Komm, sĂŒsser Tod

Das gemĂ€ĂŸigte Klima bietet beste Bedingungen, aber ist es auch wert, umkĂ€mpft zu werden. Das Herzland ist die Heimat der Urvölker Asamuras, wĂ€hrend die Invasoren des Chaos sich von der Steppe aus verbreiteten und die alten Kulturen bedrohen.

Das Herzland
Das gemĂ€ĂŸigte Klima bietet beste Bedingungen, aber ist es auch wert, umkĂ€mpft zu werden. Das Herzland ist die Heimat der Urvölker Asamuras, wĂ€hrend die Invasoren des Chaos sich von der Steppe aus verbreiteten und die alten Kulturen bedrohen.
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Dimicus
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#81

Beitragvon Dimicus » So 26. MĂ€r 2017, 18:59

Die Worte Emilias, welche er zu seinem Bedauern nur zu lesen bekam, ließen seinen Körper vollkommen versteifen. Zu Anfang wusste Dimicus gar nicht erst, was er dort zu lesen bekam, doch Wort fĂŒr Wort wurde ihm mehr bewusst, dass er einen Fehler getan hatte. Einen Fehler den er jedoch sich nicht verzeihen könne. Ein einziges Mal hatte er es geschafft die Stimmen in seinem Kopf zu besĂ€nftigen und wurde nun von den Worten Emilias niedergewalzt, dass er keinerlei Chance auf eine Gegenwehr empfand. Seine Miene wurde augenblicklich hoffnungslos, die Augen wichen ihrem Blick aus und seine Schultern hingen letztendlich schlaff herab.

Was hatte er sich auch dabei gedacht, fĂŒr diese junge Frau seine Barrieren fallen zu lassen und sich zu erhoffen, Frieden mit ihr finden zu können. Ihr zu helfen schien ihr nicht genug zu sein und obendrein verspottete sie ihre gemeinsame Zeit auch noch als eine frevelhafte Angelegenheit. Beinahe sofort wurde die Stimmen in seinem Kopf wieder wesentlich lauter, lachten ihn aus und stellten ihn als vollkommenen Idioten hin. Sein Gesicht verzog sich nicht mehr weiter, als nur ein StĂŒck weit in die GleichgĂŒltigkeit. „Ich verstehe.“, sagte er völlig erkaltete, von der vorhergehenden ÜberschwĂ€nglichkeit war nichts mehr zu sehen. KĂ€lte machte sich in seinen ZĂŒgen breit und merklich abgebrĂŒhter wurde er wieder.

Es war fĂŒr ihn ein völliges UnverstĂ€ndnis, wie dieses GesprĂ€ch sich plötzlich entwickelt hatte. Anfangs war es noch friedlich und emotional, gar hatte sich PositivitĂ€t in beider Köpfe einnisten wollen, doch scheiterte dieses Vorhaben nun klĂ€glich. Beinahe augenblicklich zog sich das Ich zurĂŒck, welches ihr noch zuvor offen seine Zuneigung und NĂ€he gegeben hatte. Stattdessen schaute sie wieder in den eiskalten Blick des KĂŒnstlers, wie sie ihn einst angetroffen hatte. Ohne sie zu fragen, nahm er ihr den Stift aus der Hand und das Notizbuch entgegen. Damit erhob er sich auch, schritt herĂŒber zu der Kommode und zĂŒckte dabei noch Feder samt Tinte aus seiner Tasche.

Schon begann er zu schreiben. Jedoch nicht an Emilia gewandt, so waren diese Worte fĂŒr gĂ€nzlich andere HĂ€nde bestimmt. Mein Name ist Dimicus, viele dieser Stadt kennen mich auch unter dem Namen des RosendĂ€mons. Niemand war imstande meine Kunst zu entziffern, noch meine nĂ€chsten Schritte vorherzusehen. Diese Welt hat nichts GrĂ¶ĂŸeres als meine einzigartige Kunst gesehen, Schrecken und Furcht verbreitete ich durch die Stadt Drakenstein. Einst erhoben aus Dreck und Schlamm, nun der Beste seines Fachs, fordere ich die gesamte Stadt Drakensteins heraus, mein Kopfgeld zu erhalten. Kommt und findet mich, es wird ein leichtes fĂŒr euch sein. Kein Versteckspiel mehr, ihr findet mich im Bordell Malik Al Kubras, dass obere Stockwerk, die zweite TĂŒr rechts. Sein Blick ging ĂŒber seine Schulter und direkt auf Emilia nieder, sie wirkte sichtlich verwirrt und schien gar nicht zu wissen, was sie tun sollte. Geheuer war ihr die Situation nicht.

Dies vollkommen ignorierend fertigte er noch eine Zeichnung seines Gesichtes aus dem GedĂ€chtnis an, dass wohl seinem realen Angesicht am nĂ€chsten kam. Kurz darauf riss er die Seite sehr sauber aus dem Notizbuch heraus, sie wirkte wie ein Brief. Mit diesem in der Hand schritt er zu Emilia herĂŒber, reichte diesen ihr weiter. „Du sagtest, du willst mich aufhalten? Das ist deine Möglichkeit, wenn du nicht bereit bist mich zu töten.“ Er hielt eine kurze Sprechpause, intensivierte dabei seinen kĂŒhlen Blick der auf ihr ruhte. „Es ist gut zu wissen, wie du ĂŒber mich denkst und was ich dir zu bedeuten scheine. NatĂŒrlich bin ich kein Mensch, den du an deiner Seite haben willst. Welch ein Narr wĂ€re ich auch, dies anzunehmen? FĂŒr dieses frevelhaften Vorstellungen entschuldige ich mich bei dir.“

Plötzlich machten sich jedoch EnttĂ€uschung und Trauer in seinem Blick breit, glichen sich mit der KĂ€lte seiner ZĂŒge an. Eine einzelne TrĂ€ne rang sich aus seinem rechten Augen und suchte einsam ihren Weg an seiner Wange hinab zu seinem Kinn, ehe sie zu Boden fiel. „Dennoch muss ich eingestehen, dass ich es sehr bedauerlich finde, was die Erziehung und Disziplinierung deiner Familie mit dir macht und auch noch machen wird. Verlobt mit einem Manne, dem du nichts bedeutest und dessen Verlobung somit nicht mehr wert ist, als seine Absichten durch dich an Reichtum zu gelangen. Ganz von seinen Absichten abgesehen, Valerius Feldweber töten zu wollen und dazu auch noch den RosendĂ€mon anzuheuern.“ Unglaubliche Schmerzen durchzogen seine Seele, noch nie hatte er sich in diesem Maße zurĂŒckgestoßen gefĂŒhlt, geschweige denn diese schlagartige Leere gefĂŒhlt. Als ob man ihm etwas genommen hĂ€tte, was wichtig fĂŒr sein Empfinden war, doch nun war es erloschen.

Im selben Moment begriff er, dass sie das Gleiche getan hatte als er es noch wenige Minuten bei ihr getan hatte. Doch ĂŒber seine emotionale Reaktion hinweg, so fragte er sich, ob er ihr gerade wirklich einen Antrag um ihre Hand gestellt hatte. NatĂŒrlich nicht, oder? So lebten sie seit nun mehr als zwei Wochen zusammen und es war vollkommen in Ordnung, doch gab es die Möglichkeit auf ein Haus, war es scheinbar plötzlich etwas vollkommen anderes. Wobei sie ihre Zeit entwertete und sie als frevelhaft zu bezeichnen vermochte. „Letztendlich 
 bin ich nur das Werkzeug eines jeden. Deinen Worten nach, schlussendlich auch deines. Ich verstehe es, Emilia.“

Er vermisste seine Staffelei und die Möglichkeit zu malen in genau diesem Augenblick. Zu gern hĂ€tte er gemalt, mit Farbe und Blut, wie es in ihm aussah. Doch hatte er wieder die Utensilien noch die Staffelei dort. Keinerlei Möglichkeit bot sich ihm, mit diesen GefĂŒhlen umzugehen. Sein kompletter Körper schrie danach zu fliehen, diese Art des Kampfes konnte er nicht gewinnen, es war ihm bewusst. Doch konnte er nicht immer weglaufen und dementsprechend stand er wie angewurzelt da und betrachtete sie. Dabei fiel ihm aber erst zu spĂ€t auf, dass er Emilias einzige Möglichkeit zu antworten genommen hatte. Drum nahm er Notizbuch und Stift wieder auf, legte diese Dinge ihr fĂŒr die Situation seltsam sanft in die Hand.

Schließlich aber, weil er nichts mehr mit sich anzufangen wusste, nahm er wieder auf dem Bett platz, doch mit gebĂŒhrenden Abstand zu Emilia. Ihm kam diese Frau plötzlich vollkommen fremd vor, wenn er sie in dieser Situation anblickte, erkannte er sie nicht wieder. War dies der Preis fĂŒr ihre UnabhĂ€ngigkeit? Nein, das war er nicht. Ganz im Gegenteil. Sie sagte diese Dinge nur, weil sie noch immer in den Marotten ihrer Erziehung festhing. Doch das Gleiche konnte er nicht ĂŒber ihre BegrĂŒndungen sagen, dass er ein Mörder sei und dabei nicht tatenlos zusehen wolle. Sein Gesicht war blass und die HĂ€nde verschrĂ€nkten sich ineinander. Offensichtlich fiel es ihm schwer, noch etwas zu sagen oder tun zu können.
GlĂŒck ist der Mangel an Informationen.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#82

Beitragvon Emilia » Sa 1. Apr 2017, 19:42

Emilias Blick lag auf der Zeichnung und obwohl es in der Situation wichtigere Dinge zu ĂŒberdenken gab, fiel ihr doch wiederum sein Geschick auf, mit wenigen Strichen ein solch deutliches Abbild seiner GefĂŒhle aufs Papier zu bringen. Vielleicht lag es auch an den UmstĂ€nden, doch sie meinte hinter dem abweisenden Blick eine Verletzlichkeit wahrzunehmen, die er meist hinter einer emotionslosen Maske zu verbergen wusste.
Dimicus hatte sie aus dem Konzept gebracht mit seiner Reaktion. Sie hatte zusehen können, wie sein Gesicht sich versteinerte beim Lesen und die Zuneigung zu ihr mit einem Blinzeln fortgewischt wurde. Die kalten Augen jagten ihr einen Schauer ĂŒber den RĂŒcken und ihr inneres Tier gab ein erschrockenes Fauchen von sich. Es fröstelte die junge Frau, als sie sich an einen anderen Zeitpunkt zurĂŒckversetzt fĂŒhlte.

Der Brief verunsicherte sie einen Moment und plötzlich hatte sie das GefĂŒhl, als wĂ€ren sie meilenweit voneinander entfernt. Die vorsichtigen AnnĂ€herungen und das sanfte Band des Vertrauens verschwanden hinter der Tatsache, dass sie in zwei unterschiedlichen Welten lebten und völlig entgegengesetzte Vorstellungen von einem guten Leben zu haben schienen.
Seine Worte verdeutlichten dies umso mehr, als dass er ihre Erziehung als negativ beurteilte und ihre Wertvorstellungen mit.
Die plötzliche EnttĂ€uschung stand in krassem Gegenstand zu der GleichgĂŒltigkeit, die er eine Minute zuvor zeigte.
Emilia spĂŒrte einen schmerzlichen Stich, als sie seine Trauer bemerkte, oder waren es die Worte, welche wie Nadeln auf sie eindrangen?

Er hatte ihr die Möglichkeit genommen zu antworten, indem das Notizbuch noch immer in seinen HÀnden verblieb.
Nur allzu gerne hĂ€tte sie auf seine VorwĂŒrfe reagiert und ihm an den Kopf geworfen, dass er selbst doch nicht besser war als Wilfried. Beide wollten sie ĂŒber Leben und Tod bestimmen.
Was spielte es da fĂŒr eine Rolle, ob sie beim alten Übel blieb, oder es gegen ein Neues eintauschte?
Emilia war hin und her gerissen. Einerseits wallten SchuldgefĂŒhle in ihr auf, andererseits traf er sie ebenfalls gekonnt mit seinen Aussagen.
Es waren schliesslich die folgenden Worte, welche bei der jungen Gestaltwandlerin den Ausschlag gaben: „Letzendlich
 bin ich nur das Werkzeug eines jeden. Deinen Worten nach, schlussendlich auch deines. Ich verstehe es, Emilia.“
Du verstehst gar nichts!, schrie sie ihm gedanklich entgegen.
Sie bemerkte nicht einmal, wie sanft er ihr das Notizbuch zurĂŒckgab, sondern riss es ihm beinahe aus den HĂ€nden.

Dauernd versuchst du dein Tun zu rechtfertigen. StĂ€ndig sind die anderen dafĂŒr verantwortlich, dass Du bist, was Du bist. Aber niemand zwingt Dich dazu, Menschen zu töten. Du musst es nicht tun, nur weil ein anderer es Dir auftrĂ€gt. Es ist Dein eigener Wille. Du erzĂ€hlst mir gross davon, ich solle meine eigenen Entscheidungen treffen, Verantwortung fĂŒr mich ĂŒbernehmen. Dann fang am besten bei Dir selbst an. Du lĂ€sst Dich bewusst zum Werkzeug machen, und Du geniesst es auch noch! Als hör auf mir vorschreiben zu wollen, wie ich zu handeln habe. Wenigstens habe ich meine Werte und Prinzipien, die mir wichtig sind. Und genau danach werde ich mich nun richten. Dass sie Dir nicht in den Kram passen, ist nun offensichtlich.
Emilia hatte sich ruckartig erhoben und das Notizbuch achtlos aufs Bett geworfen. Es war ihr egal, ob er ihre Worte las oder nicht. Sie hatte einen Entschluss gefasst.

Ihre Sachen waren schnell zusammengepackt, viel besass sie nicht. Die Kleider schnĂŒrte sie geschickt zu einem BĂŒndel und nahm die paar MĂŒnzen, welche sie beim Servieren verdient hatte. Sie warf sich ungestĂŒm den Mantel ĂŒber die Schulter und setzte sich den Schlapphut auf den Kopf. Die Stiefel trug sie noch immer an den FĂŒssen. Die unangenehme Begegnung mit dem Kerl im Gang erschien ihr inzwischen weit entfernt.
Ungelenk nestelte sie an dem Band an ihrem Hals herum und platzierte es schliesslich auf der Kommode. Sie wĂŒrdigte Dimicus nur eines kurzen Blickes. Er wirkte seltsam verloren wie er da einsam auf dem Bett sass und sie stumm beobachtete. Seine Miene war von Trauer und Verwirrung durchsetzt, doch Emilia wandte sich von ihm ab, bevor sie den aufgewĂŒhlten Schmerz in seinem Innern erkennen konnte oder er sie gar beeinflussen mochte.
Es stand ihm nicht zu, sie aufzuhalten. Sie wĂŒrde gehen.

Sie trat ans Bett heran, fasste nach dem Notizbuch und schlug eine Seite auf.
Ich habe Dich nicht als Werkzeug gesehen. Und ich beweise es Dir auch. Ich brauche Dich nĂ€mlich nicht. Deshalb kehre ich dahin zurĂŒck, wohin mich meine Disziplinierung deiner Ansicht nach fĂŒhrt. Doch glaube nicht, Du hĂ€ttest keinen Anteil daran gehabt.
Den Brief samt der Zeichnung seiner selbst hatte sie zu ihrem BĂŒndel gepackt. Kurz atmete sie noch einmal tief den Geruch ein, der sie die letzten Tage und Wochen umgeben hatte. Wo er sonst ein immer mehr vertrautes WohlgefĂŒhl in ihre ausgelöst hatte, erschien nun Beklemmung an derer Stelle.
Schliesslich machte sie auf dem Absatz kehrt und rauschte zur TĂŒr hinaus, ohne sie hinter sich zu schliessen. Sie flĂŒchtete sich in die GĂ€nge, welche sie in der letzten Woche wie ihre Westentasche kennengelernt hatte, und dem Ausgang entgegen.

Der Morgen brach bereits heran und die ersten DienstmĂ€dchen und Knechte wuselten bereits durch die Strassen, als eine Frau mit verweintem Gesicht vor dem grossen Herrenhaus innehielt. Sie hatte sich ihren Hut tief ins Gesicht gezogen, und auf den ersten Blick hĂ€tte man sie fĂŒr einen jungen Knaben halten können, hatte sie ihr langes Haar doch verborgen.
Als sie jedoch beim Hintereingang angelangte und vorsichtig anklopfte, waren ihre TrÀnen getrocknet und einem gefassten Ausdruck gewichen.
Eine Magd öffnete die TĂŒr, schaute einen Moment verdattert die Gestalt an und schlug sich dann ĂŒberrascht die HĂ€nde vor den Mund, als sie die junge Hausherrin erkannte, die schon lange als vermisst gegolten hatte
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#83

Beitragvon Dimicus » So 2. Apr 2017, 16:46

Er hatte es also geschafft. Mit einem ungewollten Ausbruch an GefĂŒhlen und seiner plötzlichen Hingabe zu Emilia, hatte Dimicus eben diese vertrieben. Wortlos betrachtete er die junge Frau, die immer in das Notizbuch schrieb und scheinbar wĂŒst ĂŒber ihn herzog. An seinem Körper war kaum eine Regung zu sehen, doch die Augen hatten ihren vorigen Glanz völlig verloren. Weder TrĂ€nen schĂ€lten sich aus seinen Augen, noch zuckte einer seiner Mundwinkel. Wie eine Schale die nichts als Schmerz und Trauer kannte, beobachtete die vor ihm zusammenpackende Frau. Einmal mehr fragte er sich, was er von ihr erwartet hatte.

