Kapitel 28 - Die Geister.... der Vergangenheit

  • Die Geister.... der Vergangenheit



    Dave hatte sich auf sein Drachenhuhn geschwungen und Ehveros verlassen. Nun saß er mitten in der Nacht in der Küche des Fantomehauses. Gedankenverloren umklammerte er den Humpen Bier in seinen Händen, während Fedor und Brownie neben ihrem Herrn Wache hielten.


    Pavo betrat die Küche, schaute sich das Schauspiel einen Moment lang an, ehe er den Humpen ergriff. Dave schaute zu seinem besten Freund auf und zog nur fragend eine Augenbraue hoch.


    "Lass los", bat Pavo freundlich.

    "Ich habe Scheiße gebaut Pavo...", erklärte Dave und gab den Krug frei.


    Der alte Goblin entsorgte das Bier im Ausguss und stellte ihnen beiden einen großen Becher Kaffee vor die Nase. Dann setzte er sich Dave gegenüber hin und lächelte ihn freundlich an.


    "Setz Dich bitte neben mich", wünschte sich Dave.

    "So schlimm?", fragte Pavo und kam dem Wunsch nach.


    Der Heiler setzte sich neben seinen Freund und rutschte so nah heran, dass sie sich berührten. Die beiden stießen mit dem Kaffee an und nahmen einen Schluck.


    "Die Geister... der Vergangenheit lassen mich nicht los Pavo. Die einzige Zeit wo ich frei war, war jene in der ich mit Euch gemeinsam in Shohiro im Geisterhaus lebte und zwar ohne Anhang. Heute vermisse ich die Zeit mehr denn je.


    Abends mit Dir ein Bier auf der Treppe, die Buchführung, der Abend vor dem Kamin in meinem Ohrensessel und immer wenn mir danach war mit der Seele im Nexus. Das war die einzige Zeit, wo sie keine Macht über mich hatten...


    Und nun sind sie erneut in meinem Leben...

    Sie tauchen ständig wieder auf...

    In Form von Varmikan, der einer von ihnen ist, ohne Mitglied in ihrer Gilde zu sein...

    Oder in Form von Vendelin... Vanjas Bruder...

    Und wer weiß was mit Vanja selbst ist...


    Du kanntest meinen Auftrag, ich hatte den von Vendelin von Wigberg zu überwachen. Er ist nicht gescheitert, er hat seinen Umzug durchgezogen. Zuvor bat mich Vanja, seinen Bruder zu verschonen. Das sagte ich meinem Freund zu, unter der Prämisse, dass mir das möglich wäre. Sprich dass er seinen Auftrag auch ausführt.


    Wir besuchten ihn sogar in Ledwick, er hatte sich bei einem Freund einquartiert. Wir blieben einige Tage und schon dort, hat er unterbewusst gestichelt. Bis dato hatte ich mir nichts dabei gedacht, außer dass er ein unleidliches Arschloch ist. Soweit war das nicht mein Problem, ich musste mit dem Mann ja nicht auskommen. Mit wem ich dann allerdings auskommen musste war Veyd...


    Erinnere mich daran, dass ich Veyd noch beim Packen für seinen Umzug helfen muss...

    Er bat mich vor allen bei diesem Familientreffen darum.


    Jedenfalls haben Veyd und Vendelin sich köstlich amüsiert, was schon viel über den Charakter von Vendelin aussagt. Veyd hingegen hielt es für erforderlich mir zu sagen, was er von unserem Kindheitsproblem hielt - nichts.


    Er hat uns aus dem Grunde nicht geholfen, da wir eh nicht in der Lage gewesen wären, ihn dafür zu bezahlen. Das ist die Kernaussage seiner Beleidigungen gewesen. Ich wurde ihm gegenüber zwar ungehalten, aber getroffen hat mich das nicht wirklich Pavo, denn wer Veyd kennt, erwartet gar keine andere Aussage.


    Allerdings hätte ich mir eine andere Aussage von unserem Gastgeber Vendelin gewünscht. Er sagte nichts, was manchmal die schlimmste aller Antworten ist.


    Vanja ergriff für mich Partei. Damals dort in dem Haus hätte ich Dir noch sagen können weshalb, weil er mich liebt. Heute weiß ich es nicht mehr. Ich kann Dir nicht einmal mehr sagen, ob es den Vanja in den ich mich verliebt habe und den ich heiraten möchte, überhaupt gibt. Vielmehr denke ich, ich habe nur gesehen, was ich gerne sehen wollte.


    Hintergrund ist folgender, Vendelin führte seinen Auftrag aus, er jagte die Burg Drakestein samt Felipe in die Luft. Auftrag ausgeführt. Wohlwissend, dass ich ihn beobachten muss, hatte er ein junges Mädchen dabei, noch nicht ganz eine Frau. Er hatte sie auf dem Schoss und während es zur Explosion kam, geschah genau das ebenso mit Venedlins Schoss. Ein Verdacht, mehr nicht. Entweder war er dreist, notgeil oder er war etwas anderes...


    In der Gasse fing ich ihn nach erledigter Arbeit ab und wir gerieten aneinander. Er hatte mit den Provokationen angefangen und ich bin drauf eingestiegen. Das hätte nicht sein müssen, aber ich bin froh drum, dass ich es getan habe... denn so erlangte ich grausige Gewissheit.


    Seine Antwort im Gespräch...


