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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: So 1. Jan 2017, 18:18 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Als Valerius Tür und sogar Fenster verschloss ahnte Emilia bereits, dass sie in eine Falle getappt war. Es behagte ihr nicht, mit ihm im selben Raum eingesperrt zu sein. Sofort sträubte sich ihr getigertes Fell und die Augen beobachteten aufmerksam den Mann, welcher in aller Seelenruhe zu ihr sprach. Seine Lippen sprachen von einem auffälligen Zufall. Dies reichte Emilia bereits aus um zu begreifen, und ohne auf seine weiteren Worte zu achten, suchte sie das Zimmer nach einer Fluchtmöglichkeit ab. Doch es gab keine Ritzen zum Entkommen. Die einzige Sicherheit bot das schmale Bett, unter welchem sie womöglich Unterschlupf gefunden hätte.

Er war stehen geblieben und sein unheimlich ruhiger Blick lag auf ihr. Verschreckt wich sie ihm aus, als er sich zur Kommode hinbewegte, und lugte dann argwöhnisch unter dem Tisch hervor, der ihr eine scheinbare Zuflucht bot. Dabei traute sie sich nicht, den Blick von ihm zu lassen, konnte sie seine Schritte doch nicht hören, falls er sich ihr näherte. Stattdessen jedoch nahm sie den Geruch im Raum wahr. Neben seinem Eigengeruch lag der intensive Duft von Farben in der Luft. Obwohl sie sich fürchtete, realisierte sie gleichzeitig, dass sie dies als angenehm empfand.
Beim Betreten des Zimmers waren ihr die Gemälde aufgefallen und noch immer wunderte sie sich darüber, wie ein solch grausamer Mensch bloss durch seine Bilder die Gedanken anzuregen vermochte. Sie hatte eine Landschaft erkannt, welche in weiches Mondlicht getaucht wurde und musste wieder daran denken, wie sie ihm im schwachen Moment ihrer ersten folgeträchtigen Begegnung von ihrer Sehnsucht nach dem Wald geschrieben hatte.

Und nun?
Ihre Gedanken vermochten sich kaum zu fokussieren, so sehr hielt die Anspannung sie gefangen.
Wollte er sie hier töten? Doch wäre das nicht allzu auffällig, sollte man sie hier auffinden?
Und ihre Familie würde doch bestimmt nach ihr Suchen lassen und die Stadtwachen informieren. Nur läge sie bis dahin vielleicht schon tot in einer dunklen Gasse...

Selbstsicher begann er Briefe und Schriftstücke auf dem Laken auszubreiten, zückte sogleich einen Stift und schrieb selbst einige Worte.
Emilia war zwar neugierig, doch ausnahmsweise obsiegten sogar in ihrer Katzengestalt das Misstrauen und die Angst. Ihre Schweifspitze zuckte unruhig über den Boden, während sie sich zusammengekauert hatte. Sie würde nicht aus ihrem Versteck hervorkommen, und sollte er es wagen, sich zu ihr hinunter zu bücken, würde sie ihm die Augen auskratzen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Mo 2. Jan 2017, 18:27 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1)
So wie es der junge Mann bereits geahnt hatte, so würde Emilia niemals auf seine Aufforderungen hören oder sich gar richtig zeigen. Natürlich hatte er gehofft, die junge Frau würde sich aus ihrer Gestalt wandeln und er könne richtig mit ihr reden, oder zumindest schriftlich kommunizieren, doch da kam sie ihm keinesfalls entgegen. Letzten Endes war dies aber auch nicht verwerflich, so war sie dcoh mit ihm in diesem Raum eingesperrt und er zwang sie dazu, seinen Worten Gehör zu schenken.

Um es ihr jedoch leichter zu machen, so entschied er, hob er beschwichtigend seine Hände und deutete mehr als offensichtlich an, dass er noch immer unbewaffnet war. All die Stellen an denen er hätte Waffen verstecken können, offenbarte er ihr und somit war es eindeutig, dass die einzigen Waffen im Raum auf der Kommode lagen. Doch als nächstes blieb er nicht stehen, nein, ruhigen Schrittes bewegte sich Dimicus an dem Bett vorbei, direkt zur Tür und lehnte sich gegen diese.

Seine Waffen waren für ihn so unerreichbar und Emilia hätte direkt sehen können, wenn er zu ihnen eilen und ihr somit Schaden zufügen wollen. Sie hatte nun mehr als genug Freiraum, um sich zum Bett zu bewegen und das Gefühl der Sicherheit umarmen zu können. Mit einer freundlichen und ansatzweise warmen Geste deutete er mit offener Hand auf die Papiere, die sich die Katze nun anschauen konnte. Mehr tat er nicht, er ruhte dort an der Tür und bewegte sich nicht.

Doch plötzlich hörte er Schritte hinter sich, ein Klopfen durchbrach die plötzliche Stille des Raumes, als einer zögerliche Stimme durch die Tür sprach: "Herr, seid Ihr anwesend? Man hat einen weiteren Brief für Euch abgegeben." - "Schiebt Ihn unter der Tür durch." Wieder trat kurze Stille ein, eher ein rascheln gefolgt von sich knickendem Papier vernahm, als der Brief durch den Spalt unter der Tür geschoben wurde und die Schritte sich wieder zu entfernen begannen. Neugierig und doch etwas verwundert zugleich hob er den Brief auf, er war nur klein, doch versiegelt. Schwarzes Wachs, auf dem ein Dolch geprägt war. Dieses Symbol oder Siegel hatte er noch nie gesehen.

Allerdings kümmerte ihn das im Moment wenig, denn die süße Stille zwischen Emilia und ihm bestand noch immer, diese Ruhe die in dem Raum lag war unheimlich und erfüllend zugleich. Langsam atmete der junge Mann, ihm schossen gerade die verschiedensten Ideen für seine Kunstwerke durch den Kopf, die Ruhe genoss er, so regte sie ihn immer zum Nachdenken an, inspirierte ihn gar. Diese Stille und doch so viele Worte, die ungesprochen im Raume umherirrten. So ging das Warten weiter, nichts passierte und er regte sich nicht. Irrte er sich?

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Di 3. Jan 2017, 00:22 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Unbewaffnet oder nicht, Valerius stellte eine Gefahr dar.
Im Gegensatz zu Emilia, der man die Anspannung an jeder Stelle ihres Körpers ablesen konnte, schien er die Ruhe in Person zu sein.
Nicht einmal, als unter der Tür ein Brief durchgeschoben wurde, brachte es ihn aus dem Konzept. Nein, er stand nur weiter da und starrte Löcher in die Luft.
Emilia ahnte bereits, dass sie hier Wurzeln schlagen würden.
Leider konnte niemand wissen, wo sie sich befand und selbst wenn Gisela den zerrissenen Brief in ihrem Zimmer finden sollte, würde es kaum zu ihrer Rettung beitragen.
Eine Weile noch wartete sie ab, dann hielt sie es nicht mehr länger aus. Gaaaanz langsam und behutsam, gerade so als ob sie über Scherben gehen würde, setzte sie in geduckter Haltung eine Pfote vor die nächste bis zum Tischbein, wagte sich jedoch nicht in den offenen Raum hinein, den sie zuerst teilweise durchqueren musste, um das Bett zu erreichen.

Schliesslich schoss sie in einer fliessenden Bewegung los wie ein Pfeil und mit einem beherzten Sprung landete sie mitten in dem Papierhaufen. Mit einem drohenden Fauchen und gesträubtem Fell gab sie Valerius zu verstehen, sich bloss nicht zu nähern. Dabei wirkte sie mutiger, als sie es eigentlich war. Sie stakste unelegant auf der weichen Decke herum und platzierte sich so, dass sie ihren Entführer gut im Blick hatte. Was für ein Dilemma. Bestimmt wollte er nur, dass sie sich von den Schriften ablenken liesse, damit er sie zu fassen bekäme... und gleichzeitig wusste sie irgendwie, dass Valerius sie nicht gehen lassen würde, bevor sie dieses blöde Papier wenigstens scheinbar gelesen hatte!

Unschlüssig huschte ihr Blick zwischen den Schriften und dem Gefängniswärter hin und her. Schliesslich setzte sie sich, und wartete auf seine Reaktion. Nichts.
Sie seufzte und holte dann tief Luft, um sich den Papieren zuzuwenden – und erstarrte.
Eigentlich hatte sie erwartet, dass es Fälschungen wären. Sie konnte sich zwar keinen Reim darauf machen, weshalb Valerius sich die Mühe geben sollte, ihr solche Lügen zu unterbreiten, doch etwas Anderes wollte sie nicht wahrhaben.
Aber als nun der zwar schwache, doch unverkennbare Geruch ihres Herrn Papa den Weg in ihre Nase fand, vergass sie für einen kurzen Moment sogar seinen Mörder.
Sie sah ihn vor sich, wie er über seinen Schreibtisch gebeugt war, und im fahlen Kerzenlicht in seiner unverkennbaren Schrift gerade einen Brief beendete. Als er das kleine Mädchen sah, hatte er gelächelt und sie war zu ihm gelaufen und auf seine Knie gekrabbelt, wo er ihr erlaubt hatte, den Siegelring in das warme Wachs zu drücken, mit dem er das Couvert sorgfältig verschlossen hatte.
Sie zuckte zusammen, als sie eine Bewegung erahnte, doch Valerius hatte bloss eine Fliege verscheucht.

Nun war die Neugier, ihrem Widerwillen zum Trotz, doch geweckt. Es war nicht leicht gleichzeitig aufmerksam zu bleiben und einen Tagebucheintrag entziffern zu wollen. Die Rede war von einem Schuldner, welcher offenbar auf einige deutliche Anregungen ihres Herrn Papas hin doch noch seine Zeche bezahlt hatte. Womit wurde nicht genannt.
Emilia schaute zu Valerius hinüber. Und damit wollte er ihr was nochmals beweisen?
Sie versuchte sich an die Worte aus seinem Brief zu erinnern, den sie wütend zerrissen hatte.
Ach ja genau… dass sein Tod gerechtfertigt war!
Augenblicklich wandte sie sich von dem Eintrag ab, und liess den Blick über den zusammengewürfelten Haufen gleiten. Eine Auflistung fiel ihr auf. Einige Namen darauf erkannte sie, es waren politische Grössen wie Gerold Mollersdorf, Lucius von Ebersdorf oder Hanibald Hugentob. Daneben standen hohe Summen geschrieben. Abfindungen? Bestechungsgelder?
Die Annahme bestätigte sich, als sie in einem Briefwechsel die Drohung von Lucius von Ebersdorf entdeckte, Frederick nicht mehr zu unterstützen, wenn sein Lohn nicht grosszügiger ausfalle. Schliesslich hätte er sich ebenfalls für den besagten Posten bewerben können.
Emilia war wütend darüber, dass Valerius offensichtlich nicht überall gelogen hatte.
Aber war es nicht das Recht eines Familienoberhauptes, Geheimnisse vor seiner Familie zu haben? Und war es nicht seine Pflicht, für den Unterhalt der ihm anvertrauten Liebsten aufzukommen?