Plötzliche Stille kehrte ein, als die ungestĂŒme Emilia den Raum verlassen hatte. Mittendrin war Dimicus, der die Situation noch nicht gĂ€nzlich zu begreifen wusste. Was war gerade wirklich geschehen? Schritt fĂŒr Schritt ging er die passierten Dinge durch. Anfangs schĂŒtzte er Emilia, nahm ihr die Angst vor dem Mann der sie zuvor noch belĂ€stigt hatte. Darauf schien der Moment nahezu magisch gewesen zu sein, in denen die beiden sehr gut zueinander fanden. Doch dann Ă€nderte sich alles. Seine Emotionen besiegten seine Vernunft und seine inneren Stimmen, ließen sich dazu hinreißen nach außen zu treten. Den Preis dafĂŒr bezahlte er in diesem Moment.

Unglaublich verloren saß er auf dem Bett und rĂŒhrte sich kein StĂŒck, er wusste nichts mit sich anzufangen, noch weniger was er nun tun sollte. Ihr hinterherlaufen? Nein. Das wĂ€re nicht in ihrem Sinne, das wusste er. Noch weniger war er weiterhin bei ihr willkommen, ein Fakt der aus den Worten die sie ihm geschrieben hatte hervorging. Es war ihre Entscheidung und sie hatte gewĂ€hlt. Eine Angelegenheit an der er nichts Ă€ndern konnte, noch dass er daran etwas Ă€ndern wollte. Immer wieder hatte er ihr gesagt, wie sehr sie ihre eigene Herrin ist und eigene Entscheidungen treffen solle. Genau das hatte sie getan, also war dieser Akt nunmehr in seinem Sinne.

Mit zittrigen Knien erhob er sich, schritt mit einem schlaffen Gang zur TĂŒr und schloss diese. Dabei fiel sein Blick auf das Lederband mit der Brosche, welche sie in ihrer Hast fast einfach abgerissen hatte. Wie ein zerbrechliches StĂŒck nahm er es mit grĂ¶ĂŸter Vorsicht in beide HĂ€nde und betrachtete es genaustens. Dieses schöne StĂŒck, welches nur fĂŒr sie gedacht war, verstoßen von ihr selbst. Seine Augen schlossen sich und er atmete tief durch. „Dann sei es so Emilia.“, flĂŒsterte er vor sich her, ehe er das Band mit großer Sorgfalt faltete und in die Kommode legte. Es bekam seinen gĂ€nzlich eigenen Platz in der Schublade, getrennt von seinen eigenen Sachen.

Kaum hatte er dies getan, ĂŒberkam ihn eine beachtliche MĂŒdigkeit, welche ihn förmlich zum Bett zu ziehen schien. Das Notizbuch mit ihren Worten fegte er einfach vom Bett, als er sich mit dem RĂŒcken voran auf die Matratze fallen ließ. Weiterhin ohne Ausdruck starrte er der Decke entgegen, seine Gedanken waren langsam und ermĂŒdet. Noch immer begriff er die Situation nicht vollkommen, doch war er sich nun sicher, dass Emotionen sein eigentlicher Feind waren. Es war ein Fehler, sie zuzulassen und das Interesse fĂŒr Emilia auferstehen zu lassen. Dies waren aber die letzten Gedanken Dimicus', als seine Augen sich der MĂŒdigkeit hingaben und die schweren Augenlider sich schlossen.

Am nÀchsten Morgen...

Überraschenderweise genĂŒsslich war das FrĂŒhstĂŒck der UntergrundgaststĂ€tte. Das RĂŒhrei war köstlich zubereitet und gewĂŒrzt, der Speck gut gebraten geworden. Auch wenn es ein Versteck fĂŒr Kriminelle war, so hatten diese GemĂ€uer doch ihren gĂ€nzlich eigenen Charme. Kaum eine Gestalt, neben dem Gastwirt und ein paar StammgĂ€sten, war zu sehen und vermutlich schliefen die meisten Diebe und Mörder bereits. Ihr Handwerk war vollkommen, wĂ€hrend Dimicus noch am Anfang seines Tages stand. Umso besser war es, dass er sich den Beginn des Tages mit einer guten Mahlzeit versĂŒĂŸen konnte.

Seiner Ruhe jedoch zum Trotz, betrat ein ihm sehr bekanntes Gesicht den Schankraum und fast sofort wusste er, dass es mit der GemĂŒtlichkeit vorbei war. Kaum hatte Shazeem Dimicus erblickt, war es auch schon zu spĂ€t fĂŒr einen RĂŒckzug. Letztendlich aber sollte er noch mit ihm sprechen, allein schon wegen des Aktes an einem Gardisten. „Na du kleiner Halunke. Alles fit?“, bekam er direkt an den Kopf geworfen, wĂ€hrend das breite Grinsen die ZĂ€hne des Tamjids offenbarten.

Die KĂŒhle in Dimicus' ZĂŒgen hatte sich wieder verfestigt und somit regte sich keiner seiner Gesichtsmuskeln, ließ keinerlei Deutung von Emotionen zu. „Du weißt welche Antwort folgen wird Shazeem. Lass uns einfach gleich zum Wesentlichen kommen.“ Darauf setzte sich Shazeem schulterzuckend an den Tisch, schaute sich einmal misstrauisch nach mithörenden Ohren um, doch es war niemand in Sicht.

Mit misstrauischen Blicken beĂ€ugte Dimicus' GegenĂŒber ihn, versuchte scheinbar zahlreiche Versuche seine Augen zu deuten. „Du hast dich schon wieder verĂ€ndert. Doch zurĂŒck zu seinem alten Sein.“, stellte er fest, worauf Dimicus gar nicht erst antwortete. „Wie dem auch sei. Ich hörte von den Vögelchen, dass ein Gardist der Wache in Verkleidung getötet wurde. Gute Arbeit. Du hast uns sehr mit diesem Akt geholfen.“ Ein erneuter Blick ging durch den Raum. „Du hast einen weiteren Schritt zur Befreiung des Volkes von den Ausbeutern des Adels eingeleitet. Dieser Spitzel war uns ein Dorn im Auge, wir konnten jedoch nicht selbst tĂ€tig werden.“

Augenblicklich verstand Dimicus, worum es bei diesem Auftrag wirklich gegangen war. Der Feudalismus im almanischen Reich war ein etabliertes System, doch zunehmend wurden Stimmen laut, die nach Gerechtigkeit und Gleichheit riefen. „Eine Gruppe die das Volk vom Adel befreien will?“, warf Dimicus trocken ein, wĂ€hrend er noch die letzten Reste seines FrĂŒhstĂŒcks verspeiste. „Du bereicherst dich doch an den Taschen der Menschen, um deinen Reichtum zu mehren. Ist das nicht eher das genaue Gegenteil, was du erreichen willst?“ Genaustens schaute Dimicus in das Gesicht des Tamjids, ihm kam etwas nicht richtig vor.

Fast sofort bekam er ein herzhaftes Lachen als Antwort zu hören. Weder stimmte Dimicus bei dieser ĂŒberzogenen Reaktion ein, noch ließ er sich davon beirren. Das merkte sein GegenĂŒber offenbar auch recht schnell. Seine Mimik erstarrte sofort und wurde wieder ernst. „Du solltest mich eigentlich besser als das kennen. Ich nehme nur von Reichen und auch nur so viel, wie ich es wirklich brauche. Nicht mehr.“ Er log, es war mehr als offensichtlich. Seine Augen wanderten die gesamte Zeit nach unten rechts, wichen dem Blick Dimicus aus. Ansonsten war er wohl mehr als geĂŒbt darin, seine LĂŒgen zu verbergen.

Dennoch hatte Dimicus keinerlei Handhabe ĂŒber die LĂŒge, noch konnte er dessen HintergrĂŒnde erkennen. So gab er sich vorerst mit der Antwort zufrieden, es schĂŒrte sein Misstrauen jedoch maßgeblich. „Ich verstehe.“, antwortete er nur knapp darauf. Weiter ging er darauf gar nicht ein, sondern stellte eine weitere interessante Frage: „Was soll ich jetzt mit der gesamten Sache zu tun haben?“

Der Tamjid begann sich zurĂŒckzulehnen und die HĂ€nde hinter dem Kopf zu verschrĂ€nken. Mit einem wissenden Grinsen blickte er Dimicus erwartungsvoll an, dem dies ganz und gar nicht gefiel. „Du bist ein Meister deines Fachs und noch mehr der wohl gefĂŒrchtetste Mann Drakensteins. Wir können dich und deine Botschaften gebrauchen, um unsere Sache voran zu treiben. Deshalb haben wir beschlossen, dich rekrutieren zu wollen. NatĂŒrlich ist auch eine angemessene Belohnung darin, genau so wie unsere UnterstĂŒtzung.“ Die Worte waren eindeutig, schmeckten jedoch nach Gefahr und Unbehagen. Sein Instinkt sagte ihm, dass mehr als nur eine Arbeiterbewegung hinter den Absichten Shazeems steckte.

Im selben Moment ging der junge Almanier durch, welche Vorteile er außerhalb der versprochenen Belohnungen erhalten könnte. NatĂŒrlich war es immer gut, sich mit einer Gruppe die in dem Maße verborgen agiert, wie es jene um Shazeem wohl zu tun scheint. Kaum merklich seufzte Dimicus, so erkannte er eine Gelegenheit, wenn auch das Risiko hoch war. „Nun gut, ich werde eure AuftrĂ€ge annehmen, nicht jedoch ein Teil deiner Gemeinschaft werden. Daran hege ich keinerlei Interesse. Doch auch nur unter einer Bedingung!“ Die Augen Dimicus' blitzten auf und fixierten den Tamjid, der neugierig dreinblickte.

„Mache es nicht so spannend, spucke es schon aus!“, bekam er prompt als Antwort. Das erwiderte Dimicus nur mit einem Griff unter seinem Mantel, aus dem er ein gefaltetes Blatt Pergament hervorzog. Bestimmt schob er dies ĂŒber den Tisch auf den Tamjid zu und beobachtete genau seine Reaktionen. Eifrig griff er danach und öffnete den Brief, las ihn durch, wobei sich seine ZĂŒge in tiefe Falten legten. „Warum das alles?“, hakte er nach und ĂŒberflog abermals die Zeilen.

Nun war es Dimicus der sich entspannt zurĂŒcklehnte und Shazeem mit einer tödlichen Ruhe strafte. Zuerst wollte er den alten Mann die Zeilen noch einmal studieren lassen, bevor er zur Antwort ansetzte: „Aus Sicherheit und ungeklĂ€rten Angelegenheiten. Das sind meine Bedingungen, dort gibt es keine Diskussion.“ Genau dies ließ der KĂŒnstler mit seinem Blick auch nicht zu.

Ein weiteres Mal las sich Dimicus' alter Lehrmeister die Worte durch, worauf seine Furchen im Gesicht noch tiefer wurden. „Das ist definitiv machbar, es wird aber nicht einfach. Ich habe doch dein Wort, dass du danach fĂŒr uns arbeitest, oder?“ Siegessicher nickte Dimicus und bestĂ€tigte somit die Aussage Shazeems, der einen tiefen Schluck eines mittlerweile gereichten Bieres genoss. „Einverstanden, ich kĂŒmmere mich um alles.“ Damit stand die festgehaltene Abmachung und eine lange Zeit wĂŒrde beginnen.

Drei Wochen spÀter...

Die Enge und Dunkelheit der Kutsche war alles andere, als der junge Mann es gewohnt war. Die harte Holzbank tat ihr Übriges und sein Po tat ihm durch die lange Fahrt mittlerweile gehörig weh. Ihm gegenĂŒber blickten ihn zwei aufmerksame Augen durch einen Helmschlitz an, jene Wache die ihm zugewiesen wurde, damit er nicht fliehen konnte. Wie sollte er auch? Schwere Hand- und Fußfesseln machten jede Bewegung fast unmöglich, ganz zu schweigen von der massiven Halsfessel.

Eingesperrt wie ein Hund war er in diesem KĂ€fig, der jedoch sein letzter Geleit werden sollte. Innerlich hatte er schon gĂ€nzlich mit allem abgeschlossen, er wusste dass es einmal so weit kommen wĂŒrde. Nur hatte er nicht mit solchen UmstĂ€nden gerechnet, noch weniger mit der Person die ihn verraten hatte. EnttĂ€uschung durchwĂŒhlte schon seit drei Tagen seinen Verstand, doch abermals ruf er sich in das GedĂ€chtnis, dass er es nicht hĂ€tte anders erwarten dĂŒrfen. Tief atmete der junge Mann durch, als das Hufgetrappel draußen erstarb und sich mit dem immer lauter gewordenen Rufen einer wohl riesigen Menschenmenge auswechselte.

Beinahe augenblicklich wurde die TĂŒr der Kutsche aufgerissen und das einfallende Licht blendete ihn, so hatte er eine ganze Weile in der Finsternis der Kutsche verbringen mĂŒssen. Die Wache ihm gegenĂŒber erhob sich, schloss mit einem SchlĂŒssel die Ketten von der Kutsche selbst auf und zerrte ihn gewaltsam nach oben. Schließlich stand er an der Schwelle der Kutsche und seine Augen wurden gezwungen sich an das Licht zu gewöhnen, wĂ€hrend ihn ein ohrenbetĂ€ubender LĂ€rm umgab. Seine Pupillen verengten sich nun gĂ€nzlich und gaben dem Blick vor ihm vollkommen preis.

Er befand sich mit einer Einheit bestehend aus fĂŒnf Wachen auf dem zentralen Platz Drakensteins, auf dem die verschiedensten Feste, GastempfĂ€nge und Hinrichtungen stattfanden. Doch sein Erscheinen war die seit zehn Jahren wohl meistbesuchte „Feierlichkeit“, die diese Stadt gesehen hatte. Eine riesige Menschenmenge eines jeden Standes hatte sich versammelt. WĂ€hrend sich Arbeiter und Bauern um den in der Mitte gelegenen Galgen versammelt hatten, wurden RĂ€nge fĂŒr zahlreiche Adelsfamilien aufgebaut, damit diese das bevorstehende Veranstaltung genaustens beobachten konnte.

So wie er es einschĂ€tzte, waren auch zahlreiche Adelsfamilien angereist um dem Spektakel beizuwohnen und der junge Mann war Mittelpunkt des Ganzen. Mit eisernem Griff wurde er durch eine gebildete Gasse aus menschlichen Leibern gefĂŒhrt. „MÖRDER! MONSTER! DÄMON!“, hallte es von allen Seiten, die Menschen spuckten auf den Weg vor ihm, wenn nicht sogar direkt auf ihn.

FĂŒr ihn war es sein letzter Gang. Die Schultern hingen und der Schritt war leblos. Einmal mehr erlebte er hautnah, wie es sich anfĂŒhlte dem Tode extrem nahe zu sein. Doch dieses Mal war er nicht nur nahe, sondern der Tod hieß ihn willkommen, als er dem Galgen immer nĂ€her kam. VerĂ€chtliche und hasserfĂŒllte Blicke trafen ihn, auf der TribĂŒne stand der Redner des Gerichts, so wie der Henker höchstpersönlich. Der Spießroutenlauf zog sich eine halbe Ewigkeit hin, vollkommen entmutigt schloss er mit allem ab, was er durchgemacht hatte.

Die Schritte auf die TribĂŒne wurden Stufe fĂŒr Stufe immer schwerer, die Endlichkeit aller Dinge, davon blieb auch er nicht verschont. FĂŒr 35 Menschen hatte er ein wundervolles Ende eingelĂ€utet, doch nun kam sein letzter Auftritt: der seines eigenen Todes. Am liebsten wĂ€re er geflohen, im Angesicht des Todes, doch gab es keine Möglichkeit der Flucht mehr. Er musste sich dem Urteil beugen und hatte keinerlei Wahl. Die letzte Stufe wurde er grob hinauf geschoben, so dass er nun mitten in der Masse an Menschen stand.

So viele Köpfe von Frauen, MĂ€nnern und Kindern. Es mussten hunderte sein, die an diesem bedeutungsvollen Tag anwesend waren. Sie alle blickten nun auf ihn hinab, so wie er einst auf sie hinabblickte. Der Redner des Gerichtes trat nach vorn, in beiden HĂ€nden eine Schriftrolle haltend. Augenblicklich trat Ruhe auf dem gesamten Platz ein, ehe er von dem Pergament zu lesen begann: „Werte Lords, werte Ladys, anwesendes Volk! Wir haben uns heute hier versammelt, um jenen verrĂŒckten Mann sein Ende zu setzen, der zahlreichen MitbĂŒrgern das Leben nahm. Jener KĂŒnstler, der den Namen 'RosendĂ€mon' trĂ€gt und nun vor uns steht, wie eine lĂ€cherlich kleine Figur der er in Wahrheit ist. Nicht nur ein Mörder, nein, sondern auch ein EntfĂŒhrer und Dieb. Dazu noch die perfide Malerei, mit denen er die Oper seiner Taten entweihte! Wir haben ihn nun endlich gefasst. Nach dem Gericht Drakensteins, verurteilen wir Euch, Dimicus, zum Tode. Euch wird der Mord an 35 Menschen zur Last gelegt, dazu der Diebstahl von zahlreichen WertgegenstĂ€nden und die EntfĂŒhrung eines Adelskindes! Habt Ihr noch etwas zu sagen, bevor wir das Urteil vollstrecken?“

Ein weiteres Mal ruhten die Augen auf dem jungen Mann, doch herrschte nun eine Totenstille. Nur einige Vögel hörte man, die fröhlich und vollkommen ungestört ihre Lieder sangen. Es vergingen einige Momente, in denen die Blicke der Menschen auf ihn blickten und wie gebannt auf nur ein Wort warteten, um ihn zerreißen zu können. TatsĂ€chlich erhob er seine Stimme: „Volk Drakensteins! Ich bin der wahre Beweis der Kunst, ein Genie und mein Handwerk suchte seinesgleichen! Nie werdet ihr mich oder meine Taten vergessen, also werde ich weiterleben. Im Kopf eines jeden Anwesenden hier!“ Sofort begann die Menge zu toben, was er nur mit einem manischen Grinsen guthieß.