    ...Wir alle haben unsere Geheimnisse.

    Dass du meinem Bruder treu ergeben bist, wundert mich nicht.

    Aber ich möchte nicht unfair werden, niemand kann etwas für sein Aussehen.

    Zudem hast du dich bereits in jungen Jahren auf jede nur erdenkliche Weise ausgetobt, sagt man. 169. Die Zahl kennen alle.

    Was für ein kleiner Nimmersatt.

    Da muss der gute Vittorio natürlich passen....


    Nimmersatt...

    169... die Zahl kennen alle...

    Wer den Namen und diese abgrundartige Zahl kannte war klar... die Beißer.


    Ich drohte ihm diesem Stumpfen ohne Herz und Hirn, schlenderte davon in der Hoffnung er würde mir folgen und gäbe mir damit einen Anlass ihn zu töten... falls ich ihn hätte töten können...


    Die Geister holen mich immer wieder ein, da waren sie wieder und einer von ihnen stand mit eisig-hämischer Miene vor mir und warf mir das an den Kopf. Einer von ihnen, ein Beißer. Venedlin war mir nicht gefolgt. Soviel Biss hatte der Beißer dann wohl doch nicht...


    Und Vanja? Tja was ist mit Vanja? Natürlich könnte ich mir einreden, dass er von alle dem nichts weiß. Aber dann könnte ich ebenso behaupten, mir wäre unbekannt, dass Ansgar Choleriker oder Nekromant ist.


    Sie sind Brüder Pavo, sie kennen und lieben sich. Und vielleicht ist Vanja der Wurm am Haken, der mich aus meiner Höhle locken sollte. Dass sie mich nicht mehr für ihre Spiele benutzen wollen ist mir klar, dafür bin ich garantiert 30 Jahre zu alt.


    Aber ich habe überlebt und ich erinnere mich, dass ist etwas was sie gar nicht mögen. Wissen ist Macht, so sagen es die Wigbergs. Und einer von ihnen ist nicht nur ein Wigberg, sondern ein Beißer.


    Das hätte mich nicht wundern sollen, denn wenn es einige der Hohenfelde sind, wenn es einen Eibenberg nicht schert, wieso sollte kein Wigberg unter ihnen sein? Man findet sie schließlich überall.


    Also habe ich mich nach dem Streit auf mein Drachenhuhn geschwungen und bin heimgeflogen.

    Ich wollte das Bier nicht trinken, nicht wirklich Pavo. Sie sind es nicht wert, dass sie mich soweit bringen. Um ihnen begegnen zu können, benötige ich einen nüchternen Verstand...", sprach sich Dave seine Sorgen von der Seele.


    Pavo zog Dave zu sich heran und legte ihm eine Hand aufs Kreuz.


    "Hast Du vor Deiner Abreise nicht wenigstens mit Vanja über einen Bruder und die Beißer gesprochen? Es ist durchaus möglich, dass Vanja nichts von den Machenschaften seines Bruders weiß. Was ist ein besseres Alibi als ein scheinbar intaktes Umfeld? Vanja könnte für Vendelin eine Tarnung sein. Oder beredest Du mit Deinem Bruder Deine sexuellen Vorlieben?


    Dave hättest Du alles mit Deinem Bruder oder auch mit mir beredet, dann hättest Du manches Problem nicht gehabt. Wie das mit so manch unsäglicher Frau. Also hast Du mit Vanja gesprochen? Weiß er von nichts und Vendelin geht davon aus, dass Du mit Deinem Verlobten geredet hast, ist er in Gefahr.


    Falls Vanja zum Beißerring gehört, hättest Du es an seiner Reaktion gemerkt und Du hättest ihn auslesen können. Jedenfalls hättest Du gewusst woran Du bist, gleich wie gut oder schlecht das Ergebnis Eures Gespräches gewesen wäre", antwortete Pavo.


    "Ich bin abgereist, ohne mich mit Vanja auszusprechen. Ich gebe Dir Recht Pavo, auf der einen Seite möchte ich wissen woran ich mit ihm war und auf der anderen Seite möchte ich ihn einfach so in Erinnerung behalten, wie ich ihn kannte. Vanja der zweite Varmikan, so möchte ich ihn nicht sehen", gestand Dave seinem besten Freund ein.


    "War? In Erinnerung behalten? Er hat sich nicht von Dir getrennt, Du bist mal wieder weggelaufen Dave. Und obwohl Du hier in der Küche auf Deinem Hintern sitzt, läufst Du immer noch davon! Gleich wie groß Du bist, Du bleibst immer mein Kleiner. Erinnere Dich daran wie Du Vanja kennengelernt hast. Natürlich kann auch ein abgekartetes Spiel gewesen sein. Aber Meinst Du, die Beißer beobachten rund um die Uhr das Geisterhaus? Du hast Dich bei ihm wohl und sicher gefühlt. Wäre Vanja nur ein Hauch wie Varmikan oder die anderen, hättest Du das gespürt. Rede mit Deinem Verlobten, Du liebst ihn doch!", verlangte Pavo.


    "Ja...", murrte Dave.

    "Ja aber was Dave?", fragte Pavo.


    "Er weiß es eh, weil ich es ihm erzählt habe. Er sollte mich verstehen und er verstand es auch. Jedenfalls soweit es möglich ist. Er fragte mich, wen von den Peinigern er holen soll. Wenn das alles eine Lüge war, war es eine verdammt gute.


