts zu sehen, dafĂŒr bot sich ihm ein herrlicher Ausblick. Die Luft war kĂŒhl und frisch, roch aber zugleich nach den Feuern unzĂ€hliger Kamine und war erfĂŒllt von dem steten Rauschen einer betriebsamen Menschenmenge. Wind zerzauste Rak das noch feuchte Haar, als er hinab in das Dorf blickte. Menschen wuselten wie kleine KĂ€fer durch die erdigen Straßen des Dorfes, Kamine rauchten und Kutschen und Karren wirbelten Staubwolken auf. Er sah den Weg, den sie gekommen waren, wie er sich an den Nutzfeldern der Bauern vorbeischlĂ€ngelte und schließlich im Horizont verschwand. Gedankenverloren legte Rak den Kopf auf seinen Armen in einer ZinnlĂŒcke ab und beobachtete eine Weile einen Vogel seine Kreise ziehen. Der Himmel war von einem hellen Blau, vereinzelt mit ein paar Schleierwolken belegt und die Sonne bewegte sich bereits auf den höchsten Punkt zu. Rak musste sich eingestehen, dass er angesichts des Zusammentreffens mit Lord Sarkis weiche Knie hatte. WĂŒrde er nicht sofort als Niederer erkannt werden? Und ĂŒberhaupt, was, wenn er gar keine dieser FĂ€higkeiten besaß, die Holon ihm attestierte, weswegen er ihn ĂŒberhaupt hergebracht hatte? Unsicher strich er mit den HĂ€nden ĂŒber die Mauer. Verstohlen blickte er sich um. Dann legte er ein Ohr auf die Wand. Er schloss die Augen und wartete. Schnell kam er sich reichlich dĂ€mlich vor und wollte sich von dem Stein lösen, da hörte er etwas. Die Wand pochte. Oder pulsierte. Das GerĂ€usch erinnerte Rak an das leichte HĂ€mmern der großen Mahlsteine in der Backstube und war doch ganz anders. Es war, als kĂ€me es direkt aus dem Inneren der Mauer. Der Wind wehte ihm das dunkle Haar ins Gesicht und das ungewöhnlich laute Rauschen, das ihn begleitete, ĂŒberlagerte die GerĂ€usche, die Rak zu hören glaubte. Als die Böe nachließ, konnte er auch das dumpfe Klopfen nicht mehr finden. Hatte er es sich nur eingebildet? Verwirrt wandte sich Rak von der Mauer ab und fuhr zusammen. Holon stand direkt neben ihm.
„Und, was hast du gehört?“, fragte er gerade heraus.
"Ich... nichts."
"Schade. Ich habe uns FrĂŒhstĂŒck mitgebracht." Hinter Holon erschienen zwei Bedienstete, die einen kleinen Holztisch und ein Tablett in den HĂ€nden hielten. Wortlos stellten sie beides ab und verschwanden. Der Getreidebrei duftete bis zu Rak hinĂŒber nach einem GewĂŒrz, das er noch nie zuvor gerochen hatte. Daneben stand eine Schale mit Obst, auch wenn Rak nur die Äpfel erkannte.
"Bedien dich."
Rak griff nach einer SchĂŒssel und nahm sich von all den bunten FrĂŒchten, die bereits mundgerecht geschnitten waren. Den Löffel halb zum Mund gefĂŒhrt, hielt er inne und sah auf. Holon lĂ€chelte. "Frag ruhig."
"Kann man denn etwas hören? Im Gestein meine ich?"
"Aber natĂŒrlich. Wenn man die nötigen FĂ€higkeiten hat."
"Und was kann man hören?"
"Einfach alles, je nachdem wie fein das eigene Gehör entwickelt ist. Der Stein unterscheidet nicht. Er nimmt alles auf und gibt es weiter."
"Du klingst, als sei eine Mauer wie diese hier lebendig."