Zwei krĂ€ftige HĂ€nde packten ihn und zerrten ihn unter den Galgen. Es ging schnell, als der Strick seinen Weg um seinen Hals fand und fachmĂ€nnische HĂ€nde seinen Sitz noch einmal ĂŒberprĂŒften. Hass und Wut brandeten auf, die hĂ€mischen Rufe der tobenden Menge heizten sich immer weiter auf, als das kratzige Seil fest um seinen Hals gesurrt wurde. Mit einem verachtenden Blick seinerseits wandte er sich an den voller Schadenfreude grinsenden Henker, der in diesem Moment den entscheidenden Hebel zog und die FalltĂŒr unter ihm aufschwang.

Ein starker Ruck durchzuckte den Körper des jungen Mannes. Der schnell erlösende Genickbruch durch das Seil blieb aus, stattdessen schnĂŒrte ihm das Seil die Luft ab. Qualvoll zappelte sein kompletter Körper im Überlebenskampf. Mit WĂŒrgen und wildem Gurgeln versuchte er sich dem Tod zu entwenden, sich zu befreien, doch die Sicht wurde immer dunkler. Die GerĂ€usche um ihn immer dumpfer, ehe die erlösende Bewusstlosigkeit einsetzte und dem Mann somit sein Ende finden ließ...
GlĂŒck ist der Mangel an Informationen.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#84

Beitragvon Emilia » Do 6. Apr 2017, 10:55

Ich muss hier raus!
Doch Emilia wusste bereits, dass es kein Entrinnen gab aus dem Zimmer, in welchem sie eingesperrt war. Sie hatte mit ihrem ganzen Gewicht versucht die TĂŒr einzudrĂŒcken, hatte blutige HĂ€nde, weil sie so heftig gegen das verbarrikadierte Fenster hĂ€mmerte und ihre Krallen waren abgestumpft, nachdem sie vergeblich am Holz gekratzt hatte.
Sie war erschöpft und liess sich an der LiegeflĂ€che neben dem Fenster, welches auf die DĂ€cher hinausfĂŒhrte, nieder. Ihre Schnauze lag ganz nah bei den Brettern, welche ihr den Ausweg versperrten. ER hatte sie dort befestigen lassen, in- und auswendig, damit sie nicht ausbrechen konnte


Drei Wochen waren vergangen, seitdem Emilia nach Hause zurĂŒckgekehrt war, zumindest hatte sie es einmal fĂŒr ihr Daheim gehalten. Nun wĂŒnschte sie sich sehnlichst fort von diesem Ort.
Dabei war es ihr anfangs gar nicht so furchtbar erschienen. Die besorgte Tante war froh, dass Emilia wohlbehalten zurĂŒckgekehrt war und behandelte sie wie ihr eigenes verloren geglaubtes Kind. Nachdem Lucinda ihr eine Flohkur aufgebrummt hatte, wurde sie sofort mit den teuersten Seifen gebadet und ihre Haare wurden mit duftenden Ölen besprĂŒht, bis die junge Frau jedes Mal niesen musste, sobald sie sich bewegte.
Gerade noch so schaffte es Emilia ihre neue Kleidung vor ihrer Tante in Sicherheit zu bringen, sonst wĂ€ren sie prĂ€ventiv bestimmt im Feuer gelandet, um mögliches Ungeziefer fern zu halten. So wurde die junge Erbin in Korsetts geschnĂŒrt und bekam edle GewĂ€nder, in denen sie sich plötzlich eingeengt fĂŒhlte.

Erst nachdem das MĂ€dchen vorzeigbar war, durfte sie Alfonso und Wilfried unter die Augen treten. Emilia fĂŒhlte sich wie eine Zuchtstute, welche vorgefĂŒhrt wurde, um zu sehen, ob sie nicht beschĂ€digt war und um ihren Wert abzuschĂ€tzen.
Der Onkel war fuchsteufelswild. Er ging gar so weit, dass er ihr eine Ohrfeige verpasste und ihr Hausarrest erteilte – welch Überraschung

Doch nach einer Woche hatte er sich bereits wieder beruhigt und alles verlief in seiner alten Routine. Er mochte keine Komplikationen und verlangte den natĂŒrlichen Alltag so bald als möglich wiederherzustellen.

Nicht jedoch Wilfried. Auch nach zwei Wochen konnte Emilia sein Misstrauen noch spĂŒren und er piesackte sie mit subtilen VorwĂŒrfen und Gemeinheiten. Er war noch besitzergreifender geworden und befahl den Hausdienern seine ZukĂŒnftige nicht aus den Augen zu lassen. Stets folgte ihr ein Schatten, egal wohin sie sich bewegte. Das Haus zu verlassen war ein Ding der Unmöglichkeit.
Emilia ertrug dies alles geduldig, denn sie hoffte, mit der Zeit wĂŒrde sich die Situation beruhigen und sie wĂŒrde in ihren frĂŒheren Trott zurĂŒckfinden.
Mit etwas GlĂŒck wĂŒrde sie auch Dimicus vergessen


Doch genau das Gegenteil geschah.
Bei den Abendessen erinnerte sie sich an die Gestalt von Valerius, der ganz keck bei ihnen am Tisch gesessen hatte. Wenn sie in ihrem Bett lag, dachte sie an Dimicus und seine warme Hand in ihrem Fell. SchnĂŒrte das Korsett ihr die Luft ab, sehnte sie sich nach dem Einkaufsbummel mit ihm zurĂŒck. Und wenn sie einen Blick aus dem Fenster warf, trĂ€umte sie von dem Moment, als sie das Gras unter ihren nackten Zehen spĂŒrte und die Sonne ihre Haut wĂ€rmte. Kaum rauschte Wilfried mit gehĂ€ssig funkelnden Augen an ihr vorbei, wĂŒnschte sie sich Dimicus an ihrer Seite, welcher sie vor Wölfen und Rabauken in Schutz genommen hatte.

So vergingen die zwei Wochen zĂ€hflĂŒssig wie Honig, doch mitnichten so sĂŒss. Emilia versuchte sich die Zeit zu vertreiben, wenn sie einmal wieder zum Nichtstun verpflichtet wurde. Sie las BĂŒcher und ĂŒbte sich im Sticken, doch es bereitete ihr keine Freude.
Als sie nach einer Staffelei samt Farben verlangte, stand diese einen Tag spĂ€ter in ihrem Gemach. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass sie keine Begabung dafĂŒr hatte, Farben und Formen in Einklang zu bringen, weswegen die Malerei sie schliesslich bloss frustrierte. Auch stellte sie sich nicht gerade als förderlich dabei heraus, Dimicus aus ihren Gedanken zu verbannen.

So hatten sich die Tage dahingezogen. Emilia verbrachte den grössten Teil der Zeit in ihrem Zimmer und versuchte den beiden Hausherren aus dem Weg zu gehen, um sie nicht unnötig zu verĂ€rgern. An manchen Tagen nĂŒtzte dies jedoch nichts und Wilfried drĂ€ngte sich herrisch in ihr Gemach. Immer wieder wollte er wissen, wo sie die Wochen untergebracht war, doch Emilia schwieg sich darĂŒber aus.
Als er eines Abends in ihren Schlafraum stĂŒrmte, ĂŒberraschte er sie dabei, wie sie an einem Tischchen sass, Dimicus Brief in HĂ€nden hielt und die Zeichnung liebevoll betrachtete. Unvermittelte hatte sie sich an seinen Geruch nach Farbe und Rosen zurĂŒckerinnert, der ihr so fiel besser gefiel als das ParfĂŒm Odeur von Wilfried.
Im Nachhinein verfluchte Emilia ihre NachlĂ€ssigkeit, welche sie dazu bewogen hatte, so offen herumzusitzen mit dem vernichtenden BeweisstĂŒck.

Sie war so vertieft in die feinen GesichtszĂŒge, dass sie Wilfried erst bemerkte, als seine Alkohol- und Rauchfahne ihr wie eine Wand entgegenschlugen.
„Was hast Du da? Ist das etwa ein Brief? Du bekommst keine Briefe! Ich kontrolliere die BotentrĂ€ger!“, knurrte der junge Mann wĂŒtend und zerrte Emilia so grob zu sich herum, dass sie vom Stuhl gerissen wurde. Wilfried war betrunken und torkelte ihr hinterher, als das MĂ€dchen sich aufrappelte und mit weit aufgerissenen Augen vor ihm an die Wand zurĂŒckwich. Das Pergament hielt sie fest mit ihrer Hand umklammert und zitterte am ganzen Körper vor Angst. So ruppig hatte er sie noch nie angefasst, normalerweise beschrĂ€nkten sich seine AusbrĂŒche auf gemeine Worte oder subtilere Arten, ihr das Leben schwer zu machen.
„Du kleines MiststĂŒck! Gib mir den Zettel, na los!“, forderte er Emilia auf und sein Blick wurde umso fanatischer als er bemerkte, wie panisch sie das Blatt nun an ihren Leib presste.
Obwohl ihn der Alkohol verlangsamte, war Wilfried ein ausgezeichneter Fechter und Duellant. Mit einem geschickten VorwÀrtssprung war er auch schon bei der jungen Frau und fasste nach ihrem Arm. Jetzt endlich kam Bewegung in das MÀdchen und ruckartig versuchte sie sich zu befreien und den Angreifer von sich wegzustossen.
Wilfrieds Geduld war jedoch am Ende angelangt, er holte aus und schlug ihr mit Wucht den HandrĂŒcken ins Gesicht. Die Lippe platzte auf und das Blatt segelte lose zu Boden, als Emilia mit einem Aufschluchzen in die Knie ging.
Beinahe wĂ€re der junge Kerl umgefallen, als er sich danach bĂŒckte und es vor sein Gesicht hielt. Das Bild von Valerius zeichnete sich deutlich vor ihm ab, wĂ€hrend die Buchstaben unruhig herumzappelten, so dass er sie nicht lesen konnte. Doch das musste er auch nicht, wusste er nun schliesslich, wo seine ZukĂŒnftige ein Bett gefunden hatte.
„Du miese Hure!“, schrie er nun völlig ausser sich.
„Glaubst wohl, dass Du Liebesbriefe mit dem Weichling austauschen kannst, ohne dass ich davon Wind kriege, hĂ€?! Du hast mir Hörner aufgesetzt. Mir! Deinem zukĂŒnftigen Ehemann!“
Im nĂ€chsten Moment stĂŒrzte sich Wilfried wie rasend auf Emilia, welche vor Schreck völlig erstarrt war und von ihm umgerissen wurde.
„Ich werde Dich lehren mir zu gehorchen, WeibsstĂŒck!“
Sein Körpergeruch drang der Gestaltwandlerin unangenehm in die Nase, als sie auch schon sein Gewicht auf sich spĂŒrte, dass sie mit aller Macht zu Boden drĂŒckte. Voller Furcht schlug sie mit Armen und Beinen um sich, da griff Wilfried plötzlich nach ihrer Kehle und begann ihr die Luft abzudrĂŒcken.
„Du wolltest mich zum Narren halten, Hure! Hat dieser dreckige Valerius es Dir gut besorgt, hĂ€? Das werdet ihr mir beide bĂŒssen!“, wie ein Schraubstock legten sich seine Finger um ihren Hals, wĂ€hrend er auf ihr hockte und ihre Gegenwehr unter seinem Gewicht erstarb. Emilia versuchte seine HĂ€nde wegzuschieben und ihr keuchender Atem zeugte von dem Mangel an Sauerstoff.
Das Geschrei von Wilfried hatte eine Zofe angelockt. Als sie die Szene erblickte, quiekte sie Àngstlich auf und machte kehrt, um Hilfe zu holen.
In Emilia brodelte es inzwischen. Ihr Blick flackerte bereits, als ihr Körper endlich aus seiner Schockstarre gerissen wurde, und seine Verwandlung begann. In ihrem Inneren brĂŒllte die Löwin und kratzte eng an der OberflĂ€che, um auf den Angreifer loszugehen und sich zu verteidigen.
Als Alfonso mit zwei Hausdienern ins Zimmer geeilt kam, war Emilias Körper bereits mit Fell ĂŒberzogen und begann sich zu verformen und anzuschwellen, wĂ€hrend Wilfried noch immer wie eine Klette an ihrer Kehle hing und in seinem Wahnsinn nicht zu begreifen schien, was gerade geschah. Grob rissen in die Knechte den jungen Hausherren von der beinahe voll verwandelten Löwin zurĂŒck, deren Brustkorb sich schwer hob und senkte, als sie gierig nach Atem rang.
„Neiiin, sie hat es verdient! Genauso wie der Mistkerl! Verrecken sollen sie!“, wĂŒtete er und grapschte nach dem Brief, bevor sie ihn aus der TĂŒr zerrten.
Im letzten Moment knallte Alfonso sie hinter sich zu, als auch schon ein Beben durch das Holz lief und ein dumpfer Knall erklang, so als wÀre etwas mit voller Wucht dagegen gesprungen.
Der Onkel war leichenblass im Gesicht als er sich bewusstwurde, dass dies ebenso tödlich hÀtte ausgehen können
„VerstĂ€rkt die TĂŒr! Und das Fenster auf dem Dach verbarrikadiert zusĂ€tzlich noch einmal mit Brettern!“, befahl er den Knechten, wĂ€hrend ein furchterregendes BrĂŒllen alle Bewohner des Hauses erzittern liess



So war es also gekommen, dass Emilia in ihrem Gemach festsass. Drei Tage lang hatte sie sich nicht zurĂŒckverwandelt, war herumgetigert und hatte nach einem Ausweg gesucht. In ihrem Inneren wechselten sich Angst, Wut und Schuld miteinander ab. Denn nicht nur ihr eigenes Schicksal war nun besiegelt, sondern auch das von Dimicus.
Nachdem Wilfried sich von seinem Rausch ausgeschlafen hatte, konnte er es sich nicht nehmen lassen, der jungen Frau voller HĂ€me und Bösartigkeit ein Papier unter der TĂŒr durchzuschieben und darin zu berichten, dass er endlich das Geheimnis um ihren Buhlen gelĂŒftet hĂ€tte!
Die Wachen wĂ€ren bereits unterwegs zu ihm und es wĂ€re nur eine Frage der Zeit, bis Valerius der RosendĂ€mon gevierteilt wĂŒrde oder die KrĂ€hen ihm am Galgen die Augen auspicken könnten.
An diesem Abend hatte Emilia nackt am Boden gelegen und sich weinend in den Schlaf gewiegt.

Sie war entkrÀftet, denn solange sie eine Gefahr darstellte, hatte man ihr nichts zu essen oder zu trinken gebracht.
Emilias Augen waren gerötet und verquollen, doch schliesslich blieben auch die TrÀnen aus.
Nach vier Tagen wagten sie es, die TĂŒr zu öffnen, wĂ€hrend Knechte mit Waffen bereitstanden, um die bösartige Bestie zu töten, falls sie angreifen sollte. Stattdessen fanden sie das MĂ€dchen fast verdurstet in die Decke gewickelt am Boden liegen. Im Raum war es stickig und es roch nach VĂ€kalien. Eilig wurde eine Mahlzeit in ihrer NĂ€he abgestellt von einer Ă€ngstlichen Zofe, dann schloss man sie auch schon wieder ein, ohne ihr zu helfen. Es kostete Emilia das letzte bisschen Anstrengung, den Wasserkrug an ihre Lippen zu setzen und die kostbare FlĂŒssigkeit zu trinken, bevor sie in einen unruhigen Schlaf verfiel.

Sie wusste nicht, wann sie das nĂ€chste Mal erwachte, doch es musste Tag sein, denn durch die Spalten der Bretter fiel Licht in den Raum und tauchte ihn in schummrige Farben. Emilia konnte auch in der DĂ€mmerung gut sehen, so dass sie das Pergament sofort entdeckte, das jemand unter der TĂŒr hindurchgeschoben hatte.

Mein Liebling
Ich hoffe, Du hattest einen guten Schlaf und bist erholt genug, um meinen Brief zu lesen. Heute findet ein besonderes Ereignis statt, das ich Dir nicht verschweigen möchte.
Valerius, der RosendÀmon, konnte endlich geschnappt werden und wir noch heute seinem Urteil erliegen!
Wie schade, dass Du Dich noch nicht von der EntfĂŒhrung durch ihn erholt hast, um sein gerechtes Schicksal am Galgen mitverfolgen zu können.
Doch keine Angst, ich werde Dir spÀter davon berichten.