Die junge Frau klammerte sich verzweifelt an der liebevollen Vorstellung ihres Herrn Papas fest, während sie versuchte, ihre Wut gegen den jungen Mann zu richten, der sich hier wie ein Advokat aufführte. Was auch gar nicht schwer war.
Nachdem er ihr zuerst einen geliebten Menschen genommen hatte, wollte er nun auch ihre schönen Erinnerungen an ihn zerstören!
Sie fauchte ihn zornig an und fühlte sich plötzlich unheimlich hilflos.
Am liebsten hätte sie geweint.
Warum sperrte er sie hier ein? Was wollte er von ihr? Sollte er sie doch endlich in Ruhe lassen!
Plötzlich fühlte sie sich unheimlich eingeengt in dem Raum und hatte das Gefühl kaum noch Luft zu bekommen. Unruhig zuckte ihr Schweif. Ein Käfig, es ist wie in einem Käfig!
Im selben Moment verspürte sie ein bekanntes Kribbeln in ihrem Körper, welches sie jedoch erleichtert willkommen hiess. Im selben Moment, als Emilia sich zu wandeln begann, schien auch die verängstigte Katze sich in ihrem Innern zurückzuziehen.
Sie spürte eine neue Kraft in sich aufsteigen, ungezähmt und wild. Bereit, sie vor allem und jedem in Schutz zu nehmen. Alles um Emilia herum schien für einen Augenblick zu verschwimmen.
Die dunklen Haare schienen gleichzeitig auszufallen und in einem sandfarbenen Ton neu zu spriessen, so als hätte sie einen Fellwechsel, während sich ihr Körper unterdessen ausdehnte, und die feinen Pfoten zu kräftigen Pranken heranwuchsen. Das Bett knarrte bereits unter dem zunehmenden Gewicht.

Emilia bemerkte gar nicht, wie Flaverius neben ihr zur Kommode stürzte und sich blitzschnell einen langen Dolch griff, um sogleich wieder aus ihrer Reichweite zu verschwinden.
Als ihre Wandlung beendet war, von einer Katzengestalt in die andere war es immer angenehmer, als in die Menschengestalt oder umgekehrt, schüttelte sie kurz ihr Haupt. Dann fixierten ihre smaragdgrünen Augen den Mann, welcher sich mutig vor der Tür positioniert hatte.
Sie gab ein leises, tiefes Knurren von sich, forderte ihn eindeutig auf, ihr den Weg freizugeben. Mit einem legeren Sprung bewegte sie sich vom Bett hinunter und stand gleich darauf in der Mitte des Raumes, einen grossen Schritt von Valerius entfernt. Sie hob ihren Kopf und witterte in der Luft. Deutlich konnte sie seinen Schweiss riechen. Sein Atem ging schneller als gewöhnlich, ausnahmsweise einmal wirkte er nicht mehr ganz so entspannt, wie er sich zuvor gegeben hatte.
Und nun geh aus dem Weg!, ein weiteres Grollen drang aus ihrer Kehle empor, die kräftigen Fangzähne waren zu erkennen und der Schweif mit der dunklen Quaste fegte ungeduldig durch die Luft. Obwohl sie nicht mehr dieselbe Angst empfand wie zuvor, verspürte sie noch immer eine Unruhe, welche sie dazu drängte, diesen Ort zu verlassen, und sie hatte nicht vor, dabei Rücksicht auf den Kerl zu nehmen, wenn er ihr dies verwehrte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Di 3. Jan 2017, 21:40 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1)
Mit aller Seelenruhe beobachtete er das Tun der Katze, während sie ihn beäugte und mit unsicheren Schritten zu dem Bett tapsen wollte. Ihr Fauchen, das Zeigen ihrer Zähne und anlegen ihrer Ohren. Diese animalische Seite faszinierte den Künstler ungemein, wie ein Mensch in dieser Gestalt sein konnte, sich wohl fühlte? Allgemein fand er das Wesen eines Gestaltwandlers sehr interessant, diese Katze hatte menschliche Züge in ihrem Verhalten und war doch durchweg Katze. Dieses Tier edlen Geblütes, welches er da erblickte und zu schätzen wusste. Der grazile Gang, das Haupt und die aufmerksamen grünen Augen, welche ihre Umgebung abzusuchen und schließlich noch die Menschlichkeit dieser Katze auszustrahlen wussten.

Jede kleine Bewegung, wie sie dort auf dem Bett saß und aufmerksam die Papiere studierte, die die eindeutigen Beweise für Fredericks Schandtaten darstellen. Natürlich hätte Dimicus Emilias Vater auch ohne diese getötet und in etwas verwandelt, was viel schöner war, als es dieser Mann hätte je werden können. Schließlich war es doch die Verantwortung seines Genies und der Herrlichkeit seiner Kunst die es ihr überhaupt ermöglicht hatte, ihren Vater stets in diesem wundervollen, gar friedlichen Bilde als Abschied im Kopf zu behalten. Wäre er nicht gekommen – wären andere für seinen Tod verantwortlich gewesen. Sie wusste nicht, sie verstand nicht, was es bedeutete, dieser Ehre teil zu werden. Doch er hoffte, sie würde es eines Tages verstehen. Falls es soweit kommen würde und er sterben sollte, durch ihre Hand, so würde sie im Angesichte seines Todes mit großer Sicherheit die Schönheit und die süße Bitterkeit dessen entdecken. So weit musste es allerdings erst kommen und es war sehr unwahrscheinlich, dass sie ihn töten würde. Oder irrte er sich?

Denn in diesem unachtsamen Moment seiner Gedanken bemerkte er anfangs nicht, wie die Wandlungen Emilia heimsuchten, vor seinen Augen geschah das Wunder der Gestaltwandlung, welches er kurz vollkommen erstaunt und fasziniert zugleich verfolgte. Wie aus klein groß und schließlich noch größer wurde, wie sich ihre gesamte Physis von einem Moment auf den anderen veränderte, vollkommen aus der Luft heraus scheinend und wunderschön zugleich. Doch noch im richtigen Moment bekam er mit, dass sie allmählich die Gestalt eines Löwen annahm, einem eleganten und zeitgleich tödlichen Raub. Er verfluchte sich dafür, noch kurz zuvor gedanklich diese Dinge über seinen Tod gesagt zu haben.

Hechtend und ohne Umschweife eilte er zur Kommode, um zumindet noch die Chance auf eine Waffe bekommen zu können, welche ihm dank des andauernden Wandlungsprozesses noch gewährt wurde. Nur ungern kam er ihr dabei zu nahe, der Künstler wollte ihr erst gar nicht im Wege stehen, wenn sie mit ihren Pranken schlagen und ihre Reißzähne in sein Fleisch bohren konnte. Schnell brachte er sich zurück vor die Tür, zumindest mit einem Dolch bewaffnet ging er in Stellung, zum Kampfe gegen ein Tier bereit. Sein Herz klopfte, sein Atem beschleunigte sich, als er die immer größer werdende junge Löwin vor sich betrachtete. Er hatte seine Drohung gebrochen, sie töten zu wollen, wenn sie dies tun würde, doch wie konnte er dieser Schönheit etwas antun? Durchaus war sie in der Lage, mit nur einem Satz ihn umzuwerfen und ihm die Kehle aufzureißen, warum tat sie dies also nicht? Leichte Schweißperlen traten auf seiner Stirn hervor, Angst begann eiskalt seinen Rücken heraufzukriechen, während sich die Löwing vollständig vor ihm aufbaute.

Nun hatte sie die Chance zur Rache, eine Tatsache die er nicht bedacht hatte, als er die junge Frau hier mit sich einsperrte. Welch törichter Zug von ihm, wie konnte ihm das nur passieren, dieses wichtige Detail zu vernachlässigen? Doch sie tat nichts, außer bedrohlich zu knurren. Es war eindeutig, dass sie nur hinaus wollte und keinen Kampf suchte. Ihre Löwengestalt schien sie zu beschützen, ihr zur Stärke zu verhelfen. Es war alos tatsächlich sie gewesen, die den Bettler tötete. Doch wenn sie diesen einfach töten konnte, wieso zögerte sie bei ihm? Er konnte sich vorstellen, dass sie einzuschätzen wusste, es mit einem Kämpfer der nicht so leicht kleinzukriegen war zu tun hatte, aber er hatte kaum Platz zum manövrieren.

Sie standen also da, Auge in Auge und die Augenblicke schienen beinahe gar nicht zu vergehen, während das Knurren der Löwin immer bedrohlicher wurde, er wohl einfach Platz machen sollte, statt ihren Racheglüsten nachzugeben. Etwas was Dimicus nicht ganz zu begreifen wusste, doch hatte er eine andere Wahl? So konnte er froh sein, noch nicht tot zu sein und in diesem Moment gewann er einen riesigen Respekt vor dem innerem Wesen Emilias. Ihre majestätische Art, wie sie vor ihm thronte und einem unerschrockenen Geiste Angst einjagte. In diesem Moment wusste er, was er zu tun hatte, seine Kampfeshaltung anfang nicht aufgeben, so schloss er für einen Moment die Augen, atmete tief ein, als sich seine komplette Muskulatur entspannte.

Doch nur mit einem plötzlich Ruck und einer immensen Kraft sauste der Dolch nach vorn, vor ihm auf den Boden, wo sich die Klinge in den Holzboden vergrub und stecken blieb. Darauf ließ seine Hand den Stahl seiner Waffe los, wobei er sich wieder aufrichtete, groß und wissend seiner Niederlage eingestehend. Mit einem anerkennenden Blick bedachte er sich, als er eine linke vor den Bauch hielt, die Rechte weit von sich streckte und sich schließlich tief verbeugte. Er demonstrierte und ergab sich des Sieges Emilias, eine Schmach die er sich wohl nie verzeihen würde, doch ihm blieb nichts anderes übrig. Sein eigener Tod war ihm dann doch nicht willkommen – noch nicht.

