Mission in My'shu

So erbarmungslos wie die Natur sind auch die Bewohner der nördlichen Reiche. Die dunklen Meere und die von Packeis starrenden Küsten werden beherrscht von den Norkara und Shezem. Den Nordwesten kontrollieren die Frostalben.

Der Norden
So erbarmungslos wie die Natur sind auch die Bewohner der nördlichen Reiche. Die dunklen Meere und die von Packeis starrenden Küsten werden beherrscht von den Norkara und Shezem. Den Nordwesten kontrollieren die Frostalben.
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Sasuke Mokiri
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Re: Mission in My'shu

#11

Beitragvon Sasuke Mokiri » Sa 6. Jan 2018, 10:47

Sasuke bemerkte sofort, dass jemand in seinem Zimmer gewesen war. Eine Ecke des Teppichs war umgeklappt und der kleine Hocker stand nicht mehr dort, wo er ihn zurückgelassen hatte. Eilig schloss der Arashi die Türe und ging schnellen Schrittes zu seinem Nachttisch. Er riss die Schublade auf. Sie war leer. Panik schoss Sasuke in die Glieder und er stürzte zu dem losen Dielenbrett. Sämtliche Briefe und sonstige Andenken an seine Familie waren verschwunden. „Nein“, stöhnte Sasuke. Sein Herzschlag donnerte ihm in den Ohren. Er war so töricht! Bilder von dem, was er am meisten fürchtete, das er sogar als einziges fürchtete, zuckten durch seinen Geist. Aisika und Konika… und Sashime, seine Mutter… niemals könnte er es sich verzeihen, sollte ihnen seinetwegen etwas zustoßen… Er musste heim! Er musste sie beschützen! Der Drang war überwältigend. Er eilte zu seinem Schrank und begann Kleidung herauszuzerren, räumte seinen Schrein ab und stopfte alles in den alten Seesack. Wirr ging er im Zimmer umher, blickte sich um, ohne etwas anzusehen und fuhr sich durch die Haare. Dann ließ er die Hände sinken, der Seesack fiel dumpf zu Boden. Er musste sich beruhigen. Unter keinen Umständen durfte er eine Entscheidung aus dem Affekt heraus treffen. Seine Brust hob und senkte sich in kurzen Abständen, seine Hände zitterten und er ging neben der Dielenöffnung auf die Knie. Er war ermattet. Die Verletzung an der Schulter pochte in dumpfem Schmerz, er war ausgezehrt, hatte lange nicht gegessen und nicht geruht und die Nachwehen des Schocks und der Sorge um seine Familie zogen ihm die letzte Energie aus den Adern. Am liebsten hätte er geweint, doch Tränen wollten keine kommen. Konika… sein kleines, liebes Mädchen, das Beste, das er je erschaffen hatte…
Plötzlich bemerkte der Arashi ein winzig klein gefaltetes Stück Papier in dem verwaisten Geheimfach. Von der Furcht geblendet, war es ihm zuerst gar nicht aufgefallen. Es stammte nicht von ihm. Hastig entfaltete Sasuke den Zettel und las. Erleichterung ummantelte seinen Geist wie Nebel. Shakuro… der Mittelsmann hatte sein Zimmer räumen lassen. Wie gelähmt starrte Sasuke auf das Stück Papier.