Zur gleichen Zeit, als der Körper des jungen Mannes qualvoll in der Luft zappelte und um sein Überleben rang, gab die grosse Raubkatze jĂ€mmerliche Klagelaute von sich, welche in der Einsamkeit ihres Zimmers ungehört verklangen.
Der Schmerz wuchs immer weiter an und hatte keine Möglichkeit, sich richtig Bahn zu brechen. Endlich realisierte Emilia, dass sie im Begriff war jemanden zu verlieren, der ihr nÀhergekommen war als diese angebliche Familie, unter deren Dach sie lebte.
Hass, Schmerz und Schuld drohten sie zu ersticken, als auch Dimicus am Galgen in die erlösende Bewusstlosigkeit hinĂŒberglitt.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#85

Beitragvon Dimicus » Do 6. Apr 2017, 10:58

Jede Faser seines Körpers war angespannt. Die alten aber dennoch scharfsinnigen Augen Shazeems beobachteten das PhĂ€nomen vor sich. Wie die Leute vor Freude kreischten, der Adel auf das stattfindende Ereignis trank und nur vereinzelte Gestalten wirkten von dem Schauspiel betrĂŒbt. „Du bist ein verdammter Idiot.“, fluchte der Tamjid leise in sich hinein, als er die letzten Zuckungen des GehĂ€ngten betrachtete. Selbst aus der großen Entfernung konnte er erblicken, wie die letzten Zeichen des Lebens aus dem Körper Dimicus' wichen. Mit einem nachdenklichem Blick schaute er in seine HĂ€nde, die zwei GegenstĂ€nde innehielten. Einerseits ein Brief, geschrieben von Dimicus und adressiert an Emilia Katharina von Kreuzenstein. Daneben noch ein ledernes Band mit der bernsteinfarbenen Brosche, auf der eine Katze abgebildet war.

Diese Dinge waren die letzten WĂŒnsche Dimicus', welche Emilia erreichen sollten. Shazeem wusste nicht, was in dem Brief stand, geschweige denn wieso sein ehemaliger SchĂŒler diesen ĂŒberhaupt verfasst hatte. Er hatte gewusst was kommen wĂŒrde und war die drei Wochen doch zurĂŒckgeschreckt unterzutauchen. Eins musste man diesem jungen Burschen lassen: er hatte Mut. Mit einem wissenden Grinsen jedoch schĂŒttelte der Tamjid diese Gedanken aus dem Kopf. In der Entfernung konnte er beobachten, wie man den Leichnam des jungen Mannes vom Galgen schnitt und es somit vermied, ihn hĂ€ngen zu lassen. Sein Leib verfrachtete man auf einen Karren, der schon bald vom Platz fuhr.

Leise seufzte Shazeem abermals auf. „Du bist ein verdammter Hund. Na gut, dann möge dein letzter Wille geschehen.“, formten die Lippen des Diebes tonlos. Seine Muskeln entspannten sich und er stieß sich von der Wand ab, an der er zuvor angelehnt war. Auf dem Platz herrschte nun noch immer Hochstimmung, genau so wie auf den StĂ€nden fĂŒr die reichen BĂŒrger. Dort war auch Emilias Familie anwesend, alle an der Zahl mitsamt von Wachen. Es war seine Chance.

Zuerst langsam, um kaum verdacht zu erregen, schritt er vom Platz des Geschehens. Doch umso weiter er sich von dem lauten Tumult entfernte, desto schneller begannen ihn seine FĂŒĂŸe zu tragen. Trotz seines Alters hatte er eine solide Athletik und Wendigkeit an den Tag gelegt, was ihn immer wieder ĂŒberraschte, so wie seine Knochen ein manches Mal verdĂ€chtig knackten. Er wusste genau wohin er wollte und so lief er vorbei an HĂ€userfronten und unbelebten Straßen. Kaum jemand war unterwegs. Gut vorbereitet nĂ€herte er sich seinem eigentlichen Ziel, dem Anwesen der Kreuzensteins. Seiner EinschĂ€tzung nach, dĂŒrften nur die Bediensteten Zuhause sein.

Die Entfernung war auch schnell ĂŒberwunden, genau so die ZĂ€une des Hauses. NatĂŒrlich nachdem er einige aufmerksame Blicke durch seine Umgebung hatte haschen lassen. Kaum bei der reich geschmĂŒckten TĂŒr angekommen, zog er einen SchlĂŒssel hervor und schloss die TĂŒr schlichtweg auf. Die stĂŒmperhaften Knechte konnte weder auf ihre Taschen, noch auf ihre Wertsachen aufpassen. Somit schwang die TĂŒr ohne Probleme auf und er trat in den dekorierten Eingangsbereich des Anwesens ein, ehe er die TĂŒr hinter sich zuzog. Welch eine willkommene Ablenkung die Festlichkeiten waren, sodass man am hellichtem Tage in ein Haus einbrechen konnte.

Wild huschten seine Augen hin und her, niemand war zu sehen und vermutlich waren die Bediensteten dabei, die Abwesenheit ihrer Herren zu genießen. Ein weiterer Fakt, dem den alten Mann zu Gute kam. Zwar waren die WĂ€nde und Flure hĂŒbsch geschmĂŒckt, doch aus diesem Grunde war er nicht an diesen Ort gekommen. Zielstrebig steuerte er also die Treppen hinauf, seine Schritten hallten dabei gar nicht wieder und machten fast keine GerĂ€usche. Doch je mehr war ein jammerndes GerĂ€usch zu hören, es glich einer Katze in grĂ¶ĂŸter Not. Es war also eindeutig. Dimicus hatte ihm alles erzĂ€hlt, was er wissen musste und da es keine Hauskatze in den GemĂ€uern gab, wusste Shazeem wohin er musste.

Schon bald stand er vor der verstĂ€rkten TĂŒr eines Raumes, die vollkommen aus dem Gesamtbild des Hauses herausragte. Nicht nur, dass der Rahmen zusĂ€tzlich verstĂ€rkt und das Holz wesentlich massiver schien, auch war das Schloss mehr als widerstandsfĂ€hig. Sicherlich aber nicht gegen die geĂŒbten HĂ€nde eines geĂŒbten Diebes, weswegen Shazeem einfach einen Dietrich zĂŒckte, sich vor das Schloss kniete und versuchte, durch das jammervolle Klagen hindurch das Schloss genauestens zu hören. In nicht weniger als einer Minute gab das Schluss das befriedigende Klicken von sich und gab die Möglichkeit sich öffnen zu lassen. Ein weiterer Blick in seine Umgebung verriet ihm das Fehlen jeder weiteren Person. Augenblicklich öffnete er die TĂŒr und zog dabei die Kapuze vom Kopf.

Was ihn allerdings empfing, war ein mehr als jĂ€mmerlicher Anblick. Von dem fĂŒrchterlichen Gestank im Zimmer einmal abgesehen, erblickte er die Löwin Emilia in einem stark mitgenommenen Zustand. Sie wirkte schwĂ€chlich, ihr Fell war verfilzt und jede Pore ihres Körper schien Trauer auszusprechen. Sein Gesicht verzog sich anfangs aufgrund des Gestankes in eine angewiderte Grimasse, so fing er sich aber schnell wieder und schloss die TĂŒr hinter sich.

Mit hoch erhobenen HĂ€nden deutete er seine fehlende Wehrhaftigkeit an, dann legte er einen Finger auf seine Lippen, forderte Emilia um augenblickliche Ruhe auf. Schon im nĂ€chsten Moment fand er sich mit einem Knie auf dem Boden wieder, kramte aus einer seiner Taschen den Brief und das Lederband hervor. Es war gar nicht so leicht zu finden, bei den vielen eingearbeiteten Taschen in seiner RĂŒstung. „Du musst mir jetzt genau zuhören. Ich bin hier, weil Dimicus wollte das du dies bekommst. Aber noch mehr. Ich möchte dich bitten mit mir zu kommen, den Brief kannst du in Ruhe lesen, doch wir mĂŒssen gegangen sein bevor auch nur einer deiner Verwandten zurĂŒckkommt.“ Seine Worte waren nicht hörbar und nur deutlich mit seinen Lippen in Richtung der Löwin geformt. Darauf legte er den Brief, sowie das Lederband auf den Boden. Allerdings öffnete er den zuvor versiegelten Brief, um ihn gut leserlich der Raubkatze zu offenbaren.

So entfernte er sich wieder davon, lehnte sich gegen die TĂŒr und legte ein Ohr an diese. Mit geschlossenen Augen konzentrierte er sich auf alle GerĂ€usche, die vom Flur aus kommen können, wĂ€hrend er Emilia genug Zeit ließ. Hoffentlich wĂŒrde sie ihn nicht in ihrem Delirium anfallen oder anderweitig schĂ€digen, doch musste er ihr genau so vertrauen wie sie ihm.
GlĂŒck ist der Mangel an Informationen.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#86

Beitragvon Emilia » Fr 7. Apr 2017, 16:07

Als ein schwacher Streifen Licht durch die TĂŒr hereinfiel, vermutete Emilia zuerst Wilfried, der gekommen war, um ihr von Dimicus Ende zu berichten. Ihr ZeitgefĂŒhl war irgendwann verloren gegangen in den letzten Tagen und ihre Augen nahmen ihn nur als verschwommenen Schemen war. Das Fauchen musste wenig ĂŒberzeugend klingen, denn ihre Kehle fĂŒhlte sich bereits wieder ausgetrocknet an und tatsĂ€chlich liess sich der unerwĂŒnschte Besucher nicht einmal davon beeindrucken.
Nichtsdestotrotz war es ĂŒberraschend, dass er die TĂŒr hinter sich ins Schloss zog. Sie musste wirklich einen jĂ€mmerlichen Eindruck machen, wenn er sich mit der Bestie einsperren liess.
Wilfried verhielt sich jedoch weiterhin seltsam, und hob seine HĂ€nde ĂŒber den Kopf. Eine Geste, welche sie allzu sehr an eine andere Person erinnerte. Doch war das möglich?

Emilia erhob sich von ihrem erhöhten Platz und hĂ€tte beinahe, von einem plötzlichen SchwindelgefĂŒhl ergriffen, den Halt verloren. Alles drehte sich um ihre eigene Achse und sie hatte MĂŒhe, ihre Augen auf einen Punkt zu fixieren. Der Abstieg verlief schwerfĂ€llig und unbeholfen, doch schliesslich spĂŒrte sie den Boden unter ihren Tatzen.
Seinen Körpergeruch konnte sie nicht ausmachen, so sehr verpesteten ihre eigenen FÀkalien die Luft, wobei sie auch dies kaum mehr wahrnahm. Ihr Bauch gab ein unwilliges Knurren von sich, doch sie beachtete es gar nicht. Stattdessen blieb sie stehen richtete ihren Blick auf den Mann, der sich gerade auf ein Knie niederliess. Es waren vor Allem seine Bewegungen, welche ihr verrieten, dass es sich weder um Wilfried, noch um Dimicus handeln konnte. TrÀge schritt sie bis zur Mitte des Raumes vor und endlich stellte sich ihre Perspektive schÀrfer, als der Mann nun nur noch wenige Meter von ihr entfernt auf Augenhöhe war.
Shazeem?, undeutlich konnte sie sich an sein Grinsen erinnern, als sie ihn im Diebesgewölbe kennengelernt hatte. Was wollte er hier? Was mochte dies bedeuten?

Viel zu spĂ€t begriff sie, dass er mit ihr sprach und seine Worte verklangen ungesehen in dem grossen Raum. Mit ihren smaragdgrĂŒnen Augen klammerte sie sich an der Gestalt wie an einem rettenden Strohhalm fest.
Warum war er hier? Lebte Dimicus vielleicht noch? Oder wollte er ihr die Hiobsbotschaft ĂŒberbringen? Nun die wĂŒrde sie auch frĂŒh genug noch von Wilfried erfahren.
Doch dann zog der Tamjid plötzlich einen Umschlag aus seiner Tasche sowie ein Lederband, das ihr Herz einen Sprung machen liess. Umso schmerzlicher spĂŒrte sie nun wieder das GefĂŒhl des Verlustes in sich aufkommen und ein unendliches Seufzen erklang tief aus dem mĂ€chtigen Brustkorb heraus.
Der Ältere verschwand jedoch nicht einfach wieder, wie sie es fĂŒr einen kurzen Moment hoffte, um sie in ihrem UnglĂŒck zurĂŒckzulassen. Stattdessen legte er ihr den Brief mit Dimicus fein geschwungener Schrift vor und lehnte sich dann gegen die TĂŒr. Einen Moment erkannte Emilia ihren einstigen Begleiter in ihm wieder, eindeutig hatte er sein Handwerk von einem guten Meister erlernt.

Offensichtlich erwartete er, dass sie den Brief las, doch es kostete Emilia einiges an Überwindung. Vermutlich waren dies die letzten Worte, die sie jemals von ihm lesen wĂŒrde.
Bestimmt machte er ihr VorwĂŒrfe, wie sie es verdient hatte!
Schliesslich setzte sie sich erschöpft hin und begann den Abschiedsbrief zu entziffern. Immer wieder drohte er vor ihren Augen zu verschwimmen und es kostete sie einiges an Anstrengung, sich auf den Inhalt zu konzentrieren.

Liebste Emilia,

auch wenn es seltsam fĂŒr mich ist diese Worte zu schreiben, so muss ich dir gleich von Anfang an sagen, dass du in einigen Punkten einfach Recht behĂ€ltst. Mehrmals habe ich mir deine Worte durchgelesen, eine ganze Weile darĂŒber nachgedacht.
Ich selbst entscheide mich dazu, meine Kunst auszuĂŒben und zu töten. Auch wenn du es missbilligst, so ist es ein Teil von mir, der jedoch ein Ende finden wird. Das Ende ist mir nahe, dass weiß ich sehr gut. Mein Schicksal ist bereits besiegelt worden, als ich dich habe gehen lassen.


Nun, da waren sie, die Anschuldigungen, die sie hatte kommen sehen. Er hatte von Anfang an geahnt, dass er ihr nicht vertrauen konnte. Und tatsÀchlich hatte sie sein Schicksal besiegelt.
Doch ich habe Dich nicht absichtlich verraten!, hÀtte sie ihm gerne geantwortet und gab einen verzweifelten Laut von sich und sie musste sich dazu durchringen, den Blick wieder auf die Zeilen zu fokussieren.

Du bist wahrlich das erste Wesen, welches ich meinen Gedanken als wĂŒrdig erweise. Zuerst habe ich gekĂ€mpft, mich dagegen gewehrt. Doch was bringt es mir, zu sagen dich vergessen zu wollen? Du hattest es geschafft, meine Stimmen zum Schweigen zu bringen und mein fĂŒhlendes Sein zu wecken. Etwas, was ich nicht wieder umkehren kann. DafĂŒr bin ich dir dankbar, auch wenn es zu spĂ€t ist.

Emilia war zu erschöpft, um den tieferen Sinn der Worte zu begreifen.
Von welchen Stimmen sprach er?, fragte sie sich und schaute einen Moment nachdenklich Shazeem an. Dieser beobachtete sie aus den Augenwinkeln heraus und traute der Löwin offensichtlich nicht hundert prozentig ĂŒber den Weg.
Warum war er bloss hier? Und worauf wartete der Tamjid? Jeden Moment konnten bestimmt die Hausbewohner zurĂŒckkehren und dann sass er in diesem Zimmer in der Klemme, genau wie sie.
Es fiel ihr schwer klar zu denken, doch etwas an Dimicus Aussage berĂŒhrte sie dennoch in ihrem Inneren. Er schĂ€tzte sie als Person und er war ihr dankbar. WofĂŒr verstand sie in diesem Moment nicht gĂ€nzlich und nur allzu gern hĂ€tte sie ihn danach gefragt.

Denn umso mehr weiß ich, dass ich dich abermals in das Verderben gestĂŒrzt habe. Shazeem hat deine Familie beobachten lassen und mir berichtet, wie es dir erging. Eingesperrt wie ein wildes Tier, gehalten um einfach nur diesem einen Zweck zu dienen, der dir auferlegt wurde.
Doch aus diesem Grunde bin ich auch froh, dass du meinen grÀsslichen Tod nicht anschauen musst, sofern man dich nicht zu meiner Hinrichtung mitnimmt. Er wird weder meines Genies angemessen noch schön sein, leider ist er aber unumgÀnglich.


Emilia jaulte wiederum auf und gab klagende Laute von sich. Er hatte gewusst, dass er sterben wĂŒrde.
Doch warum war er dann nicht gegangen? Hatte er sich selbst etwas beweisen wollen?
Shazeem warf ihr einen warnenden Blick zu.
Warum verschwand der Kerl nicht endlich und liess sie in ihrem Elend alleine?
Vielleicht musste sie ihm erst beweisen, dass sie wirklich ein wildes Tier war, damit er sie in Ruhe liess.

Die junge Frau wusste nicht, auf welche Weise Dimicus hingerichtet wurde, doch sie konnte seine Worte plötzlich nachvollziehen. Er hatte ihr einmal erklĂ€rt, dass er in dem Tode ihres Vaters etwas Wertvolles und UnvergĂ€ngliches geschaffen hatte mit Hilfe seiner Kunst. Auch wenn sie es damals nicht verstehen konnte und wollte, begriff sie nun doch, welch unwĂŒrdiges Ende dies fĂŒr den RosendĂ€mon bedeuten musste.

So will ich dich auch um etwas bitten. Eine letzte Bitte bezĂŒglich deines Lebens. Vertraue Shazeem und schnappe dir deine Kleidung, folge ihm hinaus und lass dich leiten. Nur er weiß noch, wie du entkommen kannst. Er wird dir nichts tun, ich verspreche es dir.