Schließlich stand er wieder, aufrecht und stolz wie er es immer war in solch einer Situation, ehe er die Hände im Nacken verschränkte und mutig vorwärtslief, knapp vorbei an dem großen Leib der Löwin, welche ihn mehr als bedrohlich für diese Tat anknurrte und für einen Augenblick dachte er, sie würde ihm nun das Leben nehmen. Sein herz pochte wild und der Atem war mittlerweile unruhig dabei, Emilias geschärfte Sinne durften diesen Umstand ohne Probleme spüren können. Sein Weg führte ihn zu dem im Raum befindlichen Fenster, vor welchem er schließlich Halt machte, die Hände langsam nach vorn holte um das Schloss an jenem Rahmen zu öffnen und diesen zu öffnen. Weit öffnete sich das Portal nach draußen, die eisige Kälte des inzwischen hereingebrochenen Abends betrat das Zimmer und ließ den Almanen erschaudern, worauf er zur Seite trat und Emilia mit genügend Abstand die Möglichkeit der Heimkehr bot, seine Hände wieder hinter seinem Nacken verschränkt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Mi 4. Jan 2017, 17:53 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Noch immer besass Valerius den Wagemut, ihr nicht aus dem Weg zu gehen. Gerade als Emilias Geduld sich langsam dem Ende zuneigte und der Drang zu verschwinden zunahm, veränderte sich die Haltung des Mannes. Im nächsten Moment schnellte der Dolch in einer fliessenden Bewegung auf den Boden zu und blieb mit einem Nachschwingen dort stecken, während Valerius den Griff losliess und sich langsam aufrichtete. Die Löwin war zusammengezuckt und in einer Haltung grösster Anspannung. Sein rasches Handeln hatte sie zugegebenermassen überrascht und er hätte es durchaus vermocht, sie schwer zu verletzten.
Gleichzeitig hatte er Glück gehabt, dass sie sich nicht instinktiv auf ihn geworfen hatte, was vielleicht auch damit zusammenhing, dass sie nicht gewohnt war, sich verteidigen oder gar angreifen zu müssen.

Schliesslich verbeugte er sich vor ihr.
In ihrem Innern versuchte der menschliche Verstand sein Tun misstrauisch nach möglichen Fallen und Beweggründen hin zu analysieren, während die Löwin Valerius selbstverständliche Unterwerfung mit erhabener Miene gleichmütig hinzunehmen gedachte, solange er ihr und der Tür fernbleiben sollte. Die ansonsten so neugierige und verspielte Katze hingegen kauerte sich ängstlich in einer Nische des Bewusstseins zusammen.
Der Kompromiss ihres Innenlebens zeigte sich durch den achtsamen Blick, mit dem sie Valerius bedachte.
Die Spannung im Raum war beinahe greifbar, als er es tatsächlich wagte, nicht etwa die Tür zu öffnen und beiseite zu treten, sondern sich ihr seitlich zu nähern, und sie knurrte ihn wütend an. Bald hätte er ihre Geduld überspannt. Sie verfolgte seine Bewegungen, als er jedoch bloss an ihr vorbeiging, zum Fenster hinüber.
Emilia wandte sich zu ihm um, denn es behagte ihr nicht, ihn schräg hinter sich zu wissen, zumal ganz in der Nähe noch weitere Dolche herumlagen. Warnend ging sie ihm einen Schritt hinterher, bereit zum Sprung, sollte er einen Sprint zur Kommode versuchen.

Valerius machte sich am Riegel zu schaffen und das Fenster öffnete sich.
Ein frischer Lufthauch wehte der Löwin entgegen, welcher die Gerüche der anbrechenden Nacht und der Stadt in sich trug. Und in eben diesem Moment überkam Emilia ein Deja Vu.
Sie konnte beinahe den rauen Boden der Gasse unter ihren Pranken spüren, so deutlich war ihre Erinnerung.
Doch war es wirklich eine Erinnerung oder bloss ein Traum?
Ihr Blick blieb an Valerius hängen und wiederum witterte sie seinen Geruch, welcher eindeutig von Angstschweiss geprägt war. Es kam ihr alles so vertraut vor. Wie er da an der Wand stand, keinen Ausweg sah. Ein Zittern durchlief seinen Körper, was sowohl der plötzlichen Kälte als auch seiner Unruhe zugeschrieben werden konnte.
Unbewusst tat Emilia einen Schritt in seine Richtung, die minzgrünen Augen taxierten seine dunkle Gestalt. Er hatte die Hände hinter seinem Nacken verschränkt. Schon einmal war sie ihm so nah gekommen, schon einmal hatte sie ihn auf diese Weise in die Ecke gedrängt. Sie konnte sich nun verschwommen daran zu erinnern, wie er ihr in ängstlicher Ablehnung die Hände entgegengestreckt hatte. Und dann?
Ihre Erinnerungen wurden wieder undeutlicher, hatte er seine Lippen bewegt?
Sie meinte sich an Worte zu erinnern, die er ihr höhnisch zugeworfen hatte: «Du wirst dieses Werk niemals vollenden!»
Und dann hatte er gelacht, ein verächtliches und bösartiges Lachen.
Sein Angstgeruch gab schliesslich den Ausschlag, denn Emilias ganzes Wesen vertraute ihm mehr als ihren eigenen Augen.
Die Erinnerung des Geruches lügte nie, es war kein Traum gewesen!

Die Löwin sprang – und riss Valerius unversehens von den Füssen.
Er kam unter ihr zu liegen und sie konnte den Angstschweiss nicht mehr nur riechen, sondern erkannte auch das nervöse Pulsieren seiner Halsschlagader, als er unter ihr zu liegen kam und sich instinktiv zu befreien versuchte.
Die Löwin hatte die Führung übernommen, wusste bloss, dass dieser Mann ihre Beute war, die ihr kein zweites Mal durch die Lappen gehen sollte.
Wie hatte es ihm damals bloss gelingen können?
Von ihren Lefzen tropfte der Geifer auf seine Brust. Er versuchte sich ihr zu entwinden, doch von einem tiefen Grollen begleitet, setzte sie ihm ihre Pranke auf die Brust und beugte sich vor. Die Krallen bohrten sich oberflächlich in sein Fleisch und er konnte ihren warmen Atem spüren, als sie seinen Geruch in sich aufnahm, was sogleich die Bilder von ihrem verstorbenen Vater in ihr Gedächtnis beförderte.
Ihr Blick glitt über sein Gesicht, wo sich einzelne Schweissperlen bildeten, und dann starrte sie in seine Augen. Die Pupillen waren weit aufgerissen, doch sie waren unverkennbar tiefblau. Wie von der Tarantel gestochen schnellte sie von Valerius weg.

Heftig schnaufend kauerte sie vor der Tür, und obwohl sie den jungen Mann fixierte, schien sie ihn doch nicht wirklich wahrzunehmen.
Der seelenlose Blick aus den braunen Augen des Bettlers brannte sich wie ein Feuereisen in ihren Geist und mit einem Schlag wusste Emilia, dass sie seinen Tod zu verschulden hatte. Plötzlich zitterte die Raubkatze am ganzen Leib und gab ein gequältes Geräusch von sich, als ob sie selbst gerade einen Angriff erlitten hätte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Mi 4. Jan 2017, 21:21 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1)
Der leicht unruhige Blick Dimicus' ruhte auf die große Raubkatze, welche sich dem Fenster für ihre Flucht zu nähern schien. Sie konnte in die Freiheit, Emilia konnte sich das zurückholen, was sie sich in diesem Moment wohl gewünscht hatte. Doch hielt schon sehr bald inne, der Künstler hörte ihr Wittern, welches die Gerüche aufnahmen. Sowohl seinen als auch den von draußen, so wie er es zumindest vermuten konnte. So konnte er sich zumindest erklären, wie sie ihn hatte durch die Stadt verfolgen und finden können. Ihre Nase musste durch ihr inneres Wesen immens geschärft sein.

Doch noch während sie die Düfte aufnahm, veränderte sich ihr Blick, ihre Haltung schien für sie unbewusst angespannter zu werden und einer ihrer Pfoten bewegte sich nicht zum Fenster, sondern zu ihm. Im selben Moment noch stellte er leicht einen Fuß zurück, spannte seine Muskeln in seinem rechten Bein an, um im Notfall beiseite springen zu können. Etwas tat sich in ihr, die Ruhe die diesen Raum nun heimsuchte schien beinahe nun unheimlich und wenn sie nicht durch Laute von draußen unterbrochen wäre, hätte man sicherlich den Schlag seines eigenen Herzens hören können. Tief atmete er aus, als sich die Muskeln dieser Großkatze schlagartig anspannten und ihm vollkommen überraschend den Körper der Löwin entgegentrugen.

Mit einem lauten Rumpeln und Fall auf seinen Hinterkopf, einzig abgefedert durch seine beiden Hände, stülpte sich ein riesiger Schatten über ihn. Seine Sicht war vollkommen verschwommen, er geriet in Panik, als Schmerzen seinen Kopf durchzuckten und seine Überlebensinstinkte für diesen Moment Überhand nahmen. Vollkommen betäubt und schwummrig versuchte er sich zu bewegen, doch statt der sonst grazilen Bewegungen brachte er nur unkoordinierte Zappeleien zustande, um sich aus den Fängen der Löwin zu befreien. Angst übermannte ihn einfach, doch mit neugewonnenen Mut hatte er sich beinahe unter ihr hervorgewandt, ehe eine schwere Pranke auf seiner Brust landete und die Luft aus ihm herauspresste.
Mit größter Mühe und Not unterdrückte er einen Schrei, als sich die Krallen der Löwin in sein Fleisch bohrten und er rot sah. Vollkommen fixiert und wehrlos lag er nun dort, seine Hände gehorchten ihm vor Schock gar nicht erst. War es das nun? Getötet von einer Löwin, deren menschliche Seite nicht einmal zum Töten imstande war? Sein Herz pochte wild, was die Großkatze unter ihrer Pfote mit großer Sicherheit spüren konnte, die Luft wurde knapp, er konnte fast nicht atmen. Würde sie ihm also nicht die Kehle herausreißen, so würde sie ihn ersticken. Deutliche Schweißperlen traten aus ihm aus, doch seine Augen gaben keine Tränen her, wie es vielleicht bei dem Bettler war. Wenn es sein Tod war, so würde man sich dennoch an ihn erinnern. Wenn er doch nur sein letztes Bild selbst veredeln konnte.