Plan B
Ein schwacher Körper schwächt die Seele

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Re: Mission in My'shu

#12

Beitragvon Sasuke Mokiri » Fr 19. Jan 2018, 17:28

Sasuke presste sich an die kalte Häuserwand. Die Luft klirrte vor Kälte und der Arashi hielt seinen Atem flach, damit der Dampf ihn nicht verriet. In diesem Viertel My’shus konnte man das Meer riechen, denn es gab keinen Kaminrauch, der es überdeckt hätte. Einst war es der Regierungsbezirk, nun fest in frostalbischer Hand. Sasuke zog die Kapuze tiefer in sein Gesicht. Die einzigen Arashi, die sich hier bewegten, waren Diener… oder Sklaven, je nachdem, wie man es ausdrücken wollte. Er sah weder wie das eine, noch wie das andere aus. Besser er blieb ungesehen.
Eine Gruppe Krieger marschierte an der Gassenöffnung vorbei, dann war es wieder still und der Vollmond tauchte alles in gespenstischen Schein. Sasuke zählte die Striche, die er in die Wand geritzt hatte. Die Patrouillen kamen in festen Abständen von ungefähr einer halben Stunde; mehr als genug Zeit zum Handeln. Im Quartier von Dimulon Eisträumer brannte Licht. Sasuke konnte den Schein deutlich erkennen.
Einige Tage zuvor hatte er das Haus bei Helligkeit inspiziert. Der Leitspruch des Kaiserhauses war mit Blut verschmiert und Köpfe von Arashi, die sich der Invasion entgegen gesetzt hatten, waren darüber aufgespießt als Zeichen des Triumphs der Besatzer oder als Warnung; vielleicht auch beides.
Still und ruhig verharrte Sasuke und wartete darauf, dass die Lichter in Eisträumers Gemächern gelöscht wurden. Noch zwei weitere Patrouillen würde er abwarten und dann zur Tat schreiten – so oder so. Die Kälte kroch ihm mittlerweile die Beine hinauf, doch er ignorierte es und stand weiter regungslos und still an der Hauswand. Hinter ihm knackte es. Blitzschnell fuhr Sasukes Hand an das Heft seines Schwerts, doch bevor er die Waffe ziehen und sich umdrehen konnte, spürte er schon kalten Stahl an seiner Kehle. Eine Hand packte den Stoff seines Umhangs am Rücken und schob ihn vorwärts, ohne die Klinge von seinem Hals zu nehmen. Sasuke blieb ganz ruhig. Er unterdrückte den Schluckreiz, denn er fürchtete, diese Bewegung könnte die Waffe bereits in sein Fleisch eindringen lassen. Vorsichtig schielte er nach unten. Die Hand war nackt und schneeweiß; ein Frostalb. Als sie die Hauptstraße erreichten, konnte Sasuke das Hauptquartier sehen und auch die hellerleuchteten Öffnungen des oberen Stockwerks. Durch das Licht im Rücken war er nicht viel mehr als eine Silhouette, doch es gab keinen Zweifel, wer es war. Dimulon Eisträumer hatte ihn erwartet.

Der Alb führte Sasuke durch das Tor des Gebäudes in den Innenhof. Rings herum standen frostalbische Krieger, gerüstet und bereit. Niemand rührte sich. Es war totenstill, bis auf die dumpfen Schritte von Sasuke und seinem Begleiter, der seinerseits keine Rüstung trug, denn er bewegte sich vollkommen lautlos. Die Holztreppe, die auf die innere Galerie führte, knarzte unnatürlich laut inmitten dieser Friedhofstimmung. Eisträumer hatte ihm den Rücken zugewandt, als sie eintraten und Sasuke nutzte den Moment, sich einen Überblick über den Raum zu verschaffen. Auf dem stirnseitigen Bett kauerte eine nackte Frau, deren Wirbelsäule deutlich hervortrat. Ansonsten gab es nicht viel, keine Möbel, keine Teppiche, keine Vorhänge und keine Habseligkeiten. Die Dielen waren dunkel verfärbt. Blut. Hier waren Leute gestorben. Sasuke hob den Kopf und fand den starren Blick eisblauer Augen auf sich. Eisträumers Gesicht war weiß wie Schnee, ebenso sein Haar und selbst die Lippen waren bar jeglicher Farbe. Die strenge Linie seiner Augenbrauen und die unnatürlich kleinen Pupillen gaben ihm eine boshafte Erscheinung. Er vollführte eine schneidende Geste mit der Hand und die Klinge löste sich von Sasukes Hals. Der Arashi widerstand dem Drang, hinzufassen und zwang sich Eisträumers bohrendem Blick Stand zu halten. Dieser brach die Spannung schließlich und ging vom Fenster auf das Bett zu. Sasuke schielte zur Seite. Der andere Alb hatte neben der Tür Aufstellung genommen und starrte ohne zu blinzeln gerade aus. Ansonsten war niemand im Zimmer. Keine Leibgarde, keine Soldaten. Wie schnell konnte er sein Schwert ziehen? Oder den Dolch? Würde Eisträumers Kopf über den Boden rollen, ehe die Klinge des Alben an der Tür sein Herz von hinten durchbohrte? Der Hauptmann rieb seine Hände an einander und betrachtete Sasuke wieder. Er war barfuß, seine Kleidung auffallend einfach und von einer Waffe keine Spur. Die Minuten zogen sich und niemand sprach, niemand bewegte sich. Sasuke fragte sich, was der Befehlshaber My’shus bezweckte. Wieso hatte man ihm seine Waffen nicht abgenommen?