Gezeichnet
Dein guter Freund
Dimicus


Selbst im Tode sorgte er sich noch um ihr Wohlergehen!
Deshalb war Shazeem also noch hier und wartete geduldig darauf, dass sie sich ihm anvertraute.
Die Gestaltwandlerin verspĂŒrte einen dicken Kloss in ihrem Hals, doch ihre TrĂ€nen waren alle aufgebraucht. Dann betrachtete sie das Bild, welches unter den schwungvollen Zeilen hinzugefĂŒgt worden war. Es war ihr eigenes Abbild einer Katze, das ihr entgegenschaute mit offenem und neugierigem Blick, bereit die Welt zu erobern.
Noch wĂ€hrend sie darĂŒber nachdachte, was fĂŒr einen Sinn es machte, Shazeem zu folgen, begann bereits die Verwandlung. Es war die letzte Bitte von Dimicus an sie, die Emilia dazu bewog, sie nicht zu hinterfragen.
Einige Minuten spĂ€ter hockte an der Stelle der Löwin ein zitterndes und schluchzendes HĂ€ufchen Elend mit verfilztem braunem Haar, und starkem Körpergeruch der darauf schliessen liess, dass das letzte Bad schon einige Tage zurĂŒckliegen mochte.

Shazeem musste ihr beim Ankleiden helfen, nachdem sie ihre Kleider unter ihrem Bett hervorgeklaubt hatte. Der Umhang fĂŒhlte sich schwer an, und schien sie auf den Boden zurĂŒckziehen zu wollen, als sie schliesslich voll bekleidet neben dem Tamjid stand.
Als er zur TĂŒr hinaus spĂ€hte, um einen Überblick ĂŒber die Lage zur erhalten, bĂŒckte sich Emilia nach dem Brief und dem Lederband, die noch immer verloren im Raum am Boden lagen. Dabei bewegte sie sich jedoch allzu hastig fĂŒr ihren geschwĂ€chten Körper, der durch die Verwandlung zusĂ€tzlich mitgenommen wurde. Vor ihren Augen drehte sich alles und bunte Flecken tanzten in ihrem Blickfeld herum.
Als sich Shazeem zu ihr umwandte, sah er gerade noch, wie der schmale Körper kraftlos in sich zusammensackte.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#87

Beitragvon Dimicus » Sa 8. Apr 2017, 02:16

Vollkommen ruhig verharrte Shazeem an der TĂŒr, achtete auf jedes kleine GerĂ€usch das vor der TĂŒr zu entstehen versuchte. Jedoch war keinerlei Schritt zu hören, nicht einmal dumpfe Stimmen oder weiter entfernte GerĂ€usche. Es war mucksmĂ€uschenstill in den GemĂ€uern der Kreuzensteins, weswegen der Ă€ltere Mann hin und wieder zu Emilia blicken konnte, genau im Blick habend was sie trieb. Ihre Löwengestalt war durchaus beeindruckend, vermutlich wĂ€re sie eine wahre Augenweide fĂŒr JĂ€ger. Jedoch waren seine Blicke vorerst flĂŒchtig und nur darauf achtend, dass sie keinerlei Dummheiten macht.

Es verging ein wenig mehr Zeit, in der sie in bitteren Tönen jaulte und ihrem Verlust nachzutrauern schien. Er konnte es ihr nicht verĂŒbeln, sie war in dem Glauben einem ihr wohl wertvollen Menschen verloren zu haben. Die Blicke die sich sie und Dimicus immer ausgetauscht hatten, waren mehr vielversprechend. Doch in ihrem Zustand war es mittlerweile nicht einmal mehr möglich, dass sie sich selbststĂ€ndig ankleiden und kaum bewegen konnte. Es sollte schwierig werden mit ihr zu entkommen, dieser Zustand war katastrophal.

Als sie dementsprechend wieder in ihrer menschlichen Gestalt war und vollkommen nackt dort wie das HĂ€ufchen Elend saß, was sie in diesem Moment war, konnte Shazeem nicht gĂ€nzlich umher kommen, auf ihre angenehm weiblichen Rundungen zu achten. Damit verbrachte er aber besser nicht einmal mehr viel Zeit, sondern half der jungen Frau in ihre Kleider. Es war ein komplizierter Akt. Ihre Feinmotorik schien vollkommen hinĂŒber, so verfehlte sie den Ärmel, schwankte bei jeder kleinen Bewegung und drohte jedes Mal einfach umzukippen. Der Dieb hatte die gesamte Zeit die Sorge, es wĂŒrde auch geschehen.

Seine Freude dass es doch nicht passierte, wĂ€hrte nicht lang. Noch wĂ€hrend er ein letztes Mal prĂŒfte ob der Weg frei war, sah er noch im Augenwinkel die junge Frau wanken und schließlich fallen. Der samtige Teppich fing zum GlĂŒck ihren Sturz auf, allerdings war das dumpfe GerĂ€usch nicht zu ĂŒberhören. Etwas genervt seufzte Shazeem auf, so machte es alles wahrlich komplizierter. Das fehlte mir jetzt auch noch. Dimicus, du schuldest mir danach mindestens ein Met. Sofort eilte er herbei, steckte sowohl das Lederband als auch den Brief in einer der Taschen Emilias und hob sie an. Zu seiner Überraschung war sie federleicht in seinen Armen, vermutlich des Aushungerns und ihrem schlechten Zustand geschuldet, ganz von ihrer eigentlich zierlichen Statur zu schweigen.

„Dann mĂŒssen wir das halt so machen.“, flĂŒsterte er vor sich her, als er sie auf beiden Armen trug und versuchte, ihre leblosen Arme um seine Schultern zu schlingen. Ein durchaus schwieriges Unterfangen, wenn sie nicht dort bleiben wollten wo sie waren. Doch letztendlich erreichte er es ihre Arme ĂŒber Kreuz um seine Schultern zu legen und ihm das Tragen somit erheblich zu erleichtern. WĂ€hrend also der linke Arm sich um ihre Schultern schlang, ging der Rechte unter ihre Kniekehlen. So sie einigermaßen sich tragend, stieß er die TĂŒr möglichst leise mit einem Fuß auf.

Der Flur vor ihm war frei, so schritt er eiligen Schrittes sofort hinaus. Sein Blick ging nach links und rechts, erneut rief er sich ab wo er nun hin musste. So trugen ihn seine FĂŒĂŸe durch die Flure zum oberen Treppenabsatz, es war weiterhin ruhig und niemand zu sehen. Allerdings knarzte die Treppe durch das erhöhte Gewicht doch bei jedem Fußtritt laut auf, Shazeem hatte schon Angst, sie wĂŒrde einfach wie ein Strohhalm unter ihnen brechen. Seine Sorge blieb jedoch unbegrĂŒndet, so erreichte er unbeschadet das Erdgeschoss und machte sich direkt in Richtung der TĂŒr auf. Siegessicher konnte er schon seine Flucht auf der Zunge schmecken und durch seine Adern pulsieren spĂŒren, als er direkt vor dem Portal nach draußen stand. Statt er jedoch die TĂŒr öffnete, schob sie sich von außen auf.

Augenblicklich befanden sich zwei vollkommen fremde Parteien direkt gegenĂŒber. Wilfried, so wie er dachte dass er es war, starrte Shazeem vollkommen unglĂ€ubig an. Dieser Moment schien vollkommen eingefroren und der Witz der Situation der erstreckte sich ĂŒber einige Sekunden des gegenseitigen Anstarrens. Beide blinzelten sich vollkommen verdutzt an, keiner Begriff wie es um den anderen geschah. Gerade so schaffte es Shazeem jedoch, sich aus dieser Schockstarre zu befreien. „Ich muss mir Emilia auf unbestimmte zeit ausleihen. Vielen Dank fĂŒr Euer EinverstĂ€ndnis. Einen schönen Abend!“ Mit einem krĂ€ftigen Tritt gegen das Holz der TĂŒr, war er jene zu und Wilfried gleich vom Treppenabsatz des Einganges. Man hörte von draußen nur noch ein lautes Fluchen und wilde Schreie. Es war Zeit von dort zu verschwinden!

Ohne Umschweife machte er auf dem Absatz kehrt und rannte blindlings los. In der Hektik musste er auch noch nachdenken, wie er heraus kam! Bad? Nein! GĂ€stezimmer? Nein! Salon 
 ja, die TĂŒr in den Garten! UngestĂŒm rannte er durch die GĂ€nge, stieß dabei eine Maid die nach dem Rechten sehen wollte um, was er mit einem erschrockenen Schrei quittiert bekam. Er schlug jedoch keine Umwege ein und trat sich durch eine TĂŒr nach der anderen, bis er beim Salon angelangt war und die rettende TĂŒr in den Garten erblickte. Hinter ihm hörte man schon die ersten lauten Schreie der Familie, die ihm nachstellten. Schnelle Fußschritte nĂ€herten sich von hinten.

Mit grĂ¶ĂŸten Schritten eiferte er weiter, trat die TĂŒr nach draußen auf und sprang die paar AbsĂ€tze nach unten in den Kiesweg. Ein Knacken lag in seinen Ohren, als er einen stechenden Schmerz im RĂŒcken spĂŒrte. SchmerzerfĂŒllt stöhnte er auf, als er weiterlief. Verdammter RĂŒcken! Seine Blicke gingen wild umher, suchten nach einem Ausweg. Dabei trampelte er sĂ€mtliche Beete platt, die teuren Petunien, hier die StiefmĂŒtterchen und schließlich auch noch einige Rosen. Sie alle fielen seinen Stiefeln zum Opfer, als er auf das Tor des Garten zusteuerte. „Stehen bleiben!“, hallte es noch von hinten. Die lassen wirklich nicht locker, wie?

Dabei spĂŒrte er auch noch zarte Bewegungen Emilias, die sich vollkommen erschöpft in seinen Armen wand und durch das Ganze wohl auch noch aufgewacht zu sein schien. Das war mehr als unpraktisch, als sie sich aus seinen Armen herauswand – vermutlich versehentlich. Gerade noch rettete er sie und sich selbst vor dem Stolpern, als das Gewicht sich verlagerte. Elegant wie er es stets zu sein versuchte, fing er sich schnell wieder und gelangte am Gittertor an. Oder eher – stĂŒrmte mitten hinein. Von weitem hatte er schon sehen können, dass es solide war und somit mehr Kraft brauchte.

Dabei riss er auch das Tor auf, jedoch damit Emilia und sich zu Boden. Wie zwei Puppen plumpsten sie zu Boden und rollten kurz weiter. Dabei wurde die Luft aus seinen Lungen gepresst und sein geschundener RĂŒcken machte es nicht besser! Er wĂ€re aber keinerlei Dieb, wenn er damit nicht umzugehen wĂŒsste. Sofort zwang er sich tief einzuatmen, sich aufzurappeln und ohne RĂŒcksicht auf Verluste Emilia anzuheben. Etwas grob landete sie schließlich ĂŒber seiner Schulter, wobei ein kurzer Blick zurĂŒck in den Garten die verfolgenden Verwandten preisgab. Sie sahen nicht gerade glĂŒcklich aus. Mit der linken deutete er nur noch einen kurzen Salut an, ehe er weiter zu laufen begann. Jetzt jedoch mit höherer Geschwindigkeit durch die Gassen. Seine Augen irrten umher und trafen auf viele verwunderte Blicke. Zum GlĂŒck verbarg sich sein Gesicht zum Großteil unter einer Kapuze.

Einige ausgewichene Wachen, zerstörte ObststĂ€nde und AbkĂŒrzungen durch Gassen spĂ€ter hatte es der alte Mann tatsĂ€chlich geschafft. Schwer keuchend ruhte er mit Emilia in einer abgelegenen Straße, die fast nur von Bettlern bevölkert wurde. In einer kleinen Einbuchtung, geschĂŒtzt vor Sonnenlicht und neugierigen Blicken hockten sie zwischen kalten Mauern. Emilia war sanft an eine Wand angelehnt worden, wĂ€hrend Shazeem versuchte sich seinen RĂŒcken wieder gerade zu richten. Seine „Heilkur“ bestehen aus Strecken und Dehnen wirkte wahre Wunder, nachdem sich etwas in seinem RĂŒcken mit einem Knacken wieder richtete. „Es wird Zeit fĂŒr meinen beschissenen Ruhestand.“, fluchte er leise vor sich her, bevor er sich Emilia zuzuwenden begann.

Die junge Frau wirkte vollkommen verloren, andererseits auch Ă€ngstlich. Das kĂŒmmerte Shazeem keinen Moment, es blieb ihnen nicht viel Zeit, bis sie in Sicherheit waren. Auffordern hockte er sich vor ihr, blickte ihr fest in die Augen. Zwar sanft, aber dennoch bestimmt griff er mit einer Hand ihr Kinn und drehte ihren Blick zu ihm. „Kannst du laufen?“, fragte er sie mit langsamen Worten. Zuerst schien sie nicht zu verstehen, doch zögerlich kam ein schwaches Nicken ihrerseits. „Gut.“ Ohne ihr eine weitere Pause zu gönnen, zog er sie an einem Arm nach oben in den Stand, legte diesen um seine Schultern und stĂŒtzte sie somit. Tief atmete er ein weiteres mal durch, ehe er sich aus ihrem Versteck bewegte und ihr die Kapuze tief ins Gesicht zog.

Es war sehr schwer, Emilia weiter zu stĂŒtzen und dennoch versuchte sich Shazeem daran, durchzuhalten. Inzwischen war auch er stark angeschlagen, die Flucht hatte ihre Spuren an ihm hinterlassen. Das Alter hatte er dafĂŒr eigentlich auch nicht mehr. Jetzt galt es jedoch mit Ă€ußerst ruhigem Schritten durch die Straßen zu manövrieren und neugierigen Blicken zu entgehen. Ihr nĂ€chstes Ziel lag abgelegener am Rande Drakensteins. Unter seiner FĂŒhrung und seiner restlichen Kraft fĂŒhrte er sie und sich ohne Probleme auf diesen Weg. In der Ruhe konnte er besser Gefahren ausmachen und diesen noch leichter ausweichen. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ankamen.

Schon bald schĂ€lte sich zwischen einigen HĂ€usern an einem der Randgebiete der Stadt eine kleine Kirche hervor, einer von vielen in Drakenstein. Diese war Shazeems und damit auch Emilias Ziel. Das Stadtviertel schien nicht so belebt, wie etwa die eher mittig gelegenen. Ruhe kehrte ein und es war mittlerweile auch die Dunkelheit ĂŒber sie hereingebrochen. Der Abend hatte Einzug gehalten. „Gleich da.“, murmelte Shazeem vor sich her, als er eine ihm bekannte Person erblickte. Sie lehnte im Schatten und war kaum zu sehen, wenn man nicht wusste wohin man schauen sollte. Er nickte in den Schatten, welcher erwiderte. Sie ĂŒberquerten die Straße vor der Kirche, statt jedoch direkt hinein, bogen sie seitlich in den Schatten ein. Eine breite aber in völliger Dunkelheit gehĂŒllte Straße offenbarte sich, mehrere zwielichtige Gestalten tummelten sich dort, bewaffnet mit Schwertern und schwarzen LederrĂŒstungen, die sie mit den Schatten verschmelzen ließen. Alle nickten ihm zu, waren offensichtlich auf ihre Ankunft vorbereitet.

Das fĂŒhrte auch dazu, dass Shazeem Emilia letztendlich zu einer Kellerklappe fĂŒhrte, vor der eine weitere Wache postiert war. „Ist er schon wach?“, ertönte Shazeems Stimme, als er in die Gewölbe eintrat, aus dem der Lichtschein von Fackeln zu entfliehen versuchte. Wie eine willkommene Oase wirkte es, die sich aus der Finsternis schĂ€lte und zum Verweilen einlud.

„Noch nicht, es sollte aber bald soweit sein. Der Absud muss noch vollstĂ€ndig abklingen.“, antwortete der WĂ€chter als sie vorbeigingen. Darauf verschwand Shazeem auch schon mit der jungen Frau im Schlepptau in die Gewölbe. Schnell wurde klar, dass es sich um eine Totenhalle handelte, sie jedoch nur sein klein schien. Nicht mehr als ein kurzer Flur, gemeißelt aus kalten Ziegeln, fĂŒhrte in einen Raum der von Kerzen erleuchtet war. Dort verweilten drei Personen zwischen rostigen Werkzeugen fĂŒr die Einbalsamierung der Toten. Ein gut genĂ€hrter Mann in einer braunen Robe untersuchte einen weiteren, der in Kleidung eines Gefangenen gehĂŒllt war. Dieser lag auf einem der SteinbĂ€nke, wirkte vollkommen leblos und schien tot zu sein. Daneben stand ein weiterer Mann, wie die Wachen die draußen waren.

MĂŒden Schrittes brachte Shazeem die junge Frau zu dem Steinbett direkt daneben und setzte sie darauf ab. Er blickte sie an, lĂ€chelte ihr verwegen zu und meinte: „Das hast du gut gemacht. Der Mistkerl von Dimicus wĂ€re sicherlich froh dich zu sehen, wĂŒrde er nicht gerade noch toter Mann spielen. Ruh dich erst einmal aus, er brauch noch ein wenig.“ Zwar wusste Shazeem nicht ganz, ob sie jedes Wort hatte lesen können, trat dann aber einen Schritt zur Seite und zeigte nun gĂ€nzlich den Körper, der auf der Steinbank ihr gegenĂŒber lag. Neben einer schwindenden BlĂ€sse, war nur ein blĂ€uliche VerfĂ€rbung an seinem Hals zu sein, welche jedoch nicht ernsthaft schien. Dennoch wirkte Dimicus wie eine Leiche, ausschließlich wenn man ganz genau, mit der allergrĂ¶ĂŸten Sorgfalt schaute, erkannte man ein sehr seichtes Atmen. Am Tage und in Hektik hĂ€tte man es nie gesehen.