Der auf seine Brust tropfende Speichel brannte, da er mitunter in die Wunden kam, die die Krallen Emilias schlugen. Seine Augen zuckten wild, seine Sicht verschwamm immer weiter zu einem Tunnel der nahenden Bewusstlosigkeit, als er als letztes Bild vor seinen Augen keine Löwin und nicht das Zimmer sah, sondern jenen Wolf und das Blau des Himmels, als er eigentlich einst hätte sterben sollen. Doch dieses Bild wechselte schnell wieder, als sich der warme Atem der Katze über sein Gesicht legte, die minzgrünen Augen seine fest fixierten und ein intensiver Blickkontakt stattfand, der tief in die Seele des anderen reichte. Seine Sicht wurde immer enger und sein Körper taub, ehe plötzlich sich etwas im Gesicht der Löwin ändert, genauer in ihren Augen. Schrecken strafte diese und ehe er sich versah, wurde das Gewicht der Pfote von seiner Brust genommen, feine Fäden seines Blutes spritzten um ihn.

Die plötzliche Möglichkeit wieder zu atmen, fühlte sich wie die süßliche Erlösung an, die er ersehnt hatte. Seine Lungen begrüßten die Luft voller Freude, doch vertrugen sie nicht plötzlich so viel auf einmal, eher er krampfhaft zu husten begann und sich auf den Bauch drehte, sich auf allen Vieren aufrichtete. Heftiger Husten strafte ihn, dass sich gar nicht erst beruhigen wollte und für einen Moment nicht zu kontrollieren war. Zu seinem Glück ließ es jedoch schnell wieder nach, als einer seiner Hände sich auf das Bett neben ihn legte und ihm aufhalf. Leicht wankend stand er schließlich wieder auf den Beinen, vor ihm seine Dolche. Zuerst wollte er danach greifen, seine Instinkte siegen lassen und Emilia für diesen Fehler büsen lassen. Seine Hand streckte sich aus, die Finger ragten danach, doch ... er hielt kurz davor inne und seine Hand lockerte sich wieder.

Sein Blick wandte sich zu Emilia, über die Schulter blickte er sie an, als er mit seiner Hand an seine Brust fasste und sein Blut unter den Fingern spürte. Fein nahm er es auf seinen Zeigefinger, hielt es in das Licht der Kerzen des Raumes und verrieb es schließlich mit seinem Daumen. Wacklig drehte er sich um, betrachtete die Löwin die ihn zu beobachten und doch so weit weg mit ihren Gedanken zu sein. Dimicus ahnte, was sie durchmachte. Sie war keine Mörderin, sie hatte nicht die Mentalität dazu und doch hatte sie vor kurzem diesen Bettler getötet. Auf die selbe Art, wie sie sie ihn jetzt getötet hätte.

Leicht humpelnd und kaum fähig, feinere Bewegungen zu tätigen, bewegte er sich langsam und ruhig auf die Löwin zu. Sein Blick fixierte den ihren, schaut ihr direkt in die Seele, genau so wie sie es konnte. Noch ein gutes Stück von ihr weg kniete er sich nieder, beobachtete sie. Darauf bewegten sich seine Lippen langsam, deutlich, auf der Hoffnung Emilia würde sie lesen können: "Du erinnerst dich an den Bettler, nicht wahr? Es ist ein schrecklicher Schmerz. Ich kann dich verstehen, Emilia." Seine Hand an dem noch ein wenig seines Blutes klebte, streckte sich der Großkatze entgegen, die Handfläche nach oben und sich anbietend – ihr zu helfen.

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BeitragVerfasst: Do 5. Jan 2017, 17:45 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Bei Ainuwar, was habe ich getan?
Für einen Moment ist dies der einzige Gedanke in meinem Kopf und ich kann nicht ganz beurteilen, ob sich die Frage auf die Szene gerade eben oder auf jene Erinnerung aus der Vergangenheit bezieht, welche allmählich Form annimmt.
Ich habe einen Menschen getötet! Wie konnte das bloss geschehen? Und gerade eben… hätte ich beinahe dieselbe Tat noch einmal begangen.
Die Gründe sind für mich in diesem Moment unerheblich, denn nichts auf der Welt kann solch ein Vergehen rechtfertigen. Ich spüre wie ein Zittern meinen kräftigen Körper durchläuft und auf einmal fühle ich mich klein und hilflos wie ein Welpe.
Der Bettler… ich sehe seine braunen Augen nun ganz deutlich vor mir. Im Tod blickten sie beinahe vorwurfsvoll. Doch zuvor... Das Gesicht von Valerius schiebt sich vor das ältere und auch in seinen blauen Augen sehe ich einen Moment lang die Todesangst aufblitzen.

Der plötzliche innere Aufschrei meines Selbst hat sowohl die Katze als auch die Löwin für eine Weile vertrieben. Mein Verstand arbeitet auf Hochtouren und versucht, das neu erlangte Wissen zu verarbeiten.
Ich erinnere mich plötzlich an die Gerüchte des reissenden Hundes, welcher durch die Gassen streifte. Meine Tante Lucinda hat uns deswegen alle unter strenger Beobachtung gehalten.
Ahnte sie vieleicht, dass sie das Monster unter ihrem eigenen Dach beherbergt?
Mich schaudert bei dem Gedanken.
Bin ich womöglich eine Gefahr für die Familie? Müssen die Menschen in der Stadt nun nicht mehr den Rosendämon fürchten, sondern eine blutrünstige Bestie – mich?

Am Rande nehme ich wahr, wie Valerius sich hustend vom Boden hochkämpft. Ihm scheint es so weit gutzugehen, abgesehen vielleicht von einigen Quetschungen, blauen Flecken und einem ausserordentlichen Schreck.
Seine Hand tastet nach den Dolchen, die noch immer auf der Kommode liegen. Bis jetzt hat er sich viel zu höflich verhalten für den Mörder, der er ist. Meine Gedanken stocken bei dem Wort, welches mich mit Abscheu und Zorn erfüllt.
Nun bin auch ich nicht besser als diese Gestalt vor mir.
Vielleicht würde er nun endlich sein wahres Gesicht zeigen und mir mit dem Dolch den Todesstoss versetzten. Mit einem Hauch der Ironie überlege ich, dass ich dann wenigstens in einem Beet voller Rosen ruhen werde.
Zu meiner Verwunderung bleiben die Waffen jedoch unberührt liegen, stattdessen torkelt der junge Mann wacklig zu mir herüber, und lässt sich unweit zu Boden sinken.
Sein Atem hat sich etwas beruhig, doch er sieht mitgenommen aus. Mein Angriff hat Spuren hinterlassen. Die Kleidung ist an der Brust eingerissen und ich kann Blutspuren darauf ausmachen. Sein Gesicht ist noch bleicher als sonst, was den starken Kontrast zu den dunklen Haaren und den tiefblauen Augen verstärkt.
"Du erinnerst dich an den Bettler, nicht wahr? Es ist ein schrecklicher Schmerz. Ich kann dich verstehen, Emilia."
Sofort wende ich den Blick ab. Ich will seine verständnisvollen Worte nicht sehen und diese tiefgründigen Augen, die mich an meinen eigenen, wiederholten Kontrollverlust erinnern.

Am liebsten würde ich mich in Luft auflösen, doch dies geschieht natürlich nicht. Für einen Moment schliesse ich die Lieder und achte auf meinen pochenden Herzschlag, der regelmässig mein Blut durch den Körper pumpt und mich mit Energie versorgt.
Als ich sie wieder öffne sehe ich, dass Valerius mir seine Handfläche entgegenhält. Ich bemerke das Blut, welches daran klebt und fühle ein Schwindelgefühl.
Ich habe ihn angegriffen!... aber er lebt noch, schau doch, es geht ihm gut, versuche ich mich gleichzeitig selbst zu beruhigen.
Ausserdem hat er es verdient, einmal selbst in diese Lage zu geraten, setzt eine fiese Stimme hinterher.

Schliesslich erhebe ich mich langsam. Da er kniet, sind wir nun auf einer Augenhöhe, wobei ich seinem offenen Blick nicht standhalten kann. Sein Brustkorb hebt sich noch immer schwer und ich hoffe, dass keine Knochen gebrochen sind.
Ich nähere mich ihm langsam, seine Geste ignorierend. Dann, als müsste ich mich davon überzeugen, dass er wirklich noch lebt, beschnuppere ich ihn unwillkürlich, nur eine Handbreit von einer Berührung entfernt. Eine Gänsehaut beginnt sich augenblicklich über seinen Körper auszubreiten und ich erkenne, wie sich die feinen Härchen aufstellen.
Natürlich bin ich mir der Wirkung meines Verhaltens nicht wirklich bewusst. Wie sollte ich auch erahnen, wie es sein muss, wenn einen nur wenige Zentimeter von den Fängen einer ausgewachsenen Raubkatze trennen?
Zu Hause spielte ich immer völlig gedankenlos mit meiner Zofe, die mich von klein an kennt und nur manchmal ihre Bedenken hatte, wenn die Löwin allzu ausgelassen auf sie zu rannte.

Nur sein Geruch verstört mich immer wieder aufs Neue und löst Erinnerungen aus, so dass ich schliesslich etwas verschreckt zurückzucke.
Er lebt, ist gesund und munter, das ist ja noch einmal gut gegangen!, beschwichtige ich mich sogleich.
Seine Hände liegen inzwischen auf seinen Knien, er wirkt so viel ruhiger, als ich mich gerade fühle.
Der Blutgeruch steigt mir wiederum in die Nase, lässt mich nervös werden. Die Löwin meldet sich interessiert zu Wort.
Dann aus einer Eingebung heraus, senke ich mein Haupt und fahre mit meiner rauen Zunge über seine Hand. Zuerst vorsichtig, beinahe eine Geste der Entschuldigung, dann energischer, bis das Blut sauber weggeleckt ist.
Ich meine eine zaghafte Berührung an meinem Fell zu spüren, bin mir dessen aber nicht sicher, denn meine Aufmerksamkeit wird anderweitig beansprucht.

Denn meine Geschmacksnerven schreien gierig nach mehr und ich verspüre den animalischen Drang, meine Zähne in seinen Arm zu schlagen. Mit einem Schauder erinnere ich mich plötzlich an die unheimlich gute Empfindung zurück, als ich nachts über die Dächer gerannt war unter einem wolkenverhangenen Himmel. Und wie euphorisch ich mich fühlte, als ich meine vermeintliche Beute erlegt glaubte.
Mit einer immensen Willensanstrengung zwinge ich mich schliesslich dazu, vor ihm zurückzuweichen.
Ich bin noch immer eine Gefahr!
Und es nützt niemandem etwas, mir etwas anderes beweisen zu wollen...