"Alles ist lebendig, Rak“, antwortete Holon. „Man muss nur lernen zuzuhören.“
„Ist es das, was ein Gesteinselementar macht? Den Steinen zuhören? Lauschen und Spionieren?“ Vor seinem geistigen Auge sah er, wie Holon eine Öffnung in der massiven Kerkerwand schuf, wie er einen unförmigen Klumpen Stein in eine ebenmĂ€ĂŸige Kochplatte verwandelte. So etwas wollte er auch können.
Holon lachte leise. „Das, mein Junge, ist nur der Anfang. Wenn du gelernt hast, ihnen zuzuhören, wirst du lernen mit ihnen zu sprechen und wenn du geschafft hast, dass sie dir zuhören, wirst du lernen sie zu lenken und zu formen. Sie werden deine treuen VerbĂŒndeten, deine Waffe und dein Schutz.“
Aufmerksam hörte Rak zu. „Und wie lange dauert es, bis man das schafft?“
Holon blickte in die Ferne. „Dein ganzes Leben.“

Am liebsten hĂ€tte Rak den Rest des Tages damit zugebracht, sein neu erworbenes Wissen auszutesten. Doch anstelle durch die GĂ€nge Grauensteins zu streunern und die WĂ€nde abzuhören, fand er sich in einem großen Gemach wieder und wurde von oben bis unten vermessen.
"Du brauchst angemessene Kleider fĂŒr das Bankett", erklĂ€rte Holon, der auf einem Polsterstuhl herum kippelte. Raks offensichtliche Ungeduld schien ihn zu amĂŒsieren. Der Schneider, ein kleiner Mann mit einer langen Nase, ließ sein Maßband so schnell um Rak herum sausen, dass dieser den Eindruck gewann, der Mann habe mehr als zwei HĂ€nde. Dazwischen hielt er immer wieder Zuschnitte vor Raks Gesicht und murmelte Dinge wie: "Passt nicht zum Haar.", "Viel, viel zu blass." Nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit waren endlich die passenden Farben und Webmuster gefunden und letzte Anpassungen festgesteckt. Holon erklĂ€rte Rak in aller Eile, wie er was anzuziehen hatte, dann entließ er ihn. Breit grinsend wuselte er ihm durch das lockige Haar. „Kurz bevor die Sonne untergeht, wirst du angekleidet sein und in deinem Gemach abgeholt. Sei pĂŒnktlich!" Am Ende musste er seine Stimme erheben, denn Rak flitzte schon durch die TĂŒr. WillkĂŒrlich bog er mal links, mal rechts ab, folgte einer Treppe nach oben und dann wieder zweien nach unten. Der Weg war ihm egal, er hatte kein Ziel. Alles, was ihn interessierte war das Gestein. Wann immer die Luft rein war, lauschte Ral an WĂ€nden, Fußböden, SĂ€ulen und Skulpturen. Die meiste Zeit ĂŒber war nichts zu erkennen, doch jedes kleine Klopfen, Summen, Kratzen oder Knacken war dadurch umso mehr ein ganz besonderes Erfolgserlebnis. Es war wie eine Schatzsuche. Fast ein wenig widerwillig kehrte er schließlich in sein Gemach zurĂŒck, wo seine neuen Kleider bereits auf ihn warteten. Sie passten perfekt und schmiegten sich angenehm an die Haut. Er sah damit beinahe aus, wie die feinen Töchter und Söhne aus König Warkas‘ Hof, die er sein Leben lang beneidet hatte. Das Hemd war aus deutlich feinerem Stoff gewebt als seines und das erste Mal trug er andere Farben als grau, beige oder braun. Das DunkelgrĂŒn der Hose fand sich in den Knöpfen seines Wamses wieder und passte ĂŒberraschend gut zu dem hellen Gelb des Hemdes. Die SchnĂŒrung der Ärmel hatte zum GlĂŒck schon jemand fĂŒr ihn ĂŒbernommen.