Vorsichtig tippte Shazeem dem dicklichen Mann an und deutet auf Emilia. Dieser erkannte sofort was zu tun war, nahm ein FlĂ€schchen von einem nahestehenden Tisch und ergoss dessen Inhalt in eine hölzerne Schale. Ohne ein Wort zu sagen ging er zu Emilia, reichte ihr das SchĂ€lchen mit dem stĂ€rkenden Trunk und deutet an es zu trinken. Dankend nickend nahm dies Shazeem zur Kenntnis, klopfte Emilia noch sachte auf die Schulter, ehe er krĂ€ftig gĂ€hnte. „Ich kehre zum Gasthaus zurĂŒck, informiert mich morgen, was sich ergeben hat und wie es Dimicus geht. Erinnert ihn daran, dass er uns nun seine Dienste schuldet. Gute Arbeit.“ Damit verschwand auch Shazeem aus dem Bilde der Totenhalle, als er durch das Portal in den Gang schritt und nur noch seine Schritte die Treppe hinauf zu hören waren.
GlĂŒck ist der Mangel an Informationen.
- Nico Semsrott

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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#88

Beitragvon Emilia » Do 20. Apr 2017, 16:52

Wo waren sie hier?
Emilias Augen versuchten unter der Kapuze hindurch zu spÀhen, die Shazeem ihr vorsorglich tief ins Gesicht gezogen hatte. Die Fassaden der HÀuser, an denen sie vorbei huschten, machten einen zunehmend schlichteren Eindruck. Die prunkvollen steinernen GemÀuer wichen einfacheren Riegelbauten, die Gassen wurden enger und die Gestalten, die sich darin bewegten trugen einfache Leinen- und WollgewÀnder.
Emilia erinnerte sich vage daran, dass Shazeem ihr beim Ankleiden helfen musste, dass sie sich dann nach dem Brief und dem Lederband bĂŒcken wollte, und dann war alles schwarz geworden. Sie musste zusammengebrochen sein. Doch wie war sie plötzlich mitten in den Strassen Drakensteins gelandet?

Misstrauisch blickte sie Shazeem an, der sich darum bemĂŒhte die junge Frau zusĂ€tzlich zu stĂŒtzen. Kurz wollte Emilia seinen Arm abschĂŒtteln, doch ihre Beine fĂŒhlten sich so wabbelig an wie der Vanillepudding der Hausköchin, so dass sie den Drang sogleich von sich schob.
Langsam mobilisierten sich jedoch ihre Erinnerungen. Die frische Luft war wie ein Lebenselixier und liess sie wieder klar denken. Shazeem hatte sie aus dem Haus getragen, sie waren durch den Garten gerannt
 der Geruch nach frischer Erde und RosenblĂŒten wallte augenblicklich in ihrem GedĂ€chtnis auf.
Er hatte das Gittertor einfach ĂŒber den Haufen gestĂŒrmt. UnwillkĂŒrlich blickte Emilia an sich herunter und spĂŒrte sogleich auch wieder das Pochen in ihrer Schulter, mit der sie beim Sturz unsanft aufgekommen war. Auch ihre Kleider hatten Spuren davongetragen und waren verschmutzt. Einen Moment betrĂŒbte der Gedanke die junge Frau, als die bequeme und praktische Kleidung sie an Dimicus erinnerte. Kurz glitt jedoch ein bekĂŒmmertes LĂ€cheln ĂŒber ihre Lippen. Er war vermutlich der erste und letzte Mann gewesen, der ihr ausgerechnet Hosen geschenkt hatte.

Plötzlich verlangsamte Shazeem die Schritte und schliesslich blieb er sogar stehen. Erschöpft von dem Spiessrutenlauf hielten die beiden Gestalten inne. Verwundert und misstrauisch zugleich fuhr Emilias Blick herum.
Wo brachte Shazeem sie hin? Und wieso? Und was hatten Dimicus Worte aus dem Brief damit zu tun?
Sie durchquerten eine dĂŒstere Gasse, die der jungen Frau eine GĂ€nsehaut ĂŒber den RĂŒcken jagte. Unbehaglich drĂ€ngte sie sich gar nĂ€her an den Ă€lteren Mann heran, der ihr wenigstens ein klein wenig Sicherheit bot.
„Gleich da“, murmelte Shazeem vor sich her, als er ihre Unsicherheit bemerkte.

Die Kirche ragte bedrohlich vor ihnen auf. Unweigerlich duckte sich die Gestaltwandlerin. Sie hatte das GefĂŒhl, als wĂŒrde die finster blickende BĂŒste ihr mahnende Worte zurufen.
„Kehre nach Hause zurĂŒck, wo du hingehörst! BĂŒsse fĂŒr deine SĂŒnden, die du begangen! Übe dich in Bescheidenheit und Demut! Ehre deine Familie und sei ihnen eine gute Dienerin, wie es sich fĂŒr eine anstĂ€ndige Hausfrau gehört! Lege deinen falschen Ehrgeiz und Stolz ab! Verwirf deine frevelhaften Gedanken und zeige Reue!“
Als sie jedoch nÀhertraten, waren es bloss die Schatten, hervorgerufen durch eine flackernde Laterne, welche ihr die Lippenbewegungen vorgetÀuscht hatten.
Bevor Emilia sich fragen konnte, was der Dieb in einem der GotteshÀuser zu finden ersuchte, bog er mit ihr auch schon in eine Seitengasse ein, wo sich zwielichtige Leute tummelten.
Zielstrebig fĂŒhrte Shazeem sie zu einer Kellertreppe und fĂŒhrte die beunruhigte Frau in das Gewölbe hinunter.

Es war der unheimliche Geruch, der Emilia umso mehr verstörte, als es die dunkel gewandeten Wachen oder die in Schatten gehĂŒllte RĂ€umlichkeit vermocht hĂ€tten. Es lag etwas in der Luft, was sie noch nie gerochen hatten, das ihr aber einen Schauer ĂŒber den Körper jagte und ihren Leib erzittern liess. Als sie die Gruft betraten, begriff das MĂ€dchen noch immer nichts. Sie bemerkte eine Öllampe, dazu da, das eigenartig sĂŒssliche Odeur verwesenden Fleisches zu ĂŒberdecken, das wie ein Schleier im Raum schwebte, selbst dann, wenn der Tod nicht zugegen war.
Emilia war jedoch viel zu entkrÀftet, um Shazeem Gegenwehr zu leisten, der sie ohne UmstÀnde in die Totenhalle beförderte und sie auf ein Steinbett setzte. Das Unwohlsein war ihr jedoch anzusehen und die unwirkliche BlÀsse ihres Gesichtes liess sie selbst wie ein Gespenst erscheinen.
Er setzte sich neben sie und meinte dann mit einem verwegenen LĂ€cheln: „Das hast du gut gemacht. Der Mistkerl von Dimicus wĂ€re sicherlich froh dich zu sehen, wĂŒrde er nicht gerade noch toter Mann spielen. Ruh dich erst einmal aus, er brauch noch ein wenig.“
Die junge Frau starrte Shazeem verstĂ€ndnislos an. Sie war unkonzentriert und wĂŒnschte sich wieder nach Draussen, an die frische Luft. Das ParfĂŒm der Öllampe vernebelte ihre Gedanken und plötzlich hatte sie das GefĂŒhl zu ersticken.

Erst als der Dieb aufstand und zum Steinbett nebenan trat, wurde Emilia des Leichnams richtig gewahr. Sie spĂŒrte, wie das Entsetzen sich wie eine Stichflamme in ihr ausbreitete und ein seltsamer Laut kam ĂŒber ihre Lippen, der den rundlichen Mann auf den Plan rief.
Emilia wollte aufstehen, um sich davon zu ĂŒberzeugen, ob der Tote wirklich Dimicus sei!
Warum hatte Shazeem sie hierhergebracht? War dies ein Akt der Rache? Um ihr die eigene Schuld zu verdeutlichen?
Bevor sie jedoch einen Schritt gehen konnte, war bereits der Dicke neben ihr und schob sie auf die Liege zurĂŒck. Emilia versuchte ihn abzuwehren, doch sie war zu schwach dafĂŒr. Eindeutig wollte er, dass sie den Becher austrank, den er ihr auffordernd unter die Nase hielt.
Wollte er sie damit vergiften? Wer konnte das schon sagen?
Kaum fĂŒhrte sie die Schale an ihre Lippen, stand Shazeem neben ihr und sprach wiederum. Emilia wollte jedoch nichts mehr von ihm wissen. Sie wollte sich nur noch davon ĂŒberzeugen, dass dort wirklich Dimicus lag, erhĂ€ngt durch einen Strick.

Der pummelige Kerl liess sie gewÀhren, als sie sich schliesslich etwas wackelig aber nichts destotrotz voll von grimmiger Sturheit auf die Beine kÀmpfte und zum Totenbett ging.
UnwillkĂŒrlich hatte sie die Luft angehalten und Ă€ngstlich bedachte sie den in das Gewand eines Verurteilten gehĂŒllten Leib.
Ihre Augen fĂŒllten sich mit TrĂ€nen und rannen salzig warm ĂŒber ihre Wangen, als sie ihren lieb gewonnen Freund erkannte. Er ist tot!
Er war bleich wie ein Leinentuch und. Emilia begann am ganzen Körper zu zittern. In ihrem Innern tobte es und sie verspĂŒrte den Drang sich zu verwandeln und davonzulaufen.
Erinnerungen wallten in ihr hoch und erfĂŒllten sie mit einer Trauer, die sie selbst kaum fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte.
Die junge Frau war so von ihren Emotionen ĂŒberwĂ€ltigt, dass sie weder die kaum wahrnehmbaren Atembewegungen bemerkte, noch dass sein Geruch nichts von Verwesung an sich hatte. HĂ€tte sie ihn berĂŒhrt, hĂ€tte die WĂ€rme seines Körpers sie getröstet, doch Emilia war nicht in der Lage, sich ihm weiter anzunĂ€hern.
Sie hatte seinen Tod zu verantworten.
Im selben Moment, als der Gedanke sich in ihrem Kopf manifestierte, ĂŒbermannte sie die Übelkeit wie ein heftiger Fausthieb. Ihr Leib krĂŒmmte sich zusammen, als Emilia den StĂ€rkungstrank auf den Boden ĂŒbergab.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#89

Beitragvon Emilia » Mi 3. Mai 2017, 17:43

Dimicus

Die Traumlosigkeit seines Scheintodes ließ Dimicus wie ein Geist schwebend in der SchwĂ€rze seines Unterbewusstseins verharren. Der Trank hatte volle Wirkung entfaltete und es dem KĂŒnstler ermöglicht, seinen Körper zu verlassen. In der Finsternis des Unbekannten verweilte er meditierend, darauf wartend wieder zu seinem Körper zurĂŒckkehren zu können. Nur Dimicus und seine Gedanken tauschten sich aus, dachten ĂŒber alles nach, was sie von nun an tun wĂŒrden. Sein Verstand war losgelöst von allen irdischen BĂŒrden. Wie ein Traum, geschĂŒtzt in seinem eigenen Bewusstsein, ließ er alle Ereignisse des Tages an sich vorbeiziehen. Niemand schaffte es, die Wirkung des Mittels zu durchbrechen, nur sein eigener Körper wĂŒrde den Bann brechen können.
Drum durchbrach plötzlich Licht seine Augenlider, als er aus der wohligen Dunkelheit herausgerissen und die KĂ€lte der RealitĂ€t geworfen wurde. Seine Körper bĂ€umte sich auf und keuchender Husten ĂŒberkam Dimicus. Weit riss Dimicus seine Augen auf, als er sich zur Seite bewegte und in einem GefĂŒhl der Übelkeit sich auf den Boden ĂŒbergab. Doch war es nicht der erste madige Geruch, der den Raum durchzog, so stand Emilia keine zwei Meter von ihm entfernt. Sie hatte das selbige Schicksal ereilt. Doch der dickliche Mann ignorierte seine einstige GefĂ€hrtin komplett, seine PrioritĂ€t lag auf Dimicus und seinen Gebrechen. Mit gekonnten Handgriffen drĂŒckte der Gelehrte, nachdem sich der KĂŒnstler im wahrsten Sinne die Seele aus dem Leib gekotzt hatte, ihn zurĂŒck in eine liegende Position.
„Ihr habt viel durch und Euer Körper muss vollkommen wach werden, bewegt Euch nicht!“
Der junge Mann verstand zuerst nicht ganz. Seine Ohren klingelten und sein kompletter Körper fĂŒhlte sich taub an, als ob er zu viel getrunken hĂ€tte. Doch ließ er sich von den HĂ€nden fixieren, wĂ€hrend er immer wieder zu hören bekam, tief ein und wieder auszuatmen. Sekunden des Schweigens vergingen darauf und die Sinne Dimicus kehrten zu ihrer normalen Funktion zurĂŒck, wenn auch geschwĂ€cht.
„Die Wirkung wird spĂ€testens morgen vollstĂ€ndig abgeklungen sein, macht keine Dummheiten bis dahin.“, erklĂ€rte der Dicke, ehe er einen Schritt zur Seite tat. Dimicus hingegen blieb liegen, genoss den Moment der Ruhe. Allerdings erfĂŒllte ein seltsamer Geruch den Raum. Abgesehen von Tod und der bittere Geruch Erbrochenem, roch es nach Katze. Einer Katze die schon lang kein Bad mehr gesehen hatte.
Dimicus nickte dem Gelehrten zu, ohne ein weiteres Wort zu sagen trat er an Emilia heran, tippte sie an und deutete auf Dimicus. Im selben Moment verschwand er zur TĂŒr hinaus, genau in jenem Moment in dem sich der junge Mann aufzusetzen begann und mit einem mĂŒden Blick seiner verfilzten Freundin entgegenblickte.

Emilia

Emilia wĂŒrgte ein noch einmal Mal, doch ihr Magen hatten nichts Weiteres an Inhalt preiszugeben. So von ihrer eigenen misslichen Lage abgelenkt, bemerkte sie nicht das zaghafte Zucken von Dimicus Augenliedern, als sein Geist langsam an die OberflĂ€che zurĂŒckkehrte.
Hingegen entging ihr nicht, wie die vermeintliche Leiche im nĂ€chsten Moment plötzlich aus ihrer Starre erwachte und beinahe von der Liege gerollt wĂ€re bei der BemĂŒhung, sich auf den Boden zu ĂŒbergeben.
Ein Schrei entfuhr der jungen Frau und mit vor Schreck geweiteten Augen schnellte sie wie eine Sprungfeder an die nĂ€chste Wand zurĂŒck, um aus sicherer Entfernung das Unmögliche zu beobachten.
Ein Gespenst! Was hatte der Alte ihr da verpasst? Er hatte sie also doch vergiftet!
Panisch biss sich Emilia unwillkĂŒrlich fest in die eigene Hand und der Schmerz fuhr ihr bis in den Arm, so dass sie nach Luft schnappte. Als sie den Blick jedoch wiederum auf die Bahre legte, hustete das Dimicus-Gespenst gerade verzweifelt, bevor der Quacksalber ihn bestimmt auf das Bett zurĂŒckschob.
Aber
 war es dann ĂŒberhaupt ein Gespenst? Und wenn es kein Gespenst war, was hatte der Mönch dann erschaffen?
Emilia registrierte, wie sich der Mönch ĂŒber das Wesen beugte, und mit ihm sprach. Sie musste von hier verschwinden, so lange er abgelenkt war und sie die Gelegenheit dazu hatte!
Die junge Frau wollte sich bewegen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Wie angewurzelt stand sie da.
Bei Ainuwar! Tote konnten doch nicht einfach so wieder zum Leben erwachen?!
Als der Gelehrte sich zu Emilia umwandte, gab sie ein Ă€ngstliches GerĂ€usch von sich. Sie versuchte von ihm zurĂŒckzuweichen und fauchte ihn instinktiv an, als er nĂ€herkam. Er deutete jedoch bloss mit einem Schulterzucken auf das Gespenst, bevor er zur TĂŒr hinaus verschwand und sie hinter ihm ins Schloss sprang.
Ich bin allein mit dem Untoten!
Oh nein, er sieht mich an... er bewegt sich!

Völlig ausser sich vor Furcht tastete die junge Frau sich weiter von der Bahre weg, immer schön die Sicherheit der Wand im RĂŒcken. Leider befand sich das Dimicus-Gespenst zwischen ihr und der TĂŒr und Emilia getraute sich nicht, an ihm vorbeizulaufen.
Vorerst blickte das Wesen sie jedoch nur mĂŒde an, es schien noch nicht ganz in der Wirklichkeit angekommen zu sein.
Denk nach, denk nach
 vielleicht ist es nur eine Halluzination!
Emilia versuchte sich einzureden, dass der Quacksalber sie vergiftet hatte, oder vielleicht war das auch schon zuvor geschehen durch Shazeem?
Immer wirrer wurden ihre Gedanken.
Oder sie war eigentlich gar nicht hier.
Vermutlich lag sie noch immer zu Hause in der Dunkelheit ihres Zimmers und die Entbehrung machte ihr schon so sehr zu schaffen, dass sie Traum und RealitÀt nicht mehr voneinander zu unterscheiden vermochte!