    Am liebsten würde ich mich einfach in meinen Ohrensessel und in den Nexus verziehen. Denn gleich was Vanja ist Pavo, sein Bruder bleibt ein Beißer. Und Vanja liebt diesen Kerl. Er hat nur noch seinen Bruder. Diese Bestie hat ihn aufgezogen, an seiner Mutterbrust genährt. Vanja ist Vendelin gegenüber loyal. Falls er wirklich von nichts weiß, soll ich auch seine Welt zerstören? Seine Illusion von Bruderliebe und Familie in tausend Scherben schlagen?


    Gleich wie Du es drehst und wendest Pavo, die Beißer sind in meiner Nähe und zwar in greifbarer Umgebung. Entweder ertrage ich sie im ständigen Dunstkreis, oder ich verzichte auf eine Partnerschaft und Familie. Da hätte ich auch der Stiefelknecht, der Schwiegersohn oder Sklave werden können.


    Wie die Wahl Vendelin oder ich ausgeht, ist klar. Es geht immer der, der vor die Wahl stellt Pavo.

    Also muss ich schweigen, entweder für Vanja und seiner heilen Welt oder für uns beide.

    Nicht gerade berauschende Optionen.


    Ich glaube ich hole meinen Ohrensessel aus Shohiro nach Irminabourg, vielleicht auch Vanja oder beide", sagte Dave und trank einen Schluck Kaffee.


    "Ist Vanja auch ein Stumpfer? Falls nicht ruf ihn auf magischem Weg, los jetzt", befahl Pavo und boxte Dave liebevoll vor die Schulter.

    "Oh man", stöhnte Dave und ließ sich in Trance fallen.


    `VANJA?´, rief er nach seinem Verlobten.




    ****

  • Vanja befand sich in Ledwick. Es war ihm gelungen, Vittorio abzufangen, als dieser wieder heim kam, um rasch seine Sachen zu packen und sich zu verdrücken, bevor Vendelin zurückkehrte. Stattdessen fing Vendelins Bruder ihn ab. Der Haudegen hatte laut gestöhnt und aus seinem Ärger keinen Hehl gemacht, Vanja letztlich aber doch hineingelassen. So saß Vanja auf dem gemütlichen, grüngepolsteren Stuhl und versuchte, Vittorio davon zu überzeugen, sich diesmal vernünftig von Vendelin zu verabschieden, wenn er nach Hause kam.


    Was er nicht sagte, war, dass er seine Angst überbrückte, dass sein Bruder überhaupt nicht mehr aus Drakenstein zurückkehren würde. Angst davor, dass etwas schief lief und Davard seiner Aufgabe als Meucheler walten musste. Das Gespräch half ihm, diese Möglichkeit auszublenden. Vendelin würde zurückkehren und dann wäre sein größtes Problem, dass sein Geliebter sich wieder einmal verdrückt hatte. Aber er würde leben, er würde gesund sein und sie würden gemeinsam die kommende Zeit besprechen.


    Plötzlich hielt Vanja inne. Davard rief ihn. Vanja hörte ihn nicht nur, sondern spürte ihn auch.


    'Davard?', fragte er besorgt. 'Du fühlst dich gerade sehr schlimm an, wie ein Alptraum im Wachzustand. Wie geht es dir? Ist alles gut gegangen?' Und plötzlich packte Vanja die blanke Angst. Er wusste mit einem Mal, was los war. 'Vendelin hat es nicht geschafft. Nicht wahr? Du hast Vendelin töten müssen.'

  • Dave rieb sich müde über das Gesicht und schüttelte den Kopf, dabei sah Vanja seine Geste gar nicht. Aber er spürte sie, da sie beide mental miteinander verbunden waren. Dave hielt die Verbindung aufrecht und Vanja fühlte für einen Moment, das Gefühlschaos, die Liebe, die Ungewissheit, Angst am Rande der Panik.


    `Deinem Bruder geht es gut... vielleicht zu gut. Mir weit weniger Vanja. Weißt Du was er ist? Weißt Du was er mir ins Gesicht sagte? Ich habe zu wählen Vanja. Entweder ich berichte Dir die Wahrheit, um Dich vor Deinem Bruder und seine Machenschaften zu schützen. Oder ich lasse Dir Deine Zuckergusswelt und Du wirst nie erfahren, in welcher möglichen Gefahr Du schwebst.... wenn.... wenn Du unschuldig bist Vanja.


    Weißt Du von Deinem Bruder und bist Du einer von ihnen, dann habe ich Dich damit gewarnt... Betrachte es als Dankeschön für die Illusion von Zuneigung... Ich frage Dich offen und bedenke, dass Du hier nicht lügen kannst. Ich kann Deine Gedanken auslesen.


    Weißt Du was Dein Bruder ist?

    Weißt Du was er anderen antut?

    Die wichtigsten Fragen... was empfindest Du für mich?

    Was unser Kennenlernen echt?


    Was immer Du bist und antwortest, sogar negativ, von mir hast Du keine Konsequenzen zu fürchten. Warum weißt Du dann bereits schon. Falls Du der Vanja bist, den ich kennen und lieben lernte, habe ich Dir angeboten es Dir einmal in einer Erinnerung zu zeigen. Du kannst Dich auch entscheiden gar nicht zu antworten... aus Taktgefühl.