Eine Dienerin brachte ihn zum Saal. Wenn er es nicht besser gewusst hĂ€tte, hĂ€tte er niemals geglaubt, sich noch im Innern der Burg zu befinden. Der Raum war riesig und mindestens drei Mal so hoch wie sein Schlafgemach. Er musste sich ĂŒber mehrere Stockwerke erstrecken. Überall brannten Fackeln und in der Mitte hing ein gigantischer metallener Kronleuchter, bestĂŒckt mit einer Armee von Kerzen. Mehrere Reihen von BĂ€nken standen senkrecht zu einem erhöhten Tisch an der Stirnseite, der des Lords Tafel sein musste und alles war feierlich eingedeckt.
Sein Platz befand sich an einer der Ă€ußeren Reihen, etwa im vorderen Drittel. Nach und nach fĂŒllte sich der Saal und Holon setzte sich neben ihn.
„Sie erlauben, mein Herr“, sagte er zwinkernd, bevor er sich hinsetzte und Rak merkte, wie er rot wurde. Das Gemurmel wurde stetig lauter und mit einer Mischung aus Neugierde und SchĂŒchternheit sah Rak sich im Saal um. Es war eine bunte Zusammenstellung aus Mann und Frau, Jung und Alt und er war sehr froh, dass man ihm neue Kleidung organisiert hatte. Einer war hier edler gekleidet als der nĂ€chste. Schließlich betrat auch Lord Sarkis den Raum und augenblicklich nahm der GerĂ€uschpegel ab. Begleitet von einem Ritter schritt er zu seinem Platz ganz in der Mitte und hob seinen Kelch zum Gruß, bevor er sich setzte. Mit lauter Stimme richtete er Worte des Willkommens an seine GĂ€ste, aber Rak hörte nicht einen Ton von dem, was er sagte. Er hatte nur Augen fĂŒr den Ritter, der sich schrĂ€g hinter dem großen Stuhl des Lords postiert hatte und ernst den Blick ĂŒber die Menge schweifen ließ. Bei Rak angekommen, hielt er kurz inne. Das Herz des Jungen schlug wie wild und er begann zu schwitzen. Er konnte nicht aufhören wie versteinert in das dunkle Gesicht von Sir Kartoff zu starren.

Das Herz klopfte so wild, dass Rak meinte, es mĂŒsste ihm jeden Augenblick aus der Brust springen. Er sah zu Holon, der dies zu bemerken schien und den Kopf drehte. Sein Ausdruck deutete die Frage an, ob alles in Ordnung sei. Entweder hatte er den Ritter nicht bemerkt oder nicht erkannt. Konnte Lord Sarkis schon wissen, dass er einen verurteilten Verbrecher in seiner Burg beherbergte? Unruhig rutschte Rak auf seinem Stuhl hin und her und Holon legte ihm eine Hand auf die Schulter. Vermutlich dachte er, seine NervositĂ€t wĂ€re des Banketts wegen. Rufe hallten durch den Saal, so laut und plötzlich, dass Rak zusammenzuckte. Der Lord hatte seine Rede beendet und die GĂ€ste hoben ihrerseits die Kelche zum Gruß.
„Rak, was ist?“, fragte Holon im Schutz der GerĂ€uschkulisse. „Du siehst aus, als hĂ€ttest du einen Geist gesehen.“
Der Junge schluckte. „Siehst du den Ritter hinter Lord Sarkis? Ich kenne ihn. Er ist aus Krinkgard und einer der LeibwĂ€chter der Prinzessin.“
Holon kniff die Augen zusammen. „Sir Kartoff?“ Der Ausdruck des Begreifens erfĂŒllte sein Gesicht und er lachte. „Nein, nein! Sir Kartoff ist ein treuer Ritter unseres Lords.“
„Das kann nicht sein!“, entgegnete Rak. „Seit ich denken kann, ist er der Begleiter von Klara!“
„Du musst lernen, dass nicht immer alles ist, wie es scheint.“ Rak wartete auf mehr, doch Holon blieb still. Fragen brannten Rak auf der Seele, doch Holon schĂŒttelte den Kopf. Die gute Laune des Nachmittags verflog. Wieso sagte ihm eigentlich nie jemand, was Sache war?