Dagegen sprach jedoch die Bisswunde an ihrer Hand, die mehr Ähnlichkeit mit dem Gebiss einer Katze aufwies als von MenschenzĂ€hnen gemacht.
Und wenn das wirklich Dimicus ist?
Gleich schĂŒttelte sie den Kopf ab ihrer eigenen Dummheit. Tote erwachen nicht zu neuem Leben!
Doch es galt herauszufinden, ob das Wesen vor ihr existierte oder eine blosse Wahnvorstellung war.
Emilias Blick huschte durch den Raum und sie erkannte unweit entfernt einen Tisch. Ohne den Gespenster-Dimicus aus den Augen zu lassen, taumelte sie dorthin, griff sich den nÀchstbesten Gegenstand und warf ihn schwungvoll nach dem menschenÀhnlichen Untoten auf der Bahre.

Dimicus

Sichtlich verwirrt ĂŒber die Reaktion Emilias, entglitten Dimicus sĂ€mtliche GesichtszĂŒge. Was war denn mit ihr los?
Er selbst war nicht ganz auf der Höhe und verstand nicht auf Anhieb, was plötzlich um ihn geschah. Oder besser gesagt, was mit Emilia geschah. FĂŒr einen Moment dachte er darĂŒber nach, schaute sie nur weiter verdutzt an, ehe er wirklich begriff warum sie so Ă€ngstlich war. Darauf hĂ€tte er auch eher kommen können, so wahr es sehr unĂŒblich das Tote ohne das Zutun eines Nekromanten wieder erwachen konnten.
Zuallererst wollte Dimicus beschwichtigend seine HĂ€nde heben, Worte mit seinen Lippen formen und somit Emilia zur Ruhe auffordern. Sein Plan wurde jedoch ihrerseits schnell durchkreuzt, als ein nicht gerade weicher Gegenstand in seine Richtung geflogen kam.
Seinem angeschlagenem Zustand geschuldet, spĂŒrte er schon im nĂ€chsten Moment einen metallenen Gegenstand an seiner Stirn aufkommen. Ein dumpfer Schmerz durchzuckte sofort seinen kompletten Kopf und er stöhnte auf. Er purzelte nach hinten, verlor den halt und schlug obendrein noch mit dem Hinterkopf gegen den steinernen Altar auf. Seine Sicht wurde schwammig und seine HĂ€nde versuchten verzweifelt die Schmerzen durch das Auflegen zu lindern, selbstverstĂ€ndlich ohne Erfolg.
MĂŒhevoll krĂŒmmte er sich, nicht nur dass ihm ĂŒbel war, geschweige denn sein kompletter Körper streiken wollte, da bewarf ihn auch noch seine eigentliche VerbĂŒndete mit metallenen Zangen.
Was war denn in sie gefahren?! Warum war sie ĂŒberhaupt dort?
Schnell ĂŒberkam ihn seine MĂŒdigkeit, sie zerrte an seinen KrĂ€ften und versuchte ihn zu verschlingen, ihn zurĂŒck in die Bewusstlosigkeit zu fĂŒhren. Trotz der Schmerzen gelang es ihm aber, sich wieder aufzurichten, das Gesicht schmerzverzerrt und gezeichnet von einem Unwohlsein. Die ZĂŒge wirkten angespannt, jeder Muskel war verkrampft um seine MĂŒhen wiederzugeben. Nur mit grĂ¶ĂŸter Not hielt er sich schließlich wieder in der sitzenden Position.
Um seinen Kopf zu klĂ€ren, schĂŒttelte der junge Mann diesen und gewann so etwas Kontrolle zurĂŒck, ehe er die HĂ€nde beschwichtigend hob und die Worte aussprach, sie er zuvor sagen wollte: „Emilia! Beruhige 
 beruhige dich! Ich bin es doch nur!“
Er hoffte sie erreichen zu können, ganz zum Trotze ihrer Angst. Von weitem konnte er trotz seiner Benommenheit erkennen, dass sie sich ansatzweise verwandelte, genau so wie die Wunde an ihrer Hand ihr kostbares Blut auf dem Boden vergoss.

Emilia

Ein Volltreffer!
Ob das jedoch positiv oder negativ zu werten sei, blieb unklar, denn das musste ja folglich bedeuten, dass es sich bei dem Wesen nicht um eine Halluzination, sondern um die RealitÀt handelte!
Erst einmal schien die Gefahr jedoch gebannt, denn der Untote war hintenĂŒbergekippt wie eine Puppe und mit dem Hinterkopf auf den Altar geknallt.
Eindeutig musste das Wesen Schmerzen empfinden, sein Gesichtsausdruck und die Geste seiner HĂ€nde waren Anzeichen genug, ganz zu schweigen davon, dass es sich nun auf der Bahre krĂŒmmte.
Anstatt jedoch Reissaus zu nehmen, starrte die junge Frau die Gestalt mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu an. Wie sehr der Untote sie doch an ihren Freund zurĂŒckerinnerte.
Doch was nun?
Gerade als sie der Meinung war, dass der Zeitpunkt gekommen sei, um aus der TĂŒr zu stĂŒrmen, richtete sich der lebendige Leichnam wankend wieder auf. Seine Stirn war aufgeplatzt und Blut rann ihm ĂŒbers Gesicht und auch sein Hinterkopf musste mindestens eine riesige Beule davongetragen haben.
Es war dann auch der Geruch, welcher Emilia als Erstes irritierte. Noch bevor Dimicus die Worte an sich zu richten vermochte, sog sie die Duftnote tief in ihre LungenflĂŒgel hinein. Schwach konnte sie den Geruch wahrnehmen, den sie sowohl von seinen GemĂ€lden, als auch von ihm selbst kannte.
Roch eine Leiche so nach Lebendigkeit? Wo war der Verwesungsgeruch abgeblieben, der bereits eingesetzt haben musste?
Ihre innere Löwin leckte sich die Lefzen und Emilia erinnerte sich unwillkĂŒrlich daran, wie sie Dimicus ĂŒber die Hand geleckt hatte, nachdem sie ihn damals verletzt hatte.
„Emilia! Beruhige 
 beruhige dich! Ich bin es doch nur!“
WĂŒrde ein Untoter zu ihr sprechen? Wohl kaum

Dimicus?
, sie formte seinen Namen zu einer tonlosen Frage und ein sanfter Hoffnungsschimmer funkelte in ihren minzgrĂŒnen Augen.
Trotzdem wollte sie sich ihm nicht nÀhern. Zu gross war ihre Angst davor sich zu irren.
Dann erkannte sie jedoch seinen besorgten Blick, der eindeutig nicht zu einer gefĂ€hrlichen Bestie passen wollte, die sich am liebsten sogleich auf sie stĂŒrzte.
Als der geschwĂ€chte Mann wiederum wankte und drohte das Gleichgewicht zu verlieren, stĂŒrzte sich Emilia plötzlich nach vorne.
Ihre beschĂŒtzerische Löwin verdrĂ€ngte sie zu der Ă€ngstlichen Katze in eine Ecke ihres Seins.
Kaum spĂŒrte sie den warmen Körper in ihrer Umarmung und den Geruch seiner Haut in ihrer Nase, gab es keine Zweifel mehr. Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, und kaum konnte sie ihr GlĂŒck begreifen, wĂ€hrend wiederum TrĂ€nen ĂŒber ihre Wangen strömten. Die Emotionen drohten sie wie eine Flutwelle mit sich zu reissen, so ĂŒberwĂ€ltigend war ihre GefĂŒhlslage.
Erst als Dimicus sich unter ihrer stĂŒrmischen BerĂŒhrung regte, wandelte sich die Euphorie der Erleichterung in eine weitere neue GemĂŒtsbewegung. Im nĂ€chsten Augenblick trommelte sie mit ihren FĂ€usten schwach auf seine Brust ein, hilflos und wĂŒtend zugleich ĂŒber ihre UnfĂ€higkeit, ihm all ihr Gedankenchaos einfach an den Kopf schmeissen zu können.

Dimicus

Etwas verwundert beobachtete Dimicus das Schauspiel dort vor sich. Wieso war sie denn so verwirrt, wo er eindeutig als lebendig und nicht gefÀhrlich einzustufen war?
Eigentlich hatte er angeordnet, dass Shazeem sie in Sicherheit, aber nicht direkt zu ihm bringen sollte. Der alte Gauner hatte damit sicherlich etwas bezwecken wollen. In seinem wackligen Zustand war es nicht wirklich gesund, sich dem Stress dieser Begegnung auszusetzen. Zu allem Überfluss spĂŒrte er noch, wie ihm etwas Warmes an der Stirn hinablief. Der Wurf hatte also gut gesessen.
Seine Sicht verschwamm fĂŒr einen Moment und Dimicus konnte sich kaum aufrecht halten. Beinahe drohte er wieder nach hinten zu fallen, doch plötzlich spĂŒrte er einen Luftzug. Überraschende WĂ€rme und Zuneigung schmiegte sich an seinen Körper, von der er vollkommen ĂŒberrumpelt wurde. Schluchzen durchzuckte den Raum und seine Nase empfing den Geruch einer Katze nur noch schĂ€rfer.
„Hey, ist doch gut.“, sprach er mit brĂŒchiger Stimme, dabei vergaß er, dass Emilia taub war. Sie schien vollkommen verwirrt, doch ihre TrĂ€nen zeugten von Freude und Erleichterung.
Diese Reaktion und das Wissen, welches er von Shazeem erhalten hatte, bestÀtigten nur die ZusammenhÀnge. Sie hatte ihn nicht verraten, ganz im Gegenteil. Es war allein Wilfried, der die junge Katze auch noch misshandelt hatte.
„Es ist vorbei, deine Angst unbegrĂŒndet.“
Sanft ergriff er ihre auf seiner Brust trommelnden FÀuste, schloss seine HÀnde um diese und schlich sich in ihre HandflÀchen, nur um seine Finger mit den ihrigen zu verschrÀnken.
Er war erleichtert, dass es Emilia dennoch geschafft hatte. FĂŒr die erste Zeit hatte er es geschafft, ihren Verlust zu akzeptieren und sie abzuschreiben. Dennoch hatte er sich Tag fĂŒr Tag nach ihrem Duft gesehnt, die Zuneigung ihrerseits und einfach die Aura, welche sie mit in sein Leben brachte. Von Anfang an hatte er gespĂŒrt, welche Wirkung sie auf ihn gehabt hatte. Wie er ein verlorenes Kind, ihre Geschichten konnten nicht unterschiedlicher sein, doch waren die Schicksale identisch.
So umschlossen sie sich in ihrer Umarmung, er spĂŒrte wie je in diesem Moment das Band zwischen ihnen stĂ€rker wurde. Sein Verstand hatte sich bereits zurĂŒckgezogen, nur die schwachen Empfindungen und Wahrnehmungen herrschten vor, die sonst kaum sein Selbst bestimmten. Doch sein Körper war schwach, ohne sich weiter aufrecht halten zu können, ließ er sich nach hinten fallen, zog Emilia dabei mit sich und hielt sie fest in seiner Umarmung. Seine HĂ€nden streichelten sanft ihren RĂŒcken entlang, sie sollte sich beruhigen. Es tat ihm weh, sie so zu sehen.

Emilia

Emilia spĂŒrte die Arme, welche sie tröstlich umschlossen und bevor sie sich versah hatte Dimicus sie mitgezogen, als er sich geschwĂ€cht nach hinten fallen liess. Im ersten Moment versteifte sich ihr Körper ab der neuen NĂ€he, die sich zugleich ungewohnt, aber auch angenehm anfĂŒhlte. Dann jedoch traf ihr Blick seine sanften blauen Augen und die Spannung fiel wie eine Altlast von der jungen Frau ab. Sie schmiegte sich an ihn und genoss die BerĂŒhrungen seiner HĂ€nde an ihrem RĂŒcken, konnte spĂŒren, wie sie ĂŒber ihrer Kleidung der WirbelsĂ€ule entlangstrichen.
Deutlicher als je zuvor nahm sie die WĂ€rme wahr, welche er ausstrahlte und wo sie bis vor Kurzem noch TodeskĂ€lte geglaubt hatte. Sein Herzschlag pochte deutlich spĂŒrbar, als sie den Kopf an seine Brust legte, die sich unter seinen AtemzĂŒgen hob und senkte. In diesem Augenblick konnte es kein schöneres GefĂŒhl geben. Er war unbestreitbar am Leben!
Ihre TrĂ€nen waren versiegt, als sie sich schliesslich etwas von ihm löste und sich auf ihren Unterarmen abstĂŒtze. Er wirkte mĂŒde und abgekĂ€mpft, doch sie selbst mochte auch keinen besseren Eindruck machen. Ausserdem konnte sie ihren muffelnden Eigengeruch noch deutlicher wahrnehmen, als seine mĂ€nnliche Duftnote. Bei dem Gedanken verzog sich ihr Gesicht kurz peinlich berĂŒhrt zu einer Grimasse, dann schob sie ihn jedoch beiseite. Dimicus war es offensichtlich egal, dass sie nicht nach Rosen roch.
Hatte er die Augen geschlossen?
Es schien ihr so zu sein. Noch immer streichelten seine HĂ€nde beruhigend ihren RĂŒcken, doch die Erschöpfung war ihm anzumerken und die Bewegungen waren trĂ€ger geworden.
Emilia beobachtete sein Gesicht wie es ihr schien mit ganz neuen Augen. Dabei fielen ihr die Stoppeln auf, die Wange und Kinn zierten. Ohne darĂŒber nachzudenken hob sie verwegen ihre Hand an, und strich mit den Fingerspitzen ĂŒber den kratzigen Dreitagebart. Es fĂŒhlte sich borstig an und ein LĂ€cheln stahl sich auf ihre Lippen, bis sie die Finger auch schon wieder rasch zurĂŒckzog, als sie seinen Blick auf sich spĂŒrte.
Im selben Moment wusste sie, dass sie ihn angelogen hatte mit den letzten Worten, die sie ihm geschrieben hatte. Sie brauchte diesen Mann sehr wohl in ihrem Leben.

Dimicus

Mehr als jemals zuvor gelang es Dimicus, die zarten BerĂŒhrungen eines anderen Menschen genießen zu können. Es war einer der Dinge, die ihm furchtbar gefehlt hatten und als er es nach einer gefĂŒhlten Äonen wieder zu spĂŒren bekam, stahl sich diese Emotion mehr und mehr in seinen Geist. Es löste sich in ihm, es durchtrĂ€nkte ihn noch bis zur letzten Haarspitze und dachte erst gar nicht daran, ihn loszulassen. Seine Lider schirmten seine Augen vor dem Licht des Raumes ab, wĂ€hrend er einfach nur dort lag, es genoss wie Emilia in seine NĂ€he trat.
Neben seinen eigenen Herzen, fĂŒgte sich ein weiteres in seinen Kreislauf ein, seine feinen Sinne fĂŒr das Detail nahmen allein schon mit seinen Fingern das Klopfen ihres Herzens war.
Die Katze war wie ein Geschenk, welches ihm von Shazeem gebracht und zu versiegen seiner Wunden gedacht war. Seine Mundwinkel verzogen sich neckisch, jeder seiner Muskel entspannte sich trotz der Schmerzen. So fĂŒhlte es sich also an, das GefĂŒhl einem Menschen nahe sein zu können, ohne ihn zu töten oder zu misstrauen.
Sein Bewusstsein schwebte zart durch ihre Zweisamkeit, die er noch nie mit einer anderen Person hatte teilen können. Es beschrieb ein GefĂŒhl, welches aber nicht ansatzweise einer Erinnerung in ihm wach rief, sondern völlig neue erschuf. Erst als er plötzlich die weiche Kuppen Emilias Finger in seinem Gesicht spĂŒrte, durchzuckte ihn ein seltsames GefĂŒhl. Ein Kribbeln, im Bauch welches an der Aufregung erinnerte, welche er vor jedem seiner Kunstwerke verspĂŒrte. Seine Lippen verzogen sich zu einem zufriedenen LĂ€cheln und er öffnete die Augen, doch die junge Frau wurde scheinbar verunsichert.
Auf ihr zurĂŒckschreckende Reaktion hin, kam er nicht umhin zu kichern und sie offen anzublicken. Von einer Welle des Mutes erfasst, erwiderte er die freche Bewegung, legte offensiv seine Hand auf ihre Wange und streichelte mit seinem Daumen an ihr entlang. Nur fĂŒr einen kurzen Moment, der reichte um weitere NĂ€he herzustellen und doch nicht ĂŒberzeugend genug, seine inneren Geister zufrieden zu stellen. Emilia wirkte auf Dimicus Geste auch irritiert und sein Kopf schallte ihn einen sentimentalen Idioten. Doch diese Stimme war klein, gedĂ€mpft durch die warmen Flammen ihres Beisammenseins.
Dennoch fasste Dimicus sich ein neues Ziel, denn eines stand fest: Er wollte weg. Der Geruch des Erbrochenem auf dem Boden nahm allmĂ€hlich Überhand und ĂŒberreizte seine Nase. Genau so wie die Stimmung der Totenhalle etwas kaltes in sich bargen, welches der KĂŒhle einer Totenstarre gleich kam. Mit gewonnener StĂ€rke richtete sich der junge Mann auf, richtete dabei auch Emilia auf und blickte sie mit wĂ€rmenden Funkeln in den Augen an.
„Es wird Zeit das wir nach Hause kommen, meinst du nicht auch? Hilf mir, so helfe ich dir. Heute werden wir uns gemeinsam stĂŒtzen, wie einst im Wald.“
Zwar war Dimicus die BlÀsse ins Gesicht geschrieben und sein Körper zitterte etwas, aber das Feuer in seinen Augen brannte, schrie danach seinen Worten Taten folgen zu lassen.