    Ich liebe Dich Vanja, dass sage ich Dir jetzt, wo ich es noch kann´, übermittelte Dave.

  • Vanja genoss das Gefühl ihrer beiden Seelen, die sich berührten und beide spürten die Liebe des anderen. Davard spürte aber auch, dass Vanjas Angst zwar abflaute, als er sagte, dass es Vendelin gut ginge, doch danach schoss sie wieder in die Höhe.


    'Ich liebe dich auch, Dave. Bitte tu mir einen Gefallen und komme zu mir, damit ich dich in den Arm nehmen kann. In dem Zustand, in dem du gerade bist, solltest du nicht allein sein. Der Schmerz, den du gerade spürst, stammt nicht von mir, er stammt von alten Wunden, die erneut aufgerissen worden, offenbar von Vendelin.


    Ich weiß vieles von dem, was meinen Bruder umtreibt. Ich sagte dir ja schon, dass wir uns sehr nahe sind und es gab Zeiten, da waren wir uns näher, als es sich ziemt. Hast du ihm Anlass gegeben, dich zu verletzen? Es hört sich so an wie ein sehr harter Verteidigungsschlag, da er normalerweise nicht mit seinem Privatleben hausieren geht. Komm zu mir, Liebling, dann reden wir!'


    Vanja hoffte inständig, dass ihre junge Beziehung noch zu retten war und dass Vendelin sie ihm nicht bewusst zerstört hatte, denn wenn Vendelin es darauf anlegte, war da wirklich nichts mehr zu machen. Was diese Kunst angbelangte, musste Vanja vor seinem Bruder klein bei geben.

  • Dave spielte mit dem Kaffeebecher in seinen Fingern, während er Vanja mental zuhörte. Pavo nahm ihm den Becher ab, ehe dieser noch auf dem Küchenboden landete. Er hakte Dave unter und wartete so das Gespräch ab.


    `Ihm Anlass gegeben? Vanja ich habe niemals jemanden Anlass gegeben mir das anzutun! Gleich was Dir Vendelin erzählt hat! Sicher sagt man Dinge, die sie hören wollen. Das es einem gefällt... das man es will... das es geil so ist... oder das was Dein jeweiliger Benutzer gerade erwartet!


    Aber beim Abgrund, dass sagst Du weil Du es sagen musst und nicht weil es so wäre! Weil Du sonst den Abgrund des Abgrundes kennenlernst. Und glaub mir, schlimmer geht immer, es gibt von jeder Form der Folter noch eine Steigerung. Also was sollte ich Vendelin gesagt haben?


    Du missverstehst da was oder ich verstehe Dich gerade nicht. Gegen mich hätte er sich nicht verteidigen müss...

    Du meinst jetzt nicht wahr?


    Er hat Drakestein in die Luft gejagt und hatte dabei ein Mädchen auf dem Schoss. So ergab ein Wort das andere und seinen Endkommentar mich betreffend. Ich bin nicht alleine, aber ich komme vorbei. Bis gleich Vanja´, übermittelte Dave.


    Dave drückte Pavo fest an sich und gab den alten Goblin dann frei.


    "Ich fliege zu ihm, pass auf meine Tochter und auf meine Hunde auf", bat Dave mit einem Schmunzeln.

    "Genau in der Reihenfolge, hau schon ab", grinste Pavo.


    Dave verließ das Fantomehaus, schnappte sich Kariakin und flog auf dem Greif zurück nach Ledwick. Auf Kariakin war Verlass und zur Not konnte er allein nach Hause fliegen und die Fantome informieren. Zig Stunden später setzte das große Geschöpf vor Vittos Haus auf. Dave ließ sich von Kariakins Rücken rutschen und flüsterte ihm etwas ins Ohr, bevor er zur Tür ging. Er klopfte und testete ob die Tür offen war, sie war es.


    Der Magier betrat das Haus, dass Vittorio und sie fluchtartig verlassen hatten, nachdem Veyd der Geldsack es heimgesucht hatte.


    Er schaute sich um und fand Vanja im Wohnzimmer vor. Dave ging auf seinen Verlobten zu, blieb kurz vor ihm stehen, ehe er ihn einfach fest und still umarmte und an sich drückte.

  • Vanja kam nicht einmal dazu, sich vom Sofa zu erheben, da war Davard schon an ihn herangetreten, um ihn in einer verzweifelten Umarmung an sich zu drücken. Vanjas Hand drückte sanft gegen seinen Rücken.


    "Konntest du inzwischen ein wenig Ruhe finden? Nein ... ich spüre dein Herz unter meiner Hand rasen. Du bist noch lange nicht ruhig. Vendelin hat das Grauen in dir geweckt. Vermutlich wollte er das Werk fortsetzen, das er während des Mittagessens mit Veyd begonnen hatte. Manchmal ist sein Herz voll der Niedertracht. Und vor seiner Abreise nach Drakenstein ahnte er, dass Vittorio fort sein würde, wenn Vendelin zur Villa Vecchia zurückgekehrt wäre. Was lag da näher, als den Abschied selbst einzuläuten und nebenbei noch dir dein Glück zu verderben , um dich mit in den emotionalen Abgrund zu reißen? Es ist kalt und dunkel da unten im Tal der Tränen und sehr einsam. Manchem gefällt es, zu wissen, dass er nicht der Einzige ist, der an diesem Ort weilt. Es tut mir leid, dass du so unter seinen Launen leiden musst."