„Wie bist du entkommen?“ Beinahe zuckte Sasuke zusammen, als Eisträumers hohle Stimme urplötzlich die Stille durchschnitt.
„Ein alter Meister eilte mir zu Hilfe“, antwortete Sasuke wahrheitsgemäß und ruhig.
Das Gesicht des Frostalben blieb eine Maske. Ohne die geringste Regung griff er in das Bassin neben dem Bett und nahm einen Eispflock heraus. Seine langen, dünnen Finger fuhren liebevoll über die Oberfläche, dann wandte er sich zu der Frau um. Mühelos hob er sie hoch und setzte sie so ab, dass Sasuke ihr Gesicht sehen konnte. Seine Befürchtung bestätigte sich, als er in die entsetzlich leeren Augen der zweiten Prostituierten aus dem Kashmir blickte. Trauer zerriss ihm das Herz. Diese Frau war gebrochen, eine tote Hülle… seinetwegen. Die langen dünnen Finger des Frostalben strichen über ihr fahles Gesicht, hoben das Kinn leicht an und tasteten über den Hals. Mit der anderen Hand führte er den eisigen Pflock über ihre Wange, die Kontur des Kiefers entlang und hinab zu ihrem Herzen. Kein Tropfen Tauwasser löste sich von der Waffe, die dasselbe helle blau hatte, wie Eisträumers Augen. Ganz langsam klopfte er mit der Spitze auf die Brust der armen Seele, als ziele er für den finalen Stoß. Dann schien er es sich anderes zu überlegen, setzte sich neben die Frau auf das Bett und führte den Pflock ihren Bauch hinab und zwischen ihre Beine. Ein leises Wimmern entfuhr ihren zitternden Lippen, da eilte Sasuke nach vorne. Er kam nicht weit. Binnen Sekunden hatte der Wächter ihn eingeholt und presste ihm erneut die Klinge an die Kehle. Ein diabolisches Grinsen breitete sich auf Eisträumers Gesicht aus. Er wollte, dass Sasuke zusah.
„Schluss damit“, presste der Arashi hervor. „Was wollt Ihr wissen?“
„Einfach alles.“
Eisträumer ließ von der Frau ab und fixierte ihn erneut eindringlich und hart. Auf ein knappes Nicken hin, löste sein Diener die Klinge wieder von Sasukes Hals, blieb aber unmittelbar hinter ihm stehen. Darauf hatte der Arashi gehofft. In einer fließenden Bewegung drehte er sich um, zog sein Schwert und durchstach dem Mann das Herz. Er wartete nicht, bis er auf dem Boden aufschlug. Behände sprang er nach vorne, um auch den Oberst niederzustrecken, das Schwert über dem Kopf erhoben für einen tödlichen Schwinger… und knallte gegen festen Widerstand. Die Wucht seines eigenen Schlags schleuderte Sasuke zurück auf den Boden. Irritiert blickte er Eisträumer an. Nichts. Sein Hals war entblößt wie zuvor, er hatte sich kein Stück bewegt und starrte den Arashi noch immer an, sein Blick tödlich. Das Rascheln von Kleidung ließ Sasuke herum fahren. Der Wächter war wieder aufgestanden. Ein Stöhnen entfuhr dem Arashi. Endlich verstand er und schalt sich innerlich für seine Dummheit. Wie hatte er das in seinen Nachforschungen übersehen können? Wie hatte er diese Möglichkeit komplett außen vor lassen können? Dimulon Eisträumer war ein Nekromant.
Ein schwacher Körper schwächt die Seele

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