Verzweiflung droht in mir aufzusteigen, ich dränge sie jedoch entschlossen nieder.
Ich darf jetzt bloss nicht die Kontrolle verlieren. Ich muss von hier verschwinden.
Meine Familie… ich darf nicht nach Hause zurückkehren.
Die Löwin kratzt an der Oberfläche, ich habe noch immer den eisernen Geschmack des Blutes in meinem Maul.
Als ich das Fenster erreiche, atme ich erleichtert die neuen Gerüche ein. Nach einem letzten Blick zurück, springe ich aus dem ersten Geschoss hinab. Eine Ratte rennt verängstigt davon und ich folge ihr, hinein in das Gassengewirr der Stadt, an einen Ort, der Sicherheit verspricht.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Fr 6. Jan 2017, 02:20 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1)
Ruhend auf seinen Knien betrachtete er die Löwin, welche sich mehr als offensichtlich unwohl fühlte. Die Flammen in ihren Augen, welche er für einen Moment betrachten durfte, zeugten von dem inneren Kampfe, den Emilia in diesem Moment ausfechtete. Trotz seiner Schmerzen und der blutenden Wunden, versuchte Dimicus so ruhig und konzentriert auf selbiges zu achten. Etwas passierte mit Emilia, es löste sich in ihr und der Künstler erkannte die Qualen dieses armen Wesens. Seine Empfindungen konnten ihr Leid nachvollziehen, dass was sie durchmachte war etwas, was wohl jeder nach seinem ersten Opfer verspürte. Ja, selbst seine Brillianz wurde anfänglich von dieser Hilflosigkeit benebelt, doch hatte er es akzeptiert. Vielleicht konnte er ihr helfen?

Doch was hatte er davon? Im Grunde nichts, doch die Verbindung zu ihr, welche er verspürte und als unbeschreiblich verstand, machte es ihm schwer dies nicht zu tun. Genau so wie diese Stimme ihm versagt hatte, Emilia für die Frevelei die sie seinem Körper angetan hatte zu bestrafen. Dieses Gefühl verstand er nicht, versteckte es aber dennoch gut. Vermutlich lag es nur daran, dass sie ihn an sich selbst erinnert, als er anfangs vollkommen hilflos durch die Wälder striff und auf sich allein gestellt das Überleben lernen musste. Ihr erging es nicht anders – nur in einem anderen Umfeld.

Diese Hilflosigkeit und Unsicherheit ihrerseit jedoch führte schnell dazu, dass seine Hand sich wieder senkte, so kam keinerlei Reaktion anfangs von ihr und seine Verletzungen raubten ihm eine Menge Kraft. Da glaubte er auch, sie würde sich einfach aufrichten und gehen, doch statt an ihm vorbei näherte sie sich ihm. Sofort läuteten alle Alarmglocken bei ihm, Angst wollte ihn abermals übermannen, doch zumindest von einer Fluchtreaktion hielt er sich ab. Ganz im Gegenteil, er blieb so ruhig wie es nur möglich war sitzen, auch wenn er einen kalten Schauer über seinem kompletten Körper verspürte, als die Nase der Löwin seinen Duft abermals aufnahm und sie ihm somit sehr nahe kam.

Im nächsten Moment jedoch, überraschte ihn die Geste der jungen Frau mehr als alles andere. Ihre Löwengestalt senkte den Kopf zu seiner Hand und begann zögerlich, sie mit ihrer Zunge vom Blute zu reinigen. Im ersten Moment spannte sich der komplette Körper Dimicus' an, so hatte Angst sie würde im wahrsten Sinne des Wortes nur Blut lecken. Mit aller Kraft hielt er aber seinen Fokus aufrecht und begann, seine Hand zu heben und sie ihr leichter zugänglich zu machen, was ihm ein gründlicheres und schließlich auch selbstsichereres Auftreten Emilias bescherte. Zuerst zögerlich hob er seine linke Hand an, führte sie zu ihrer Flanke als sich seine Finger in das weiche Fell vergruben und sie zaghaft zu streicheln begannen.

Ein unglaubliches Gefühl machte sich in ihm breit, dieses majestätische Tier und diese zugleich zerbrechliche Frau berühren zu können, ohne dass sie ihn töten wollte. Jedenfalls machte sie im Moment nicht den Anschein. Leicht legte er den Kopf schief, als er die Löwin betrachtete und durch ihr gepflegtes Fell strich, was wohl kaum einem anderen gewährt wurde. Diese reine Eleganz die davon ausging, er fühlte sich wie ein Künstler der zum ersten Mal eine besonders wirkende Farbe ausprobierte, die mit dem Auge kostete und genoss.

So unbegreiflich dieser Moment aber auf ihn wirkte, so währte er nun doch nur kurz. Mit einem plötzlichen Ruck setzte sie sich wieder von ihm ab, ein kurzer Blickkontakt entstand noch, in dem Dimicus Angst erkennen konnte, ehe sie an ihm vorbei zum Fenster schritt und mit einem Satz hinaus in die Nacht sprang. Mit einem Mal war es wieder still im Raum und der junge Mann war wieder allein. Die Erlebnisse der letzten Stunde waren mehr als aufregend gewesen, ein plötzlicher Blitz schoss in seine Gedanken und er hatte eine Inspiration. Seine Schmerzen und das Tropfen seines Blutes jedoch zogen ihn aus den Gedanken heraus, als er sein Gesicht verzog und von einem kurzen, stechenden Schmerzen wieder geweckt wurde.

Es war ein Wunder, dass niemand von dem ganzen Tumult etwas mitbekommen hatte, doch das Bordell war um diese Uhrzeit mehr als belebt und diese Geräusche von stumpfen Schlägen, sowie Stöhnen war nicht unbedingt unüblich. Doch es wurde Zeit seine Wunden zu versorgen, weswegen er sich nur beschwerlich zu erheben begann und zu seinen Sachen herüber wankte. Mühsam kramte er eine Dosis schmerzlinderender Kräuter hervor, eine alchemische Salbe zum Desinfizieren der Wunden und schließlich einen Verband.

Was zuerst das Wichtigste war, waren die Kräuter die er zerkaute und schließlich schluckte, seine Schmerzen wurden gehemmt, um schließlich seine Rüstung sowie die Kleidung ablegen zu können. Vorsicht säuberte er die Krallenspuren mit etwas Wasser, worauf er die stark brennende Salbe auftrug. Zu seinem Glück hatte er an die Kräuter gedacht, sonst würde er vor Schmerzen aufschreien. Mit zittrigen Händen schaffte er es, wenn auch ungeschickt, schließlich den Verband anzulegen. Seine Atmung war nicht beeinträchtigt, er war nur geschwächt aufgrund des Schocks und des leichten Blutverlustes. Nichts was sich nicht wieder legen sollte. Den Brief, welchen er zuvor in seiner Tasche gesteckt hatte, legte er auf den Tisch, sein Körper schrie nach Ruhe und als er in das Bett fiel, nahm dieser sie sich einfach...

Am nächsten Morgen...

Ruhig schlug der Künstler seine Augen auf, durch das Fenster seines Raumes schien die Sonne hinein, wärmte seine Nasenspitze als er sich aufzusetzen begann. Die vorherige Nacht war eine Probe für ihn und seinen Körper, in Ruhe versuchte er noch einmal zu refelektieren, was eigentlich geschehen war. Emilia, der Kampf zweier ungleicher Gegner und schließlich diese seltsam friedliche Begegnung. Kein Moment glich dem anderen und seine Neugierde wurde schnell erweckt, welche aber schnell von etwas anderem abgelöst wurde: Inspiration.

Mit neuer und vollkommener Energie schoss ihm ein Bild in den Kopf, weswegen er aufsprang, zu seiner kleinen Malereiwerkstatt ging und sofort loslegte. Strich für Strich wurde auf die Leinwand getragen, Farben und Emotionen füllten das Bild um schließlich zu einem, einzigartigen Kunstwerk zu verschmelzen. Seine Visionen wurden mithilfe seiner Pinsel und der Vergänglichkeit der Zeit Realität, als sie schließlich zu ihrem krönenden Abschluss fanden. Seine Augen huschten über das Bild und betrachteten es zufrieden.

Vor ihm saß eine Löwin, stolz und erhaben ruhte sie auf einem Vorsprung, der über einem Tal thronte. Gefüllt mit Bäumen, Grün und Gebirgen wirkte es friedlich, die Löwin schien die Königin dieser Ebenen zu sein und ihr edles Aussehen wurde nur von der Rüstung abgerundet, die sie trug. Platten über den Schultergelenken der Vorderpfoten, verziert mit Rosen, von welchen aus Ranken den Oberkörper des grazilen Tieres umfassten, sich zu einem schützenden Panzer formten. Sein Lächeln wurde nur noch breiter und die Züge zufriedener, als er dieses Gesamtbild betrachten durfte.

Darauf folgte sein Blick auch schnell wieder in Richtung des Fensters, welchen ihn zurück in die Realität holte. Statt der morgendlichen Sonne, war bereits das Abendrot zu sehen und die Zeit hatte sich um ihn einfach aufgelöst. Nun merkte er auch, wie sein Körper ausgelaugt war, nach Wasser und Essen lechzte und endlich wieder gestärkt werden wollte. Womit er sich auch schon umdrehte und seiner Kleidung bemächtigte, wo ihm im selben Moment auffiel, dass er diese nähen, sowie seine Rüstung flicken lassen musste. Es würde also noch ein längerer Abend werden und er wurde noch länger, als er den längst vergessenen Brief zu betrachten bekam. Doch diesen Moment nahm er sich noch Zeit, als er das schwarze Siegel brach und zu lesen begann:

An den Rosenliebhaber!

Die Freude die Du während Deines künstlerischen Schaffens empfindest, ist unverkennbar.
Die Passion, die Liebe zum Detail, Dein außergewöhnliches Geschick.
Kunst kommt wirklich von Können, wie Du uns vortrefflich vor Augen führst.
Deine Blumenmalerei macht für das Auge sichtbar, was Blumen in ihrer Essenz repräsentieren. Ein wundervoller Aspekt Deiner künstlerischer Darstellung.
So sehr wir Deine Kunst auch schätzen und achten, Du bist leider im falschen Garten mein Freund.
Dieser Garten ist in fester Hand, wird gehegt und gepflegt wie auch bewacht. Und so beobachten wir auch Dich.
Solltest Du weiter in diesem Garten wandeln wollen, musst Du Dich unserer Gemeinschaft anschließen.
Andernfalls musst Du diese grünen Gefilde verlassen um in anderen Gärten Deine Rosen zu finden und zu pflücken.