Emilia

Eine feine Röte schlich sich in das blasse Gesicht des MĂ€dchens, als seine Hand ihre Wange berĂŒhrte. Dieselben Finger, welche sowohl Pinsel als auch Dolch mit Leichtigkeit fĂŒhrten, streichelten fĂŒr einen Moment ĂŒber ihr Gesicht. Ein warmer Schauer durchlief ihren Körper, doch fĂŒhlte er sich angenehm und willkommen an. Gleichzeitig irritierte diese Geste die junge Frau, welche seit dem Tode ihres Vaters kaum mehr ehrliche Zuneigung erfahren hatte, was wohl auch in ihren Augen zu erkennen war, denn Dimicus unterbrach sein Tun.
Am liebsten wĂ€re Emilia noch fĂŒr lĂ€ngere Zeit hiergeblieben, genau an dieser Stelle. Der Moment erschien ihr unwirklich, wie in einem Traum. Sie lagen mitten in einer Totenhalle auf einem steinernen Bett und doch war sie so glĂŒcklich, dass sie am liebsten zufrieden geschnurrt hĂ€tte. Als Dimicus sich also aufrichtete und sie ebenfalls dazu bemĂŒssigt wurde, rutschte sie hastig von ihm herunter und setzte sich neben ihn auf die Barre. In diesem Moment war sie dankbar dafĂŒr, dass sie vom Sprechen befreit war, denn sie hĂ€tte nicht gewusst, ob und was sie zu ihm sagen sollte.
Als er ihr vermittelte, dass er aufbrechen wollte, nickte Emilia ihm zu. Nach Hause
 wo war ihr zu Hause jetzt?
Doch er hatte Recht, hier zu bleiben kam ebenfalls nicht in Frage. Auch das Duftöl vermochte den ranzigen Geruch des Erbrochenen nicht mehr zu neutralisieren und er kratzte die Gestaltwandlerin unangenehm in der empfindlichen Nase.
Sie nickte ihm deshalb zu, betrachtete ihn dann jedoch zweifelnd. Wie sollten sie unauffÀllig von hier wegkommen?
Noch immer trug er die Klamotten, welche ihn als Gefangenen auswiesen und sein Haupt war von ihrem Wurfgeschoss mit Blut beschmiert, was ihr sogleich die Schamesröte ins Gesicht trieb.
Emilia blickte sich in dem Raum um. Vorsichtig kam sie auf ihre FĂŒsse. Kurz wurde ihr schwindelig, doch sie fing sich rasch wieder. HĂ€tte sie den StĂ€rkungstrunk doch bloss nicht direkt wieder erbrochen!
Auf einem Regal hatte sie LeinentĂŒcher entdeckt, um die Toten damit zu bedecken. Einen Moment zögerte sie, dann nahm sie sich eine Schere und schnitt ein StĂŒck aus dem grossen Tuch heraus. Nun, SachbeschĂ€digung war bestimmt tolerierbarer als Diebstahl

Dimicus hatte sie verwirrt beobachtet, doch als sie bei ihm angelangt war, befeuchtete sie den Stofffetzen ohne UmstÀnde mit ihrer Spucke und tupfte ihm vorsichtig das Blut vom Gesicht. Ja, so sah er immerhin wieder ein wenig gesellschaftstauglicher aus!
Dann zupfte sie mit fragendem Blick an seinem KleidungsstĂŒck und half ihm schliesslich auf die Beine zu kommen. Das wĂŒrde ein langer und umstĂ€ndlicher Weg werden, da war sich die Gestaltwandlerin sicher!
Im nĂ€chsten Moment wurde plötzlich die TĂŒr aufgerissen und Emilia schreckte herum. Doch es war nur eine der Wachen, welche dort stand und die Nase krauszog, als er von dem unappetitlichen Geruch empfangen wurde. Dann begann er mit ernster Miene auf Dimicus einzureden. Die junge Frau stand verunsichert daneben, viel zu unkonzentriert, um dem Mann die Worte von den Lippen abzulesen. Schutzsuchend tasteten ihren kĂŒhlen Finger nach Dimicus Hand und sie fĂŒhlte sich sofort beruhigt, als er sie fest umschloss.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#90

Beitragvon Dimicus » Mi 3. Mai 2017, 21:08

Die Situation umschmeichelte Dimicus umso mehr, als Emilia ihn mit besorgtem Blick anschaute und auf die offensichtlichen FehlstĂ€nde aufmerksam machen wollte. Doch ihre wortlosen Gesten waren genug, damit er verstand worauf sie hinaus wollte. Jedoch stand nicht der Sinn ihrer eigenen Erhaltung ins Gesicht geschrieben, sondern allein die Sorge um sein Wohlergehen und wie sie ihr Ziel erreichen sollten. Es war ein befremdliches GefĂŒhl, dass sich jemand um ihn sorgte und versuchte sein Wohlbefinden aufzuhellen. Sie wuselte ihm Raum umher und ließ sich nicht in die Karten schauen, was sie eigentlich vor hatte.

Schnell stand sie jedoch wieder vor ihm und blickte ihn an, noch immer zirkulierte das Blut in ihren Wangen. Ein Anblick der Dimicus immer wieder zum LĂ€cheln brachte, so verstand er das fĂŒr ihre Reue ĂŒber ihren doch gut gezielten Wurf. Aus diesem Grund ließ er sie gewĂ€hren, als sie das StĂŒck Tuch zur Hand nahm, es mit ihrem Speichel befeuchtete und sein Antlitz vom Blute befreite. Diese Wiedergutmachung nahm er dankend an und schwieg dabei, schloss sogar die Lider, als sie in die NĂ€he seiner Augenpartie geriet. „Unser Weg wird uns jetzt nach oben fĂŒhren.“, flĂŒsterte er leise, seine Lippen formten jedes einzelne Wort mit einer besonderen Bedeutung.

Ein Kribbeln durchschritt seine WirbelsĂ€ule, als er die ersten beiden Worte gedanklich wiederholte. Unser Weg. Es war nicht einmal zwei Monate her, da zog er allein durch die Straßen und erfĂŒllte seine AuftrĂ€ge. Dieses MĂ€dchen hatte Unruhe in sein Leben gebracht. Es bis auf die Grundfesten aufgerĂŒttelt und dafĂŒr gesorgt, dass er umdenken musste. Nun saß sie dort, vor Dimicus. SĂ€uberte ihn von seinem Blut und half ihm auf die Beine. Allein ihre Aura vermochte es, seine Schmerzen abklingen zu lassen und er war sich mittlerweile sicher: keines seiner Kunstwerke wĂŒrde jemals die natĂŒrliche Schönheit Emilias erreichen können.

Dank der fleißigen Handbewegungen der jungen Frei war sein Gesicht schon bald befreit von dem Rot, welches sich wie ein Bach ĂŒber sein Gesicht ausgebreitet hatte. Mit einem dankenden Nicken bedachte er sie, er er sich die feuchten Reste mit dem HandrĂŒcken vom Gesicht wischte. Dabei spĂŒrte er jedoch ein aufforderndes Zupfen, dass wohl seiner Kleidung gelten sollte. Der fragende Blick Emilias gab ihre Sorge preis, die Dimicus jedoch nur mit einem beschwichtigenden Nicken abtat. Es sollte seine Sorge sein, wie sie es schaffen wĂŒrden, womit er sich auch schon mit Hilfe der Katze vom steinernen Bett erhob. Dabei achtete er darauf, weder in sein noch in Emilias Erbrochenem zu landen.

Kaum jedoch befand er sich im unsicheren Stand, so schienen seine Knie wie dĂŒnne Zweige zu sein, schwang die TĂŒr vor ihm auf. Vor ihnen erschien ein in Dunkelheit gekleideter Mann. Die schwarze LederrĂŒstung und das in der pechschwarzen Scheide steckende Langschwert verrieten schon seine Zugehörigkeit, noch bevor er gesprochen hatte. „Ich bin hier, um nach Euch und Eurer Freundin zu sehen. Es ist bald Mitternacht und Ihr solltet zur Herberge zurĂŒckkehren. Man erwartet Euch.“, ertönte es in den Raum, wobei die tiefe Stimme des Söldners von den WĂ€nden der Totenhalle widerklangen. Das Gesicht tief im Schatten einer Kapuze versteckt, so hĂ€tte Dimicus diese Person gemieden, doch war er ihr VerbĂŒndeter.

Im selben Moment noch, spĂŒrte Dimicus ein paar dĂŒnne Finger, welche sich nach Halt suchend in seine HandflĂ€che verirrten. Ohne darĂŒber nachzudenken und aus einer natĂŒrlichen Reaktion heraus, verschrĂ€nkte er die Finger mit Emilia, wĂ€rmte die kalten Glieder ihrer Hand. „Gut, dann werden wir jetzt aufbrechen. Sind meine Sachen soweit in dem Gasthaus? Ein Mantel und meine Dolche fĂŒr jetzt?“ Dimicus verzog keinerlei Miene, wĂ€hrend er mit dem Mann vor sich sprach. Die KĂŒhle seines normalen GeschĂ€ftes kehrte zurĂŒck. Die WĂ€rme seines Körpers, welche sich ĂŒber seine Hand auf Emilia auszubreiten versuchte, wollte ihr zeigen dass es nur fĂŒr die Notwendigkeit des Umganges mit diesen Menschen war.

Ihr gegenĂŒber ließ auch nicht beirren, als er fĂŒr einen Moment zur TĂŒr hinaus verschwand. Allerdings ließ sich der WĂ€chter nicht viel Zeit und kehrte schon bald mit einem Mantel zurĂŒck, auf welchem seine beiden Dolche lagen. „Wir haben an alles gedacht. Ihr solltet gleich aufbrechen. Die Straßen sind noch ruhig.“ Bestimmt nickte Dimicus dem Mann zu und nahm den Mantel sowie die Dolche entgegen, auch wenn er dazu den Griff um Emilias Hand lösen musste. Im selben Moment verschwand auch schon der WĂ€chter und sie waren wieder allein. Dimicus wusste aber, dass es Zeit wurde um aufzubrechen, so ließ er keine Zeit verstreichen und streifte sich den Mantel ĂŒber. Von seiner Gefangenenkleidung war nichts mehr zu sehen, wobei er einen der Dolche an der Innenseite des Mantels befestigte.

Schon drehte sich Dimicus um, blickte Emilia tief in die Augen, als er sanft aber bestimmt ihren Mantel öffnete. Sie hatte die Kleidung an, welche er ihr einst geschenkt hatte. Das Korsett hatte eine Schlaufe an der Taille, in der man bequem einen Dolch einhĂ€ngen konnte und auch entsprechend herausziehen konnte. Dort positionierte er seine Waffe, verlor jedoch nicht den Blickkontakt zu Emilias Augen. „Die beiden Dolche – sie waren nie getrennt und gehören zusammen. Sie bilden als Werkzeug und Pinsel meiner Arbeit eine Einheit. Wenn du keine andere Wahl hast, nutze die Klinge um dich zu verteidigen. Wenn wir Zuhause sind und ich bei KrĂ€ften, werde ich dir zeigen wie man sie am besten einsetzt.“ WĂ€hrend dieser Worte legte er seine Hand auf die Waffe und somit auf die Taille der jungen Frau. Erst danach entfernte er seine Hand und zupfte ihren Mantel wieder zurecht.

Kurz darauf griff er erneut ihre Hand, verschrĂ€nkte seine Finger mit den ihrigen und schritt fĂŒhrend voran. Sie durchschritten das Portal, erreichten die FalltĂŒr aus der der Duft des Abends in die GĂ€nge geblasen wurde, ehe sie sich unter einem klaren Sternenhimmel wiederfanden. Die Gasse war nicht beleuchtet, somit schienen ihnen die Sterne entgegen und erhellten mit natĂŒrlichem Licht den Weg in die Stadt hinein, durch die Gassen. Der Weg war einfach und kaum beschwerlich. Zwar mussten sie einige Male ein paar Wachen ausweichen und aufgrund ihres miserablen Zustandes eine Pause einlegen, aber dennoch gestaltete es sich wie ein Abendspaziergang unter dem Himmelszelt. Die Straßen waren kaum noch belebt zu dieser Zeit und nur die Ratten huschten aktiv durch die Gassen. Niemand traute sich noch auf die Straßen, auch wenn das Volk wohl beruhigter war. Dennoch schwebte der RosendĂ€mon wie ein Schatten ĂŒber der Stadt, darauf wartend seine RĂŒckkehr und somit Unsterblichkeit anzukĂŒndigen.

Doch gĂ€nzlich andere Dinge verlangten auch nach seiner Aufmerksamkeit. Es war nicht nur der Brief Emilias, der ihn zu dieser scheinbaren Hinrichtungen bewogen hatte. GĂ€nzlich davon abgesehen, dass sie tatsĂ€chlich sein Leben hĂ€tte kosten können. Etwas bedrohlicheres schien ĂŒber sein Haupt zu schweben und seiner Kunst eine Falle stellen zu wollen. Er musste aufpassen, so hatte er sich sicherlich Zeit verschafft, aber vollkommen sicher war er nie – auch jetzt nicht.
So verging eine weitere Stunde, die die beiden zusammen ĂŒber die Straßen Drakensteins fĂŒhrte, Hand in Hand um den Abend zu genießen. Noch immer war es fĂŒr Dimicus unglaubwĂŒrdig, dass Emilia neben ihm herlief, dabei vertrĂ€umt, wenn auch geschwĂ€cht schien. Sie fĂŒhlte sich wohl und noch mehr erfreute es Dimicus, dass er ihr dieses GefĂŒhl bescheren konnte. Damit wurde jedoch die Komik fĂŒr ihn greifbarer, dass er emotionaler wurde, ausschließlich aber nur in ihrer NĂ€he. Es war ein seltsames VerhĂ€ltnis.

Sehr bald kamen sie an ihrem Ziel an. Die Untergrundtaverne mit ihren unterirdischen Zimmern und den leckeren Speisen. Die tanzenden Flammen der Fackeln, der markante Duft frisch zubereiteten Bratens oder aber der sĂŒĂŸliche Met, welcher sich durch die RĂ€ume schlĂ€ngelte und die Nase eines jeden Gastes umgarnte. Die Gesichter waren heiter, der Abend schien auch hier entspannt und niemand wunderte sich, dass Dimicus auftauchte. Auch Emilia wurde von ihren Kollegen freundlich mit einem LĂ€cheln begrĂŒĂŸt und niemand machte eine anrĂŒchige Bemerkung. „Hey ihr Beiden!“, wurden ihnen vom Wirt zugerufen, der breit grinsend hinter dem Tresen stand. „Shazeem war bereits hier und hat euch angemeldet. Heißes Wasser ist bereits im Baderaum, in eurem Zimmer steht Essen fĂŒr euch bereit.“

Dankend deutete Dimicus eine Verbeugung an, schritt dann weiter mit Emilia an der Hand durch die ihnen durchaus bekannten Hallen. Dort war es wesentlich ruhiger, als noch im Schankraum selbst. Die paar Tage im GefĂ€ngnis hatten an Dimicus ihre Spuren hinterlassen und er war es beinahe nicht mehr gewohnt gewesen, warmes Fackellicht und gute Kunstwerke der Malerei erblicken zu können. Doch noch fand er die TĂŒr zu ihrem Zimmer, welche er ohne weiteres öffnete und mit Emilia in ihre Kammer eintrat, in der sie vor zwei Wochen noch gemeinsam gewohnt hatten.

Auf der Kommode zu ihrer Rechten stand ein Korb mit frischem Brot, das angenehm wĂŒrzig roch, daneben Wurst und KĂ€se. Butter gab es auch noch dazu, abgerundet mit einem Krug frischem Wasser. Ein StĂŒck weiter lag ein besonderes StĂŒck und ein Notizzettel, welcher offensichtlich Shazeems Handschrift abbildete. Erst hier ließ Dimicus die Hand Emilias los, die Geborgenheit dieses Ortes versprach wieder Zuversicht und Sicherheit.

Hey Kleiner,

ich habe alles arrangiert, dass ihr bei eurer Ankunft gut versorgt seid. Ruht euch aus und lasst es euch gut gehen. Morgen will ich mit dir reden, wenn du dann fit bist.

Shazeem


Kurzgefasst und schnittig, wie der Tamjid eben war. Neben dem Zettel lag das Lederband mit der Brosche, welches Dimicus Emilia einst schenkte. Shazeem hatte es also hierher gelegt. Seine Fingerspitzen umfassten das weiche Leder und bewunderten ein weiteres Mal, die gute Handarbeit des Schneiders.

Dabei warf Dimicus einen Blick nach hinten ĂŒber die Schulter, Emilia wirkte völlig geschafft und mĂŒde. Sie hatte sich auf das Bett gesetzt und ruhte ihre FĂŒĂŸe aus. Mit mĂŒden Schritten ging er zum Bett, setzte sich neben sie und griff dabei instinktiv ihre Hand, drĂŒckte sie ermutigend, wobei ein warmes LĂ€cheln seine Lippen umspielte. „Hier.“, flĂŒsterte er, als er ihr mit der anderen das Lederband reichte. „Wenn du möchtest, kannst du zuerst das Bad benutzen und dich erfrischen. Ich warte hier und esse etwas.“
GlĂŒck ist der Mangel an Informationen.
- Nico Semsrott