Diener beluden die Tische mit Speisen, bis sie Ă€chzten. BrotkrĂ€nze umrahmten SchĂŒsseln voller dampfendem GemĂŒse, Kartoffeln und Linsen, Fett tropfte von den Platten im Ganzen gebratener Vögel und gegrilltem Fisch. Rak erspĂ€hte sogar ein goldbraunes Ferkel mit Apfel im Mund. Ein jeder begann sich eifrig zu bedienen, nachdem der Lord das Mahl fĂŒr eröffnet erklĂ€rt hatte, nur Rak blickte misstrauisch zu Sir Kartoff, der wie eine Statue hinter der hohen Tafel stand. Der Hunger war ihm vergangen. An seiner statt hatte sich ein Knoten des Unbehagens in seinem Magen breit gemacht und widerwillig musste er sich eingestehen, dass er sich fĂŒrchtete. Halbherzig nahm er ein paar Bissen Brot, dass er in einen Topf mit dunkler Sauce tunkte und ließ sich stattdessen zum zweiten Mal nachschenken. Zu dem feinen Anlass wurde nicht das dickflĂŒssige Bier gereicht, dass er zu Hause ab und zu bekam, sondern feiner, sĂŒĂŸlicher Wein, etwas, wovon er noch nie in seinem Leben hatte kosten können. Schnell wurde ihm schwummrig, aber das war ihm egal. Immerhin konnte dies sein letzter freier Abend sein, wenn Kartoff Lord Sarkis die Wahrheit erzĂ€hlte.
Das Bankett zog sich in die LĂ€nge. Mehrfach nahm man sich Nachschlag, es wurde viel gesprochen, getrunken und gelacht und auch Holon war in eine Unterhaltung vertieft, sodass Rak nicht viel ĂŒbrigblieb, als sich im Saal umzusehen und mit seinem Messer zu spielen. Der Wein machte ihn mĂŒde, ebenso die WĂ€rme und die schweren DĂŒfte des Raumes. Das Gemurmel stieg zu einem allumgebenden Brummen an und Rak wurden die Lider schwer. Vereinzelt drangen GesprĂ€chsfetzen in sein umnebeltes Bewusstsein vor und er konnte kaum entscheiden, ob er die Wörter wirklich hörte oder ob er bereits trĂ€umte.
SĂŒdgrenze ĂŒberwacht
 Nein, nein, der König
 Noch Wein?... Schon immer
 die Alben
 Seine Lordschaft?... GelĂ€chter schwoll an und verebbte
 auch im Westen
 nichts anderes verdient! 
 wissen wir nicht
 „Rak?“ Von weiter Ferne erreichte Holons Stimme sein Bewusstsein. Er stupste ihn an. „Hey! Bist du eingeschlafen? Der Wein bekommt dir wohl nicht gut.“
MĂŒde sah Rak den Mann an, dessen Gesicht verschwommen neben ihm wankte. Ihm war sehr schwindelig. „Der Nachtisch kommt gleich und danach kannst du zu Bett, wenn du möchtest.“
Schwach nickte Rak und setzte sich aufrechter auf seinen Stuhl. Er erinnerte sich an Sir Kartoff und sah schnell hoch zu Tafel. Der Platz hinter dem Lord war leer. Hektisch blickte sich Rak in alle Richtungen um, aber er konnte den Mann nirgends sehen. Mach dich nicht verrĂŒckt, vielleicht hat er sich irgendwo zu einem GesprĂ€ch niedergelassen, versuchte er sich selbst zu beruhigen.
~ Die grĂ¶ĂŸte Offenbarung ist die Stille ~

Laotse

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