    Davard bekam einen Kuss auf die Wange gedrückt. Dann löste Vanja sich vorsichtig, um etwas auf Distanz zu gehen, damit er in sein Gesicht blicken konnte. Voll der Sorge war Vanjas Miene.


    Auf einem der mit grünem Samt bezogenen weichen Sessel saß Vittorio. Er schenkte ihnen allen dreien gerade irgendeinen hochprozentigen Schnaps ein, der sehr gut roch. Zu Vanjas Erleichterung goss er diesen Jedoch mit heißem schwarzem Tee auf. Der Veteran schob jedem von ihnen eine Tasse hin. In mehreren Schälchen warteten frische Antipasti vom Schwimmenden Markt auf winzige Säbel gespießt darauf, verzehrt zu werden.

  • Dave setzte sich und nahm einen Schluck aus der Teetasse. Der Mix den Vittorio eingegossen hatte, wärmte Körper und Seele. Vanjas Worte waren beruhigend, aber Dave wusste genau, dass sein Mann nichts gesagt hatte. Nichts über seinen Bruder und dessen persönlichen Abgründen.


    Weshalb Vittorio vor diesem Mann floh, war klar. Er bekam in jeder Gosse etwas besseres. Jeder Bettler war anständiger als Vendelin und Veyd zusammen. Dave nahm sich einen von den kleinen Säbeln und aß die Leckerei die aufgespießt war. Er dachte einen Moment lang nach, aber da Vanja nichts sagen wollte, war es an ihm.


    "...Wir alle haben unsere Geheimnisse.

    Dass du meinem Bruder treu ergeben bist, wundert mich nicht.

    Aber ich möchte nicht unfair werden, niemand kann etwas für sein Aussehen.

    Zudem hast du dich bereits in jungen Jahren auf jede nur erdenkliche Weise ausgetobt, sagt man. 169. Die Zahl kennen alle.

    Was für ein kleiner Nimmersatt.

    Da muss der gute Vittorio natürlich passen....


    Das war die Antwort Deines Bruder, damit er nicht im Tal der Tränen alleine hocken muss. Das er dort hockt, ist noch viel zu gut für ihn Vanja. Wie Ihr beiden zu ihm steht, jedenfalls teilweise ist mir bewusst. Und ich kam her um zu reden, nicht um mich beschwichtigen zu lassen, was Vendelin angeht. Ich weiß was er ist.


    Nimmersatt...

    169... die Zahl kennen alle...

    Wer den Namen und diese abgrundartige Zahl kennt ist klar, es sind die Beißer.


    Du weißt wer sie sind nicht wahr? Du bist sein Bruder, die Frage ist nur, bist Du einer von ihnen? Du wolltest reden, hier bin ich. Ich werde mit Euch auf Vendelin warten, oder allein...", antwortete Dave und überprüfte wie scharf und spitz der Minisäbel war.

  • Der kleine Esspieß war spitz, bestand allerdings aus Holz. Man konnte einen damit stechen, im Falle des Auges auch ernsthaft verletzen, doch man konnte damit niemanden töten. Vittorio hatte sie darum gekauft, weil ihm die Form gefiel und er hatte keine Zeit mit dem Gedanken daran verschwendet, dass man die Säbelchen auch zweckentfremden könnte.


    Vanja nahm Davard den Spieß weg und legte diesen auf seinen Teller. Es gab allerdings noch mehr als genügend bei den Antipasti und Vittorio hatte nichts bemerkt. Er ließ sich gerade eine marinierte Muschel schmecken.


    "Darum bat ich dich, zurückzukehren, Dave. Und bitte, lauf nicht davon, bevor du nicht die ganze Antwort kennst. Ja, ich weiß, wer mein Bruder ist und woher er diese Zahl kennt. Dass du es nun auch weißt, hat er offenbar so gewollt. Kein Wigberg verplappert sich. Ich bin kein Beißer, Davard. Aber ich sagte dir auch, dass ich meine Hände nicht in Unschuld waschen kann, obgleich ich nie persönlich Blut vergoss. Ich half dabei, sie zu beliefern. Ich war verantwortlich dafür, die Kinder reisefertig zu machen, das heißt, darauf zu achten, dass sie sauber waren und ihnen den Schlummertrunk zu verabreichen. Das Wichtigste aber war, dafür Sorge zu tragen, dass die anderen Kinder im Heim nicht bemerkten, was geschah. Die Kinder, die verschwanden, waren offiziell weggelaufen.


    Was möchtest du meinem Bruder antun?", fragte Vanja vorsichtig.

  • Dave zog kurz die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als Vanja ihm den Minisäbel abnahm und auf den Teller legte. Aber das kleine Spielzeug, war das geringste Problem, falls es überhaupt eines war. Er tat es Vittorio gleich, nahm sich noch einen Spieß und aß diesen in aller Seelenruhe auf.


    "Ich hatte nicht vor aufzuspringen und davon zu stürmen, sondern ich bin wegen unserem Gespräch zurückgekehrt. Gut dann weißt Du mehr als ich vermutet habe. Du weißt im Grunde alles, woher die Kinder stammen, wohin sie gingen und genauso was mit ihnen geschehen ist. Zum letzteren Punkt, wie detalliert sind dort Deine Informationen?