Mit besten kollegialen Grüßen


Noch während des Lesens weiteten sich die Augen Dimicus' und was er dort zu lesen bekam, machte ihn vollkommen sprachlos. Wie hatten ... wer hatte ... ? Vollkommen ungläubig blickte er darauf und wusste nichts damit anzufangen, er konnte sich keine Antwort zusammen reimen. Niemand außer Emilia wusste, wer er war und er bezweifelte, dass sie etwas verraten hatte. Für diesen einen Moment stockte sein Atem, doch er regulierte sich schnell wieder und seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Mich möchte jemand herausfordern, mir drohen? So sei es. Doch es gibt noch andere Dinge zu erledigen, ehe ich mich euch Uninspirierten widme. Mein Geist wird die Kunst schon noch zu euch tragen, primitive Barbaren. Ohne weitere Umschweife nahm er den Brief und hielt ihn in die Flamme einer nahestehenden Kerze, als er schließlich Feuer fing und er diesen durch das Fenster in die Gasse fallen ließ. Seine Stimmung hatte sich gewandelt, man hatte ihn herausgefordert, genau wie Wilfried, sie würden dafür bezahlen. Doch noch gab es so viel zu tun...

Eine Woche verging...


Es war nun schon einige Tage her, dass er diese schicksalhafte Begegnung mit Emilia hatte, worauf auch noch der Brief von dieser mysteriösen Gruppe aufgetaucht war. Natürlich war Dimicus nicht untätig gewesen und neben der Reparatur seiner Ausrüstung, hatte er sich seine Bestellung bei einem Maskenbildner des Untergrundes abgeholt. Die Kiste hielt er aber weiter verschlossen, magisch durchsetzt und einzigartig war dieses Stück und noch war nicht die Zeit, dieses neue Antlitz der Welt zu präsentieren. Man hatte ihn durchschaut und diesen Fehler durfte er nicht noch einmal machen, er musste größer werden, präsenter und doch verdeckter. Dieses Werkzeug würde ihm helfen, er war sich sicher.

Denn bei den Nachforschungen die er zu Wilfried anstellte, zudem sein Auftritt den er ihm gegenüber plante, erforderte es mehr Eindruck zu schinden, im Gedächtnis zu bleiben, ehe es Dimicus auszulöschen vermochte. Denn Emilias zukünftiger Ehemann würde niemals den Bund eingehen, das war gewiss und niemand konnte es aufhalten. Jemand der sie als einen Spielball ansah, um an die Reichtümer ihrer Familie zu gelangen, einer Tochter seines wohl lukrativsten und einzigartigsten Mordes, hatte es nicht verdient Hand an sie zu legen. Der Künstler würde für das ewige Schweigen dieses Mannes sorgen, auf dass er allerdings für immer in den Erinnerungen seiner Familie, als auch der gesamten Stadt bleiben würde.

Seine Informanten wussten viel über Wilfried, welcher sowohl in der Unterwelt als auch in der adligen Rige einen gewissen Ruf hatte, welcher ihm, wenn man genau fragte, schnell vorauseilte. Vielleicht hatte er sich nie etwas zu Schulden kommen lassen, dennoch pflegte er gute Kontakte in die Unterwelt und erst vor kurzem hatte er sich schließlich um eine Möglichkeit bemüht, Dimicus persönlich eine Nachricht zukommen zu lassen. Am nächsten Tage, so hatte sich es Dimicus vorgenommen, würde er das erste Mal seine neue Identität versuchen. Er würde mit Wilfried reden, doch auf eine neue Art und Weise.

Am vorherigen Abend wandelte der Künstler, gerade wieder zurück von seinen Kontakten und Besorgungen, durch die Straßen, zurück zum Bordell. Um Malik und ihren Plänen war es allmählich ruhig geworden, dennoch wurde er mit dem Gegengift versorgt, was ihn weiterhin zu einem Sklaven ihrer macht. Doch hoffentlich nicht mehr lang, bis das Gift vollständig abgebaut war. Auch hier bedeutete es noch Geduld. Zu seiner Zeit würde er noch kommen, da war er sich absolut sicher.

Ruhigen Schrittes ging er durch die abendlichen Straßen Drakensteins, es war nicht mehr weit bis zum Bordell und seinem vorübergehenden Zuhause, als er plötzlich einige Stimmen bemerkte, welche aus einer der dunklen Gassen drangen. Zwei offensichtliche Männer bedrängten eine kleinere, zierliche Person, eine Frau die scheinbar den beiden kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Es wäre nicht die Angelegenheit Dimicus gewesen, so hätte er nicht im schwachen Licht die braunen Locken einer ihm bekannten Person erkennen können. Fraglich war es natürlich schon, ob sein Instinkt Recht behielt, doch er entschied sich schnell dort dazwischen zu gehen, den Eventualitäten zum Trotz.

Als er im Schatten näher kam, seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, erkannte er tatsächlich Emilia in ihrer menschlichen Form. Warum war sie so unterwegs, wo sie sich doch als Katze unbehelligter bewegen konnte? "- wehre dich nicht so!", ertöhnte einer der Stimmen zum Abschluss, als schließlich beide Männer in ein gemeinsames, dreckiges Lachen übergingen. Dabei packten beide wohl nicht das erste Mal plötzlich zu, um sie zu fixieren. War es wirklich Emilia? Warum verwandelte sie sich nicht? Wehrte sich? "Hey!", ertönte es lautstark aus Dimicus Kehle, die Beiden hielten sofort inne und starrten den in Schatten gehüllten Künstler an. "Verschwinde, hier gibt es nichts für dich!", rief einer zurück, doch Dimicus schritt einfach weiter auf sie zu, reichte bereits unter seinen Mantel. Die beiden schienen aber von der typischen Schlägersorte zu stammen, denn statt noch einmal etwas zu sagen, stieß einer der beiden Emilia sofort zu Boden, während sie auf ihn zuzutrotten begannen.

"Das war dein letzter Fehler, Großkotz.", spuckten sie große Töne, doch hielten sie plötzlich inne, als etwas in der Dunkelheit unter Dimicus Mantel hervorblitzte, durch die Luft surrte und schließlich im Fleisch des Oberschenkels einer der Beiden versenkte. Ein lauter Schmerzensschrei ertönte, als der Getroffene zurücktaumelte und sein Kollege nur ängstlich drein schaute. Wie der Feigling der er war, ergriff der Unversehrte sofort die Flucht, ließ seinen Kameraden im Stich, als ein zweiter Wurfdolch diesen zu Fall brachte. Mit Keuchen und Flehen kroch er weiter, wollte seinem Schicksal entrinnen, während er für einen Moment mit weinerlichen Augen Emilia anstarrte.

All das half aber nichts, als sich Dimicus schon bei ihm befand, einen Stiefel auf den Oberkörper des Getroffenen stellte und ihn auf dem Boden fixierte. Dimicus' näherte sich mit dem unerkenntlichen Kopf dem angsterfüllten Gesicht des Schlägers. "Du hast Glück mein Freund, dass ich im Moment andere Proritäten habe, deswegen wird es schnell gehen." Schon war ein Dolch am Halse des Mannes, der Druck verstärkte sich und doch – das Keuchen und Atmen des Mannes erstarb nicht, sein Gesicht verzog sich nur vor Schmerz, als Dimicus seine Haut am Halse aufschnitt, aber nicht tief genug um ihn ernsthaft zu verletzen. Es blieb dem Triebtäter jedoch nicht verwehrt, in den Genuss der Wurfdolche zu kommen, die aus seinem Fleisch gezogen und an seiner Kleidung abgewischt wurden. Die Schmerzen die der Mann haben musste, schienen unerträglich und noch bevor Dimicus fertig war, driftete sein Opfer in die Bewusstlosigkeit.

Er sollte es überleben, die Wunden waren nicht lebensbedrohlich und eher eine Lektion. Das allerdings kümmerte den Künstler nicht länger, als er sich Emilia näherte, ihr einfach nur stumm aber zunickend die Hand reichte, um sie aus der Gasse wegzubringen und schließlich zumindest in die Sicherheit seiner Räumlichkeit zu bringen...

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Mo 9. Jan 2017, 22:46 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Emilia verbrachte die letzten Tage in ihrer Katzengestalt, wodurch sie für die meisten Stadtbewohner unsichtbar war. Sie konnte sich unauffällig durch die Gassen bewegen und erhielt wenig Beachtung. Die meiste Zeit jedoch verkroch sie sich in dunklen Nischen, und focht schwere innere Kämpfe aus.
Anfangs hatte sie es in Erwägung gezogen, einfach nach Hause zu gehen und ihr altes Leben fortzuführen. Doch die Angst, abermals die Kontrolle zu verlieren, hielt sie davon ab. Ausserdem bemerkte sie, dass sie ihre Verwandten doch nicht so sehr vermisste, wie sie bisher geglaubt hatte. Am Meisten sehnte sie sich nach der blossen Sicherheit und Stabilität, welche der Familienalltag ihr geboten hatte, den Annehmlichkeiten eines reichen Haushaltes – und nach ihrem Herrn Papa.

Zudem musste sie feststellen, dass Mäuse um einiges schwieriger zu fangen waren, wenn es tausend Möglichkeiten für die flinken Tierchen gab, in letzter Sekunde in einer Ritze zu verschwinden. Und obwohl ihre Sinne geschärft waren, begann sie sich vor den nächtlichen Stunden zu fürchten, wenn weder Mond und Sterne, noch die flackernden Laternen die dunklen Ecken und ihre Bewohner auszuleuchten vermochten. Stattdessen schreckte sie bei jeder Bewegung auf und brachte nachts fast kein Auge zu, weil sie sich nicht wie gewöhnliche Katzen auf ihre Ohren verlassen konnte.

Nach einer Woche in diesem Zustand erkannte man die hübsche Tigerkatze kaum wieder. Ihr Fell war schmutzig und zerzaust, ihre weissen Pfötchen nicht mehr vom dunklen Braun zu unterscheiden. Der neugierige Glanz war aus ihren Augen verschwunden, und hatte einem schreckhaften Argwohn Platz gemacht. Emilia war noch nie dicklich gewesen, doch nun hätte man ihre Rippen erspüren können, wenn sie dies denn zugelassen hätte.
Ausserdem war sie in einem Zustand ständigen Misstrauens gefangen und der Hunger nagte an ihren sowieso schon strapazierten Nerven. Ihre innere Löwin wollte sie beschützen und knurrte unwillig im Gleichtakt mit ihrem Bauch.
Emilia fürchtete sich davor, die Kontrolle über ihre Wandlungen zu verlieren und unberechenbar durch Drakenstein zu streunern.

Gleichzeitig suchte sie verzweifelt nach einer Lösung.
Wenn nur ihr Herr Papa noch am Leben wäre…
Emilia fühlte eine immer grössere Loyalität zu ihrem Vater in sich heranwachsen. Er hatte auf sie aufgepasst. Und natürlich ergab es für sie nun auch einen Sinn, dass er sie versteckt gehalten hatte und niemand von ihrer wahren Natur erfahren durfte. Er hatte damit sie und die Menschen in ihrem Umfeld beschützt!
Obwohl sie seinen Geruch beim Lesen der Briefe in der Nase hatte, begann sie wiederum an ihrer Echtheit zu zweifeln oder versuchte sein Handeln zu rechtfertigen.
Stattdessen schürte sich ihre Wut auf Valerius.
Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie nun alleine durch Drakenstein irrte und sich niemandem mehr anvertrauen konnte. Nur seinetwegen war sie von zu Hause verschwunden.

Sie hatte auch lange über das Geschehnis mit dem Bettler nachgedacht und sich verschwommen daran erinnert, dass sie ihn wohl für den Mörder ihres Vaters gehalten hatte. Die Puzzleteile setzten sich langsam zu einem Bild zusammen. Und sie begann dem jungen Mann die ganze Schuld für ihr Unglück in die Schuhe zu schieben. Ihr bisheriges Leben wurde immer mehr zu einer rosaroten Wunschvorstellung, während das Auftauchen von Valerius den Anfang vom Ende darstellte. Sie machte ihn dafür verantwortlich, dass sie die Kontrolle über ihren Körper und ihren Geist verloren hatte. Er hatte etwas in ihr ausgelöst, was niemals aus dem Schlaf hätte erwachen dürfen.

Und so wusste sie plötzlich, was sie zu tun hatte. Valerius war der Ursprung ihres Leids. Wenn die blosse Halluzination von ihm einen Menschen das Leben gekostet hatte, musste sie das Problem bei der Wurzel packen. Er sollte es auch wieder beenden.
Er löste das wilde Tier in ihr aus… also musste sie ihn entweder töten… oder lernen, damit umzugehen. Und wie könnte sie das besser tun, als in seiner Nähe zu bleiben und diese Herausforderung Tag für Tag anzunehmen?
Entweder gewöhnte sie sich an seine Gegenwart, oder einer von ihnen beiden würde dabei sterben. Was zwar eindeutig gegen ihre Prinzipien und Werte verstiess, aber womöglich ebenfalls eine Lösung für ihr Problem darstellte. Sollte er sich also mit ihr herumplagen…

Am folgenden Tag stahl sie die Kleider einer Magd von der Wäscheleine und machte sich kurz darauf in der neuen Gewandung auf den Weg zu Valerius Wohnstätte. Dabei fühlte sie sich äusserst unwohl, während sie durch die Gassen streifte. Als sie merkte, dass ihr die Häuserfassaden gar nicht bekannt vorkamen, war es bereits zu spät und sie hatte sich verlaufen.
Sie bemerkte die beiden Männer erst, als sie um eine Ecke bogen und sie beinahe ineinander hineingelaufen wären. Die beiden schienen sie für eine Dienstmagd zu halten, und begannen mit ihr zu schäkern. Emilia verstand ihre Worte nicht und als sie die Männer scheinbar ignorierte, wurden sie wütend.
„Hältst dich wohl für was Besseres, hä?“, knurrte der eine und eine Alkoholfahne schwappte der verängstigten Frau ins Gesicht.
Als sich die beiden näherten und sie schliesslich sogar grob anfassten, schnürte ihr die Angst die Kehle zu. Sie spürte ein Prickeln an ihrem Körper, konzentrierte sich jedoch mit aller Macht darauf, die Verwandlung zurück zu halten. Keinesfalls wollte sie die Kontrolle verlieren!

Sie wich zurück, bis sie mit dem Rücken an die Wand stiess.
Die Kerle grinsten inzwischen süffisant. Der eine umfasste plötzlich ihr Kinn und versuchte ihr seinen Mund auf die Lippen zu pressen, während der andere ihr lüsterne Blicke zuwarf.
Emilia schloss verzweifelt die Augen. Bleib ein Mensch, bleib stark, bleib ein Mensch.
Im nächsten Moment wurde sie von den Füssen gerissen, als ihr der Mann einen Stoss verpasste und sie unsanft zu Boden stürzte. Verschreckt rutschte sie zurück, um ihren Peinigern zu entgehen und bemerkte dabei eine weitere Gestalt, welche zügigen Schrittes auf die Szene zueilte.

Dann ging alles sehr schnell. Emilia konnte beobachten, wie Valerius, denn inzwischen erkannte sie sowohl seine Bewegungen, seine Haltung als auch seinen Geruch, die beiden Protze ausser Gefecht setzte, ohne selbst auch nur einen Kratzer davonzutragen.
Ausnahmsweise war sie sogar froh über sein Erscheinen, obwohl seine Methoden nicht so ganz ihrem Geschmack entsprachen. Sie war so naiv zu glauben, dass auch auf den Strassen, sowie im Büro ihres Vaters, Gefechte mit Worten gewonnen werden konnten.
Doch sie wollte sich nicht beklagen.
Als sie das Blut sah, wandte sie deshalb schnell den Blick ab, um ihr Gewissen auszutricksen und die Löwin nicht auf dumme Gedanken zu bringen.

Dann kam er auf sie zu und eine Hand reckte sich ihr entgegen. Emilia liess sich aufhelfen, nur um ihn dann wie verbrannt wieder loszulassen und ihren gestohlenen Rock auszuklopfen. Er war jedoch das Einzige an ihr, das noch einigermassen frisch wirkte. Ihre schokoladenbraunen Locken waren verklebt und voller Knoten, das Gesicht von einer Staubschicht bedeckt. Schuhe hatte sie keine gefunden, weswegen sie barfuss ging.
Als sein prüfender Blick sie traf, formten ihre Lippen ein lautloses Danke, dann verschränkte sie ihre Arme schützend vor dem Körper und folgte ihm zögerlich durch die Strassen zurück zum Bordell.
Am liebsten hätte sie rechts um kehrt gemacht, doch wohin hätte sie gehen sollen?
In der Stadt lauerten Gefahren, und sie selbst war eine davon. Doch die Stadt zu verlassen kam für die junge Frau nicht in Frage, denn sie kannte die Welt bloss aus Büchern und von Gemälden. Wie hätte sie da Draussen überleben sollen?

Als sie das Haus erreichten, wurde sie von missbilligenden und eifersüchtigen Blicken zugleich durchbohrt. Da Valerius sie an der Hand griff und zur Treppe zog, vermuteten die Hübschlerinnen bereits, sie hätte ihnen den jungen Mann ausgespannt, der alle anderen unter ihnen doch keines richtigen Blickes würdigte. Emilia hingegen verstand die Abweisung der Frauen nicht, hatte sie doch keine wenig Ahnung von deren Geschäften. Woher sollte sie auch wissen, wie sie ihr Geld verdienten?
Sie hielt jedoch beschämt ihre Augen auf den Boden gerichtet, ab der leichten Bekleidung der Mädchen und den Männern, welche schamlos glotzten.
Erst als sie die Treppe überwunden hatten, holte sie tief Luft, denn unwillkürlich hatte sie vor Anspannung den Atem angehalten. Sie hatte wieder genügend Abstand zwischen sich und Valerius gebracht und versuchte sich darauf zu konzentrieren, die Holzfliesen zu zählen, während er seine Tür aufschloss.
Er bot ihr den Vortritt und Emilia huschte schnell ins Zimmer, nur um sich dort an die Wand zu pressen, den Raum und Valerius im Blick.

Es wirkte alles noch wie beim letzten Mal. Der Tisch mit den Stühlen links neben ihr, das Bett und die Kommode, dieses Mal ohne Pergamente und Dolche. Sie vermutete voller Unbehagen, dass er sein Sammelsurium bei sich trug, konnte es ihm aber nach dem letzten Debakel auch nicht verübeln. Valerius setzte sich in Bewegung und durchforstete eine Schublade nach Stift und Notizblock.
Emilias Überlegungen waren plötzlich wie weggefegt.
Was sollte sie ihm erzählen? Konnte es überhaupt einen Grund geben, der gut genug war, sich in die Nähe dieses Mörders zu begeben?
Unstet huschte ihr Blick durchs Zimmer und blieb unwillkürlich an der Staffelei hängen. Verblüfft starrte sie auf das Gemälde – das war neu.

Inzwischen hatte er sich an den Tisch gesetzt und schrieb sorgfältig etwas auf den Block. Vorsichtig, um ihn nicht aufzuschrecken, schritt sie zu seinen Werken hinüber und kam direkt davor zum Stehen.
Emilia musste sich zusammenreissen, das Fell der Löwin nicht zu berühren, so lebendig wirkte das majestätische Tier. Und selbst den Wind in den Bäumen meinte sie zu erkennen, hingezaubert mit einigen wohlgesetzten Pinselstrichen. Spontan überkam sie die Sehnsucht nach diesem Ort. Ob er seiner blossen Fantasie entsprang?
Ihr Blick ruhte wiederum auf der Löwin. War sie auch eine Gestaltwandlerin?
Dann erst fielen ihr die Rosen ins Auge, welche sich schützend um ihren Oberkörper legten. Sie waren liebevoll herausgearbeitet und sie konnte sogar die feinen Dornen ausmachen, welche sich auf den Rüstungsplatten abzeichneten. Sofort musste sie wieder an ihren Herrn Papa denken, doch sie schüttelte den Gedanken rasch ab. Dies war nicht der richtige Augenblick, um um ihn zu trauern.

Sie überlegte gerade, weshalb Valerius wohl eine solche Affinität zu diesen Blumen hatte, als sie einen feinen Luftzug spürte und herumwirbelte. Er stand direkt hinter ihr und beobachtete sie bei ihren Betrachtungen. Schnell trat sie einen Schritt von ihm zurück.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Mo 9. Jan 2017, 22:53 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Dimicus

Schon als Emilia an ihm vorbei- und zu seiner Staffelei schritt, hatte der junge Mann ein Auge auf die junge Frau geworfen. Sie sah jetzt so im Lichte betrachtet, sogar noch mitgenommener aus, als er sie noch auf der Straße betrachtete. Tatsächlich legte sich für nur einen Moment etwas sorgenvolles in seinen Blick, nur für den Hauch einer Sekunde, so hätte Emilia ihn angesehen, hätte sie es erkennen können.
Doch sie stand schließlich nur dort und betrachtete sein neustes Werk, für dessen Inspiration schließlich auch war. Sie wirkte vollkommen unschuldig, neugierig und dennoch auf eine gewisse Weise edel zugleich.
Doch nur für einen weiteren Moment betrachtete er sie, bevor seine Feder die Tinte auf das Notizbuch brachte und die Worte auf dem Papier entstanden: "Hallo Emilia, wie ich sehe hat es dich zu mir zurück gebracht. Ich weiß, dass du meine Wenigkeit nicht sonderlich zu schätzen weißt und gerade einen starken, inneren Kampf ausfechtest. Du siehst auch recht mitgenommen aus und hast wohl einige harte Tage hinter dir, so erzähle mir, wie ist es dir ergangen. Wie geht es dir? Ich werde dir rasch etwas zu essen und zu trinken holen, fühle dich wie in deinem eigene Zuhause."