    Einige dienten als Spielzeuge, andere wurden direkt gefressen, wieder andere waren beides... Spielzeug und Mahlzeit. Hast Du je einem Spiel oder einem Fressen beigewohnt?


    Antun? Ich möchte Deinem Bruder doch nichts antun... Sie haben uns doch auch nichts angetan oder? Ich würde gerne mal mit ihm spielen, so wie Archibald und seine Freunde mit mir... Gut ich kenne keine 200 Personen, aber ich habe eine Scholle und wenn jeder gute Bürger mal rüberrutscht.... dann wüsste Vendelin vielleicht ab 169 wo von wir da sprechen...


    Er muss keine Angst haben das Gesicht zu verlieren. Ich würde ihn an Hals, Hände und Füße gekettet genauso servieren lassen, wie sie uns serviert haben... Er wird seine Besucher nur am Schwanz oder an der Stimme erkennen, falls sie mit ihm reden... gibt auch Besucher die reden nicht viel... aber das merkt er ja dann...


    Die Leckerbissen sind gut...", antwortete Dave eisig.

  • Vanja wurde immer unbehaglicher. Noch gelang es ihm, ruhig zu sprechen und ein neutrales Gesicht zu wahren.


    "So etwas in der Art habe ich erwartet. Nein, ich wohnte keinem Festmahl bei und auch keiner derartigen Spielstunde. Um des Friedens willen möchte ich dir ein Gegenangebot unterbreiten. Vittorio kennt einen Beißer, der sich vielleicht dazu bereit erklären würde, Veyd auf die von dir gewünschte Weise vom Antlitz Asamuras zu tilgen. Dafür beschränkst du deinen Disput mit Vendelin auf verbale Auseinandersetzungen."


    Vanja nahm ihm auch dieses Spießchen weg.

  • Dave schaute Vanja verdattert an und nahm sich einen neuen Spieß.


    "Sag mal was soll das ständig? Nimm Dir selbst was zu Essen, schließlich ist genug da. Der Handel hinkt, Veyd hat mich beleidigt und Ansgar einen Kuckuck ins Nest gesetzt. Aber er hat mich nie benutzt, Vendelin schon, also warum sollte ich Vendelin verschonen? Nenne mir einen guten Grund.


    Ich bot Dir an, Dich an einer Erinnerung teilhaben zu lassen, ob das so eine gute Entscheidung war? Du weißt vielleicht mehr über diese ganze Sache als ich. Du bist vielleicht keiner von denen, die man ein Beißer nennen würde. Aber sei ehrlich, Du weißt, dass Du ein Mittäter bist, denn ohne Dein Zutun, wären so einige andere heute noch am Leben. Und die Kinder hatten sicher keinem etwas angetan.


    Natürlich bin ich selbst kein unbeschriebenes Blatt, dass habe ich auch nie behauptet. Aber damals war ich es Vanja. Also nenne mir einen Grund warum ich Deinen Bruder verschonen sollte. Und dann sag mir, was zwischen uns Sache ist, wo stehen wir", forderte Dave seinen Verlobten auf.


    Vittorio tat Dave leid, der Mann hatte echt die Arschkarte gezogen, was die Familientreffen anbelangte.

  • "Du hast die Schärfe der Spitze überprüft", antwortete Vanja und nahm ihm auch dieses Säbelchen weg. Anschließend begann er, mehrere Antipasti von ihren Spießen befreit auf Davards Teller zu drappieren.


    "Ich weiß, dass ich ein Mittäter bin, ja. Das habe ich dir auch gesagt, als wir uns kennenlernten. Ich war sehr jung, als ich begann, das Spiel unserer Sippe zu spielen - ohne dass ich davon wusste. Ich war selbst noch ein Kind, Davard und ich hatte nur Vendelin. Wie hätte ich mich seinen Wünschen also widersetzen sollen? Als Erwachsener hätte ich es gekonnt, aber da war es alles bereits Routine und wenn ich es nicht getan hätte, hätte sich ein anderer gefunden. Das nimmt meinen Taten nicht ihre Schwere, mitnichten. Ich erwarte weder Verständnis noch Absolution, aber ich möchte, dass du verstehst, dass es alle möglichen Charakterschwächen waren, aber nicht die der Bosheit oder Perversion, die mich dazu trieben.


    Wo wir stehen? Mein Lieber, wir sitzen! Und ich hoffe, dass dies nicht die Frage nach einer Trennung war. Wenngleich ich dich verstehen könnte, frage ich mich nur, warum erst jetzt und warum nicht schon zu Anbeginn alles vermeiden, da du doch wusstest, wer ich bin und was meine Rolle als falscher Priester in sich barg.


    Dass mein Bruder dich benutzt hat, wusste ich nicht! Wann war das?", fragte Vanja aufrichtig schockiert. "Als Grund, ihn am Leben zu lassen, kann ich dir einige nennen, unter anderem den Pakt unserer Familien. Tötet ein Hohenfelde einen Wigberg, ist der Pakt hinfällig und die Trinität zerstört. Und nicht zuletzt ist die Bitte egoistisch, da ich Vendel trotz all seinen Fehlern sehr liebe."

  • Dave ließ Vanja gewähren, als dieser ihm einen Teller mit Leckereien zurecht machte. Er wartete ab, bis Vanja fertig war, dann zog er den Teller zu sich heran und begann zu essen.