Damit erhob sich und ging leisen Ganges zu ihr, noch immer betrachtete sie das Bild, doch ehe er sich versah und hinter ihr ankam, drehte sie sich um, schreckte zurück. Beinahe stieß sie sogar an seine Staffelei, doch noch eine Handbreite trennte sie zum Glück davon. Mit einem zarten Lächeln und einer sanften Verbeugung reichte er ihr das Notizbuch, ehe er sich seines Mantels und seiner Waffen entledigte, diese ordentlich auf das Bett ablegte, ehe er schließlich den Raum verließ. Türen und Fenster blieben unverschlossen, seine Ausrüstung offen liegen, aus gutem Grund.

Emilia

Emilia war dankbar darüber, dass er nicht versuchte mit ihr zu sprechen, sondern über Stift und Papier mit ihr kommunizierte. Sie fürchtete, dass wenn sie in diese blauen Augen blickte, damit ihre Löwin wieder reizen würde. Deshalb wich sie ihm auch schnell aus und betrachtete stattdessen ihre eigenen schmutzigen Füsse. Er schob ihr schliesslich das Notizbuch zu, welches sie entgegennahm. Als er dann sowohl Mantel und Waffen ablegte, war sie dieses Mal in der beobachtenden Position. Ihr fiel auf, dass seiner Kleidung nichts mehr von ihrem Angriff anzusehen war. Sofort machte sich ein ungutes Gefühl in ihr breit, als sie an den Anblick und den Geschmack des Blutes zurückerinnert wurde.
Als er sich zur Tür wandte, riss sie erschrocken die Augen auf aus Angst, er wolle sie einsperren. Stattdessen zeigte seine Handbewegung auf den Zettel, dann zog er die Tür sanft hinter sich ins Schloss.
Schnell las die junge Frau seine Worte und liess sich dann auf einen Stuhl sinken. Der Stift lag ungewohnt in ihrer Hand und zitterte leicht, was sowohl auf ihre Nervosität als auch ihre Entkräftigung zurückzuführen war.
Valerius,
ich bin mir selbst im Unklaren darüber, warum ich ausgerechnet zu Dir zurückgefunden habe. Du hast einen Teil meines Selbst zerstört und mein Leben mit.
Da ich nicht in mein altes Leben zurückkann, werde ich bei Dir bleiben. Ich will lernen, in dieser Welt zu überleben, ohne eine Gefahr für mich oder andere zu sein. Und indem Du mir dabei hilfst, kannst Du einen winzigen Teil deiner Schuld begleichen.
Ich werde mich nie wieder einsperren lassen.

Dabei dache sie nicht etwa an ihre Kindheit zurück, sondern an die Hilflosigkeit, die sie verspürt hatte, als Valerius sie in dem engen Raum gefangen gehalten hatte.

Dann folgte ein kleiner letzter Satz, den sie vier Mal durchgestrichen und schliesslich doch stehen gelassen hatte: Gibt es diesen Ort wirklich?
Nachdenklich starrte sie auf ihre krakelige Schrift. Dann erhob sie sich plötzlich und ging zielstrebig zum Bett hinüber. Obwohl es ihr widerstrebte, griff sie schliesslich nach einem etwas kleineren Dolch. Das kühle Metall in ihrer Hand fühlte sich falsch an, und gleichzeitig gab es ihr trotzdem etwas von der Sicherheit zurück, die sie auf dem Weg hierher verloren hatte.

Dimicus

Bewusst hatte Dimicus Essen und Trank aus einem nahegelegenen Gasthaus gekauft und sich transportabel einpacken lassen. Den Fraß des Bordells wollte er Emilia nicht zumuten, so bestand es aus Kost der niedrigsten Qualität. Vermutlich spuckten die Mädchen sogar noch herein, um ihren Spaß mit den Freiern zu haben. Aus diesem Grunde brauchte der Künstler auch ein wenig mehr Zeit, um zurück zu der jungen Frau zurückzukehren. Insgeheim fragte er sich, ob sie etwas mit seiner Ausrüstung angestellt hatte, ob sie wirklich die Gelegenheit nutzen wollte. Er wusste, dass er es jeden Augenblick herausfinden würde, wenn er sein Zimmer wieder betrat.

So war es dann auch, als die Tür aufschwang und er den Raum wieder betrat. Über all um ihn herum duftet es aufgrund des Essens in seiner Hand nach einer köstlichen Mahlzeit, als er Emilia am Tisch sitzend vorfand. Er näherte sich ihr behutsam, dabei glitt ein kurzer Seitenblick auf das Bett, zu seinen eigentlichen Dolchen, wo einer der Wurfdolche fehlte. Leider hatte sie ihn wohl genommen und gestohlen, man konnte es ihr nicht verübeln. Das Notizbuch mit ihrer Antwort lag bereits offen auf dem Tisch, welche Dimicus las, während er den Korb mit dem Essen auf dem Tisch abstellte.

Sie wollte bei ihm bleiben?!
Mit großen Augen und doch sehr überrumpelt blickte er auf die Zeilen, die sich vor ihm erstreckten. Um SEINE Schuld zu begleichen? Wie konnte seine Kunst etwas schuldiges sein, wo sie doch die höchste Form des Endes darzustellen vermochte?
Für sich fasste er es zusammen, dass sie bei ihm bleiben wollte, einen Dolch von ihm stahl und noch vor einer Woche ihn in Löwengestalt beinahe getötet hätte.
Er nahm seine Feder und schrieb etwas in das Notizbuch, geschützt vor dem Blicke Emilias. Seine Konzentration und Spannung verriet seinen Unmut, die junge Frau konnte sicherlich erahnen, dass sie ihn damit in Schwierigkeiten brachte. Allein des Vertrauensproblems das er zu ihr hatte, sie konnte ihn schließlich jederzeit verraten oder verkaufen. Ihn töten. Eine Lektion würde ihr sicherlich gut tun.

So klappte er das Notizbuch zu, schritt zum Bett hinüber und schnappte sich einen Dolch. Ehe sich Emilia überhaupt versehen konnte, war Dimicus an ihr herangetreten, hatte sie an einem Arm gekonnt hinauf in den Stand gerissen und blickte ihr fest in die Augen. Doch im selben Atemzug spürte er, wie kaltes Stahl an seine Kehle drückte, stammend von dem Dolch, den er ihr in die Hand gelegt und an seinen Hals geführt hatte. Seine Hand hielt nicht die ihre fest, sie hatte freie Wahl. Ein Stich, ein Schnitt und sie konnte alles beenden.
Mit der freien Hand erhob er das Notizbuch, aufgeschlagen mit seinen Worten, neben seinen Kopf: "Wenn du das möchtest, muss ich dir vertrauen und doch hast du schon einer meiner Waffen gestohlen. Bist du dir dessen wirklich sicher, senke den Dolch, reiche mir meinen anderen und versprich mir, dass ich dir vertrauen kann. Wenn du dir nicht sicher bist und mich hintergehen wirst, töte mich, hier, auf der Stelle. Deine Rache wirst du dadurch haben. Wähle."
Mit festem Blick schaute er in ihre minzgrünen Augen und strahlte Sicherheit aus, keine Angst. Zudem strahlten sie Wärme aus - etwas sehr ungewöhnliches für seine Augen.

Emilia

Emilias Aufmerksamkeit lastete auf dem Korb, aus dem die leckeren Gerüche in ihre Nase flossen, so dass sie Valerius Reaktion nicht kommen sah.
Ein verirrter Ton drang über ihre Lippen, als er sie in den Stand zwang und dazu, ihm direkt in die kühlen blauen Augen zu sehen. Sie versuchte ihm den Arm zu entreissen, doch dann spürte sie bereits das kalte Heft in ihrer Hand und sah den Dolch an seiner Kehle. Sein Griff lockerte sich, nachdem sie seine Aufforderung gelesen hatte.
Dieser Mann war verrückt!
Emilia war sich dessen nun sicher.
Ausserdem konnte sie seine unterdrückte Wut erkennen, ob der Tatsache, dass sie ihn bestohlen hatte. Doch was glaubte er denn? Dass sie sich ihm schutzlos ausliefern wollte?
Er war noch immer ein Mörder und offensichtlich konnte er sie auch ohne Waffe im Handumdrehen überwältigen. Dann jedoch wurde sie sich wieder der Tatsache bewusst, dass sie nicht wusste, wohin sie sonst gehen sollte.

Ihr Blick verriet Angst und ihre Hand begann zu zittern. Ein roter Strich bildete sich an seinem Hals, wo die scharfe Klinge die weiche Haut eingeritzt hatte. Einen Augenblick starrte sie zugleich fasziniert und verschreckt auf das blutende Rinnsal, dann zog sie ihren Arm zurück und liess den Dolch seitlich zu Boden fallen, wo er klappernd liegen blieb. Ihre Augen funkelten Valerius wütend an, dann entriss sie ihm ungestüm den Block.
Fass mich nie mehr an! Ich werde wegen Dir keinen Menschen mehr töten!

Emilia starrte ihn herausfordernd an, schliesslich musste sie jedoch trotzdem als Erste den Blick abwenden, wobei die innere Löwin unwillig knurrte. Im Moment war sie nicht in der Position zu verhandeln.
Mit einem Seufzen ging sie in die Knie und fasste vorsichtig unter den Tisch. Dort hatte sie die schmale Schneide geschickt zwischen Tischplatte und Unterbau hineingeklemmt, so dass der Dolch waagrecht zu schweben schien. Der Stahl wog leicht in ihrer Hand. Dann hielt sie ihm seine Waffe hoch und lehnte sich dann erschöpft an das Tischbein.
Sie hatte keine Kraft mit ihm zu streiten. Ihr Bauch grummelte unwillig, als ihr wiederum die Gerüche in die Nase stiegen und sie hätte alles für ein Stück Brot und einige Stunden Schlaf gegeben in dem Wissen, in Sicherheit zu sein.
Von Vertrauen hatte er gesprochen…
Emilia griff nach dem Notizblock:
Solange ich in Deiner Nähe bin, solltest Du besser achtsam bleiben.
Sie meinte dies nicht unbedingt als Drohung, obwohl es durchaus so aufgefasst werden konnte.

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