    "Aus alter Gewohnheit überprüfte ich die Spitze von dem Säbelchen und nicht um Dir zu schaden. Zudem sehen sie hübsch aus. Mit Deinem Einwand hast Du Recht, ich hätte sofort nachhaken können was sich genau hinter Deinem Tarnamt verbarg. Was genau Deine Rolle war, hast Du nicht gesagt. Du hast mir nicht erzählt, dass Dein Bruder Mitglied des Rings der Menschenfresser ist Vanja...


    Glaub mir, da hätte ich dann schon wirklich nachgehakt. Das Du kein aktiver Part davon warst, beruhigt mich. Trotzdem verstehst Du nicht, was mir Angst macht. Sie sind immer da, ob nah oder fern, ich werde sie nie los. Ich nannte sie bei meinem besten Freund, die Geister der Vergangenheit...


    So ist es auch oder nicht? Durch Dich bin ich an Deinen Bruder gebunden und er ist einer von ihnen. Ich muss also einen meiner Peiniger in meiner Nähe erdulden. Das wäre so, als würde Archibald bei mir wohnen, oder zwei Häuser weiter. Natürlich heißt dass nicht, dass Du so wie Dein Bruder bist.


    Ein Mörder sollte nicht über einen Menschenhändler urteilen.

    Aber ich war nicht immer ein Mörder und Du nicht immer ein Menschenhändler.


    Also ja ich verstehe Dich, ich tue auch nicht was ich tue aus Boshaftigkeit. Sondern es ist das Einzige was ich kann und von irgendwas muss auch ich leben. Es liegt mir im Blut und selbst da schloss sich der Kreis, denn ich wurde von jemand anderem der genauso geeicht ist wie ich gerettet. Auch einst ein Priester, nur ein wahrer Priester, der zuviel sah und zu viel verstanden hat, als das er hätte Priester bleiben können...


    Eigentlich wollte ich nicht zurückkehren, aber Dein Priesterkollege hat mich dazu gebracht, immerhin lieben wir uns, dass war sein Argument. Wenn ich an Dich denke, möchte ich mich nicht von Dir trennen. Warum ich vorher nicht genauer nachfragte? Vielleicht wollte ich gar keine Antwort erhalten. Unwissenheit ist manchmal ein Segen, so sagt man.


    Aber am Ende zahlt man dafür immer den doppelten Preis. Meine Frage war keine Forderung zu einer Trennung, sondern ehrlich gemeint. Von mir aus, wo sitzen wir? Also was sind wir füreinander? Sind wir noch zusammen? Sind wir noch ein Paar?


    Und glaubst Du Dein Bruder wird das dulden?


    Deine Bitten sind tatsächlich egoistisch, aber ich gewähre sie Dir. Vielleicht sollte jemand diese unheilige Verbindung zerschlagen... die Trinität ist nichts, was es zu schützen gilt.


    Wann sich Dein Bruder an mir bedient hat? Keine Ahnung, dass musst Du ihn fragen. Er hat es mir gestanden, nicht ich ihm. In der Zeit von 164 bis 178 wird er es getan haben, so wie alle anderen auch", antwortete Dave Vanja.

  • Vanja erhob sich, kam um den Tisch herum und setzte sich neben Davard. Ohne zu zögern nahm er ihn in die Arme und bettete den Kopf mit der blauen Chaperon an den seines Mannes.


    "Ich liebe dich und wenn du mir die Wahl überlässt, so wähle ich dich. Vendelin muss unsere Beziehung dulden, was auch immer er dagegen hat, aber ich denke, es ist nur Neid auf mein Glück und vielleicht ein wenig Eifersucht. Und jetzt, wo du sagst, dass er einer der Männer war, die dir dies antaten ... vermute ich, dass er Angst hatte, dass du ihn erkennst. Er wollte dir zuvor kommen und dich warnen. Du musst ihn künftig nicht mehr in deiner Nähe ertragen, ich werde Vendel nur noch allein treffen. Danke, dass du ihn einmal mehr verschonst.


    Was ist mit meinem Gegenangebot bezüglich Veyd? Oder ist er dir gleich?"

  • Dave umarmte Vanja ebenfalls und küsste ihn auf die Schläfe.


    "Nein Veyd ist mir nicht gleich, ich wollte zuerst wissen was mit uns beiden ist. Ich kann niemanden dabei erkannt haben. Bei Gruppenspielen oder Partys wie sie es nannten, sah man die Besucher nicht. Man sah gar nichts. Weder ich noch mein Bruder oder eines der anderen Kinder. Selten habe ich sie gesehen, aber wenn... tja sie sahen halt nichts.


    Musste ich Archibald oder einen seiner Leute begleiten und er besuchte einen anderen seiner Art, dann sah ich natürlich schon, um wen es sich dabei handelte. Die meisten Personen hätte ich wiedererkannt und ich wusste sogar wer sie waren. Heute sind sie vermutlich größtenteils tot, aufgrund des Alters. Bedenke manches ist 41 Jahre her und die waren damals meist in meinem heutigen Alter oder sogar älter.


    Andere hätte ich rein vom Äußeren her wiedererkannt. Von ihren Farben her nicht, da ich niemals einen von ihnen derart berührt habe... das wäre so... sie konnten mit meinem Körper machen was sie wollten, aber meine Seele gehört allein mir. Und wenn es zu schlimm wurde, überließ ich ihnen meinen Körper und meine Seele war sonstwo...


    Ich liebe Dich auch und ich möchte Dich nicht verlieren, aber ich möchte mich selbst auch nicht verlieren Vanja.

    Lass uns irgendwie einen Weg finden beides unter einen Hut zu bekommen.


    Wen kennt Vittorio der uns helfen kann?", fragte er und rutschte näher zu Vanja auf.

  • Vittorio schälte sich knackend eine gurkengroße Garnele.


    "Einen Beißer, der sicher bereit wäre, einem alten Freund einen Gefallen zu erweisen. Einen Mann, den Vendelin umbringen würde, wenn er wüsste, wer er ist. Dass ich ihn euch überhaupt vorstelle, verdankt ihr Vanja, der meine Hilfe in jungen Jahren oft gebraucht hätte, während ich bei diesem Mann war oder ganz woanders. Nun ist es Zeit für den Beißer, Vanja etwas zurückzugeben für all die Jahre, in denen ich wegen ihm nicht für ihn da war."


    Er biss in den weichen, entpanzerten Hinterleib der Garnele.

  • Dave beobachte fasziniert und zeitgleich angeekelt wie Vittorio die Garnele aß, eine derartige Gefühlsmischung hatte vermutlich weder Vanja noch Vitto je in einem Gesicht gesehen.


    "Beim Abgrund warum isst Du das Tier so? Gleich. Wer ist der Kerl und würde er uns helfen? Ist dieser Beißer Dein spezieller Freund? Warum sind wir überall von Beißern umgeben? Ich werde porös... ich hoffe Du bist keiner. Nein... sag nichts, ehe ich mich kreischend in die Fluten vor Deiner Tür werfen muss.


    Also gut, ich nehme das Angebot an. Wann kann er Veyd zum Essen einladen? Und nebenbei, ich möchte anwesend sein, wenn er Veyd besucht", antwortete Dave und streichelte Vanja vorsichtig, so als könnte sich dieser in Luft auflösen.

  • "Ich bin kein Beißer", antwortete Vittorio fest. "Woher ich ihn kenne, ist eine lange Geschichte. Sie hat nichts mit seinem Hunger zu tun, sondern mit ihm als Mensch, der mir gar nicht so unähnlich ist. Was uns beide verbindet, ist schwer in Worte zu fassen, für dich genügt es, zu wissen, dass er es nicht auf Kinder abgesehen hat und dass er sich nicht mit anderen Körperteilen an seinen Opfern vergeht als mit seinen Zähnen. Sein Appetit zieht ihn auf die Schlachtfelder dieser Welt und momentan ist es für seinen Geschmack eindeutig zu friedlich. Sein Magen knurrt seit den Friedensverhandlungen von Ehveros und er wird sich über diesen Happen freuen. Momentan weilt er in Drakenstein. Ich habe ihm rechtzeitig zugesteckt, dass er bei der Burg Aas abstauben kann."

  • Dave nickte langsam, geradezu in Zeitlupe. Solange der Mann nur das fraß, was er fand war es ihm gleich. Er stellte keine besonders hohen moralischen Ansprüche, aber auch er hatte welche. Und absolut wehrlose Personen anzugreifen, nichts anderes waren Kinder, hatte nichts mit Können zu tun.


    Ihnen aufzulauern und sie um den Finger zu wickeln, wie es Archibald tat, war auch keine Kunst. Denn wer noch nichts als der Hand in den Mund lebte, für den war jeder der etwas zu Essen springen ließ, ein Wohltäter. Und diesem war man nach einiger Zeit wohlgesonnen, ließ schon aus purem Überlebenswillen das Misstrauen etwas fallen. Denn ohne Gegenleistung würde der edle Spender sonst dass Spenden wohl einstellen.


    Und genau da hakten die Beißer ein, sie wussten wie ihre Opfer tickten. Sie wussten wie man sie einfangen konnte oder sie wussten wo sie problemlos zu beschaffen waren. Gerade Einrichtungen wie Kinderheime waren ein Selbstbedienungsladen. In Naridien konnten Kinder noch auf der Straße leben und vielleicht mit Glück überleben.


    Genau dass, was sonst den Feudalismus überlegen machte, kehrte sich hier fatal um. Wer keine Familie hatte, niemanden der für ihn sprach war ein Nichts und er würde Zeit seines Lebens ein Nichts bleiben. Er hatte keinen Namen und keine Familie auf die er sich berufen konnte. Diese Kinder wurden durchgefüttert, da es sich so gehörte, wie Armenhäuser und Altenhäuser. Aber Interesse hegte niemand an ihnen.


    Ein fauler Apfel im Korb, konnte so ein Kinderheim als Selbstbedienungsladen umgestalten. Die Kinder waren wehrlos, wer fragte nach ihnen? Es gab niemanden, der nach ihnen fragte, denn genau aus dem Grund waren sie in dem Heim. Wer dort überlebte und das Erwachsenenalter erreichte hatte mehr Glück als er vermutlich wusste.


    Er musste es auf seiner Scholle anders handhaben und sich darum Gedanken machen. Dave wollte mit Vanja darüber sprechen, denn wenn man wusste, wie man ein Heim ausbeutete, dann wusste man auch, wie man das Ausbeuten verhinderte.


    Jetzt jedoch war Veyds Zahltag zu planen.


    Dave rutschte näher zu Vanja und nahm seine Hand.

    "Wer ist der Mann und wo finden wir ihn Vittorio?", hakte er nach.